Freimaurerische Ethik ist Einübungsethik

Mit Ethik wird jener Teilbereich der Philosophie bezeichnet, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst. Traditionell definiert ist Ethik die Lehre vom guten, dem richtigen Handeln.

 

Der Begriff Ethik wurde bereits von Aristoteles eingeführt, wobei er das gute, das richtige Handeln aus dem Wesen des Menschen als vom Logos durchdrungenes Tun bestimmte.[1] Aristoteles war der Überzeugung, dass es für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird. Menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik war somit für Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet. Für ethische Vorzüge [Tugenden] vermag das Wissen wenig oder nichts, wogegen das wiederholte Handeln alles bewirkt, und wir gerecht und weise werden, indem wir gerecht und weise handeln.[2]

 

Die FMei ist diesem von Aristoteles definiertem Modell der Einübungsethik gefolgt. Ihre Praxis orientierte sich am Modell der im europäischen Mönch- und Rittertum im Laufe der Geschichte praktizierten Tugendvorstellungen, aber auch an den Bräuchen der Handwerksgrade, Lehrling – Geselle – Meister. Als Lehre von der Mäßigung und der Beherrschung der Affekte und Emotionen wurde das Modell der Einübungsethik von Rationalisten wie Descartes, Spinoza und Hume interpretiert.

 

Aus meiner Sicht baut die maurerische Tugendethik auf drei Säulen auf, dem Baustück, unserer rituellen Arbeit und dem brüderlichen Umgang miteinander. In den Logen kommen unterschiedliche Menschen zusammen, zwischen welchen ein ethisch orientierter Diskurs stattfindet und die dann in der rituellen Praxis, vermittelt durch Symbole, die herauskristallisierten Wertevorstellungen einüben können.

In der seiner Zeichnung legt der einzelne Bruder seinen Zugang zu den Fragen des guten und richtigen Handelns vor. Im brüderlichen Diskurs vertiefen die Brr... gemeinsam das Thema und tragen ihren persönlichen Teil zum Thema bei. Das ist die geistige Arbeit zur Einübungsethik.

 

Unsere rituelle Arbeit, die Lehrgespräche zwischen MvSt und den beiden AA, die Erinnerung an das Geschehen der eigenen Initiation, versetzt das Denken und Empfinden der Brr... gewissermaßen in synchrone Schwingungen. Damit wird ein Zustand erreicht, in dem die Lehrinhalte, des Rituals, die ethischen Ziele und die Tugenden des FM, und der Inhalt der Zeichnung den Br... umso leichter erreichen können. Das ist die spirituelle Ebene der Ebene der Einübungsethik.

 

Der brüderliche Umgang miteinander umfasst das freudige Zusammensein der Brüder in den unterschiedlichsten Formen. Es reicht von dem lockeren brüderlichen Gespräch über gemeinsame Veranstaltungen (auch und gerade mit Schwestern) bis zu dem engen Austausch echter brüderlicher Freundschaft. Es bauen sich Nähe, Vertrauen und Herzenswärme auf. Das ist die emotionale Ebene der Einübungsethik.

 

Der Mikrokosmos Loge stellt somit den idealen Raum dar, um sich in Ethik, in Tugend zu üben. Dass das freimaurerische Ritual sich über 3 Jahrhunderte im Wesentlichen unverändert erhalten hat und sich nach einigen Reformversuchen wieder durchgesetzt hat, lässt darauf schließen, dass diese Art ethischer Einübung zwischenmenschlicher Umgangsqualitäten zu einer Lebenshaltung führen kann, die selbst gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel standhalten kann.[3] Damit wird die Pflege maurerischen Brauchtums zur Quelle sittlicher Selbstbildung.

[1] Aristoteles, Nikomachische Ethik I, Buch 6. Kap., 1098a

[2] Aristoteles, Nikomachische Ethik II, Buch 3. Kap., 1105b

[3] Hammacher K. Ethik, in Reinalter H. (Hg.) Freimaurerei, Geheimnisse – Rituale – Symbole, ein Handbuch, Salier Verlag Leipzig 2017

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