Selbstbeherrschung ist Stärke

Beherrsche Dich selbst!

Abgründe drohen an Euren Wegen. Törichte Leidenschaften blenden Euren Blick. Wohl dem, der die Vernunft als Führerin wählt, der versteht, seine Wünsche abzustimmen auf die Wünsche anderer und so beiträgt zu brüderlicher Harmonie unter den Menschen. Sicheren Schrittes geht er durchs Leben. Selbstbeherrschung ist Stärke.

Beherrsche Dich selbst![1]

So lautet die Unterweisung des Br... 1.A zum Abschluss der zweiten Reise des Suchenden während seiner Rezeption. Es ist der zweite Schritt auf dem maurerischen Weg des – erkenne dich selbst – beherrsche dich selbst – veredle dich selbst –, den ein Br... tun soll, um sein Ziel die Schönheit seines Menschentums zu erreichen. Das Ritual spricht von (törichten) Leidenschaften, die durch Selbstbeherrschung unter Anleitung der Vernunft kontrolliert werden sollen, um auf diesem Weg nicht zu scheitern.

Leidenschaft ist ein heftiges, ungestümes Gefühl, das von der Vernunft nicht kontrolliert werden kann, aber auch sehr große Begeisterung für etwas. Im Duden wird Leidenschaft als ein emotionaler, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Gemütszustand definiert, aus dem heraus etwas erstrebt, begehrt oder ein Ziel verfolgt wird. Ebenso wird mit Leidenschaft große Begeisterung oder Neigung für eine bestimmte Tätigkeit beschrieben.[2]

Vernunft bezeichnet ein durch Denken bestimmtes menschliches Vermögen zur Erkenntnis. Die Vernunft erschließt allgemein gültige Zusammenhänge durch Schlussfolgerungen aus Sachverhalten, die vom Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfasst werden.[3] Damit ist die Vernunft jene Art des Denkens, die es dem menschlichen Geist erlaubt, seine Bezüge zur Realität zu organisieren.[4] Vernunft bezeichnet das geistige Vermögen, Zusammenhänge zu erkennen, zu beurteilen, zu überschauen und sich dementsprechend sinnvoll und zweckmäßig zu verhalten.[5] Platon definiert den Menschen über die Vernunft als seine herausragende Fähigkeit, als zoon logicon – vernunftbegabtes Tier. Für Descartes ist Vernunft die Fähigkeit, richtig zu urteilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden. Kant versteht Vernunft als die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Erkenntnisse ohne Rückgriff auf vorhergegangene sinnliche Erfahrung, das heißt über metaphysische Ideen, zu erlangen. Durch Vernunft wird gemäß Kant Moral begründet, wobei die reine Vernunft aus sich selbst erkennt, dass sie eine praktische Bestimmung hat.[6] Im Zeitalter der Aufklärung wird die Vernunft als das Instrument des Fortschritts betrachtet. Im 19. Jahrhundert steht die Vernunft im Zentrum philosophischer Debatten; für die Romantiker in der Nachfolge Rousseaus sind Gefühle wichtiger als Vernunft. Für die Philosophen der Frankfurter Schule ist die Vernunft gescheitert, denn sie habe ihre aufklärerischen, emanzipatorischen Versprechen nicht gehalten.[7] Für Horkheimer und Adorno ist in der Tradition Nietzsches die Vernunft formalisiert; das Mittel werde fetischiert, es absorbiere die Lust.[8]

Selbstbeherrschung bezeichnet ein … eigenkontrolliertes Verhalten, das einen Zustand aufrechterhält oder herbeiführt, in dem es Anstrengungen aufwendet, die den Ablenkungen von der Zielvorgabe entgegenwirken.[9] Affekte und Gefühle sollen durch den Willen gesteuert werden, um diesen nicht ungezügelt freien Lauf zu lassen. Es geht darum, Versuchungen zu widerstehen, sowie die Kontrolle über sich selbst und die eigenen Gefühle zu behalten.[10] Im Internationalen Freimaurerlexikon von Lennhoff, Posner, Binder wird Selbstbeherrschung als die Kraft definiert, durch den vernünftigen sittlichen Willen das Eigenleben im Sinne menschlicher Vollkommenheit zu gestalten, unabhängig von den Naturtrieben und Affekten.[11] Im maurerischen Sinn geht es um die Beherrschung der sozial schädlichen Triebe. Damit werde der Toleranz zum Durchbruch verholfen. Die durch die Selbstbeherrschung verursachten Hemmungen seien die Voraussetzung für der Selbstveredelung.[12]

Unsere Brr..., die den Text unseres Rituals erarbeitet und editiert haben, haben ihre Hausaufgaben perfekt erledigt. Auf der einen Seite steht als positive Aussage, These, die Vernunft (…wohl dem, der die Vernunft zur Führerin wählt…[13]). Sie beziehen sich auf Platon, der die Vernunft als eine Eigenschaft definiert, die den Menschen auszeichnet; was macht einen Menschen aus. Sie beziehen sich auf Descartes, der die Vernunft als Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit definiert, wozu braucht der Mensch die Vernunft. (…was das Licht für das Auge, ist die Wahrheit für den Geist…[14]). Hier erweist sich der Ritualtext als Ergebnis aufklärerischen Denkens. Vernunft ist positiv definiert, Zweifel an der Bedeutung der Vernunft, wie sie die Philosophie des 19. Jahrhunderts äußert, oder Scheitern der Vernunft und damit des aufklärerischen Gedankens, wie sie Horkheimer und Adorno formulieren finden wir in diesem Ritualtext nicht.

Der Führerin, der reinen Vernunft gemäß Kant, stellt das Ritual als Antithese die Leidenschaften gegenüber und verstärkt deren negative Position dadurch, dass es die Leidenschaften töricht nennt. Mit der reinen Vernunft und den törichten Leidenschaften ist, wie oft in unserem Ritual, eine Polarität definiert. (Sonne und Mond, Säule J und Säule B, musivisches Pflaster etc.). Anstatt jedoch, wie es Maurerart wäre, den Gegensatz von These und Antithese in der Synthese mit einem Dreieck aufzulösen und die beiden Pole zu integrieren, ist in diesem Spruch des 1.A eine klare Hierarchie definiert. Schließlich wird auch die Methode mitgeteilt, mit welcher das Ziel erreicht werden soll, die Selbstbeherrschung.

Dieser Denkansatz scheint auf den zweiten Blick logisch, denn der Auftrag ergeht an einen Suchenden, der im Begriff steht, in den Bund der FMei aufgenommen zu werden, und nicht an einen Br... M, der durch seine Erhebung Weisheit besitzt und die Polarität in seiner Erhebung überwunden hat (auch wenn wir alle, auch die ältesten Brr... MM ein Leben lang LL bleiben).

Aufgabe und Auftrag des L ist, an sich selbst zu arbeiten und das Ziel, die Schönheit seines Menschentums,[15] zu erreichen. Am Anfang steht die Selbsterkenntnis, das heißt zu erkennen, welche Kanten und Grate am rauen Stein dem behauenen, dem rechtwinkeligen, dem glatten Stein entgegenstehen. Die Selbstbeherrschung steht hier für den Hammer des Lehrlings, mit dem er an seinem Stein, an sich selbst arbeiten soll. Einen massiven Stein zu behauen, braucht klare Erkenntnis und klare Zielvorgaben. Da gibt es keinen Platz, um zu diskutieren, ob diese Ecke oder jene Kante nicht doch stehen bleiben könnte. Und es braucht kräftige Hammerschläge, um Grate zu glätten und Kanten winkelig zu machen.

So schön dieses Konzept in der Theorie aussieht, die Frage ist, ob es in der Praxis auch hält, was es verspricht. Im Grund geht es darum, dass die Ratio die Emotio beherrschen soll. Ein kurzer Exkurs in die Neurowissenschaften scheint mir hier hilfreich zu sein. Emotio, Gefühle, Leidenschaften spielen sich in den ältesten Hirnanteilen, dem sogenannten Reptilienhirn (Hirnstamm und Zwischenhirn) ab; wir finden Emotionen auch bereits bei Tieren. Ratio, Vernunft ist in den entwicklungsgeschichtlich jüngsten Anteilen des Gehirns, der Großhirnrinde, im Stirnlappen verortet. Nur der Mensch ist geistig dazu in der Lage, seine emotional verankerten Moralauffassungen reflektierend zu überprüfen und gegebenenfalls bewusst zu disziplinieren. Platon hatte recht, die Fähigkeit zur Vernunft macht den Mensch zum Menschen. Jedoch macht das Großhirn nur einen geringen Teil unserer Gehirnfunktionen aus. Außerdem wissen wir, dass die Wirkmächtigkeit alter Hirnareale stärker ist als die jüngerer. Das heißt für unsere Fragestellung, dass die Emotio nur unterdrückt aber niemals ausgeschaltet werden kann. Seit Freud wissen wir, dass wir Menschen nicht Herr im eigenen Haus sein können und die dauerhafte Unterdrückung von Gefühlen eine wichtige Ursache von psychischen Störungen ist.

Machen wir ein Gedankenexperiment; wie würde so eine Person, bei welcher die Ratio stärker als die Emotio ist, aussehen, wie würde sie Entscheidungen treffen, wie würde sie handeln? Eine solche Person ist Mr. Spock, erster Offizier des Raumschiffs Enterprise, Sohn eines Vulkaniers und einer menschlichen Frau. Sein Verhalten und seine Entscheidungen sind ausschließlich von Logik und Vernunft geleitet. Als Beobachter erleben wir sein Verhalten als faszinierend aber alles andere als menschlich. Es gibt jedoch in dieser Serie eine Szene, in welcher Mr. Spock eine unlogische Entscheidung trifft, welche er so begründet, es wäre logisch gewesen, unlogisch zu handeln. Abgesehen von seinen spitzen Ohren und seinem grünen Blut erscheint uns Mr. Spock wohl gerade deswegen so außerirdisch, nicht-menschlich, weil ihm die Emotion fehlt, die wesentlicher Bestandteil unseres Menschseins ist.

Ein zweites Beispiel ist der Mythos von Parzival und Amfortas. Amfortas, Parzivals Onkel, leidet unter einer nicht heilenden Wunde, die vom Zauberer Klingsor mit einem vergifteten Speer verursacht wurde. Parzival sieht das Leid seines Onkels. Seine Erziehung, seine Vernunft, verbietet ihm, zu fragen, was mit seinem Onkel wäre. Er unterdrückt seine Gefühle und Amfortas muss weiter leiden, denn die Frage, wie es seinem Onkel gehe, hätte diesen von seinem Leiden erlöst. Erst nach langen Irrfahrten und nach seiner Läuterung findet Parzival in die Gralsburg zurück. Nun weiß er, dass es richtig ist, seinen Gefühlen, seinem Mitleid nachzugeben, und er kann seinen Onkel mit seiner Frage heilen. Diese Sage zeigt deutlich, was unterdrückte Emotionen anrichten können.

Emotionen, Gefühle und Leidenschaften sind Teil meines Menschseins; sie sind Teil meiner Persönlichkeit, genauso wie meine Intellektualität und meine Vernunft. Ich freue mich, würde jemand über mich sagen, ich wäre ein leidenschaftlicher Br... FM, denn das bedeutete, dass ich der Bruderschaft mit meiner ganzen Begeisterungsfähigkeit und Intellekt verbunden bin. Andererseits besteht die Gefahr, dass Vernunft zu weit geht, sich selbst überschätzt und selbst dogmatisch wird.

In der Praxis geht das Konzept der reinen Vernunft, wie es Kant postuliert, oft genug nicht auf. Vielen Menschen mag es wie mir zu blutleer erscheinen. Es braucht genauso das Gefühl, die Hoffnung, den Luxus des Überflusses, die Grenzüberschreitung (Transgression). Freud hat uns darauf hingewiesen, dass diese Grenzüberschreitungen ein Ausdruck innerer Freiheit sind, dass wir uns nur dann als Individuen entdecken können, wenn wir uns den Regeln und Idealen des Kollektivs gegenüber schuldig machen.[16] Für den von mir überaus geschätzten radikalen Aufklärer Denis Diderot war die Erfüllung des Lebens schon Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die Rationalität, sondern die volupté, die Sinnlichkeit, die Lust.

Die FM-ei hat um diese Spannung wohl schon immer instinktiv gewusst. Denn so sehr sich die Brr... den Inhalten und Zielen der Aufklärung verpflichtet fühlen, die Arbeit mit Ritual und Symbol spricht beide Seiten im Menschen gleichermaßen an. Was im Ritual geschieht, vollzieht sich teils auf der emotionalen Ebene, teils auf der rationalen Ebene, oder auch auf beiden gleichzeitig, oder zwischen diesen Ebenen – und es bringt auch diese verschiedenen Ebenen in uns zur Resonanz. Besonders in der rituellen Arbeit erleben wir die ideale Verbindung von Ratio und Emotio. Die Verbindung von Musik, Licht und körperlicher Haltung berühren unsere Gefühle. Das Ritual breitet die ganze Fülle unserer Gedanken, Mythen und Symbole vor unseren Augen und Ohren aus. Es fordert uns auf, uns ihm auf jeweils neue und individuelle Art zu öffnen, sich von ihm ergreifen und führen zu lassen. Der Text der Wechselgespräche zwischen den hammerführenden Meistern und das BS des zeichnenden Br... wendet sich an die Ratio. Die ständige Wiederholung des Gleichen und des jedes Mal andere Erleben prägen und verändern das Denken des Br... und helfen ihm so, sein Ziel, den behauenen, winkeligen, glatten Stein zu erreichen, der zu werden, der er sein könnte. Im Ritual werden die Inhalte und Ziele der FMei rational erfassbar und emotional erlebbar. Die FMei versucht, den Menschen, so wie er ist[17], ernst zu nehmen in seiner Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen, einer vernünftigen und einer emotionalen Persönlichkeit und nicht als ein lebloses Wesen, das ausschließlich aus Vernunft besteht.[18]

FM-ei war und ist immer beides, Emotio und Ratio, Gefühl und Intellekt, Hermetik und Aufklärung, und immer in verschiedenen Mischungsgraden.


[1] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[2] https://www.duden.de/rechtschreibung/Leidenschaft; Zugriff 22.01.2022, 14.44 hrs

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.52 hrs

[4] https://www.philomag.de/lexikon/vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.55 hrs

[5] https://www.dwds.de/wb/Vernunft; Zugriff 22.01.2022, 15.06 hrs

[6] https://www.philomag.de/lexikon/vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.55 hrs

[7] Horkheimer M., Adorno T. W., Dialektik der Aufklärung

[8] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek, Verlag Traugott Bautz, 2006

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstdisziplin; Zugriff 22.01.2022, 15.35 hrs

[10] https://www.dwds.de/wb/Selbstbeherrschung; Zugriff 22.01.2022, 15.39 hrs

[11] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Selbstbeherrschung

[12] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Selbstbeherrschung

[13] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[14] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[15] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[16] Blom P., gefangen im Panoptikum, Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart, Residenz Verlag 2017

[17] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Rationalismus

[18] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Rationalismus

Der Sol Invictus

Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen. (Joh 1,5)

Es liegt mir ferne, mit diesem Baustück das Sakrileg der Blasphemie be­gehen, oder mir meine eigene, eklektische Religion schneidern zu wollen, am aller wenigsten aber will ich die religiösen Empfindungen einzelner Brr... mit meinen Aus­führungen verletzen. Es geht mir auch nicht um wissenschaftlich Beweisbares sondern um Analogien und um Synchronizitäten, die mir aufgefallen sind, von denen ich gehört oder gelesen habe. In Analogien zu denken, setzt die Unter­scheidung von Form und Inhalt voraus. Jede Form ist Ausdruck eines Inhalts; und jeder Inhalt drückt sich durch eine ihm eigene Form aus. (Goethe: „Alles Sichtbare ist nur ein Gleichnis“). Die Formen sind polar, das heißt in Gegensätze gespalten; sie sind endlich und unterliegen den Gesetzen von Raum und Zeit. Hinter dieser sichtbaren Welt der Formen gibt es aber eine Einheit, die Unio mystica, die alles zusammenführt, die keiner Ver­änderung mehr unterliegt. Für uns Menschen ist diese Einheit nicht vorstell­bar, denn wir sind gefangen in den äußeren Formen mit ihrer Polarität. Manche von uns mögen ein Wenig von dieser Einheit erfahren haben. Was wir können und was ich in diesem Bau­stück versuchen will, ist, von den verschiedenen Formen zu berichten, hinter denen sich diese große Kraft, die wir mit der Sonne beschreiben, versteckt. Ich bin mir aber be­wusst, dass ich erst recht wieder von einer Form, einem Symbol, erzähle, das der Polarität unterliegt.

Am Anfang alles Erschaffenen steht das Feuer, das Licht – in der Genesis heißt es: „es werde Licht“ -, denn die Grundeigenschaften des feurigen Prinzips sind Hitze und Ex­pansion. Das Feuer liegt dem Licht zu Grunde, und jedes Licht kann in Feuer verwandelt werden und umgekehrt. Licht ist durchdringend und expansiv. Die Finsternis ist dem Licht entgegengesetzt und entstammt dem Wasserprinzip, seine Grundeigenschaften sind Kälte und Zusammenziehung. Genauso wie das Feuerprinzip ohne seinen Gegenpol das Wasserprinzip nicht bestehen könnte, so könnten wir das Licht ohne die Finsternis nicht erkennen. Ohne Finsternis gäbe es kein Licht. Licht und Finsternis entstehen aus dem Wechselspiel der Elemente Feuer und Wasser. Deshalb hat das Licht in seiner Auswirkung die positiven Eigenschaften und die Finsternis die negativen Eigenschaften.

Heute am 21. Dezember beginnt der Winter mit seinem Solstitium, der Winter­sonnen­wende. Die Sonne durchwandert einmal im Jahr entgegen dem Uhrzeigersinn den Tier­kreis und legt dabei pro Tag etwa 1 Grad zurück, durchwandert während eines Jahres also den Tierkreis zur Gänze. Durch die Schiefe der Ekliptik zum Erdäquator entstehen unsere Jahreszeiten und die unterschiedlichen Verhältnisse von Tag und Nacht. Das Wintersolstitium finden wir bei 0° Steinbock mit der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Ab dem Herbstäquinoktium – 0° Waage – erleben wir sehr deutlich die Abnahme des Tages und die Zunahme der Nacht. Die Kräfte der Finsternis scheinen die Kräfte des Lichts mehr und mehr zu überwältigen. Doch in dem Moment der größten Sonnen­ferne, in diesem Moment, in dem die dunklen Kräfte zu siegen scheinen, ändert sich die Situation, und der Siegeslauf des Lichtes beginnt von neuem.

In der dualistischen Glaubenswelt früherer Kulturen wurden die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis gleichermaßen verehrt. Licht und Finsternis erscheinen gleich stark und stehen in permanentem Wettstreit miteinander; im Denken und Handeln der Menschen sind Gut und Böse so eng vermengt, dass sie nicht immer unterschieden werden können, manchmal entsteht aus guten Absichten Böses und aus bösen Wünschen Gutes. (Paulus schreibt: Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, Röm 7,19). Der Urgegensatz von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod erfüllt das ganze menschliche Dasein. In der Natur stehen die beiden Prinzipien nebeneinander, und nichts deutet dar­auf hin, dass das Licht einmal über die Finsternis herrschen wird.

So steht in der jüdischen Tradition dem Schöpfergott der ochsengleiche Gott der Finsternis, Satan, Samael, gegenüber, der sich bereits im Anfang Gottes Schöpferwillen wider­setzt, als dieser die Welt mit „es werde Licht“ erschaffen will. Satan will seiner­seits die Welt aus der Finsternis erschaffen. Gott unterwirft ihn daraufhin mit einem Schrei und verbannt ihn und seine Engel in ein finsteres Verlies. Trotzdem rühmt sich Samael, auch wenn Gott das Licht erschaffen hätte, so hätte er Finsternis und Hölle er­schaffen.

Dass die Finsternis lange vor der Schöpfung nicht als bloßes Fehlen von Licht existiert hätte, sondern als eigene Entität, glaubten alle Völker des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes. So sprechen die Griechen von „Mutter Nacht“, die jüdische Tradition kennt einen „Fürsten der Finsternis“, der auch gleichzeitig mit Luzifer, dem Sohn der Morgendämmerung in Verbindung gebracht wird. Der Schrei mit dem Gott diesen Fürsten bezwingt, erinnert an den Schrei des Pan, den er ausstößt, als er Typhon, ein Ungeheuer, dessen Flügel die Sonne verfinstern, unterwirft.

Im 7. vorchristlichen Jahrhundert lehrt der medische Prophet Zoroaster – Zarathustra, dass das Böse, so mächtig es auch sein könne, überwunden werden könnte. In seiner Lehre führen die Heere des Lichts und die Heere der Finsternis, die Heere Ahura Mazdas (Ormuzd) und die Heere Ahrimans einen ewigen Kampf bis zum Ende der Zeiten. Zarathustra entwirft das Bild einer Zeit, in der das Schicksal der sichtbaren Welt und des guten und des bösen Prinzips entschieden werden würde; am Ende des Kampfes würde der Sieg des Guten stehen. Nach Zarathustras Lehre liegt die Zukunft des Menschen im göttlichen Lichtreich, einer Welt, mit deren Aufbau schon im Diesseits begonnen werden muss und die dann schließlich in einem endzeitlichen Kampf ihre Durchsetzung und Vollendung findet.

Ormuzd und Ahriman sind Söhne des einen, desselben Prinzips. Die einzige Macht ist Zrva Akaran, die „Grenzenlose Zeit“, die für den Menschen so unfassbar ist, dass er vor ihr nur in Ehrfurcht verharren kann. Aus Akaran geht das Licht hervor, dem Ormuzd entspringt, der eine reine Welt schafft. Eine zweite Ausstrahlung Akarans zeugt Ahriman, der machthungrig und eifersüchtig ist. Er beneidet Ormuzd und wird dafür in das Reich der Finsternis verbannt. Ormuzd schafft das Weltenlicht, die Sonne, nach dem Vorbild des überirdischen, himmlischen Lichts; dann schafft er die Quelle des Lebens, eine Macht, die er „Stier“ nennt, aber Ahriman tötet den Stier. Die Menschen, Mann und Frau, werden von Ormuzd aus dem zerstreuten Samen des Stiers geschaffen. Da verführt Ahriman die Frau mit Milch und Früchten und der Mensch verfällt der Sünde. Zu seiner Verstärkung erschafft Ahriman Tierungeheuer, Reptilien und Schlangen. Die Macht des Bösen nimmt immer mehr zu, und die Mächte der Finsternis scheinen vor ihrem Sieg zu stehen. In dem Augenblick aber, in dem Ahriman den Sieg erreicht zu haben scheint, kommt das Gericht mit der Ankunft des Erlösers, dem Mithras, der in dieser Nacht der Wintersonnenwende geboren wird. Ormuzd errichtet sein Reich des Lichts, und die Mächte der Finsternis sind endgültig besiegt.

Im dritten nachchristlichen Jahrhundert reiht sich Mani in die Reihe der Schöpfer von Erlösungsreligionen ein. Nachdem er Buddhismus, Zoroastrismus und Christentum kennen gelernt hat, sieht er sich selbst als deren Vollender an. Mani gehört einer Gruppe von Gnostikern an, die Licht und Finsternis, Gut und Böse als ursprüngliche Gegensätze an­sehen. Dem Reich des Lichts steht ein Reich der Finsternis gegenüber. Im Lichtreich herrscht der Vater der Größe. Dieser hat fünf Wohnungen bzw. Glieder: Nus, Denken, Einsicht, Gedanke, Überlegung. Zwölf Äonen umgeben ihn, die je drei auf die vier Himmelsrichtungen verteilt sind.

Die Gegenseite bildet das Reich der Finsternis. Es wird vom König der Finsternis be­herrscht. Dieser hat die Gestalt eines Tieres und ist ein Produkt der Hyle, des Ge­danken des Todes. Fünf finstere Elemente finden wir im Reich der Finsternis: Rauch, Dunkelheit, Wind, Wasser, Feuer. Die innere Uneinigkeit und Unruhe ist eine Besonder­heit dieses Reiches. Im Verlauf der ständigen inneren Kämpfe erblickt die Finsternis das Licht und wünscht es sich einzuverleiben.

Der Vater der Größe aber ist nur auf Frieden mit allen Größen eingestellt, dennoch ent­schließt er sich, den Kampf selbst aufzunehmen. Dazu beruft er aus sich die Mutter des Lebens, die auch die große Geistin heißt – Geist ist in den semitischen Sprachen feminin, cf. Ruach – und diese beruft wiederum den Ersten Menschen. Er umgibt sich mit seinen Elementen als Rüstung, die zugleich die lebendige Seele bilden. Es sind dies die Glieder der Lichterde, die den Elementen des Finsternisreiches gegenüberstehen: Luft, Wind, Licht Wasser, Feuer. Dieser Kampf endet zunächst mit der Überwindung des Ersten Menschen und seiner Rüstung, der Lebendigen Seele. Mani deutet dieses Er­eignis aber nicht als Zeichen einer Niederlage, sondern auch als eine Fesselung der Finsternis, die durch die Verschlingung der Lichtelemente von ihrem Angriff auf das Lichtreich abge­lenkt worden ist.

Ziel der nun folgenden Befreiung ist es, Licht und Finsternis so zu trennen, dass der vorige Zustand wieder hergestellt wird und der Angriff der Finsternis auf das Licht nicht mehr stattfinden kann. Die Befreiung des Lichts geht in mehreren Akten vor sich. Zunächst muss der Erste Mensch befreit werden, dann müssen Vorbereitungen für die Ausläuterung der Elemente getroffen werden und schließlich muss in einem eschatologischen Akt mit dem Abschluss der Ausläuterung der endgültige Zustand her­gestellt werden.

Zunächst wird eine neue Götterdreiheit berufen: der Geliebte der Lichter, der große Baumeister und der Lebendige Geist. Der Letzte erlöst den Menschen, er steigt herab und spricht den Menschen an, worauf dieser antwortet. Ruf und Antwort steigen aus der Finsternis empor und vereinigen sich mit den himmlischen Größen, der Ruf mit dem Lebendigen Geist, die Antwort mit der Mutter des Lebens.

Zur Ausläuterung der Elemente begeben sich der Lebendige Geist und die Mutter des Lebens hinab in das Reich der Finsternis. Sie besiegen die Archonten des Finsternis­reiches und gestalten aus ihren Leibern den Kosmos. Es werden zehn Himmel und acht Welten erschaffen. Die Finsterniskräfte, die er nicht zur Erschaffung der Welt ver­wandt hat, heftet der Lebendige Geist am Himmel an. Damit der Kosmos in der richtigen Ordnung bleibt, werden vom Lebendigen Geist fünf Söhne eingesetzt: der Splenditenens, der König der Ehre, der Licht-Adamas, der König der Herrlichkeit und der Atlas. Der erste hält den Kosmos, der letzte trägt ihn, so dass der Weltenbrand entstehen wird, wenn beide ihre Tätigkeit einstellen.

Somit ist die Maschinerie für die Ausläuterung geschaffen, benötigt wird nur noch die Gottheit, die sie in Bewegung setzt. Die Emanation des Vaters der Größe, die die dritte Epoche einleitet, wird Dritter Gesandter genannt. Er selbst nimmt Platz im „Schiff der Sonne“, Jesus der Glanz im „Schiff des Mondes“. Der Gesandte erscheint nun den Archonten und erregt sie sexuell. Die Begierde der Archonten äußert sich darin, dass sie das Licht, das sie in sich haben, frei geben.

Am Erlösungswerk sind auch der Erste Mensch und die Mutter des Lebens beteiligt. Auch der König der Herrlichkeit beginnt seine Arbeit, und der Große Baumeister erhält den Auftrag, einen neuen Bau ein Gefängnis, für die bösen Mächte zu errichten. Nach dem Weltende soll es als der Ort dienen, in dem die Finsterniskräfte für immer ge­fesselt sein werden, damit sie nie mehr einen Angriff gegen das Licht führen können. Darüber soll er noch das neue Paradies für die Lichtgötter errichten. Denn wenn die Lichtteile in der Welt so weit geläutert sind, dass sie sich in der letzten Statue zu­sammengefunden haben, tritt das Weltenende ein. Ein Weltenbrand von 1468 Jahren wird stattfinden und die Finsternis wird zu einem Klumpen zusammengepackt.

Der komplizierte manichäische Mythos beruht auf einem anthropozentrischen Schema. Der Nus rettet die Seele, die Psyche, aus der Hyle; die Psyche ist die Lichtseele und die Hyle die Schattenseele des Universums. Der Gesamtkosmos muss in Licht und Finsternis geschieden werden, denn er enthält die Weltenseele, die in ihrer Gesamtheit befreit werden muss. Mani benützt hier die Idee Platons von der Weltenseele und bedient sich ihres ambivalenten Charakters, um das Leiden des Lichts in seiner Verbindung mit der Finsternis darzustellen. Die Lebendige Seele ist die Seele des einzelnen Menschen, aber auch der Lichtteil, der irgendwo in der Welt verstreut ist und zugleich die Summe aller dieser Teile als Weltseele, die auch ein eigener Organismus ist. Der Licht-Nus durch­waltet den ganzen Kosmos und führt in der Säule der Herrlichkeit die Seelenteile empor. Wie im Makrokosmos durch seine Hilfe die stufenweise Erlösung stattfindet, so erlöst der Nus auch im Mikrokosmos die Seele und ihre Teile.

Erlöser oder Gottessöhne bringt die Menschheit seit jeher mit der Sonne in Ver­bindung, denn die Sonne ist ein Symbol des Lebens. Die Sonne ist das zentrale Gestirn, das Licht und Leben gibt, was die eigentliche Bedeutung eines Erlösers oder Gottes­sohnes ist. So steht über dem Tor Tempels von Tutmosis III. in Medinet Habu: „Er ist es, der Sol, der alles, was ist, geschaffen hat und ohne ihn wäre nichts geschaffen; der Vater aller Dinge, der Schöpfer, ist das Leben und das Licht.“

Der ägyptische König Amenophis IV. (1364-1347 v.u.Z.) versuchte, den vorherrschenden Polytheismus durch einen vergeistigten Sonnenmonotheismus zu ersetzen. In seiner als Sonnengesang bekannt gewordenen religiösen Lyrik hat Echnaton, wie er später genannt wurde, ein unvergängliches Denkmal hinterlassen:

„Du erscheinst so schön im Lichtorte des Himmels,

du lebendige Sonne, die zuerst zu leben anfing!

Du bist aufgeleuchtet im östlichen Lichtorte

und hast alle Lande mit deiner Schönheit erfüllt.

Du bist schön und groß, glänzend und hoch über allen Landen.

Deine Strahlen umfassen die Länder, bis zum Ende alles dessen, was du geschaffen hast;

du bist die Sonne und dringst eben deshalb bis an ihr äußerstes Ende.

Du hast den Himmel gemacht fern von der Erde, um an ihm aufzuleuchten,

um alles was du, einzig und allein du, geschaffen hast, zu sehen,

wenn du aufgeleuchtet bist in deiner Gestalt als lebendige Sonne,

erschienen und glänzend, fern und doch nah.“

Die Sonne ist die Verkörperung des Prinzips, das der Mensch braucht, um Licht und Leben zu erhalten. (Und das Wort ist Fleisch geworden, Joh 1, 14a). Die wichtigen Feste vieler Religionen korrespondieren mit den markanten Stellen der Sonne in ihrem Jahreslauf. Aufstieg und Niedergang der Sonne wird zum kosmischen Vorbild des sie auf Erden stellver­tretenden Heros, der dann auch in den Himmel auffährt. Der göttliche Erlöser wurde schon lange vor dem Christentum verehrt. Philosophen, Verehrer der Sonne als Ver­nunft, lehrten, dass die Menschheit durch das geistige Licht gerettet werden würde, das Licht, das die Welt gut und vernünftig machen würde. Die Sonne ist der große Lehrer, und ihr jährlicher Umlauf zeigt uns die einzelnen Schritte unserer eigenen Ent­wicklung.

Dieser besondere Punkt im Sonnenlauf, die längste Nacht und der kürzeste Tag, wurde immer schon als die Einweihungsnacht gefeiert. In dieser Nacht wurden die vorbe­reiteten Neophyten in Erdhöhlen gebracht, wo sich das Mysterium abspielte, in dem die Neophyten die Sonne in der Mitte der tiefsten Nacht schauten. Das Licht, das Geistige, muss in der Tiefe der Erde, in der tiefsten Finsternis gefunden werden. (cf. unser Ritual der Aufnahme). Die Lichtsymbolik ist die Verbildlichung des Erlebnisses der Wiedergeburt. Alle Mysterien sind Lichtkulte. Gefeiert werden der Tod und die Wieder­geburt der Sonne.

Unser Jahr beginnt mit dem Winteranfang, dem Tod des Lichts, unter dem Zeichen des Steinbocks, obwohl das Jahr der Vegetation, des Lebens, mit dem Frühlingsäquinoktium beginnt. Das Frühlingsäquinoktium erinnert an die Auferstehung des Gottes des Lebens, der vorher in die Unterwelt, zu den Toten, hinabgestiegen ist. Die esoterisch, initiatorische Bedeutung der Sternzeichen des Winters ist hinter dem Christentum ver­steckt. Der Steinbock stellt den Denker dar, der sich in sich selbst vertieft, um so zum höchsten menschlichen Wissen zu gelangen, der Erkenntnis nichts zu wissen. Darauf folgt eine Bescheidenheit, die ihn offen macht für die Macht über uns. Er legt seine Metalle ab, die nur blendend strahlen, um schließlich in die Mittlere Kammer zu ge­langen, wo jede Täuschung und Illusion entweichen. Wir sterben diesen symbolischen Tod aber nur, um wiedergeboren zu werden aus dem leuchtenden Wasser, das der Wasser­mann ausgießt. In diesem Wasser verwandeln wir uns in Fische – ein altes Symbol für Christus. Für die Babylonier war der Fisch Symbol der Seele, die im Meer Ea, der höchsten Weisheit, schwimmt.

Ich habe vorhin bewusst Mithras zitiert, denn sein Geburtsfest zum Wintersolstitium ist älter als das christliche Weihnachtsfest, die Geburt Jesu Christi, die zu diesem Fest ge­feiert wird. Erst 337 unter Papst Julius wird der Geburtstag Jesu auf den 25. Dezember festgelegt. 390 schreibt Chrysostomos dazu: „auf den 25. Dezember wurde die Geburt des Heilands festgelegt, damit die Christen ihre Feiern ungestört abhalten können, während die Heiden mit ihren Zeremonien beschäftigt sind.“ Mit diesen Zeremonien aber ist Romalia, „die Geburt der unbesiegten Sonne, des Sol Invictus“ ge­meint, und für Julian Apostatos ist die materielle Sonne ein Abbild der spirituellen Sonne, des absolut Guten. Die christliche Ikonografie setzt immer zur Rechten des Christus die Sonne. Und der protestantische Dichter Paul Gerhardt dichtet über das Jesuskind:

„Ich lag in tiefer Todesnacht,

du wurdest meine Sonne,

die Sonne, die mir zugedacht,

Licht, Leben, Freud’ und Wonne.

O Sonne, die das werte Licht

des Glaubens in mir zugericht’,

wie schön sind deine Strahlen.“

Auch in unserer Loge finde ich vieles, was mich an diese Thematik von Licht und Finsternis erinnert. In unserem Ritual wird der Meister vom Stuhl mit der Sonne ver­glichen, der die Loge erleuchtet oder beleuchtet. Wenn er das Licht aus dem Osten bringt, um die kleinen Lichter zu entzünden, wird er als Verkörperung der Loge zu einem Lichtbringer wie Loki, Prometheus oder auch Luzifer und er­schafft eine Welt des Lichts, die Ordnung und Struktur in das Chaos der Dunkelheit bringt. Ebenso steht der TH symbolisch vor dem Tempel, um für uns alle seinen Kampf gegen die Mächte der Finsternis zu führen. Albert Pike inter­pretiert die weißen und schwarzen Fliesen des musivischen Pflasters als Symbol dieser beiden Antagonisten. Licht und Schatten, Freude und Schmerz, Kommen und Vergehen kennzeichnen im ständigen Wechsel das Leben auf der Erde. Drei­mal umkreisen wir das musivische Pflaster auf unserer Reise zum Licht. Doch zwei Mal geht unser Weg am Osten vorbei, und wir finden uns wieder in der Dunkelheit des Westens, von wo wir ausgegangen sind. Erst wenn wir die rechte Kenntnis von uns selbst erlangen, können wir uns über unser kleines Menschen­schicksal erheben und geradewegs das Licht aufsuchen.

Was uns Brr... Freimaurer allerdings fehlt, ist der Erlösungsgedanke oder ein Erlöser wie wir ihn sowohl im Zarathustrismus, selbstverständlich im Christentum, aber auch im Manichäismus finden. Es bleibt in der Verantwortung jedes einzelnen Br..., welche Position er selbst in diesem immerwährenden Konflikt zwischen Licht und Finsternis be­zieht. Den Religionsstifter, der stellvertretend für alle seine zukünftigen Anhänger den Kampf mit der Finsternis geführt und gewonnen hat („descendit ad inferos“ im Credo), suchen wir in der Freimaurerei vergebens. In der Freimaurerei gibt es nämlich keinen endgültigen Sieg der Sonne, des Lichts, über die Finsternis. Die Freimaurerei ist eben kein Heilsweg, ihr Ansatz ist der des „stirb und werde“ unseres Br... Goethe. Am Winterjohannisfest feiern wir den Tod und zugleich die Wiedergeburt des Lichts.

Licht und Finsternis gehören untrennbar zusammen. Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod sind nur scheinbare Gegensätze, sie sind eins. Als Brr... Freimaurer sind wir dazu aufgerufen, das Licht und die Finsternis in uns selbst, unsere Stärken und Schwächen, unsere Talente und Fehler, unsere Ambitionen und Triebe, unsere Prägung durch unsere persönliche Geschichte zu erkennen. Jeder von uns muss sich den Schatten, seinen persönlichen Schatten stellen. Der erste Schritt ist das Erkennen der dunklen Seiten meines Ichs. Ich muss bereit sein anzuerkennen, dass ich nicht nur lichte Seiten in mir trage, sondern, dass die dunklen Seiten genauso wesentlich zu meiner Persönlichkeit beitragen. Kaum ein Mensch ist nur gut oder nur böse; das wäre Dr. Jekyll und Mister Hyde.

Zunächst ist es Ziel meiner Introspektion, die hellen und dunklen Seiten meines Charakters zu erkennen und als mein konkretes Ich zu akzeptieren. Danach beginnt meine Auseinandersetzung mit meinen Schatten. Ich beginne zu erkennen, dass Licht und Dunkel, Gut und Böse in manchen tatsächlich nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind; und dass manche schlechte Charaktereigenschaft nur eine übertriebene gute ist. So ist zum Beispiel Fanatismus übersteigerte Begeisterungsfähigkeit. Dies zu erkennen, ermöglicht mir neben der aktiven Unterdrückung meiner negativen Charaktereigen­schaften noch eine zweite Möglichkeit, Herr meiner Schattenseite zu werden, nämlich die Umformung oder eine Transformation meiner Leidenschaften zu­rück auf ihren ur­sprünglich guten Ansatz. Das aktive Unterdrücken braucht Stärke und sehr viel Selbst­beherrschung. Zur Transformation meiner Leidenschaften benötige ich vor allem Weis­heit, um die schönen, die hellen Seiten hervorzuholen.

Ziel eines Lebens nach Maurerart ist die Selbstveredelung des Einzelnen; mein Ziel ist es, täglich in allem so zu handeln, dass ich selbst Leben eher mehre, denn mindere (cf. Rupert Lay, Credo). Diesen Kampf muss ich täglich aufs Neue führen, und dieser Kampf ist bis an das Ende meines Lebenswegs nicht zu Ende. Dann werde ich vielleicht dem letzten Türhüter, der die Schwelle zur Schönheit des ewigen Lichts bewacht, sagen können: „ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet…“ (Paulus, 2. Tim 4,7)

Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen. (Joh 1,5)

Literatur:

  • Bardon Franz; der Weg zum wahren Adepten; Verlag Hermann Bauer, 8. Auflage 1984
  • Böhling Alexander; Die Gnosis, der Manichäismus; Artemis und Winkler Verlag 1995
  • Högl Stefan; Die religiöse Dimension der Nah-Todeserfahrungen; Magisterarbeit in der Philosophischen Fakultät I der Universität Regensburg
  • Lennhoff Eugen, Posner Oskar, Binder Dieter; internationales Freimaurerlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH; München 2000
  • Ligou Daniel; dictionnaire de la franc-maçonnerie; presses universitaires de france
  • Miers Horst E.; Lexikon des Geheimwissens; Goldmannverlag 1993
  • Naudon Paul; les loges de Saint-Jean, Dervy-Livres, Paris, 1974, 1980, 1984
  • Pike Albert, Morals and Dogma of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry, Kessinger Publishing Company, Montana, U.S.A.
  • Quispel Gilles; Gnosis als Weltreligion; Origo Verlag Zürich 1972
  • v. Ranke-Graves Robert, Patai Raphael; hebräische Mythologie, über die Schöpfungsgeschichte und andere Mythen aus dem Alten Testament; Rowohlts Enzyklopädie
  • Regschek Kurt; die esoterische Bedeutung von Ostern, Baustück
  • Regschek Kurt; die esoterische Bedeutung von Weihnachten, Baustück 1986
  • Seligmann Kurt; das Weltreich der Magie, 5000 Jahre Geheime Kunst; R. Löwit GmbH, Wiesbaden 1984
  • Wirth Oswald, Le symbolisme occulte de la Franc-maçonnerie, édition Dervy, Paris 1993

Abstract

Am Anfang alles Erschaffenen steht das Feuer, das Licht. Licht ist durchdringend und expansiv. Die Finsternis ist dem Licht entgegengesetzt und entstammt dem Wasser­prinzip, seine Grundeigenschaften sind Kälte und Zusammenziehung. Genauso wie das Feuerprinzip ohne seinen Gegenpol das Wasserprinzip nicht bestehen könnte, so könnten wir das Licht ohne die Finsternis nicht erkennen. Das Licht hat in seiner Auswirkung die positiven Eigenschaften und die Finsternis die negativen Eigenschaften.

In der dualistischen Glaubenswelt früherer Kulturen wurden die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis gleichermaßen verehrt. In der Natur stehen die beiden Prinzipien nebeneinander, und nichts deutet dar­auf hin, dass das Licht einmal über die Finsternis herrschen wird.

Ab dem Herbstäquinoktium erleben wir die Abnahme des Tages und die Zunahme der Nacht. Die Kräfte der Finsternis scheinen die Kräfte des Lichts mehr und mehr zu überwältigen. Doch in dem Moment der größten Sonnenferne, in diesem Moment, in dem die dunklen Kräfte zu siegen scheinen, ändert sich die Situation, und der Siegeslauf des Lichtes beginnt von neuem. Aufstieg und Niedergang der Sonne werden zum kosmischen Vorbild des sie auf Erden stellver­tretenden Heros, der dann auch in den Himmel auf­fährt.

Dieses Phänomen hat die Menschen seit Alters her zum Nachdenken angeregt, auf diesem Phänomen fußen die Erlösungskulte des Zarathustrismus, des Manichäismus und des Christentum.

Auch in der FMei... finden wir diese dualistische Lichtsymbolik. Hier gibt es jedoch keinen endgültigen Sieg des Lichts über die Finsternis, schon gar nicht durch einen Er­löser. Licht und Finsternis gehören zusammen. Jeder einzelne Br... ist aufgerufen, diesen Kampf nach den Regeln der FMei... – erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst – zu führen, um am Ende in der Schönheit des ewigen Lichts viel­leicht seinen Sieg zu finden.

Reflexion zum Grad des Meisters

Im Grad des Meisters werden wir aufgefordert, über unser angelerntes Wissen hinaus in uns selbst hinein zu hören. Die Arbeit im Meistergrad zielt darauf ab, Rationales und Spirituelles in enger Verbindung zuzulassen.

Der Meistergrad führt uns symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte unseres eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, sind wir eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, sind wir Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Loge, wenn wir Brr... MM arbeiten die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an wir Brr... an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; wir arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist mehr als eine fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, er ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt; er ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge zu verstehen und zu durchschauen. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für (uns) Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

Unser Ritual lehrt uns, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM – M ist, des eigenen Todes zu gedenken; wir sollten uns diese Mahnung zu Herzen nehmen, denn „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM – M. Auftrag des Meistergrades ist es, sich damit zu beschäftigen, wie ein Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Die sittliche Forderung des Meistergrads lautet, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führen zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen.

Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.


[1] Br... Mazakarini Leo, Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

Bauen am Tempel der Humanität

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon,

Wer baute es so viele Male auf?

In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war, die Maurer?

Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?[1]

Wer baut den unsichtbaren Tempel der Humanität?

In den Büchern stehen die Namen von berühmten Brr...

Haben nur die berühmten, namentlich bekannten Brr... die Welt erleuchtet?

Meine Brr..., das Ritual der Beförderung gibt auf die Frage nach der Nachhaltigkeit der maurerischen Arbeit des einzelnen Br... eine klare und – wie ich meine – gleichzeitig überraschende Antwort. Jede Arbeit, die wir tun, ist nur ein Schlag auf Eisen, das ein anderer vor uns geglüht hat und mit dem nach uns ein anderer arbeiten wird. Der Lohn dafür ist unser Anteil an der Kultur der Menschheit.[2]

Jeder von uns steht in der langen Reihe der Brr..., jeder trägt seinen Teil zu diesem Bau bei. Wir schlagen auf schon beschlagenes Eisen, das nach uns weiter bearbeitet werden wird. Wir kennen weder den Beginn, noch sehen wir das Ende oder können ahnen, wie die vollendete Arbeit aussehen mag. Das Gesellenritual prophezeit, dass keiner von uns das Ende, die Fertigstellung des Großen Werks erleben wird, dass wir vor Abschluss des Baus unsere Werkzeuge niederlegen müssen und ein anderer unsere Stelle einnehmen wird.

Vielleicht ist unser Schlag nur eine Wiederholung?

Vielleicht ist unser Schlag für die Tradition, in der wir stehen, nur insofern wichtig, als wir sie aufrechterhalten?

Vielleicht glauben wir nur aus Mangel an Bildung, einen originellen Beitrag zu leisten?

Vielleicht ist es uns auch wirklich gegeben, einen neuen Schlag zu tun?

All das ist nicht ausschlaggebend.

Wichtig ist das Ziel, dem wir uns alle verpflichtet haben, dem Bau des Tempels der allgemeinen Menschenliebe.

Wichtig ist das neue Verständnis von individueller Freiheit, die freiwillige, verantwortungsvolle Vernetzung in einer langen Kette, die sich durch die Zeiten zieht, – nicht die Selbstverwirklichung durch individuelles Tun.

Maurerisches Handeln, Bauen am Tempel der Humanität heißt teilnehmen an einem Ziel,

welches größer ist als ich selbst,

welches ich nie ganz kennen werde,

über welches ich nicht allein verfüge.

Die Größe meines Beitrags ist nicht wichtig, wichtig ist, dass ich ihn leiste.Die Kunst ist lang, das Leben kurz[3].


[1] Brecht Bertolt, Fragen eines lesenden Arbeiters, http://ingeb.org/Lieder/werbaute.html, Zugriff 25.02.2018, 13.20 hrs

[2] Ritual der Beförderung, erste Reise, GLvÖ

[3] Ritual der Beförderung, Gesellenbrief, GLvÖ

Der Spiegel

Während der vierten Wanderung der Beförderung zeigt uns der Br...TH ein Geheimnis. Der TH nennt es ein Bildnis; es ist ein Spiegel, in dem die wandernden Lehrlinge sich selber sehen sollen. Der Spiegel ist hier das Symbol der Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Indem die wandernden Lehrlinge in den Spiegel schauen, müssen sie sich selber kritisch ins Auge blicken. Es geht um Sehen, Wahrnehmen und Erkennen. Der Spiegel jedoch ist ein seltsames Instrument, denn was er zeigt, zeigt er in einer verschobenen Perspektive. Das Bild im Spiegel kann jederzeit verzerrt sein und auch der Spiegel hat seine blinden Flecken.

Friedrich Nietzsche dekretiert in der Morgenröthe von 1880: Der Intellect ist ein Spiegel. Das Bild des Spiegels soll den Prozess der Erkenntnis mit all seinen Grenzen und Fallen symbolisieren. Noch einmal Nietzsche in der Morgenröthe: Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts als die Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder aufs Nichts, als auf den Spiegel – Dies ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntnis.

Wenn wir den Spiegel, das Instrument unserer Erkenntnis, unseren Intellekt, unser Bewusstsein untersuchen, so finden wir ausschließlich die eingebrannten Erfahrungen. Denn Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, denn leeres, reines Bewusstsein ist nicht greifbar. Es ist die besondere Eigenschaft des Spiegels, dass ich ihn nie betrachten kann, ohne etwas in ihm zu sehen; ebenso ist auch das Bewusstsein nie leer; und es gibt auch keine Möglichkeit, etwas ohne den Spiegel des Bewusstseins wahrzunehmen. Der Spiegel ist eben nicht hintergehbar. Was man sieht und wie man es sieht ist immer eine Frage der Perspektive.

Wir können den Spiegel drehen und wenden, wie wir wollen; sobald wir ihn auf uns selbst richten, sehen wir immer andere Dinge, als wir sie uns erhoffen. …ist dies das Bild eines wahren und treuen Bruders? Ist dies das Bild eines Maurers, der fortgeschritten ist auf dem Wege zur Selbsterkenntnis? Und manchmal sehen wir Dinge, die wir eigentlich so nicht sehen wollen. Verzerrt also der Spiegel die Welt oder entzerrt er die Bilder von der Welt? Geht es uns da nicht manchmal wie dem Basilisken, der an der Häßlichkeit seines eigenen Spiegelbilds stirbt. Dazu noch einmal Nietzsche in einem Fragment aus dem Umkreis des Zarathustra: Ich hielt ihrer Häßlichkeit den Spiegel vor: da ertrugen sie ihren eigenen Anblick nicht: an dem bösen Blick ihres Auges kamen sie zu Schaden.

Der Spiegel, wie ihn uns der Br...TH vorhält, zwingt uns nicht nur zur Begegnung mit uns selbst, sondern er wird manchmal auch zum Instrument der Zerstörung. Der Spiegel weist auf die Dramatik und Gefahr der Selbstreflexion hin: man kann an sich selbst zugrunde gehen. Der Spiegel setzt die blinden Flecken der Selbstwahrnehmung ins grelle Licht. Was immer wir im Spiegel sehen, ist unser eigenes Bild, das oft genug unser Entsetzen auslöst. Den Spiegel einem anderen Menschen, einem Bruder, vorzuhalten, ist eine Form von Drohung.

Mit Hilfe des Spiegels, decke ich hässliche Seiten an mir auf, die ich mir selbst verboten habe zu kennen. …Sie haben sich selbst gesehen und erkennen nun an sich, was sie an anderen tadeln. Dieses verbotene Wissen freizulegen und zu integrieren ist ein weiterer Schritt zur Selbstveredelung. Unser Auftrag als Brr...FM ist es, mit dem Spiegel der Erkenntnis verantwortungsvoll umzugehen. Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, dass gerade der TH uns den Spiegel vorhält, denn er ist ein Wissender, der um alle möglichen Gefahren weiß.

Humanität, Humanismus

Die FM Kontinentaleuropas wird gern als humanitäre FM bezeichnet, in Abgrenzung zur christlichen FM Nordeuropas und zur sogenannt atheistischen FM in der Tradition des GOdF.

Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) war der erste, der den Begriff „humanité“ mit Humanität übersetzte und durch seine Briefe zur Beförderung der Humanität populär machte. Für Herder ist Humanität die Mitte von Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten und Menschenliebe. Gemeinsam ist diesen Begriffen ihr Ursprung in der Antike. Den Gegensatz zur Humanität nennt Herder „Brutalität“. Nach antikem Verständnis entwickelt sich der Mensch/die Menschheit aus Rohheit, Wildheit und Bestialität durch Entrohung, Zähmung Humanisierung. Die Bildung zur Humanität sei …ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück. (Brief 27, Bildung zur Humanisierung,). Der herder’sche Begriff Humanität beschränkt sich nicht ausschließlich auf Bildung, sondern betont ausdrücklich die praktische Dimension der Humanität. Damit führt Herder die verschiedenen antiken Dimensionen des Begriffs Humanitas zusammen und geht gleichzeitig darüber hinaus. So weiterentwickelt durch die zeitgenössische Philosophie und Politik führen seine Ideen zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen) vom 26. August 1789, die die französische Nationalversammlung als Verfassungsrecht verabschiedet.

Jede Form des Humanismus muss sich an den Werten und der Würde des einzelnen Menschen orientieren. Humanismus braucht weder Götter noch Heils- oder Erlösungsmythen, um sich und seine Ziele zu begründen oder zu rechtfertigen. Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen bilden den höchsten Wert, Persönlichkeit und Würde des einzelnen Menschen müssen respektiert werden, freie Persönlichkeitsentfaltung und geistige und schöpferische Entfaltung müssen möglich sein. Ausgehend von der Überzeugung, dass Freiheit und Gleichberechtigung universell gültige Werte sind, verlangt der kategorische Imperativ des Humanismus, …alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist… (K. Marx, F. Engels: Werke, Berlin 1956, Band 1). Ziel sind Bedingungen, unter denen die Persönlichkeitsentfaltung des einzelnen im Einklang mit der anderer gewährleistet ist

M. Tullius Cicero (106 vuZ – 43 vuZ) gibt in seiner Schrift „de officiis“ (verfasst 44 vuZ) die allgemeinste Begründung für humanitäres Handeln, wenn er schreibt: …und wenn die Natur das vorschreibt, dass der Mensch dem Menschen, wer auch immer er sei, helfen wolle wegen eben dieses Grundes, dass er ein Mensch ist, dann ist es gemäß derselben Natur notwendig, dass der Nutzen aller ein gemeinsamer sei. (Atque etiam si hoc natura praescribit, ut homo homini, quicumque sit, ob eam causam, quo dis homo sit, consultum velit, necesse est secundum eandem naturam omnium utilitatem esse communem). Die Forderung an die Menschen, anderen Menschen zu helfen, wird weder als göttliches Gebot gefordert, noch wird für das Befolgen dieser Forderung ewiges Seelenheil versprochen; für Cicero reicht als Begründung, warum ein Mensch dem anderen raten, helfen und für ihn sorgen soll, dass dieser ebenso ein Mensch ist, völlig aus. Der Grundsatz, dem Menschen zu helfen, weil er ein Mensch ist, ist ohne Ausnahme von Geschlecht, Stand, ethnischer Zugehörigkeit („Rasse“) allgemein gültig. Nach Cicero ist es die Vorschrift der Natur, …dass der Mensch für den Menschen sorgt, wer immer es sei, allein aus dem Grunde, dass er ein Mensch ist. Diese Vorschrift ist ein Recht, das bei allen Menschen bekannt ist, ein ius gentium; modern gesprochen ein Menschenrecht, begründet in der menschlichen Natur und dem Konsens aller Völker. Zugleich ist dies die allgemeinste, humanistische Begründung humanitärer Praxis.

Ciceros Grundsatz „Mensch als Mensch“ ist positiv, aktiv, sozial und universal.

  • Positiv, weil Cicero von einer natürlichen Zuneigung des Menschen zu sich und anderen ausgeht. Wer annimmt es sei naturgemäß, Menschen zu schädigen und zu verletzen, der …tilgt den Menschen aus dem Menschen. (hominum ex homine tollit).
  • Aktiv, weil der Mensch ein mit und für andere tätiges Lebewesen ist. Aufgabe des Menschen sei es nicht, Reichtum, Schönheit einsam zu genießen, sondern der Mensch solle sich mit Wohltätigkeit und Hilfe abmühen.
  • Sozial, denn der Mensch denkt von Natur aus auf Gesellschaft bezogen: Menschsein mit anderen für andere.
  • Universal: Cicero stellt ausdrücklich fest, dass diese Formel nicht nur für die eigene Familie oder die Mitbürger gilt sondern auch für Ausländer (externi).

Dieser Text wurde früh in Deutsche übersetzt (1488/1531). Hier findet sich auch der früheste Beleg für den Begriff Menschenwürde (dignitas hominis) in deutscher Sprache. Besonders im 18. Jahrhundert entwickelte diese Schrift eine starke Wirkung. Der FM Friedrich der Große ließ de officiis ins Deutsche übersetzen. Er war überzeugt, dass diese Schrift das beste Werk über Moral sei, das je schrieben wurde oder geschrieben werden könnte. Für seine Formulierungen des kategorischen Imperativs benützt Kant Ciceros Begründung humanitärer Praxis: handle stets so, dass du die Menschen sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel gebrauchst.

Quelle:

Cancik Hubert; Humanistische Begründung humanitärer Praxis: antike Tradition – neuzeitliche Rezeption in Groschopp Horst (Hrsg.) Humanismusperspektiven, Alibri Verlag Aschaffenburg 2010

Wir arbeiten in Sicherheit

Schon in den ältesten überlieferten Ritualen findet sich die Frage: „was ist die erste Pflicht eines Br... FM vor Eröffnung der L?“ Die Antwort lautet meist so ähnlich wie: „zu sehen, dass die L gehörig gedeckt ist.“ Auch in unserem Ritual melden daher TH und 2.A dem MvSt, „die L ist nach außen gehörig gedeckt, wir arbeiten in Sicherheit.“ Die erste Pflicht eines FM, die Sorge um die äußere Deckung erinnert uns daran, dass unsere Brr... Werkmaurer genauso wie unsere Gründungsväter im Grunde in allgemein zugänglichen Räumlichkeiten arbeiteten, die einen in der Dombauhütte neben dem unfertigen Bauwerk, die anderen im Hinterzimmer eines Gasthauses.

Diese Situation des Arbeitens in einem im Grunde genommen ungeschützten Raum ist uns heute fremd. Wir arbeiten in unserem Logenhaus in der Rauhensteingasse. Der Zugang zu unserem Logenhaus ist durch ein schmiedeeisernes Tor versperrt, die Chipkarte hat das Passwort ersetzt, wir kennen die besuchenden Brr.... Und dennoch legen wir auf Sicherheit immer größeren Wert. Als ich 1990 aufgenommen wurde, wurde, war da nur das Gittertor ohne Glas und keine weitere Tür zu Atrium. Jetzt ist nicht nur das ‚Gittertor verglast, es gibt eine blickdichte Tür zum Atrium und die Stiegenaufgänge zu den Stockwerken mit den Tempeln können mit Gittertoren verschlossen werden. Wir achten darauf unter uns zu bleiben, unsere Sicherheit ist uns offensichtlich sehr viel wert.

Für mich bedeutet dieser Satz des Rituals, wir arbeiten in Sicherheit, sehr viel mehr als diese physische Gewissheit, dass kein Mensch, der unserem Bund nicht angehört oder unserem Tun nicht wohl gesonnen ist, diese Räumlichkeiten betreten kann. In Sicherheit arbeiten heißt zunächst einmal, eingetreten zu sein in den Sicherheit spendenden Kreis von Freunden, Brüdern, die mich in brüderlicher Liebe und liebevoller Toleranz so auf- und annehmen, wie ich bin, die mir den Raum geben, ich selbst zu sein. Ich muss mich nicht verstellen oder muss etwas beweisen, denn ich weiß, ich bin unter Brr..., die sich mit mir freuen, die meine sorgen und meine Trauer mit mir tragen und die mir auch die Chance geben, mich selbst zu erproben.

In der L... empfängt den Br..., der aus der Unrast des profanen Lebens zur Arbeit kommt, Ruhe und weihevolle Stimmung, „wir arbeiten in Sicherheit“. Durch Anlegen unseres Werkzeugs, Schurz und Bijou, legen wir unsere profanen Wünsche, Begierden und Verhaftungen ab. Profaner Rang, weltliche Ambition, berufliche Anliegen und Beziehungen bleiben draußen. So können wir eine Welt schaffen, in der wir Brr... einander auf der Ebene der Wasserwaage begegnen.

In den uns heiligen Zahlen

Wir schließen unsere Schriftstücke mit der rituellen masonischen Höflichkeitsformel i...d...u...h...Z.... Diese Formel setzt eine Initiation, ein geheimes Wissen voraus, das erfahren oder zumindest mitgeteilt wurde. Im Grunde bedeutet diese Formel nichts anderes, als dass Wissen nur in Kenntnis der Geheimnisse der Zahlen mitgeteilt werden kann. Schon unsere Brr... Werkmaurer wurden in die Gedanken von Pythagoras, Platon oder Aristoteles eingeweiht; und so können wir Brr... FM... auch nichts anderes als uns der Zahlen weiter zu bedienen.

In unserem Kulturbereich, der durch christlich-jüdische aber auch islamische Traditionen geprägt ist, baut die Beschäftigung mit den Zahlen, hauptsächlich auf den Pythagoräern und den von ihnen geschaffenen Grundlagen auf. Für Pythagoras steht die Idee der Ordnung im Mittelpunkt seiner Gedanken, es ist zunächst die mathematische Ordnung, dann die Ordnung des Kosmos und schließlich die ethische und soziale Ordnung. Pythagoras entdeckte, dass die Intervalle der Tonleiter den Verhältnissen der Längen schwingender Saiten entsprechen, die durch Zahlenverhältnisse ausgedrückt werden können. Die so entstehenden Verhältnisse sind 1:2, 2:3 und 3:4. Damit sind die ersten vier natürlichen Zahlen gegeben, deren zentrale Bedeutung die Pythagoräer immer wieder hervorgehoben haben. Für sie ist der Kosmos mit reiner Mathematik isomorph. Wie sich die Harmonie an Seitenrelationen mathematisch ausdrücken lässt, so ist für die Pythagoräer die Wesenform aller Dinge zahlenmäßig ausdrückbar. Die Beobachtung der regelmäßigen Himmelsbewegungen lässt nicht nur die Idee der geordneten Sphären­harmonie aufkommen sondern auch die Idee, dass das Werden der Welt mit dem Werden der Zahlen einher geht. Die Einheit entsteht aus dem Leeren und der Grenze, aus dem Einen werden Zahlen, aus den Zahlen entsteht der ganze Himmel, das Uni­versum.

Der Unterschied zwischen Geraden und Ungeraden Zahlen zog die Aufmerksamkeit der Pythagoräer besonders auf sich. Denn alle geschaffenen Dinge sind nach ihrer Auf­fassung in zwei Kategorien geteilt. Die Ungeraden Zahlen sind der rechten Seite, der Grenze, dem Männlichen, Ruhenden, Geraden (im Gegensatz zu gebogen), dem Licht, dem Guten und in der Geometrie dem Quadrat zugeordnet. Die Geraden Zahlen dagegen ent­sprechen dem Unbegrenzten (weil sie unbegrenzt teilbar sind), der Vielheit, der linken Seite, dem Weiblichen Bewegten, Gekrümmten, der Finsternis dem Bösen und in der Geometrie dem Rechteck.

Dieser Kontrast zwischen dem Einen und dem Vielen, ausgedrückt in Geraden und Un­geraden Zahlen, spielt dann später in der Mystik mit ihrem Streben, die ungeteilte ab­solute Einheit wieder herzustellen, eine wesentliche Rolle.

Die ungerade Zahl spielt eine große Rolle im Volks- und Aberglauben. Diese Vor­liebe führt dazu, dass rituelle Handlungen, Gebete, Beschwörungen oft in Ungeraden Zahlen vorgenommen werden. So wird ein Zauber drei- oder sieben Mal wiederholt, Gott ist dreimal heilig (kadosch) und der GM eröffnet eine Arbeit der GL in drei Mal drei.

Die Pythagoräer ordnen den Zahlen auch geometrische Formen zu: 1, 3, 6, 10, 15 usw. sind Dreieckszahlen, 1, 4, 5, 9, 16, 25 sind Quadratzahlen. Der Eins ist der Punkt zuge­ordnet, der Zwei die Gerade, der Drei die Fläche (die ja erstmals als Dreieck erscheint) und der Vier der Körper (als Tetraeder).

Die vollkommenste Zahl ist die Zehn, weil sie sich als die Summe der ersten vier ganzen Zahlen darstellt (1 + 2 + 3 + 4 = 10), Tetraktys und als gleichseitiges Dreieck dargestellt werden kann. In der Zehn wird die Vielheit wieder zur Einheit. Deshalb bemühten sich die Pythagoräer auch, in ihrem System der kosmischen Ordnung 10 Himmelskörper zu finden und konstruierten, weil die vorhandenen neun nicht ausreichten, einen zehnten, die unsichtbare Gegenerde.

Die Gedanken der Pythagoräer und Platons, der, obwohl den Pythagoräern gegenüber kritisch eingestellt, doch in den Zahlenerscheinungen Schlüssel zum Mysterium der Natur sah, wurden im Neuplatonismus und in der Gnosis  fort entwickelt. So entstand eine Zahlenmystik, die man so zusammenfassen kann.

  • Die Zahl beeinflusst das Wesen der Dinge, die in ihr irgendwie angeordnet sind
  • Die Zahl wird dadurch zum Mittler zwischen Göttlichem und Irdischen
  • Wenn man also Operationen – welcher Art auch immer – mit Zahlen ausführt, so wirken diese Operationen auch auf die Dinge, die mit den entsprechenden Zahlen zusammen hängen.

Damit erhält die Zahl ihr besonderes Wesen, ihre metaphysische Bedeutung. Plotin schreibt: „Zahlen bestehen vor den Objekten, die durch sie beschreiben werden. Die zahlreichen Sinnesobjekte erinnern die Seele an den Begriff der Zahl“.

Diese Zahlenspekulationen werden im Mittelalter in der jüdischen Tradition zur Kabbala verdichtet, die auf einer höchst komplizierten Zahlenmystik aufgebaut ist. Das All- oder Ur-Eine (En-Sof) teilt sich in zehn Sefiroth (von safar, Zahl) die untereinander auf geheimnisvolle Weise verbunden sind und miteinander wirken, wobei die 22 Buch­staben des hebräischen Alphabets ebenfalls als Verbindungen zwischen den Sefiroth dienen. Die oberste Sefira ist Kether (Krone), aus der sich Hokma (Weisheit) und Binah (Intelligenz) abzweigen. Die vierte Sefira ist Chesed (Liebe), die fünfte Gebura (Gerechtigkeit, die sechste Tiphered (Schönheit), die siebente Nezach (Triumph), wozu dann als achte Hod (Pracht), als neunte Yessod (Fundament) und als zehnte Malkuth (Reich oder Wirklichkeit) kommen. Malkuth wird auch mit der Schechina gleichgesetzt, die im Exil dieser Welt lebt. Neben der Welt der ersten göttlichen Emanation, Aziluth, die aus den zehn Sefiroth  gebildet werden, gibt es, nach kabbalistischem Verständnis, noch drei andere Welten, die ebenfalls von den Sefiroth abhängen; nämlich die Welt der Schöpfung und der himmlischen Sphären, Beriah, die Welt der Ausgestaltung der Wesen, die diese Sphären beleben und schließlich die Welt des materiellen, Asiyah. Aus der Wechselwirkung zwischen Zahl und Buchstaben zusammen mit dem Bild der Sefiroth ergeben sich nun aus der Bibel für den Kabbalistiker interessante Kombinationen, die von Zahlenmystik erfüllt sind.

Diese Vertauschbarkeit von Zahl und Buchstabe erfüllt auch das mittelalterliche Christentum. Die Kirche dieser Zeit macht reichen Gebrauch von der Zahlensymbolik, sagt doch die Bibel, dass alle Dinge nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet seien und Augustinus schreibt, dass die Zahlen in der Welt selbst präsente Form der Weisheit Gottes seien, die vom Menschen erkannt werden könnte.

Das Gefühl der Wichtigkeit und Wirksamkeit der Zahlen durchdrang die mittelalter­lichen Gelehrten so sehr, dass sie auch ihre Schriften in sinnvolle, symbolische Zahlen­gruppen einteilten. Ein gutes Beispiel ist die „Civitas Dei“ des Augustinus. Ihre 22 Sektionen entsprechen den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets; sie sind unter­teilt in 2×5 Refutationes, entsprechend den 10 Geboten (10x du sollst nicht…) und den 3×4 positiven Lehren des Evangeliums, die auch mit den 12 Aposteln oder mit der Trinität und den 4 Evangelisten zusammenhängen. Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung der Zahlenmystik sind die mittelalterlichen Kathedralen, die nach genau solchen Prinzipien konstruiert sind.

Mag man auch die Zahlenmystik für eine intellektuelle Spielerei halten, so sollte man doch nicht vergessen, dass der Glaube an die Harmonia Mundi Kepler zu einigen seiner bahnbrechenden Entdeckungen geführt hat. Kepler hatte die unerschütterliche Über­zeugung einer von der Zahl regierten Harmonie von Mensch, Erde, All.

Selbstverständlich drückt sich die Harmonia Mundi auch in der hörbaren Harmonie, der Musik, aus. In der mittelalterlichen Musiktheorie spricht man von der Musica coelestis und Cassiodorus spricht im 6. Jahrhundert im pythagoräischen Sinn von der Musik als Lehre, die von den Zahlen spricht. Die Musik des Mittelalters und noch mehr die der Renaissance wendet sich den heiligen und geheimnisvollen Zahlen zu, die Drei für die Trinität, die Sieben für die Jungfrau Maria. Solche Zahlenallegorik, die im 17. und frühen 18. Jahrhundert weit verbreitet war, wurde besonders von J. S. Bach verwendet, dessen Werke auch als musikalische Mathematik bezeichnet werden.

Das Wissen um die Bedeutung und Allegorik der Zahlen geht auch in der deutschen Klassik und Romantik nicht verloren. Goethes und Schillers Werke sind voll von Hin­weisen auf das Geheimnis einzelner Zahlen und Novalis war überzeugt: „…dass in der Natur eine Mystik der Zahlen am Werk ist, und ebenso in der Geschichte.“

Auch heute noch ist unser Leben von Zahlensymbolik erfüllt, und wir stoßen hier in einen Grenzbereich, in dem sich Tradition einerseits und Psychologie andererseits treffen. Viele unserer täglichen Handlungen sind von der Dreizahl geprägt: aller guten Dinge sind drei, ein guter Christ dreimal niest, die drei Phasen der Verkehrsampel, das dreifache Hoch oder Hipp, Hipp Hurra. Ähnlich finden wir in den Werken der Bildenden Kunst, triadische Schritte, den Goldenen Schritt. Oft handelt es sich unbewusste Strukturen, die es aber einem späteren Interpreten ermöglichen, an beabsichtige Zahlensymbolik zu denken und manches hinein zu geheimnissen, das der Verfasser so gar nicht im Sinn  hatte. Andererseits erweist sich manches im Nachhinein als geradezu prophetisch, wie die Pythagoräer, die alle geraden Zahlen der Weiblichkeit zuordneten, wenn wir heute aus der Biologie wissen, dass weiblich das xx-Chromosom bedeutet, also die erste gerade Zahl?

Nach diesem eher allgemeinen Exkurs über das Wesen der Zahlensymbolik möchte ich euch nun Interpretationen und Deutungen für einzelne Zahlen liefern, eben für die uns heiligen Zahlen, ohne aber einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Selbstver­ständlich werde ich besonders die Verbindungen zur FM hervorheben.

Eins, die Zahl des Urgrundes

„Die Einheit durchdringt jede Zahl. Sie ist allen Zahlen gemeinsames Maß. Sie enthält alle Zahlen in sich vereint, schließt aber jede Vielfalt aus. Die Eins ist sich immer selbst gleich und unveränderlich, daher sie auch, mit sich selbst multipliziert, sich selbst wieder zum Produkt hat. Sie ist, wenngleich ohne Teile, teilbar. Sie wird aber durch Teilung nicht nur in Teile zerlegt, vielmehr in neue Einheiten. Keine dieser Einheiten ist indessen größer oder kleiner als die ganze Einheit, und jeder Teil ist wieder sie selbst in ihrer Ganzheit,“, so schreibt der Mystiker und Magier Agrippa von Nettesheim. Mag seine Interpretation der mystischen Qualitäten der Eins einer mathematischen Unter­suchung nicht standhalten, so zeigt sie doch, wie wichtig die Eins im religiösen Weltbild ist.

Die Eins ist das Symbol des Ur-Einen, Nicht-Polaren, Göttlichen. Sie ruht in sich selbst und umfasst Zusammenhang, Gesamtheit und Einheit. Die Eins ist das En Sof der Kabbala, das absolut Ur-Eine, das sich dann in absteigenden Graden manifestiert. Die Eins als Symbol der Gottheit – der eine, eifersüchtige Gott Israels, der keinen anderen neben sich duldet – erscheint in der neuplatonischen Lehre Plotins als über allen Formen stehend, die stets eine Mehrzahl bilden. Er sagt: „Jede Vielheit ist eine Vielheit von Einheiten, setzt also die Einheit an sich voraus“. Gott als Voraussetzung von allem ist daher der Einheit im absoluten Sinn gleichzusetzen. Die Eins ist das ideale Symbol der Gottheit, weil das Göttliche Geist ist, der mit materiellen Eigenschaften, die immer in der Mehrzahl erscheinen, nichts zu tun hat. Gott ist als Eins sowohl das absolut eine wie das in seiner Wesenheit Einzige.

Auch wenn das Christentum mit seiner Trinitätslehre die strikte Lehre der Einzigkeit gesprengt und hinter sich gelassen hat, so wird im Christentum der Eins doch höchste Bedeutung zuerkannt. So heißt es im Epheserbrief: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller.“ Und Angelus Silesius dichtet:

gleichwie die Einheit ist in einer jeder Zahl,

so ist auch Gott der Ein’ in Dingen überall.

Zwei, Polarität oder Entzweiung

„Die Zwei ist Zweifel, Zwist, ist Zwietracht, Zwiespalt, Zwitter,

die Zwei ist Zwillingsfrucht am Zweige, süß und bitter“

dichtet Br... Rückert in der Weisheit der Brahmanen und deutet damit einiges von der negativen Seite der Zwei an. Die Zwei ist Symbol für das Auseinanderfallen der gött­lichen Einheit, sie ist die Zahl der geschöpflichen Welt, sie ist nach Agrippa von Nettesheim die Zahl des Menschen, der anderer genannt wird und die Zahl. Sie ist die Zahl des Geschlechts und es Bösen, denn die Exegeten des Mittelalters betonen, dass am zweiten Tag in Schöpfungsgeschichte die Formel „und es war gut“ fehlt. Überall im Leben zeigt sich die zentrale Stellung solcher Zweispaltung, die nicht unbedingt negativ sein muss. Schon die Möglichkeit des Dialogs mit jemand außer mir verkörpert die Spannung der Zwei, des Ich und Du, so wie ihr Symbol – die Linie – sowohl trennt als auch verbindet.

Die Zwei ist eine mit der Schöpfung entstehende Zahl. Sie drückt die Polarität aus, ohne die Leben nicht ent- und bestehen könnte, männlich – weiblich, Ying – Yang, J – B, hell – dunkel, Feuer – Wasser, Sonne – Mond. Aus der Verschmelzung dieser beiden Gegen­sätze entsteht neues Leben, so im Tantrismus durch den Geschlechtsakt und die Kabbala kennt den „hieros gamos“, die heilige Verbindung der männlichen und weiblichen Gewalten, in den Paaren zeugender und empfangender Potenzen, am deutlichsten in der Verbindung der neunten Sefira Yessod mit der zehnten Schechina. Die Zweiheit muss überwunden werden, denn sie entstand, als der Mensch vom Baum der Erkenntnis aß und Gut und Böse zu unterscheiden lernte.

Mag auch die Zwei als Symbol der Polarität für den Fluss des Lebens notwendig sein, so steht sie doch in der Zahlensymbolik auf der Seite des Negativen und bedarf einer höheren Macht, um die Spaltung in der Welt zu überwinden. Und damit gelangen wir von der Einheit über den Zweifel (zwifal) zur Dreiheit.

Drei, die umfassende Synthese

Die Drei steht über dem Gegensatz der Zwei, wie es in unserem Sprichwort heißt, wenn sich zwei streiten freut sich der Dritte. In der Drei schließt sich die Eins, die Einheit, die aus sich heraus tritt und so zur Zwei wird, in einer neuen Natur wieder zusammen.

Die Dreiheit lässt sich aus der Naturbetrachtung mühelos erfahren und spielt so in Sage, Dichtung und Kunst eine große Rolle. Wir leben mit Wasser, Erde und Luft, eine Vorstellung von drei Welten, wie wir sie in der Einteilung von Himmel, Erde und Unter­welt in vielen Mythen wiederfinden – Zeus, Poseidon, Hades. Es gibt drei Aggregat­zustände fest- flüssig – gasförmig. Diese drei Welten symbolisierte der Salomonische Tempel mit seinen drei Räumen – Hulam, Hekal, Debir und in der FM – Saal der verlorenen Schritte, Loge, mittlere Kammer. Wir erfahren das Leben als Anfang – Mitte – Ende, bzw. Geburt – Leben -Tod, abstrahiert in Werden – Sein – Vergehen und ein voll­kommenes Ganzes entsteht aus These – Antithese – Synthese. Nach der Lehre der Pythagoräer ist die Drei die erste Zahl, die Anfang, Mitte und Ende hat. Und Laotse sagt: „das Tao erzeugt die Einheit, die Einheit erzeugt die Zweiheit, die Zweiheit er­zeugt die Dreiheit – die Dreiheit erzeugt alle Dinge.

In der Religionsgeschichte finden wir viele dreifache, dreifaltige Gottheiten, und dabei müssen wir gar nicht erst an die Dreifaltigkeit des Christentums denken, z. B. in Babylon die astrale Dreiheit Sin (Mond), Schamasch (Sonne), Ischtar (Venus); Maria erscheint in dreifacher Gestalt als Jungfrau – Mutter – Königin, in Indien Brahma (Schöpfer), Schiva (Zerstörer), Vischnu (Erhalter), in den ägyptischen Mysterienreligionen Isis – Osiris –Horus, der Erlöser.

In der Philosophie wird die Drei häufig als Einteilungszahl verwendet, die Kategorien Augustinus Sein – Erkennen – Wollen sind allgemein akzeptiert und Platons Ideal des Wahren – Guten und Schönen hat sogar Eingang in unser Ritual gefunden. Überhaupt finden wir die Dreiheit in der FM sehr oft. Die Drei ist die Zahl des Lehrlings schlecht­hin. Durch drei Schläge erhält er bei der Rezeption Einlass in den Tempel, drei Reisen führen ihn zum Licht. Nach drei Schlägen mit dem Hammer auf die Brust des Suchenden, haucht der MvSt dem L... mit den drei Bruderküssen spirituelles Leben ein – Geist, Erkenntnis, neues Leben. Drei Säulen tragen die L..., Weisheit, Stärke, Schönheit und drei Lichter beleuchten sie, Bibel, Winkelmaß und Zirkel. Im dreifachen Schritt ersteigen wir symbolisch die drei Stufen in den Osten, die Stufen zum Tempel hinauf. In drei Schritten soll das Ziel der FM, die Selbstveredelung erreicht werden, erkenne dich selbst, veredle dich selbst, beherrsche dich selbst. Drei hammerführende Brr... regieren die L..., Mvst, 1A, 2A., sie sind aber auch zur Dritt die Mittler zu dem Ur-Einen, dem ABAW, den wir als Dreieck symbolisch darstellen. Drei Rosen als Dreieck gelegt begleiten den Br... Maurer ins Grab

Das Dreieck ist ein anderer Aspekt als die erste geometrische Figur. Pythagoras deutet das Dreieck als Anfang der Entstehung im kosmischen Sinne, weil sich aus ihm geo­metrische Formen bilden lassen, Vierecke und Sechssterne. Das aufsteigende Dreieck steht nach Freud für das männliche Prinzip, das absteigende Dreieck oder Delta wird schon bei steinzeitlichen Frauenfiguren als Geschlechtszeichen verwendet. Einander durchdringend ergeben das aufsteigende und das absteigende Dreieck das Siegel Salomos, das Hexagramm, in der Alchemie Symbol für die Verschränkung von Makro- und Mikrokosmos.

Vier, die materielle Ordnungszahl

Die Vier ist unlösbar mit der Ordnung in der Welt verbunden. Schon früh haben die Menschen die vier Mondphasen – Neumond, zunehmender Mond, Vollmond, abnehmender Mond – beobachtet und so die Zeit, ein Monat gemessen. Genauso markieren die vier markanten Punkte des Sonnenlaufs – Sommer- und Wintersolstitium, Frühlings und Herbstäquinoktium den Lauf des Jahres. Mit ihnen erscheinen gleichsam am Horizont die vier Himmelsrichtungen, die Koordinaten für das Leben in dieser Welt.

Diese vier Punkte bilden ein Kreuz, dem ein Kreis für den Sonnenlauf umschrieben wird. So deutet das Kreuz mit dem Sonnenrad die Unsterblichkeit an, ein Symbol, das wir auf frühchristlichen Gräbern finden. Für den Neuplatoniker Porphyrius ist es Symbol des Seelischen im Kosmos.

Für die Pythagoräer ist die Vier von besonderer Bedeutung. Für sie ist sie die ideale Zahl schlechthin. Der vierte Körper, der Kubus, ist für sie, ebenso wie für die Chinesen, ein Symbol der Erde. In diesem Sinn sind die Vierfüßer auch typische Erdgeschöpfe. Die Vier bildet eine geometrische Form, die klar und übersichtlich ist, daher gilt das ideale Viereck als vollkommen und festgegründet. In diesem Sinn spricht man im englischen wohl auch von einem square man, und wir Brr... FM... haben wohl nicht von ungefähr den rechten Winkel als Symbol für Rechtschaffenheit und Rechtmäßigkeit. Nietzsche er­hofft den idealen Menschen als rechtwinkelig an Leib und Seele.

In der Kabbala wird dem Tetragrammaton – Jod, He, Vau, He – dem unaussprechlichen Namen Gottes Macht zugewiesen und der sollte magische Kräfte besitzen, der den Namen Gottes richtig aussprechen könnte.

Fünf, die Zahl des Lebendigen

Br... Schiller schreibt: „Fünf ist des Menschen Seele. Wie der Mensch aus Gutem und Bösem ist gemischt, so ist die Fünfe die erste Zahl aus Grad’ und Ungerade.“. Die Fünf, die Verbindung der maskulinen Drei mit der femininen Zwei erscheint als die ideale Zahl der Vereinigung von Männlichen und Weiblichen. Für C. G. Jung ist die Fünf die Zahl des natürlichen Menschen. In diesem Sinn zeichnet Agrippa von Nettesheim den Menschen in das Pentagramm. Kommt die fünf als Ordnungszahl in Kristallen – der unbelebten Natur nicht vor – so ist sie die hervorragende Ordnungszahl der belebten Natur – viele Pflanzen blühen mit fünf Blütenblättern.

Betrachtet man die Fünf unter astronomischen Gesichtspunkten, so ist die Fünf von alter her der Göttin Ischtar verbunden und somit die eigentliche Venuszahl. In diesem Sinn heißt wohl auch das Pentagramm im Englischen Liebesknoten. In christlicher Zeit wird Maria mit den Attributen der Ischtar versehen und so erstaunt es nicht, dass Mariendarstellung oft das Pentagramm zeigen.

Dem Pentagramm, dem Drudenfuß, werden magische Kräfte zugeschrieben. So zeichnet Faust einen Drudenfuß auf die Schwelle, um die bösen Geister abzuwehren, doch Mephisto kann den Raum betreten, weil das Pentagramm nicht komplett geschlossen ist. In der praktischen Magie gilt das Pentagramm als Zeichen des Mikrokosmos, worauf Paracelsus besonders hingewiesen hat. Der französische Magier Eliphas Lévy ver­wendete für seinen persönlichen Gebrauch ein, wie er es nannte „wissenschaftlich ver­vollkommnetes Pentagramm“, dessen Begrenzung aus Streifen, nicht Strichen, besteht, in die astrologische und kabbalistische Symbole eingeschrieben sind, unter anderem das Tetragrammaton. Er erklärt es so: „das Pentagramm drückt die Beherrschung der Elemente durch den Geist aus, und mittels dieses Zeichens fesselt man Dämonen der Luft, Feuer- und Wassergeister, den Spuk der Erde.“

Die Alchimisten waren auf der Suche nach der „Quinta Essentia“, die sie mit Hilfe der vier Elemente zu erreichen suchten. Diese Quinta Essentia sollte den Tod überwinden und ist damit verbunden mit Zeugung und Eros, wieder ein Hinweis auf die lebens­fördernde Kraft der Muttergöttinnen.

In der Maurerei ist die Fünf die Zahl des Gesellen. Er muss bei seiner Lohnerhöhung fünf Reisen machen, das Pentagramm als Flammender Stern leuchtet im Osten, in seiner Mitte der Buchstabe G, der auch als die fünfte Wissenschaft, die Geometrie, inter­pretiert wird. Außerdem gibt es fünf Ordnungen der Baukunst. Auf die fünf Punkte der Meisterschaft will ich in dieser Arbeit nicht näher eingehen.

Sechs, die vollkommene Weltzahl

Sechs gilt in der antiken und neuplatonischen Zahlensymbolik als die vollkommenste Zahl, weil sie sowohl die Summe als auch das Produkt ihrer Teile ist, sie entsteht aus 1+2+3 genau so wie aus 1x2x3. Die hellenistisch, jüdisch-mystische Exegese findet dieses Eigenschaften der Sechs in der Schöpfungsgeschichte bestätigt, wenn Gott die Welt in sechs Tagen er­schafft. Augustinus: „die Sechszahl ist nicht vollkommen, weil Gott die Welt in sechs Tagen schuf, vielmehr hat Gott die Welt in sechs Tagen vollendet, weil die Zahl vollkommen ist“. Auch ging man so weit den hebräischen Beginn des Alten Testaments  – b’reschit (im Anfang) so abzuteilen, dass daraus bara schit (er schuf die sechs) wurde.

In christlicher Tradition weist die Sechs neben Vollkommenheit auch auf die Kreuzigung Jesu hin, die am sechsten Tag der Woche um die sechste Stunde stattfindet. Wie die Schöpfung in sechs Tagen geschieht, blasen sechs Posaunenengel in der Apokalypse, so­lange Gott Gericht hält, und die Seraphim tragen als Zeichen ihrer Vollkommenheit in mittelalterlichen Darstellungen oft sechs Flügel.

In der Natur ist das Sechseck der ideale Baustein wie zum Beispiel die Bienenwabe, Wasser kristallisiert in Schnee als hexagonale Kristalle, und das Sechseck erscheint auch im Benzolring, den Kekulé in seinem berühmten Traum vorausahnte.

Sieben, die Säulen der Weisheit

Die Sieben hat in ganz besonderer Weise in unser alltägliches Leben Einzug gehalten. Jeder kennt die Märchen von den sieben Geißlein, den sieben Raben oder den Sieben­meilenstiefeln. Moderne Siebenmeilenstiefel sind die Flugzeugserien der Firma Boeing, die alle Siebenerkombinationen als Seriennummer tragen (747), wir kennen ein Sieben­gebirge und trinken SevenUp; auch der Kinderreim: wer will guten Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen… gehört hierher.

Für Pythagoras bedeutet die Sieben Weisheit, weil sich in ihr vier, Materie und sinn­liche Kräfte (Luft, der Intelligenz entsprechend; Feuer, dem Willen entsprechend; Ge­fühl, dem Wasser entsprechend; Moral, der Erde entsprechend), und drei, Geist, (aktives Bewusstsein; passives Unterbewusstsein; aktives Zusammenwirken) verbinden. Oft – manchmal auch auf dem Tapis – wird diese Beziehung durch ein Quadrat mit einem gleichseitigem Dreieck dargestellt. Diese Vereinigung von geistiger Drei und erden­hafter Vier liegt der Einteilung der sieben freien Künste in Trivium und Quadrivium zu Grunde. Ähnlich werden auch die sieben Sakramente in die höhere geistige Dreiheit (Taufe, Firmung, Eucharistie) und in die praktische Vierheit (Buße, Weihe, Ehe, Kranken­salbung) geteilt.

Eine weitere Wurzel der Verehrung der Sieben dürfte auf die Phasen des Mondes zurückgehen, der alle sieben Tage seine Form ändert, und der Mondgott war die oberste Gottheit im altorientalischen Pantheon. So zählen wir eine normale Schwangerschaft in vierzig mal sieben Tage oder zehn Lunarmonate, Shakespeare spricht von den „seven ages of man“, und in den Psalmen steht lapidar: „des Menschen Leben währt siebzig Jahre“.

Besondere Anlässe werden siebenfach begangen, so dauerte die Einweihung des salomonischen Tempels sieben Jahre, beim altjüdischen Sühneopfer erfolgt eine siebenfache Besprengung mit Blut und die Hochzeit des siebenlockigen Samson dauert sieben Tage. Besonders die Trauerperioden dauern oftmals sieben Tage. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Seele sieben Zeiteinheiten braucht, um sich vom Toten zu lösen und die sieben Sphären zu überwinden. So werden in China sieben Mal an jedem siebenten Tag Totenrituale vollzogen. In den ägyptischen Begräbnisriten muss deswegen auch der Tote– zur siebenten Stunde der Nacht – sieben Tore durchschreiten, bevor er sein Ziel erreichen kann.

In den Mitrasmysterien steigt den Initiand durch sieben Planetensphären zu Gott, was durch sieben Tore dargestellt wird, bei deren Durchschreiten der Neophyt ein Kleidungsstück ablegen musste. Aus dieser Vorstellung entstehen die sieben Stufen des Purgatoriums genauso wie die sieben Seelenburgen der Theresia von Avila oder die sieben Wälle der Seelenburg des islamischen Mystikers Nuri (um 900); immer steht die Vorstellung vom Aufstieg durch die Planetensphären hinter allen mystischen Beschreibungen.

In der Maurerei finden wir die Sieben als Zahl des Meisters. Sie spiegelt sich in den Dimensionen des Tempels, von Ost bis West, von Nord bis Süd, vom Zenit bis zum Nadir mit dem Tapis als Allerheiligstem. Nach Prichards Masonry dissected (1730) machen 5 Brr...  (ein Meister, zwei Aufseher, ein Lehrling und ein Geselle) wohl eine L... aus, aber erst sieben Brr...machen eine L...gerecht und vollkommen (ein Meister, 2 Aufseher, 2 Lehrlinge und 2 Gesellen). Die Brr... FM interpretieren die Sieben allerdings nicht als Abschluss sondern im Gegenteil als neuen Anfang als Chance auf eine neue Entwicklung.

Acht, die glückhafte Acht

Im Altertum galt die Acht als bedeutende Glückszahl, denn wie hinter den sieben Sphären Planeten die Sphäre der Fixsterne lag, so lag im Mitrasmysterium hinter den sieben Toren der Berg der Verklärung, auf dessen Erreichen die Riten den Suchenden vorbereiten sollten, damit er nach dem Tod in die Lichtheimat eingehen könnte.

Die Acht hat aber auch einen ambivalenten Charakter. Acht Speichen hat das Rad des Schicksals, wie wir es als Arkanum X im Tarot finden. So deutet die Acht auf das kosmische Gleichgewicht hin.

In unserem Tempel finden wir die liegende Acht als Lemniskate in der Knotenschnur auf unserem Tapis, wo sie Unendlichkeit bedeutet.

Neun, die potenzierte heilige Drei

Die Neun ist als 10 – 1 die Nähe zur Vollkommenheit. Diese Interpretation finden wir vor allem in der mittelalterlich, christlichen Tradition. So finden wir die neun Ordnungen der Engel, in der sich die vollkommene Drei reflektiert, zu denen aber die göttliche Einheit als die zehn vervollkommnendes Glied tritt.

Insgesamt spielt die neun in der semitisch-christlichen Welt keine so große Rolle, wie im indogermanisch, zentralasiatischen Raum. Dies dürfte mit der Erfahrung der von den drei besonders kalten Wintermonaten und den neun Dunkelmonaten der Nordhemisphäre zusammenhängen. Eine besondere Rolle spielt die Neun im keltisch germanischen Brauch. Die keltischen Ureinwohner von Wales verwendeten sie im praktischen Leben und in der Rechtsprechung. So darf ein bissiger Hund neun Schritte vom Haus entfernt getötet werden, erst bei neun Personen wird von einem gewaltsamen Überfall gesprochen. König Arthur hat den neunten Teil der Kraft seines göttlichen Vaters, neun Könige huldigen ihm und er hat neun Haushofmeister. In der germanischen Tradition hängt Odin neun Tage und neun Nächte am Baum und lernt dabei neun Lieder. Der Fenriswolf wird mit drei ketten und sechs anderen Dingen gefesselt.

Aber auch in der griechischen Mythologie finden wir die Neun. Der Fluss der Unterwelt Styx ist neun Mal gewunden, Herakles leistet neun Arbeiten, die Leier des Apoll ist neunsaitig, neun Musen begleiten ihn. Zu ihren Ehren hat Herodot seine Werke in neun Teile geteilt; hierher gehören auch die Enneaden, die neun Bücher des Plotin, der der Überlieferung im Alter von 81 Jahren (9×9) gestorben sein soll.

Zehn, die Zahl des abgerundeten Ganzen

„Seit alters her wurde diese Zahl geehrt, denn dies ist die Zahl der Finger, daran wir zählen“ sagt Ovid, und zumindest in unserem westlichen Kulturkreis sind die zehn Finger die Basis unseres Dezimalsystems geworden. (Die Kelten, Azteken und Mayas hatten ein Zahlensystem auf 20 aufbauend, was wir heute noch im Französischen in quatre vingt finden). Für die Pythagoräer ist die Zehn die allumfassende Mutter, ist sie doch die Summe der ersten vier Zahlen 1+2+3+4=10 und kann als gleichseitiges Dreieck darge­stellt werden. Für die Pythagoräer heißt das, dass aus dem Urgrund des Seins, dem Ur-Einen und der Polarität der Erscheinungen, der dreifachen Wirkung des Geistes und der Vierzahl der Materie (4 Elemente) die umfassende Zehn entsteht. Für die Pythagoräer beschreibt die Tetraktys die Struktur der Wirklichkeit überhaupt, denn in ihr sind die drei Grundprinzipien der Wirklichkeit enthalten und das Prinzip der Projektion, durch das sich diese Grundprinzipien auf einer anderen Ebene wiederholen. So wird auf einer neuen Ebene die Vielheit wieder zur Einheit, und im mystischen Sinn ist Zehn das Gleiche wie Eins.

Die jüdische Tradition ist sich der Bedeutung der Zehn bis heute bewusst. Nicht nur sind Israel die zehn Gebote mitgeteilt worden, sondern die Welt ist – wie der Sohar weiß – in zehn Worten erschaffen worden, denn zehn Mal heißt es „und Gott sprach“. Damit ist für die Kabbala die Grundlage der Lehre von den Sefiroth gegeben, und so sehen die Kabbalisten den Thron Gottes auf zehn Säulen stehen.

Die jüdische Tradition entwickelte das Zehnersystem in genialer Weise in den zehn Sefiroth, jenen zehn archetypischen Zahlen als Grundmächten des Seins. Aus den Zu­sammenhängen dieser Sefiroth lässt sich das ganze kosmische Wesen entwickeln, wie es die mittelalterlichen Kabbalisten unter Verwendung der Gleichungen zwischen Buch­staben und Zahlen und gematrischen Manipulationen getan haben. Doch darf man über diesen mystischen Spekulationen die praktische Seite der Zehn, den Zehent nicht ver­gessen.

Geliebte Brr..., dieses Baustück erhebt keines Falls Anspruch auf Vollständigkeit, so habe ich bewusst die Zahlensymbolik in der Mythologie Asiens beiseite gelassen, zum Einen, um den Rahmen eines BS... nicht zu sprengen, zum Anderen, weil mir diese Mythologie fremd ist. Literatur für den einschlägig Interessierten gibt es genug; mein Ziel ist, Material zu diesem Thema zusammenzutragen und vielleicht den einen oder anderen für diese Art des Denksports zu begeistern.

Literatur:

  • Dietzfelbinger Konrad; Mysterienschule, vom alten Ägypten über das Urchristentum bis zu den Rosenkreuzern der Neuzeit; Diederichs Gelbe Reihe, Eugen Diederichs Verlag, München 1997
  • Endres Franz Carl, Schimmel Annemarie; das Mysterium der Zahl, Zahlensymbolik im Vergleich; Diederichs Gelbe Reihe, Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen, München 1984
  • Ferré Jean; Dictionnaire des Symboles maçonniques, éditions du Rocher, 1997
  • Lennhoff Eugen, Posner Oskar, Binder Dieter A.; internationales Freimaurer Lexikon; F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000
  • Ligou Daniel; Dictionnaire de la Franc-maçonnerie, Presses universitaires de France

Abstract

Die Formel „in der uns heiligen Zahl“ setzt eine Initiation, ein geheimes Wissen voraus, das erfahren oder zumindest mitgeteilt wurde. Schon unsere Brr... Werkmaurer wurden in die Gedanken von Pythagoras, Platon oder Aristoteles eingeweiht; und so können wir Brr... FM... auch nichts anderes als uns der Zahlen weiter zu bedienen.

In unserem Kulturbereich, der durch christlich-jüdische aber auch islamische Traditionen geprägt ist, baut die Beschäftigung mit den Zahlen, hauptsächlich auf den Pythagoräern und den von ihnen geschaffenen Grundlagen auf.

Vorderasiatische Traditionen, Gnosis, Kabbala und Neuplatonismusprägen die Zahlensymbolik. Auch heute noch ist unser Leben von Zahlensymbolik erfüllt, und wir stoßen hier in einen Grenzbereich, in dem sich Tradition einerseits und Psychologie andererseits treffen.

Im Folgenden werden Bausteine für die Symbolik der Zahlen von ein bis zehn gebracht.

Eins, die Zahl des Urgrundes

Zwei, Polarität oder Entzweiung

Drei, die umfassende Synthese

Vier, die materielle Ordnungszahl

Fünf, die Zahl des Lebendigen

Sechs, die vollkommene Weltzahl

Sieben, die Säulen der Weisheit

Acht, die glückhafte Acht

Neun, die potenzierte heilige Drei

Zehn, die Zahl des abgerundeten Ganzen

Werkmaurerei

Die Freimaurer leiten ihre Namen von den alten Verbrüderungen der mittelalterlichen Bau­hütten her.

Es sind gewaltige Leistungen, die unsere Brüder Werkmaurer da im Hochmittelalter vollbracht haben. Zwischen 1050 und 1350 werden in Frankreich 80 Kathedralen, 500 große Kirchen und mehr als 10 000 Pfarrkirchen errichtet. Dabei werden in diesen 300 Jahren mehrere Millionen Tonnen Steine verbaut, mehr als in Ägypten zu irgend­einem Zeitpunkt; die Cheopspyramide hat einen Rauminhalt von 2.500.000m3. Auf rund 200 Einwohner kommt eine Kirche oder Kapelle; in Norwich, Lincoln und York, Städte, die zu dieser Zeit zwischen 5.000 und 10.000 Einwohner haben, gibt es jeweils 50, 49 bzw. 41 Kirchen oder Kapellen. Die Kathedrale von Amiens mit ihrer Grund­fläche von 7.700m2 konnte die damalige Stadtbevölkerung von etwa 10000 Menschen auf­nehmen. Auf heutige Verhältnisse übertragen würde dies eine Stadt mit rund 1 Million Einwohnern und einem Stadion für 1 Million Besucher bedeuten; das größte Stadion der Welt hat jedoch nur 240.000 Plätze. Im Chor der Kathedrale von Beauvais könnte ein Bauherr ein Gebäude mit 14 Stockwerken errichten, bevor er das 48m hohe Gewölbe erreicht. Die Turmhöhe der Kathedrale von Chartres, 105m, entspricht einem Gebäude von 30 Stockwerken, die von Strassburg mit 142m einem mit 40; und der Südturm unseres Wiener Stephansdoms mit 136m entspricht einem Wolken­kratzer von 39 Stockwerken.

Alle Historiker, die sich mit mittelalterlicher Baukunst beschäftigen, unterscheiden üblicher Weise zwischen romanischen und gotischen Bauten. Die Wende wird für die Mitte des 12. Jahrhunderts angesetzt. Allerdings gibt es durchaus gotische Kirchen ohne Strebebogen und die berühmten Spitzbogengewölbe haben nicht die Bedeutung, die ihnen meistens zugemessen wird. Der Unterschied liegt weniger im Baustil als in einer Vielzahl von kleinen technischen Neuerungen findiger Hand­werker und Architekten. Nebeneinander gibt es nicht romanische oder gotische Bauleute sondern Kathedralenbauer, die neues schaffen und solche, die sklavisch an der althergebrachten Bauweise fest halten. Von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum Ende des 13. Jahrhunderts werden eine Reihe von bautechnischen Neuerungen eingeführt, z.B. die Schubkarre, während in den folgenden 250 Jahren das technische Grundgerüst der vergangenen 250 Jahre einfach weiter verwendet wird.

Die Zeit von etwa 1050 bis zum Ende des 13. Jahrhunderts ist für das christliche Europa eine Zeit des Aufbruchs und der Blüte. Es ist ein Zeitalter voll von Schaffenskraft und Erneuerung. In dieser Zeit leben und wirken eine Reihe der her­ausragendsten Persönlichkeiten mittelalterlicher, abendländischer Geschichte; Bernhard von Clairvaux, Abaelard, Franz von Assisi, Thomas von Aquin, Roger Bacon. Es ist die Zeit des vierten bis achten Kreuzzugs, Jerusalem ist von Saladin bereits wieder erobert, Kreuzfahrer haben Konstantinopel eingenommen, Kriege gegen Katharer und Albigenser, Belagerung und Fall von Montségur, Reconquista. Friedrich II. ist Deutscher Kaiser, Richard Löwenherz stirbt, ihm folgt Johann ohne Land. Der Templerorden ist noch auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wolfram von Eschenbach schreibt seinen Parsifal und den Titurel, Robert Boron den Heiligen Gral. Universitäten entstehen. Die Wasserkraft wird genützt, Holzbrücken werden durch Steinbrücken ersetzt. Das Feudalsystem funktioniert, Wohlstand herrscht, in einer Zeit ohne Missernten wächst die Bevölkerung.

Wer waren nun die Bauleute, die Brüder und auch Schwestern, die ihr Leben damit verbrachten, Steine zu behauen, Dreck zu schaufeln und Mörtel anzurühren? Wie hoch war ihr Lohn, welche Werkzeuge verwendeten sie, wie hievten sie die schweren Steine und das Bauholz auf das Dach, woher kam das Geld für die Bau­werke?

Es ist die Gläubigkeit der mittelalterlichen Stadtmenschen, die den Anstoß zum Bau der Kathedralen gibt. Die Eitelkeit des Bürgertums der damaligen Zeit verbunden mit dem allgemeinen Wohlstand dieser Jahre macht den Bau der Kathedralen erst möglich. Eine besondere Rolle in der Spiritualität dieser Zeit spielt der Marienkult, der besonders von Bernhard von Clairvaux und dem Zisterzienserorden gefördert wird. Gleichzeitig ist die Geschichte der Kathedralenbauer eng mit dem Aufblühen der freien Städte, des freien Handels und einem freien Bürgertum verknüpft. So sind die gewaltigen Kathedralen inmitten der Städte Zeugen eines selbstbewussten Bürgertums. Die Gesellschaft des Mittelalters mit dem neu aufgekommenen Bürgertum wird von einem „euphorischen“ Weltrekordfieber ergriffen; so werden die Kirchenschiffe immer höher und höher, 1163 ND de Paris 32,8m, 1194 ND de Chartres 36,55m, 1212 ND de Reims 37,95m, 1221 ND de Amiens 42,3m. Tragisches Beispiel für dieses Streben nach immer neuen Rekorden ist der Chor der Kathedrale von Beauvais mit 42m, der 1284 einstürzt.

Allerdings stößt der gigantomane Kathedralenbau auch auf heftigen Widerstand. 1180 stuft Pierre de Chantre, Domherr der Kathedrale von Paris, diese Leidenschaft als Epidemie ein; er schreibt: „Es ist eine Sünde Kirchen zu bauen, wie es momentan ge­schieht… Die Klosterbauten und Kathedralen werden zurzeit mit dem Wucher des Geizes, der List und der Lüge und mit den Betrügereien der Prediger gebaut.“

Hat in der Antike das Volk keinen Zugang zum Haus Gottes, zum Allerheiligsten, so sind im Mittelalter alle Gläubigen aufgefordert, sich an den Baukosten zu beteiligen und die Gebäude werden auch deshalb so groß geplant und ausgeführt, um dem Volk den Zugang zum Altarraum zu ermöglichen. Die Zuständigkeit des Bischofs und des Kapitels endet mit dem Altarraum, Mittelschiff und Seitenschiffe gehören dem gläubigen Volk. Dort wird gegessen und geschlafen, geredet und nicht ge­flüstert, Tiere werden mitgebracht, man versammelt sich zu Besprechungen, die Gemeindevertreter kommen zusammen, Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten kommen zusammen und der Bürger trifft nicht nur auf den Bauern aus der Umgebung, sondern kann durchaus so seinem Bischof oder dem Landesherren be­gegnen.

Besonders die zahlreichen, religiösen Feste sind es, die im Mittelalter die Beziehung zu Gott prägen und die leidenschaftliche Begeisterung für den Kirchenbau auslösen. Auch wenn ein Arbeitstag deutlich länger als heute dauert (von Morgengrauen bis Sonnenuntergang), so räumt die mittelalterliche Kirche ihren Bauern und Arbeitern viele Erholungstage ein. Zu den 52 Sonntagen kommen noch etwa 30 religiöse Feier­tage hinzu. Die Arbeit wird am frühen Samstagnachmittag beendet, vor religiösen Festen endet die Arbeit ebenso zur Mitte des Vortags. Zählt man diese halben freien Tage zu den freien Tagen dazu, so kann man überschlagen, dass die Menschen im Mittelalter durchschnittlich nicht mehr als vier bis fünf Tage arbeiten. Arbeitsfreie Tage werden nicht bezahlt; die exakte Buchführung des Pariser Augustinerklosters aus dem Jahr 1299 belegt dies.

2. Augustwoche

Meister Robert für 5 Tage 10 Sous

3 Maurer, jeder 5 Tage, 29 Sous, 2 Deniers

5 Gehilfen, jeder 5 Tage 4 Sous, 7 Deniers

4. Augustwoche

Meister Robert für 4 Tage 8 Sous

3 Steinmetzen, jeder 4 Tage zu 2 Sous pro Tag, 24 Sous

(12 Deniers = 1 Sous, 20 Sous = 1 Livre)

Die arbeitende Bevölkerung des Mittelalters schuftet also nicht bis zum Umfallen.

Die Mitglieder der Domkapitel sind es, denen der Titel Kathedralenbauer gebührt. Die Bischöfe haben nur in Einzelfällen und dann über einen beschränkten Zeitraum den Kathedralenbau unterstützt. In der Ausarbeitung der Baupläne und in der Durchführung der Bauarbeiten kommt dem Kapitel eine Rolle zu, die ungefähr der eines leitenden Stadtplaners in der heutigen Zeit entspricht. Die Herausforderungen, denen sich diese Kleriker gegenübersehen gleichen durchaus denen, die heute bei großen Bauprojekten auftreten, Enteignungen, Ablösen, Finanzierung, individuelle Interessen treten Allgemeininteressen gegenüber. So wehren sich zwischen 1230 und 1240 die Brüder, die das Hospital von Amiens betreiben, gegen die Absicht, die Kathedrale auf Kosten ihres Hospitals zu vergrößern. Schließlich erhalten die Brüder 100 Livres über einen Zeitraum von fünf Jahren für einen Neubau, und ein vier­köpfiger Ausschuss, der die Kosten eines Umzugs schätzen soll, muss gebildet werden.

Einmal pro Jahr bestimmt das Kapitel einen „Proviseur“. Dieser Proviseur ist meistens ein Geistlicher, kann aber auch jemand von weltlichem Stand sein, der dem Kapitel verantwortlich ist. Aufgabe des Proviseur ist es, die Bücher zu führen und die Bauarbeiten zu leiten.

Über den Bau der Kathedrale von Autun ist für das Jahr 1294/95 die komplette Buchführung erhalten, die Robert Clavel, Proviseur des Kapitels der Kirche Saint – Lazare angelegt hat.

Die Einnahmen gliedern sich in 7 Gruppen

  • Besteuerung des Kapitels von Autun
  • Einnahmen durch nicht zugewiesene Erträge in der Stadt und in der Diözese Autun
  • Einnahmen aus Ablässen für die Unterstützung des Kirchenbaus
  • Einnahmen aus der Kollekte und durch die Bruderschaft Saint – Lazare auf der Pfingstsynode
  • Nebeneinkünfte; Gelder, die ursprünglich nicht vorgesehen sind, wie Erb­schaften und Vermächtnisse
  • Einnahmen aus speziell zugunsten des Baus gestifteten Opfergaben
  • Eine zusätzliche Einnahme aus Kollekten in der Kirche

In Liste der Ausgaben finden sich solche für

  • Steinbrüche zur Förderung von Steinen
  • Kalk
  • Zimmerleute, Schneiden und Transport der Rohdauben für die Gewölbe
  • Schmiede in Autun und im Steinbruch
  • Latten, Nägel, Eisenbeschläge
  • Den Dachdeckermeister
  • Transport von als Wasserspeier bezeichneten Steinen
  • Miete einer Wohnung des Meisters
  • Kleidung des Meisters
  • Dachdeckerhämmer
  • Den Sattler und für Sättel, Kummete
  • Heu und das Anspannen des Fuhrwerks
  • Beschlagen der Pferde
  • Miete der Fuhrwerke
  • Kauf eines Pferdes
  • Kerzen

Neben der Versorgung der Baustelle mit Rohstoffen muss der Proviseur den Materialtransport organisieren, die Arbeiter bezahlen, die fertigen Gebäude unter­halten und dafür Sorge tragen, dass die Gottesdienste auch während der Bauarbeiten abgehalten werden. Robert Clavel schafft zum Abrechnungszeitraum ein ausge­glichenes Ergebnis. Wenn die Bauleute nicht bezahlt werden können, stellen sie die Arbeiten ein, verlassen die Stadt und arbeiten auf einer anderen Baustelle weiter. Um die Löcher zu stopfen, sind die Kanoniker durchaus erfindungsreich. Sie führen neue Kollekten ein, Geistliche, die zu spät zum Gottesdienst kommen, müssen ein Bußgeld bezahlen, Gräber innerhalb der Kathedralen werden verkauft, Ablässe werden gegen Geld angeboten, und Reliquien werden auf Tournee geschickt.

Auf so einer mittelalterlichen Kathedralenbaustelle sind, wie aus den Aufstellungen der Ausgaben zu erkennen ist, die unterschiedlichsten Berufe vertreten. Nicht alle je­doch sind gelernte Handwerker, jede Berufsgruppe beschäftigt Hilfsarbeiter. Diese rekrutieren sich aus entlaufenen Leibeigenen, die es schaffen ein Jahr und einen Tag in einer Stadt zu leben („Stadtluft macht frei“) oder sie sind Bauersöhne aus kinder­reichen Familien. Die zahlreichen Baustellen einer Stadt bieten gute Arbeitsmöglich­keiten. Ihre Aufgaben reichen vom Transport von Stabholz für die Zimmerleute, über das Ausheben der Baugrube bis zum Transport von Ziegeln und Steinen auf einen Turm. Ihnen bieten sich zahlreiche Aufstiegsmöglichkeiten, kraft ihrer Arbeit und ihrer Intelligenz können sie Facharbeiter werden, ein Kapital ansparen und selbständig werden oder sogar bis zum Architekten aufsteigen. Alle diese Arbeiter sind gleichzeitig auch Steuerzahler und die Steuerregister geben Aufschluss über Zahl und Verteilung der Arbeiter.

Im Steuerregister der Pariser Stadtverwaltung des 13. Jahrhunderts finden sich 192 Personen, die mit Stein arbeiten und sich folgendermaßen aufteilen: 104 Maurer, 12 Steinmetze, 36 Gipser, 8 Mörtelmacher, 2 Vorarbeiter, die das Zurichten der Steine leiten, 18 Steinbrecher, 7 Maurergehilfen, 3 Hauer und 2 Steinsetzer. In diesem Register finden sich mehrere Frauen, Gipserinnen, Mörtelmacherinnen und einzelne Maurerinnen, jedoch keine Frauen unter den Steinbrechern und Steinmetzen. Der Grund liegt darin, dass es sich dabei um Arbeiten handelt, die körperlich sehr an­strengend sind.

Steinbrecher, Mörtelmacher und Steinmetze gehören zum einen Zweig der Familie der Steinarbeiter; Gipser, mit Zement arbeitende Mörtelmacher und Maurer gehören zum anderen Zweig. Die Statuten des Etienne Boileau, Vorsteher der Pariser Kauf­mannsgilde verzeichnen Mitte des 13. Jahrhunderts in Paris 101 Gewerbe und sagen über die Steinarbeiter: „Mörtelmacher und Gipser sind von demselben Rang wie die Maurer und gehören zu derselben Berufsgruppe wie sie.

Die Maurer sind in erster Linie einmal Steinleger, im Englischen Setter oder Layer. Diese Ausdrücke vermitteln die Vorstellung des Legens und Einzementierens in eine Mauer. Wir kennen zahlreiche Kirchenfenster, die Maurer bei ihrer Arbeit zeigen. Meist sind die Maurer mit Maurerkelle, Setzwaage und Senkblei an einer Mauer zu sehen. Am Fuß der Mauer rühren Mörtelmacher Mörtel, Hilfsarbeiter reichen Steine oder Mörtel nach oben zu den Maurern. Im Winter wird das Steinelegen wegen der Frostgefahr eingestellt und die Maurer werden entlassen, sie verschwinden von der Baustelle und auch aus den Büchern. Nur diejenigen Maurer, die am geschicktesten im Behauen von Steinen sind, werden in der Werkstatt – der Loge – am Fuß des Ge­bäudes weiter beschäftigt.

Diese wechselnde Zahl an Arbeitern am Bau finden wir in den erhaltenen Büchern dokumentiert, so zum Beispiel in den Büchern der Westminister Abbey von 1253. In der Woche vom 14. – 20. Juli werden 215 Hilfsarbeiter eingestellt, in der darauf folgenden Woche werden 65 und in der nächsten Woche noch einmal 10 entlassen. Mit Wintereinbruch sinkt die Zahl der Hilfsarbeiter schlagartig ab; in der Woche vom 10. – 16. November auf 30. Genauso verhält es sich mit den Maurern; nach 33 Maurern am 27. Oktober sind es am 10. November nur noch 5. Insgesamt sind im Jahr 1253 beim Bau der Westminster Abbey bis zu 428 Arbeiter (Woche vom 23. – 29. Juni) beschäftigt, im Schnitt über das ganze Jahr arbeiten 300 Menschen am Bau mit, davon sind etwa 50% gelernte Facharbeiter.

Wenn wir an die Kathedralen denken, so denken wir meist an unsere Brüder Werk­maurer und vergessen dabei gerne auf den Beitrag, den die Steinbrecher, die Arbeiter in den Steinbrüchen, für die Entstehung eines solchen Gebäudes leisten. In den Steinbrüchen macht sich der Mensch des Mittelalters mit dem Stein vertraut, denn es gibt keine antike Überlieferung, die über die Vorzüge und die Mängel sowie die Be­handlung dieses Rohstoffs Informationen geben kann.

Die Steinbrecher arbeiten unter schlechten materiellen Bedingungen, sie leiden unter der Feuchtigkeit vieler Steinbrüche und ziehen sich eine Staublunge zu. Ihr Lohn entspricht dem eines Hilfsarbeiters am Bau. Ihre Bedeutung ist besonders in der ersten Phase eines Bauprojekts hoch, wenn Tausende von Kubikmetern Stein für die Grundmauern gebrochen werden.

Sie arbeiten in Achtergruppen unter der Leitung eines Steinbrechermeisters. Beim Bau der Zisterzienserabtei Vale Royal in Cheshire werden in drei Jahren 1278 – 1281 35448 Karren Steine aus dem Steinbruch zur 8 Kilometer entfernten Baustelle transportiert. Um diese mehr als 35000 Tonnen Steine (eine Fuhre entspricht 1 Tonne) in dieser Zeit zum Bauplatz zu schaffen, muss während der Arbeitszeit jede Viertel­stunde ein Karren den Steinbruch verlassen.

Um die überaus hohen Transportkosten zu verringern, werden Steinmetze in den Steinbruch gesandt, die die Steine an Ort und Stelle vierkantig in passender Größe behauen. Die Maße für einen solchen Stein sind nach dem Ort oder der Baustelle normiert. Die Bezahlung erfolgt sowohl nach Zeit, pro Tag oder pro Woche genauso wie nach Stück. Warum aber ein Arbeiter nach Stücklohn und ein anderer Arbeiter nach Zeit bezahlt wird, ist nicht eindeutig.

Auf der Grundlage der Erkennungszeichen, die die Stückarbeiter in die Steine gravieren, kann man feststellen, dass Stückarbeit im 12. Jahrhundert häufiger ist als in den darauf folgenden, dass Stückarbeit im Elsass, südlich der Loire und in der Provence häufiger ist als im Rest von Frankreich, dass Stückarbeit auf kleinen Bau­stellen verbreiteter ist als auf Großbaustellen wie in Chartres oder Amiens, wo man kaum Steinmetzzeichen finden kann. Jeder Steinmetz, der nach Stücklohn arbeitet, hat sein eigenes Zeichen, das er in irgend eine Fläche seines Stein graviert, damit am Ende einer Woche seine Arbeit eindeutig identifiziert werden kann. Bei diesen Steinmetzzeichen handelt es sich um geometrische Figuren, Kreuze oder Buchstaben.

Von diesen Steinmetzzeichen müssen die Positionsmarkierungen unterschieden werden. Das Verwenden von Positionsmarkierungen geht bereits auf die Römer zu­rück, wir finden solche Zeichen zum Beispiel am Pont du Gard (FRonte.Sinistra.II uä) Bei schwierigen Bauabschnitten gibt der Vorarbeiter den Steinmetzen genaue An­weisungen, wie sie die Steine zu markieren hätten, damit die Maurer die so markierten Steine beim Einmauern richtig zusammenfügen könnten. Ebenso werden Positionsmarkierungen verwendet, wenn eine Statue in die Mauer eingefügt werden soll.

Das Leben der Steinmetze spielt sich in der Bauhütte – Loge – ab. Wir finden die Bauhütte auf zeitgenössischen Darstellungen am Fuß des entstehenden Bauwerks. Am Morgen holen die Bauleute dort ihr Werkzeug ab, nehmen ihre Mahlzeiten in der Hütte ein, halten an heißen Tagen ihren Mittagsschlaf. Bei Schlechtwetter und im Winter wird in den Bauhütten gearbeitet. Die Nächte werden jedoch nicht in der Bauhütte verbracht. Die Bauhütten sind nicht nur ein Arbeits- und Erholungsort sondern gleichzeitig auch eine Art Treffpunkt, an dem alle wichtigen Fragen die Arbeit betreffend besprochen werden. Nach und nach muss das Kapitel das Leben in den Logen regeln, und so entstehen die ersten bekannten Bauhüttenregeln; die älteste bekannte Regel wurde 1352 vom Kapitel von York aufgestellt.

Auf Grund der lateinischen Ausdrücke, die im Mittelalter für diejenigen Arbeiter verwendet werden, die Steine behauen ist eine Unterscheidung zwischen jenen, die einfache Bausteine herstellen und solchen, die Rippengewölbe, Rosen und Statuen anfertigen, nicht möglich. Das mag uns heute befremden, weil für uns ein großer Unterschied zwischen all denen, die mechanische Arbeit verrichten und denen, die „mit ihrer Seele“ die großartigen Statuen der Kathedralen schaffen, besteht. Diese Unter­scheidung ist den Menschen des Mittelalters jedoch völlig fremd, sie kommt erst mit der Renaissance auf. Es sind die Intellektuellen der Renaissance, die die persönlichen Verdienste der Bildhauer und Maler, der Künstler, herausstreichen. Erst in der Renaissance wird unsere Vorstellung von Kunst geprägt. Die Denker des Mittelalters hingegen äußern sich in ihren Werken fast nie zu Fragen der Ästhetik; wenn sie sich mit Kunst beschäftigen, so tun sie das aus theologischer oder philosophischer Sicht. Auch fragt der mittelalterliche Mensch nicht nach dem Schöpfer der einzelnen Skulptur, der jedoch keineswegs so anonym ist, wie wir heute meist glauben. Berechtigter Stolz erfüllt diese Bildhauer von einfacher Herkunft, die durch ihr Handwerk mit der Welt des Geistes und der Bildung in Kontakt kommen, und sie zögern nicht, ihren Namen in das Baustück einzugravieren, so am Tympanon von Autun „Gislebertus me fecit“ oder in der Kathedrale von Rouen auf einem Schluss­stein „Durandus me fecit“.

Im Englischen wird bis zu einem gewissen Grad zwischen den Maurern, die grobe Arbeit verrichten und denen, die feinere Arbeiten ausführen unterschieden. Mit „hard hewers“ werden diejenigen bezeichnet, die einen besonders harten Stein aus der Grafschaft Kent bearbeiten; ihnen gegenüber stehen die freestone masons, die einen Kalkstein feinster Qualität bearbeiten können, der sich hervorragend für Bild­hauerei eignet. Zusätzlich unterscheiden sie sich die freestone masons von den roughstone masons, die einen Stein nur grob bearbeiten können. Nach und nach wird aus freestone mason freemason, was sich ausschließlich auf die Qualität des Steins be­zieht und nichts mit Abgabenfreiheit zu tun hat. Als die spekulative Frei­maurerei im 18. Jahrhundert aus England nach Frankreich kommt, wird freemason selbst­verständlich mit franc-maçon übersetzt, einem Wort das im Mittelalter unbe­kannt ist. 1351 taucht in London ein englisch-französisches Mischwort auf, maître macon de franche peer, was dem lateinischen Ausdrücken sculptores lapidum liberorum oder magister lathomus liberarum petrarum entspricht, was etwa Meister des freien Steins bedeutet.

Oft sind an einem Bauwerk die Skulpturen aus einem ganz anderen Stein als die Wände. Genauso bearbeiten die Bildhauer auch Blöcke wenn sie bereits in die Wand eingemauert sind. So verschmelzen Bildhauerarbeit und Architektur. Die Figuren am Königsportal von Chartres sind Ausdruck dieser engen Zusammenarbeit zwischen Bildhauer und Architekt. Je komplexer die Arbeiten werden desto eher arbeiten die Bildhauer in der Bauhütte und nicht mehr direkt an der Säule. Sie sind wie besessen davon, überall an den Wänden Statuen unterzubringen, die Kirchen werden förmlich zugedeckt. Beim Einmauern der 1200 Skulpturen von ND de Chartres gibt es einige Verwechslungen, in Reims muss man die rund 3000 Skulpturen nummerieren, und in Tournai lassen sich Bildhauer nieder, die Arbeiten nach Auftrag versenden.

An bautechnischem Wissen steht den Kathedralenbauern Vitruvs „De Architectura“ zur Verfügung. Ansonsten lernen sie durch Erfahrung. So gibt Vitruv zum Beispiel kein Verfahren zur Berechnung eines Fundaments an. Auch wenn die Kathedralen­bauer durchaus Kenntnisse in Algebra, Trigonometrie und Geometrie haben, so leitet sich ihr Wissen hauptsächlich aus, Praxis, Erfahrung und Beobachten ab. Ein gutes Beispiel für dieses Wissen ist das Skizzenbuch des Villard de Honnecourt.

Villard de Honnecourt ist ein Architekt des 13. Jahrhunderts aus dem kleinen Ort Honnecourt bei Cambrai in der Picardie. Sein Skizzenbuch besteht aus 33 beidseitig mit Konstruktionszeichnungen und Skizzen versehenen Pergamentseiten. Villard stellt sich in seinem Buch folgender Maßen vor: „Villard de Honnecourt begrüßt euch und bittet all diejenigen, die mit den Behelfen, welche man in diesem Buch findet, arbeiten werden, für seine Seele zu beten und sich seiner zu erinnern. Denn in diesem Buch kann man guten rat finden über die große Kunst der Maurerei und die Konstruktionen des Zimmer­handwerks; und ihr werdet die Kunst des Zeichnens darin finden, die Grundzüge, so wie die Disziplin der Geometrie sie lehrt.

Das Skizzenbuch lässt sich in folgende Bereiche gliedern:

  • Mechanik
  • Praktische Geometrie und Trigonometrie
  • Zimmerhandwerk
  • Architekturzeichnungen
  • Verzierungszeichnungen
  • Figürliche Darstellungen
  • Objekte der Kirchenausstattung
  • Themen, die über das Spezialgebiet des Architekten und Zeichners hinaus­gehen

Wie die meisten Bauleute seiner Zeit ist auch Villard viel gereist. Er ist in seiner weiteren Heimat Frankreich unterwegs, skizziert die Westrose von Chartres und das Labyrinth, er zeichnet die Türme der Kathedrale von Laon. Wir finden ihn in der Schweiz, wo er die die Rose der Kathedrale von Lausanne zeichnet. Auf seiner Wanderschaft durchquert er Deutschland und gelangt schließlich nach Ungarn und arbeitet beim Bau der Kathedrale St. Elisabeth in Kosice mit.

Auf seiner Reise fertigt er Skizzen von allem, was ihn interessiert, an; er zeichnet Insekten, Vögel, Hasen und Igel, Haustiere aber auch Löwen und Bären sowie einen Drachen. Sein besonderes Augenmerk gilt der Darstellung des menschlichen Körpers, dem Faltenwurf der Kleidung, der Bewegung der Gliedmaßen, auch zeichnet er Akte. Bekannt sind seine Zeichnungen, die auf Dreiecken basieren. Zum einen sind diese Schemata einfach und praktisch, zum anderen helfen sie, die richtigen Proportionen der Figuren darzustellen.

Als Ingenieur ist er an technischen Erfindungen interessiert. Villard entwickelt ein Hebeverfahren, bei dem eine Achse mit Schraubenwindung an einer Haspel gedreht wird. Er wagt sich auch an schwierige Aufgaben, wie das Schneiden von Holz unter Wasser. Auch zum Perpetuum Mobile macht er sich Gedanken: „Gar manchen Tag haben Meister darüber beratschlagt, wie man ein Rad machen könne. Das sich von selber dreht. Hier ist eines, das man aus einer ungeraden Zahl von Hämmern oder mit Quecksilber machen kann.

Villards Skizzenbuch gibt uns auch Aufschluss, wie es mit dem Geheimnis der Maurerei tatsächlich gewesen ist. Auf einer Tafel zeigt er, wie eine Fiale aus einem Grundriss heraus konstruiert werden muss. Dieses Blatt scheint für ihn keine be­sondere Bedeutung zu haben, denn er versieht es mit keinen weiteren Erläuterungen. Mehr als 200 Jahre später, 1486, schreibt in Regensburg ein Architekt Roritzer das „Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit“. Auch er zeigt, wie eine Fiale aus dem Grund­riss konstruiert werden muss, fügt jedoch hinzu, er offenbare damit das Geheimnis des Bauens. Mit Geheimnis hat Roritzer wohl recht, denn in der Regensburger Bau­hüttenordnung von 1459 heißt es ausdrücklich: „Item es soll auch kein werckhman oder meister noch ballierer oder gsellen niemands, wie der genant sye, der nit unnsers handwerckhs ist, uß kheinem außzuge unnderwisenn uß dem grundt zue nemenn.“

Wenn etwas im 15. Jahrhundert ein Geheimnis ist, so heißt das nicht zwangsläufig, dass es auch im 13. Jahrhundert eines war. Auch Passagen aus dem Regius Poem (1390) und dem Cook (1430) Manuskript lassen auf Geheimnisse schließen. Beide bilden das, was als Constitutions der Freimaurer bezeichnet wird. Zur Ver­schwiegenheit heißt es im Cook: „der dritte Punkt ist, dass er die Gespräche seiner Kollegen in der Hütte (Loge), im chamber oder an irgendeinem anderen Ort, wo sich Maurer aufhalten, nicht weitererzählen darf“. Das Regius Poem wird präziser: „der dritte Punkt muss dem Lehrling eindringlich ans Herz gelegt werden. Die Ratschläge seines Meisters und seiner Brüder muss er für sich behalten und darf sie niemandem weitersagen. Festen Willens enthüllt er keinem einzigen Menschen, was in der Hütte, Loge, vorgeht, was er hört oder was er sieht. Wo auch immer er hingeht, offenbart er keinem einzigen Menschen die Gespräche, die in der hall oder im chamber stattgefunden haben. Er behält sie zu seiner Ehre unbedingt für sich. Enthüllt er sie doch, muss er fürchten, auf sich selbst Tadel zu ziehen und dem Berufsstand große Schande zu bereiten.

Auch für die Erkennungszeichen der Freimaurer finden wir Belege in der Werk­maurerei. Diese Erkennungszeichen dürften aus Schottland stammen, wo ab­weichende Bedingungen gegenüber dem Rest von Europa herrschen. In Schottland gibt es keinen freestone. Damit stehen die freestone masons in unmittelbarer Konkurrenz zu den cowans, die nur Steinmauern aufschichten zu können. Zusätzlich gibt es zu dieser Zeit in Schottland eine besondere Kategorie von Maurern, den entered apprentice. Um sich von beiden unterscheiden zu können, werden die Er­kennungszeichen eingeführt. In einem Dokument der Loge Mother Kilwinning aus 1707 finden wir den Beweis: „kein Baumeister darf einen cowan einstellen ohne das Losungswort…“.

Mit dem Ende des 13. Jahrhunderts nehmen Genie und Schaffenskraft der Kathedralenbauer stark ab. Die Meinungsfreiheit, die an den neu entstandenen Universitäten hoch gehalten wird, wird eingeschränkt. Die großen Orden bauen kaum noch neue Klöster. 1337 beginnt in Frankreich der Hundertjährige Krieg und damit ist in Frankreich die Blütezeit des Kathedralenbaus beendet. Nur im deutsch­sprachigen Raum werden noch große Dome gebaut.

Die Freimaurer leiten ihren Namen von den alten Verbrüderungen der mittelalterlichen Bau­hütten her. Wenn wir unsere Brr Werkmaurer beobachten, so können wir feststellen, dass dieser Satz aus dem Aufnahmeritual im Wesentlichen tatsächlich stimmt. Die Strukturen sind die unserer Brr... Werkmaurer. Und manches, wie zum Beispiel das Behauen der Steine im Steinbruch, erinnert an Worte aus unserem Ritual: jeder Stein sei schon im Kubus behauen, sodass es nur noch der Zusammensetzung bedarf. Festzuhalten ist, dass wir in der FM keine Unterscheidung in Steinmetzen, Steinsetzer und Mörtelmacher oder Gipser mehr treffen, und doch meine ich, dass wir in den Charakteren der Brr... einer L... all diese Funktionen wiederfinden. Das Geheimnis der Werkmaurerei ist, wie ich am Beispiel der Fialenkonstruktion zu zeigen ver­suchte, wohl eher ein Konstrukt. Voraus waren uns die Geschwister Werkmaurer auf jeden Fall bei der Integration der Schwestern. Zumindest im Hochmittelalter – in der Blütezeit des Kathedralenbaus – finden wir Frauen als gleichberechtigte Mitarbeiter am Bau, während die reguläre FM Frauen bis heute die Fähigkeit abspricht, rechte Freimaurer zu sein.

Literatur

  • Bayard Jean-Pierre, la Tradition cachée des cathédrales, du symbolisme médiéval à la réalisation architectural, Editions Dangles
  • Conrad Dietrich, Mertens Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Bauplanung und Bau­ausführung, Edition Leipzig 2002
  • Gimpel Jean; die Kathedralenbauer, Deukalion Verlag Uwe Hils 1996
  • The Medieval Sketchbook of Villard de Honnecourt, Dover Publication, Inc., Mineola New York 2006

Abstract

Zwischen 1050 und 1350 werden in Frankreich 80 Kathedralen, 500 große Kirchen und mehr als 10 000Pfarrkirchen errichtet. Dabei werden in diesen 300 Jahren mehrere Millionen Tonnen Steine verbaut, mehr als in Ägypten zu irgend­einem Zeitpunkt; die Cheopspyramide hat einen Rauminhalt von 2.500.000m3. Die Kathedralen sind Ausdruck des Selbstbewusstseins der freien Städte; Bauherrn sind daher auch nicht die Bischöfe sondern die Domkapitel. Beim Bau einer Kathedrale sind neben den Steinbrechern im Steinbruch, den Steinmetzen die den Bruchstein zum Kubus behauen, Steinleger, Zimmerleute, Fuhrleute, Schmiede und Hilfs­arbeiter beschäftigt. Ihre Zahl schwankt nach der Jahreszeit, im Schnitt sind es rund 300 Menschen. An bautechnischem Wissen steht den Kathedralenbauern „De Architectura“ von Vitruv zur Verfügung. Ansonsten lernen sie durch Beobachten und Erfahrung. Mit dem Ende des 13. Jahrhunderts nehmen Genie und Schaffens­kraft der Kathedralenbauer stark ab. Besonders Frankreich leidet unter dem Hundertjährigen Krieg. Nur noch in Deutschland werden Dome gebaut und die hohe Zeit der Werkmaurer geht zu Ende.

Liberté Chérie, eine Loge im KZ

Das Lied „die Moorsoldaten“ ist ein Lied, das 1933 von Häftlingen des KZ Börgermoor im Emsland getextet und komponiert worden ist. Das Emsland ist eine Region an der Grenze zu den Niederlanden im Nordwesten des heutigen Bundeslands Nordrhein-Westfalen und im Westen des heutigen Bundeslands Niedersachsen. Typisch für das Emsland sind die ausgedehnten Moore. Im Emsland wurden während der Zeit Nazideutschlands insgesamt 15 Konzentrationslager errichtet; die KZ Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum wurden bereits 1933 errichtet und waren in verschiedenen Funktionen bis 1945 in Betrieb. Ein bekannter Häftling im KZ Esterwegen war der Journalist, Schriftsteller Pazifist und Friedensnobelpreisträger, unser Br... Carl von Ossietzky.

Der besondere Zweck der Emslandlager bestand im Einsatz der Häftlinge bei der Urbarmachung der sich über etwa 50.000 ha erstreckenden Emsländischen Moore. Die Arbeit war dabei bewusst ausschließlich mit Spaten und sonstigen einfachsten Hilfsmitteln zu verrichten. Die Bewachung der Lager erfolgte durch Angehörige der SA und SS, Morde und Misshandlungen gehörten zum Lageralltag.

1934 wurde die bereits für Dachau entwickelte Lagerordnung eingeführt. Dort heißt es unter anderem: …Es bleibt jedem Schutzhäftling überlassen, darüber nachzudenken, warum er ins Konzentrationslager gekommen ist. Hier wird ihm die Gelegenheit geboten, seine innere Einstellung gegen Volk und Vaterland zu Gunsten einer Volksgemeinschaft auf nationalsozialistischer Grundlage zu ändern, oder, wenn er es für wertvoller hält, für die Judeninternationale eines Marx oder Lenin zu sterben!… Toleranz bedeutet Schwäche! Aus dieser Erkenntnis wird dort rücksichtslos zugegriffen werden, wo es im Interesse des Vaterlandes notwendig erscheint. Den politisierenden Hetzern und intellektuellen Wühlern – gleich welcher Richtung – sei gesagt, hütet euch, man wird euch sonst nach den Hälsen greifen und euch nach eurem eigenen Rezept zum Schweigen bringen!…

Mit der Neuordnung des KZ-Systems wurden in der Zeit von 1934 bis 1936 die KZ-Lager im Emsland aufgelöst. Das letzte Lager war Esterwegen, das sogenannte Lager VII, in dem bis zuletzt zahlreiche Politiker und Intellektuelle inhaftiert waren. Die 15 Emslandlager wurden in der Folge als Straflager und ab Kriegsbeginn als Kriegsgefangenenlager weitergeführt.

Die Situation der Inhaftierten verbesserte sich dadurch nicht. Misshandlung, Folter, Hinrichtungen, extremer Ernährungsmangel bei gleichzeitig schwerem Arbeitseinsatz, katastrophale hygienische Bedingungen, sowie das Vorenthalten jeder medizinischen Betreuung forderten weiterhin ihren Tribut. Eine im Dokumentationszentrum Emslandlager hinterlegte Aussage eines Lagerwächters dazu: …es gibt keine Kranken, es gibt nur Gesunde oder Tote! Sie haben kein Recht, krank zu sein; als Kranke sind sie der Gesellschaft nicht nützlich. Diese nicht produktiven Menschen müssen von selbst gesund werden oder verschwinden. Man müsste sagen: Sollen sie krepieren!…

Von 1934 bis 1945 wurden insgesamt über 66.000 Strafgefangene in die nördlichen Emslandlager eingeliefert, überwiegend Kriminelle, selbst nach heutigem Rechtsverständnis, aber auch politisch Andersdenkende, rassische oder religiöse Minderheiten, kriegsrechtlich verurteilte, Homosexuelle und andere sogenannte Volksschädlinge. In den südlichen Lagern waren bis 1945 mindestens 70.000 Kriegsgefangene inhaftiert. Während die Wehrmacht die nicht-sowjetischen Gefangenen mehr oder weniger entsprechend den Regeln des Völkerrechts behandelte, wurden die russischen Soldaten faktisch ermordet, indem man ihre Versorgung bis weit unter das Minimum reduzierte, sie verhungern, erfrieren oder an Krankheiten sterben ließ. Den Gräberlisten ist zu entnehmen, dass auf den sechs Kriegsgefangenenfriedhöfen vor Ort bis zu 26.000 sowjetische Soldaten begraben liegen.

Ab Mai 1943 wurden mehr als 2000 Widerstandskämpfer, Mitglieder der Résistance aus Belgien, Nordfrankreich, und den Niederlanden in das KZ Esterwegen deportiert. Sie wurden als Nacht und Nebel (NN) Gefangene bezeichnet. Der später sogenannte Nacht-und-Nebel-Erlass war ein Führererlass Adolfs Hitlers während des zweiten Weltkriegs, verordnet am 7. Dezember 1941 als geheime Richtlinien für die Verfolgung von Straftaten gegen das Reich oder die Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten.

Entsprechend diesem Führererlass wurden rund 7.000 des Widerstands verdächtige Personen aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen nach Deutschland verschleppt, dort heimlich abgeurteilt oder bei erwiesener Unschuld in Haft behalten, ohne dass die Angehörigen irgendwelche Auskünfte erhielten. Ihr spurloses Verschwinden sollte der Abschreckung dienen. Die Kontaktsperre wurde ausnahmslos durchgesetzt. Die Angehörigen erhielten weder Nachricht über eine Hinrichtung noch einen Sterbefall eines NN-Häftlings, Abschiedsbriefe und Testamente wurden zurückgehalten. Auch in den Lagern war die Behandlung der NN-Häftlinge anders als die der sonstigen Häftlinge. Mussten diese außerhalb des Lagers Zwangsarbeit leisten, (in Esterwegen Arbeit im Moor) so durften jene ihre Baracken den ganzen Tag nicht verlassen. Sie mussten zum Beispiel in ihrer Baracke Altmetall sortieren.

Unter diesen Widerstandskämpfern waren belgische Freimaurer, die nach und nach in der Baracke 6 des KZ Esterwegen aufeinandertrafen.

Der ersten Transporte von NN-Häftlingen erreichten das KZ Esterwegen im Mai 1943. Bis November 1943 waren die 7 Meister, die für eine Logengründung nötig sind, vollständig. Es waren:

Dr. Franz Rochat, geboren am 10. März 1908 in Saint-Gilles. Er wurde in die Loge Les Amis Philantropes im Or... Brüssel während seines Studiums an der Freien Universität Brüssel aufgenommen, Apotheker und Direktor eines bedeutenden pharmazeutischen Labors. Seine Untergrundarbeit begann am 1. Oktober 1941. Er war Mitarbeiter bei der Untergrundzeitschrift La Voix des Belges (Stimme der Belgier). Franz Rochat wurde im April 1944 ins Zuchthaus Untermaßfeld verlegt und starb dort am 6. April 1945.

Jean Sugg, geboren am 8. September 1897 in Gent. Er war deutschschweizerischer Herkunft. Auch er war Bruder der Loge Les Amis Philantropes, wo er seinen Freund Franz Rochat kennenlernte. Gemeinsam arbeiteten sie an der Verbreitung der Untergrundpresse, vor allem La Voie des Belges und La Libre Belgique. Er unterstützte abgestürzte Bomberflieger und versorgte sich der Zwangsarbeit entziehende Belgier mit Geld und Verpflegungsmarken. Am 21. April 1942 verhaftet, lautete die Anklage auf Spionage und Feindbegünstigung. Gemeinsam mit Rochat traf er am 21. Mai 1943 im KZ Esterwegen ein. 1944 wurde er ins KZ Buchenwald verlegt, wo er im Februar 1945 verstarb.

Paul Hanson, geboren am 25. Juli 1889 in Lüttich Friedensrichter im Kanton Louveigné-Grivegnée südlich von Lüttich wurde am 20. April 1942 von den Deutschen festgenommen und bald darauf vor Gericht gestellt. Zwei Monate vorher hatte er in einem Prozess der 1940 gegründeten CNAA (Nationale Vereinigung für Landwirtschaft und Ernährung), einer Kollaborationsvereinigung für soziale und wirtschaftliche Herrschaft der Nationalsozialisten, die Legalität abgesprochen und sie mit einer Geldbuße belegt. Das Urteil gegen Hanson wurde am 13. März 1942 in Louveigné verkündet und hatte einen gewaltigen Nachhall. Paul Hanson wurde zunächst in Saint-Léonard, dann in Aachen und Bochum und schließlich im KZ Esterwegen inhaftiert.

Paul Hanson hielt im Lager Esterwegen trotz des Ausgangsverbotes wiederholt heimlich Vorträge für die Gefangenen der verschiedenen Baracken. Als die Stadt Essen, in die Hanson verlegt worden war, am 26. März 1944 von den Alliierten bombardiert wurde, starb der Inhaftierte in den Trümmern des Gefängnisses.

Am 13. März 1947 wurde zu Ehren des Richters Hanson im Gerichtshof von Louveigné eine mit einem Akazienzweig eingerahmte Gedenkstele mit den wichtigsten Passagen aus seiner Urteilsverkündung vom 13. März 1942 errichtet.

Dr. phil. Amédée Miclotte, Doktor der Philosophie und Literatur, Studienrat der Oberschule in Forest/Vorst, wurde am 20. Dezember 1902 in La Hamaide geboren und gehörte mit Luc Somerhausen zum SRA (Service de Renseignement et Action), einem konspirativen Vorgänger des Staatssicherheitsdienstes. Er war Bruder der Loge Les Vrais Amis de l‘Union et du Progrès Réunis im Or... Brüssel. Am 29. Dezember 1942 wurde er als Spion verhaftet und in Saint-Gilles, später in Essen inhaftiert. Amédée Miclotte wurde von Esterwegen ins Konzentrationslager Groß-Rosen gebracht und am 8. Februar 1945 als vermisst gemeldet. Er wurde zuletzt im Lager-Krankensaal gesehen.

Jean De Schrijver, Oberst in der belgischen Armee und ab 1940 Kabinettschef des Verteidigungsministeriums, wurde am 23. August 1893 in Alost geboren. Er war Bruder der Loge La Liberté in Gent. Am 2. September 1943 wurde er wegen Spionage und Waffenbesitzes festgenommen und saß in Löwen, Breendonk und Saint-Gilles ein. Oberst Jean De Schijver starb im Februar 1945 im Zuchthaus Groß-Strelitz.

Henri Story, Industrieller und Schöffe von Gent, wurde am 27. November 1897 in dieser Stadt geboren, er war Bruder der Loge Le Septentrion in Gent. Er gehörte mehreren Widerstandsgruppen an: dem „Service Socrate“, dem „Service Zéro“ und dem „Service Luc“. Über ihn kam der Kontakt der Unabhängigkeitsfront mit London zustande. Er wurde am 22. Oktober 1943 ins Gefängnis von Gent eingeliefert und später nach Essen überführt. Henri Story wurde über Esterwegen nach Groß-Strelitz verbracht und starb am 5. Dezember 1944 im Konzentrationslager Groß-Rosen.

Luc Somerhausen, geboren am 26. August 1903 in Hoeylaert, war Journalist. Er diente im Widerstand beim Allgemeinen Nachrichtendienst, dem SRA. Somerhausen wurde am 28. Mai 1943 in Brüssel und in Saint-Gilles, später in Essen inhaftiert. Er gehörte der Loge Action et Solidarité in Brüssel an und war Mitglied des Großorient von Belgien in der Funktion eines stellvertretenden Sekretärs. Da er die erforderlichen Abläufe am besten kannte, wurde er zur treibenden Kraft bei der Gründung der Loge Liberté Chérie

Fernand Erauw, diplomierter Verwaltungswissenschaftler des Instituts Cooremans und Beisitzer am Rechnungshof, Reserveoffizier bei den Grenadieren und Mitglied der Geheimarmee, wurde am 29. Januar 1914 in Wemmel geboren. Die Geheimarmee bestand aus aktiven Soldaten und Reservisten im Untergrund. Sie wurde von der belgischen Regierung in London als legal anerkannt und führte für die Alliierten verdeckte militärische Operationen durch.

Fernand Erauw wurde am 4. August 1942 festgenommen, entging als Offizier den Folterungen durch die Deutschen und fand sich im Jahr 1943 nach einer Odyssee durch verschiedene belgische und deutsche Gefängnisse schließlich in Esterwegen wieder.

Diese sieben Brüder gründen nun, sobald die 7 Meister im November 1943 beisammen sind, in der Baracke 6 eine Loge mit dem Namen Liberté Chérie. Der Name bezieht sich entweder auf die 6. Strophe der Marseillaise (Freiheit, heißgeliebte Freiheit, kämpfe zusammen mit deinen Verteidigern[1]) oder auf die letzte Strophe des Börgermoorlieds, welches die Häftlinge auf Französisch in dieser Version sangen: Doch eines tags in unserem Leben wird es wieder Frühling sein, Freiheit, heißgeliebte Freiheit, du bist wieder mein[2]. In ihrer ersten Logenarbeit wählen sie Paul Hanson zum Meister vom Stuhl, die Brüder Somerhausen und Dee Schrijver zum 1. und 2. Aufseher, Bruder Rochat wird Sekretär und Bruder Miclot Redner. Fernand Erauw nehmen sie als Bruder Lehrling auf. Vor seiner Aufnahme gehörte dieser bereits zum maurerischen Gesprächskreis in Baracke 6.

Es gibt allerdings auch einen Bericht eines Lagerüberlebenden (Franz Bridoux) welcher meint, dass eigentlich Guy Hannecart, Bruder der Loge Les Amis Philantropes, ein Rechtsanwalt und wie Franz Rochat Mitarbeiter bei La Voie des Belges, sowie Joseph Degeldre, Arzt und Bruder der Loge Travail im Or...Verviers, Mitbegründer von Liberté Chérie gewesen seien und dass De Schrijver und Story erst danach dazu gestoßen seien. In den meisten vorliegenden Dokumenten werden jedenfalls die zuvor genannten sieben Brüder als Gründungsmeister geführt. Auch hätten diese sieben Meister gemeinsam mit dem Lehrling die Logenarbeit weitergeführt.

Für ihre Logenarbeit versammelten sich die Brüder in der Baracke 6 um einen Tisch, der sonst zum Sortieren von Patronen verwendet wurde. Dabei standen jeweils ebenfalls inhaftierte katholische Priester Wache, damit die Freimaurer ihre Versammlungen abhalten konnten; umgekehrt wachten die Brüder der Loge über die Priester, wenn diese heimlich ihre heilige Messe feierten.

Luc Somerhausen schildert Fernand Erauws Aufnahme zum Freimaurer wie folgt: …eine ebenso einfache wie geheime Zeremonie, die darin bestand, den Profanen Fernand Erauw aufzunehmen, der vorgeschlagen worden war, sich den Gründern anzuschließen und der dem Vorschlag zugestimmt hatte. Diese Zeremonie, zu deren Geheimhaltung man die Gemeinschaft der Priester um Hilfe gebeten hatte, die wiederum von uns Beistand bei ihren Gebeten erhielten, fand um einen der Essenstische herum nach einem sehr stark vereinfachten Ritual statt, dessen einzelne Bestandteile dem Neuaufgenommenen aber erklärt wurden und der fortan an der Arbeit der Loge teilnahm.

Das Logenleben der acht Gefangenen gestaltete sich begreiflicherweise schwierig. Mehr als hundert Gefangene waren in Baracke 6 fast rund um die Uhr eingesperrt und durften diese nur für einen halbstündigen Spaziergang pro Tag unter Aufsicht verlassen. Tagsüber musste eine Hälfte des Lagers Patronen und Radioteile sortieren, die andere Hälfte leistete Arbeitsdienst in der Umgebung. Zusätzlich war die 1934 installierte Disziplinar- und Strafordnung in Kraft, die vorsah, dass wer im Lager zum Zwecke der Aufwiegelung politisierte, aufreizende Reden hielte, sich mit anderen zu diesem Zwecke zusammenfände, Cliquen bildete oder herumtriebe, als Aufwiegler gehängt würde. Die Ernährung war unzureichend, denn es wird berichtet, dass manche Gefangene im Durchschnitt jeden Monat bis zu 4 Kilo Körpergewicht verloren hätten.

Nach der ersten rituellen Versammlung mit Aufnahme des neuen Bruders Fernand Erauw wurden weitere Arbeiten thematisch vorbereitet und abgehalten. Eine Arbeit war dem Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten gewidmet, eine andere der Zukunft Belgiens, und eine weitere der Stellung der Frau in der Freimaurerei. Heute im Nachhinein lässt sich nicht sagen, wie viele Arbeiten tatsächlich noch stattgefunden haben. Die Loge stellte zu Beginn des Jahres 1944 ihre maurerische Arbeit ein, weil die meisten Brüder, wie berichtet, in andere Lager weiter überstellt wurden. Die Loge Liberté Chérie bestand damit nur etwas mehr als drei Monate. Von ihren Mitgliedern überlebten nur Luc Somerhausen und Fernand Erauw die Haft. Beide begegneten einander 1944 im KZ Oranienburg-Sachsenhausen wieder und galten von da an als unzertrennlich. Sie standen selbst die von Heinrich Himmler im Frühjahr 1945 veranlassten Todesmärsche durch. Fernand Erauw, 1,84m groß und vor der Haft mit der Statur eines Athleten ausgestattet, wog am 21. Mai 1945 im Saint-Pierre-Krankenhaus in Brüssel gerade noch 32 kg.

Im August 1945 sandte Luc Somerhausen dem Großmeister des Großorients Belgiens einen ausführlichen Bericht, in dem er die Geschichte der Loge Liberté Chérie nachzeichnete. Dieser Bericht, für den Somerhausen eine Empfangsbestätigung zuging, gilt heute als verschollen. Der Großorient von Belgien führt die Loge Liberté Chérie jedoch bis heute in der Liste seiner Logen unter der Nummer 29bis – Liberté Chérie, Esterwegen, gegründet 1943. Damit ist die Loge Liberté Chérie gerecht und vollkommen.

Luc Somerhausen verstarb 1982 mit 79 Jahren. Der letzte lebende Zeuge Fernand Erauw starb 83-jährig im Jahr 1997.

2004 wurde in der Gedenkstätte der Emslandlager ein Denkmal für die Loge Liberté Chérie in Anwesenheit von sieben Großmeistern und Großvertretern sowie von Hunderten von Freimaurer-Schwestern und Brüdern am 13. November 2004 in einer maurerischen Gedenkfeier enthüllt,. Es zeigt einen grob behauenen, kubischen, halb mannshohen Granitstein umgeben von einem aufgebogenem Baustahlgitter, das Stacheldraht symbolisiert. Der Stein steht auf einem musivischen Pflaster.

Die Loge Liberté Chérie galt lange als die einzige Freimaurerloge in einem NS-Straflager. Dies scheint aber heute so nicht mehr haltbar. etwa zur selben Zeit wurde die Loge „L´Obstinée“ im deutschen Kriegsgefangenenlager Oflag[3] XD in Fischbeck (Hamburg) durch den Anwalt und Freimaurer Jean Rey aus Lüttich gegründet. Dieser bekleidete in Folge mehrfach Ministerposten in der belgischen Regierung und war von 1967 bis 1970 Präsident der Europäischen Kommission, der sogenannten Rey-Kommission. Von einer weiteren Loge Les Frères Captifs d‘Allach[4] ist außer dem Namen und dem Hinweis, sie hätte sich in einem Gefangenenlager befunden, so gut wie nichts überliefert.

Zum Schluss noch einige persönliche Gedanken.

Diese Brr... haben, so wie wir auch, bei ihrer Aufnahme gelobt, den Gesetzen des Landes treu und gehorsam zu sein. Formal haben sie ihren Eid mehrfach gebrochen. Ich unterstelle, dass sie sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben. So wie ich ihre Kurzbiografien lese, waren sie keine Heißsporne und haben vermutlich gerade deswegen nach sorgfältigem Nachdenken und aus tiefer, innerer Überzeugung gehandelt. Möglicherweise haben sie auch nicht immer gewaltfrei Widerstand geleistet.

Wie sehr sich diese Brüder Regeln verbunden fühlen, ist auch daran gut zu erkennen, dass sie bei der Gründung ihrer L die Regeln zur Logengründung, die Konstitution des Grand Orient de Belgique, einhalten. Die Lichteinbringung findet erst statt, als sie 7 Meister sind, und sie nützen das Detailwissen von Luc Somerhausen als Deputierten Großsekretär.

Meine Fragen sind:

  • Wie soll ich mich als Freimaurer verhalten, wenn plötzlich menschenverachtende Gesetze Gültigkeit erlangen, nachdem sich diese für einen aufmerksamen Beobachter heimlich, still und leise angekündigt haben?
  • Gibt es so etwas wie eine Grenze der Toleranz und wo liegt diese?
  • Wie lange gilt das Gelöbnis des Freimaurers, den Gesetzen des Landes, in dem man lebt, treu und gehorsam zu sein?
  • Wann beginnt der Widerstand, wann muss Widerstand beginnen?
  • Was ist höher einzuschätzen, das freimaurerische Gelöbnis oder die Gesetzesbefolgung?
  • Was sind die Konsequenzen daraus?
  • Verlasse ich das Land oder gehe in den Untergrund und kämpfe für eine bessere Entwicklung?

Die Antwort auf diese Fragen scheint mir schwer. Ich halte es nicht für zulässig, einen Eid wie unseren, nach Belieben umzuinterpretieren. Allzu leicht könnte das als Rosinenpicken interpretiert werden. Aber, wir haben uns bei unserer Aufnahme gleichzeitig auch auf die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte verpflichtet, welche es allerdings Anfang der 40-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in dieser Form noch nicht gab. Die Deklaration der Menschenrechte sollte über den Landesgesetzen stehen, bzw. die Landesgesetze nicht den Menschenrechten widersprechen…

Was ich mich auch frage, ist, was bewegt Menschen, Brüder, in dieser menschenfeindlichen Umgebung, so etwas „Nutzloses“ zu tun, wie eine Loge zu gründen? Zu überleben, nicht zu verhungern war wichtig. Wäre es da nicht klüger gewesen, still zu halten, auf Tauchstation zu gehen, nicht aufzufallen. Die rituellen Arbeiten waren ein Risiko; wenn sie erwischt worden wären, hätte das wahrscheinlich den Tod bedeutet.

Eine Bauhütte zu gründen, bedeutet, einen virtuellen Raum zu schaffen, in welchem sie eine Gegenwelt der Ordnung zur sie umgebenden Welt des Chaos bauen. Im Ritual finden diese Brüder den nötigen Rückhalt, um ihre Identität und Werte als Menschen zu bewahren, die von ihren Peinigern systematisch zerstört und eliminiert werden sollen. In einer Atmosphäre der Ohnmacht generieren sie in einem schöpferischen Akt ein Umfeld, welches sie das Bewusstsein, wer und was sie eigentlich waren, und wofür sie einstanden, aufrechterhalten ließ. Im Angesicht des Todes setzen sie dabei ein Zeichen ihrer individuellen Souveränität. In einer Zeit der finstersten Dunkelheit wird das Licht durch ihre eigene schöpferische Kraft entzündet. Sie werden selbst zur leuchtenden Flamme. Die Gründung dieser Loge wurde erst im Nachhinein durch die Großloge sanktioniert, die Lichteinbringung erfolgte durch die Brüder selbst. Dieses Licht geben sie sofort an einen neu Aufgenommenen weiter.

Es mögen einfache Rituale gewesen sein, die diese Brüder vollzogen, denn sie mussten auf die Requisiten für die übliche Symbolik verzichten. Sie hatten nichts außer einem Tisch als Tapis, vergleichbar mit dem „to draw a lodge“ der frühen Freimaurerei, und drei Kerzen als Lichter. Aber sie erinnern uns auf ihre schlichte Weise, dass das eigentliche Symbol, welches einen Tempel ausmacht, eben wir Menschen sind.

Quellen

  • Bridoux Franz, Liberté Chérie, In Nacht und Nebel, Gründung einer Freimaurerloge im KZ Esterwegen, Salier Verlag, 1. Auflage 2015
  • R.W., Liberté Cherie (sic), BS 2010, aufgelegt in der DL Telos, April 2021
285, 59, 209, 1, 1, 476

[1] Liberté, liberté chérie, combats avec tes défenseurs!

[2] Mais un jour dans notre vie le printemps refleurirs, liberté, liberté chérie, je dirai tu es à moi

[3] Oflag, Offizierslager, waren Deutsche Kriegsgefangenenlager, in denen ausschließlich Offiziere festgehalten wurden.

[4] Allach, Stadtteil von München