Winterjohannis

Am 21. Dezember beginnt der Winter mit seinem Solstitium, der Winter­sonnen­wende. Die Sonne durchwandert einmal im Jahr entgegen dem Uhrzeigersinn den Tier­kreis und legt dabei pro Tag etwa 1 Grad zurück, durchwandert während eines Jahres also den Tierkreis zur Gänze. Durch die Schiefe der Ekliptik zum Erdäquator entstehen unsere Jahreszeiten und die unterschiedlichen, sich im Jahreskreis ändernden Verhältnisse von Tag und Nacht. Das Wintersolstitium finden wir bei 0° Steinbock mit der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Ab dem Herbstäquinoktium – 0° Waage – erleben wir sehr deutlich die Abnahme des Tages und die Zunahme der Nacht. Die Kräfte der Finsternis scheinen die Kräfte des Lichts mehr und mehr zu überwältigen. Doch in dem Moment der größten Sonnen­ferne, in diesem Moment, in dem die dunklen Kräfte zu siegen scheinen, ändert sich die Situation, und der Siegeslauf des Lichtes beginnt von neuem. Das Wintersolstitium ist der Moment im Jahreskreis, an dem die Finsternis scheinbar über das Licht triumphiert. Am Sommersolstitium wird dann das Licht im Moment seines größten Triumphes der Dunkelheit von neuem weichen müssen.

 

In der dualistischen Glaubenswelt früherer Kulturen wurden die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis gleichermaßen verehrt. Licht und Finsternis erscheinen gleich stark und stehen in permanentem Wettstreit miteinander. Im Denken und Handeln der Menschen sind Gut und Böse so eng vermengt, dass sie nicht immer unterschieden werden können, manchmal entsteht aus guten Absichten Böses und aus bösen Wünschen Gutes. Der Urgegensatz von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod erfüllt das ganze menschliche Dasein. In der Natur stehen die beiden Prinzipien nebeneinander, und nichts deutet dar­auf hin, dass das Licht einmal über die Finsternis herrschen wird.

 

Das Wintersolstitium, dieser besondere Punkt im Sonnenlauf, die längste Nacht und der kürzeste Tag, wurde immer schon als die Einweihungsnacht gefeiert. In dieser Nacht wurden die vorbe­reiteten Neophyten in Erdhöhlen gebracht, wo sich das Mysterium abspielte, in dem die Neophyten die Sonne in der Mitte der tiefsten Nacht schauten. Das geistige Licht muss in der Tiefe der Erde, in der tiefsten Finsternis gefunden werden. Die Lichtsymbolik ist die Verbildlichung des Erlebnisses der Wiedergeburt. Alle Mysterien sind Lichtkulte. Gefeiert werden der Tod und die Wieder­geburt der Sonne.

 

Auch unsere Logen und unser Logenritual sind stark von diesem Licht – Finsternis Dualismus geprägt. Wenn wir uns in der L bewegen, so folgen wir dem Lauf der Sonne. Die beiden Wendepunkte des Sonnenlaufs werden durch den MvSt im Osten und durch den TH im Westen markiert.

 

Wie in der Natur gibt es auch in der Freimaurerei keinen endgültigen Sieg der Sonne, des Lichts, über die Finsternis. Die Freimaurerei ist eben kein Heilsweg, ihr Ansatz ist der des „stirb und werde“ unseres Br... Goethe. Am Winterjohannisfest feiern wir den Tod und zugleich die Wiedergeburt des Lichts.

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