Erlösungsreligion und Freimaurerei, gemeinsam mit Br:. P. B.

Ausgangssituation und Vorbemerkungen

Die katholische Kirche stand der Freimaurerei beinahe seit ihrem Entstehen feindlich gegenüber. Bereits 1738, nur 15 Jahre nach der Veröffentlichung der Konstitutionen von Anderson, erschien unter Papst Clemens XII. die erste Bulle gegen die Freimaurerei, genannt „In eminenti“. Dieser folgten noch weitere 16 Bannbullen, die letzte „Annum ingressi“ 1902. In den vergangenen gut 100 Jahren hat sich das Verhältnis zwischen FMei und katholischer Kirche deutlich entspannt (cf.: Dialog zwischen DepGM Baresch und Kardinal König, Streichen der automatischen Exkommunikation aus dem Codex Iuris Canonici, Buch von Michael Weninger uam), dennoch hält die katholische Kirche bis heute pauschal an der Unvereinbarkeit zwischen Katholizismus und Freimaurerei fest.[1]

Die katholische Kirche hat immer wieder dieselben Vorwürfe gegen die FMei vorgebracht, aktiver Kampf gegen die Kirche, Gegenkirche, Geheimbund, Häresie etc.; interessanterweise war – unserem Wissen nach – nie die Frage ein Thema, wie das Ziel der FMei, die Selbstveredelung und die Verbesserung der Menschheit, mit der Idee der Erlösung durch Jesus Christus vereinbar wäre. Die meisten anderen offenen Themen scheinen durch den Dialog einigermaßen zufriedenstellend gelöst zu sein. Diese Frage bleibt jedoch offen.

Um zur Klärung dieser Frage – widerspricht das Konzept der Selbstveredelung (=Selbsterlösung), wie es die FMei entwickelt hat, dem Glaubenssatz vom Erlösungswerk Gottes durch Jesus Christus – beizutragen, haben wir bewusst die Form einer Disputation gewählt, bei welcher die Vortragenden die Fragestellung aus zwei Gesichtspunkten untersuchen. Br... Peter wird die christliche Position darstellen und Br... Johannes die Position der FMei. Am Ende sollen die Argumente, die für oder gegen die Frage sprechen, ob Erlösungsreligion und Freimaurerei, bzw. Opfertod Jesu Christi und Gnade oder Selbsterlösung durch Selbstveredelung kompatibel sind oder nicht, auf dem Tisch liegen, damit sich jeder Br... im Diskurs an der WT seine Meinung bilden kann.

Der persönliche Zugang zu dieser Frage

Ich bin in einem strengen protestantischen Haushalt aufgewachsen (mein Vater war Universitätsprofessor für evangelische Kirchengeschichte) und wurde christlich sozialisiert mit Taufe, Konfirmation, Jungschar, Leitung des Kindergottesdienstes usw.

Zunehmend wurde ich jedoch Zweifler und Suchender nach den „großen Fragen der Menschheit“ und den „letzten Dingen“.

Ich bin immer noch evangelisch-lutherisches Gemeindemitglied, bete und gehe auch immer wieder in die Kirche (sowohl evangelisch als auch katholisch, da meine Gattin Katholikin ist und wir ökumenisch geheiratet haben – wie es damals hieß „eine Mischehe“).

Weltanschaulich bezeichne ich mich als „bürgerlich“, d.h. für mich Betonung der Würde jedes Menschen, Vorzug des Subjekts vor dem Kollektiv, Absage an den bevormundenden Staat, sorgsamster Umgang mit Steuermitteln sowie Wertschätzung für Wirtschaft, Wettbewerb, Eigenverantwortung und Leistung.

Ich bin in einem klassischen, katholischen Haushalt aufgewachsen. Bis ins junge Erwachsenenalter war ich in einer Pfarre aktiv. Durch die Auseinandersetzung mit der Konfession der Mutter meiner Söhne, die evangelisch H.B. ist, entstand so etwas wie Offenheit in Konfessionsfragen. Damit begann mein Nachdenken über die Fragen der Konfession und des Glaubens.

Nach längerer Zeit stellte ich fest, dass ich in meiner zunehmenden und konsequenten Religionskritik nicht mehr von mir behaupten konnte, Christ im klassischen Sinn des Wortes zu sein, weshalb ich aus der Kirche ausgetreten bin. Aus Gründen der Erkenntnistheorie bezeichne ich mich als Agnostiker, denn eine Aussage über die Existenz eines Gottes erscheint mir genauso unmöglich wie über die Nicht-Existenz eines Gottes.

Ich vertrete ein materialistisches Weltbild. Meine Sicht ist geprägt von Camus Philosophie des Absurden und den Ideen der Aufklärung. Ich versuche die Philosophie Epikurs zu leben und habe einen optimistischen Blick auf mein Hier und Jetzt. Ich stelle den selbstbewussten Anspruch, mich auf den eigenen willen und die Anstrengung meiner – freilich als begrenzt erkannten – Vernunft zu stützen, um mein Leben aktiv und bewusst zu gestalten.

Das Erbe des Christentums im Humanismus

Die Geschichte des Christentums ist die Geschichte der Erlösung der Menschheit durch die Vorsehung Gottes. Das Christentum versteht Gott als persönlichen Gott, der den einzelnen Menschen liebt. Er ist ein gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; er ist allgut, allmächtig und allwissend. Neuzeitliches Denken hat diese Geschichte der Erlösung durch Fortschritt auf Grund von kollektiver Anstrengung der Menschheit ersetzt. Bevor die Erlösung am Ende aller Zeiten durch die Parusie Christi erfolge, müsse das Böse in der Welt durch menschliche Anstrengungen verringert werden.

Der christliche Mythos von der endgültigen Erlösung der Welt wird ohne den Bezug zum Transzendenten von den Denkern der Aufklärung aufgegriffen und wird damit zur Quelle all der Ideologien, die sich die Verbesserung der Welt – mit welchen Zielen und Mitteln auch immer – auf die Fahnen geschrieben haben. Auch die FMei folgt diesem Gedankengang, wenn sie vom Fortschritt der Menschheit und der Veredelung des Einzelnen spricht.

Contemporary atheism is a continuation of monotheism by other means.[2]

Die Definition von Freimaurerei

Abgesehen davon, dass wahrscheinlich ein jeder Bruder die Frage, was FMei sei, anders beantworten würde, weil der Zugang zur FMei durch das persönliche Erleben des Bruders entsteht, ist die FMei ein in sich nicht definiertes, schillerndes Phänomen, das in seiner Organisationsform uneinheitlich ist, von der christlichen FMei Skandinaviens zur laizistischen, atheistischen FMei französischer Prägung, von der theistischen FMei der UGoLE zur humanitären FMei Zentraleuropas, denn eine gemeinsame Zentrale oder Zentrum gibt es nicht. Da wir beide durch die humanitäre FMei, wie sie in der GLvÖ praktiziert wird, geprägt worden sind, scheint es uns zulässig und richtig, für unsere Disputation die Definition von FMei zu verwenden, wie sie im Ritual der Initiation der GLvÖ festgeschrieben ist.

Die Bruderschaft der Freimaurer ist eine ethisch-humanitäre Gemeinschaft freier Männer…

Sie [die Freimaurerei] strebt den Fortschritt der Menschheit an auf dem friedlichen Wege der Belehrung und Bildung, die Veredelung der Menschheit auf dem Wege der Veredelung des Einzelnen…

Das Ziel der Freimaurerei ist, alle Menschen als Glieder einer einzigen Familie zu vereinen und mit solcher sittlichen Kraft, mit solcher Humanität zu erfüllen, dass sie einander als Brüder anerkennen, lieben und helfen.[3]

Die christliche Position

In der christlichen Tradition ist Erlösung die Befreiung von Sünde und Tod, wobei der Tod als „der Sünde Sold“, also als Strafe für die Sünde gilt.[4]

Beide, Sünde und Tod, haben die Ferne von Gott gemeinsam, die Entfremdung des Menschen von seiner Mitte, seinem Ziel – von Gott. Erlösung, als Befreiung von der Macht des Todes, ist Befreiung von der Gebundenheit in der Zeit, der Vergänglichkeit zu Gott, zur Ewigkeit.  Sünde ist das Getrenntsein von der Einheit, der Schöpfung, von Gott. Erlösung ist somit Aufhebung der Trennung, also Einheit mit Gott.

Der Apostel Paulus entwickelte eine Theologie der Sünde, die als Grundlage der späteren Erbsündenlehre gelten kann. Paulus parallelisierte den für die ganze Menschheit stehenden ersten Menschen, Adam (das hebräische Wort Adam bedeutet einfach „Mensch“), mit dem für die neue Menschheit stehenden zweiten Adam, Christus. So wie aufgrund der Sünde des Ersten die Menschheit dem Tod ausgeliefert war, wird sie aufgrund der Erlösungstat des Zweiten aus diesem Tod errettet.

Die augustinische Erbsündenlehre besagt: Der Mensch kommt beladen mit der Erbsünde auf die Welt. Er benötigt deshalb zur Erlösung die Gnade Gottes. Diese wurde durch die MenschwerdungKreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ermöglicht. Die Erlösung findet der Mensch durch das Sakrament der Taufe, da der Getaufte nicht mehr der Erbsünde unterliegt. Daher war für Augustinus die Säuglingstaufe besonders empfehlenswert, um das unmündige Kind der Verdammnis zu entreißen, die ihm drohe, falls es ungetauft sterbe. Gleichwohl verbleibt der Mensch in der sterblichen Welt mit den Folgen der Erbsünde behaftet und diese rechtfertigt auch eine ewige Bestrafung der Sünder in der Hölle.[5]

Vor allem die Schrecken vor den letzten Dingen, dem letzten Gericht, dem „dies irae“ und der Hölle beflügelten die Vorstellungen und Wünsche nach Erlösung.

Modernere Formulierungen der Erb- bzw. Ursünde, wie von Karl Rahner, sprechen von der „Sündenverflochtenheit“ des Menschen: jeder Mensch wird in ein Netz der Sündenverflochtenheit hineingeboren und knüpft daran weiter. Gott bleibt der Gnädige und erlöst alle Menschen aus diesem Unheilszusammenhang.[6]

Die freimaurerische Position

Die FMei steht in der Tradition der Denker der Aufklärer, die davon überzeugt sind, dass ein Fortschritt des Menschen in moralischer Hinsicht nötig und durch eigenes Tun möglich ist, ohne dass der Mensch die Erlösungstat eines Gottes benötigt. Für die Philosophen der Aufklärung ist der Mensch, so wie er ist, ein wildes, grausames Wesen, dessen Urinstinkte gebändigt werden müssten, um in einer sozialen und moralischen Gesellschaft leben zu können.[7] Dieses Ziel wollte beispielsweise Wilhelm von Humboldt durch Bildung (insbesondere humanistische Bildung) erreichen.[8] In der Folge ziehen sich solche Überlegungen durch die gesamte abendländische Kulturgeschichte. So vertritt beispielsweise Freud in seiner Kulturkritik die Auffassung, dass…

…Zivilisation […] aus der Leugnung des Instinkts […], aus der Beherrschung der Naturkräfte, aus dem Aufbau eines kulturellen Überichs[9] entsteht.

Und Richard Dawkins meint in seinem Buch, das egoistische Gen…

wir allein – einzig und allein wir [Menschen] auf der Erde – können uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren [=Gene] auflehnen.[10]

Die FMei erkennt die Fehlbarkeit des Menschen an. Ihr Selbstverständnis setzt diesen Zustand der Unvollkommenheit als naturgegeben voraus. Sie fragt – anders als die Religionen – nicht nach dessen Ursache und bewertet ihn nicht moralisch. Als Subjekt und zugleich Objekt seiner Geschichte bleibt es dem Menschen auferlegt, sich selbst in gemeinschaftlicher Arbeit zu veredeln. Dazu braucht er weder die Mithilfe eines Priesters, der letztgültig die Zeichen der göttlichen Gnade vermittelt, noch die Selbstopferung eines Gottes. Das Ziel, der zu werden, der er sein könnte und damit menschenähnlicher – nicht gottähnlicher – zu werden, erreicht der Br... durch drei Schritte

  • Selbsterkenntnis und Welterkenntnis
  • Selbstbeherrschung und Wirkung auf die ganze Welt
  • Selbstveredelung und Streben nach Lebensglück der gesamten Menschheit.

Der rauhe Stein, der auf den Arbeitsplatz gebracht wird, ist das Sinnbild des an Geist und Herzen unvollkommenen Menschen, bei dem die sittliche Natur die geistige überwiegt, der aber mit rechtem Ernst und heiligem Eifer seiner geistigen und sittlichen Vervollkommnung entgegenstrebt. In diesem Sinnbild sind die wichtigsten Pflichten des Maurers, die der Selbstbeherrschung und Selbstveredelung, versinnbildlicht.[11]

Die englische FMei definiert das Ziel der maurerischen Arbeit kurz so: to make good men better.

Die Methoden

Durch Sühne wird der Sünder wieder mit Gott versöhnt. Die Sünde wird durch die Sühne aufgehoben, diese Erlösung geschah durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi.[12]

Die Satisfaktionstheorie des „christlichen Erlösungsopfers“ besagt: da die menschliche Schuld so groß ist, dass ein Mensch oder auch die gesamte Menschheit diese Sühne, diese Aufhebung des Bösen nicht leisten kann, muss Gott sich selbst mit sich versöhnen (z.B. bei Anselm von Canterbury), nur Gott kann diese Satisfaktionsleistung erbringen und für die Menschheit einspringen.[13]

Als Pascha-Mysterium (Ostergeheimnis) wird die Einheit von Leiden, Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi von den Toten sowie seiner Himmelfahrt und Erhöhung bezeichnet, das in jeder heiligen Messe gefeiert und sowohl als „mysterium fidei“ (Geheimnis des Glaubens) als auch im Credo des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bekannt wird.[14]

Nach Pelagius, dessen Lehre auf dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 als Häresie verurteilt wurde, trage der Mensch die volle Verantwortung für sein Seelenheil, die Gnade Gottes ist zweitrangig und auch Christus dient dem Menschen nur als gutes Beispiel, nicht aber als Erlöser. Der Mensch könne, ja müsse sich sein Seelenheil selbst verdienen (also Selbsterlösung).

Demgegenüber hielt Augustinus (+ 430) den freien Willen des Menschen aufgrund der Erbsünde für durch und durch verdorben, so dass er aus sich heraus nicht mehr zum Guten fähig sei. Nur die Gnade Gottes bricht die Sünde des Menschen auf und befreit ihn.[15]

Das Konzil von Trient (1545-1547) stellte fest, dass eine Selbsterlösung des Menschen nicht möglich ist und der Mensch der Gnade Gottes bedarf. Der Mensch lebt nicht nur für immer und ewig in der Sünde, er lebt auch immer in der Gnade.[16]

In diesem Konzil wurde aber auch das Dogma der Erbsündenlehre der katholischen Kirche formuliert: „jeder Mensch ist durch Fortpflanzung innerlich von der Erbsünde (Ursünde) geprägt“, aber grundsätzlich sind alle Getauften von dieser erlöst.[17]

Gottes Ziel ist nicht Bestrafung der Schuld, sondern Aussöhnung, nicht die Vernichtung, sondern Rettung. Die angemessene Antwort des Sünders auf Gottes Barmherzigkeit ist „Umkehr“, die radikale Änderung des eigenen Lebens.[18]

Die Rolle der katholischen Kirche dabei wird vor allem durch das Axiom „extra ecclesiam nulla salus (ohne Kirche kein Heileil)“, geprägt, dies am schärfsten von Papst Bonifaz VIII. in der Bulle „Unam sanctam“ (1302).[19]

Sakramente (altgriech. mysterien) sind heilige Zeichen und Handlungen, die durch Gottes Gnade bewirkt werden.[20] Thomas von Aquin erklärt die sieben sakramentalen Akte als souveräne Eingriffe des Schöpfer- und Erlösergottes in die menschliche Existenz. Gott bediene sich des Ritus (der religiösen Zeremonie) als eines Werkzeugs, um seine Gnade zu vermitteln, die Sakramente seien dabei der Weg der Heilsvermittlung.

Sakramente wirken ex opere operato („aufgrund der vollzogenen sakramentalen Handlung“), also unabhängig von der Einstellung bzw. sittlichen Disposition des Spenders und Empfängers.[21]

Ähnlich sieht es auch die lutherische Lehre: Das Gnadenangebot Gottes steht und fällt nicht mit dem Glauben oder Unglauben des Menschen. Die Wirksamkeit der Sakramente beruht auch nicht auf der Würdigkeit des Amtsträgers.

Das Sakrament der Taufe ist heilsnotwendig und reinigt den Christen vom Makel der Erbsünde (aber nicht von der Neigung zur Sünde).

Die Eucharistie, die Feier des heiligen Abendmahls, ist die Feier der Erlösungstat Jesu Christi und seiner Auferstehung.

Beichte und Absolution bewirken einen (radikalen) Neubeginn, tabula rasa.
Dabei lautet die Absolutionsformel der katholischen Kirche: „Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Nach lutherischem Verständnis folgt aus Beichte und Sündenvergebung, von der Sünde zu lassen und das eigene Leben zu bessern.[22]

Das Konzil von Trient lehrte, dass Christen sich mit guten Werken ein augmentum gratiae („Zuwachs der Gnade“) verdienten, mit dem sie zu ihrem ewigen Leben und zur eigenen Verherrlichung beitrügen.[23]

Demgegenüber wurden und werden „gute Werke und rechtes Leben“ im Protestantismus für selbstverständlich und als sogenannte Werkgerechtigkeit für die Erlösung als unerheblich angesehen. Die Erlösung erfolgt allein durch die Gnade Gottes (Luthers „sola gratia“), nicht durch den Menschen.[24]

Luthers „sola fide“-Lehre stellt die persönliche Beziehung zu Gott für die Erlangung des Heils in den Vordergrund, der Anteil des Menschen besteht darin, Gottes Liebe im eigenen Leben zur Entfaltung kommen zu lassen.[25]

Ziel ist das Ewige Leben, das im Credo des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bekannt und angerufen wird. Dieses wird als Gabe Gottes aufgefasst, die nur den Gläubigen gewährt wird, ein Zustand im künftigen Gottesreich, der als Frieden, Seligkeit und Heil, insbesondere als Freiheit von den Übeln und Gefahren des irdischen Daseins und als Besitz unbegrenzbaren Lebens angesehen wird.[26]

Im Mittelpunkt des Denkens der FMei steht der Mensch, wie er ist. Anders als Religionsgemeinschaften fragt die FMei nicht nach einer tranzendenten Bestimmung des Menschen, sondern beschäftigt sich konsequent mit der aufs Diesseits bezogenen Bestimmung des Menschen. Allerdings verbessert die FMei selbst den Menschen nicht, und sie gibt auch keine konkreten Ziele vor. Die FMei ist nämlich der festen Überzeugung, dass es in moralischer Hinsicht kaum eine für alle Menschen gültige Norm gibt. Diese, seine persönliche Norm, muss sich jeder Einzelne für sich selbst permanent erarbeiten.

Kontroverse

Christliche Erlösung ist Fremderlösung im Jenseits, sie bedarf eines liebenden Gottes, durch dessen Gnade und durch den Glauben an ihn, Erlösung, also Befreiung von der Macht des Todes, zu Gott, zur Ewigkeit versprochen wird. 

Der Glaube an Selbsterlösung ist im christlichen Sinne nichts als Hybris. Der Mensch stellt sich dann über seinen Gott, das wäre die Vergöttlichung des Menschen, die Apotheose.

Die Position der katholischen Kirche „zur Unvereinbarkeit der Freimaurerei mit der Lehre der katholischen Kirche“ bezieht sich ja unter anderem genau auf diesen Aspekt: Die Selbstveredelung der Freimaurerei im Sinne der Selbsterlösung verleugnet Gott, auf dessen Gnade wir angewiesen sind.

Sogar Pascals „Gotteswette“ und die wienerische Denkungsart „nutzt‘s nix so schad‘s nix“ sprechen für einen Glauben an Fremderlösung.

Leitbild der zentraleuropäischen FMei ist die Idee der Humanität, wie sie von den Enzyklopädisten, den Dichtungen der Weimarer Klassik und den Schriften der Deutschen Idealisten vertreten wird. Humanität braucht weder Götter noch Heils- oder Erlösungsmythen, um sich und seine Ziele zu begründen oder zu rechtfertigen. Als Begründung, warum ein Mensch dem anderen raten und helfen soll, reicht das Fakt seines Menschseins völlig aus. Der Grundsatz, dem Menschen zu helfen, weil er ein Mensch ist, ist ohne Ausnahme von Geschlecht, Stand, ethnischer Herkunft („Rasse“) allgemein gültig. Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen bilden zusammen mit Persönlichkeit und Würde des einzelnen Menschen die höchsten Werte.

Freimaurerische Humanität gestaltet sich als

eine Form der Humanisierung des Natürlichen und einer Vernatürlichung des Humanen.[27]

Humanität beschreibt den Menschen sowohl wie er ist, als auch wie er sein sollte. Damit stellt sie eine moralische Kategorie dar. Freimaurerische Humanität ist keine intellektuelle Angelegenheit, sie ist vielmehr Ergebnis der gelebten menschlichen Praxis.

Dem Bewusstsein dessen, was das Humane sei, gehen diejenigen Taten des Menschen voraus, in denen er sein Menschsein am ehesten erkennt[28].

In der humanitären Freimaurerei ist Humanität ein offener Begriff, der sich nicht von einer bestimmten, definierten Auffassung von Humanität herleitet. Der Humanitätsgedanke der FMei ist mit dem

Bekenntnis zum Menschen und nicht mit dem Bekenntnis zu einer bestimmten Religion oder Philosophie[29] verbunden.

Conclusio und persönliches Resümee

Erlösung ist in meinen Augen nicht selbstverständlich, nur weil man getauft ist. Erlösung ohne eigenes Zutun ist für mich nicht möglich bzw. denkbar.

Der Glaube an eine Erlösungsreligion entbindet uns nicht, alles in unserer Macht stehende, das wir zu unserer eigenen Erlösung beitragen können, auch selbst zu tun: „richtiges Leben“, Wohlverhalten, Sittlichkeit, Moral, Ethik …

Jeder Einzelne ist für sein gelingendes Leben eigenverantwortlich. Aber christlich gedacht bedarf es dazu auch der Gnade, da wir uns nicht selbst endgültig befreien, also erlösen können.

„Höchsten Heiles Wunder, Erlösung dem Erlöser“, wie Wagner in der letzten Szene seines „Parsifals“ singen lässt – bedeutet dies nicht, die „Fremderlösung“ dem „Selbsterlöser“?

Jeder Freimaurer darf ja und soll glauben, was er will.

Der Glaube an eine Erlösungsreligion kann aber auch für viele Freimaurer tröstlich sein, ohne dass sie deshalb auf die Selbstveredelung verzichten sollten.

Da ich überzeugt bin, dass Erlösung ohne aktives Zutun des Menschen unmöglich ist, kann gerade die freimaurerische „Selbstveredelung“ dieses aktive Zutun sein.

Daher „werde der, der du sein könntest“ – „veredle dich selbst“!

Das Ziel der FMei, die Selbstveredelung auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung gleicht dem Ziel des Christentums, dem erlösten Menschen. Die Wege zu diesem Ziel sind jedoch verschieden. Setzt das Christentum zumindest die Mitwirkung eines persönlichen Gottes bei der Erlösung voraus, so ist die FMei überzeugt, dass der einzelne Mensch und mit ihm die gesamte Menschheit durch persönliches Tun und Anstrengung, das Ziel, der zu werden, der er sein könnte und damit menschenähnlicher, nicht gottähnlicher, zu werden erreichen kann. Eine Verurteilung der FMei wegen dieser Form der „Selbsterlösung“ durch die katholische Kirche erschiene mir daher gerechtfertigt. Umgekehrt muss sich – aus meiner Sicht – jeder Bruder fragen, ob er tatsächlich die Mitwirkung Gottes braucht, um das Ziel der Selbstveredelung zu erreichen.

Literatur

TRE = Theologische Realenzyklopädie in XXXVI Bänden, hrsg. von Gerhard Müller et al., de Gruyter Verlag Berlin New York, 1977-2004

Von Brück, M.: Erlösung in den Weltreligionen, uniauditorium, Verlag Komplett-Media Berlin, 2008

Walser, A. et al.: Moraltheologie, Skript der theologischen Kurse der Erzdiözese Wien, Dezember 2018

Zeillinger, P.: Fundamentaltheologie, Skript der theologischen Kurse der Erzdiözese Wien, WS 2019/20


[1] Noch am 13.11.2023 bestätigte das Dikasterium für die Glaubenslehre die Declaratio de associationibus massonicis von 1983 von Kardinal Ratzinger, in welchem dieser festhielt,

  • dass ein Katholik nicht Freimaurer sein dürfe,
  • dass die Mitgliedschaft von Katholiken in einer freimaurerischen Vereinigung eine schwere Sünde bedeute
  • dass kirchliche Autoritäten, beispielsweise Bischöfe, keine davon abweichenden Meinungen äußern dürften.

Anlass war eine Anfrage eines philippinischen Bischofs, weil auf den Philippinen die Mitgliedschaft in einer Loge große Bedeutung habe und die Zahl der katholischen Logenmitglieder zunehme. Diese Regel gelte auch für die Angehörigen der philippinischen Brüder.

https://de.wikipedia.org/wiki/Freimaurerei#Katholische_Kirche Zugriff 07.04.2025, 15:50 hrs
https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_ddf_doc_20231113_richiesta-cortes-massoneria_en.pdf Zugriff 10.04.2025, 14:40 hrs

[2] Gray, J. Seven Types of Atheism, Penguin Books 2019

[3] Ritual der Initiation, GLvÖ 2018

[4] Siehe auch im Folgenden von Brück, M. & ausführlich Larsson, E. et al, TRE XIV, 1985, S.616 ff.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Erbsünde Zugriff 30.03.2025 & ausführlich Beatrice, P.F., TRE XXXII, 2001, S.392 ff. 

[6] Walser, A. et al., S. 109 ff.

[7] Jean – Jacques Rousseau war auf der Suche nach dem „edlen Wilden“, denn er war der festen Überzeugung, erst die Kultur hätte den Menschen zu dem grausamen Wesen gemacht, als das er sich darstellt. Er sieht im Mitleid ein sozio – kulturelles Phänomen, das sich in von der Moderne „unverdorbenen“ Gesellschaften manifestiert und auf dessen Wert eine Rückbesinnung lohnenswert wäre. Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrungerübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben; […] Man bewundere die menschliche Gesellschaft, soviel man will, es wird deshalb nicht weniger wahr sein, dass sie die Menschen notwendigerweise dazu bringt, sich in dem Maße zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbaren Übel zuzufügen. Rousseau J. – J., Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Reclam, 1998, S. 115 ff., Anmerkung IX)

[8] Man verlangt (vom Menschengeschlecht), dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet, als möglich, unter ihm herrschen, dass es seinen inneren Wert so hoch steigern, dass der Begriff der Menschheit, wenn man ihn von ihm, als dem einzigen Beispiel, abziehen müsste, einen großen und würdigen Gehalt gewönne. http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt, Zugriff 17.04.2014, 16.50hrs

[9] Freud S. 1930, zitiert nach de Waal F., der Turm der Moral, in de Waal F., wie die Evolution die Moral hervorbrachte, hrsg. und eingeleitet von Marcedo S. und Ober J.; München Hanser 2008

[10] Dawkins R., das egoistische Gen, 1976

[11] Lenning C., große Encyklopädie der Freimaurerei, F. A. Brockhaus, Leipzig 1828

[12] Siehe ausführlich Sitzler-Osing, D. et al., TRE XXXII, 2001, S.332 ff. 

[13] von Brück, M.

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Pascha-Mysterium Zugriff 24.03.2025 & ausführlich Gerlitz, P. et al, TRE XXV, 1995, S.252 ff. 

[15] Walser, A. et al., S. 105 f.

[16] Ebd. S. 107

[17] Ebd. S. 109 f.

[18] Walser, A. et al., S. 115

[19] Zeillinger, P., S. 142

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Sakrament Zugriff 30.03.2025 & ausführlich Wenz, G. et al, TRE XXIX, 1989, S.663 ff. 

[21] http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/euch-sol.htm Zugriff 27.03.2025

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Absolution Zugriff 30.03.2025

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Gute_Werke Zugriff 27.03.2025 & ausführlich Freiberger, O. et al., TRE XXXV, 2003, S.625 ff. 

[24] Siehe ausführlich Peters, Ch., TRE XXXV, 2003, S.636 ff. sowie Reventlow, H.G. et al., TRE XIII, 1984, S. 465 ff.

[25] https://de.wikipedia.org/wiki/Erlösung Zugriff 25.09.2024 & ausführlich zur Mühlen, K., TRE XXI, 1991, S.546 ff. sowie Lanczkowski, G. et al., TRE XIII, 1984, S. 275 ff.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiges_Leben Zugriff 27.03.2025 & ausführlich Hübner, J., TRE XX,1990, S.546 ff. 

[27] Grün Klaus Jürgen, Humanität, in Freimaurerei, Geheimnisse – Rituale – Symbole, ein Handbuch, heraus-gegeben von Reinalter Helmut, Salier Verlag, Leipzig 2017

[28] ibidem

[29] ibidem

Ich Schweinchen aus der Herde Epikurs

Mein lieber Menoikeus,

weder sollte man in jungen Jahren zögern,

sich philosophisch zu betätigen,

noch sollte man im Alter das Philosophieren als Mühe empfinden.

Denn für das, was für die Seele heilsam ist, ist niemand zu jung oder zu alt.

Wer sagt, der Zeitpunkt zum Philosophieren sei noch nicht gekommen oder bereits vorüber,

ist genauso wie einer, der sagt,

der Zeitpunkt zum Glücklichsein sei noch nicht da oder bereits vorüber.Epikur, Brief an Menoikeus

Wenn du hoffst und dich sorgst, wenn du dich fürchtest oder zornig bist,

glaube, dass dir der letzte Tag geleuchtet habe;

die Stunde, die man nicht mehr erwartet hat, wird willkommen sein.

Mich wirst du sehen, glänzend, mit gut gepflegter Haut, wenn du lachen willst,

ein Schwein aus der Herde Epikurs.[1]

Mit diesem Gedicht lädt der Dichter Horaz einen reichen Dichter von Liebeselegien und Genießer, einen gewissen Albius Tibullus, der an Sorgen zu leiden scheint, ein.

Nütze, genieße den Tag (carpe diem) ist der aufmunternde Zuspruch von Horaz im Sinne Epikurs. Sich selbst bezeichnet Horaz als Schweinchen aus der Herde Epikurs. Dahinter steht die (falsche) Annahme, Epikur habe zur unmittelbaren, insbesondere körperlichen Lust aufgerufen. Lebensgenuss und Sinnenfreude werden mit dem Namen Epikur verbunden. Das geschieht vor allem deshalb, weil Epikurs zentraler Begriff, hedoné, schwer zu übersetzen ist. Im Schulwörterbuch Gemoll finden wir zu hedoné folgende Übersetzungen und Angaben: Vergnügen, Lust, Reiz sowohl im guten Sinn von Freude, Genuss, Wohlgeschmack, wie auch im negativen Sinn von Schadenfreude, Wollust, sinnliche Begierde. Im Sinne Epikurs ist wahrscheinlich Lebensfreude die beste Übersetzung ins Deutsche.[2] Jemanden einen Hedonisten zu nennen, wird oft als Tadel verstanden, weil sein einziges Ziel darin bestehe, Lust zu gewinnen, schlimmstenfalls auf Kosten anderer. Damit wird man aber Epikur und seine Philosophie nicht gerecht.

Epikur (341 v.u.Z. in Samos – 270 v.u.Z. in Athen, ein Zeitgenosse Alexanders dem Großen) vertritt im Vergleich zu anderen Philosophen der antiken Zeit eine komplett andere Konzeption von Lust. Er betrachtet das Streben nach Glück, nach individueller Lust und Freude als das natürliche Ziel des Lebens, nicht Tapferkeit, Tugend, Ehre, Ruhm Reichtum oder Macht.

Epikurs Deutung über die Erlangung des Lebensglücks beruht auf der Annahme, dass das höchste Gut die Lust ist.[3] Epikur beschreibt das höchste Gut[4], indem er das Mittel zur Erlangung der Lust darin sieht, bescheiden zu leben und Wissen über die Welt und ihre Gesetze sowie die Grenzen des eigenen Strebens zu erwerben. Angestrebt wird ein Zustand der Unerschütterlichkeit der Seele, Ataraxie, und der Freiheit von Furcht, wie auch von körperlichen Schmerzen, genannt Aponia. Besonders betont er die Selbstgenügsamkeit, genannt Autarkie, die ein einfaches und zurückgezogenes Leben in Freiheit ermöglicht. Aus der Gesamtheit all dieser Komponenten erwächst nach Epikur das persönliche Glück, die Lust.

Der Sinn des Philosophierens liegt für Epikur in der Glückseligkeit. Die Aufgabe der Philosophie bestehe darin, die Seele von Jammer, Kummer, Verzweiflung und so weiter zu befreien. Seine Philosophie bewegt sich ganz im Sinne des praktischen Interesses der Menschen, in dem die Erkenntnis der Wahrheit keinen Wert an sich hat.

Die Glückseligkeit habe einen doppelten Sinn, so Epikur. In höchster Bedeutung sei sie der Gottheit gleichartig, die keine Steigerung zulässt... Und noch deutlicher: ich wüsste nicht, was ich mir überhaupt noch als ein Gut vorstellen kann, wenn ich mir die Lust am Essen und Trinken wegdenke, wenn ich die Liebesgenüsse verabschiede und wenn ich nicht mehr meine Freude haben soll an dem Anhören von Musik und dem Anschauen schöner Kunstgestaltungen.[5]

Für Epikur steht die Gesundheit der Seele an erster Stelle, die er als eigene Selbstgestaltung betrachtet. In seinen Ausführungen ist klar erkennbar, dass die Hauptlehren, insbesondere das Tetrapharmakon, immer wieder eingeübt und wiederholt werden müssen.

Das Tetrapharmakon, vier Heilsätze, das jeder Epikureer im Schlaf aufsagen kann, soll das Führen eines gelungenen Lebens unterstützen und so zur Praxis einer gelungenen Lebensführung beitragen.

  • Vor Gott braucht man sich nicht zu fürchten.
  • Dem Tod soll man nicht in panischer Angst gegenüberstehen. Denn der Tod bedeutet Empfindungslosigkeit.[6]
  • Das Gute ist leicht zu beschaffen.
  • Das Schlimme ist leicht zu ertragen.

Wenn also Epikur von Lust als höchstem Gut spricht, meint er die Befreiung von körperlichen und seelischen Schmerzen. Das lustvolle Leben wird nicht durch das Sich-Betrinken und anderweitigen Vergnügungen zwischen Frauen und Männern verstanden, sondern vielmehr als nüchternes Rechnen der Vernunft, das die Gründe alles Wählens und Meidens erforscht und das die Wahnvorstellungen vertreibt, derentwegen größte Aufregung die Seelen ergreift. An ihre Stelle tritt die Einsicht, die lehrt, dass ein lustvolles Leben nicht möglich ist ohne ein einsichtsvolles, schönes Leben und ein gerechtes ohne ein lustvolles Leben.[7] Demzufolge spielte nach Epikur die Einsicht, aus der alle anderen Tugenden abgeleitet werden, eine wichtige Rolle.

Zusammenleben, Gemeinschaft und Freundschaft sind für Epikur und seine Schüler wichtige Aspekte. Freundschaften sind ein Ziel in sich selbst.[8]

Von allen Gütern, die die Weisheit sich zur Glückseligkeit des ganzen Lebens zu verschaffen weiß, sei bei Weitem das größte die Fähigkeit, sich Freunde zu erwerben.[9]

Unsere Lebensspanne biete die Möglichkeit, das Leben so zu führen, wie wir es als optimal und ideal erdenken. Dafür setzt sich Epikur mit seinen Schülern in seinen Garten, kepos, und diskutiert mit seinen Schülern und Schülerinnen, eine Lebensführung, deren Ziel es ist, ein gottgefälliges Leben, ohne Angst vor den Göttern, im Glück zu führen. Seine Grundgedanken betreffen die Lust und das Freisein von Schmerz. Die Antworten sucht Epikur ausdrücklich nicht in der Götterwelt oder einer Religion, sondern in Selbstreflexion und Nachdenken über die eigenen Erfahrungen.

Der zentrale Aspekt, um eine gelungene Lebensführung zu ermöglichen, ist nach Epikur die Vernunft. Erst wenn sich die Lebensführung an der Vernunft orientiert und irrationale Bestrebungen ablehnt, kann sie als gelungen bezeichnet werden. Dabei erklärt Epikur die Vernunft als lebenspraktische Klugheit, als Betrachtung der Welt. Daher ist die vernünftige Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebenso wenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.[10]

Epikur stellt die Empfindung als Quelle der Erkenntnis noch vor die Vernunft. Im Brief an Menoikeus heißt es,

Alles Gut und Übel ist in der Empfindung. Es gibt nämlich nichts, was Empfindungen widerlegen oder sie des Irrtums verurteilen kann.[11]

Was aber stärker als die Vernunft ist, erklärt Epikur, ist das Vermögen der Sinnlichkeit, aus dem das Vermögen der Empfindung Ausgang nimmt. Das Vermögen des Empfindens erklärt Epikur als den Maßstab dafür, wann wir etwas positiv oder negativ empfinden sollen. Demnach würde die innere Unruhe eine Störung der Seelenruhe auslösen, was für Epikur das Gegenteil des höchsten Guts darstellt. Epikur bezeichnet die Lust als das höchste Gut und Ziel des Lebens, unter der Voraussetzung, diese aus der Seelenruhe (ataraxie) zu erlangen und keinerlei Furcht vor dem Tod zu haben. Infolgedessen gibt er der seelischen Lust gegenüber der sinnlichen Lust den Vortritt. Gleichzeitig wertet er aber die Sinnlichkeit und den sinnlichen Genuss nicht ab, sondern steigerte dadurch die Bedeutung der Lust. Dabei soll das Endziel der Epikureer ein Dauerzustand der Lust sein, nicht die grenzenlose Genusssucht. Für Epikur ist persönliches Glück das höchste Gut, das durch Streben nach Lust und dem Vermeiden von Schmerz erreicht werden soll. Diogenes Laertius, der im dritten nachchristlichen Jahrhundert lebte, fasst die Gedanken Epikurs so zusammen, die Epikureer definieren den Weisen als glücklich, weil er allein

Dankbarkeit gegenüber anwesenden und abwesenden Freunden empfinden und dies durch Wort und Tat zeigen… kann.

Die Merkmale des epikureischen Weisen hat Cicero in seinem philosophischen Werk, de finibus bonorum et malorum, so zusammengefasst,

…er hat seinen Begierden Grenzen gesetzt; er ist gleichgültig gegen den Tod; er hat von den unsterblichen Göttern, ohne sie zu fürchten, richtige Vorstellungen; er nimmt keinen Anstand, wenn es so besser ist, aus dem Leben zu scheiden. Mit solchen Eigenschaften ausgerüstet, befindet er sich stets im Zustand der Lust. Es gibt keinen Augenblick, wo er nicht mehr Genüsse als Schmerzen hätte.[12]

Diogenes Laertius fasst Epikurs Maximen für ein gelungenes Leben in Leitsätzen zusammen (Kyriai doxai)[13]

  • Ein gesegnetes und ewiges Wesen hat selbst keine Probleme und bringt keinem anderen Wesen Probleme; daher ist es von Bewegungen des Zorns und der Parteilichkeit befreit, denn jede solche Bewegung impliziert Schwäche.
  • Der Tod ist nichts für uns; denn der Körper hat, wenn er in seine Elemente aufgelöst wurde, kein Gefühl, und das, was kein Gefühl hat, ist nichts für uns.
  • Das Ausmaß des Vergnügens stößt bei der Beseitigung aller Schmerzen an seine Grenzen. Wenn Vergnügen vorhanden ist, gibt es, solange es nicht unterbrochen wird, weder Körper noch Geist.
  • Anhaltender Schmerz hält im Fleisch nicht lange an; im Gegenteil, wenn der Schmerz extrem ist, ist er nur in sehr kurzer Zeit vorhanden, und selbst der Grad des Schmerzes, der die Freude am Fleisch kaum überwiegt, hält nicht viele Tage zusammen an. Krankheiten von langer Dauer erlauben sogar ein Übermaß an Vergnügen über Schmerzen im Fleisch.
  • Es ist unmöglich, ein angenehmes Leben zu führen, ohne weise, gut und gerecht zu leben, und es ist unmöglich, weise und gut und gerecht zu leben, ohne angenehm zu leben. Wenn eines davon fehlt, wenn zum Beispiel der Mann nicht in der Lage ist, klug zu leben, obwohl er gut und gerecht lebt, ist es ihm unmöglich, ein angenehmes Leben zu führen.
  • Damit wir vor den Menschen ohne Furcht leben können, gab es von der Natur das System der Obrigkeit und des Königtums, mit deren Hilfe man sich Sicherheit verschaffen kann.
  • Einige Männer haben versucht, berühmt zu werden, weil sie dachten, sie würden sich so gegen ihre Mitmenschen absichern. Wenn dann das Leben solcher Personen wirklich sicher war, erreichten sie natürliches Wohl; wenn es jedoch unsicher war, hatten sie nicht das Ende erreicht, das sie ursprünglich von Natur aus angestrebt hatten.
  • Kein Vergnügen ist an sich böse, aber die Dinge, die bestimmte Vergnügen hervorrufen, bringen um ein Vielfaches größere Belästigungen mit sich als die Vergnügen selbst.
  • Wenn sich alle Lüste verdichteten und wenn sie mit der Zeit auch in der gesamten Ansammlung oder wenigstens in den hauptsächlichen Teilen der Natur vorhanden wären, dann könnten sich die einzelnen Freuden niemals voneinander unterscheiden.
  • Wenn das, was den Prassern Lust bereitet, die Ängste bei dem Gedanken an die Naturereignisse, an den Tod und die schmerzen vertreiben könnte, und wenn es somit an die Grenzen der Begierden mahnte, dann hätten wir niemals Grund, diese Menschen zu tadeln. Sie füllen sich von allen Seiten her voll mit Freuden und haben von keiner Seite her Schmerzen oder Betrübnis, die doch das Übel schlechthin sind.
  • Wenn wir nicht annähmen, dass die Naturerscheinungen und der Tod für uns eine Rolle spielen und auch nicht den Umstand in Erwägung zögen, dass wir die Grenzen der Schmerzen und Begierden nicht kennen, dann bedürften wir der Naturwissenschaften nicht. Es wäre für uns nicht möglich, uns von den angstvollen Gedanken an die höchst entscheidenden Dinge zu befreien, wenn wir von der Natur des Alls keine Kenntnis hätten, sondern annehmen müssten, es könnte doch etwas an den mythischen Geschichten sein. Daher können wir ohne Naturerkenntnis keine ungetrübte Lust genießen.
  • Es nützt gar nichts, sich vor den Menschen Sicherheit zu verschaffen, solange uns die Unwissenheit gegenüber den Vorgängen über dem Himmel und unter der Erde, wie überhaupt in der Unendlichkeit, bedrückt.
  • Wenn sich auch die Sicherheit vor den Menschen bis zu einem gewissen Grad durch Macht und Wohlhabenheit kontrollieren lässt, so ist doch jene Sicherheit die echteste, die man sich durch ein Leben in Stille und Zurückgezogenheit vor der großen Menge schafft.
  • Der Reichtum, der der Natur gemäß ist, ist begrenzt, aber leicht zu beschaffen. Der aber, nach dem törichte Menschen Verlangen tragen, geht ins Grenzenlose, und ihn zu erringen, endet als qualvolles Misslingen.
  • In das Dasein des Weisen greift der Zufall nur in geringem Umfang ein. Das Wichtigste und Hauptsächlichste hat seine Planung schon in Ordnung gebracht, hält es während der gesamten Lebenszeit in Ordnung und wird es in Ordnung halten.
  • Der gerechte Mensch erfreut sich des größten Seelenfriedens, während der Ungerechte übervoll ist von Unfrieden.
  • Sowie einmal der im Entbehren liegende Schmerz beseitigt ist, nimmt die Lust im Fleisch nicht zu, sondern wird nur mannigfaltiger. Den Gipfel der durch Erkenntnis erworbenen Lust erreicht nur, wer alle jene und verwandte Dinge, die dem Denken die größten Ängste verursachen, durch Erkenntnis von sich abgeschüttelt hat.
  • Die unbegrenzte Zeit birgt die gleiche Lust in sich wie die begrenzte Zeit, wenn wir die Grenzen der Lust durch Überlegung richtig ermittelt haben.
  • Das Fleisch setzt den unendlichen Begierden nach Lust Grenzen, und nur ein ewiges Leben könnte einem Lust zur Genüge verschaffen. Das Denken aber, das über den Zweck und die Endlichkeit des Fleisches Klarheit gewonnen und die Ängste vor der Ewigkeit beseitigt hat, verschafft das vollkommene Leben und bedarf dazu keiner unendlichen Zeit. Der intelligente Mensch flieht indes weder die Lust, noch endigt er, wenn er aus dem Leben scheiden muss, so, als habe er das höchste Lebensglück irgendwie verfehlt.
  • Wer die Grenzen des Lebens kennt, weiß, dass leicht zu erlangen ist, was den Schmerz des Entbehrens beseitigt und was das ganze Leben vollkommen macht. Daher hegt er kein Verlangen nach Dingen, die nur mit Kämpfen zu erringen sind.
  • Wir müssen unser gesetztes Lebensziel und alle offenkundigen Tatsachen, auf die wir unsere Ansichten zurückführen, fest im Auge behalten. Tun wir das nicht, dann wird alles voller Unordnung und Chaos sein.
  • Wenn du dich gegen alle Sinneswahrnehmungen auflehnst, wirst du nichts haben, worauf du dich beziehen kannst, wenn du eine von ihnen für falsch erkennst.
  • Wenn du irgendeine Sinneswahrnehmung schlechthin verwirfst und dabei unterscheidest zwischen dem, was du auf Grund deiner Vorurteile wahrnimmst, und dem, was nach Wahrnehmung und Empfindung und vorstellendem Denken zu erkennen ist, dann wirst du mit deiner verkehrten Meinung auch deine übrigen Sinneswahrnehmungen trüben und dadurch jede Möglichkeit für ein richtiges Urteil verlieren. Wenn du ferner alles, was du in deinen vorgefassten Meinungen erwartest und was noch nicht bewiesen ist, für sicher hältst, dann wirst du der Täuschung nicht entrinnen. Du wirst daher jeden Zwiespalt in der Entscheidung darüber, was richtig und was nicht richtig ist, zum Dauerzustand machen. Wenn du nicht zu jeder Zeit alles, was du tust, auf das Ziel der Natur ausrichtest, sondern ihm, sei es im Meiden, sei es im Verfolgen, eine unnatürliche Richtung gibst, dann werden deine Taten deinem vernünftigen Denken nicht entsprechen.
  • Alle Begierden, die keinen Schmerz hervorrufen, wenn sie nicht befriedigt werden, gehören nicht zu den notwendigen. Das Verlangen vergeht schnell, wenn die Begierden sich auf Abwegiges richten und ihre Erfüllung allem Anschein nach auch Schaden stiften kann.
  • Von allen Gütern, die der Weise sich zur Glückseligkeit des ganzen Lebens zu verschaffen weiß, ist bei weitem die größte Fähigkeit, sich Freunde zu erwerben.
  • Genau dieselbe Erkenntnis ist es, die uns darin tröstet, das kein Schrecknis ewig währt oder auch nur lange dauert, und uns darüber klar sein lässt, das in unseren begrenzten Verhältnissen Sicherheit hauptsächlich durch Freundschaften fest begründet ist.
  • Von den Begierden sind die einen natürlich und notwendig; die anderen natürlich und nicht notwendig; noch andere sind weder natürlich noch notwendig, entstehen vielmehr durch leeren Wahn.
  • Die Begierden, die natürlich sein mögen, aber keine Schmerzen hervorrufen, wenn sie nicht gestillt werden, bei denen aber ein drängendes Bemühen um Erfüllung bestehen bleibt, diese Begierden entspringen der Einbildung. Wenn sie nicht vergehen, so liegt das nicht etwa an ihrer eigenen Natur, sondern an der Einbildung des Menschen.
  • Die Gerechtigkeit ist ein Prinzip, das einen Nutzen im Auge hat, nämlich einander nicht zu schädigen und voneinander nicht Schaden zu erleiden.
  • Für alle Lebewesen, die keine Abmachungen darüber treffen konnten, einander nicht zu schädigen und voneinander nicht geschädigt zu werden, für alle diese gibt es keine Gerechtigkeit, auch keine Ungerechtigkeit. Das gleiche gilt auch für Völker, die weder die Möglichkeit noch den Wunsch hatten, Übereinkommen zu treffen, einander nicht Schaden zuzufügen und auch nicht voneinander geschädigt zu werden.
  • Gerechtigkeit an sich hat es vom Grundsatz her nie gegeben. Sondern bei dem gegenseitigen Verkehr der Menschen untereinander im Kleinen wie im Großen ist sie eine Abmachung darüber, einander nicht zu schädigen und voneinander keinen Schaden zu leiden.
  • Die Ungerechtigkeit ist nicht ein Übel an sich, sondern besteht nur in der Besorgnis, man könnte den Richtern nicht entgehen, die zur Bestrafung derartiger Taten bestellt sind.
  • Wer heimlich gegen die Abmachung verstößt, einander keinen Schaden zuzufügen und voneinander nicht geschädigt zu werden, der darf nicht darauf rechnen, dass er der Strafe entgeht, selbst wenn er für den Augenblick davonkommt. Denn es ist durchaus ungewiss, ob seine Tat bis zu seinem Tode im Verborgenen bleibt.
  • In einem Gemeinwesen gilt allen ein und dasselbe für gerecht, denn es bringt in der Gemeinschaft den Menschen untereinander Nutzen. Doch aus der Besonderheit eines Landes und aus allen möglichen Veranlassungen kann es sich ergeben, dass nicht alle Menschen ein und dasselbe für gerecht halten.
  • Was sich innerhalb einer Gemeinschaft in den wechselseitigen Bedürfnissen als nützlich erwiesen hat und zum Gesetz erhoben ist, das besitzt den Charakter der Gerechtigkeit, ob es nun für alle Gemeinschaften gleichermaßen gilt oder nicht. Erlässt aber jemand ein Gesetz, das dem wechselseitigen Nutzen innerhalb der Gemeinschaft nicht förderlich ist, dann ist es nicht wirklich gerecht. Falls der Nutzen, der durch ein Gesetz geschaffen wurde, ins Gegenteil umschlägt, aber zuvor einen ganze Zeit der allgemeinen Vorstellung der Menschen von Gerechtigkeit entsprochen hat, dann war dies eben für jene Zeit gerecht für all jene, die das klar erkannten.
  • Da, wo sich die gewordenen Verhältnisse nicht geändert haben, es sich aber dennoch zeigt, dass das gesetzte Recht der allgemeinen Vorstellung von seinen Wirkungen nicht entspricht, da war niemals Recht. Wo sich aber die Verhältnisse geändert haben und das bisher bestehende Recht keinen Nutzen mehr bringt, da war es so lange Recht, als es der wechselseitigen Gemeinschaft aller Staatsbürger von Nutzen war. Später aber, als es keinen Nutzen mehr brachte, war es nicht mehr recht.
  • Der Mensch wappnet sich gegen das ihn von außen Bedrohende am besten, indem er sich vertraut macht, soweit er kann. Wo ihm das nicht gelingt, sorgt er, dass sie ihm nicht wenigstens nicht fremd ist. Mit allen Dingen aber, in denen ihm auch dies versagt ist, gibt er sich gar nicht ab und kümmert sich nur am das, was ihm nützlich ist und ihn fördert.
  • All die Menschen, die sich das Vertrauen vor allem der Nachbarn zu erwerben wissen, leben miteinander das freudvollste Leben in der festesten Zuversicht. Sie genießen das Glück engster Verbundenheit und jammern nicht über den vorzeitigen Heimgang eines Gestorbenen, als ob man ihm bemitleiden müsste.

Zur Freiheit und Gesundheit des Menschen gehören für Epikur besonders die Vermeidung von Schmerz, Unlust und Leid. Dabei unterscheidet Epikur drei Quellen der Unlust, Begierde, Furcht und Schmerz. Sein Ziel ist es, den Umgang mit diesen Unglücksquellen anzuleiten. So befasst er sich mit den Fragen, was genau das Glück des einzelnen stört, was Unruhe und Angst hervorbringt.

Den Glauben beziehungsweise die Religion betrachtet Epikur als den Grund dafür, dass der Mensch Angst vor dem Tod hat. Besonders belastend sei die Angst vor dem Tod, vor großen Schmerzen beim Sterben, vor der Empfindungslosigkeit nach dem Tod und vor jenseitigen Strafen. Epikur schreibt im Brief an Menoikeus, dass

der Tod nichts für uns ist, denn Gut und Böse implizieren Empfindungen. … Das Schauererregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht; wenn »wir« sind, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind »wir« nicht. Er betrifft also weder die Leben­den noch die Gestorbenen, da er ja für die einen nicht da ist, die andern aber nicht mehr für ihn da sind. Doch die Masse sieht bisweilen den Tod als das größte Übel, bisweilen ersehnt sie ihn als Erholung von allen Übeln im Leben.[14]

Die Furcht vor den Göttern beantwortet Epikur mit folgenden Argumenten. Die Götter wären glückliche Wesen, die in Zwischenwelten (Intermundia, metakosmia) lebten. Sie könnten sowohl das private als auch das öffentliche Leben nicht beeinflussen. Auch kümmerten sie sich nicht um die Menschen. Epikur strei­tet keineswegs ab, dass Götter existieren.[15]

…Götter gibt es tatsächlich,… Doch so, wie die Menge der Menschen sie sich vorstellt, sind sie nicht.[16]

Er verlegt sie in sogenannte Intermundien, leere Räume zwischen den Welten, wo sie in seliger Ruhe ihr ungetrübtes Glück genießen, unbekümmert um uns Menschen und ohne in diese Welt einzugreifen. Ihre Seligkeit ist unvereinbar mit Sorgen und Zornausbrüchen, die von den Menschen gefürchtet wer­den, denn diese entstehen aus Schwäche und Furcht. Epikur schreibt im Brief an Menoi­keus Folgendes über die Götter:

[…] wenn du die Gottheit für ein unvergängliches und glückseliges Wesen hältst, wie die all­gemeine Anschauung der Gottheit vorgeprägt wurde, dann hänge ihr nichts an, was ihrer Un­vergänglichkeit fremd oder mit ihrer Glückseligkeit unvereinbar ist. Vermute dagegen alles über sie, was ihre mit Unvergänglichkeit verbundene Glückseligkeit unversehrt zu bewahren vermag.[17]

Im Zentrum von Epikurs Lustprinzip stehen Schmerzfreiheit und seelische Ruhe. Die Lust sei ein von der Natur gegebenes Gut, denn die Menschen strebten von Natur aus nach Lust und würden Schmerz vermeiden. Im Vermeiden von Schmerz soll die Vernunft eine wesentliche Rolle spielen. Epikur postuliert das sogenannte hedonistische Kalkül, gewissermaßen ein Tauschgeschäft mit dem Schmerz.

Wir ziehen oft Schmerzen den Freuden vor, wenn wir wissen, dass für uns auf lange Schmerzenszeit eine umso größere Lust folgt.[18]

Es soll ein Weg der Mitte gegangen werden, in dem auf die augenblickliche Lust verzichtet wird, um später dadurch noch größere Lust und Freude zu erlangen. Dabei sollen die Folgen jeder Handlung zuerst dahingehend hinterfragt werden, ob sie mehr Lust oder Unlust bereiten würden. Damit schreibt Epikur dem Schmerz eine neue, positive Rolle zu.[19]

Epikur lebt nicht nur, er stirbt auch im Einklang mit seiner Lehre. Mit 70 Jahren wird er wegen Nierensteinen von unerträglichen Schmerzen geplagt. Doch diese Schmerzen würden aufgewogen durch

die Freude meines Herzens an die Unterredungen, die wir miteinander geführt haben.[20]

In der Philosophiegeschichte bietet der Begriff der Lust eine breite Angriffsfläche. Die Stoiker und das Christentum fixierten sich bei ihrer Kritik auf die übertriebene Wollust, voluptas. Als Schwein und Bahnbrecher der Gottlosigkeit wird Epikur bereits von Augustinus und Hieronymus bezeichnet. Die Anfeindungen erfolgen nicht nur aus moralischen, sondern auch aus religiösen Gründen, weil Epikur die göttliche Vorsehung, sowie Anwesenheit und Wirken Gottes in der Welt ablehnt. Viel hat sich nicht geändert. Bis heute wird die Lehre von der Lust immer wieder dazu missbraucht, um zügelloses Handeln zu rechtfertigen.

Meine Brüder, und was hat das jetzt alles mit der FMei zu tun?

Im Wissen um die Philosophie Epikurs erscheint mir die FMei wie ein im Hier und Heute angewandter Epikureismus vermehrt um kleine Einsprengsel von (Neu)platonismus und Stoia.[21] Wahrscheinlich würde sich Epikur, lebte er heute, in unserer Mitte sehr wohl fühlen.

Der Mensch steht im Mittelpunkt der Philosophie Epikurs. Philosophie in diesem Sinn ist ein Nachdenken über lebensrelevante Fragen, durch das der Mensch sich selbst, sein Weltbild und sein Leben formt; Philosophie als Lebensform bedeutet, dass sie aus dem Leben des Einzelnen entsteht und sich auf dessen Leben auswirkt. Ziel ist ein psychischer Zustand, in dem aus Wissen gehandelt werden kann. Die Beziehung zum Wissen wird auf diesem Weg nie eine äußere Beziehung sein, sie muss vielmehr ein Prozess der Selbstbildung sein.

In seiner Philosophie, insbesondere in seiner Ethik, hat Epikur diese Form der Philosophie als Selbstbildung kultiviert. Epikur ist es ernst mit seiner hedonistischen Philosophie als lebenstaugliche Lebensform.

Man muss gleichzeitig lachen und philosophieren und sein Haus verwalten und alles Übrige tun, was einem vertraut ist und niemals aufhören, die Worte der wahren Philosophie hören zu lassen.[22]

Seine Ethik stellt keine Forderungen im Sinne von, du sollst, auf, sondern will die Lebenshilfe sein.[23] Eine solche Philosophie ist der Versuch, gemäß einer philosophischen Art zu leben, die sich auf die gesamte menschliche Existenz auswirkt.[24] Durch Wiederholen der Lehrsätze und laufende Auseinandersetzung mit den Ideen der Philosophie erhält der einzelne Mensch die Fähigkeit, sein individuelles Leben zu meistern und so ein erfülltes, ein glückliches Leben zu führen. Diese Idee erinnert sehr, an das, was wir mit der wöchentlichen Wiederholung des immer Gleichen in unserem Ritual tun.

Der Epikureismus ist eine materialistische Philosophie; alles, was ist, ist Körper und Leere. Über Götter und eine eventuelle Existenz nach dem Tod trifft er nahezu keine Aussagen. Allerdings leugnet er die Existenz von Göttern nicht. Was er jedoch versucht, ist den Menschen die Furcht vor Tod und Göttern zu nehmen. Auch die humanitäre FMei, wie wir sie praktizieren, beschränkt ihre Aussagen über Gott und eventuelle Existenz nach dem Tod auf das notwendigste.

Manche Brüder postulieren mit Plato die Idee eines Lichtfunkens, der in unserem Körper eingeschlossen sei und daraus befreit werden müsse. Diese Idee wäre Epikur fremd. Ebenso fremd wäre ihm die Idee, dass der Mensch unvollkommen wäre (rauer Stein) und – auf welche Art auch immer – vervollkommnet werden müsse. Für Epikur ist der einzelne Mensch, wie er ist, das Ziel ist das gute Leben des Einzelnen. Dazu gehören auch die enge Gemeinschaft und Freundschaft mit anderen Menschen; wir würden sagen die Brüderlichkeit in der Loge.

Es ist die Forderung der Stoa, dass der Einzelne seine Pflicht erfülle und nach außen, im Besonderen im Staat politisch tätig werden solle. Im Epikureismus ist es am besten, sich von den Aufregungen des politischen Lebens fernzuhalten. Lebe im Verborgenen! lautet ein epikureischer Wahlspruch. Als Gemeinschaft lehnen, wir diesen Zugang so wie der Epikureismus ab. Die Freimaurerei als Organisation betätigt sich nach unserem Verständnis nicht politisch.[25] Die einzelnen Brüder sind jedoch aufgerufen, sich nach eigener, freier Entscheidung nach außen zu betätigen.

Was auch immer die Fragen und Herausforderungen sind, die gelöst werden sollen, Epikur fordert uns zu einer rationalen Behandlung auf. Er fordert uns nicht einfach zu einem Entschluss, zu einem Glauben auf, er will nicht bloß ein Gefühl vermitteln, er stachelt uns nicht zur Gewalt an. Nichts dergleichen wird zur Lösung der Probleme eingesetzt, sondern Vernunft und Augenmaß, die Reflexion auf die Natur und auf unsere eigene menschliche Situation. Dennoch verabsolutiert er die Vernunft nicht, wie es in unserer modernen Welt gerne geschieht, sondern er ordnet sie der Sinnlichkeit unter. Von den Schlüssen der Vernunft hält Epikur nicht viel, sie sind trügerisch. Die Vernunft muss sich von der sinnlichen Wahrnehmung leiten lassen. Wir würden sagen, wir gehen die Lösung mit Weisheit Stärke und Schönheit an.

Angeblich hat Epikur seine persönliche Definition von Glück so definiert, eine Runde guter Freunde, ein kleiner Käse, eine Handvoll Oliven und seinen Garten, um darin mit seinen Freunden zu diskutieren. Findet ihr nicht auch, dass er damit das, was unsere gute L ausmacht, perfekt definiert hat?[26]

Aussprüche und Fragmente Epikurs (und seiner Schüler)

  • Jeder Schmerz ist leicht zu verwinden. Bringt er schweres Leiden, so dauert er nur kurze Zeit. Sitzt er lange zeit im Fleisch, dann ist das Leid gering.
  • Bei den meisten Menschen bewirkt Ruhe Erschlaffung, Bewegung aber Nervosität.
  • Wir sind nur ein einziges Mal geboren. Zwei Mal geboren zu werden ist nicht möglich. Eine ganze Ewigkeit hindurch werden wir nicht mehr sein dürfen. Und da schiebst du das, was Lust macht, auf, obwohl du nicht einmal Herr über das Morgen bist? Über dem Aufschieben schwindet das Leben dahin, und so mancher von uns stirbt, ohne sich jemals Muße und Lust gegönnt zu haben.
  • Nicht ein Jüngling ist glücklich zu preisen, sondern ein Greis, der als Ehrenmann gelebt hat. Denn ein junger Mensch, der noch in der Vollkraft steht, ist in seinem Denken noch ungefestigt und wird vom Geschick bald hierhin, bald dorthin getrieben. Der Greis aber hat in seinem Alter wie in einem Hafen Anker geworfen und hat nie früher erhofft Erkenntnisse mit Dankbarkeit sicher geborgen.
  • Träume besitzen keine göttliche Herkunft, auch keinen prophetischen Wert, sondern entstehen durch den Einfall von Bildern.
  • Wir können feststellen, die lange Rede hat wie die kurze dasselbe Ziel.
  • Bei üblichen Betätigungen stellt sich die Frucht mühsam ein, wenn sie zum Abschluss gekommen sind. Bei der Philosophie hält die Lust mit der Erkenntnis gleichen Schritt, denn der Genuss folgt nicht auf das Lernen, sondern lernen ist zugleich Genuss.
  • Weder sind die zu loben, die vorschnell Freundschaft schließen, noch die lange Zögernden. Um der Freundschaft willen muss man schon etwas wagen.
  • Gegen alles können wir uns Sicherheit verschaffen. Aber dem Tode gegenüber wohnen wir Menschen alle in einer Stadt ohne Schutzmauern.
  • Die Stimme des Fleisches sagt: nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren. Wem dieses Begehren erfüllt wird, und wer hoffen kann, es ständig erfüllt zu sehen, der kann sich an Glückseligkeit selbst mit Zeus messen.
  • Wir brauchen die Freunde nicht, um sie zu brauchen, sondern um die Zuversicht zu haben, dass sie für uns da sind.
  • Man soll sich nicht den Anschein geben, als treibe man Philosophie, sondern man soll wirklich philosophieren. Ebenso wenig nützt es uns nicht, uns den Anschein der Gesundheit zu geben, sondern wir müssen wirklich gesund sein.
  • Jeder geht aus dem Leben, wie wenn er eben erst geboren wäre.
  • Unsinnig ist es, von den Göttern etwas zu erbitten, was man aus eigener Kraft zu leisten vermag.
  • Der Spruch „erst am Ende eines langen Lebens bist du weise“ bedeutet Undankbarkeit gegenüber dem in der Vergangenheit empfangenen Guten.
  • Anfang und Wurzel alles Guten ist die Lust des Magens. Selbst Weisheit und alles, was noch über sie hinausgeht, hängt davon ab.
  • Ich rufe die Menschen zu dauernden Lüsten auf und nicht zu nutzlosen und sinnlosen Tugenden, deren Früchte man nur voller Ungewissheit erhoffen kann.
  • An alle Begierden soll man die Frage stellen: Was wird mir geschehen, wenn erfüllt wird, was die Begierde sucht, und was, wenn es nicht erfüllt wird.

Literatur

  • Dervisevic I., die Widerlegung der missverstandenen Ansicht des epikureischen Lustprinzips anhand des Belegs ihrer Identifikation in der postmodernen Gesellschaft, Masterarbeit, Universität Wien, 2016
  • Epikur, Philosophie der Freude, vom Lustvollen leben, Gesamtausgabe, Cloudship 2016
  • Fürpaß J., Epikur im Philosophieunterricht, fachdidaktische Annäherungen an einen Klassiker, Diplomarbeit, Karl-Franzens-Universität Graz 2021
  • Holzinger R., Handbüchlein zur Philosophie Epikurs; Theorie und Praxis einer philosophischen Lebensform, BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt 2019
  • Rempel Ch. E., Epikur versus Demokrit, Christian Rempel 2013
  • Sonderegger E., Gelingendes Leben, Epikurs Weg zur Stressfreiheit, Typoskript eines Vortags im Rahmen der Vortragreihe „Modelle der Lebensführung“ an der Volkshochschule Zürich, Jänner 2016


[1] Horaz, Briefe, I, 4, 12-16

inter spem curamque, timores inter et iras

omnem crede diem tibi diluxisse supremum:

grata superveniet quae non sperabitur hora.

me pinguem et nitidum bene curata cute vises,

cum ridere voles, Epicuri de grege porcum.

[2] Ich verstehe unter Lust: keine körperlichen Schmerzen leiden und in der Seele Frieden finden. Denn nicht häufige Trinkgelage und festliches Schlemmen, auch nicht der Verkehr mit schönen Knaben und Frauen, noch der Genuss von leckeren Meeresfrüchten …, schaffen ein freudvolles Leben. Lust entsteht vielmehr aus dem nüchternen Überlegen, das die Ursachen allen Verlangens und Meidens aufspürt und den hohlen Glauben, aus dem die größte Verirrung der Seelen entspringt, austreibt. Brief an Menoikeus

[3] …behaupte ich, dass die Lust der Anfang und das Ziel des glücklichen Lebens ist. Brief an Menoikeus

[4] …sie [die Lust] habe ich als das erste und uns angeborene Gut erkannt; von ihr gehen wir aus, auf sie zählen wir…, Brief an Menoikeus

[5] Brief an Menoikeus

[6] Alles Gute und alles Schlimme beruht darauf, dass wir es empfinden können. Der Tod sorgt für den Verlust der Empfindung. Brief an Menoikeus

[7] …sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebenso wenig einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben. Denn die Tugenden sind ursprünglich verwachsen mit dem lustvollen Leben, und das lustvolle Leben ist von ihnen untrennbar. Brief an Menoikeus

[8] Und doch sagt Epikur von ihr [der Freundschaft]: von allen Dingen, die die Weisheit zum Lebensglück sich ausgedacht habe, gebe es nichts Höheres, nichts Ertragreicheres, nichts Süßeres als die Freundschaft. Und dies hat er nicht nur durch seine Rede, sondern noch weit mehr durch sein Leben, seine Handlungen bestätigt. Marcus Tullius Cicero, de finibus bonorum et malorum

[9] Epikur, Philosophie der Freude

[10] Krauz 1980: in Euringer M.: Epikur, Antike Lebensfreude in der Gegenwart; Kohlhammer, Stuttgart 2003

[11] Brief an Menoikeus

[12] Marcus Tullius Cicero, de finibus bonorum et malorum

[13] Zitiert nach Epikur, Philosophie der Freude

[14] Brief an Menoikeus

[15] Allerdings ist das Argument, mit dem Epikur die Existenz der Götter verteidigt, auffällig schwach. Er meint nämlich, dass schon der weit verbreitete Glaube an Götter für ihre Existenz spräche. Das gleiche Argument lässt er für die Existenz von Zentauren (mythologische Mischwesen aus Mensch und Pferd) nicht gelten.

[16] Brief an Menoikeus

[17] Brief an Menoikeus

[18] Brief an Menoikeus

[19] …gleichermaßen ist jeder Schmerz wohl ein Übel, aber nicht jedem Schmerz muss man ausweichen. Es ist demnach unsere Aufgabe, alles Zuträgliche und Abträgliche richtig zu unterscheiden, gegeneinander abzuwiegen und danach zu beurteilen. Zu gewissen Zeiten bedienen wir uns des Guten wie eines Übels und wiederum des Übels wie eines Gutes. Brief an Menoikeus

[20] Epikur, Philosophie der Freude

[21] Cf.: Br... F. C. Bauer: die FMei ist ein epikureischer Kreis mit platonischen und stoischen Einsprengseln, Antwort auf den Toast auf die GLvÖ, 25.01.2025

[22] Epikureische Spruchsammlung 41

[23] Leeres Geschwätz ist die Rede jener Philosophen, durch die keine menschliche Leidenschaft geheilt wird. Wie wir einer Heilkunst nicht bedürfen, die es nicht vermag, Krankheiten aus dem Körper zu vertreiben, bedürfen wir auch einer Philosophie nicht, die nicht das Leiden der Seele heilt. Epikur, Philosophie der Freude

[24] Also muss man das trainieren, was einem den Zustand er Glückseligkeit (eudaimonia) verschafft – ob wir nun alles haben, weil sie da ist, oder ob wir alles tun, um sie zu erreichen, weil sie nicht da ist. Was ich dir immer und immer wieder geraten habe, das setze in die Tat um und übe es. Du verstehst ja, dass es die Grundlage eines schönen Lebens ist. Brief an Menoikeus

[25] Die Bruderschaft der Freimaurer ist … keine politische Vereinigung, Ritual der Rezeption, GLvÖ 2021

[26] Freimaurerei ist laut denken mit dem Freunde. Br... Gotthold Ephraim Lessing

(Mein) Leben als Meister

Im kommenden März werden es 35 Jahre sein, dass ich als Bruder in den Bund der Freimaurer aufgenommen worden bin. 2 Jahre danach erlebte und überlebte ich an mir selbst die Tötung des Hiram Abif. Ich muss gestehen, verstanden habe ich damals das, was da mit mir geschah, nicht. Es brauchte Jahre und insbesondere die intensive Auseinandersetzung mit dem Meistergrad in der DL Τελος, um mich langsam den Inhalten des Meistergrads anzunähern.

Knapp 33 Jahre, also fast mein halbes physisches Leben, bin ich nun als Meister Mitglied meiner Loge. Seit meiner Erhebung in den Meistergrad war ich ohne Unterbrechung Mitglied des Beamtenrats. Ich habe fast alle Ämter ausgeübt, die eine Loge zu vergeben hat, war zwei Mal MvSt, einmal davon als Gründungsmeister meiner L AdF, jahrelang VM und bin aktuell seit einiger Zeit Sekretär und Bruder für beinahe fast alles meiner guten Loge. Ich freue ich, und ich bin stolz, die DL Τελος mitgegründet zu haben. Drei Jahre durfte ich als GB ohne Portefeuille den TuS und die SoB betreuen.

Gemessen an formalen, offensichtlichen Kriterien führe ich ein Leben als FM-M und doch beschäftigt mich in den letzten Jahren zunehmend die Frage, was macht den Meister aus, woran sollen andere Brr... FM erkennen, dass ich ein FM-M bin. In unserem Ritual antwortet der 1.A auf die Frage: bist du ein FM-M, unter Brr... MM werde ich dafür gehalten, auch kenne ich die Bedeutung der Akazie[1]. Es geht also um eine Einschätzung durch andere MM und das Wissen um die Geheimnisse des Meistergrads. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass es nicht genügt, den Text des Rituals zu kennen und die Handlung des Rituals an sich erfahren zu haben. Um die Bedeutung der Akazie zu erkennen, muss der Inhalt der Erhebung Teil meines Lebens werden.

Zweck unserer Arbeit ist, des eigenen Todes zu gedenken[2] – ein gewaltiger Anspruch! Nach meiner Erhebung war meine erste Funktion im BR die des 1.A. Als ich damals – ich war Mitte 30 – ritualgemäß diese Antwort gab, packte mich zwar kurzes Schaudern wegen der Dramatik dieser Antwort, mehr jedoch nicht. Für mich selbst war diese Antwort Ritualtext, denn mein eigener Tod erschien mir damals fern, unwahrscheinlich und unwirklich. Mein Thema war das Leben, mein Leben, und wie ich mein Leben erfolgreich und genussvoll gestalten könnte.

Nach und nach habe ich – insbesondere wegen meiner beruflichen Tätigkeit – begonnen, mich mit dem Tod zu beschäftigen, nicht mit dem eigenen Tod, sondern mit dem Tod als Phänomen. Der Tod war Objekt meiner Überlegungen, der Tod betraf mich nicht, ich war von ihm komplett getrennt. Ich konnte klug über den Tod sprechen, ein gutes Beispiel für meine damalige Einstellung ist eine Zeichnung, die das Ergebnis meines Nachdenkens ist, die Philosophie des Todes. Dass mich der Tod auch persönlich etwas angehen könnte, haben mich das Sterben und der Tod von zwei engen Freunden gelehrt und schließlich der Tod meiner zweiten Frau Eva.

Evas Tod war wie ein Blitz, der neben mir einschlug, unerwartet, hautnah, und doch daneben. Du bist davongekommen, du bist nicht tot, war meine Reaktion, und meine Antwort war, mir selbst zu beweisen, dass ich noch immer lebe und im Stande bin, Akte des Lebens zu setzen, noch größeres Engagement im Beruf, Beginn und Abschluss eines postgraduate Masterstudiums. Wirklich weiter gebracht haben mich meine hilflosen Versuche nicht.

In den folgenden Jahren bin ich dem Tod zwei Mal persönlich begegnet. Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit als Intensivmediziner ist ein junger Mann an den Folgen meiner Intervention gestorben. Das im Auftrag der Staatsanwaltschaft erstellte Gutachten bestätigte mir nach den Regeln der ärztlichen Kunst gehandelt zu haben und auf das Ereignis besser als der geforderte „Durchschnittsarzt“ reagiert zu haben. Daher handelte es sich rechtlich gesehen um eine Komplikation und nicht um fahrlässige Tötung. Die gerichtliche Untersuchung gegen mich wurde folgerichtig eingestellt. Was bleibt für mich? Ich bin im rechtlichen Sinn nicht schuld am Tod eines Menschen, aber sehr wohl verantwortlich für den Tod eines Menschen. Dieser Verantwortung muss ich mich stellen.

Die zweite Begegnung mit dem Tod betrifft mich selbst. Anlässlich eines Nachtdiensts im Krankenhaus aß ich allein in meinem Dienstzimmer zu Abend. Dabei verschluckte ich mich an einer Scheibe Roastbeef so unglücklich, dass diese wie ein Deckel, ein Ventil, über der Stimmritze und damit über dem Eingang zur Luftröhre zu liegen kam. Ich wollte husten, um mit einem kräftigen Hustenstoß die Scheibe weg zu bekommen. Da ich aber offensichtlich vorher ausgeatmet hatte, war keine Luft in meiner Lunge, um zu husten, und ein Einatmen war mir wegen des Ventilmechanismus nicht möglich. Nach einigen vergeblichen Versuchen zu husten, überfiel mich Panik. Ich war allein im Zimmer, weit und breit niemand da, um mir zu helfen, die Luft wurde knapp. Mir wurde klar, dass mir nicht mehr viel Zeit bliebe, um diese Situation zu lösen, dass es ausschließlich an mir liege, die Scheibe zu entfernen. Ich erkannte mit Panik, dass wenn es mir nicht schnell gelänge, Luft zu bekommen, ich elendiglich ersticken würde. Ich hatte Todesangst. Letztlich gelang es mir mit einem beherzten Griff durch meinen Rachen bis vor den Kehlkopf das Hindernis zu entfernen. Symbolisch gesprochen bin ich damals dem letzten Türhüter begegnet, aber die Türe zu meinem eigenen Weltenende war noch nicht geöffnet.

Es gelingt nicht, den Tod aus meinem Leben auszublenden. Der Tod ist stets da, wo auch ich bin, zumindest in dem Sinne, dass ich ständig in der Welt, in der ich lebe, erfahren, mit ansehen, erleben und damit fertig werden muss, dass gestorben wird. Ich bekomme mit, wie um mich herum andere Menschen – und Tiere – sterben. Wo Leben ist, ist auch Tod. Solange ich nicht persönlich betroffen bin, schaffe ich es wegzuschauen.

Zwei Erkenntnisse habe Ich aus meinen Erfahrungen mitgenommen. Ich muss mich meiner Endlichkeit stellen, und ich habe vielleicht nicht Angst vor dem Zustand des Todes, aber ich habe durchaus Angst vor dem Sterben.

Im Meistergrad der FMei werden Leben, Sterben und Tod nicht nur symbolisch, sondern konkret erlebbar dargestellt. Die FMei lässt mich im zentralen Mysterium des Meistergrads, der Legende vom Sterben und Tod unseres Meisters Hiram, mein Sterben und meinen Tod zu Lebzeiten erfahren. Hiram stirbt keinen schnellen, stillen Tod während des Schlafs im Bett; er stirbt einen langsamen, blutigen Tod, indem er von den drei Gesellen nach und nach erschlagen wird. Er spürt sich sterben, er sieht dem Tod ins Auge. Die Legende berichtet, dass Hiram sich bewusst dafür entscheidet, das Meisterwort nicht zu verraten und so seinen Tod bewusst auf sich zu nehmen.

In der Erhebung konfrontieren mich die Reisen 1 – 3 mit meiner Endlichkeit; die Reisen 5 – 7 lehren mich, wie mein endliches Leben gelingen kann. Der Tod setzt meinem Leben eine klare zeitliche Grenze, was mich fürchten lässt, keine Zukunft zu haben, zu wenig Zeit zu haben. Ich fürchte, ich könnte etwas versäumen, ich fürchte die Abwesenheit von Zukunft. Mein Tod soll nicht mit Klagen über Versäumtes, sondern mit der Überzeugung verbunden sein, mein Leben gelebt zu haben und ein Leben lang an mir selbst gearbeitet zu haben.

Diese Erkenntnis ist ein Elementarereignis, das mein Menschsein so schmerzlich wie glückhaft durchdringt und mein Selbst verwandelt, das meine Angst lösen kann, von mir als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für mich als Menschen (sic) der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.[3]

Unser Ritual lehrt, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM–M ist, des eigenen Todes zu gedenken; „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM–M. Mein Auftrag des Meistergrades ist es, mich damit zu beschäftigen, wie das Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Die sittliche Forderung des Meistergrads lautet, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was ich gerade tue, als das Wichtigste anzuerkennen. Es gibt keinen Grund, untätig zu bleiben und Warten verlängert die Zeit nicht, die mir als Meister bleibt.

Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit meinem Tod führen mich zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, mein Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen. Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.

Nach dem Erleben von Tod und Rückkehr ins Leben in der Nachfolge Hirams breche ich auf hinaus in ein neues Leben auf der Suche nach der wahren Meisterschaft, das heißt, der zu werden, der ich sein könnte. Dazu muss ich meine Sterblichkeit als wichtigste Determinante meines Lebens anerkennen. Symbolisch stehe ich im Zentrum der Mittleren Kammer, zwischen Zenith und Nadir, Osten und Westen, Norden und Süden, zwischen Winkelmaß und Zirkel, dort wo der Flammende Stern eingeschrieben ist. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, bin ich eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, bin ich Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[4]

Ich versuche ein Leben zu führen, das von Schönheit erleuchtet, von Stärke erfüllt und von Weisheit geleitet ist. Als Br... Meister ist mein Auftrag, mein Leben aktiv zu gestalten. Ich begreife mein Leben als Aufgabe im hier und jetzt. Ich erkenne die naturgegebenen Grenzen des Lebens, was gleichzeitig auch heißt, das Leben, so wie es ist, zu lieben und mit allen seinen Facetten zu erleben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich in der besten Welt lebe, die ich haben kann, denn eine andere ist mir wahrscheinlich nicht gegeben. Mein Leben möchte ich so lang und so gut es geht genießen und es mir nicht schon vor dem Tod wegnehmen lassen. Wenn mir also in der besten Welt, die ich habe, eine Furcht bleibt, so ist es die Furcht davor, ein schlechtes Leben zu leben. Gerade weil meine Lebenszeit begrenzt ist, gehe ich mit meinem Leben verschwenderisch um. Denn würde ich meine Lebenszeit als Sparguthaben betrachten, würde meine Vorsicht das Leben selbst töten, das Verschwenderische ist das Lebendige[5].

Der Weg, zu dem ich gefunden habe, ist ein positiver. Das ständig latente Bewusstsein eines möglichen Endes zu jedem Zeitpunkt macht mein Dasein für jeden Augenblick kostbar, meine Entdeckungsfreude am Leben ist maßlos, und das Bewusstsein, dass in der uns umgebenden Welt alle Geheimnisse des Lebens und des Wissens ums Leben verborgen sind, wird nach Wissen und Weisheit strebend sinnerfüllend. Die Gewissheit meines Todes treibt mich an, die Zeit ohne das Gefühl des gejagt Seins zu nutzen. Ich finde Sinn in allen Facetten des irdischen Daseins, was danach sein wird, wird sich weisen.[6]

Ich glaube an die Irrtumsfähigkeit und hoffe gleichzeitig auf meine Einsichtsbereitschaft. Ich stelle den selbstbewussten Anspruch, mich auf den eigenen Willen und die Anstrengung der – freilich als begrenzt erkannten – Vernunft zu stützen, um mein Leben aktiv und bewusst zu gestalten. Die Beschäftigung mit Kultur und Kunst macht mir Freude. Ich liebe die verständnisvolle Gemeinschaft und die lustvolle, intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Menschen (insbesondere mit meinen Brr...). Neugier nach neuen Menschen, Ländern und Kulturen ist eine Triebfeder in meinem Leben. Ich versuche, meine Verantwortung in der Zivilgesellschaft als Citoyen wahrzunehmen. Ich bin glücklich in der liebevollen Beziehung zu meiner Lebensgefährtin. Ich bin stolz auf meine beiden erwachsenen Söhne. Ich freue mich, meine (Beute)kinder bei ihrer Ausbildung zu begleiten und zu unterstützen. Ich genieße es, ein geliebter, geachteter und respektierter Mensch zu sein.

Unsere Symbole geben mir Anleitung, wie mein Leben als Meister gelingen könnte; der rechte Winkel als Zeichen des richtigen Handelns, der Maßstab als Anleitung für sinnvolle Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebbarer und erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit. Ähnlich helfen die Werkzeuge der Grade des Lehrlings, Gesellen und Meisters besser mit dem eigenen Leben umzugehen. Nicht in dem Sinn, dass ich die Meisterschaft für mich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der schrittweisen inneren Weiterentwicklung. Die im Ritual immer wiederkehrende Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit, der Schritt über den eigenen Kadaver, der mir den Eintritt in die Mittlere Kammer versperrt, schärft mir diesen Ansatz nachdrücklich ein, der Zeit – der mir zugemessenen Zeit – mehr Leben zu geben. Meinen eigenen Tod erfahren zu haben, lässt mich das Leben nun umso mehr lieben. Das Einzige, was zählt, ist das Jetzt. Gestern und Morgen sind kein Thema. Der dritte Grad [Meistergrad] ist das Ende des Weges, er verläuft im Hier und Jetzt, danach führt kein Weg weiter, und es gilt die Zeit zu nützen.[7] Mein symbolischer Tod beinhaltet einen klaren Auftrag, es muss das Jetzt gerechtfertigt werden.

Dass von mir etwas bleibt, dass meine Hammerschläge aus dem Osten in den Herzen einmal widerhallen werden,[8] ist keine Motivation und auch kein Ziel für mich. Vielleicht sind meine Hammerschläge nur Wiederholung, vielleicht bilde ich mir nur ein, einen originellen, neuen Schlag zu tun, vielleicht ist es mir gegeben, einen neuen Schlag zu tun? All das ist nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, dass ich sie ausführe, dass ich meine Hammerschläge zu unserem gemeinsamen Ziel, dem Bau des Tempels der Allgemeinen Menschenliebe beitrage.[9] Und so versuche ich, auf der richtigen Seite nach Peter Singer[10] zu stehen und in meinem kleinen Umfeld Leistungen zu vollbringen, mich gesellschaftlich und geistig zu engagieren und so ein gutes Leben, das nach Bertrand Russel von Liebe inspiriert und von Erkenntnis geleitet wird[11], zu führen.

Ob ich meine Ziele erreiche, erreichen werde, weiß ich nicht. Unser Ritual lehrt, dass der Meister am Reißbrett arbeitet, um seinen Lebensplan zu zeichnen. Das versuche ich zu tun. Das Buch des heiligen Gesetzes bleibe geschlossen, weil der Meister bereits alles Wissen habe. Davon bin ich nicht überzeugt. Denn das komplette Wissen werde ich erst dann haben, wenn ich den letzten Türhüter nicht nur gesehen habe, sondern an ihm vorbei durch die Tür in den Ewigen Osten gegangen sein werde.

Wenn meine [letzte] Stunde, die Stunde der Wahrheit[12], gekommen sein wird und ich mich anschicken werde, meine Werkzeuge niederzulegen, will ich ein letztes Mal gezielt die Nähe meiner Brüder und die Stärke der Bruderschaft suchen. Ihr sollt als Brr... noch einmal mit mir in die Kette treten und mich dann als Bruder maurerisch verabschieden. Dann werde ich meine Wanderung zur Vollkommenheit[13] abgeschlossen haben.

Laozi, ein Weiser des östlichen Wegs, fasst die Art und Weise, als Meister zu leben, so zusammen

Der Weise [Meister] lässt sich nicht blicken, er leuchtet.

Er drängt sich nicht auf, er wird wahrgenommen.

Er preist sich nicht an, er wird wegen seiner Verdienste gefunden.

Er drängt sich nicht vor, sondern schreitet voran.

Der Weise [Meister] erreicht große Dinge, ohne selbst große Aktionen zu setzen.

Sich selbst zu erkennen ist die höchste Weisheit.

Die anderen zu kennen, ist Weisheit.

Der Weise [Meister] achtet alles, vor allem achtet er sich selbst.

Der Weise [Meister] sieht das Ganze, nicht das Detail.


[1] Ritual der Erhebung, GLvÖ 2021

[2] ibidem

[3] Vgl.: Mazakarini L., Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

[4] Mazakarini L., Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

[5] Vgl.: Pfaller R., wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie, 3. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2013

[6] Mazakarini L., Zeichnung in der DL Telos 12.09.2019

[7] Grimm P., der Dritte Grad – am Ende des Weges, Zeichnung in der DL Τελος, 15.03.2012

[8] Tyler’s Toast in der Fassung von Br... Michael Gutenbrunner

[9] Steuer J., Kurzinstruktion im 2.°, 05-2018

[10] Singer P., Wie sollen wir leben, Ethik in einer egoistischen Zeit, dtv München 2003

Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen die Sklaverei. Es gab eine richtige Seite im Kampf der Arbeiter um das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, um Begrenzung der Arbeitszeit und Minimalforderungen an die Arbeitsbedingungen. Es gab eine richtige Seite in dem langen Kampf der Frauen um das Stimmrecht, das Recht auf Zu­lassung zum Studium an Universitäten und das Recht auf Besitz in der Ehe. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen Hitler. Es gab eine richtige Seite, als Martin Luther King Demonstrationen dafür anführte, dass Afroamerikaner neben weißen Amerikanern in Bussen und Restaurants sitzen konnten. Heute gibt es eine richtige Seite in den Fragen der Hilfe für die ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern, der friedlichen Lösung von Konflikten, der Ausdehnung unserer Ethik über die eigene Art hinaus und des Schutzes unserer globalen Umwelt.

[11] Russell B., Why I am not a Christian, London 1967

[12] Ritual der Erhebung, GLvÖ 2021

[13] ibidem

Das verschleierte Bild von Sais – Zeit für ein Gedicht

Friedrich Schiller, Das verschleierte Bild von Sais

Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst

nach Sais in Ägypten trieb, der Priester

geheime Weisheit zu erlernen, hatte

schon manchen Grad mit hellem Geist durcheilt,

stets riss ihn seine Forschbegierde weiter,

und kaum besänftigte der Hierophant

den ungeduldig Strebenden. „was hab‘ ich,

wenn ich nicht alles habe?“ sprach der Jüngling.

„Gibt’s hier ein Weniger und Mehr?

Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück

nur eine Summe, die man größer, kleiner

besitzen kann und immer noch besitzt?

Ist sie nicht eine einz’ge, ungeteilte?

Nimm einen Ton aus einer Harmonie,

nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,

und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang‘

das schöne All der Töne fehlt und Farben.“

Indem sie einst so sprachen, standen sie

in einer einsamen Rotonde still,

wo ein verschleiert‘ Bild von Riesengröße

dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert

blickt er den Führer an und spricht: „Was ist’s

das hinter diesem Schleier sich verbirgt?“

„Die Wahrheit“ ist die Antwort. – „Wie?“ Ruft jener,

„Nach Wahrheit streb‘ ich ja allein, und diese

gerade ist es, die man mir verhüllt?“

„Das mache mit der Gottheit aus“, versetzt

der Hierophant. „Kein Sterblicher, sagt sie,

rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.

Und wer mit ungeweihter, schuld’ger Hand

Den heiligen, verbot’nen früher hebt,

der, spricht die Gottheit“ – Nun?“ – „Der sieht die Wahrheit.“

„Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,

du hättest also niemals ihn gehoben?“

„Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu

versucht.“ – „Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit

nur diese dünne Scheidewand mich trennte -“

„Und ein Gesetz“, fällt ihm sein Führer ein.

„Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,

ist dieser dünne Flor – für deine Hand

zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.“

Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause.

Ihm raubte des Wissens brennende Begier

den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager

und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel

führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.

Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen.

Und mitten in das Inn’re der Rotonde

trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt

den Einsamen die lebenlose Stille,

die nur der Tritte hohler Widerhall

in den geheimen Grüften unterbricht.

Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft

der Mond den bleichen, silberblauen Schein,

und furchtbar wie ein gegenwär’tger Gott

erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse

in ihrem langen Schleier die Gestalt.

Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,

schon will die freche Hand das Heilige berühren,

da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein

und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.

Unglücklicher, was willst du tun? So ruft

in seinem Innern eine treue Stimme.

Versuchen den Allheiligen willst du?

Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,

rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.

Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:

Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?

„Sei hinter ihm was will! Ich heb‘ ihn auf.“

(Er ruft’s mit lauter Stimm‘.) „Ich will sie schauen.“

Schauen!

Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

Er spricht’s und hat den Schleier aufgedeckt.

Nun fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?

Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,

so fanden ihn am andern Tag die Priester

am Fußgestell der Isis ausgestreckt.

Was er allda gesehen und erfahren,

hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig

war seines Lebens Heiterkeit dahin,

ihn riss ein tiefer Gram zum frühen Grabe.

„Weh dem“, dies war sein warnungsvolles Wort,

wenn ungestüme Fragen in ihn drangen,

„Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,

sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“

Ein junger Mann, wahrscheinlich ein Grieche, reist nach Sais in die alte Hauptstadt von Unterägypten, um sein Wissen zu erweitern. Er ist auf der Suche nach der ganzen Wahrheit. Ihm genügen die erreichten Grade der Einweihung, also die asymptotische Annäherung an die ewig entzogene Wahrheit nicht, er will das Ganze. Dieses Streben, das alles haben wollen, weist der Priester als verfehlt zurück, indem er den Begriff der Wahrheit erläutert, bei der es kein Mehr oder Weniger, wie bei einer Summe gebe. Zur Begründung dafür vergleicht er die Wahrheit mit einer Harmonie und dem Regenbogen; ein Mehr ist unmöglich, ein Weniger zerstöre sie, weil sie das „schöne All“ ist. Der Hierophant[1] weist auch die Vorstellung zurück, man könne die Wahrheit haben oder besitzen. Das verschleierte Bild der Isis im Tempel weckt das Interesse des jungen Mannes. Dieses Interesse wird brennend, weil ihm der Hierophant mitteilt, der Schleier verberge die Wahrheit. Wem sich wann der Schleier enthülle, wäre allein die Entscheidung der Gottheit. Er selbst habe es nie gewagt, gegen das Verbot der Göttin zu verstoßen und den Schleier zu heben. Der Priester ist dem Gesetz, das heißt der Inschrift gehorsam. Das innere Ohr hält seine Augen in Schach. Der Jüngling dagegen will die Wahrheit.

Voll von Neugier und Wissbegier geht der junge Mann nach Hause. Hat den jungen Mann „des Wissens heißer Durst“ nach Ägypten geführt, so lässt ihm nun „des Wissens heiße Gier“ keine Ruhe. Noch in derselben Nacht dringt er in den Tempel ein. Allein im Rundbau des Tempels umgibt ihn eine schaurige Atmosphäre. Er ringt mit sich selbst, ob er den Schleier lüften soll. Sein Gewissen erinnert ihn an die Mahnung des Priesters. Schließlich siegt seine Wissbegier. Er will die Wahrheit schauen und hebt den Schleier. Am nächsten Morgen wird er bewusstlos am Fuß der Isis gefunden. Was er gesehen hat, verrät er bis zu seinem Tod nach kurzem, freudlosem Leben nicht. Seine Warnung bleibt, dass der, der sich schuldig der Wahrheit bemächtigt, zum Verderben bestimmt ist.

Schillers Ballade von 1795 behandelt ein ägyptisierendes Motiv, wie es damals Mode war. Er schreibt die Ballade in Blankversen, reimlosen 5-hebigen Jamben. Der Jambus ist in der Schillerzeit ein bevorzugtes Versmaß für das Trauerspiel. In dieser Ballade verknüpft Schiller griechische, und ägyptische Motive. Es geht um den Bruch des Mysteriengeheimnis und die Folgen.

Die Ballade versetzt uns zurück in die Zeit der Mysterienkulte. Wer den Weg der Mysterienkulte gehen will, muss sich enthalten können, gehorsam sein und lernen, seine Emotionen und Begierden im Zaum zu halten. In seiner geistigen Entwicklung kommt nur voran, wer anstrebt, Meister seiner Gedanken, Gefühle und seines Willens zu werden.[2]

Der Jüngling von Sais scheitert, obwohl er offensichtlich besonders eifrig ist und schnell in seinem Wissen fortschreitet, denn er kann seine Gier nicht zügeln. Sein leidenschaftlicher Eifer blendet ihn und macht ihn taub für die Mahnung des Hierophanten, dass er ein Gebot der Göttin bricht, wenn er den Schleier hebt. Er ist neugierig und will das Geheimnis um jeden Preis aufdecken. Am Ende steht er mit leeren Händen da.

Er hebt den Schleier und sieht sich selbst mit seinen Höhen und Tiefen in seiner Endlichkeit. Auf sich selbst ist er nicht vorbereitet. In den Mysterienkulten konnte nur der Isis, der Gattin des Herrn der Unterwelt Osiris, begegnen, der die Grade der Einweihung abgeschlossen hatte. Es gibt keine Wahrheit ohne den Weg der Wahrheit. Abkürzungen nehmen zu wollen, kann tödlich sein. … Zu dieser Anschauung konnten sie aber nicht auf einmal gelangen, weil der Geist erst von manchen Irrtümern gereinigt, erst durch mancherlei Vorbereitungen gegangen sein musste, ehe er das volle Licht der Wahrheit ertragen konnte. Es gab also Stufen oder Grade, und erst im inneren Heiligtum fiel die Decke ganz von ihren Augen[3].

Schiller spricht von Schuld im Zusammenhang mit dem Ende des Jünglings. Dieser wird schuldig, nicht weil er nach Wahrheit strebt, sondern weil er wider besseres Wissen bewusst handelt.[4] Er wird schuldig an sich. Wider besseres Wissen setzt er sich über das Gesetz der Gottheit hinweg.

Wie ich meine, finden wir in dieser Ballade durchaus maurerische Aspekte. In allen drei Graden geht es um das Erkennen des verborgenen; Lehrling, schau in dich, Geselle schau um dich, Meister schau über dich. Wir sind durch unsere Initiation in den Bund der FM nicht im Besitz der Wahrheit, aber wir streben nach Wahrheit und wissen, dass dieses Streben immer eine Annäherung bleiben muss. Dennoch geben wir unser Streben nicht auf. Das Ziel bleibt der glatte, rechtwinkelige Stein, der sich perfekt in die Mauer des Tempels der Humanität einfügt.

Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird.

Kein Sterblicher hat meinen Schleier aufgehoben.
Einem gelang es, er hob den Schleier der Göttin zu Sais – Aber was sah er? – er sah Wunder des Wunders! Sich selbst

Friedrich Schiller 1793


[1] Der Hierophant repräsentiert den Willen Gottes und dessen Auslegung auf der Erde. Vgl. Wikipedia, Stichwort Hierophant https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hierophant#:~:text=Der%20Hierophant%20repr%C3%A4sentiert%20den%20Willen,oder%20auch%20Erleuchtung%20gedeutet%20werden.

[2] Beherrsche dich selbst! Abgründe drohen an euren Wegen, törichte Leidenschaften blenden euren Sinn…, Ritual der Rezeption GLvÖ

[3] Schiller Friedrich, die Sendung Moses 1790

[4] Der Durst nach Wahrheit ist nie Schuld, Herder an Schiller

Was FMei nicht ist

Meine Brr..., es fällt mir schwer zu definieren, was FM ist. Sicher gibt es die bekannte Selbstdefinition in unserem Aufnahmeritual … ist eine ethisch-humanitäre Gemeinschaft freier Männer… (Ritual der Aufnahme, Eintritt der Suchenden); dennoch schränkt gerade das Aufnahmeritual selbst ein …denn die Freimaurerei selbst ist ein Geheimnis, das weder verraten, noch mitgeteilt werden kann, sondern das geahnt, gefühlt und von jedem Freimaurer selbst gefunden und erlebt werden muss (Ritual der Aufnahme). Auch wenn es in den Alten Pflichten und in unserer Konstitution eine Reihe von Aussagen gibt, die als solche Defintionen gelten können, beharren gerade die einzelnen Brr... in der Regel strikt auf der individuellen Deutungshoheit bezüglich dessen, was unter FM zu verstehen ist. Ich möchte daher den Versuch einer negativen Abgrenzung in drei Thesen versuchen.

FM versteht sich weder als Partei noch als Interessenverband

Unsere LL und die GL haben kein gemeinsames politisches Programm und nehmen auch an politischen Diskussionen nicht teil; der Einladung zur Teilnahme am Verfassungskonvent vor einigen Jahren, hat die GL nicht Folge geleistet. Als „Gemeinschaft toleranter Ungleichgesinnter“ will sie einen Beitrag zur Überwindung der schädlichen Auswirkungen politischer Konflikte zwischen Menschen, politischen Gruppen und Nationen leisten, gemäß ihres Bekenntnisses zur Toleranz zielt sie darauf ab, die politische Kultur im Sinne der Etablierung einer produktiven „Streitkultur“ zu verbessern, und durch das Erörtern wichtiger Zeitfragen in den Logen will sie zur politischen Urteilsbildung ihrer Mitglieder beitragen. Auf der Grundlage persönlicher Überzeugung verantwortlich zu handeln, ist dann Aufgabe des einzelnen Freimaurers.

FM versteht sich weder als Ersatzreligion noch als Nebenkirche

Logen und Großlogen sind diesseitsorientierte Freundschaftsbünde mit ethischer Zielsetzung. Sie stimmen darin überein, dass sie weder Ersatzkirche noch Religion sind. Trotz des Symbols des ABAW entwickelt die FM keine Theologie, sie hat weder Stifter oder Erlöser, Sakramente, die – ex opere operato – auf magische Weise eine Veränderung des Gläubigen bewirken kennt sie nicht. Die FM ist kein Heilsweg sondern ein Weg zur Bewährung im hier und jetzt, ein Weg – es gibt viele andere. Die FM gibt dem Br... Werkzeuge in die Hand, die ihn über Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung zur Selbstveredlung führen sollen. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religionkann die Loge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden.

FM versteht sich weder als Geheimbund noch als Verschwörung

Die Großloge fordert von den Mitgliedern der LL das Bekenntnis zur Demokratie und zum Staat in dem diese leben. Der Verein macht es seinen Mitgliedern zur Pflicht, die Landesgesetze zu beobachten. (Satzung der GLvÖ), … Befolgung der Landesgesetze… (Ritual der Rezeption, erste Reise). Viele Brr... haben zur Verwirklichung von Demokratie und offener Gesellschaft beigetragen. Die Organe der Großloge und der „Deckungsvereine“ sind im Vereinsregister zu finden, die GLvÖ steht im Telefonbuch. Die Arkandisziplin bezieht sich ausschließlich auf die Rituale und Symbole, also Einzelheiten des maurerischen Brauchtums, das durchaus auch im Internet oder einschlägigen Publikationen nachzulesen ist. Die in der FM geübte Verschwiegenheit steht als Symbol für den in jeder Gemeinschaft notwendigen Schutz von Freundschaft und persönlichem Vertrauen. Ausdrücklich verboten ist es, die Deckung des einzelnen Br... zu verletzen.

Mit irgendeiner Art von Verschwörung hat Freimaurerei nichts zu tun, FM ist nicht geheim, FM ist privat, denn wer sich ernstlich vornimmt, an sich selbst zu arbeiten, kann das nicht vor Publikum tun, sei dieses auch noch so wohlgesinnt. In einer Zeit, in der die Privatsphäre immer weniger gilt, der einzelne Mensch immer mehr und mehr vernetzt ist und von außen manipuliert wird, erscheint mir gerade dieser letzte kleine Rest von Privatheit durchaus wertvoll zu sein.

Schönheit vollende den Bau

„Schönheit vollende ihn, den Bau“ – unzählige Male haben wir diesen Spruch aus dem Mund des Br... 2. Aufseher beim Entzünden der kleinen Lichter gehört. Es ist ein großer Anspruch, den der Br... 2. Aufseher da stellt; es geht um Schönheit, Vollendung und unseren Bau.

Wenn etwas schön ist, so ist das ein Werturteil, das von Wertvorstellungen und Bewertungszielen abhängig ist, die wiederum von gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt sind. Kant definiert Schönheit als Gegenstand einer bestimmten Tätigkeit der Urteilskraft. Für Kant beruhen alle ästhetischen Urteile auf privaten, subjektiven Empfindungen des Gefallen oder des Missfallens, der Lust oder der Unlust. Auch wenn ästhetische Urteile subjektiv sind, so erheben sie doch Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Im Gegensatz zum Guten und Angenehmen ist das Urteil über das Schöne das einzige, welches das persönliche Interesse am Gegenstand nicht berücksichtigt; daher definiert Kant Schönheit als „interesseloses Wohlgefallen“.

Vollendet ist der Bau dann, wenn er zum Vollen gekommen ist, die Vollkommenheit erreicht hat – das heißt nicht mehr zu verbessern ist. Der vollendete Zustand ist ein Maximum des real Erreichbaren, ein Ideal. Bei Kant ist Vollkommenheit die Vollständigkeit als Zusammentreffen aller möglichen Bestimmungen eines Gegenstandes zu einer harmonischen Einheit. Vollendet ist der Bau dann, wenn kein Teil mehr fehlt. Vollendet und vollkommen bedeutet gleichzeitig auch, dass keine weitere Entwicklung mehr möglich ist. Prinzipiell lässt sich in unserer realen Welt zu allem eine Ergänzung oder Erweiterung finden; vollkommene Sachverhalte sind im Endlichen entweder Abstraktion oder im Unendlichen göttlich. Somit wird für uns Menschen die Vollkommenheit ein anzustrebendes Ideal.

Wir Brr... FM bauen mit uns Menschen als Bausteinen immer weiter am Weisheitstempel. Das Ritual setzt voraus, dass der Tempel der allgemeinen Menschenliebe immer noch im Bau und kein fertiges Gebäude ist. Dieser Bau soll mit dem Mittel der Schönheit vollkommen werden. Es liegt an uns, die gesellschaftlichen Konventionen so zu prägen, dass der Tempel der allgemeinen Menschenliebe nicht nur das Wohlgefallen der Brr... FM erregt, sondern allgemeines, interesseloses Wohlgefallen. Unser Auftrag lautet, bei uns selbst anzufangen und unseren eigenen, rauen Stein zu behauen, denn Selbstveredelung sei der erste Schritt zur Schönheit seines Menschentums. Behauene Steine passen harmonisch in die Mauer des Weisheitstempels. Jeder einzelne Bruder, jede einzelne Schwester kann der Stein sein, der benötigt wird um den Bau voll zu machen. Die Menschen des Mittelalters haben die Kathedralen und Dome nie fertig sondern immer als Baustelle erlebt; und auch heute noch sind die Kathedralen und Dome immer währende Baustellen. So bleibt wohl unser Tempel der allgemeinen Menschenliebe eine ewige Baustelle, ein Ideal, das wir zu erreichen versuchen müssen. Denn auch die letzte Schönheit entsteht – wie der 2. Aufseher in der Trauerloge sagt – erst im Abglanz des ewigen Lichtes.

Initiation

Unter Initiation versteht man die Riten und mündlichen Unterweisungen, die eine einzuweihende Person, einen Außenstehenden, einen Anwärter in eine Gemeinschaft oder in einen anderen Bewusstseinsstatus ein- oder überführen sollen. Die Initiation entspricht einer ontologischen Veränderung der existentiellen Ordnung. Am Ende seiner Prüfungen lebt der Initiand in einer anderen Seinsweise, er ist ein anderer geworden.

Ursprünglich bedeutete Initiation die Aufnahme der jungen Männer in die Stammesgesellschaft. Daraus hervorgegangen ist die Initiation in die antiken Mysterienkulte. Die Initiation führt den Novizen sowohl in die Gemeinschaft als auch in die Welt der geistigen Werte ein.

Unsere englischsprachigen Brüder verwenden für die Rezeption den Begriff „initiation“, und ich denke, Initiation wird unserem maurerischen Tun gerechter als der banale Begriff Aufnahme oder Rezeption. Unsere Suchenden erhalten Zugang zu einem geheimen Wissen, sie werden vom MvSt während ihrer Wanderungen gründlich unterrichtet, und sie werden den Prüfungen durch die Elemente unterzogen. Zentrales Ereignis unserer Aufnahme ist die Lichterteilung, die eine Wiedergeburt nach dem Rückzug in die Mutter Erde als symbolischen Uterus – dargestellt durch die Dunkle Kammer – bedeutet. Der Neophyt wird als Kind des Lichts neu geboren; er ist ein neuer Mensch, der eine neue Seinsweise auf sich genommen hat, die Lichterteilung bedeutet das Ende der Unwissenheit und seines profanen Seins.

Um dieses neue Leben zu erreichen, muss sich der Suchende in den Schoß der Mutter Erde zurückziehen, altes ablegen, tabula rasa machen, seine Metalle und Bindungen ablegen. Nur dann kann er die Lehren aufnehmen, die ihm helfen sollen zu einem neuen, geistigen Leben geboren zu werden. Dieses neue Leben soll die wahre Existenz des Menschen werden, die Schönheit unseres Menschentums.

In Ordnung meine Brüder!

Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich zu sehen, wie die Brr..., alle Brr..., ganz gleich ob Lehrling oder Geselle, Meister oder Pastmaster, Ehrenmeister oder Großbeamter, alt oder jung, aufstehen und ins Zeichen treten, wenn der MvSt mit Hammerschlag die Brr... in Ordnung ruft.

Ich denke es gibt kaum eine Gemeinschaft, in der so unterschiedliche Menschen zusammenkommen, die gleichzeitig so große Individualisten sind, deren Streben nach Freiheit mit einer der wesentlichen Gründe war diesem Bund anzugehören. Das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung macht den Br... FM geradezu aus. Und dennoch unterwerfen wir uns alle freiwillig der maurerischen Ordnung, die uns an so vielen Stellen des Logenlebens begegnet, wobei ich mit Ordnung mehr als die Konstitution, das Hausgesetz meine, die beide als Nachfolger der alten Bauhüttenordnungen gelten können. Es mag als großes Paradoxon der FMei gelten, dass freie Männer sich freiwillig einer strengen Ordnung unterordnen.

Wir unterwerfen uns der Ordnung des Rituals. Der Eintritt in den Tempel erfolgt nach strengen Regeln, zuerst die Brr... LL, hernach die Brr... GG, zuletzt die Brr... MM. Jeder weist sich, obwohl mit dem Br... TH durchaus persönlich bekannt, mit dem Passwort des Grades als Br... aus. Die Lehrlinge haben ihre Plätze in der Nordkolonne, die Gesellen ihren in der Südkolonne. Jede Bewegung im Tempel erfolgt im Zeichen im Sonnenlauf, eben unter der Ordnung der Sonne. Die Brr... erbitten die Wörter bei den AA ihrer Kolonnen. Nur so kann das Ritual seine Aufgabe, den Brr... bei der Selbstveredelung zu helfen, erfüllen. Dadurch dass uns das Ritual deutliche Grenzen setzt und wir vom Ritual wie in einer Model geprägt werden, kann das Ritual in uns eindringen und so unser Denken verändern.

Besonders streng sind die Regeln beim brüderlichen Gespräch an der WT. Unabhängig von Lauf und Inhalt des Gesprächs erhalten die Brr... strikt nach der Rednerliste die Wörter. Wortmeldungen außerhalb der Rednerliste sind genauso verboten wie Rede und Gegenrede. Wer noch etwas zu sagen hat, ganz gleich ob neuer Gedanke oder Einwand, muss sich ein zweites Mal zu Wort melden.

Die maurerische Ordnung ist – so scheint mir – wesentlich für das Funktionieren einer Loge und die Wirksamkeit der FMei. Die Ordnung, die wir uns auferlegen, bringt den Einzelnen dazu, sich mit seinem Selbst in Abgrenzung zur Ordnung auseinanderzusetzen und daran zu arbeiten, nicht von den straffen Regeln der maurerischen Ordnung erdrückt zu werden. Andererseits zwingt die freiwillige Unterwerfung unter die Regeln der maurerischen Ordnung Brr... mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein dazu, Raum für solche Brr... zu geben, die sonst an den Rand gedrängt werden würden. Die maurerische Ordnung verhilft also dazu, dass sich die Brr... im rituellen Raum als Gleiche unter Gleichen begegnen können, sie ist also die praktische Anwendung der Lotwaage oder Wasserwaage, des Zeichens der Gleichheit unter den Brr... Damit ebnet die maurerische Ordnung den Bauplatz und schafft so Raum für maurerische Begegnung und die Arbeit am rauen Stein.

Freimaurerische Praxis

Die Aktivitäten einer Loge, als Organisationsform und kleinste Einheit der FMei, erstrecken sich – je nach der Interessenlage der Brr... – mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf verschiedene Bereiche, die auf die folgenden sechs Bereiche aufgeteilt werden können (nach Reinhold Dosch, Deutsches Freimaurerlexikon, Bonn 1999):

Die rituelle Komponente

Das Ritual ist konstitutiv für die Freimaurerei. Es unterscheidet die Freimaurerei von anderen Menschenbünden. Im Ritual ist der initatorische Kern der FMei verborgen. Es bewahrt und lehrt die Philosophie der FMei. Durch die Wiederholung prägt das Ritual das Denken der Brr... und formt sie wie eine Model.

Die diskursive Komponente

Dazu gehört die österreichische Praxis des BS genauso wie das brüderliche Gespräch an der WT. Es geht um die geistige Arbeit der Loge. Im brüderlichen Gespräch tauschen sich die Brr... über ethische Orientierungen auf der Ebene der Wasserwaage aus. Das brüderliche Gespräch ist die Form der maurerischen „Einübungsethik“. Auch im brüderlichen Gespräch unterwerfen wir uns strengen Regeln, die jedoch den maurerischen Diskurs erst möglich machen.

Die gesellige Komponente

Im Rahmen der Geselligkeit wird die brüderliche, geschwisterliche Verbundenheit geübt. Wir treffen einander im privaten Rahmen zu Sommerfesten, Schwesternabenden und kulturellen Veranstaltungen.

Die karitative Komponente

Schon in den Belehrungen nach der ersten Reise hören wir von der Aufforderung zu zielbewussten Wohntätigkeit. Es geht darum sowohl den bedürftigen Br... der eigenen L zu unterstützen als auch spezifische Projekte oder Vereinigungen zu unterstützen. Den hohen Stellenwert, den die FMei der Wohltätigkeit beimisst, kann man daraus ersehen, dass einem speziellen Beamten, dem Almosenier, diese Aufgabe übertragen wird.

Die administrative Komponente

Die Loge braucht eine Leitung, den Beamtenrat, in den sich die Brr... MM wählen lassen können. Viele LL schließen sich zu GLL zusammen, die von einem GBR verwaltet werden.

Die repräsentative Komponente

Es geht um die Vertretung der FMei sowohl nach innen, gegenüber anderen LL und Obödienzen genauso wie um die Vertretung der FMei gegenüber einer interessierten Öffentlichkeit.

Jede dieser Komponenten im Spektrum der Logenaktivitäten bietet Ansatzpunkte für die Interessen der Logenmitglieder. Sie entsprechen dem Bedürfnis nach Geselligkeit, guten Gesprächen und ritueller Erfahrung ebenso wie dem Ausleben von Tätigkeitsdrang, der Festigung des Selbstwertgefühls und der Bedienung von Statusbedürfnissen. Leider liegt hier auch eine Ursache von möglichen Konflikten. Es braucht in einer L Brr..., die alle diese Komponenten abdecken, und jeder Br... ist mit seinen persönlichen Präferenzen für die gemeinsam geübte Praxis der L gleich wichtig.

Die Zahl Drei, die Zahl der Synthese zur neuen Einheit

In der Drei schließt sich die Eins, die Einheit, die aus sich heraus tritt und so zur Polarität zur Zwei wird, in neuer Natur wieder zusammen. Mit der Drei wird der Polarität der Zwei eine Mitte gegeben. Nach der Lehre der Pythagoräer ist die Drei die erste Zahl, die Anfang, Mitte und Ende hat. Und Laotse sagt: „das Tao erzeugt die Einheit, die Einheit erzeugt die Zweiheit, die Zweiheit er­zeugt die Dreiheit – die Dreiheit erzeugt alle Dinge“. Deshalb ist auch die erste geometrische Figur das Dreieck.

Pythagoras deutet das Dreieck als Anfang der Entstehung im kosmischen Sinne, weil sich aus ihm geometrische Formen bilden lassen, Vierecke und Sechssterne. Das aufsteigende Dreieck steht nach Freud für das männliche Prinzip, das absteigende Dreieck oder Delta wird schon bei steinzeitlichen Frauenfiguren als weibliches Geschlechtszeichen verwendet. Einander durchdringend ergeben das aufsteigende und das absteigende Dreieck das Siegel Salomos, das Hexagramm, in der Alchemie Symbol für die Verschränkung von Makro- und Mikrokosmos.

Wir erfahren die Dreiheit in der Natur, auch aus Sage, Dichtung, Mythos und Philosophie ist sie uns bekannt. Wir leben mit Wasser, Erde und Luft, es gibt drei Aggregatzustände fest- flüssig – gasförmig. Die Vorstellung von drei Welten, die wir in der Einteilung von Himmel, Erde und Unterwelt – Zeus, Poseidon, Hades – in vielen Mythen finden, symbolisiert der Salomonische Tempel mit seinen drei Räumen – Hulam, Hekal, Debir, in der FM – Saal der verlorenen Schritte, Loge, mittlere Kammer. Wir erfahren das Leben als Anfang – Mitte – Ende, bzw. Geburt – Leben -Tod, abstrahiert in Werden – Sein – Vergehen. Ein voll­kommenes Ganzes entsteht aus These – Antithese – Synthese.

In der Religionsgeschichte finden wir viele dreifache, dreifaltige Gottheiten, und dabei müssen wir gar nicht erst an die Dreifaltigkeit des Christentums denken, in Babylon die astrale Dreiheit Sin (Mond), Schamasch (Sonne), Ischtar (Venus); Maria erscheint in dreifacher Gestalt als Jungfrau – Mutter – Königin, in Indien Brahma (Schöpfer), Schiva (Zerstörer), Vischnu (Erhalter), in den ägyptischen Mysterienreligionen Isis – Osiris –Horus, der Erlöser. In der Philosophie wird die Drei häufig als Einteilungszahl verwendet, Körper – Geist – Seele, die Kategorien des Augustinus Sein – Erkennen – Wollen sind allgemein akzeptiert, und Platons Ideal des Wahren, Guten und Schönen hat Eingang in unser Ritual gefunden.

Die Drei ist gewissermaßen die freimaurerische Zahl schlechthin. In der St.-Johannis-Freimaurerei gibt es drei Grade, Lehrling, Geselle, Meister. Wir werden auch spöttisch 3-Punkt-Brüder genannt, weil wir als Abkürzungszeichen drei Punkte im Dreieck setzen.

Das symbolische Alter des Lehrlings ist drei Jahre. Durch drei starke, schnelle Schläge erhält der Suchende bei der Rezeption Einlass in den Tempel, drei Reisen führen ihn zum Licht. Nach drei Schlägen mit dem Hammer auf die Brust des Suchenden, haucht der MvSt dem L... mit den drei Bruderküssen spirituelles Leben ein – Geist, Erkenntnis, neues Leben. Drei Säulen tragen die L..., Weisheit, Stärke, Schönheit und drei Lichter beleuchten sie, Bibel, Winkelmaß und Zirkel. Im dreifachen Schritt ersteigen wir symbolisch die drei Stufen in den Osten, die Stufen zum Tempel hinauf. In drei Schritten sollen das Ziel der FM, die Selbstveredelung erreichen – erkenne dich selbst, veredle dich selbst, beherrsche dich selbst. Drei hammerführende Brr... regieren die L..., MvSt, 1A, 2A.

In der Anordnung der Sitzplätze in unseren Tempeln wird auf die symbolische Bedeutung der Dreizahl hingewiesen. Die beiden Kolonnen der Brüder stellen symbolisch die Polarität der Zweizahl dar. Der erhöhte Platz des MvSt im Osten vor der Sonne weist auf die Eins, die Einheit, das Ziel, hin. Gemeinsam mit den beiden Aufsehern im Westen wandelt der MvSt die Unvollkommenheit der Zwei zur Vollkommenheit der Drei um; die drei hammerführenden Beamten bilden ein Dreieck, einen nach Westen offenen Winkel, einen nach Westen offenen Zirkel. Eingeschrieben in diesen Zirkel ist ein rechter Winkel, gebildet aus den drei kleinen Lichtern. Die Silhouette einer Pyramide schimmert auf. Ihre Basis, ein Viereck, ruht im Irdischen; ihre Silhouette, ihre sichtbare Seite, ist jedoch von überall ein Dreieck. Die Pyramide ist also ein Wegweiser in die Transzendenz. Im Inneren dieser Pyramide zeigt sich jedoch keine Grabkammer sondern der rechte Winkel des Osiris. Und so begleitet den Br... FM ein Dreieck, eine Pyramide aus Rosen auf seinem letzten Weg.