Tugend

In unserem Ritual begegnen wir dem Begriff Tugend mehrmals. Da heißt es im Ritual der Aufnahme: geistige Freiheit, Achtung vor der Überzeugung anderer, Befolgung der Landesgesetze, Liebe zu den Mitmenschen, Gewissenhaftigkeit im Beruf, zielbewusste Wohltätigkeit, Geduld und Standhaftigkeit im Leiden, Bescheidenheit im Glück, das sind die Tugenden, die von dem gefordert werden, der Freimaurer werden will; das sind auch seine Pflichten… Keine andere Ehre suche der Maurer als die, die er durch männliche Tugenden zu gewinnen weiß… Und am Ende jeder Arbeit erneuert der Br... Redner stellvertretend für alle Brr... das Gelöbnis: die (männliche) Tugend der Verschwiegenheit zu üben… Es scheint also so etwas wie maurerische Tugenden zu geben, die entweder Voraussetzung für die Aufnahme in den Bund sind oder dem Br... zur Ehre gereichen sollen.

 

Wikipedia definiert den Begriff Tugend als Fähigkeit oder innere Haltung, das Gute mit innerer Neigung (das heißt leicht und mit Freude) zu tun; im allgemeineren Kontext wird mit Tugend der Besitz einer positiven Eigenschaft bezeichnet. Wenn wir heute Tugend hören, so glauben wir gleichzeitig den erhobenen Zeigefinger der Moral zu spüren, denn in unserer Welt des „anything goes“ und „alles ist erlaubt, solange es nicht auffällt“ scheint Tugend ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Darum hat wohl auch der französische Philosoph André Comte-Sponville sein Buch „kleines Brevier der Tugenden & Werte“ eine „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“ genannt.

 

Der Begriff Tugend wird von „Tauglichkeit“ abgeleitet; diese ist eine Kraft, die wirkt und wirken kann. Tauglichkeit ist Vermögen, spezifisches Vermögen; eine Heilpflanze vermag anderes als ein Messer und ein Tier vermag nicht dasselbe wie ein Mensch. Vermögen an sich ist unabhängig vom Zweck. Ein scharfes Messer erfüllt seinen Zweck beim Brotschneiden genauso wie in der Hand eines Mörders. Das gilt jedoch nicht für den Menschen. Schon Aristoteles meinte, dass das, was den Menschen vom Tier unterscheide, die Vernunft oder das Vernunft gemäße Leben sei. Vernunft allein ist nicht genug, es braucht auch den Wunsch danach, die Erziehung, die Gewohnheit, das Gedächtnis. Die Tugend eines Menschen ist das, was ihn menschlich macht, das spezifische Vermögen, seine Menschlichkeit unter Beweis zu stellen. Tugend beginnt dort, wo Hominisation (als biologische Tatsache) mit Humanisierung (als kulturelle Tatsache) zusammenkommt. Spinoza sagt es in seiner Ethik so: Unter Tugend und Kraft verstehe ich dasselbe; das heißt: Tugend, sofern sie auf den Menschen bezogen wird, ist die Wesenheit des Menschen oder seiner Natur selbst, sofern es in seiner Gewalt steht, etwas zu bewirken, was durch die bloßen Gesetze seiner Natur eingesehen werden kann.

 

Seit Aristoteles wird die Fähigkeit, die erworbene Disposition, das Gute zu tun, als Tugend bezeichnet. Tugend ist jedoch mehr, sie ist das Gute selbst, geistig und wirklich. Jede Tugend ist ein Gipfel zwischen zwei Lastern, ein Grat zwischen zwei Abgründen. Das Mittlere ist dabei jedoch nicht als mathematischer Wert zu verstehen, sondern als das Beste, was man im Bereich einer Charaktereigenschaft erreichen kann. Es ist jeweils individuell bestimmt. Die Tugend ist also ein Verhalten (eine Haltung) der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde. (Aristoteles, Nikomachische Ethik)

 

Können wir immer auf dem Gipfel leben oder auf dem schmalen Grat balancieren? Ich glaube kaum. Daher ist es so wichtig, sich die Tugenden immer wieder aufs Neue ins Gedächtnis zu rufen. Wenn wir über Tugenden nachdenken, so denken wir eigentlich über unsere Entfernung von ihnen nach; denken wir über ihre Vorzüge nach, so beschäftigen wir uns im Grunde mit unserer Unzulänglichkeit und mit unserer Erbärmlichkeit. Nachdenken ist ein erster Schritt, Nachdenken über Tugend genügt nicht, wir müssen handeln; die Aufforderung heißt, tugendhaft zu leben. Dafür gibt es in der Theorie der Ethik die Disziplin der Tugendethik. Die Einübung ethischer Tugenden verhilft zur Beherrschung der Triebe und Affekte und macht so den Handelnden unabhängiger. Um ethisches Handeln auf das Gute auszurichten, bedarf es der (Selbst)erziehung, die unsere moralische Sensibilität erhöht und so Einfluss auf die Qualität unserer Handlungen nimmt. Richtiges Handeln wird durch richtige Einstellungen und Charaktereigenschaften begründet. Wer in diese eingeübt ist, ist auch in Entscheidungssituationen in der Lage, angemessen zu reagieren.

 

Keine andere Ehre suche der Maurer als die, die er durch männliche Tugenden zu gewinnen weiß.

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