Das musivische Pflaster

Am Westrand des Tapis zwischen den beiden Säulen erkennen wir ein Schachbrett artiges Muster aus schwarzen und weißen Quadraten, das musivische Pflaster. Es wird auf den meisten Arbeitsteppichen der Freimaurerei verwendet Das Wort musivisch dürfte aus dem Griechischen kommen und mit Mosaik verwandt sein. Beide leiten sich von „mouseion“ – zu den Musen gehörig, wovon auch unser Wort Museum stammt. In der Antike waren die Musen Schutzgöttinnen der Künste und Wissenschaften. Im Lateinischen bezeichnet ein opus musivum das, was wir heute ein Mosaik nennen.

 

Das musivische Pflaster ist schon lange Bestandteil der spekulativen maurerischen Symbolik. Im Katechismus der Strikten Observanz von 1764 heißt es auf die Frage, welches sind die Zierraten: der flammende Stern, das musivische Pflaster und die verzierte Einfassung (Imhof, Kleine Werklehre der Freimaurerei). Nach alter Maurertradition war der Salomonische Tempel mit schwarzen und weißen Fliesen gepflastert. Davon ist in der Bibel selbst nichts zu lesen, im Talmud wird jedoch davon berichtet. Eine andere Tradition leitet das musivische Pflaster vom Steinmetzgrund her. Unsere Brüder Werkmaurer hatten Hallen und später die Dachböden der Kathedralen, deren Fussböden sie mit Gips bestrichen, in den sie ein regelmäßiges Raster aus auf einer Ecke stehenden Quadraten ritzten. In diesem Steinmetzgrund entwarfen sie ihre Baurisse, sei es maßstäblich oder eins zu eins.

 

Gleich ob sich das musivische Pflaster vom Fußboden des Salomonischen Tempels oder vom Steinmetzgrund herleitet, es hat an sehr zentraler Stelle – nämlich auf dem Tapis – Eingang in die Symbolik der spekulativen Maurerei gefunden. Das musivische Pflaster stellt die Welt des sinnlich wahrnehmbaren dar und symbolisiert damit den Boden auf dem wir stehen. Es will uns auf die Ordnung von Hell und Dunkel, Licht und Schatten im Makro- wie im Mikrokosmos hinweisen. Das musivische Pflaster ist Sinnbild unseres täglichen Lebens in seiner Polarität. Kommen und Gehen, Freude und Schmerz kennzeichnen im ständigen Wechsel das Leben.

 

Schwarze und weiße Fliesen in regelmäßiger Abfolge weisen mit ihrem Muster auf das dualistische Gesetz der Gegensätzlichkeiten alles Seienden und ihrer möglichen Versöhnung in der Harmonie hin. Die dualistischen Paare sind in der Einheit des Gegensatzes aneinander gekoppelt und ohne ihren Gegensatz nicht einmal erfassbar.

 

Weiße oder schwarze Fliesen allein machen noch kein musivisches Pflaster, es braucht beide. Erst die vielfache Verschiedenheit ergibt ein gemeinsames, größeres, neues Ganzes, das musivische Pflaster ein Symbol für Toleranz.

 

In den Reisen anlässlich unserer Aufnahme umkreisen wir das musivische Pflaster dreimal, jedes Mal jedoch geht unser Weg am strahlenden Osten vorbei und wir finden uns im Westen wieder, von dem wir ausgegangen sind. Erst, wenn wir unser Licht und Dunkel, unsere Fehler und Schwächen, den Schatten in uns integrieren, können wir geradewegs das Licht aufsuchen. Diese Überschreitung unserer selbst ist die Voraussetzung zum Eintritt in die Halle des Tempels, wo wir die Werkzeuge (Weisheit – Stärke – Schönheit, Selbsterkenntnis – Selbstbeherrschung – Selbstveredlung) finden, derer wir zu unserer Vervollkommnung bedürfen.

 

Der Schurz

Ein Steinmetz trägt bei seiner Arbeit Schutzkleidung. Klassischerweise besteht diese Schutzkleidung aus einem Schurz, einer Schürze, aus schwerem Stoff, Leder oder Tierhaut. Der Schurz soll den Körper beim Behauen des rauen Steins vor Verletzungen durch Splitter schützen und gleichzeitig die Kleidung vor Schmutz und Zerstörung bewahren. Damit ist der Schurz das Sinnbild der Arbeit. Ein Br... FM spricht von seinem Werkzeug und meint damit Schurz, Bijoux und Handschuhe.

 

Der Schurz wurde direkt aus der Werkmaurerei, der operativen Maurerei, in die spekulative Maurerei übernommen. Doch wozu braucht ein Br... FM unserer, der bei der Logenarbeit keine physische Tätigkeit mehr ausübt, einen Schurz? Diese Frage wird in einer Instruktion aus dem 19. Jahrhundert so beantwortet, …der Schurz erinnert daran, dass jeder Mensch, ob arm oder reich, zur Arbeit nicht verdammt sondern bestimmt ist; eine Arbeit, durch welche er seine eigene Entwicklung und seine Möglichkeiten zu seinem eigenen Vorteil weiterentwickelt. Weiters erinnert der Schurz daran, dass der Mensch ein aktives Leben führen muss, um sich nicht physisch und moralisch zu verschlechtern.[1] Der Schurz ist ein starkes Symbol für aktives Leben eines (werk)tätigen Menschen. Darum ist das Tragen des Schurzes unabdingbare Voraussetzung für die Teilnahme an der rituellen Arbeit.

 

In den Johannislogen Europas kann der Grad seines Trägers am Schurz abgelesen werden. In den USA dagegen tragen oft nur die BB eigene Schurze, alle übrigen Brr... einheitlich weiße[2]. In Europa sind sie meist weiß mit blauer Einfassung, auf dem Meisterschurz finden wir oft 3 Bandrosen. In manchen Systemen sind die Schurze von Lehrling und Geselle gleich. Allerdings trägt der Lehrling den Schurz mit hochgeklappter Klappe. Symbolisch trägt der Lehrling die Klappe vor dem Solar Plexus und schützt sich und sein Werk so vor zu viel Subjektivität und Affekt. Der Geselle, der seinen Stein behauen hat, braucht diesen Schutz nicht mehr; die umgeschlagene Klappe bezeugt seinen Fortschritt. Er ist auf der Suche nach der rechten Mitte.

 

Daneben existieren eine ganze Reihe von Schurzen und Ehrenschurzen, einer prächtiger als der andere. Großmeister tragen besondere Schurze aber auch Alt- und Ehrenmeister. In früherer Zeit gab es Schurze, die mit Symbolen bestickt oder bedruckt waren. Berühmt ist der Schurz von Br... Voltaire, der von der Sr... Lafayette für ihn gestickt wurde.

 

In unserer Tradition erhalten die LL während ihrer Aufnahme den rein weißen Lehrlingsschurz als Zeichen des Neuanfangs und ihrer Unschuld. Der VM überreicht ihn mit dem Zitat aus einem alten englischen Ritual: Er [der Schurz] ist das Zeichen der Unschuld, älter als das Goldene Vlies und der Römische Adler, ehrenvoller als Sterne und Hosenbandorden oder irgendein anderer Orden unter der Sonne, den ihr jetzt oder künftig erhalten könnt.

 

[1] Cours pratique de franc-maçonnerie, applicable à tous les Rites et particulièrement aux Rites Français et Écossais, grade d’apprenti. Paris, Isis Montyon, 1866

[2] Lennhoff E., Posner O., Binder D.; Internationales Freimaurerlexikon, Herbig, München 2000

Die Alten Pflichten – die Konstitutionen von Anderson

Die Anderson’sche Konstitution von 1723 kann als ein Versuch verstanden werden, eine Synthese zwischen den initiatorischen Traditionen der Antike, Legenden der Bibel, der Soziologie Europas, des Occident, der Philosophie des 18. Jahrhunderts und den Pflichten des Menschen in der Welt herzustellen. Der Dissenterpfarrer James Anderson verfasste the Constitutions oft he Free-Masons containing History, Charges, Regulations, & c. of that most Ancient and Right Worshipful Fraternity im Auftrag des Herzogs von Montagu, der in einer Versammlung der Großloge von London und Westminster sein Missfallen an den alten, gotischen, Konstitutionen geäußert habe.[1]

 

Die erste Auflage der Anderson’schen Konstitutionen ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Der erste Abschnitt beschäftigt sich im Sinn einer mythischen Chronik ausführlich mit der Geschichte der FMei. Der zweite Abschnitt ist die Konstitution der neuen Großloge, darin werden zum einen die Pflichten eines Maurers und zum anderen die generelle Regel des Ordens angeführt. Der dritte Abschnitt bringt eine Reihe alter Maurerlieder.

 

Im ersten Abschnitt zeichnet Anderson die mythische Geschichte der Freimaurerei, beginnend mit Adam, der die Geometrie seinen Söhnen lehrte. Von Adam geht Anderson über Noah, die Ägypter und Griechen bis zu den Römern und letztlich zu den (Anglo)Sachsen. Damit will er eine ungebrochene Tradition von den Anfängen der Menschheit bis zur Vereinigung der 4 Logen zur ersten Großloge 1717 zeichnen.

 

Den konstitutionellen Abschnitt gliedert Anderson in folgende Kapitel

  1. Von Gott und der Religion.
  2. Von der obersten und den nachgeordneten staatlichen Behörden.

III. Von den Logen.

  1. Von Meistern, Aufsehern, Gesellen und Lehrlingen.
  2. Von der Leitung der Bruderschaft bei der Arbeit.
  3. Vom Betragen, nämlich:
  4. in geöffneter Loge;
  5. nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind;
  6. wenn Brüder ohne Profane zusammenkommen, aber nicht in der Loge;
  7. in Gegenwart von Profanen;
  8. daheim und in der Nachbarschaft;
  9. gegenüber einem unbekannten Bruder

 

In der Neuauflage von 1738 erweitert Anderson den historischen Abschnitt. Damit versucht er die Universalität der Freimauerei deutlicher zu machen.  Er bezieht sich auf Noah und die Noachiten, die Nachkommen der Söhne Noahs. Die Menschheit ist aus der Sintflut gerettet und erneuert. Das neue Gesetz, der neue Bund gilt für alle Söhne Noahs und damit für Semiten, Afrikaner und Indoeuropäer, also für die gesamte Menschheit. So verliert die FMei ihren ausdrücklich christlichen Charakter, wie sie ihn in den originalen, den mittelalterlichen Alten Pflichten hatte und öffnet sich so ausdrücklich für Juden und Muslime. Diese Version der natürlichen Religion verlangt von allen ihren Mitgliedern nicht mehr als ein guter, ehrlicher Mensch zu sein, ein Mann von Aufrichtigkeit und Ehre und fragt nicht nach Name, Herkunft oder Konfession.

 

Die Anderson’schen Konstitutionen gelten in der Welt FMei als unverrückbar. Ob allerdings die Buchstaben und Worte oder der Sinn der Konstitutionen unverrückbar sind, oder ob die gesellschaftliche Entwicklung bei der Interpretation der Anderson’schen Konstitutionen eine Rolle spielt, darüber herrscht in der Welt der FMei keine Einigkeit. Deutlich wird diese Spannung an der Frauenfrage. Im 18. Jahrhundert war die Rolle der Frau eine andere, als sie es heute ist. Die Maurerei der englischen Tradition hält am Wort „man“ fest und verbietet daher die Aufnahme von Frauen, die liberalen Logen interpretieren im Sinne der heutigen Zeit „man“ als Mensch und weihen Frauen ein. Auch ob es heute, fast 300 Jahre nach der Erstveröffentlichung eine Erweiterung – Neue Pflichten – braucht bleibt offen. In jedem Fall sind die Anderson’schen Konstitutionen auch nach beinahe 300 Jahren die Grundlage der spekulativen FMei.

[1] Lennhoff E., Posner O., Binder D., internationales Freimaurerlexikon, Herbig, München 2000

Symbole der Wandlung, hermetische Symbolik in der Freimaurerei

Esoterik versucht die Wahrheit über Wesen und Schicksal von Mensch und Kosmos aus möglichst alten Quellen zu schöpfen; sie steht mit ihrer Methode des Wissensgewinns aus der Tradition in deutlichem Gegensatz zum Prinzip des Selbstdenkens. Mit Vernunft ist Fragen der Transzendenz nicht beizukommen; im Gegenteil, der Mensch übersteigt sein Erkenntnisvermögen, wenn er mit Hilfe der Vernunft versucht, Antworten mit Wahrheitsgehalt auf Fragen der Transzendenz zu geben. (Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft). Der Esoteriker zieht nicht die Grenze des modernen Wissenschaftlers zwischen Rationalem und Irrationalem. Für den Esoteriker wird es gerade erst dann besonders interessant, wenn es um Fragen der Transzendenz, Gottes oder der Engel geht.

 

Esoterik scheint eine Denkform (Faivre Antoine, Que sais je? L’èsotèrisme 2. Auflage Paris 1993: nous appelons l’èsotèrisme en occident moderne une forme de pensée) oder ein Weltbild (Needleman Jacob) im Umfeld der Religionen zu sein. Auch wenn ihr Dogmen, geoffenbarte Bücher und eine Organisationsstruktur, wie sie die Hochreligionen besitzen, fehlt, so handelt es doch nicht um eine sogenannt primitive, archaische Glaubensform, wie sie die Religionsanthropologie untersucht.

 

Der Begriff „Esoterik“ ist in unserer Alltagssprache negativ besetzt und wird oft und gerne mit dem fragwürdigen Esoterikmarkt oder zwielichtigen Sekten in Zusammenhang gebracht. Magie, Astrologie, Hermetik, Alchemie oder auch Kabbala und Theosophie werden unter dem Oberbegriff Esoterik zusammengefasst, Synonym ist auch Hermetik.

 

Esoterik ist ein bestimmendes Moment des westlichen Kulturraums der Neuzeit. In der Renaissance, im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, fügen sich die drei traditionellen Wissenschaften zum Kernbestand des esoterischen Corpus der frühen Neuzeit zusammen. Die drei Hauptströmungen werden durch „Gründertexte“ ergänzt, das Corpus hermeticum, die jüdische Kabbala, die Philosophia perennis des Agostino Steuco (1540), die Naturphilosophie des Paracelsus, die Theosophie des Jacob Böhme, die Schriften der Rosenkreuzer. Mögen auch die einzelnen Teile erst nach und nach entstanden sein, so sind sie dennoch kohärent, weil ihnen allen ein gleiches Denkmuster zu Grunde liegt; dieses Denkmuster ist ausschlaggebend für die Qualifizierung eines Weltbildes oder eines Textes als esoterisch. Diese vier wesentlichen Komponenten der Esoterik als Denkform sind die „Entsprechungen“, die „Vorstellung von der lebenden Natur“, die „Imagination“ und die „Erfahrung der Transmutation“. Allen vier Komponenten liegt die in der Renaissance intensiv rezipierte Vorstellung von der „Emanation des Göttlichen in die Welt“ und der so entstehenden „Kette der Wesen“ zu Grunde.

 

Das Denken von den Entsprechungen findet seinen bekanntesten Ausdruck in der Lehre vom Makro- und Mikrokosmos, wie oben so unten, was in der Tabula Smaragdina so ausgedrückt wird: Dasjenige, welches Unten ist, ist gleich demjenigen, welches Oben ist. Und dasjenige, welches Oben ist, ist gleich demjenigen, welches Unten ist, um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges. Die Vorstellung von der lebenden Natur betont den inneren Zusammenhang zwischen allem Geschaffenen. Die Natur ist von einem Licht oder Feuer beseelt und durchflossen. Das esoterische Erkenntnisprinzip ist die Imagination. Mit ihrer Hilfe kann die Natur entziffert werden, und der Esoteriker erhält Gnosis im Sinne höheren Wissens. Unsichtbares, zu dem das physische Auge keinen Zugang hat, kann sichtbar gemacht werden. Transmutation bedeutet die praktische Umsetzung esoterischer Erkenntnisse. Über den naturbezogenen Aspekt hinaus geht es um jede Art substantieller Metamorphose. Das Ziel ist die „zweite Geburt“, der Übergang eines Wesens aus einem niederen Zustand in einen höheren.

 

Im Canon der esoterischen Schriften kommt der Hermetik aus der Sicht der frühneuzeitlichen Rezeption als angeblich älteste Schrift eine herausgehobene Stellung zu. Marsilio Ficino gibt das griechische Manuskript des Corpus hermeticum 1471 erstmals in lateinischer Sprache heraus. Im Vorwort zu dieser Ausgabe schriebt Ficino den Stellenwert des Corpus hermeticum als die älteste vorchristliche Quelle der Theologie, der prisca theologia fest, ihr Autor ist Hermes Trismegistos. Er führt eine Traditionskette mit sechs Namen von Hermes Trismegistos, über Orpheus, Aglaophemus, Pythagoras, Philolaos bis Platon an. Mit dieser Kette beginnt die esoterische Traditionskette der Neuzeit, was schließlich in der philosophia perennis zusammengefasst wird.

 

Interessant ist, dass diese Art zu denken, sich bis ins 18. Jahrhundert, das Zeitalter der Aufklärung erhält und sogar noch erweitert wird, z.B. in den theosophischen Schriften des Jakob Böhme. Für die Esoteriker genauso wie für die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts geht es gleichermaßen darum, den Schlüssel zu höherem Wissen und zu höchster Machtentfaltung zu finden. Ob das neue Jerusalem aus der Vernunft hervorgehe oder aus einem alchemistischen Neuschöpfungsprozess, ob sich die Entwürfe dieser utopischen himmlischen Stadt in einer säkularisierten oder theosophischen Form präsentieren, das Ziel bleibt gleich, nämlich diese Stadt zu errichten.

 

Die Aufklärung war ein schillerndes, in vielem unentschiedenes, nach vielen Seiten offenes Phänomen, von dem man ein „Gegenteil“ erst bestimmen könnte, wenn ein „Original“ vorläge. (Neugebauer-Wölk Monika, die Geheimnisse der Maurer: Plädoyer für die Akzeptanz des Esoterischen in der historischen Aufklärungsforschung, in QC-Jahrbuch 39/2002). Wir im deutschen Sprachraum verstehen unter Aufklärung heute meist die paradigmatische Definition, wie sie Kant 1784 in seiner Schrift, in Beantwortung der Frage, was ist Aufklärung, definiert hat: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Aufklärung bedeutet auch der wissenschaftlichen Revolution Vorschub zu leisten. Dies geschah in besonders eindrucksvoller Weise – vor allem was wiederum die Demokratisierung des Wissens betrifft – in der Schaffung der Encyclopédie Française, an deren Entstehung Freimaurer maßgeblich beteiligt waren. Entsprechend den konditionierten gesellschaftlichen Reflexen der Epoche wird die Encyclopédie stellvertretend für Freimaurerei, Aufklärerei und sonstiges Ketzertum auf den Index gesetzt. Es ist demnach auch im Sinne des Freimaurers, durch Wissenschaft und gesellschaftlichen Wandel einen Menschentyp heranreifen zu lassen, der nicht den Kadinaluntugenden des Katholizismus anheimfällt. In der Sprache der Freimaurer des 18. Jahrhunderts hatten die Hindernisse, die das Licht des Wissens störten und blockierten, einen dreifachen Namen: Aberglaube, Irrtum, Unwissenheit (Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, 2 Bände, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1983).

 

Da mag es uns befremden, dass der Illuminat Freiherr von Knigge sich für die Rosenkreuzer, der Erzaufklärer Theologe und Mitbegründer der historisch – kritischen Bibelwissenschaft Johann Salomo Semler (1725 – 1791) sich für hermetische Naturmystik, Lessing sich für den Alchemisten Johann Konrad Dippel (1673 – 1734) interessiert und Newton alchemistische Bücher nicht nur besitzt sondern auch eifrig studiert, um irgendwann einmal selbst ein solches Werk zu schreiben. In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, dass Kants berühmte Definition des eigenständigen, unabhängigen Denkens am Ende der Epoche der Aufklärung steht und daher das Ergebnis der Entwicklung ist und nicht die Entwicklung selbst. Kants Verständnis des Denkens ist Grundlage des Denkens der Moderne und weniger des Denkens des 18. Jahrhunderts.

 

In der Aufklärung ist das hermetische Gedankengut gewisser Maßen einem Reinigungsprozess unterworfen. Die konkret gedachte Geisterwelt der Hermetik wird zu spirituellen Naturkräften umgedeutet. Vom hermetischen Grundansatz bleiben die Denkmöglichkeit eines Ineinander von Geist und Materie und der Glaube an die Polarität der Kräfte in der Natur.

 

Und wo bleibt das Geheimnis der Esoterik, wo das geheime Wissen? Da sind wir erst recht wieder im 18. Jahrhundert. Gerade das 18. Jahrhundert ist eine Zeit der Gründungen von Geheimbünden und arkanen Gesellschaften, eine davon ist die Freimaurerei. Sinn der Geheimhaltung ist der Schutz der Inhalte; der Geheimbund ist die Form, in der Neues wachsen kann. Das 18. Jahrhundert ist die Zeit, in der sich die Bürger vom Absolutismus ihres Herrschers emanzipieren, es ist die Zeit der Entstehung bürgerlicher Öffentlichkeit. Das Gegensatzpaar Absolutismus – Bürgertum wird zur Ursache des esoterischen Zusammenschlusses. Die esoterischen Bünde sind eine wichtige Organisationsform auf Weg des Bürgertums zur führenden gesellschaftlichen Kraft.

 

Gibt es also einen Widerspruch zwischen Aufklärung und Esoterik? Das Analogieprinzip wird im Denken der Aufklärer nahezu ungebrochen tradiert. Das Konzept von der Kette der Wesen, der überquellenden Emanation des Göttlichen in die Welt ist Bestandteil des aufgeklärten Weltbilds. Genauso ist die Vorstellung von der lebenden Natur vorhanden; der Reinigungsprozess durch die Weltweisheit, die philosophische Abstraktion, tritt in den Vordergrund. Imagination, die mystische Erkenntniskraft tritt gegenüber der von Vernunft gesteuerten Deduktion in den Hintergrund. Die Annahme einer visionären Wahrnehmungskraft konstituiert die Ritualpraxis der esoterischen Bünde. Das sinnliche Erleben der Initiation, die stufenweise Erkenntnis durch intuitive Erleuchtung ist gerade das, was die Geheimbünde zusätzlich zur vernünftigen Wissensvermittlung anbieten. Das Erlebnis der Transmutation steht nach wie vor im naturwissenschaftlichen wie utopischen Bezugsraum, und die Transmutation findet sich in den Ritualen der Geheimbünde wieder.

 

Damit brauchen wir uns in der Tat nicht zu wundern, wenn wir in unseren Ritualen neben streng rationalen Aspekten und Gedanken unvermittelt esoterisch – hermetische Elemente finden, denn die Freimaurerei ist genau in dieser Zeit in diesem Spannungsfeld entstanden. Der Großteil der existierenden Symbole der Freimaurer ist nicht originär aus ihrem Bund hervorgegangen, sondern hat tieferreichende Wurzeln. Eine wesentliche Quelle maurerischer Symbole liegt eben in der Tradition der Alchemie.

 

Freilich kann ein solcher Ansatz nicht restlos mit der grundsätzlich aufklärerischen Position vereint werden. Daher ist die Spannung dieser gegensätzlichen Aspekte in der Freimaurerei ubiquitär. Gleichzeitig ist bezüglich der Symbolauffassung die Problematik der hermetisch-holistischen Auffassung mitzudenken, dass auf metaphysische Ideen des Platonismus rekurriert wird, die keiner restlosen Klärung zugeführt werden können. Somit fällt die Ausdeutung im esoterischen Bereich einer gewissen Willkür anheim. Aus dieser Zwienatur der Freimaurerei, Hermetik vs. Aufklärung, (Raoul Bertaux La Symbolique au Grade d’Apprenti, Editions Edimaf, Paris, 1986, Contraria sunt complementa … Niels Bohr redecouvrait le principe de complémentarité, principe qui pourtant est à la base de tout enseignement initiatique) scheint eine neue Allianz zu erwachsen, die historisch gesehen geradezu vorprogrammiert erscheint.

 

Die Freimaurerei organisierte sich in Logen und machte so von neuem das alte Ideal der Separation des Weisen vom Profanen, die geheime Überlieferung des Wahren, lebendig. Der Geheimbund ist zunächst vor allem bewusste Elitenbildung, verborgene Gemeinschaft der Erleuchteten, hermetische Kette der Weisen in Gegenwart und Vergangenheit.

 

Allerdings werden in der maurerischen Geschichtsschreibung die vielfachen Formen der FM in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Templergrade, die Illuminaten, die Gold- und Rosenkreuzer, die Asiatischen Brüder, der Rite rectifié als schwärmerische Verirrungen gegen den Geist des Rationalismus der Aufklärung abgetan. Nur die drei blauen Grade hätten das Licht der reinen Vernunft in sich und hätten nichts mit diesen Abwegen zu tun. Aber gerade die Johannisgrade, die am Anfang der Großlogengründung von 1717 stehen, sind sowohl durch die Ideen der Aufklärung als auch durch die hermetische Tradition inspiriert.

 

Hermetik, hermetische Philosophie, ist gleichbedeutend mit Alchemie. Ihr legendärer Begründer ist Hermes Trismegistos, Mercurius termaximus, der dreimal größte Hermes, über den die Tabula Smaragdina sagt: Und also bin ich genannt Hermes Trismegistos, der ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt. Was ich gesagt habe von dem Werk der Sonne, daran fehlet nichts. Es ist ganz vollkommen.

 

Die Alchemie war nicht nur – wie heute oft angenommen – die Vorläuferin der Chemie – Stichworte: Goldmacherei, Porzellan – sondern bis ins 18. Jahrhundert die akzeptierte Methode der Naturerkenntnis. Ihre Quellen sind in der ägyptischen Mysterientradition (alchemistisch wird daraus Sulfur = Seele), in der griechischen Philosophie (Merkur = Geist) und in den technisch metallurgischen Kenntnissen der Handwerker und Schmiede (Sal = Körper) zu finden. Die Alchemie geht allerdings bei der Betrachtung der Natur von anderen Denkansätzen aus, als wir es heute gewohnt sind. Sie beobachtet die Natur sehr genau und versucht Erklärungen zu finden, die mit den Vorstellungen von der Natur vereinbar sind. Experimente in unserem modernen Sinn kennt sie nicht. Warum steigt Rauch auf? Holz oder Kohle, dem Element Erde zugehörig, wird durch das Element Feuer in Rauch verwandelt, der zum Element Luft gehört; das Element Luft steigt auf.

 

Adorno und Horkheimer sprechen davon, dass die Natur durch Arbeit beherrscht werden soll, das ist der Ansatz der modernen Naturwissenschaften. Der Ansatz der Alchemie ist ein anderer. Die Hermetik versteht sich als eine Lehre der übergeordneten Naturgesetze. In ihr sind sowohl die Gesetze der Kausalität als besonders auch der Analogie zu finden. Sie bietet ein Erklärungsmodell für die Beziehungen der verschiedenen Dinge zueinander. Das Ziel ist die Vervollkommnung der Natur. Es sei Auftrag des Schöpfers an den Menschen die Schöpfung zu vervollkommnen. Dazu ist das magische Dirigieren und Beeinflussen von naturgegebenen Kräften notwendig, die genau so gesetzmäßig funktionieren wie unsere modernen Naturgesetze, jedoch in unserem naturwissenschaftlichen Denken keinen Platz haben. Das Ziel, unedle Metalle zu Gold zu veredeln, liegt nicht in dem hohen materiellen Wert des Goldes. Gold ist deswegen für den Alchemisten das vollkommenste Metall, weil es zu gleichen Teilen aus den drei Prinzipien Sal, Merkur und Sulfur besteht.

 

Heute teilt man die Alchemie üblicher Weise in drei verschiedene Bereiche ein, die im üblichen Sprachgebrauch vermischt werden.

 

Die Spagyrik, dieser Begriff wird zumeist Paracelsus zugeschrieben, für den er gleichbedeutend mit Alchemie war, wir finden ihn aber schon bei Plotin. Für Paracelsus ermöglicht die Alchemie das Eindringen in die innere Natur der Dinge und die Trennung ihrer geistigen Wesensmerkmale von der materiellen Schale. Zur Spagyrik gehört das Wissen um die Herstellung von Arzneimitteln. Für Paracelsus sind die Vorgänge im Körper auf den Archeus, den inneren Alchimisten, zurückzuführen. Chemisch synthetisierte (nicht aus Naturstoffen extrahierte) Arzneien werden zum Kennzeichen der Medizin des Paracelsus. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Metallen als Ausgangsstoff.

 

Die Archimie, damit wird jener Teil der Alchemie bezeichnet, der sich mit der Vervollkommnung der Metalle beschäftigt.

 

Die hermetische Philosophie die spirituelle Alchemie, ist eine Geheimwissenschaft, die nur vom Lehrer auf den Schüler – vom Meister an den Initianden – mündlich weitergegeben werden kann. Die hermetische Philosophie, die Überlieferung dessen, was als das Verborgenste nur durch Intuition meditativ zu erfahren ist, umschließt eine Theosophie, das Wissen über Gott, eine Mystik, das Wissen über das Geistige und eine Metaphysik, das Wissen über das sinnlich nicht-wahrnehmbare in der Natur.

 

Dieser Philosophie entsprechend, erstreckt sich das Arbeitsgebiet der Alchimie auf drei Bereiche. Es ist theologisch, wenn die Alchemie die unermessliche Größe des Schöpfers erkennen lehrt. Es ist geistig, wenn die Alchemie von der Selbsterkenntnis ausgehend zur psychischen Läuterung führt und die Herrschaft des Körpers und der sinnlichen Triebe durch diejenige der geistigen Prinzipien ersetzt. Es ist materiell, wenn die Alchemie den von der Natur eingeschlagenen Wegen folgend, es unternimmt, den armen und leidenden Mitmenschen zu helfen.

 

Spagyrik und Archimie sind vorwiegend exoterische Wissenschaften und in diesem Sinn Vorläufer unserer modernen Chemie. Die hermetische Philosophie ist rein esoterisch. Die Alchemie beruht auf der Annahme, dass Materie und Geist wie im Menschen so auch im Stoff eine Einheit, unus mundus, bilden. Dadurch wird auch die Analogie zwischen chemischer Operation und Veredelung des Menschen verständlich. C. G. Jung hat das in seinen Schriften wiederholt beschrieben. Nach C. G. Jung ist das, was der Alchemist im Kolben beobachten kann, nichts weiter als eine Projektion des Unbewussten. So wie bei längerem Betrachten im Spiegel sich das eigene Gesicht verändert, erscheinen im Kolben Farben und Symbole. Für C. G. Jung ist die Alchemie ein Individuationsprozess. Die Symbolwelt der Alchemie und deren Ähnlichkeit mit den Symbolen anderer Systeme, die durch Meditation eine Individuation erreichen wollen, ist Ausgangspunkt seiner Untersuchungen.

 

Unterschiedliche Bewertungen gibt es allerdings für die chemischen Ergebnisse. Für C. G. Jung sind die Laborergebnisse rein zufällig und nebensächlich. Die andere Interpretation meint, dass der Selbstfindungsprozess und die Laborarbeit nicht zu trennen seien. Der Erfolg im Labor zeige den Fortschritt der Individuation an, und ein Fortschritt bei der Individuation gehe mit Erfolg im Labor einher.

 

Die Methode der Alchemie, das Ziel, die Vollkommenheit – den Stein der Weisen -, zu er­reichen, ist verhältnismäßig einfach: solve et coagula, löse auf und füge zusammen. Der alchemistische Prozess wird in Anspielung auf das göttliche Schöpfungswerk großes Werk oder Opus magnum genannt. In ihm soll die chaotische Ausgangsmaterie – Materia prima -, in der sich die Gegensätze noch unvereint in heftigstem Widerstreit befinden allmählich in einen erlösten Zustand vollkommener Harmonie überführt werden; das ist der heilkräftige Stein der Weisen oder Lapis philosophorum. Dazu muss die Prima Materia einem sich immer wieder aufs Neue wiederholenden Destillationsprozess unterworfen werden. In der Freimaurerei: erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst.

 

So werden wir zu Beginn unserer Initiation in der Dunklen Kammer mit dem Symbol des Todes, der Vergänglichkeit konfrontiert. Der Suchende muss die Dunkle Kammer betreten, um seinem alten Leben zu sterben. Dieser symbolische Tod ist notwendig, um als Kind des Lichts neu geboren zu werden.

 

Diese Kammer ist vergleichbar mit dem „Athanor“, dem Brennofen des Alchemisten, in dem die Prima Materia durch intensive Hitze bearbeitet wird. Im Athanor geschieht die Calcinatio der Materie. Dort wird sie einer solchen Hitze ausgesetzt, dass jede Verunreinigung verbrennt.

 

Sich selbst überlassen, eingeschlossen im geheimen Laboratorium seiner eigenen Persönlichkeit, dem philosophischen Ei, wird der Suchende in der Dunklen Kammer zurückgelassen. In der Alchemie ist das philosophische Ei ein gläsernes Gefäß, das vas hermeticum, in dem der Stoff, die Prima Materia, der Adept, längere Zeit unter Einwirkung von Hitze im Athanor digeriert oder figeriert wird. Das Ei ist das hermetische Gefäß, in dem sich neues Leben entwickelt. Auch das philosophische Ei zeigt die drei Prinzipien: Sal = Schale, Merkur = Eiweiß, Sulfur = Dotter. Das Ziel ist die Wiederbelebung, die Regenerierung, die Wiederauferstehung des „wahren Menschen“ durch die Erkenntnis der in der Natur des Geistes verborgenen Potentialitäten. Die Prima materia legt den Akzent auf das (psychische) Material, in dem alles, das Ganze und das Eine, die schwer erreichbare Kostbarkeit, von Anbeginn enthalten ist. Diese Prima materia muss in ein Gefäß, in das philosophische Ei, das vas hermeticum eingeschlossen werden, damit die materia drinnen gekocht werden kann. In der „Turba Philosophorum“, einer arabischen Kompilation griechischer alchemistischer Traktate und Doktrinen, die ab dem 13. Jahrhundert in Europa weite Verbreitung findet, heißt es, die Kunst sei mit einem Ei vergleichbar, in dem vier Dinge verbunden sind. Seine äußere Schale sei die Erde, das Eiweiß das Wasser, das feine Häutchen, das der Schale anliegt, die Luft und das Eigelb das Feuer. Das fünfte Element oder die Quintessentia sei das junge Hühnchen, der neue Mensch, der durch Selbstreflexion auf sich selbst zurückgezogen reife.

 

Die Kräfte des Kandidaten schwinden dahin, die Zersetzung beginnt, das Subtile scheidet sich vom Groben. (Rektifizieren und Destillieren). Der Suchende muss sich zunächst nach „Innen“ wenden, um sich mit der Vergänglichkeit allen Irdischen auseinander zu setzen.

 

Auf dem Pult in der Dunklen Kammer findet der Suchende Sulfur, Merkur und Sal. Indem sich Merkur und Sulfur im Innersten der Erde vereinigen, entstehen nach alchemistischer Tradition die Metalle, die sich weiterentwickeln und so langsam zu Gold werden. Genauso soll der Suchende in der dunklen Kammer wiedergeboren werden und sich in einem Leben als Initiierter wandeln.

 

Der Sulfur ist als ein Bild der expansiven Kraft anzusehen, als individuelle Initiative, als Wille. Ihm steht wie die Frau dem Mann der Merkur gegenüber als das, was von außen dem Subjekt zugeht, oder als die Rezeptivität schlechthin. Diese beiden antagonistischen Kräfte gleichen sich im Sal, dem Prinzip der Kristallisation, aus. Sal bedeutet den unveränderlichen Teil des Wesens, der dort entsteht, wo die Kräfte des Sulfur und des Merkur aufeinander treffen. Der Sulfur steht für das innere Licht des Mikrokosmos, der Merkur dagegen für das äußere Licht des Makrokosmos, während der Sal den Bereich des intensivsten Lichts (des Großen Lichts) darstellt, in dem diese beiden widerstreitenden Kräfte zusammenkommen und kondensieren. In Abhängigkeit von dem symbolischen Zusammenhang werden Sulfur, Sal und Merkur wie folgt interpretiert:

Geist – Körper – Seele

Inneres – Mitte – Äußeres

Expansion – Ruhe – Kompression

These – Synthese – Antithese

Weisheit – Schönheit – Stärke

 

Im Lehrlingsgrad wird an der Reinigung des Sal zur Befreiung des Sulfur gearbeitet. Dem roten Sulfur entspricht die rote Säule J, bei der die Lehrlinge ihren Lohn enthalten. Der Sulfur steht für den Lichtfunken, der in jedem Menschen eingeschlossen ist, das innere Licht des Mikrokosmos. In der „Tabula Smaragdina“ heißt es: Und so wie alle Dinge aus dem Einen stammen, durch einen Gedanken des Einen, so sind alle Dinge aus dieser einen Ursache durch Anpassung entstanden. Er ist Teil der schöpferischen Kraft der Welt.

 

An der Wand der Dunklen Kammer begegnet dem Suchenden der geheimnisvolle Spruch: VITRIOL, Visita interiora Terrae Rectificando invenies Occultum Lapidem, besuche das Innere der Erde und durch Rektifizieren (durch wiederholte Destillation), wirst du den philosophischen Stein finden. Der Spruch mahnt zu saturnischer Selbsterkenntnis. Die Siebenzahl der Sublimationen – William Blake (1757-1827) spricht in diesem Zusammenhang von den sieben Brennöfen der Seele – war dem Saturn als siebentem Planeten im kosmologischen System zugeordnet. Jeder von uns trägt den Stein der Weisen in sich, und jeder muss in sich selbst zu suchen beginnen, um diesen Stein der Weisen zu finden.

 

Der Stein der Weisen ist völlig purifiziertes Sal, der den flüchtigen Merkur koaguliert, um ihn an dem flammenden Sulfur zu fixieren und aktiv werden zu lassen. In der alchemistischen Tradition besteht das große Werk aus drei Schritten, Purifizieren des Sal, Koagulieren des Merkur, Fixieren des Sulfur; erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst, der Weg vom Lehrling über den Gesellen zum Meister.

 

Blind, ohne Metalle, nicht nackt, noch bekleidet (die alchemistische Separatio), nur durch eine sichere Hand geführt, muss der Kandidat nun im Tempel mit der Prüfung durch die Elemente konfrontiert werden. Nackt, blind und ohne jegliche Waffe wird er stufenweise von der grobstofflichen Welt zu immer feinstofflicheren Elementen geführt. Beginnend mit der grobstofflichen Erde gelangt er durch Wasser, Feuer und Luft zum subtilen Geist.

 

Erst im zweiten Grad geht die wahre Feuerprobe vor sich. Der feurige Sulfur muss aus­gearbeitet – oder richtiger ausgesandt -, zum Wirken gebracht werden. Das Feld der Tätigkeit des Gesellen bemisst sich gleichsam nach der Ausdehnung oder Tragweite seiner sulfurischen Strahlung. Dabei tritt der Geselle mit der Welt in eine Beziehung von solch erhöhter Wirksamkeit, dass das intellektuelle Erfassen (welches dem Merkur-Prinzip entspricht) davon eine neue Erleuchtung (flammender Stern) erfährt und eine Verbindung des zuerst bloß individuellen Willens mit dem der Kollektivität anbahnt.

 

Der Flammende Stern mit dem Buchstaben G in der Mitte ist ein weiteres hermetisches Symbol. Er symbolisiert die Beherrschung der vier Elemente durch den Geist. Mit diesem Zeichen nützt der Geselle die Kräfte der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde. Damit ist das Pentagramm, der Flammende Stern, ein Zeichen der Allmacht und der Selbstbeherrschung. Das Pentagramm vollkommen zu verstehen, heißt den Schlüssel zu den zwei Welten zu besitzen. Alle Mysterien der Magie, alle Symbole der Gnostik, alle Diagramme des Okkultismus, alle kabbalistischen Schlüssel der Prophezeiung sind in dem Zeichen des Pentagramms zusammengefasst, von dem Paracelsus verkündet, dass es von allen das größte und mächtigste sei. (Eliphas Lévi, transzedentale Magie)

 

Das Pentagramm symbolisiert den Mikrokosmos und die Quinta Essentia und ist gleichzeitig das Zeichen des Menschen und der Menschenliebe, welche den Mittelpunkt des Mikrokosmos (des geistigen Universums) bildet. Im Ritual der GL zur Sonne heißt es: Wir sehen in ihm (dem Flammenden Stern) nicht allein das Bild der Brüder- und der Menschenliebe, sondern vorzüglich das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens, des Wahrheit suchenden und erkennenden Geistes. Das ist der Stern, der auch im Dunkeln leuchtet, mit dessen Hilfe der Mensch sich zurechtfinden kann. Gott hat dem Menschen die Denkkraft als Leitstern seines Lebens mitgegeben.

 

Nach Oswald Wirth stellt der Buchstabe G in Mitten des Flammenden Sterns das alchemistische Zeichen für Sal dar, bei dem allerdings der umschließende Kreis nicht gänzlich geschlossen ist. Damit weist der Flammende Stern über den Gesellengrad hinaus und zeigt nicht nur das Ziel sondern auch den Weg, den der Geselle gehen muss, um die wahre Meisterschaft zu erreichen.

 

In den Reisen der Beförderung sendet der MvSt den Gesellen auf einen Weg, der erst in der Mittleren Kammer sein Ende finden wird (…und nähert sich dem Meister). Dieser Weg geschieht in fünf Schritten, wobei jeder dieser Schritte unter dem Zeichen einer Farbe und damit nach der alten Lehre der Alchemisten unter dem Zeichen eines Planeten steht. Der erste Schritt steht unter dem Zeichen der Farbe Schwarz und damit des Saturns. Es ist die Reinigung durch das Element Erde. Der Neophyt soll den Dingen auf den Grund gehen, ohne von ihrem Äußeren abgelenkt zu werden. Im zweiten Schritt, blau, Jupiter, wird das Element Luft beschworen, das die einem Schwert gleiche Schärfe des Geistes freilegen soll. Der dritte Schritt ist grün, Farbe der Venus. Durch das Element Wasser soll in diesem Schritt der Spiegel des Geistes so gereinigt werden, dass der Kandidat gerecht denkt. Zu Ehren des Mars ist der vierte Schritt rot, Symbol für die Reinigung durch das Feuer oder das Wachsen der inneren Wärme. Der fünfte Schritt ist durchscheinend und farblos – Merkur. Der Adept kann seinen Weg erst nach sorgfältiger Reinigung durch die vier Elemente ausführen, die zur Quintessentia zusammengeführt worden sind. In diesem Stadium riskiert der Initiierte nicht mehr von der blendenden Helligkeit der Sonne hingerissen, noch von dem zarten Licht des Mondes verführt zu werden, denn vor ihm liegt nur noch die Tiefe der absoluten Finsternis. Während seine Blicke das Dunkel zu durchdringen versuchen, erscheint plötzlich ein schwaches Licht. Anfangs nur ein Schimmer, so wächst es doch schnell und erreicht schließlich eine solche Helligkeit, dass das Dunkel verschwindet. In diesem Moment formt sich dieser geheimnisvolle Stern zu einem Pentagramm mit Feuerzungen, in dessen Mitte der Adept den Buchstaben G erkennt.

 

Sobald der rohe Stein behauen und geglättet ist, haben wir nicht mehr nach innen, sondern auch nach außen zu arbeiten. Was wir so schaffend ausrichten würden, wäre unbedeutend, wenn wir nicht das Geheimnis wüssten, Kraft von einer Kraft zu leihen, die (scheinbar) außerhalb unserer liegt. Diese Kraft schöpft der Geselle an der Säule B. Damit findet wieder eine Zirkulation statt, indem der Individualwille magnetartig den göttlichen Willen herab zu holen sucht, immer wieder niederfällt, abermals emporsteigt, bis beide im „Philosophischen Feuer“ zusammenkommen. (Rektifizieren) Es ist der Kreislauf, von dem man in der Tabula Smaragdina liest, es steiget von der Erden gen Himmel, und wiederum herunter zur Erden, und empfanget die Kraft der oberen und der unteren Dinge.

 

Das unverbrennliche Wesen, das aus der Feuerprobe hervorgeht, ist der Phönix (ein von Alchemisten viel gebrauchtes Bild). Der Geselle hat die Aufgabe, sich in den Phönix zu verwandeln. Sein Handeln muss von der Intelligenz geleitet werden, Aktivität und Rezeptivität müssen einander ergänzen. Darum hat der Geselle beide Säulen vollständig zu kennen. Damit wird er zur androgynen Materie Rebis.

 

Der Adept kann den Rebis nur erreichen, wenn er seine widerstreitenden Triebe beherrscht. Alle niedrigen und brutalen Instinkte müssen bezwungen sein, bevor er das himmlische Feuer auf sich ziehen und in sich selbst auflösen darf. Dann erst ist der Initiand wahrer Mensch, und der Flammende Stern wird zum Zeichen des Menschen, der seine Instinkte und Triebe überwunden hat, dessen Sein von Tun von seinem souveränen Willen geleitet wird.

 

Der Lapis Philosophorum, der Rebis, erlaubt die Transmutation unedler Metalle in reines Gold. Mit anderen Worten dient die Alchemie damit dem inneren Prozess der Wandlung. Das saturnalische Blei symbolisiert als Prima Materia den Menschen mit allen seinen Unvollkommenheiten. Das goldgewordene Blei symbolisiert den Menschen in einem veredelten Zustand. Das alchemistische Symbol für Gold ist die Sonne, in der FM rauer und behauener Stein. Der Freimaurer geht vom Symbol des unbehauenen Steines aus. Die Königliche Kunst besteht darin, dieses Rohmaterial zum brauchbaren Eckstein zu behauen (Rektifizieren), so dass der Tempel der Humanität aufgerichtet werden kann.

 

Der Alchemist, der Hermetiker, geht von der unedlen Prima Materia aus. Er arbeitet an der Umwandlung dieser Materie in Gold. Das Ziel der Hermetischen Kunst und auch der FM sind die Wiederbelebung, die Regenerierung, die Wiederauferstehung des wahren Menschen durch die Erkenntnis der in der Natur des Geistes verborgenen Potentialitäten Die Seele ist als Lichtkeim im Kerker des Körpers eingeschlossen. Ziel des Opus Magnum, des Grossen Werkes ist es, diesen Keim zu befreien.

 

Im Meistergrad wird das Große Werk durch Königsmord, Verwesung und Wiederauferstehung symbolisch dargestellt. Das alte Meisterwort – das „Zentralfeuer“ (angeblich Jehova) – ist verloren und wird durch das neue Meisterwort – MB (e...l...i...S...) – ersetzt. Mac Benah ist hebräisch und bedeutet etwa soviel wie Sohn der Verwesung, Filius putrifactionis. (Amiot Monique, Xavier Tacchella, le Rite Opératif de Salomon, Maître, de la Mort à la Vie). Das Meisterwort soll den Br... M immer daran erinneren, dass er aus der Verwesung kommt. Symbolisch vereinigt sich der neue Meister damit mit Hiram, und die Traditionskette aus Tod und Wiedergeburt findet einen neuen Anfang. Das verlorene Wort ist das Elixier, der Schlüssel zum Werk. Dieses Elixier zu finden, bedeutet, Anfang und Schluss zusammenzubringen und damit den Uroboros zu vollenden.

 

In der Bildsprache der Alchemisten ist der Uroboros Symbol eines in sich geschlossenen und wiederholt ablaufenden Wandlungsprozesses der Materie. Ziel dieses Prozesses ist es, durch Erhitzen, Verdampfen, Abkühlen und Kondensieren die Materie immer weiter zu verfeinern. Der Drache verbindet die vier Elemente miteinander, Schuppen = Wasser, Flügel = Luft, Körper = Erde, Flammenatem = Feuer. Er wird damit selbst zum fünften Element, zur Quintessenz. In den Büchern der Alchemie ist das Bild der zum Zirkel geschlossene Schlange oft durch zwei Schlangen ersetzt, von denen die obere Flügel trägt, um die Volatilität, den flüchtigen, männlichen Teil der Materie, symbolisch darzustellen. In dieser Darstellung finden wir eine Verschmelzung von Schlange und Vogel und damit von Himmel und Erde.

 

Der Meister muss einen mystischen Weg aus Purgatio, Illuminatio und Unio gehen. Am Anfang und am Ende dieses Wegs – wobei das Ende der Anfang und der Anfang genauso das Ende sein können – stehen Mortificatio und Putrefactio, die Bemühung ans Ziel und damit an den Neuanfang zu gelangen. Haut muss sich vom Fleisch und Fleisch vom Bein lösen, um den alten Menschen zu zerstören und Raum für den neuen Menschen zu schaffen. Für jede Erneuerung oder Wiedergeburt ist der Tod unumgänglich. Der Erneuerung, der Wiedergeburt müssen eine Zerstörung und anschließend eine Auflösung ins Formlose, Amorphe, vorangehen.

 

Zweimal ist dem Maurer der Tod auferlegt: am Beginn seines initiatorischen Wegs in der Dunklen Kammer und am Ende seiner Reisen bei seiner definitiven Initiation in der Mittleren Kammer. Dieser zweite Tod entspricht der Vollendung des großen Magisteriums. Dieser bedeutet das vollständige Opfer seiner selbst, den Verzicht auf jeden persönlichen Wunsch. Er ist das Auslöschen jenes radikalen Egoismus, welcher den Fall Adams hervorruft, indem er die Spiritualität ins Körperliche herabzieht. Das enge, kleine Ich zerfließt in nichts vor dem hohen unpersönlichen Selbst, symbolisiert durch Hiram. Die mythische Sünde des ewigen, allgemein-menschlichen Adam (Adam Kadmon) wird so gesühnt. Um die Arbeit des universellen Baus mit Nutzen zu leiten, muss der Meister in die genaueste Willensvereinigung mit Gott eingehen. In nichts mehr Sklave, ist er umso mehr der Herr von allem, als sein Wille im Einklang mit demjenigen wirkt, der das Universum regiert. Zwischen Abstraktem und Konkretem, zwischen der schöpferischen Intelligenz und der Schöpfung erscheint der Meistermaurer als der echte Demiurg der Gnosis.

 

Es genügt jedoch nicht, dass der Meister das Licht aus seinem Urquell schöpft, er muss auch denen eng verbunden sein, die er bei der unendlichen Arbeit leiten soll. Das notwendige Band ist die Sympathie, die Liebe. Der wahre Meister, muss bereit sein, sich auf die Liebe seiner Brr... einzulassen; er kann aber auch keinen Erfolg haben, wenn er die Brr... nicht so sehr liebt, wie er sich selbst. Diese Liebe geht bis zur Selbstopferung, zur Hingabe des eigenen Lebens, wie es Hiram der Legende nach getan hat. Der Pelikan ist das Symbol für diese liebende Aufopferung, ohne welche alles Bemühen eitel bliebe.

 

Der Meistergrad ist der notwendig letzte Grad, er entspricht einem Ideal, das uns als eine Aufgabe gestellt ist; wir müssen nach ihm streben, wenn seine Verwirklichung auch über unsere Kräfte geht. Niemals wird unser Tempel vollendet sein, und keiner von uns soll erwarten, das Ziel zu erreichen und in sich den wahren ewigen Hiram auferstehen zu sehen.

 

Diese alchemistische Lehre, die uns hier begegnet, ist eine Herausforderung, uns zunächst nach innen zu wenden, uns auf die Suche des in uns tief verborgenen Lichtkeimes zu begeben. Wir sollen zunächst nach Selbsterkenntnis streben, den Kern unseres Wesens zu durchforschen.

 

Das Ziel ist eine geistige Erneuerung des Menschen. C. G. Jung interpretiert die alchemistische, hermetische Symbolik der Transmutation als Ausdruck der geistigen Erneuerung des Individuums; er nennt sie Individuation und meint damit jene Entwicklung, die jeder Mensch durchlaufen muss, um den Zustand der Ganzheit, den Stein der Weisen zu finden oder der behauene Stein zu werden. Im Zustand der Ganzheit sind die nicht ausgelebten Aspekte der Persönlichkeit ins „Selbst“ integriert. Jungs „Selbst“ ist das seelische Bild, das die helle und die dunkle Seite der menschlichen Natur verkörpert, das Licht und den Schatten, das Männliche und das Weibliche, J und B und all die anderen Gegensätze, die geeignet sind, den Geist eines Menschen zu zerreißen.

 

Die Nigredo, das schwarze Stadium der Alchemie repräsentiert den ersten Akt dieses Dramas der Selbstfindung, in dem es der Alchemist genauso wie der Br... Freimaurer wagt, sich der dunklen Seite der eigenen Natur zu stellen. In der Sprache der Psychologen ist im Zustand der Nigredo das Unbewusste durch Energieverlust so abgesunken, dass es nicht mehr im Stande ist, das Bewusste zu beeinflussen. Damit ist gerade dieser Zustand die Voraussetzung für neues Wachstum, wie die Winterpause für die Vegetation. Wenn sich im Unterbewusstsein ein neuer Komplex gebildet und sich mit der erforderlichen Energie angereichert hat, bricht er ins Bewusstsein durch und leitet eine Periode erhöhter Aktivität und Kreativität ein. Dazu die Tabula Smaragdina: Auf diese Art wirst Du den Ruhm der ganzen Welt erlangen. Dann wird alle Dunkelheit von dir weichen. Dies ist die starke Kraft aller Kräfte, die alle subtilen Kräfte verbindet und alle festen durchdringt.

 

Die alchemistische Bemühung, die Gegensätze zu vereinigen, gipfelt in der Chymischen Hochzeit, dem Hieros Gamos in der Mittleren Kammer, als den das Werk vollendenden Einigungsakt. Der männliche Sulfur ist der Vater, der weibliche Merkur die Mutter, die eine neue Substanz (alchemistisch das Kind) zeugen.

 

Nach Überwindung der Feindschaft der vier Elemente, besteht noch der letzte Gegensatz, den die Alchemisten mit der wechselseitigen Beziehung von männlich und weiblich auszudrücken versuchen. Wenn sich die Gegensätze vereinen, Männliches und Weibliches sich zu einer Einheit verbinden, entsteht der Lapis philosophorum.

 

Der Stein der Weisen ist ein passendes Bild für Jungs „Selbst“. Er ist eine aus Gegensätzen gebildete Einheit, die in der hermetischen Symbolik als Hermaphrodit oder Rebis dargestellt wird. Der Stein vereinigt in sich Materie und Geist, Seele und Körper. Er ist das „Eine in Allem“ und das „Alles in Einem“.

 

 

Abstract

Die Aufklärung wird gewöhnlich als Zeitalter des Rationalismus verstanden. Gleichzeitig entstehen zu genau derselben Zeit eine Reihe von Gesellschaften wie die Gold- und Rosenkreuzer, aber auch die asiatischen Brüder, die alchemistische, spiritistische, magnetische und magische Experimente durchführen. Die Bruderschaft der Freimaurer hat von beiden Seiten gelernt. Nicht von ungefähr heißt sie auch königliche Kunst – ein anderer Name für Alchemie.

Die Methode der Alchemie, das Ziel, die Vollkommenheit – den Stein der Weisen -, zu erreichen, ist verhältnismäßig einfach: solve et coagula, löse auf und füge zusammen.

Für C. G. Jung ist die Alchemie ein Individuationsprozesses. Der Erfolg im Labor zeige den Fortschritt der Individuation an, und ein Fortschritt bei der Individuation gehe mit Erfolg im Labor einher.

Als Lehrling, Geselle und Meister durchschreitet der Maurer den hermetischen Prozess, von der Dunklen Kammer, dem Athanor, über die Auseinandersetzung mit den Elementen bis zu seinem symbolischen Tod, Grablegung und Auferstehung als Hiram, Mortificatio und Putrefactio. In der Mittleren Kammer vollzieht sich die Chymische Hochzeit, der letzte Gegensatz wird überwunden, und der Maurer erreicht als Lapis philosophorum die Unio mystica.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur

  • Boucher Jules, la symbolique maçonnique, Dervy, Paris 1948
  • Calame Pierre Ed, der Weg der Initiation, Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 4, 1999
  • Coudert Alison, der Stein der Weisen, die geheime Kunst der Alchemisten
  • Ferré Jean, Dictionnaire des symboles maçonniques, Éditions du Rocher, 1997
  • Gebelein Helmut, Alchemie, Diederichs Gelbe Reihe, Kreuzlingen, München, Hugendubel 1999
  • Jung Carl Gustav, die Psychologie der Übertragung dtv 35178
  • Liebhart Karin, Die Symbolik der Freimaurer im Lichte der Aufklärung, Proseminar aus Politikwissenschaft, WS 2001/2002
  • Neugebauer-Wölk Monika; Esoterik im 18. Jahrhundert – Aufklärung und Esoterik, eine Einleitung, http://www.izea.uni-halle.de/forschergruppe/materialien/aufsaetze/neugebauer_woelk_aufklaerung_und_esoterik.pdf; 27.2.2010, 11.20 Uhr
  • Neugebauer-Wölk Monika, die Geheimnisse der Maurer: Plädoyer für die Akzeptanz des Esoterischen in der historischen Aufklärungsforschung, in QC-Jahrbuch 39/2002
  • Roob Alexander, Alchemie & Mystik, das hermetische Museum, Benedikt Taschen Verlag, Köln 1996
  • Silberer Herbert, Probleme der Mystik und ihrer Symbolik, Heller 1914
  • Wirth Oswald, le symbolisme hermétique dans ses rapports avec la Franc maçonnerie, Dervy-Livres, Paris 1969-1981
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, I l’apprenti, Dervy, Paris 1977
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, II le compagnon, Dervy, Paris 1977
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, III le maître, Dervy, Paris 1977

Freimaurerische Ethik ist Einübungsethik

Mit Ethik wird jener Teilbereich der Philosophie bezeichnet, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst. Traditionell definiert ist Ethik die Lehre vom guten, dem richtigen Handeln.

 

Der Begriff Ethik wurde bereits von Aristoteles eingeführt, wobei er das gute, das richtige Handeln aus dem Wesen des Menschen als vom Logos durchdrungenes Tun bestimmte.[1] Aristoteles war der Überzeugung, dass es für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird. Menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik war somit für Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet. Für ethische Vorzüge [Tugenden] vermag das Wissen wenig oder nichts, wogegen das wiederholte Handeln alles bewirkt, und wir gerecht und weise werden, indem wir gerecht und weise handeln.[2]

 

Die FMei ist diesem von Aristoteles definiertem Modell der Einübungsethik gefolgt. Ihre Praxis orientierte sich am Modell der im europäischen Mönch- und Rittertum im Laufe der Geschichte praktizierten Tugendvorstellungen, aber auch an den Bräuchen der Handwerksgrade, Lehrling – Geselle – Meister. Als Lehre von der Mäßigung und der Beherrschung der Affekte und Emotionen wurde das Modell der Einübungsethik von Rationalisten wie Descartes, Spinoza und Hume interpretiert.

 

Aus meiner Sicht baut die maurerische Tugendethik auf drei Säulen auf, dem Baustück, unserer rituellen Arbeit und dem brüderlichen Umgang miteinander. In den Logen kommen unterschiedliche Menschen zusammen, zwischen welchen ein ethisch orientierter Diskurs stattfindet und die dann in der rituellen Praxis, vermittelt durch Symbole, die herauskristallisierten Wertevorstellungen einüben können.

In der seiner Zeichnung legt der einzelne Bruder seinen Zugang zu den Fragen des guten und richtigen Handelns vor. Im brüderlichen Diskurs vertiefen die Brr... gemeinsam das Thema und tragen ihren persönlichen Teil zum Thema bei. Das ist die geistige Arbeit zur Einübungsethik.

 

Unsere rituelle Arbeit, die Lehrgespräche zwischen MvSt und den beiden AA, die Erinnerung an das Geschehen der eigenen Initiation, versetzt das Denken und Empfinden der Brr... gewissermaßen in synchrone Schwingungen. Damit wird ein Zustand erreicht, in dem die Lehrinhalte, des Rituals, die ethischen Ziele und die Tugenden des FM, und der Inhalt der Zeichnung den Br... umso leichter erreichen können. Das ist die spirituelle Ebene der Ebene der Einübungsethik.

 

Der brüderliche Umgang miteinander umfasst das freudige Zusammensein der Brüder in den unterschiedlichsten Formen. Es reicht von dem lockeren brüderlichen Gespräch über gemeinsame Veranstaltungen (auch und gerade mit Schwestern) bis zu dem engen Austausch echter brüderlicher Freundschaft. Es bauen sich Nähe, Vertrauen und Herzenswärme auf. Das ist die emotionale Ebene der Einübungsethik.

 

Der Mikrokosmos Loge stellt somit den idealen Raum dar, um sich in Ethik, in Tugend zu üben. Dass das freimaurerische Ritual sich über 3 Jahrhunderte im Wesentlichen unverändert erhalten hat und sich nach einigen Reformversuchen wieder durchgesetzt hat, lässt darauf schließen, dass diese Art ethischer Einübung zwischenmenschlicher Umgangsqualitäten zu einer Lebenshaltung führen kann, die selbst gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel standhalten kann.[3] Damit wird die Pflege maurerischen Brauchtums zur Quelle sittlicher Selbstbildung.

[1] Aristoteles, Nikomachische Ethik I, Buch 6. Kap., 1098a

[2] Aristoteles, Nikomachische Ethik II, Buch 3. Kap., 1105b

[3] Hammacher K. Ethik, in Reinalter H. (Hg.) Freimaurerei, Geheimnisse – Rituale – Symbole, ein Handbuch, Salier Verlag Leipzig 2017

Bauen am Tempel der Humanität

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon,

Wer baute es so viele Male auf?

In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?

Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?[1]

 

Wer baut den unsichtbaren Tempel der Humanität?

In den Büchern stehen die Namen von berühmten Brr...

Haben nur die berühmten, namentlich bekannten Brr... die Welt erleuchtet?

 

Meine Brr..., das Ritual der Beförderung gibt auf die Frage nach der Nachhaltigkeit der maurerischen Arbeit des einzelnen Br... eine klare und – wie ich meine – gleichzeitig überraschende Antwort. Jede Arbeit, die wir tun, ist nur ein Schlag auf Eisen, das ein anderer vor uns geglüht hat und mit dem nach uns ein anderer arbeiten wird. Der Lohn dafür ist unser Anteil an der Kultur der Menschheit.[2]

 

Jeder von uns steht in der langen Reihe der Brr..., jeder trägt seinen Teil zu diesem Bau bei. Wir schlagen auf schon beschlagenes Eisen, das nach uns weiter bearbeitet werden wird. Wir kennen weder den Beginn, noch sehen wir das Ende oder können ahnen, wie die vollendete Arbeit aussehen mag. Das Gesellenritual prophezeit, dass keiner von uns das Ende, die Fertigstellung des Großen Werks erleben wird, dass wir vor Abschluss des Baus unsere Werkzeuge niederlegen müssen und ein anderer unsere Stelle einnehmen wird.

 

Vielleicht ist unser Schlag nur eine Wiederholung?

Vielleicht ist unser Schlag für die Tradition, in der wir stehen, nur insofern wichtig, als wir sie aufrechterhalten?

Vielleicht glauben wir nur aus Mangel an Bildung, einen originellen Beitrag zu leisten?

Vielleicht ist es uns auch wirklich gegeben, einen neuen Schlag zu tun?

All das ist nicht ausschlaggebend.

 

Wichtig ist das Ziel, dem wir uns alle verpflichtet haben, dem Bau des Tempels der allgemeinen Menschenliebe.

Wichtig ist das neue Verständnis von individueller Freiheit, die freiwillige, verantwortungsvolle Vernetzung in einer langen Kette, die sich durch die Zeiten zieht, – nicht die Selbstverwirklichung durch individuelles Tun.

 

Maurerisches Handeln, Bauen am Tempel der Humanität heißt teilnehmen an einem Ziel,

welches größer ist als ich selbst,

welches ich nie ganz kennen werde,

über welches ich nicht allein verfüge.

 

Die Größe meines Beitrags ist nicht wichtig, wichtig ist, dass ich ihn leiste.

Die Kunst ist lang, das Leben kurz[3].

[1] Brecht Bertolt, Fragen eines lesenden Arbeiters, http://ingeb.org/Lieder/werbaute.html, Zugriff 25.02.2018, 13.20 hrs

[2] Ritual der Beförderung, erste Reise, GLvÖ

[3] Ritual der Beförderung, Gesellenbrief, GLvÖ

Instruktion für neu beförderte Brüder Gesellen

Mit eurer Beförderung haben die Brr... der L anerkannt, dass ihr nun keine unmündigen LL mehr seid. Wenn ihr das heilige Maurerwort gefragt werdet, müsst ihr den Br... 1.A nicht mehr um den ersten Buchstaben fragen, sondern ihr wisst ihn selbst. Von nun an seid ihr eigenverantwortliche Mitarbeiter am Bau des Tempels der allgemeinen Menschenliebe, …denn ihr könnt und müsst der eigenen Kraft vertrauen[1]. Ihr seid nun keine unwissenden LL mehr, die nur von der sicheren Hand des Br... geführt den Tempel betreten können. Mit der Beförderung seid ihr ein von euren Brr... MM und ältere GG anerkannter Br... FM, während ihr als L als FM erkannt werden musstet. Daher antwortet ihr auch auf die Frage: Bist du ein FM-Gesell? Ich bin es, prüfe mich![2] Als GG habt ihr– wie es das Ritual sagt – ein bescheidenes Maß an maurerischem Wissen[3] erreicht, das euch selbstbewusst antworten lässt. Wie ihr jedoch später erfahren werdet, kann dieses Wissen trügerisch sein und euch eine Reife, eine Erfahrung und damit einen Anspruch vorgaukeln, dem ihr nicht – noch nicht – gerecht werdet.

 

Ihr seid fortgeschritten auf dem Weg der Selbsterkenntnis und reiht auch in die lange Reihe der Arbeiter am Bau ein. Eure Arbeit ist die Arbeit am kubischen Stein mit der Kelle. Die Arbeit im Steinbruch ist vorbei, ihr seid beim behauenen Stein angelangt. Friedlich und in eigener Verantwortung sollt ihr die feste Mauer errichten, die der Mörtel der Brüderlichkeit zusammenhält.

 

Es ist ab nun euer Recht und gleichzeitig eure Pflicht selbständig die maurerische Arbeit auszuüben. Ihr seid nicht mehr auf die Begleitung eines erfahrenen Br...  angewiesen, denn ihr könnt euch ritualgemäß verhalten; So ist es ab nun euer Auftrag zu wandern und andere LL zu besuchen, …gelerntes verwerten und neues Wissen mit auf den Weg nehmen[4]. Dafür braucht ihr keinen Begleiter mehr, denn der MvSt hat euch freigesprochen. In seinem Auftrag überbringt ihr die Grüße eurer Brr... und nehmt die Grüße der anderen Brr... in eure Bauhütte mit zurück.

 

Eure zweite Pflicht ist es, eure Umwelt zu erkennen und zu begreifen. Ihr seid keine rauen Steine mehr, als GG stellt ihr den behauenen Stein symbolisch dar. Aber auch dieser Stein hat noch immer Kanten und Grate, sodass ihr an eurem behauenen Stein unaufhörlich weiter arbeiten müsst. Ihr sollt aus dem Betrachten und Erleben eurer Umwelt begreifen, welche Form und damit welchen Platz euer Stein, ihr selbst, im symbolischen Bau des Tempels der allgemeinen Menschenliebe hat. Dies wird auch sicher nicht auf Anhieb gelingen. Deshalb ist euch die Kelle als Werkzeug gegeben, um mit Hilfe des Mörtels einen möglichen Platz in der Wand des symbolischen Gebäudes zu finden.[5]

 

Ausgelernt habt ihr als GG noch nicht. Im Gegenteil, ihr müsst weiter lernen, was immer wieder aufs Neue bedeutet, sich von Liebgewonnenem und Vertrautem zu lösen …wir nehmen Abschied von vertrauter Stätte[6]. Wandern heißt sich mit dem Fremden auseinander zu setzen und das Fremde vertraut werden zu lassen. Indem ihr euch auf das Fremde einlasst, können ihr euch für das wirklich Unbekannte öffnen, könnt ihr frei werden, euch vom Unbekannten überraschen lassen, wenn es denn erscheint. Es geht um das Unbekannte in der Wiederholung des Vertrauten, in der vertrauten Wiederholung. Ihr müsst euch neuen Herausforderungen stellen, Abenteuer erleben, neue Erfahrungen machen, Veränderung erleben, um schließlich als veränderte wieder heimzukehren. Erst dann seid ihr in der Lage, das Unbekannte aus dem Bekannten zu entwickeln und euch dem Meister zu nähern[7].

 

In eurer Beförderung seid ihr vom Senkblei zur Setzwaage, von der Nacht zum Tag, von Nord nach Süd, vom Mond zur Sonne, vom 2.A zum1.A gewechselt. Euer Weg hat euch aus der Dunklen Kammer in das volle Licht des Lebens geführt. Mit eurer Initiation in den Grad des Gesellen habt ihr symbolisch den Eintritt in die Welt der Erwachsenen vollzogen. Ihr kennt nun die beiden Pole eurer Existenz, habt damit Harmonie in euch erreicht und könnt euch nun noch besser kennenlernen –und so den Weg zur Meisterschaft fortsetzen, fragt euch, seid ihr wirklich fortgeschritten auf dem Weg der Selbsterkenntnis[8]. Unterwegs aus dem nächtlichen Dunkel, dem Westen, in den strahlenden Osten seid ihr nun im Süden im vollen Licht des Tages angelangt. Deshalb ist euer Platz in der Südkolonne, ihr könnt das Licht des Mittags ertragen. Dort sollt ihr Wissen und Können sammeln und euch moralisch festigen, bis es Zeit ist, den letzten, den entscheidenden Schritt zu tun.

 

Als GG seid ihr vom rauen Stein des L zum behauenen Stein des G geworden, euer Ziel ist der kubische Stein. Daher müsst ihr weiter an euch arbeiten, um das Ziel, die Vollkommenheit, zu erreichen. Durch den Weg vom 2.A zum 1.A kennt ihr nun Senkblei und Setzwaage, Senkrechte und Waagrechte und könnt so den rechten Winkel bestimmen. Die Kelle dient euch dazu, die verbleibenden Unregelmäßigkeiten mit dem Mörtel der brüderlichen Liebe auszugleichen und so eine festgefügte Wand zu bauen. Zu diesen Werksymbolen kommen der Flammende Stern, der Buchstabe G und die Zahl fünf. Gemeinsam weisen sie über den Gesellengrad hinaus und auf den Meistergrad hin, wie es im Lehrbrief unseres Br... Goethe heißt: …und nähert sich dem Meister[9].

 

War das Motto des Lehrlingsgrades „schau in dich“, so ist das Motto des Gesellengrades „schau um dich“. Der Gesellengrad dient der Schulung von Geduld und der Reflexion des eigenen Sozialverhaltens. Als Lehrling war euer Blick auf euch selbst gerichtet, auf euren rauen Stein. Nun nach eurer Beförderung sollt ihr euren Blick in besonderer Weise auf das Leben mit seinen vielfältigen Beziehungen, den freundschaftliche Umgang mit den Brr..., die gemeinschaftliche Arbeit richten. Gleich mehrfach weist unser Ritual darauf hin, … in die Kette geschlungen, weil Eintracht und Freude die Arbeit fördern, …sie haben den Wert gemeinsamer Arbeit erkannt, …ich weihe diese Stunde dem Gemeinschaftsgeist, der in unserer Bruderschaft lebt, … ich weihe Euch der Freundschaft, die unsere Herzen vereint[10]. Ihr lernt, dass ihr aus der Gemeinschaft mit den Brr... Nutzen ziehen könnt, euch aber gleichzeitig auch Verantwortung für eure Brr... und für eure Mitmenschen erwächst. In der humanitären Freimaurerei ist der Gesellengrad ein wichtiger Grad, weil er wie kein anderer die Verpflichtung der Verbundenheit der Freimaurerei zur Entwicklung unserer Gesellschaft aufzeigt und auch darauf hinweist, wie wichtig es für den Br... FM ist, nach außen zu wirken.[11]

 

Die Ermahnung des 1.A fordert euch zu gemeinsamer Arbeit auf. Leben bedeutet Tätigkeit, Arbeit, Untätigkeit Tod, Arbeit soll weder Last noch Strafe sein. Freimaurerei ist konkrete Arbeit, nicht Theorie, die irgendwann einmal in Praxis umgesetzt werden soll. Arbeit im maurerischen Sinn bedeutet diejenige Form des Schaffens, wodurch die Welt verändert werden soll, den Bau des Weisheitstempels, des Tempels der Humanität. Der Beitrag zum Bau muss weder neu noch besonders originell sein, wichtig ist allein, dass jeder seinen Teil beiträgt. Dieser Bau kann nur durch den Einsatz der gestalterischen Fähigkeiten des werktätigen Menschen fortschreiten. Ob dieses Vorhaben gelingen wird, bleibt jedoch offen; die Tempelarbeit erinnert den Br... an die Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, wie hier in der Loge durch das Wort im Leben durch die Tat.[12] [13]

 

Ausgangspunkt der veredelnden Bautätigkeit ist die augenfällige Unvollkommenheit des Menschen. Das Verständnis der FM-ei setzt diesen Zustand der Unvollkommenheit als naturgegeben voraus und fragt – anders als die Religionen – nicht nach dessen Ursache. Denn so wie im Steinbruch kein Stein dem anderen gleicht, ist der Mensch – wie Kant sagt aus krummen Holz geschnitzt. Die FM-ei steht hier ganz in der Tradition der Aufklärung, die davon überzeugt ist, dass ein Fortschritt des Menschen in moralischer Hinsicht durch eigenes Tun möglich ist, ohne die Erlösungstat eines Gottes zu benötigen. Die FM-ei selbst verbessert den Menschen allerdings nicht. Die Fm-ei ist nämlich der festen Überzeugung, dass es in moralischer Hinsicht kaum eine für alle Menschen gültige Norm gibt. Diese Norm muss sich jeder einzelne für sich permanent erarbeiten. Was die FM-ei versucht, ist, dem Br... dabei zu helfen, zu erkennen, was er tun muss, um ein besserer Mensch zu werden. In der lebendigen Gemeinschaft der Brr... sollt ihr lernen, euch als Mensch unter Menschen wahrzunehmen, euch als Mensch unter Menschen zu erkennen zu geben und zum dem Menschen zu werden, der ihr sein könntet, immer menschenähnlicher – nicht gottähnlicher – zu werden.

 

Aus vielen behauenen und doch verschiedenen Steinen soll der Salomonische Tempel entstehen. Jede Arbeit, die wir tun, ist nur ein Schlag auf Eisen, das ein anderer vor uns geglüht hat und mit dem nach uns ein anderer arbeiten wird.[14]

 

FM-ei ist Einübungsethik[15], etwas, was der deutsche Freimaurer Hans Hermann Höhmann auch als „Laut Denken mit dem Freund“ bezeichnet. FM-ei kennt keine Gesinnungsethik sondern ausschließlich Verantwortungs- und Tugendethik. Auftrag im Gesellengrad ist es, sich gemeinsam in den Tugenden so zu üben, dass der einzelne Br... in einer konkreten Situation gar nicht anders kann, als die gelernte, geübte Tugend auszuüben. Der andere mag zwar anders sein, und anders denken als ich, dennoch ist er als Br... nicht so verschieden von mir, …erkennen an sich, was sie an anderen tadeln…, …werden Bescheidenheit und Duldsamkeit lernen.[16]

 

Was in ethisch – moralischer Hinsicht zu erwarten ist, haben wir im Umgang mit Menschen in der Praxis erlernt. Wer mit Menschen zu tun hat, die einen anderen Glauben, eine andere Kultur, andere Gewohnheiten und andere Sitten haben als man selbst, gewinnt einerseits ein Bild von den sich überall gleich ausbildenden Werten und gewöhnt sich andererseits an die Unterschiede. Er lernt dabei, seine eigene Auffassung für weniger wichtig zu nehmen.[17]

 

Max Weber spricht davon, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann gesinnungsethisch oder verantwortungsethisch orientiert sein. Weber erkennt einen Abgrund tiefen Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet -: der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim, oder unter der verantwortungsethischen : dass man für die voraussehbaren Folgen seines Handelns aufzukommen hat… .Der Verantwortungsethiker … rechnet mit eben jenem durchschnittlichen Defekten der Menschen, … er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen des eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen.[18] Als Verantwortungs- und Tugendethiker müssen wir uns also ständig darin üben, die Folgen unseres Tuns möglichst präzise einzuschätzen, denn auf die Anweisungen einer höheren Autorität – ganz gleich ob ein Gott oder eine staatliche Autorität – können wir uns als FM nicht berufen.

 

Das Konzept der Tugend- und Verantwortungsethik transportiert sehr viel weniger Feindseligkeit als das Konzept der Gesinnungsethik. Unter dem Deckmantel der Gesinnungsethik wurden in der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart die schlimmsten Verbrechen begangen, ja ich gehe so weit, zu behaupten, dass diese Akte der Inhumanität mit dem besten und reinsten Gewissen vollzogen worden sind, das man sich nur vorstellen kann. In der Berufung auf sein Gewissen stützt sich ein Handelnder in jedem Fall auf die innere Instanz einer Bewertung nach Gut und Böse, die durchaus im Gegensatz stehen kann zu der Bewertung nach nützlich – schädlich, verantwortlich – unverantwortlich. Gegen moralischen Autoritäten – wie sie Religionen und Kirchen darstellen – fordert euch der ZM während der 3. Reise auf zu kämpfen, …seid Kämpfer für … die geistige Freiheit des Menschen[19].

 

Der Gesellengrad ist der Grad des Lebens; so ist die zentrale Frage: wie gestalte ich mein Leben, was ist der Sinn meines Lebens? Es geht darum, das Leben im hier und jetzt als Aufgabe zu begreifen und nicht einer verklärten Vergangenheit nachzutrauern oder auf eine hoffnungsvolle Zukunft zu warten. Der Gesellengrad fordert uns auf, unser Leben aktiv zu gestalten. Dazu soll euch die Geometrie, die 5. Wissenschaft, auf die der Buchstabe G im Flammenden Stern hinweist, helfen. Die Zahl Fünf findet ihr in den Reisen genauso wie in eurem symbolischen Alter und dem Flammenden Stern. Der Buchstabe G ist der fünfte Buchstabe im Alphabet, und die Geometrie ist die fünfte der sieben freien Wissenschaften der Scholastik.

 

Mit Geometrie ist die nach ewigen Grundgesetzen zu befolgende sittliche Ordnung einer geistigen Welt gemeint[20]. Die Kenntnis der Geometrie hilft dem Br... FM das rechte Maß und Verhältnis aller Dinge zu finden. Der ganze Himmel ist Harmonie und Zahl, lehrte schon Pythagoras an seiner Mysterienschule in Krotona und wies seine Schüler an, die Gesetze der Musik und das Wesen der Zahlen zu erforschen, nach der Harmonie zu suchen, welche Himmel und Erde, Sterne und Seele im Wohlklang vereint.

 

In den Anderson‘schen Konstitutionen heißt es: Adam, unser Urvater, der nach dem Bilde Gottes, des grossen Baumeisters des Universums, geschaffen wurde, muss die Freien Künste, vor allem Geometrie, in seinem Herzen eingeschrieben haben.[21] Als FM stehen wir in Tradition der großen Denker und Geometer, beginnend mit Thales von Milet, über Pythagoras zu Euklid, weiter zu Vitruv und schließlich zu den Kathedralenbauern der Gotik[22].

 

Für uns FM ist der flammende Stern zunächst einmal und vor allem das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens und des Wahrheit suchenden Geistes. Er verkörpert also die Fähigkeit zur Erkenntnis, zur Unterscheidung von Gut und Böse und kann daher auch im Dunkeln, d.h. wenn keine Orientierung an äußeren, objektiven Maßstäben möglich ist, leuchten. Der Mensch ist von sich aus, von innen heraus, erkenntnisfähig, lautet die Botschaft. Wir besitzen ein selbstreflexives Bewusstsein und können somit unser Handeln überdenken, in Frage stellen und verändern. Wir sind uns unserer selbst bewusst.

 

Steht das Pentagramm auf dem Kopf, so wird es ein altes Sinnbild schwarzer Magie. Der Mensch kann lügen, täuschen, sein Innerstes, sein eigentliches Wesen verbergen, und dies ist oft nicht die Ausnahme sondern der Regelfall. Das ist dies typisch menschlich und die Schattenseite des erkennenden Verstandes. Man nennt es auch Persona, die Maske.

 

Die Freimaurer umgeben den Stern mit fünf Flammenbündeln mit jeweils fünf züngelnden Flammenfingern. Diese fünf steht für die Quinta Essentia, die fünfte Essenz der Alchimisten, die über die gegebene Realität der vier Elemente, über die Dimensionen von Zeit und Raum, hinausgehende Kraft, die fähig ist, den darin verborgenen Sinn zu offenbaren. Das Pentagramm ist dafür das Zeichen und die fünf die Zahl des Menschen. Der Kabbalist betreibt numerologische Kosmogenese, versucht also aus der Symbolik der Zahlen, die Entstehung des Universums und seine Gesetzmäßigkeiten herzuleiten. Seine Formel des Menschen lautet: 2 (göttlicher Wille) + 3 (Materie) = 5. Der Mensch mit seinen fünf Sinnen und den fünf Fingern steht ihm hierbei für die Quintessenz der Schöpfung, als Mittler zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Deshalb hat auch der Magier Agrippa von Nettesheim 1565 den Menschen in das Pentagramm eingeschrieben, in vier Strahlen die Gliedmaßen, der fünfte umschließt den Kopf. Umgeben ist der Stern von astrologischen Planetensymbolen.

 

Es symbolisiert die Beherrschung der vier Elemente durch den Geist. Mit diesem Zeichen nützt der Geselle die Kräfte der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde. Damit ist das Pentagramm, der Flammende Stern, ein Zeichen der Allmacht und der Selbstbeherrschung. Das Pentagramm vollkommen zu verstehen, heißt den Schlüssel zu den zwei Welten zu besitzen. Alle Mysterien der Magie, alle Symbole der Gnostik, alle Diagramme des Okkultismus, alle kabbalistischen Schlüssel der Prophezeiung sind in dem Zeichen des Pentagramms zusammengefasst, von dem Paracelsus verkündet, dass es von allen das größte und mächtigste sei[23].

 

Das Pentagramm ist das Zeichen des Menschen und der Menschenliebe, welche den Mittelpunkt des Mikrokosmos (des geistigen Universums) bildet. Im Ritual der GL zur Sonne heißt es: Wir sehen in ihm (dem Flammenden Stern) nicht allein das Bild der Brüder- und der Menschenliebe, sondern vorzüglich das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens, des Wahrheit suchenden und erkennenden Geistes. Das ist der Stern, der auch im Dunkeln leuchtet, mit dessen Hilfe der Mensch sich zurechtfinden kann.[24]

 

Die fünfte Wanderung findet in der Beförderung noch nicht ihr Ende. Während eurer Gesellenzeit setzt ihr sie symbolisch fort. Ihr versucht euch dem leuchtenden Osten anzunähern, wie es euch der Lehrbrief unseres Br... Goethe verheißt; und so dauert eure fünfte Wanderung bis zu eurer Erhebung in den Meistergrad ist; …und nähert sich dem Meister.[25]

 

 

 

Abstract

Mit der Beförderung zum G erkennen die Brr... der L an, dass der L in seiner Arbeit am rauen Stein fortgeschritten ist und ein gewisses Maß an Wissen erreicht hat. Damit hat der Br... G den Auftrag und die Pflicht selbständig nach vorgefassten Plan am großen Werk zu arbeiten. FM-ei bedeutet konkrete Arbeit nicht spekulative Planung, die vielleicht einmal in einem konkreten Werk enden wird. Die Arbeit der Brr... FM GG ist Einübungsethik in Tugend- und Verantwortungsethik, den die FM-ei kennt – anders als alle heilbringenden Ideologien – keine Gesinnungsethik. Die Arbeit als G besteht darin, sich in den Tugenden so zu üben, dass der Br... G im Anlassfall nicht anders kann, als sich diesen Tugenden zu unterwerfen. Die Übung in der Verantwortungsethik steht unter der Herrschaft des Intellekts, wofür der Flammende Stern symbolisch steht. Der Flammende Stern mit dem Buchstaben G, der auf die Geometrie als die fünfte Wissenschaft hinweist, ist das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens und des Wahrheit suchenden Geistes. Er verkörpert also die Fähigkeit zur Erkenntnis, zur Unterscheidung von Gut und Böse und kann daher auch im Dunkeln, d.h. wenn keine Orientierung an äußeren, objektiven Maßstäben möglich ist, leuchten. Unter der Leitung des Intellekts ist der Mensch von sich aus, von innen heraus, erkenntnisfähig und ohne Erlösungstat im Stande, sich hin zur Humanität zu entwickeln, also menschenähnlicher zu werden. Der Flammende Stern weist dem Br... FM G den Weg zur Meisterschaft.

[1] Ritual der Beförderung, GLvÖ

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Cf: http://www.moderne –freimaurerei.de

[6] Ritual der Beförderung, GLvÖ

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ritual der Beförderung, GLvÖ

[11] http://www.moderne-freimaurerei.de, Zugriff 27.10.2012, 21.00 Uhr

[12] Zum Thema Arbeit in der FM cf. Grün Klaus-Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitäterer Freimaurerei und Religion, S. 150ff. & S 167f

[13] Ritual 1.°, 2.°, 3.° GLvÖ

[14] Ritual der Beförderung, GLvÖ

[15] Hammacher Klaus, Einübungsethik – Überlegungen zu einer freimaurerischen Verhaltenslehre. Festschrift zum 75. Geburtstag des Autors, Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth Nr. 45/2005

[16] Ritual der Beföderung, GLvÖ

[17] Grün Klaus – Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion S. 166

[18] Weber Max, Politik als Beruf, 1919

[19] Ritual der Beföderung, GLvÖ

[20] Reuss Theodor, Unterweisung im Gesellengrad, Instruktion 1927

[21] Zitiert nach: Troxler Eduard; wer die Geometrie nicht beherrscht, möge hier nicht eintreten; Schweizer Freimaurerrundschau: August/September 2003

[22] Troxler Eduard; wer die Geometrie nicht beherrscht, möge hier nicht eintreten; Schweizer Freimaurerrundschau: August/September 2003

[23] Lévi Eliphas, transzedentale Magie

[24] Ritual der Großloge zur Sonne, 1. Hälfte 20. Jahrhundert

[25] Ritual der Beförderung, GLvÖ

Winterjohannis

Am 21. Dezember beginnt der Winter mit seinem Solstitium, der Winter­sonnen­wende. Die Sonne durchwandert einmal im Jahr entgegen dem Uhrzeigersinn den Tier­kreis und legt dabei pro Tag etwa 1 Grad zurück, durchwandert während eines Jahres also den Tierkreis zur Gänze. Durch die Schiefe der Ekliptik zum Erdäquator entstehen unsere Jahreszeiten und die unterschiedlichen, sich im Jahreskreis ändernden Verhältnisse von Tag und Nacht. Das Wintersolstitium finden wir bei 0° Steinbock mit der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Ab dem Herbstäquinoktium – 0° Waage – erleben wir sehr deutlich die Abnahme des Tages und die Zunahme der Nacht. Die Kräfte der Finsternis scheinen die Kräfte des Lichts mehr und mehr zu überwältigen. Doch in dem Moment der größten Sonnen­ferne, in diesem Moment, in dem die dunklen Kräfte zu siegen scheinen, ändert sich die Situation, und der Siegeslauf des Lichtes beginnt von neuem. Das Wintersolstitium ist der Moment im Jahreskreis, an dem die Finsternis scheinbar über das Licht triumphiert. Am Sommersolstitium wird dann das Licht im Moment seines größten Triumphes der Dunkelheit von neuem weichen müssen.

 

In der dualistischen Glaubenswelt früherer Kulturen wurden die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis gleichermaßen verehrt. Licht und Finsternis erscheinen gleich stark und stehen in permanentem Wettstreit miteinander. Im Denken und Handeln der Menschen sind Gut und Böse so eng vermengt, dass sie nicht immer unterschieden werden können, manchmal entsteht aus guten Absichten Böses und aus bösen Wünschen Gutes. Der Urgegensatz von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod erfüllt das ganze menschliche Dasein. In der Natur stehen die beiden Prinzipien nebeneinander, und nichts deutet dar­auf hin, dass das Licht einmal über die Finsternis herrschen wird.

 

Das Wintersolstitium, dieser besondere Punkt im Sonnenlauf, die längste Nacht und der kürzeste Tag, wurde immer schon als die Einweihungsnacht gefeiert. In dieser Nacht wurden die vorbe­reiteten Neophyten in Erdhöhlen gebracht, wo sich das Mysterium abspielte, in dem die Neophyten die Sonne in der Mitte der tiefsten Nacht schauten. Das geistige Licht muss in der Tiefe der Erde, in der tiefsten Finsternis gefunden werden. Die Lichtsymbolik ist die Verbildlichung des Erlebnisses der Wiedergeburt. Alle Mysterien sind Lichtkulte. Gefeiert werden der Tod und die Wieder­geburt der Sonne.

 

Auch unsere Logen und unser Logenritual sind stark von diesem Licht – Finsternis Dualismus geprägt. Wenn wir uns in der L bewegen, so folgen wir dem Lauf der Sonne. Die beiden Wendepunkte des Sonnenlaufs werden durch den MvSt im Osten und durch den TH im Westen markiert.

 

Wie in der Natur gibt es auch in der Freimaurerei keinen endgültigen Sieg der Sonne, des Lichts, über die Finsternis. Die Freimaurerei ist eben kein Heilsweg, ihr Ansatz ist der des „stirb und werde“ unseres Br... Goethe. Am Winterjohannisfest feiern wir den Tod und zugleich die Wiedergeburt des Lichts.

Tugend

In unserem Ritual begegnen wir dem Begriff Tugend mehrmals. Da heißt es im Ritual der Aufnahme: geistige Freiheit, Achtung vor der Überzeugung anderer, Befolgung der Landesgesetze, Liebe zu den Mitmenschen, Gewissenhaftigkeit im Beruf, zielbewusste Wohltätigkeit, Geduld und Standhaftigkeit im Leiden, Bescheidenheit im Glück, das sind die Tugenden, die von dem gefordert werden, der Freimaurer werden will; das sind auch seine Pflichten… Keine andere Ehre suche der Maurer als die, die er durch männliche Tugenden zu gewinnen weiß… Und am Ende jeder Arbeit erneuert der Br... Redner stellvertretend für alle Brr... das Gelöbnis: die (männliche) Tugend der Verschwiegenheit zu üben… Es scheint also so etwas wie maurerische Tugenden zu geben, die entweder Voraussetzung für die Aufnahme in den Bund sind oder dem Br... zur Ehre gereichen sollen.

 

Wikipedia definiert den Begriff Tugend als Fähigkeit oder innere Haltung, das Gute mit innerer Neigung (das heißt leicht und mit Freude) zu tun; im allgemeineren Kontext wird mit Tugend der Besitz einer positiven Eigenschaft bezeichnet. Wenn wir heute Tugend hören, so glauben wir gleichzeitig den erhobenen Zeigefinger der Moral zu spüren, denn in unserer Welt des „anything goes“ und „alles ist erlaubt, solange es nicht auffällt“ scheint Tugend ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Darum hat wohl auch der französische Philosoph André Comte-Sponville sein Buch „kleines Brevier der Tugenden & Werte“ eine „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“ genannt.

 

Der Begriff Tugend wird von „Tauglichkeit“ abgeleitet; diese ist eine Kraft, die wirkt und wirken kann. Tauglichkeit ist Vermögen, spezifisches Vermögen; eine Heilpflanze vermag anderes als ein Messer und ein Tier vermag nicht dasselbe wie ein Mensch. Vermögen an sich ist unabhängig vom Zweck. Ein scharfes Messer erfüllt seinen Zweck beim Brotschneiden genauso wie in der Hand eines Mörders. Das gilt jedoch nicht für den Menschen. Schon Aristoteles meinte, dass das, was den Menschen vom Tier unterscheide, die Vernunft oder das Vernunft gemäße Leben sei. Vernunft allein ist nicht genug, es braucht auch den Wunsch danach, die Erziehung, die Gewohnheit, das Gedächtnis. Die Tugend eines Menschen ist das, was ihn menschlich macht, das spezifische Vermögen, seine Menschlichkeit unter Beweis zu stellen. Tugend beginnt dort, wo Hominisation (als biologische Tatsache) mit Humanisierung (als kulturelle Tatsache) zusammenkommt. Spinoza sagt es in seiner Ethik so: Unter Tugend und Kraft verstehe ich dasselbe; das heißt: Tugend, sofern sie auf den Menschen bezogen wird, ist die Wesenheit des Menschen oder seiner Natur selbst, sofern es in seiner Gewalt steht, etwas zu bewirken, was durch die bloßen Gesetze seiner Natur eingesehen werden kann.

 

Seit Aristoteles wird die Fähigkeit, die erworbene Disposition, das Gute zu tun, als Tugend bezeichnet. Tugend ist jedoch mehr, sie ist das Gute selbst, geistig und wirklich. Jede Tugend ist ein Gipfel zwischen zwei Lastern, ein Grat zwischen zwei Abgründen. Das Mittlere ist dabei jedoch nicht als mathematischer Wert zu verstehen, sondern als das Beste, was man im Bereich einer Charaktereigenschaft erreichen kann. Es ist jeweils individuell bestimmt. Die Tugend ist also ein Verhalten (eine Haltung) der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde. (Aristoteles, Nikomachische Ethik)

 

Können wir immer auf dem Gipfel leben oder auf dem schmalen Grat balancieren? Ich glaube kaum. Daher ist es so wichtig, sich die Tugenden immer wieder aufs Neue ins Gedächtnis zu rufen. Wenn wir über Tugenden nachdenken, so denken wir eigentlich über unsere Entfernung von ihnen nach; denken wir über ihre Vorzüge nach, so beschäftigen wir uns im Grunde mit unserer Unzulänglichkeit und mit unserer Erbärmlichkeit. Nachdenken ist ein erster Schritt, Nachdenken über Tugend genügt nicht, wir müssen handeln; die Aufforderung heißt, tugendhaft zu leben. Dafür gibt es in der Theorie der Ethik die Disziplin der Tugendethik. Die Einübung ethischer Tugenden verhilft zur Beherrschung der Triebe und Affekte und macht so den Handelnden unabhängiger. Um ethisches Handeln auf das Gute auszurichten, bedarf es der (Selbst)erziehung, die unsere moralische Sensibilität erhöht und so Einfluss auf die Qualität unserer Handlungen nimmt. Richtiges Handeln wird durch richtige Einstellungen und Charaktereigenschaften begründet. Wer in diese eingeübt ist, ist auch in Entscheidungssituationen in der Lage, angemessen zu reagieren.

 

Keine andere Ehre suche der Maurer als die, die er durch männliche Tugenden zu gewinnen weiß.

Homo homini lupus?

„Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“[1] – so formulierte Thomas Hobbes seine Sicht des Menschen. Dieses alte Plautus Zitat ist eine fragwürdige Aussage über unsere eigene Art, die sich noch dazu auf falsche Annahmen über eine andere Art stützt. Nach Hobbes Vorstellung sei der Mensch im Urzustand eine wilde Bestie, egoistisch, machthungrig und prinzipiell amoralisch. Nur durch das Schließen eines Gesellschaftsvertrags könnten seine grausamen Urinstinkte gebändigt werden, und er könne in einer sozialen und moralischen Gesellschaft leben.

 

Jean – Jacques Rousseau war auf der Suche nach dem „edlen Wilden“, denn er war der festen Überzeugung, erst die Kultur hätte den Menschen zu dem grausamen Wesen gemacht, als das er sich darstellt. Er sieht im Mitleid ein sozio – kulturelles Phänomen, das sich in von der Moderne „unverdorbenen“ Gesellschaften manifestiert und auf dessen Wert eine Rückbesinnung lohnenswert wäre. Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben; […] Man bewundere die menschliche Gesellschaft, soviel man will, es wird deshalb nicht weniger wahr sein, dass sie die Menschen notwendigerweise dazu bringt, sich in dem Maße zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbaren Übel zuzufügen.[2]

 

Wilhelm von Humboldt meinte, Bildung, insbesondere die humanistische Bildung, würde uns zu besseren Menschen machen. Man verlangt (vom Menschengeschlecht), dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet, als möglich, unter ihm herrschen, dass es seinen inneren Wert so hoch steigern, dass der Begriff der Menschheit, wenn man ihn von ihm, als dem einzigen Beispiel, abziehen müsste, einen großen und würdigen Gehalt gewönne.[3]

 

Solche Überzeugungen ziehen sich durch die gesamte abendländische Kulturgeschichte. In seiner Kulturkritik vertritt Freud die Auffassung, dass Zivilisation […] aus der Leugnung des Instinkts […], aus der Beherrschung der Naturkräfte, aus dem Aufbau eines kulturellen Überichs[4] entsteht. Richard Dawkins meint in seinem Buch das egoistische Gen: wir allein – einzig und allein wir [Menschen] auf der Erde – können uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen.[5]

 

Es ist herrschende Lehrmeinung von Psychologen, Philosophen und Juristen, dass moralische Urteile vollkommen bewusste Entscheidungen sind. In diesem Bild vom menschlichen Geist wird einem wie immer gearteten Moralinstinkt ausdrücklich kein Platz eingeräumt. Sitte und Anstand würden samt und sonders durch Erziehung, Religion und die Gesellschaft geprägt. Allen diesen Thesen ist gemeinsam, dass sie uns Menschen mehr oder weniger unterstellen, dass wir im Grunde oder unserem Verhalten nach amoralische Wesen seien. Irgendwann in der Entwicklung der Menschheit hätte es einen gravierenden qualitativen Sprung zwischen Naturzustand und Kulturzustand gegeben.

 

Viele Ethiker postulieren, dass ethische Entscheidungen und ethisches Verhalten durch ein höheres, geistiges Prinzip hervorgerufen werden. Sie nennen dieses Prinzip Vernunft, Pflicht oder auch Gott, sein Einwirken auf die materielle Körperwelt ist nicht nur möglich, sondern absolut wünschenswert und notwendig. Auch der „freie Wille“ bedient sich der Annahme eines höheren geistigen Zustands, der von der Materie unterschieden werden soll.

 

Vor diesem Hintergrund stellen sich nun mehrere Fragen: Ist die Wurzel ethisch moralischen Handelns wirklich in der Vernunft zu suchen, wie es Kant postulierte, entstehen moralische Regeln wie die Zehn Gebote durch das Wirken bzw. die Offenbarung einer höheren Macht, oder haben Ethik und Moral einen tiefer im Menschen sitzenden älteren Ursprung? Gibt es gar eine Evolution der Moral, und was bedeutet es dann moralisch zu handeln? Glücklicherweise sind wir heute bei diesen Fragen nicht mehr auf reine Spekulationen angewiesen, sondern können auf Ergebnisse der Primatenforschung und der Hirnforschung zurückgreifen. Damit stehen unsere Überlegungen auf der Basis von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und können somit beanspruchen, Grundsätzliches und Verlässlichkeit zur Entstehung unserer Moral beizutragen und auszusagen.

 

Dagegen steht die Annahme, dass auch ethisch – moralische Handlungen von denselben Kräften, Motiven und Prinzipien determiniert sind wie alle anderen Handlungen und Entscheidungen auch. Diese Denkweise nennen wir materialistisch, weil sie annimmt, es gebe nur einen einzigen Stoff der Welt, in dem zunächst die aus Ethik und Moral gebildeten Begriffe von Gut und Böse […] keine sinnvolle Bedeutung haben. Materialismus ist nicht die Denkweise, dass alles Materie sei, sondern die Denkhaltung, dass alles aus demselben Stoff gebildet sei. Ob man diesen Stoff Materie, Kraft, Material der Arbeit [oder] Leben [oder eben Evolution] nennt […], ist dabei unwichtig. Die materialistische Erklärung des Zustandekommens von Ethik und Moral geht davon aus, dass auch diese Kategorien im Dienst eines zu gelingenden Lebens stehen.[6]

 

Ethik scheint evolutionär tief im Menschen verankert zu sein. Schon Charles Darwin meinte 1871 in seinem Buch, die Abstammung des Menschen, dass der Mensch keinen Bruch mit der Natur begehen müsse, um zu einem moralischen Wesen zu werden; er schreibt: Moralität [gehört] gleichermaßen unmissverständlich zu einem Teil des menschlichen Wesens.[7]

 

Der Zoologe und Primatenforscher Frans de Waal lehnt die dualistische Sicht von Natur und Kultur ab. Seine Forschungsergebnisse zeigen, dass sich der Mensch nicht vom amoralischen Tier zum moralischen Menschen entwickelt hat, sondern vom sozialen Tier zum moralischen Tier. Gibt es für die erste Position keine empirischen Beweise, so zeigen die Ergebnisse der Hirnforschung, dass bei moralischen Entscheidungen auch entwicklungsgeschichtlich sehr alte Hirnareale aktiviert werden. Es hat den Anschein, dass die Empathie zu einem Erbe gehört, das so alt wie die Abstammungslinie der Säugetiere ist. Die Empathie nutzt Hirnareale, die mehr als hundert Millionen Jahre alt sind.[8] Dieses Netzwerk der Moral wurde durch die Evolution in die Hirnanatomie des Menschen eingewoben. Ethik scheint also in erster Linie durch Biologie und weniger durch Philosophie erklärbar und durch Evolution begründbar zu sein, denn die Evolution begünstigt Tiere, die einander helfen, wenn der dadurch gezogene Nutzen langfristig größer ist als der kurzfristige Vorteil, wenn sie allein oder in Konkurrenz agieren.[9]

 

De Waal entwickelt ein Drei – Ebenen – Modell der Moralentstehung als Ergebnis seiner Forschungen mit Primaten und der Auseinandersetzung mit Vertretern der Moralphilosophie

  • Moralische Gefühle
  • Sozialer Druck
  • Beurteilung und Überlegung.[10]

 

Moralische Gefühle sind die angeborenen Fähigkeiten zu Empathie, zu Reziprozität, Fairness und zu harmonischer Gestaltung von Beziehungen. Sozialer Druck erzeugt im Kollektiv Kooperation durch Belohnung und Strafe. Moralische Gefühle und sozialen Druck können wir bei Menschen wie Primaten gleicherweise beobachten. Diese Parallelen fehlen bei der Reflexion moralischer Normen (Beurteilung und Überlegung). Hier hat die menschliche Vernunft ihr ausschließliches Terrain. Nur der Mensch ist geistig dazu in der Lage, seine emotional verankerten Moralauffassungen reflektierend zu überprüfen und gegebenenfalls bewusst zu disziplinieren. Die Internalisierung der Bedürfnisse und Ziele von anderen in einem Maße, dass diese Bedürfnisse und Ziele in unserer Beurteilung von Verhalten auftauchen, darunter auch das Verhalten anderer, das uns nicht selbst betrifft, tritt nur beim Menschen in ausgeprägter Form auf. Die Ähnlichkeit des Verhaltens der Menschen zu dem der Primaten bewertet de Waal vorläufig: Das moralische Urteil ist selbstreflexiv (das heißt, es leitet unser Verhalten) und häufig logisch überlegt.[11]

 

Die Grundlage von Ethik und Moral ist in der Empathie zu suchen. Die Geschichte der Empathie ist gleichzeitig eine Geschichte der Evolution. Um moralisch handeln zu können, müssen wir uns in den anderen hineinversetzen können, müssen zumindest eine Ahnung davon haben, was für den anderen in einem konkreten Moment das Gute oder das Schlechte wäre. Die Beispiele, die de Waal und seine Mitarbeiter geben, weisen darauf hin, dass auch Tiere Empathie, Mitgefühl, besitzen, dass sie tatsächlich zu altruistischem Verhalten oder zu Grausamkeiten fähig sind. Die[se] Fähigkeit [Empathie] entstand vor langer Zeit mit motorischer Nachahmung und Gefühlsansteckung, woraufhin die Evolution Schicht um Schicht hinzufügte, bis unsere Vorfahren nicht nur fühlten, was andere fühlten, sondern auch verstanden, was sie möglicherweise wünschten oder brauchten. […] Es ist so, als hätte die Natur dem Organismus eine simple Verhaltensregel mit auf den Weg gegeben: >Spürst du, dass ein anderer leidet, geh hin und stelle Kontakt her.<[12]

 

De Waal unterscheidet zwischen einfacher und höher entwickelter Empathie. Bei der einfachen Empathie empfinden wir einfach nur mit, was ein anderer empfindet. Zur höher entwickelten Empathie kommt noch die Fähigkeit der Perspektivenübernahme hinzu: Diese Kombination aus emotionaler Erregung, die unsere Anteilnahme weckt, und dem kognitiven Ansatz, der uns eine Beurteilung der Lage ermöglicht, kennzeichnet die empathische Perspektivenübernahme. Diese beiden Seiten müssen sich die Waage halten.[13]

 

Als weiteren Schritt über die höher entwickelte Empathie hinaus nennt de Waal die Sympathie: Sympathie unterscheidet sich von Empathie dadurch, dass sie proaktiv ist. Als Empathie bezeichnen wir einen Prozess, mit dessen Hilfe wir Informationen über jemand anderen sammeln. Sympathie dagegen spiegelt Besorgnis um den anderen wider und den Wunsch, dessen Lage zu verbessern.[14] So beschreibt de Waal das Verhalten gegenüber Bettlern oder Obdachlosen. Wir fühlen durchaus mit ihnen mit und versetzen uns dabei in ihre Lage. Aber trotz dieser voll entwickelten Empathie, die wir an den Tag legen, müssen wir ihnen nicht unbedingt helfen. Wir können auch an ihnen vorbeigehen und sie ignorieren. Um zu helfen, muss oft noch etwas hinzukommen, ein zusätzliches Gefühl, das de Waal eben als „Sympathie“ bezeichnet. Sympathie geht also über Empathie hinaus, weil sie „proaktiv“ ist. Sympathie steht immer noch in Verbindung mit den verkörperten Automatismen der Empathie.

 

Irgendwann überschreitet das Schichtenmodell der menschlichen Empathiefähigkeit in den späteren Schichten die Grenze zum Bewusstsein: Im Kern befindet sich ein automatischer Prozess, den viele Arten gemeinsam haben. Ihn umgeben äußere Schichten, die für eine Feinabstimmung von Zielen und Reichweite sorgen. Nicht alle Arten besitzen alle Schichten: Nur wenige übernehmen die Perspektive anderer, eine Fähigkeit, die wir meisterhaft beherrschen. Doch selbst die höchstentwickelten Schichten der Puppen bleiben normalerweise mit ihrem ursprünglichen Kern verbunden.[15]

 

Schimpansen und Bonobos haben beispielsweise ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sie kümmern sich um verletzte Angehörige, teilen ihre Nahrung, warnen den Clan vor einem Leoparden, womit sie den Leoparden zunächst auf sich selbst aufmerksam machen und holen für bedrängte Angehörige Hilfe. Es gibt Berichte über Hilfe und Fürsorge sogar für artfremde Mitlebewesen.

 

De Waal meint, er könne zeigen, dass wesentliche Elemente menschlichen [Wirtschafts]verhaltens wie Reziprozität – Gutes mit Gutem vergelten –, faires Teilen und Kooperation sich nicht auf unsere Spezies beschränken. Wahrscheinlich entwickelten sie sich bei anderen Tierarten, weil sie ihnen dieselben Selektionsvorteile bieten wie uns: Ein Individuum kann ein Optimum an Nutzen von einem anderen beziehen, ohne die gemeinsamen, für das Gruppenleben unabdingbaren Interessen zu beeinträchtigen.[16]

 

Es geht um Altruismus, das heißt um den Verzicht zu Gunsten anderer. In den 1990er Jahren werden die Spiegelneurone[17] von den beiden italienischen Hirnforschern Giacomo Rizzolatti und Vittorio Gallese entdeckt und dienen als Erklärungsbasis für altruistisches Verhalten bei Tier und Mensch. Die Neurobiologie weist darauf hin, dass die Wirkung der Spiegelneurone altruistisches Handeln fördere. Altruismus, so de Waal, ist auch immer eine Frage der Ressourcen, ein Luxus. Altruismus richtet sich zunächst auf die nächsten Verwandten, erst danach kommen die Interessen des eigenen Stammes, der Nation.

 

Prosoziales Verhalten unter nicht verwandten Individuen kann auf der Basis der Reziprozitätnorm mit der Theorie des wechselseitigen Altruismus erklärt werden. Prosoziales Verhalten werde durch natürliche Selektion begünstigt, sofern die Kosten für den Helfenden niedriger sind als der Nutzen für den Empfänger. Reziprozität bedeutet eine „wie Du mir, so ich Dir“ – (tit for tat) Mentalität und fordert positive Reaktionen auf gute Behandlung, aber auch negative Reaktionen auf schlechte Behandlung. Prosoziale Reziprozität bedeutet, dass jemand deshalb hilft, weil ihm selber geholfen wurde.[18] Der Arzt und Philosoph Ludwig Büchner (1824 – 1899) hat das im Kapitel Moral seines Buches „der Mensch und seine Stellung in der Natur in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ so formuliert: das einzig richtige und haltbare Moralprinzip beruht auf dem Verhältnis der Gegenseitigkeit. Es gibt daher keine bessere Richtschnur für moralisches Verhalten als den alten und wohlbekannten Spruch: Was Du nicht willst, daß man Dir thu‘, das füg‘ auch keinem andern zu. Ergänzt man diesen Spruch durch den weiteren: Was Du willst, daß man Dir thue, das thue auch anderen – so hat man den ganzen Codex der Tugend- und Sittenlehre in der Hand, und zwar besser und einfacher, als die dickleibigen Handbücher der Ethik oder die Quintessenz aller Religionssysteme der Welt ihn uns liefern könnten.[19]

 

Beim Verwandtschaftsaltruismus versteckt sich hinter dem helfenden Verhalten ein egoistisches Motiv. Die Theorie des Verwandtschaftsaltruismus besagt, dass wir umso altruistischer sind, je höher der Verwandtschaftsgrad mit der hilfebedürftigen Person ist. Denn durch die Hilfe erhöht sich die Überlebens- und Fortpflanzungswahrscheinlichkeit dieser Person und dadurch überlebt auch ein Prozentsatz identischer Gene des Helfenden. So wird dann geholfen, wenn das Produkt von Verwandtschaftsgrad und Nutzen für den Hilfeempfänger grösser ist als die Kosten für den Helfenden. Hamiltons Formel[20] dazu lautet: rb>c; r ist der Verwandtschaftsgrad und b der Nutzen für den Empfänger, während c die Kosten für den Helfenden symbolisieren.

 

Das Ausmaß der Großzügigkeit hängt von den eigenen Ressourcen ab. Gleichzeitig folgt die ethisch – altruistische Entscheidung dem Charakter und der Erwartung des Eigennutzen. Der Mensch kann eben nichts anders, als der Triebfeder des Lebens, dem Prinzip Eigennutz oder Selbstinteresse[21], zu folgen. Der Mensch ist, wie er will und will, wie er ist[22], lautet Schopenhauers Verdikt über die Ideologien der Freiheit und deren Konzept einer ethischen Vernunft. Das Bild eines Heiligen, wie es von Religionsgemeinschaften aber auch von Ethikern wie Kant gefordert wird, der selbstlos gibt, sich selbst hingibt, ist – wie die Erfahrung aus der Natur zeigt – reine Illusion. Zumindest das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, wenn nicht das Versprechen einer Belohnung zu einem späteren Zeitpunkt, will jeder doch mitnehmen. Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.[23]

 

Unter ethischen Gesichtspunkten scheint der Mensch also seine Sonderstellung zu verlieren, der Mensch ist also offensichtlich nicht das „guteste“ Wesen auf dieser Welt. Ist er dann wenigstens das einzig böse? Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass zu foltern oder Schmerzen um der Schmerzen willen zuzufügen, nur beim Menschen nie aber im Tierreich vorkomme. Niemand würde einer Katze Bösartigkeit zusprechen, wenn sie mit ihrem Opfer, einer Maus, spielt; wir meinen, sie folge nur ihrem Instinkt. Von jungen Schimpansen dagegen wissen wir, dass sie als Spiel mit Steinen nach Enten werfen oder Küken anlocken, um mit einem Stock nach ihnen zu schlagen; wir wissen von regelrechten Kriegen von Schimpansengruppen gegen ihre Nachbarn, die mit der Ausrottung des benachbarten Clans enden. Die Primatenforscherin Jane Goodall meint, wenn Schimpansen Schusswaffen und Messer hätten und wüssten, wie man mit ihnen umgeht, würden sie ohne jeden Zweifel ebenso davon Gebrauch machen wie wir Menschen.[24] Schimpansen sind gut zur Empathie fähig und es liegt daher nahe anzunehmen, dass sie sich der Folgen ihrer Handlungen durchaus bewusst sind. Es gibt damit im Guten wie im Schlechten keinen qualitativen Sprung vom amoralischen Tier zum moralischen Menschen.

 

Allerdings spielt dabei auch die Interpretation eine Rolle. Es ist sicher nicht zulässig im Sinne eines Anthropomorphismus, Tieren menschliche Eigenschaften zuzusprechen. Klar ist, dass Tiere keine Menschen sind, genauso klar ist aber auch, dass Menschen Tiere sind. De Waal spricht in diesem Zusammenhang von Anthroponegation und meint damit die absichtliche Blindheit gegenüber menschenähnlichen Charakteristika bei Tieren und tierähnlichen Charakteristika bei Menschen.[25]

 

Aus der Ähnlichkeit der äußeren Handlungen der Tiere und derjenigen, die wir selbst ausführen, schließen wir, dass auch ihre inneren Handlungen den unsrigen gleichen; und wenn wir nach demselben Prinzip noch einen Schritt weiter gehen, so sehen wir uns genötigt zu schließen, dass, da ihre inneren Handlungen den unsrigen gleichen, die Ursachen, aus denen beide entspringen, gleichfalls übereinstimmen müssen. Wenn also irgendeine Hypothese aufgestellt wird, die zur Klärung einer den Menschen und Tieren gemeinsamen geistigen Tätigkeit dienen soll, so müssen wir zusehen, ob dieselbe Hypothese auf beide, die Tiere und die Menschen, in gleicher Weise anwendbar ist.[26]

 

Anthropomorphismus wird dann ein Problem, wenn jemand überzeugt ist, dass der Mensch „die Krone der Schöpfung“ sei oder Probleme mit einer evolutionären Sichtweise hat. Ansonsten aber ist der Anthropomorphismus ein berechtigter Ansatz, um das Verhalten der Tiere zu beschreiben.

 

Die evolutionsbiologische Argumentation, dass die bei Tierprimaten, vor allem bei Menschenaffen, beobachteten Sozialregeln durch genetische Disposition auch beim Menschen programmiert sind, erscheint also plausibel. Der Mensch wurde im Laufe der Evolution mit Dispositionen zum sozialen Leben ausgestattet, er ist allerdings sozial nicht beliebig belastbar. Diese Sozialregeln sind in einer speziellen Umgebung des eigenen Clans mit 40 – 60 Mitgliedern entstanden, die damit völlig verschieden von den späteren und aktuellen menschlichen Groß- und Massengesellschaften sind. De Waals Annahmen gelten zunächst und insbesondere für diese idyllischen Kleinpopulationen. In diesem Zusammenhang beachtenswert scheint, dass in menschlichen Großgesellschaften Machtpositionen nicht selten von Psychopathen und Soziopathen eingenommen werden[27], dass jedoch von Psychopathen in der Population von Tierprimaten nichts bekannt zu sein scheint. Thomas Hobbes Diktum, dass die Menschen einander als Wölfe begegnen, trifft – wenn überhaupt – nur auf die kulturell hochentwickelten Massengesellschaften zu.

 

Massengesellschaften neigen zur Anonymisierung der Sozialbeziehungen; diese gehen mit Entsolidarisierung und Auflösung von Loyalität gegenüber dem Kollektiv einher. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob – wie Sigmund Freund und Konrad Lorenz postulieren – der Mensch einen „angeborenen“ Aggressionstrieb habe und deshalb stets auf Angriff programmiert sei oder ob Aggressivität primär eine Verteidigungsreaktion darstelle, also nur im Fall von Bedrohung aktiv wird und keineswegs Triebcharakter hat. Auch wenn die Triebthese nicht nur unter Wissenschaftlern[28] sondern auch in der breiten Öffentlichkeit populär ist, dürfte es sich um eine überholte, wenn nicht von Anfang an ideologisch beeinflusste Lehrmeinung handeln. Der Zusammenbruch zivilgesellschaftlicher Ordnung hat meist Ursachen, die meist nicht für einen natürlichen Aggressionstrieb sprechen, sondern sozialökonomischer und politischer Art sind und stets Bedrohungskonstellationen herbeiführen, auf die hin das Reiz–Reaktionsschema handelt. Jüngere Forschungsergebnisse kritisieren die Aggressionstrieb – Hypothese insbesondere in ihrer bellizistischen Ausdeutung durch Konrad Lorenz und erbringen überzeugende Belege für die Reiz-Reaktionshypothese.[29]

 

Wenn der Mensch des Menschen Wolf ist, dann in jeder, nicht nur negativer Hinsicht. Wir wären nicht dort, wo wir heute sind, wenn unsere Vorfahren weniger gesellig gewesen wären. Wir brauchen eine Generalüberholung unserer Annahmen über die menschliche Natur. Zu viele Wirtschaftswissenschaftler und Politiker machen sich ihr Bild von der menschlichen Gesellschaft nach dem ewigen Kampf, der ihrer Meinung nach in der Natur tobt, jedoch in Wahrheit reine Projektion ist. Wie Zauberkünstler werfen sie ihre ideologischen Vorurteile zunächst in den Hut der Natur und ziehen sie anschließend an den Ohren wieder heraus, um zu zeigen, wie sehr die Natur mit ihnen übereinstimmt. Auf diesen Trick sind wir schon viel zu lange hereingefallen. Natürlich gehört auch der Wettbewerb in dieses Bild, doch Menschen können nicht vom Wettbewerb allein leben.[30]

[1] Immer wieder wird behauptet, dieser Ausspruch stamme aus Hobbes Hauptwerk Leviathan. Stattdessen stammt die Passage aber aus der Widmung des Werkes De Cive, die Hobbes an William Cavendish richtet. Er gebraucht diesen Satz als Beschreibung für den vorstaatlichen Naturzustand des Menschen. Weniger bekannt, aber für das Verständnis zentral ist Hobbes Relativierung des Satzes: Er schreibt, es seien „beide Sätze wahr: Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht. http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus, Zugriff: 14.04.2014, 19.00hrs

[2] Rousseau J. – J., Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Reclam, 1998, S. 115 ff., Anmerkung IX)

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt, Zugriff 17.04.2014, 16.50hrs

[4] Freud S. 1930, zitiert nach de Waal F., der Turm der Moral, in de Waal F., wie die Evolution die Moral hervorbrachte, hrsg. und eingeleitet von Marcedo S. und Ober J.; München Hanser 2008

[5] Dawkins R., das egoistische Gen, 1976

[6] Grün K. – J., Die Ökonomie der ethischen Entscheidung, in Roth G., Grün K. – J., Friedman M. (Hrsg.) Kopf oder Bauch? Zur Biologie der Entscheidung; Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2010

[7] Darwin Ch., die Abstammung des Menschen, 1871

[8] De Waal F., Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011

[9] De Waal F., Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Hrsg. u. eingeleitet von Macedo S. und Ober J., München 2008, Hanser

[10] Ebd.

[11] De Waal F., Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Hrsg. u. eingeleitet von Macedo S. und Ober J., München 2008, Hanser

[12] De Waal F., Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011, Hanser

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] De Waal F., Tierische Geschäfte, in Spektrum der Wissenschaft Dossier Fairness, Kooperation, Demokratie 5, 2006, S. 73

[17] Ein Spiegelneuron ist eine Nervenzelle, die im Gehirn von Primaten beim Betrachten eines Vorgangs das gleiche Aktivitätsmuster aufweist, wie es entstünde, wenn dieser Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern selbst (aktiv) durchgeführt würde. Auch Geräusche, welche mit bestimmten Handlungen assoziiert sind, verursachen bei einem Spiegelneuron dasselbe Aktivitätsmuster, welches die aktive Handlung verursachen würde. Seit ihrer erstmaligen Beschreibung im Jahr 1992 herrscht eine Debatte darüber, inwieweit Spiegelneurone zu den Fähigkeiten der Empathie und Imitation bei Primaten beitragen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelneuronen, Zugriff 18.04.2014, 10.05hrs

[18] Stroebe, W., Jonas, K. Hewstone, M.. Sozialpsychologie; Springer-Verlag, Berlin 2003

[19] Büchner L., der Mensch und seine Stellung in der Natur in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Thomas, Leipzig 1872, zitiert nach Wuketits F. M., wieviel Moral verträgt der Mensch, eine Provokation; Verlagshaus Gütersloh, 1. Auflage Gütersloh 2010

[20] http://de.wikipedia.org/wiki/Verwandtenselektion, Zugriff 21.04.2014, 15.05hrs

[21] Höffe O., Lexikon der Ethik, Verlag C.H.Beck, siebente Auflage 2008, Stichwort „Selbstinteresse“

[22] Schopenhauer A., über die Freiheit des menschlichen Willens, Zürich, Diogenes 1977

[23] Smith A., Theorie der ethischen Gefühle, 1759

[24] Goodall J., zitiert nach de Waal Frans, Der Affe in uns. Warum wir sind, wie wir sind; München 2009, dtv

[25] De Waal F., Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Hrsg. u. eingeleitet von Macedo S. und Ober J., München 2008, Hanser

[26] Hume D., Traktat über die menschliche Natur, 1793

[27] Oakley B. Biologie des Bösen. Tyrannen in der Weltgeschichte und des Alltags. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 2008,

Wirth, H. – J., Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik (3. Auflage); Gießen: Psychosozial – Verlag 2006

Scheusch E. K., Scheusch U., Manager im Größenwahn; Reinbek, Hamburg 2003

[28] Dressler S., Zink C., Pschyrembel. Wörterbuch der Sexualität; Walter de Gruyter, Berlin und New York 2003

[29] Bauer J., Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus; Hamburg, Hoffmann und Campe 2008

[30] De Waal F., Das Prinzip Empathie, Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011, Hanser