Instruktion zum Grad des Gesellen

Der Mensch wird am Du zum Ich. Dieses Zitat von Martin Buber beschreibt den Inhalt des Gesellengrads in einem Satz. Die Gemeinschaft der Brr... spielt dabei die entscheidende Rolle. In der brüderlichen Gemeinschaft, im Vertrauen auf die wechselseitige Bruderliebe kann erlangte Erfahrung und erworbenes Wissen um die Tugenden in die Tat umgesetzt werden. Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung sind dabei die Übungsfelder, die zu Toleranz und Solidarität führen sollen.

Die Aufgabe der Selbstfindung gelingt durch gegenseitige Hilfe innerhalb der Logengemeinschaft am besten. Toleranz und Humanität werden zwar im großen Kreis gelehrt, im kleinen Kreis aber besser erlernt und geübt. Die Loge soll Ausdruck des Verbundenseins, einer Weggemeinschaft und im weiteren Sinn einer Gesinnungs- und Wertegemeinschaft sein. Im geschützten Innenraum der Loge versuchen Brr... FM so zu leben, wie nach ihrer Überzeugung die ganze Menschheit leben sollte.

Je authentischer und empathischer in der L kommuniziert und reflektiert wird, je größer das Verlangen des einzelnen Br... ist, die freimaurerischen Tugenden bei sich anzuwenden, umso mehr profitiert die L als Ganzes. Äußerlich gesehen ist die Logengemeinschaft eine eher lose Gemeinschaft, denn sie greift nicht in das Privatleben des einzelnen Br... ein und schon gar nicht in dessen Überzeugungen. Brr... FM leben in keinem elfenbeinernen Turm wie einem Kloster, sondern leben ganz normal im üblichen gesellschaftlichen Leben. Dennoch ist es der Auftrag an jeden Br... seine maurerische Haltung im Alltag zu beweisen. Tatsächlich geht es um den Weg, um das Bemühen und um die Übung, um Selbstreflexion und die Reflexion in der Gemeinschaft, um das eigene Handeln wieder an den Zielen auszurichten. In der L werden die freimaurerischen Tugenden erlernt und geübt, mit dem Ziel, diese anschließend selbstverantwortlich im eigenen Umfeld, in der sogenannte profanen Welt umzusetzen.

Selbsterkenntnis ist nur durch Reflexion möglich. Dabei gilt in der Loge ganz besonders, dass der Br..., der die größte Herausforderung darstellt, gleichzeitig der größte Lehrmeister ist. Das Gegenüber zeigt die eigenen Baustellen auf, die es zu bearbeiten gilt. Der Br... erzieht sich selbst. Es ist die Auseinandersetzung mit den anderen Brr..., die ihm den Spiegel vorhält.

Dennoch sind Freimaurer keine besseren Menschen. Auch wenn es sich in der Theorie schön anhört, die Praxis sieht oft genug leider anders aus.

Jeder lernt vom und am anderen, ganz gleich, ob er Lehrling Geselle oder Meister ist. Jede Meinung ist wichtig und sollte gleichermaßen geschätzt werden. Wahrscheinlich ist es daher richtiger, die Grade mehr als Erkenntnisstufen zu verstehen als als vermeintliche Rangordnung. Im Gegensatz zu profaner Ausbildung bestehen die Lehren des Gesellengrades nicht aus angehäuftem Wissen sondern aus Übung und Vertiefung von bereits Gelerntem und der Anwendung von neuem Wissen.[1] Die initiatorische Unterweisung des Rituals fördert das Verständnis und das Bewusstsein für die höchsten Werte des Wahren, Guten und Schönen.

Der Gesellengrad wird gerne als Zwischengrad wahrgenommen und wird daher oft vernachlässigt oder für eine Formsache gehalten, die es zu erfüllen gilt, um zum M erhoben zu werden. Er erscheint eingeklemmt zwischen der Lehrlingszeit, dem notwendigen Anfang, und der Meisterschaft, dem Abschluss der Einweihung in den Bund der Brr... FM. Dennoch wirkt er als unverzichtbare Klammer zwischen dem L und dem M, denn mit der Beförderung zum G hat der Br... FM den ersten Schritt zur Meisterschaft getan.[2]

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Bevor ihr als GG freigesprochen werden konntet, musstet ihr weiter lernen. Weiter zu lernen bedeutet, sich von Liebgewonnenem und Vertrautem zu lösen[3]. Im Deutsch der Betriebspsychologen würden wir sagen, ihr müsst auch auf einen Change-Prozess einlassen. Veränderung macht Angst, Veränderung beunruhigt und verunsichert. Warum diese Veränderung dennoch erfolgreich sein kann und warum ihr euch getrost darauf einlassen könnt, verrät uns das Ritual. Es ist die Bruderliebe, die jeden, der sich auf diese Veränderungen einlässt – anders als meist im profanen Leben – auffangen und tragen wird.[4] Nur im Vertrauen auf die Brüderlichkeit ist es möglich, an sich selbst zu arbeiten und ein besserer Mensch zu werden.

Wir müssen die vertraute Stätte auch deshalb verlassen, damit wir uns für das wirklich Unbekannte öffnen können, damit wir frei werden, uns von ihm überraschen zu lassen, wenn es erscheint. Es geht um das Unbekannte in der Wiederholung des Vertrauten, in der vertrauten Wiederholung. Erst dann sind wir in der Lage, das Unbekannte aus dem Bekannten zu entwickeln und uns dem Meister zu nähern.[5] Dabei könnt und müsst Ihr der eigenen Kraft vertrauen,[6] denn Ihr seid keine unwissenden LL mehr, die nur durch die sichere Hand des Br... geführt den Tempel betreten können. Dafür schickte euch der MvSt auf fünf Gesellenwanderungen.

Als GG habt ihr ein Wissen erreicht, das euch selbstbewusst antworten lässt: …ich bin es prüfe mich. Wenn ihr nach dem Wort des Gesellen gefragt werdet, so müsst ihr den Br... 1.A nicht mehr um den ersten Buchstaben fragen, sondern ihr wisst ihn selbst. Wie ihr jedoch später erfahren werdet, kann dieses Wissen trügerisch sein und euch eine Reife, eine Erfahrung und damit einen Anspruch vorgaukeln, dem ihr nicht – noch nicht – gerecht werdet.

Nach alter Tradition[7] ist die Wanderung die Bewährungsprobe des Menschen, eine Notwendigkeit des Menschseins, Mittel für seine Weiterentwicklung, Möglichkeit Prüfungen zu bestehen, andere Aspekte der Welt und sich selbst kennen zu lernen. Wenn die Geduld die Bewährungsprobe des Weisen ist, so ist die Reise der Weg der Erkenntnis.[8]

 

Wandern heißt sich mit dem Fremden auseinander zu setzen und das Fremde vertraut werden zu lassen. Ihr müsst euch neuen Herausforderungen stellen, Abenteuer erleben, neue Erfahrungen machen, Veränderung erleben, um schließlich als veränderte wieder heimzukehren. Eine Reise hilft, aus sich selbst heraus zu treten, neue Horizonte zu entdecken, neue Orte, neue Kulturen. In diesem Sinn ist die initiatorische Reise eine spirituelle Suche, ein Weg zu Erkenntnis und Licht.

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Die Gesellenreisen beginnen scheinbar konventionell,[9] um dann mit einer paradoxen Intervention weiter zu gehen.[10] Während der ersten Wanderung betont der 1.A den Wert der Gemeinschaftsarbeit. Jeder von uns steht in der langen Reihe der Brr..., jeder trägt seinen Teil zu dieser Arbeit bei. Arbeit im maurerischen Sinn bedeutet diejenige Form des Schaffens, wodurch die Welt verändert werden soll, den Bau des Weisheitstempels, des Tempels der Humanität. Der Beitrag zum Bau muss weder neu noch besonders originell sein, wichtig ist allein, dass jeder seinen Teil beiträgt. Dieser Bau kann nur durch den Einsatz der gestalterischen Fähigkeiten des werktätigen Menschen fortschreiten. Ob dieses Vorhaben gelingen wird, bleibt jedoch offen. Der Bau des Weisheitstempels, des Tempels der Humanität, des Tempels der allgemeinen Menschenliebe ist unser Auftrag als Maurer. Leben bedeutet Tätigkeit, Arbeit, Untätigkeit Tod, Arbeit soll weder Last noch Strafe sein.

Wir schlagen auf schon beschlagenes Eisen, das nach uns weiter bearbeitet werden wird. Wir kennen weder den Beginn, noch sehen wir das Ende oder können ahnen, wie die vollendete Arbeit aussehen mag. Das Gesellenritual prophezeit euch, dass ihr das Ende, die Fertigstellung des Großen Werks nicht erleben werdet, dass ihr vor Abschluss des Baus eure Werkzeuge niederlegen müsst und ein anderer eure Stelle einnehmen wird. Damit stellt euch das Ritual in eine endlose Kette von Toten; in diese Kette werdet ihr euch eines Tages ebenfalls einreihen. Damit weist uns der 1.A auf die Endlichkeit des Lebens hin, indem uns das Ritual in eine Kette mit Toten stellt, nämlich all die Brr..., die vor uns und mit uns am rauen Stein gearbeitet haben. Gleichzeitig werden auch wir zu Toten, wenn Brr... nach uns ihre Schläge tun werden.

Ihr sollt ein neues Verständnis von individueller Freiheit erlernen, nämlich freiwillige verantwortungsvolle Vernetzung in einer langen Kette, die sich durch die Zeiten zieht. Handeln heißt teilnehmen an einem Ziel, das größer ist als ich selbst, das ich nie ganz kennen kann, und über das ich nicht verfüge. „Die Kunst ist lang, das Leben kurz.“

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Auf der zweiten Wanderung erfahrt ihr, dass der Lärm von Hammer, Beil und Eisenzeug, das heißt von Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung verklungen sein muss, damit der Weisheitstempel, der mehr als ein Maurertempel ist, gebaut werden kann. Das Bindemittel für den Stein in der Mauer ist die geleistete Arbeit, die Selbstaufgabe um der großen Sache willen. Arbeit am rauen Stein bedeutet individuell zu arbeiten, ist eine Tätigkeit, die jeder Br... für sich verrichten muss. Die individuelle Arbeit jedes einzelnen Br... dient der Überwindung der Individualität und der Einfügung in die allgemeine Menschenliebe. Diese zweite Wanderung legt uns den endgültigen Abschied von unseren Ecken und Kanten, unserer egoistischen Individualität – eben dem rauen Stein – auf, um uns zum glatten Stein, dem besseren Menschen, der die Bruderliebe wahrhaft leben kann, werden zu lassen.

 

Die zweite Wanderung stellt eine weitere Forderung, es solle kein Streit und kein Zank herrschen. Wie geht das mit der dritten Wanderung, dem Schwert und der Aufforderung für das große Werk zu kämpfen zusammen? Es wäre einfach, die widersprüchliche Verbindung dieses Auftrags mit dem Auftrag der zweiten Wanderung, ohne Streit und Zank zu arbeiten, etwa so zu verstehen: innen Friede und Eintracht, nach außen Schutz durch das Schwert.

 

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Friedlich arbeiten wir Freimaurer in unserem Bund an unserem großen Ziel, sind in brüderlicher Liebe miteinander verbunden, teilen dieselben Ideale. Das stärkt uns, um im profanen Leben gegen Unverständnis und Feindseligkeit mit der Waffe des Geistes aufzutreten, Zivilcourage zu zeigen und den Menschen, die sich ihrer Menschlichkeit nicht ganz so bewusst sind wie wir, wenn nötig, mit harter Hand den rechten Weg zu weisen.

 

Aber ist das wirklich gemeint? Vergessen wir nicht, wir bauen den Tempel der allgemeinen Menschenliebe, und der soll ja mehr als ein Maurertempel sein. Und wo ist es einfacher Zivilcourage zu zeigen, dort, wo wir es erwarten im Profanen oder innerhalb unserer eigenen Reihen mit uns selbst als unseren schlimmsten Feinden. Im Grunde wird hier auch die Frage nach unserer maurerischen Konfliktkultur, unserer innermaurerischen Toleranz gestellt. Das Ziel ist nicht die laue Hinnahme von Differenzen unter den Brr..., die im Rahmen der brüderlichen Liebe ohnehin keine Relevanz mehr haben sollten. Dieses Leugnen der Differenzen führt nur dazu, dass sie im Untergrund weiter glosen, um dann plötzlich umso heftiger wieder aufzubrechen.

 

Der Lehrbrief unseres Br... Goethe gibt uns Hinweise, wann das Schwert in den eigenen Reihen gefragt ist. Dann, wenn wir den Gipfel im Auge in der Ebene wandeln, uns die Höhe reizt und nicht die Stufen, wenn beharrliche Mittelmäßigkeit die Besten ängstigt, wenn wir die Kunst nur halb kennen und viel reden, wenn dieses Geschwätz den Schüler zurückhält, wenn es unbequem ist nach dem Gedachten zu handeln, dann, meine Brr... Gesellen, braucht es das Schwert in den eigenen Reihen. Es braucht dann das Schwert in den eigenen Reihen, wenn wir es uns in der Biedermeierlichkeit unserer BH mit vielen Feunderln allzu bequem eingerichtet haben, wenn wir uns als Mitglieder einer Elite fühlen, die eigentlich wüsste, wie’s gehen könnte, wenn wir Toleranz und Brüderlichkeit vorschützen weil wir die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Br... scheuen.

 

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Wie sieht also das freimaurerische Schwert aus, das zu führen uns der ZM in der dritten Reise auffordert. Besserwisserei, Belehrung und gute Ratschläge helfen uns nicht weiter, da sind wir erst recht beim Geschwätz und dem Blick auf den Gipfel. Beginnen können wir nur bei uns selbst, und wir brauchen die Hilfe der Brr....

 

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Wie das gehen kann zeigt uns der TH auf der vierten Wanderung. Wenn der TH den LL auf ihrer Wanderschaft den Spiegel vorhält, so sagt er nicht, erkenne dich selbst, sondern: „…ich zeige euch ein Bildnis…“ Ein Bild ist etwas, das sich jemand von einer Sache oder von einem Menschen macht; ein Bild hat nicht immer komplett mit der Realität zu tun, da fließt viel mehr ein, ein Bild ist sehr oft subjektiv.

 

Der Spiegel ist ein seltsames Instrument, denn was er zeigt, zeigt er in einer verschobenen Perspektive. Das Bild im Spiegel kann jederzeit verzerrt sein und auch der Spiegel hat seine blinden Flecken. Es ist die besondere Eigenschaft des Spiegels, dass ich ihn nie betrachten kann, ohne etwas in ihm zu sehen. Und manchmal sehen wir Dinge, die wir eigentlich so nicht sehen wollen. Verzerrt also der Spiegel die Welt oder entzerrt er die Bilder von der Welt? Geht es uns da nicht manchmal wie dem Basilisken, der an der Hässlichkeit seines eigenen Spiegelbilds stirbt?

 

Der Spiegel, wie ihn uns der Br...TH vorhält, zwingt uns nicht nur zur Begegnung mit uns selbst, sondern er wird manchmal auch zum Instrument der Zerstörung. Der Spiegel weist auf die Dramatik und Gefahr der Selbstreflexion hin: man kann an sich selbst zugrunde gehen. Der Spiegel setzt die blinden Flecken der Selbstwahrnehmung ins grelle Licht. Was immer wir im Spiegel sehen, ist unser eigenes Bild, das oft genug unser Entsetzen auslöst. Den Spiegel einem anderen Menschen, einem Bruder, vorzuhalten, ist eine Form von Drohung.

 

Mit Hilfe des Spiegels, decke ich hässliche Seiten an mir auf, die ich mir selbst verboten habe zu kennen.[11]. Dieses verbotene Wissen freizulegen und zu integrieren ist ein weiterer Schritt zur Selbstveredelung.

 

Ihr sollt Euch im Spiegel, den ein anderer hält, und ihr sollt Euch im anderen, der Euch den Spiegel vorhält, als Euch selbst erkennen. Ihr sollt Euch fragen, ob dies das Bild eines wahren und treuen Bruders ist. Jeder soll sich im Spiegel des Bruders erkennen, und jeder soll Spiegel sein für den Bruder, in dem dieser sich erkennen kann.

 

Wie können wir Spiegel sein für den Bruder? Wie können wir zur gleichen Zeit uns im Spiegel des Bruders selbst erkennen? Und wie können wir wahrnehmen, dass beides letztlich dasselbe ist? Das sind die Fragen nach jener einzigartigen Verbindung zwischen uns, die wir als brüderliche Liebe bezeichnen, unser Bild und Vorbild für die allgemeine Menschenliebe.

 

Die andere Frage ist, wie kann ich ganz im anderen bei mir sein, im Spiegel mich als anderer, der ich selbst bin, erkennen und lieben? Das ist nur möglich, wenn ich mich ganz und bedingungslos selbst akzeptiere, mit meinen guten Seiten und vor allem mit meinen Fehlern. Nur dann stelle ich sie nicht dort ins Bild, wo ich selbst Spiegel bin für den Bruder. Aber das geht wiederum nur, wenn der Bruder als Spiegel mich ebenso bedingungslos akzeptiert, wie er sich selbst akzeptiert. Ich kann mich nur lieben, wenn ich geliebt werde. Ich kann nur von jemandem geliebt werden, der sich selbst lieben kann, der es deshalb kann, weil er von mir geliebt wird. Dieser Zirkel ist das innerste Geheimnis der FM. Er ist unauflösbar, er kann nur geschlossen bleiben, wenn er in Bewegung ist. Bewegung heißt wiederholte Selbstüberprüfung und Selbstannahme als Bedingung und als Folge brüderlicher Liebe, als brüderliche Liebe. Die fm Art, das scharfe Schwert des Geistes zu führen, ist die reine bedingungslose Selbstliebe im Spiegel der brüderliche Liebe, ist die reine bedingungslose brüderliche Liebe im Spiegel der Selbstliebe.

 

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Die fünfte Wanderung beginnt mit einer paradoxen Intervention. „…noch blickt ihr in das nächtliche Dunkel, aus dem ihr gekommen seid…“ Wo ist da nächtliches Dunkel? – als LL habt ihr doch das Licht erhalten, ihr glaubt in der KK fortgeschritten zu sein und nach jeder Wanderung hat euch der MvSt bestätigt: „…so sind sie in der KK abermals fortgeschritten…“, wo also ist da bitte nächtliches Dunkel? Der Osten ist vom Flammenden Stern erleuchtet, der so hell leuchtet, dass alle bisherige Erkenntnis dagegen dunkel erscheint. Wir erfahren, dass ab nun alles in seinem Licht stehen und er die ewige Flamme sein soll, die in unserer Brust vor dem Altar der Menschlichkeit brennt. Wir stehen in einem Licht, das wir nicht kennen. Als ewige Flamme leuchtet es weit über unser Leben hinaus, ist vielleicht die Ewigkeit unseres Lebens, wo nicht mehr wir leuchten, sondern der Stern. Die fünfte Wanderung findet in der Beförderung noch nicht ihr Ende. Während eurer Gesellenzeit setzt ihr sie symbolisch fort. Ihr versucht euch dem leuchtenden Osten anzunähern, wie es euch der Lehrbrief unseres Br... Goethe verheißt. Das endgültige Ziel der fünften Wanderung werdet ihr jedoch erst bei eurer Erhebung zum M erfahren.

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Im Gesellengrad ist der Osten vom Flammenden Stern erleuchtet. Der Flammende Stern symbolisiert den erneuerten, den perfekten Menschen. Er ist das Bild des ewigen Lichts und der Wahrheit. Sein Licht soll die Brr... Freimaurer Gesellen auf den Wegen ihres Lebens leiten.[12] Wir sehen in ihm [dem Flammenden Stern] nicht allein das Bild der Brüder- und der Menschenliebe, sondern vorzüglich das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens, des Wahrheit suchenden und erkennenden Geistes. Das ist der Stern, der auch im Dunkeln leuchtet, mit dessen Hilfe der Mensch sich zurechtfinden kann.[13]

 

Der Flammende Stern ist das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens und des die Wahrheit suchenden Geistes. Er verkörpert die Fähigkeit zur Erkenntnis, zur Unterscheidung von Gut und Böse und kann daher auch im Dunkeln, d.h. wenn keine Orientierung an äußeren, objektiven Maßstäben möglich ist, leuchten. Der Mensch ist von sich aus, von innen heraus, erkenntnisfähig, lautet die Botschaft. Wir besitzen ein selbstreflexives Bewusstsein und können somit unser Handeln überdenken, in Frage stellen und verändern. Wir sind uns unserer selbst bewusst.

 

Das Pentagramm ist das Zeichen des Mikrokosmos, das Zeichen des Menschen und der Menschenliebe, welche den Mittelpunkt des Mikrokosmos (des geistigen Universums) bildet. Es symbolisiert die Beherrschung der vier Elemente durch den Geist. Mit diesem Zeichen nützt der Geselle die Kräfte der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde. Damit ist das Pentagramm, der Flammende Stern, ein Zeichen der Allmacht und der Selbstbeherrschung. Das Pentagramm vollkommen zu verstehen, heißt den Schlüssel zu den zwei Welten zu besitzen. Alle Mysterien der Magie, alle Symbole der Gnostik, alle Diagramme des Okkultismus, alle kabbalistischen Schlüssel der Prophezeiung sind in dem Zeichen des Pentagramms zusammengefasst, von dem Paracelsus verkündet, dass es von allen das größte und mächtigste sei.[14]

Je nach der Ausrichtung seiner Strahlen ist das Pentagramm in der Magie Symbol für das Gute genauso wie für das Böse, Zeichen für Ordnung wie für Unordnung; es steht für Einweihung wie für Gotteslästerung, ist Luzifer oder Morgen- bzw. Abendstern, Maria oder Lilith. Im Pentagramm ist der menschliche Körper symbolisch dargestellt, ähnlich wie in den Proportionen von Vitruv und Leonardo da Vinci. Die Umkehrung des fünfzackigen Sterns mit der Spitze nach unten und zwei Strahlen nach oben stellt einen Dämon, Unordnung, Umsturz oder Wahnsinn dar.

Die Freimaurer umgeben das Pentagramm mit fünf Flammenbündeln, mit jeweils fünf züngelnden Flammenfingern. Diese fünf steht für die Quinta Essentia, die fünfte Essenz der Alchimisten, die über die gegebene Realität der vier Elemente, über die Dimensionen von Zeit und Raum, hinausgehende Kraft, die fähig ist, den darin verborgenen Sinn zu offenbaren. Das Pentagramm ist dafür das Zeichen und die fünf ist die Zahl des Menschen. Der Kabbalist betreibt numerologische Kosmogenese, versucht also aus der Symbolik der Zahlen, die Entstehung des Universums und seine Gesetzmäßigkeiten herzuleiten. Seine Formel des Menschen lautet: 2 (göttlicher Wille) + 3 (Materie) = 5. Der Mensch mit seinen fünf Sinnen und den fünf Fingern steht ihm hierbei für die Quintessenz der Schöpfung, als Mittler zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Deshalb hat auch der Magier Agrippa von Nettesheim 1565 den Menschen in das Pentagramm eingeschrieben, in vier Strahlen die Gliedmaßen, der fünfte umschließt den Kopf. Umgeben ist der Stern von astrologischen Planetensymbolen.

Alchemistisch interpretiert symbolisiert das Pentagramm die Quinta Essentia. Der Buchstabe G stellt dann das alchemistische Zeichen für Sal dar, bei dem allerdings der umschließende Kreis nicht gänzlich geschlossen ist. Damit weist der Flammende Stern über den Gesellengrad hinaus und zeigt nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg, den der Geselle gehen muss, um die wahre Meisterschaft zu erreichen. Er weist auf die wahre Feuerprobe hin. Das Feuer muss ausgearbeitet – oder richtiger ausgesandt -, zum Wirken gebracht werden. Das Feld der Tätigkeit des Gesellen bemisst sich gleichsam nach der Ausdehnung oder Tragweite seiner Strahlung. Dabei tritt der Geselle mit der Welt in eine Beziehung von solch erhöhter Wirksamkeit, dass das intellektuelle Erfassen davon eine neue Erleuchtung erfährt und eine Verbindung des zuerst bloß individuellen Willens mit dem der Kollektivität anbahnt, den Schritt vom Lehrling zum Gesellen.

Der Buchstabe G ist der fünfte Buchstabe im Alphabet; oft wird er als Hinweis auf die Geometrie interpretiert die fünfte der sieben freien Wissenschaften der Scholastik.

Mit Geometrie ist die nach ewigen Grundgesetzen zu befolgende sittliche Ordnung einer geistigen Welt gemeint[15]. Die Kenntnis der Geometrie hilft dem Br… FM das rechte Maß und Verhältnis aller Dinge zu finden. Der ganze Himmel ist Harmonie und Zahl, lehrte schon Pythagoras an seiner Mysterienschule in Krotona und wies seine Schüler an, die Gesetze der Musik und das Wesen der Zahlen zu erforschen, nach der Harmonie zu suchen, welche Himmel und Erde, Sterne und Seele im Wohlklang vereint.

In den Anderson‘schen Konstitutionen heißt es: Adam, unser Urvater, der nach dem Bilde Gottes, des Großen Baumeisters des Universums, geschaffen wurde, muss die Freien Künste, vor allem Geometrie, in seinem Herzen eingeschrieben haben.[16] Als FM stehen wir in Tradition der großen Denker und Geometer, beginnend mit Thales von Milet, über Pythagoras zu Euklid, weiter zu Vitruv und schließlich zu den Kathedralenbauern der Gotik[17].

Für uns FM ist der flammende Stern zunächst einmal und vor allem das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens und des die Wahrheit suchenden Geistes. Er verkörpert also die Fähigkeit zur Erkenntnis, zur Unterscheidung von Gut und Böse und kann daher auch im Dunkeln, d.h. wenn keine Orientierung an äußeren, objektiven Maßstäben möglich ist, leuchten. Der Mensch ist von sich aus, von innen heraus, erkenntnisfähig, lautet die Botschaft. Wir besitzen ein selbstreflexives Bewusstsein und können somit unser Handeln überdenken, in Frage stellen und verändern. Wir sind uns unserer selbst bewusst.

Das Licht des Flammenden Sterns weist über den Gesellengrad hinaus. Es weist uns an, die Geheimnisse der Freimaurerei und des Lebens zu ergründen. Unablässig – so sagt unser Ritual – sollt Ihr Euch bemühen, weitere Fortschritte in der KK zu machen, als GG – und wir alle sind in unserem Maurerleben GG – sollen wir nach Licht und Wahrheit streben. Deshalb senkt der MvSt bei jeder Gesellenarbeit aufs Neue das Licht des Flammenden Sterns in unsere Herzen, damit es uns ein Leuchtfeuer im Leben, eine Quelle innerer Wärme sein kann. Für uns GG reicht es nicht aus den Flammenden Stern gesehen zu haben, folgen wir seinem Licht. Es zeigt uns den Weg als ewige Flamme für Menschlichkeit und Brüderlichkeit.

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Meine lieben Brr... GG! Geht nun eigenverantwortlich an eure Arbeit. Die Werkzeuge haben wir Brr... MM euch im Rahmen eurer Beförderung übergeben. Aus euch GG zu machen, vermögt nur ihr selbst, denn das schönste Ritual macht allein keine Veränderung. Geht euren Weg, bewährt euch als Menschen und Brr... FM, achtet auf euch selbst und folgt dem Licht des Flammenden Sterns, dann nähert ihr euch auch dem Meister.

[1] …sie wollen gelerntes verwerten und neues Wissen mit auf den Weg nehmen…, …hier wartet Arbeit, klopfen wir an… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[2] …und nähert sich dem Meister… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[3]wir nehmen Abschied von vertrauter Stätte… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[4] …denn, wohin immer wir kommen, überall wird uns die Bruderhand grüßen… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[5] Ritual der Beförderung, GLvÖ

[6] Ebd.

[7] Cf.: z.B. Odysseus und Parzifal

[8] Le voyage est l’épreuve de l’homme, c’est à la fois une nécessité de sa condition, le moyen de sa émancipation, l’occasion de faire ses preuves, de découvrir d’autres aspects du monde et de soi-même. Si la patience est l’épreuve du sage, le voyage est la voie de la connaissance. Ligou D., Dictionnaire de la Franc-Maçonnerie

[9] …hier wartet Arbeit, klopfen wir an… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[10] …ich aber sage euch…, ich aber gebe euch dieses mit… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[11]Sie haben sich selbst gesehen und erkennen nun an sich, was sie an anderen tadeln…, (Rituale GLvÖ)

[12] …das Feuer des Flammenden Sterns. Sei es Euch allen ein Leuchtfeuer im Leben, eine Quelle innerer Wärme. Sei es die ewige Flamme… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[13] Ritual der Großloge zur Sonne

[14] Eliphas Lévi, transzedentale Magie

[15] Reuss Theodor, Unterweisung im Gesellengrad, Instruktion 1927

[16] Zitiert nach: Troxler Eduard; wer die Geometrie nicht beherrscht, möge hier nicht eintreten; Schweizer Freimaurerrundschau: August/September 2003

[17] Troxler Eduard; wer die Geometrie nicht beherrscht, möge hier nicht eintreten; Schweizer Freimaurerrundschau: August/September 2003

Moral ohne Gott

In meiner Zeichnung beziehe ich mich auf folgende Definitionen.

  • Unter Moral verstehe ich alle Werte, Normen und Prinzipien, die menschliches Handeln unter dem Gesichtspunkt von „gut“ und „böse“, bzw. „verantwortbar“ und „unverantwortlich“ auszeichnen und regeln.
  • Unter Ethik verstehe ich die Theorie und Begrün­dung der Moral.
  • Unter Religion verstehe ich die lebensprägende Aner­kennung und Verehrung einer letzten, absoluten Wirklichkeit, wie dies etwa in den drei großen monotheistischen Religionen durch den Gottesbezug zum Ausdruck gebracht wird.

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewskij schreibt in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ aus dem Jahre 1880: Wenn man den Glauben der Menschheit an die eigene Unsterblichkeit vernichtete, würde in ihr sofort nicht nur die Liebe versiegen, sondern auch jede lebendige Kraft, das irdische Leben fortzusetzen. Nicht genug damit: Dann würde es nichts Unsittliches mehr geben, alles wäre erlaubt, sogar die Menschenfresserei […]: denn, wenn es keinen Gott gibt, wie könnte es dann ein Verbrechen geben? […] Aber was soll dann der Mensch beginnen? Ohne Gott und ohne Leben nach dem Tode? Jetzt ist wohl alles erlaubt, und man darf alles tun?[1] Der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre hat im 20. Jahrhundert diese so scheinbar beunruhigende Vermutung auf die vielzitierte Formel gebracht: Wenn Gott nicht existierte, so wäre alles erlaubt.[2] Die Grundidee ist hier, dass die Objektivität der Moral durch die Existenz Gottes und seines normsetzenden Willens garantiert werde. Gott sei der Grund und Ursprung moralischer Werte und Normen. Ohne Gott und seine Autorität wäre der moralische Nihilismus die letzte Wahrheit.

Dass alles erlaubt ist, wenn es Gott nicht gibt – dieses Gespenst geistert nicht nur durch die Köpfe vergangener Jahrhunderte. Es geht auch in der Gegenwart um. So schrieb etwa Papst Johannes Paul II: Wenn der Mensch allein, ohne Gott, entscheiden kann, was gut und was böse ist, kann er auch verfügen, dass eine Gruppe von Menschen zu vernichten ist. Derartige Entscheidungen wurden zum Beispiel im Dritten Reich gefällt. […] Vergleichbare Entscheidungen wurden in der Sowjetunion getroffen. […] So zu leben, als ob Gott nicht existierte, bedeutet, außerhalb der Koordinaten von Gut und Böse zu leben.[3] Ähnliches sagt Papst Benedikt XVI., von der ethischen Kraft traditioneller Weltbilder überzeugt. Wie die Geschichte beweise, laufe die Vernunft aus dem Ruder, sobald sie sich von Gott lossage. Für Benedikt XVI. reichen Wissenschaft und Vernunft nicht aus, um eine tragende Moral zu entwickeln.

Religiöse Überzeugungen können in negativer oder in positiver Weise mo­tivieren. Die negative Motivation könnte zum Beispiel darin bestehen, un­moralisches Verhalten zu unterlassen, weil man Angst vor einer göttlichen Strafe in diesem Leben oder nach dem Tod hat. Auch wenn weltliche Sank­tionsmechanismen versagen, das letzte Gericht bringt alles ans Licht. Eine positive Motivation wäre etwa, dass man moralisch handelt und persönliche Nachteile in Kauf nimmt, weil man Gott gefallen möchte oder sich dadurch eine göttliche Belohnung erwartet, zum Beispiel die ewige Glückseligkeit im Himmel. In diesem Zusammenhang bezeichnet Hans Albert[4] Religionen als Heilstechnologien. Diese ver­mitteln Informationen über diejenigen Mittel, die zu gebrauchen sind, um das religiöse Ziel, nämlich das Heil, zu erlangen.[5] In vielen Religionen scheint eine moralische Lebensführung ein wichtiges Mittel zu sein, um das Heilsziel zu erlangen.

Der französische Philosoph, André Comte-Sponville argumentiert gegen solche Überlegungen so: Der Gläubige, der die Moral nur respektiert, weil er auf das Paradies hofft oder die Hölle fürchtet, ist nicht tugendhaft. Er ist lediglich egoistisch und vorsichtig. […] Selbst, wenn es Gott nicht gäbe, selbst, wenn nach dem Tod nichts wäre, würde dich das nicht davon entbinden, deine Pflicht zu tun, das heißt, menschlich zu handeln.[6]

Derzeit erlebt das Berufen auf die jüdisch-christlichen Wurzeln der sogenannten europäischen Werte eine Renaissance. Es sei doch zweifelhaft, so wird argumentiert, ob Moral und Ethik ihre Grund­lagen aus eigenen Ressourcen schaffen könnten. Religiöse Überlieferungen seien für die Begründung moralischer Normen unverzichtbar, die einer nichtreligiösen oder nachmetaphysischen Recht­fertigung unzugänglich blieben. Ethik habe die Religion als tragende Macht zur Absicherung ihrer Geltungsansprüche nötig. Aber befinden sich Moral und Ethik tatsächlich in einem Begründungsnotstand, der sich nur durch Religion beheben lässt? Oder genügt bereits das Vertrauen in die eigene Kraft der Ethik, um Werte und Normen zu begründen und uns zu deren Einhaltung motivieren zu können?

Gerne werden die Ziele und Werte der europäischen Aufklärung auf jüdisch-christliche Ideen zurückgeführt, doch die moralische Forderung, auch Goldene Regel genannt, dass man anderen Menschen nichts antun dürfe, was man selbst nicht erleiden möchte, gibt es in praktisch allen Religionen, im Zarathustrismus, im Konfuzianismus, im Hinduismus, im Buddhismus und im Islam.

Die Vorstellung, dass unsere moralischen Grundwerte aus einer religiösen Tradition entspringen, in Europa aus einer christlichen Tradition, erscheint mir jedoch überaus problematisch. Denn dieser These folgend, müssten diese moralischen Grundwerte schwächer werden, in dem Maß als die Zahl der ernsthaft religiösen Menschen in Westeuropa insgesamt weniger wird. Aber ethische Werte sind nicht ihrer Herkunft verpflichtet. Eines ist ihr Ursprung, ein anderes ist ihre Geltung.

Zu denken gibt auch die Tatsache, dass viele christlich getaufte Menschen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart von politischen Führungen dazu missbraucht werden konnten, Grausamkeiten zu begehen, die einem christlichen Ethos fundamental widersprechen. Erst recht müssen die im Namen der Religionen begangenen Verbrechen erschüttern. Wie viele religiöse Eiferer in der Vergangenheit und fanatische Terroristen in der Gegenwart berufen sich auf den Auftrag Gottes, um anderen Menschen Leid zuzufügen. Beispiele dafür gibt es genug in der Geschichte. Da bin ich versucht Dostojewskijs Formel, wenn es Gott nicht gibt, umzukehren in die Formulierung, gerade wenn es Gott gibt, scheint alles erlaubt zu sein. In diesem Zusammenhang bezeichnet Arthur Schopenhauer Priester als Vermittler des Handels mit bestechlichen Göttern.[7]

Die Bedeutung von Religion als Quelle moralischer Orientierung nimmt in Westeuropa stetig ab. Gleichzeitig verstehen sich die Demokratien Europas als säkulare Staaten und Gesellschaften, in denen Religion eine Sache der Privatsphäre ist. Religion kann in einer säkularen Welt nicht zur Leitinstanz von Staat, Politik und Recht werden. Das ist nur in theokratischen Gesellschaften, den sogenannten Gottesstaaten möglich, in denen es eine Staatsreligion gibt. In einer säkularen Gesellschaft verbürgt der Staat lediglich, dass jeder glauben kann, was er möchte, was aber umgekehrt bedeutet, an gar nichts zu glauben.

Es mag sein, dass die Traditionen einer Religion die Grundwerte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit unterstützen. In einer multikulturellen Gesellschaft lassen sich jedoch Werte wie Freiheit und Gleichheit und somit auch Toleranz und Solidarität nicht mehr für alle Bürger auf verbindliche Weise religiös begründen. Religion ist Privatangelegenheit und niemand darf zu einem religiösen Bekenntnis gezwungen werden. In einer offenen Gesellschaft muss die Achtung vor dem göttlichen Willen der Einhaltung bürgerlicher Tugenden und der Verteidigung ethischer Werte untergeordnet bleiben. Auch wenn die Religionsfreiheit einer offenen Gesellschaft ihre Haltung erst ermöglicht, neigen tief religiöse Menschen dazu, die säkulare Welt als einen Irrläufer der Geschichte zu beurteilen. Der Hamburger Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma drückt das so aus: Für einen religiösen Menschen ist eine säkulare Gesellschaft eine Gesellschaft des Irrtums. Diese Ansicht teilt die Geistlichkeit Teherans mit der orthodoxen Geistlichkeit Jerusalems und der Geistlichkeit Roms. Diese säkulare Gesellschaft zu bekämpfen ist ein klares Ziel islamistischer Gruppen überall in der Welt […], und sie weltweit zu bekämpfen war das erklärte Ziel des [vor kurzem] verstorbenen Papstes Johannes Paul II.[8] Bürgertugenden und Werte müssen sich jedoch aus einer weltlichen Moral begründen lassen. Dennoch hat in der Geschichte fast jede Gesellschaft ihre Normen göttlich beglaubigen lassen.

Meines Erachtens gibt es drei Gründe, warum Menschen die Gebote eines Gottes erfüllen sollen. Die einen sagen der himmlischen Belohnungen wegen oder zur Vorbeugung göttlicher Bestrafungen, mit denen bei Verstößen gegen diese Gebote zur rechnen wäre. Für André Comte-Sponville gehört dieses Verhalten nicht in den Geltungsbereich der Moral, sondern sei Vorsicht und Heuchelei. Er sagt: Was ist Deine Moral? Das, was Du von Dir verlangst, unabhängig vom Blick der anderen oder von dieser oder jener Drohung.[9]  Gleichzeitig ist die Furcht vor göttlicher Sanktion ein wichtiges Instrument der Sozialkontrolle. Aber wenn dieses Instrument effektiv ist, dann untergräbt es das moralische Bewusstsein.

Andere meinen, als Gottes Geschöpfe sollten wir die Gebote achten aus Liebe und Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber. Dritte schließlich finden, wir sollten die Gebote befolgen, weil sie moralisch richtig sind.

Allerdings stellte schon Platon im Dialog Euthyphron die Frage, sind die Gebote moralisch richtig, weil Gott sie befiehlt? Oder befiehlt sie Gott, weil sie moralisch richtig sind? Die Antworten auf diese Fragen sind verhängnisvoll für jede Art religiöser Ethik. Wären Gebote, wie du sollst nicht stehlen, nicht lügen, nicht morden, deshalb richtig, weil Gott sie befiehlt, dann hätte Gott ebenso willkürlich auch Lügen, Stehlen, Morden als gut definieren und anschließend als Gebote aufstellen können. Diese Überlegung erscheint widersinnig und absurd. Für mich erscheint es daher unannehmbar, dass moralische Forderungen nur deshalb richtig sind, weil Gott sie befiehlt. Befiehlt allerdings Gott seine Gebote, weil diese apriori moralisch richtig sind, so wäre zwar seine Entscheidung nicht mehr beliebig, aber Gott wäre als Begründung für moralische Forderungen nicht mehr notwendig. Moral und Anstand verkämen zu Willkürentscheidungen einer nicht hinterfragbaren Autorität. Eine objektive Moral wäre dadurch nicht gewährleistet, denn woran ließe sich ein guter Gott noch von einem bösartigen Gott unterscheiden? Das Prädikat der „Güte“ könnte sich mit gleichem Recht der Teufel ausstellen. Damit ist Moralphilosophie ohne Rückgriff auf Gott möglich.

Der Philosoph Norbert Hoerster geht noch einen Schritt weiter, für ihn ist Gott nicht einmal für die Erkenntnis von Gut und Böse notwendig. Wir gehen davon aus, dass Gott in jeder, also auch in moralischer Hinsicht vollkommen ist. Können wir aber von einem Weltschöpfer behaupten, er sei moralisch vollkommen, ohne dass wir dabei eine gewisse Vorstellung von moralischer Vollkommenheit – und damit auch von begründeter Moral – bereits voraussetzen? Offenbar nicht. Das aber bedeutet, bereits unsere Annahme der Existenz Gottes ist unmöglich, ohne dass in diese Annahme notwendig ein moralisches Werturteil eingeht. Wenn das aber so ist, dann können wir nicht gleichzeitig all unsere moralischen Maßstäbe aus der Existenz Gottes bzw. aus seinen Geboten ableiten. Damit wir die Hypothese der Existenz Gottes als eines moralisch vollkommenen Wesens überhaupt aufstellen können, müssen wir unbedingt bereits einen gewissen Maßstab von Gut und Böse haben. Denn ohne diesen Maßstab wäre die Annahme, dass der existente göttliche Normgeber auch vollkommen gut ist, leer und sinnlos[10].

Es ist heute überwiegende Meinung der Moralphilosophen, dass Gott weder zur Erkenntnis von Werten noch zur Begründung von Normen erforderlich ist. Glaube an Gott sei nicht einmal zu moralischem Verhalten notwendig. Moral und Ethik kommen ohne jeden Bezug auf religiöse Überlieferungen aus, wie schon Immanuel Kant wusste: Die Moral bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über sich, um die Pflicht zu erkennen, noch einer anderen Triebfeder als des Sit­tengesetzes selbst. Sie bedarf also […] keineswegs der Religion, sondern vermöge der reinen praktischen Vernunft ist sie sich selbst genug.[11] Werte brauchen keinen Gott, sie entwickeln sich historisch mit dem Fortschritt der Gesellschaft, der Wissenschaft, der Moral, der Gesetze, der Philosophie.

Dass Religion und Moral zusammengehören, ist ein lange gepflegtes Vorurteil. Auf der Welt es gibt viele verschiedene Religionen und es gibt bestimmte Verhaltensweisen, die wir überall auf dieser Welt finden. So ist es gleichgültig, welche Kultur oder welche Religion wir betrachten, überall werden wir einige gleichartige oder ähnliche Regeln finden. Das ist vollkommen losgelöst von der praktizierten Religion überall so.

Unabhängig davon, ob Gott tatsächlich existiert, gibt es also Werte, deren Sinnhaftigkeit erkannt werden kann. Diese Werte legen nicht nur fest, was gut ist, sondern definieren auch, was zu tun ist. Im Idealfall bringen sie Menschen auch dazu, diese Regeln zu befolgen. Voraussetzung ist, dass sich Gebote wie – du sollst nicht töten, du sollt nicht lügen – als an sich moralisch begründen lassen. Diese müssten als objektive Werte, unabhängig von unseren persönlichen Interessen gelten. Alle Menschen leben in einem mehr oder weniger festen Sitten-, Moral- und Wertegefüge, das klar macht, was erlaubt sei und was eben nicht. Es reicht die Orientierung an der Vernunft; und es gibt Gesetze, an die sich jeder Bürger zu halten habe.

Allerdings sind diese objektiven sittlichen Werte, losgelöst von menschlichen Bedürfnissen und Wünschen ein seltsames Gedankenkonstrukt; genaugenommen gibt es sie gar nicht, denn dann wären sie genauso übernatürlich wie Gott. Jean-Paul Sartre formuliert das so, …wir haben weder hinter uns noch vor uns ein Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen und Entschuldigungen. Wir sind allein. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will. Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.[12]

Folgen wir Sartre, so sind alle sittlichen Werte und Normen ausschließlich von Menschen gemacht. Das Ziel dieser Normen ist, die Beziehungen zwischen den Menschen zu regulieren und bestimmte Verhaltensweisen oft gegen rücksichtslose Neigungen zu kontrollieren. Sie dienen dem friedlichen Zusammenleben der Menschen. Werte und Normen sind nicht aus sich selbst moralisch; es lassen sich jedoch gute Gründe anführen, warum der Einzelne solche Gebote vertreten, akzeptieren und befolgen sollte.

Das Fehlen objektiver Werte impliziert weder ethische Willkür, noch das Fehlen eines Maßstabs, noch Irrationalismus[13]. Ganz im Gegenteil, naturalistisch-humanistische Ethiken setzen auf unabhängig-kritisches Denken und auf die Einsicht in Notwendigkeiten, die für ein gedeihliches Zusammenleben erforderlich sind. Sie fragen danach, welche Gebote den Menschen nützen statt irgendwelchen gefallsüchtigen Herrschern oder Göttern. Ihre rationale Grundlage besteht in der Hinwendung zum Kritisierbarkeitsprinzip und zum sozialpragmatischen Kriterium des Wohlergehens aller Personen.[14]

Norbert Hoerster argumentiert so: Wir gehen davon aus, dass jedermann unter normalen Bedingungen ein Interesse am eigenen Überleben hat, also ein Interesse daran, dass er nicht getötet wird. Dieses Interesse haben auch diejenigen Individuen, die gelegentlich vielleicht aus irgendeinem Grund einen anderen Menschen töten möchten. Dabei ist ihnen bei langfristiger Betrachtung das Interesse, dass sie nicht getötet werden, wichtiger als der gelegentliche Wunsch zu töten. Auch sie profitieren deshalb auf der Basis ihrer Interessen wie alle anderen Individuen auch davon, dass eine Norm des Inhalts „Man soll nicht töten“ in der Gesellschaft weitgehend befolgt wird. Insofern ist es für jedes Individuum subjektiv begründet, diese Norm in der Praxis zu vertreten und zu akzeptieren und sie durch diese Verhaltensweisen in ihrer Geltung und Wirksamkeit zu stützen und zu festigen. Ganz im Sinn dieser Argumentation würden […] auch im moralischen Alltag nicht wenige Menschen auf die Frage, warum das Töten denn zu verbieten sei, mit der Gegenfrage antworten: „Möchten Sie in einer Gesellschaft leben, in der das Töten nicht verboten ist?“[15]

Auch wenn Werte und Normen sich nicht als an sich gültig begründen lassen, so kann doch gut begründet werden, warum es für den Einzelnen sinnvoll ist, bestimmte Werte und Normen zu vertreten, zu akzeptieren und zu befolgen. Die Grundlage für allgemeinverbindliche Werte können in einer säkularen, offenen Gesellschaft daher nur solche sein, die allen Menschen gemeinsam sind. Grundwerte und Moralnormen müssen intersubjektiv begründbar sein, um als allgemeinverbindlich angenommen zu werden. Es geht darum, gemeinsame Interessen zu definieren und diese in Aufforderungen zu bestimmten Verhaltensweisen zu verwandeln.

Letztlich müssen Gesellschaften moralische Grundsätze triftig aus zuvor festgelegten gesellschaftlichen Zielen ableiten (Dezisionismus). Auch Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen können sich auf die für ein geordnetes Zusammenleben in Glück, Frieden und Freiheit erforderlichen Regeln einigen. Diese Regeln sind zwar ebenso wenig objektivierbar und absolut wie alle anderen Ethiken. Aber da Menschen Schmerzen vermeiden und ihre Freude maximieren möchten, ist eine Sozialstruktur, die für diese Maximen einsteht, ethisch legitim. Umgekehrt wäre es fatal, wenn unsere Moral von Gott abhinge. Dann verflüchtigte sich bei berechtigten Zweifeln am metaphysischen Überbau die Moral.

Leben und Überleben, körperliche Unversehrtheit, Bewegungs- und Handlungsfreiheit, Schutz vor Übergriffen anderer oder des Staates, Schutz vor Diebstahl sowie Einhalten von Versprechen und Verträgen sind Interessen, auf die sich die meisten Menschen wahrscheinlich einigen können, die die allermeisten Menschen miteinander verbinden. Garantie gibt es jedoch dafür keine.

Warum sollte jedoch das Wohl der Mitmenschen ein Anliegen des Einzelnen sein? Zum einen sollte uns am Wohl der anderen schon aus recht verstandenem Eigeninteresse, gelegen sein. Wir sollten schon deshalb wollen, dass auch anderen gewährt wird, was wir für uns selbst als Mindeststandard zum Leben beanspruchen, weil wir nur so die Erfüllung unserer eigenen Wünsche und Interessen dauerhaft sichern können. Zum anderen sollte uns am Wohlergehen unserer Mitmenschen gelegen sein aus der einfachen Überlegung, dass Not, Schmerz und Erniedrigung für andere nicht weniger wiegen als für einen selbst – wie umgekehrt die eigenen Wünsche und In­te­ressen nicht einfach deshalb mehr zählen als die anderer Menschen, nur weil sie die eigenen sind. Eine solch ethische Grundhaltung setzt allerdings – bildhaft formuliert – einen Schritt zur Seite voraus: einen Abstand zu sich selbst, ein Absehen von eigenen Wünschen und Neigungen. Denn erst so wird man fähig, sich in die Lage anderer zu versetzen und auch deren Vorlieben und Ide­ale zu berücksichtigen, soweit sie sozialverträglich sind. Jedenfalls erwacht dann fast zwangsläufig die allgemeine Erkenntnis, dass Schmerz, Leid, Elend, Erniedrigung und Unterdrückung nicht nur für mich, sondern für alle etwas Schlimmes sind.

Einsichten allein bewegen Menschen noch lange nicht, sich auch uneigennützig zu verhalten. Es braucht innere Selbstbindung an moralische Grundsätze, die eine mühsame Kleinarbeit der Aufklärung und Erziehung zu gegenseitiger Achtung, Gespräche- und Hilfsbereitschaft notwendig machen. In das, was gut und richtig ist, muss der Mensch erst hineinwachsen. Es geht nicht um im Gehorsam gegen einen Gott, sondern um eine vernünftige Entscheidung.

Wir müssen auf das Beste hoffen und gleichzeitig mit dem Schlimmsten rechnen; denn nicht jeder bindet sich freiwillig an ethische Leitlinien. Im Gegenteil, es scheint auch Menschen zu geben, denen Unrechtsempfinden und Wohlwollen fremd sind, die von allen guten Geistern verlassen zu sein scheinen.

Da Ethik per se – ebenso wie Religion – keine Durchsetzungskraft hat, kann sich eine Gesellschaft in so einem Fall nur rechtlich schützen. Daher brauchen wir vernünftige und durchsetzungsfähige Rechtsinstitutionen, um Menschen, die von allen guten Geistern verlassen zu sein scheinen, in die Schranken zu weisen. Artur Schopenhauer schlägt folgendes Beispiel vor. Nehmen wir etwa an, sagt Schopenhauer, es würden plötzlich durch öffentliche Proklamationen alle Kriminalgesetze für aufgehoben erklärt, so würde schwerlich jemand den Mut haben, unter dem bloßen Schutz der religiösen Motive auch nur allein nach Hause zu gehen.[16]

Einen souveränen waltenden Gott hingegen braucht ein funktionierendes menschliches Gemeinwesen nicht. Die Zehn Gebote, insbesondere die das zwischenmenschliche Leben regelnden Nummer vier bis zehn, du sollst nicht töten, nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut und so weiter, gibt es nicht etwa, weil Gott sie erlassen hat und sie nur deshalb gut sind. Diese Gebote sind von sich aus gut und in Abwandlung daher auch in vielen anderen Kulturen zu finden. Daher sind sie auch ohne einen legitimierenden Gott gültig. Comte-Sponville: Nicht, weil es Gott gibt, muss ich Gutes tun, sondern weil ich Gutes tun muss, kann ich das Bedürfnis haben, an Gott zu glauben – nicht um tugendhaft zu sein, sondern um nicht zu verzweifeln[17], ähnlich auch Kant, für den Moral unumgänglich zu Religion führt.

Menschen sind nicht ausschließlich gut oder böse, sie existieren zwischen beiden Polen. Gegenseitige Achtung, Fairness und Hilfsbereitschaft gehören ebenso zu ihrer Lebenswirklichkeit wie Korruption, Klüngel und Hartherzigkeit; die menschliche Gesellschaft besteht weder nur aus Engeln noch allein aus Teufeln. Der Mensch ist keineswegs bloß ein irrationales, von Gefühlen und Leidenschaften bewegtes Wesen, sondern er lebt ebenfalls unter dem Zepter von Verstand und Wohlwollen, bricht nicht nur Versprechen, sondern hält sie auch. Hierzu noch einmal Norbert Hoerster: Man muss sich von einer verbreiteten Vorstellung verabschieden, die den Anhängern einer Ethik, die ihre Begründung auf die Interessen urteilsfähiger und informierter Menschen stützt, immer wieder unterstellt wird: die Vorstellung, dass die einzigen Interessen, die einem Individuum sinnvollerweise zugeschrieben werden können, egoistische Interessen, also Interessen am eigenen Wohlergehen bzw. an der Befriedigung künftiger eigener Interessen sind. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass Menschen – ganz unabhängig von jeglicher Moral – neben egoistischen auch altruistischen, ja oft sogar auch ideellen Interessen haben und dass die Realisierung dieser Interessen für sie nicht weniger rational ist. Die altruistischen Interessen finden sich vor allem im Nahbereich, gegenüber Verwandten und persönlich nahestehenden Menschen. Aber auch im Fernbereich haben viele Menschen gewisse, wenn auch im Vergleich zum Nahbereich stark abgeschwächte altruis­tische Interessen. Dass ich in einer Notlage wie etwa einer Flutkatastrophe vor allem an mich selbst, an meine Familie und an meine mir befreundeten Nachbarn denke, bedeutet nicht, dass mir das Schicksal der übrigen Opfer völlig gleichgültig ist und dass ich ihnen gegenüber nicht zur der geringsten freiwilligen Hilfsmaßnahme bereit bin.[18]

Eigennutz oder Selbstinteresse, ist das natürliche Motiv aller Lebewesen[19] und daher auch des Menschen[20]; er ist kein anrüchiges Element der Evolution, welches überwunden werden muss. Eigennutz tritt in der Natur in drei typischen, unterschiedlichen Formen auf

  • rücksichtsloses Durchsetzen eigener Interessen auf Kosten anderer
  • altruistisches Verhalten zu Gunsten Verwandter oder potentieller Sexualpartner
  • strategische Kooperationsbereitschaft gegenüber gleich- und höherrangigen Artgenossen.

Das Prinzip Eigennutz ist ethisch neutral, es ist die Grundlage von Hass und Liebe genauso wie von Krieg und Frieden oder Ausbeutung und Solidarität. Gegenüber dem Tierreich kommt beim Menschen noch ein Faktor hinzu, die Empathiefähigkeit[21], die Fähigkeit zu Mit-leid bzw. Mit-freude. Empathievermögen ist gleichzeitig genauso die Fähigkeit für erfolgreiches Lügen und Intrigieren wie für altruistisches Verhalten. Damit erst wird es möglich, dass sich Menschen unter bestimmten Voraussetzungen bereitfinden, ihr Leben für eine höhere Sache aufs Spiel zu setzen oder Verzicht zu leisten. Was im Einzelnen den Eigennutz ausmacht, ist abhängig von kulturellen Vorgaben, Moden, Traditionen, Philosophien, Ideologien und Religionen.

Handlungen aus Mitleid oder aus Mitfreude stellen eine besonders interessante Form eigennützigen Verhaltens dar. Auch beim mitfühlenden Eigennutz geht es um das eigene Wohl und Wehe, allerdings wird hier insbesondere fremdes Leid so stark wahrgenommen, dass es zum eigenen Besten ist, fremdes Leid zu bekämpfen. Seit der Entdeckung der Spiegelneuronen[22] wissen wir, dass fremdes Leid als eigenes, als selbst erlebtes Leid wahrgenommen wird.

Trotzdem sind der Wirksamkeit jeder Ethik klare Grenzen gezogen. Wem die einfache Forderung nicht bereits einleuchtet, dass materielle Unterversorgung, geistige Bevormundung und Verhinderung der persönlichen Entwicklung aufgehoben werden sollten, der wird sich von religiösen Geboten und noch so spitzfindigen, philosophischen Begründungen hierfür ebenso wenig beeindrucken oder gar bewegen lassen. Wem die bestehenden Missstände und die Not der Menschen nicht schon als Argument für ethisches Handeln genügen, dem wird mehr sicherlich auch nicht reichen, selbst wenn es ein höchstes Gottesgebot wäre. Allein wir Menschen können mehr freundliche Wärme in die vor Kälteeinbrüchen ungesicherte Welt bringen.

Das menschliche Leben steht in der Spannung von Sterblichkeit und Selbst­bewusstsein. Menschen erleben sich als vergänglich und verwundbar. Die Unausweichlichkeit des Todes ist die letzte Gewissheit des Menschen. Was nach dem Tod eines Menschen geschieht, wissen wir nicht. Ob es nach dem Tod ein Ewiges Leben mit Belohnung für gute Taten im Paradies oder mit Strafen für böse Taten in der Hölle gibt, ob es eine Wiedergeburt in welcher Gestalt auch immer oder einfach gar nichts gibt, bleibt immer Spekulation. Die einzige Gewissheit ist die endliche Dauer eines (Menschen)lebens. Nicht die Erinnerung an eine vergangene Offenbarung des Richtigen noch die Erwartung auf eine zukünftige Erlösung von allen Übeln, sondern nur die alle umfassende Vergegenwärtigung berechtigter Interessen vermag die moralische Rücksichtnahme in einer dem objektiven Anspruch moralischer Verpflichtungen entsprechenden unparteilichen Weise einzulösen.[23] Moral in Bezug auf die Endlichkeit eines Menschenlebens hat keinen und braucht auch keinen transzendentalen Anker.

Wir sollten daher danach trachten ein „gutes“ Leben zu führen, das nach Bertrand Russell (1872 – 1970) von Liebe inspiriert und von Erkenntnis geleitet wird.[24] Leben bedeutet eine Aufgabe im Hier und Jetzt. Gerade die Endlichkeit des Lebens beinhaltet den Auftrag, eine tragfähige Ethik zu entwickeln und gemäß solcher Regeln ein moralisch gutes Leben zu leben. Motivation ist die Verantwortung für mich selbst und meine Verantwortung für Welt und Mitmenschen, …nicht im Sinn eines Gottes sondern ganz im Sinne des Menschen.[25]

In der Erhebung zum Meister haben wir einen klaren Auftrag erhalten: …möge der Maurer, wenn die letzte Stunde, die Stunde der Wahrheit, gekommen ist, auf gute Arbeit und ein erfülltes Leben zurückblicken können[26] Während unseres Lebens als Brr... Freimaurer erhalten wir die Werkzeuge um gemeinsam mit den Brr... diese Ethik, die wohl nur eine Verantwortungsethik und nie eine reine Gesinnungsethik sein kann, zu entwickeln. In der FM-ei ist das Sittengesetz negativ bestimmt, das heißt ohne inhaltliche Definition. Die negative Bestimmung wird damit zur Gewähr dafür, dass nicht übernatürliche Autoritäten die moralischen Inhalte definieren, sondern dass diese aus der Praxis für die Praxis menschlichen Lebens entstehen. Mit diesem Tun in der Praxis beschäftigt sich Tugendethik; die rituelle Arbeit im Tempel ist die perfekte Gelegenheit, diese Ethik auch zu üben (Einübungsethik[27]).

[1] Dostojewskij F. M.; die Brüder Karamasov

[2] Sartre J.-P.; l’Existentialisme est un Humanisme

[3] https://www.welt.de/print-welt/article473111/Gott-die-Welt-und-das-Boese.html, Zugriff 10.02.2020, 08.30 hrs

[4] Hans Albert, geboren 8. Februar 1921, deutscher Soziologe, Philosoph und Hochschullehrer, er gilt als ein Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus

[5] Albert H. Glaube und Heilsgewissheit

[6] Comte-Sponville A; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

[7] Grisebach E., Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in 6 Bänden, Leipzig 1891

[8] https://monde-diplomatique.de/artikel/!562539; Zugriff 09.02.2020; 10.55hrs

[9] Comte-Sponville A.; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

[10] Hoerster N.; die Frage nach Gott; Beck’sche Reihe

[11] Zitiert nach https://www.google.com/search?q=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&rlz=1C1RUCY_deAT832AT832&oq=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&aqs=chrome..69i57.4167j0j1&sourceid=chrome&ie=UTF-8, Zugriff 17.02.2020, 12.00hrs

[12] Sartre J.-P.; l’Existentialisme est un Humanisme

[13] Mackie, J. L.; Ethics, inventing right and wrong. Penguin Books, London

[14] Sukopp T.; Menschenrechte: Anspruch und Wirklichkeit. Tectum-Verlag

[15] Zitiert nach https://www.google.com/search?q=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&rlz=1C1RUCY_deAT832AT832&oq=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&aqs=chrome..69i57.4167j0j1&sourceid=chrome&ie=UTF-8, Zugriff 17.02.2020, 12.00hrs

[16] http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Religion-Moral/religion-moral.html Zugriff 03.02.2020, 20.00 hrs

[17] Comte Sponville A; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

[18] Zitiert nach https://www.google.com/search?q=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&rlz=1C1RUCY_deAT832AT832&oq=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&aqs=chrome..69i57.4167j0j1&sourceid=chrome&ie=UTF-8, Zugriff 17.02.2020, 12.00hrs

[19] Höffe Otfried, Lexikon der Ethik, Verlag C.H.Beck, siebente Auflage 2008, Stichwort „Selbstinteresse“

[20] Cf Hobbes Thomas, Leviathan Kapitel 6 & 13

[21] Cf. Hume David, Traktat über die menschliche Natur 1739; Smith Adam, Theorie der menschlichen Gefühle, 1759; Schopenhauer Arthur, Preisschrift über die Grundlagen der Moral, 1840

[22] Spiegelneuronen wurden 1996 erstmals vom italienischen Hirnforscher Giacomo Rizzolati bei Primaten entdeckt und wenig später im menschlichen Gehirn nachgewiesen

[23] Lohmann G. Moral und Zeit, in: Der Sinn der Zeit, hrsg. Von Angehrn E., Iber C., Lohmann G. Poccai R.; 2002

[24] Russell B.: Why I am Not a Christian, London 1967

[25] Gardavsky, Vitezslav, Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

[26] Ritual der Erhebung, GLvÖ

[27] Hammacher K.; Einübungsethik – Überlegungen zu einer freimaurerischen Verhaltenslehre.; Festschrift zum 75. Geburtstag des Autors, Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth Nr. 45/2005

der blutige Gott – das Opfer

Es gibt praktisch keine Religion, die kein Opferritual als religiöse Handlung kennt; diese entspringt offenbar einem naturhaften Urverlangen des Menschen. Dieses Verlangen treibt ihn dazu einem für heilig gehaltenen, übermächtigen Wesen, sei es als weltimmanente Naturkraft oder als transzendente Gottheit vorgestellt, eine aus seinem Eigentum abgesonderte, wertvolle Gabe als Geschenk anzubieten. Der Mensch tut dies, um mit der heiligen Macht bzw. Gottheit in Kontakt zu kommen, mit ihr zu kommunizieren (Opfermahl), ihrer Kraft habhaft zu werden, sie günstig zu stimmen oder ihre negative ihm schädliche Energie abzuwenden, ihren Zorn zu besänftigen und für begangenes Unrecht Sühne zu leisten. (Lexikon für Theologie und Kirche). Warum sind die Götter – alle Götter – so fordernd? Sie fordern Blut, Wein Fett, Milch, Ochsen, Lämmer, Tauben und vor allem Menschenfleisch; alte und junge Menschen, Männer, (Jung-) Frauen und Kinder. Woher kommt dieses Bild einer schrecklichen himmlischen Macht, die doch eigentlich alle und alles schützen sollte?

 

Alle Religionen erklären ihre Götter als allmächtig, allwissend und gestehen ihnen die uneingeschränkte Macht zu, Katastrophen, Erdbeben, Überschwemmungen und Hungersnöte, Kriege und Vulkanausbrüche auszulösen. Wenn diese Götter nun alles besitzen und alles vermögen, warum müssen dann die Menschen bei jeder Gelegen­heit, wenn sie etwas Besonderes und/oder Lebenswichtiges – wie Ernte, Aussaat, Hochzeit, Geburt – vorhaben, auf einem Altar etwas vom Besten, das sie haben, diesem schrecklichen, alles verschlingenden Rachen im Himmel opfern. Die Gottheit ist stärker; sie muss man fürchten, sie muss man besänftigen. Letzter Garant für Frieden und Wohlstand kann nur die Gottheit sein. Auf ihre Gunst ist man angewiesen, ihr Zorn ist tödlich. Dieser muss besänftigt, jene er­rungen werden. Das archaische, zyklische Denken führt schließlich zur ständigen Wiederholung (meist im Jahresrhythmus), zum Opferkultsystem

 

Opfer sind widersprüchliche Mittel zur Lösung eines Problems, das gar nicht zu lösen ist. Sie gehen von einem grundsätzlich inadäquaten Verständnis von Gott und des Menschen Verhältnis zu ihm aus (und umgekehrt). Dieses besteht weder in einem Rechtsverhältnis (beiderseitige Zuschreibung von Rechten und Pflichten) noch in einem Tauschverhältnis (wechselseitiges Geben und Nehmen).

 

Ohne Frage haben moderne (Straf-) Gesetze die praktizierten Riten gebändigt, und so wird heute physisch außer in obskuren, kriminellen oder psychopathologischen Sekten kein Mensch mehr getötet. Ein Beispiel dafür ist die Katastrophe von Waco in den USA, wo sich vor einigen Jahren eine ganze Gruppe von Sonnentemplern in kollek­tivem Wahn selbst tötete. Trotzdem bleibt die Opferrolle, auch wenn sie meist auf die symbolische Ebene reduziert ist. In den Ritualen finden wir maximal Tier­opfer, und doch gibt es Menschen, die sich selbst opfern. Sie opfern der Gottheit ihre Sexualität, ihre persönliche Freiheit oder ihre Intelligenz. Sie fügen sich physische Schmerzen zu. Mögen die Flagellanten von Sevilla eher eine folkloristische Sensation und weniger Ausdruck der Bußbereitschaft sein, die sich selbst kreuzigenden Menschen auf den Philippinen sind durchaus Ausdruck des religiösen Fanatismus, und beim schiitischen Ashurafest geißeln Männer ihren nackten Oberkörper stundenlang mit Ketten, die in Messer auslaufen, bis Menschenblut die Erde tränkt, Menschenblut wie es in Teheran nach der islamischen Revolution unter Khomeini aus einem Brunnen floss. Frauen und Männer bewerben sich als Selbstmord­attentäter und sprengen sich oder werden im Auftrag des einzigen Gottes in die Luft gesprengt.

 

Seit den Zeiten der Großen Göttin und Großen Mutter sind die Götter für die Menschen gefühlsbegabte Zweifüßler. Ihnen muss man logischer Weise Tribut zollen, weil sie die Herren sind. In der aztekischen Mythologie zum Beispiel lag die Welt an ihrem Anfang in Finsternis. Da opferte sich ein Gott, warf sich in ein Opfer­becken voll glühender Kohlen und wurde so zur Sonne. Als sich die Sonne nicht um die Erde drehte forderte die Sonne: „Ich will euer Blut!“ Götter und Göttinnen opferten sich, um die Sonne in Bewegung zu setzen und Menschenopfer waren not­wendig, um die Sonne in ihrem Lauf nicht zu hemmen.

 

Gleichzeitig sind diese Menschenopfer Gelegenheit zum Kannibalismus. In diesen Kannibalismusritualen ist ein komplexer Symbolgehalt verborgen. Es handelt sich um Festmahle, in deren Verlauf die Menschen und die Götter ein und dieselbe Mahl­zeit teilen. Das Menschenfleisch, das sie verzehren, gilt als Verkörperung von Energie.

 

Menschenopfer sind nicht auf das präkolumbianische Amerika beschränkt, wir finden Menschenopfer auch bei den Chinesen der Bronzezeit. Diese brachten ihren Herrschern, die Statthalter eines himmlischen Mandats und damit Stellvertreter der Götter auf Erden waren, Menschenopfer dar. Beim Tod eines Herrschers richteten sie seine Frauen, Begleiter, Diener und Haustiere hin. Um die Götter gnädig zu stimmen, wenn sie wichtige Bauten, wie Tempel oder Paläste errichteten, brachten sie Menschenopfer dar. So soll die Große Mauer voll von eingemauerten Menschen sein. Wie viele Schädel-, Becken oder Oberschenkelknochen wohl unter den Palästen begraben liegen? Die Seelen der Opfer sichern die Unvergänglichkeit der Konstruktion, wie Mircea Eliade schreibt.

 

Genauso finden wir das Menschenopfer bei den Griechen und Römern. So sandten die Athener alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge nach Kreta, die dem Minotaurus geopfert wurden, um das Feuer der Sonne in Gang zu halten. Die Römer verboten Menschenopfer erst sehr spät (197 v.u.Z.) und noch im 3. Jahr­hundert v.u.Z. begruben die Römer auf dem Forum einen Gallier und eine Gallierin bei lebendigem Leib, als sie von den Venetern und Cenomanen angegriffen wurden.

 

Wir wissen von Menschenopfern bei Kelten, Dakern und Germanen. Die Opfer wurden mit Schwertern in Stücke gehauen, von Pfeilen durchbohrt oder gepfählt. Im 2. Jahrhundert v.u.Z. sollen Druiden aus der Art, wie das Opfer fiel, die Zukunft ge­lesen haben. Zur Sommersonnenwende wurde bei den Kelten ein kräftiger junger Mann mit allen Zeichen des Königtums geschmückt und an eine Eiche gebunden, dann geschlagen, bei lebendigen Leib gehäutet, geblendet oder kastriert und zum Schluss mit einem Schnitt durch die Halsschlagader getötet. Das Blut dieses Jahr­königs fingen die Feiernden auf und besprengten sich selbst und ihre Felder damit. Rituelle Tötung oder Verstümmelung, um die Fruchtbarkeit zu fördern, finden wir nicht nur bei den Kelten. Im Kongo kastrierten die Basundi einige ihrer jungen Männer zur Feier des Neumonds, von dem die Fruchtbarkeit der Menschen, Tiere und Pflanzen abhing. Die Kaffern und Hottentotten zogen die Amputation des linken Hodens vor. Vedische Völker hatten die Kastration zur Erreichung eines höheren Grades der Erleuchtung eingeführt.

 

Menschenopfer symbolisieren immer die Gottheit selbst; denn je kostbarer das Opfer ist, desto geschmeichelter ist der Gott, dem es dargebracht wird und umso größer ist das Ansehen des Opfernden in den Augen des Gottes. Besser als ein Lamm oder Schwein zu opfern, ist es, ein menschliches Wesen zu opfern; und noch besser ist es ein besonderes menschliches Wesen, eine Jungfrau zum Beispiel, zu opfern. Die größte Ehre allerdings, die einem Gott erwiesen werden kann, ist, ihm das Leben eines Gottes zu opfern. Bei dem beschriebenen aztekischen Mythos opferten sich die niedrigeren Götter selbst der Sonne.

 

Der Opfernde identifiziert sich mit dem Opfer, er bringt sich selbst dar. In einer schwedischen Überlieferung heißt es, ein König Aun habe Odin tagelang um Rat ge­fragt, bis dieser bereit war, sich zu äußern. Odins Antwort war, der König werde regieren, solange er ihm alle neun Jahre einen seiner Söhne zum Opfer bringe. Der König opferte so neun seiner zehn Söhne; als aber der zehnte an der Reihe war, widersetzte sich das Volk, und der König musste sterben. In seinen Söhnen opferte sich der König symbolisch selbst, um an der Gottheit teil zu haben.

 

Diesen Vater-Sohn-Mythos finden wir in vielen Religionen; das berühmteste Beispiel sind Abraham und Isaak. Dieser Gott, JHVH gehört zu den archaischen Göttern, die sich von Menschenopfern ernähren. Der Berg, auf dem Abraham Isaak opfern sollte, heißt nach der Bibel seither Jahwe Jire (=Jahwe sieht). JHVH sieht, dass sich Israel gänzlich ihm überantwortet. Die harte Lehre aus diesem Mythos ist, dass seinem Gott nur der gefällig ist, der seinem Gott sein wertvollstes Gut (in der nomadisch, patriarchalischen Stammeskultur der erstgeborene, einzige Sohn) zu opfern bereit ist.

 

Dieser Gott verlangt von allen Juden noch ganz andere Dinge als Opfer, zum Beispiel die Vorhaut. In der Tat geht es darum, der Gottheit einen Teil des Fortpflanzungs­organs also symbolisch die Sexualität zu opfern, ein nachhaltiges Opfer.

 

Das Schema der Kinderopferung durch den Vater bestürzt durch seine Dauerhaftig­keit. Einer der bekanntesten Mythen erzählt von der Artemis Priesterin Iphigenie, die von ihrem Vater Agamemnon Artemis geopfert wurde. In geschichtlicher Zeit brachten die Karthager dem Gott Baal Hammon und der Göttin Tanit Kinder als Opfer dar. Bei den Karthagern hieß dieses Opfer „Molkh“ und in der Bibel war Moloch der heidnische Gott, dem Kinder geopfert wurden. Beide Begriffe dürften von dem kanaanäischen Mlk kommen, was König bedeutet. Diese Kinder wurden an der Opferstätte auf die Hände eines stierköpfigen Gottes gelegt und glitten von dort bei lebendigem Leib in einen großen Brennofen, während die Menge singend um die Statue tanzte.

 

In der christlichen Tradition stellt Gott die Tradition der Opferung auf den Kopf. Nachdem Gott von Abraham gefordert hat, seinen Sohn zu opfern, opfert Gott selbst nun seinen eigenen Sohn. Auf den ersten Blick schein es sich dabei um das uralte Schema zu handeln, dass der Vater seinen Sohn stellvertretend für sich selbst opfert. Es gibt jedoch keine höhere Instanz, der Gott seinen Sohn zum Opfer bringen könnte. Außerdem sind nach christlicher Theologie Gott und sein Sohn konsubstantiell, eine Opferung des Sohnes käme also einem Suizid Gottes gleich, der eine Zerstörung der Welt und einen Sieg des Nichts zur Folge hätte.

 

Die Theologie sucht heute noch die Antwort auf die Frage, wem Gott seinen Sohn geopfert hätte. Die christliche Theologie – unabhängig ob katholisch, evangelisch oder orthodox – verneint die Existenz eines allerhöchsten Wesens, hoch über Gott und Teufel. Nach den Kirchenvätern und auch für moderne Theologen hat der Schöpfergott seinen Sohn seinen Geschöpfen, den Menschen, geopfert. Ein Opfer wird aber einem höheren, mächtigeren Wesen dargebracht, und es ist undenkbar, dass der Schöpfer seine Geschöpfe als über sich stehend betrachtet. Außerdem ent­hält die Opfertheologie einen Selbstwiderspruch. Schuld kann nicht durch neuer­liches Blutvergießen gesühnt werden. Was Nietzsche „schauderhaftes Heidentum“ nennt, läuft auf eine Selbstaufhebung des Evangeliums hinaus, denn das Opfer eines Unschuldigen für die vermeintlichen Sünden der Menschen gleicht einer Bankrott­erklärung der christlichen Botschaft. Die Opferidee allgemein und besonders die Idee vom Opfertod Jesus setzen ein fragwürdiges Gottesverständnis voraus. Gott kann durch Opfer nicht bestochen und durch menschliche Gaben und Taten nicht zur Änderung seiner Absichten veranlasst werden (Plato). Daraus folgt, Sünde gegen­über Gott kann durch Opfer nicht getilgt werden, also auch nicht durch den Opfer­tod Jesus.

 

Wie tragisch und unmenschlich die Beziehung zwischen Menschen und Göttern ist, verdeutlicht der Mythus von Dionysos, dem Sohn von Zeus und Semele. Hera ließ ihn in ihrer Eifersucht durch die Titanen töten. Diese zerstückelten ihn und kochten ihn in einem Kessel. Dionysos entkam durch die Macht seines Vaters, wurde aber am Ende doch in Stücke gerissen, diesmal von seinen eigenen Priesterinnen, den Mänaden.

 

Mord und Folter im Namen oder im Auftrag einer Gottheit oder einer göttlichen Wahrheit sind nicht Relikte aus einer vergangenen, mythisch archaiischen Zeit. So beging die Inquisition (aufgehoben von Napoleon 1808 in Madrid) in den fast 800 Jahren ihres Bestehens zehntausende Morde im Namen einer absoluten göttlichen Wahrheit. Der Mudjahed, der seinen Sprengstoffgürtel auf einem belebten Markt­platz zündet, unterscheidet sich in nichts von einem Herakles, der freiwillig den Scheiterhaufen besteigt oder einem Dionysos, der sich selbst den Mänaden ausliefert. Seine Überzeugung ist, dass er sich für seinen Gott opfert, – genauso wie es tausende von christlichen Märtyrern taten und wie Juden Psalmen singend als Nachfolger Hiobs in den Holocaust gingen. Der Mudjahed ist der festen Überzeugung, mit seinem Tod augenblicklich in den Himmel ein zu gehen und mit seinem Gott eins zu werden.

 

Doch genug des Aufzählens immer neuer Grausamkeiten und Beispiele dafür, dass Gott permanent Opfer fordert und die möglichst in menschlichem Blut. Was bringt Menschen dazu, sich auf so eine Gottheit einzulassen? Die Massaker scheinen der menschlichen Vorstellungskraft zu entspringen. In einer Religion, die an die Un­sterblichkeit der Seele gar noch an eine Seelenwanderung glaubt, die der Seele eine neue Wohnung sichern würde, opfert man bloß die leibliche Hülle und der vor­zeitige Tod im Opfer stellt nur einen schnelleren Schritt in der Seelenwanderung dar.

 

Diese angebliche Todesverachtung ist ein praktisches Konstrukt, stellt doch die Todesangst seit den Anfängen der Menschheit die größte Angst dar. Der Anblick einer (verwesenden) menschlichen Leiche stellt die größtmögliche Verletzung des menschlichen Narzissmus dar. Die Lehre von der Seelenwanderung ist in erster Linie Tröstung ex anteriori. Das memento mori einer Verwesung veranschaulicht genau, was aus jedem Menschen werden wird.

 

Das Opfer wird Göttern dargebracht, die niemand objektiv erfahren hat und deren Vielzahl und Vielfalt beweist, dass sie Schöpfungen verschiedener Kulturen und als solche kollektive Einbildungen sind. Manchmal wird die Wahl der Opfergabe durch einen direkten Befehl der Gottheit bestimmt, manchmal durch die Vorstellung der Priester, Propheten, Wahrsager etc. von den Wünschen der Gottheit. Diese Wahl ist wieder eine kollektive Einbildung. In beiden Fällen wird diese Wahl vom Kollektiv der Menschen freudig willkommen geheißen. Nie protestiert das Kollektiv gegen den Kindermord zu Ehren des Molochs noch gegen die heiligen mörderischen Druiden. Ganz im Gegenteil, das Kollektiv ist einmütig stolz, den Willen der Gottheit zu er­füllen, was wieder beweist, dass auch die Grässlichkeiten der Opferung einem individuellen wie kollektiven Drang entsprechen.

 

In den meisten Fällen sind die Opfer geliebte oder besonders liebenswerte Menschen, (die eigenen) Kinder, das eigene Fleisch und Blut, unschuldige Mitglieder des eigenen Kollektivs, die allerschönsten Jünglinge und Jungfrauen. Der einzelne Mensch kann auch einen Teil von sich selbst, dem er einen besonderen Wert bei­misst, opfern; einen Hoden, seine sexuelle Aktivität, sich selbst. Jedes Opfer ist mehr oder weniger Selbstopfer abhängig von der Bedeutung der Gabe. C. G. Jung schreibt: „Das Opfer ist immer das Aufgeben eines wertvollen Stückes, dadurch kommt der Opferer dem Gefressenwerden zuvor, das heißt es entsteht nicht eine Verwandlung in den Gegensatz, sondern eine Vereinigung und Ausgleichung, woraus sofort eine neue Libido-, respektive Lebensform entsteht, Sonne und Wind ergeben sich.“

 

In allen Fällen zielt das Opfer auf teilweise oder vollständige Zerstörung ab. Aller­dings gibt es so etwas wie ein Geschenk an die Gottheit nicht (Lessing: er wird nicht fett durch euer Fasten). In Wirklichkeit geht es um Zerstörung. Jedes Opfer ist mehr oder weniger Selbstopfer. Nach C. G. Jung ist die Macht, die mich zwingt ein Opfer zu bringen, mein Selbst. Das Selbst ist Opfernder und ich bin die geopferte Gabe, das Menschenopfer.

 

Exemplarisches Beispiel dafür ist der Mythos vom Opfer des Isaak. Abraham soll seinen einzigen Sohn Isaak wegen des übermächtigen göttlichen Gebots opfern. Im letzten Moment greift JHVH persönlich ein und verhindert den Mord. Allerdings gibt es einen Midrasch, dass Abraham seinen Sohn tatsächlich geopfert hätte. JHVH hätte danach Isaak zu neuem Leben erweckt. Im Grunde kann sich der Vater nur selbst als Opfer erleben und wird wahrscheinlich den Stich des Schlachtmessers genauso spüren wie sein eigener Sohn. In diesem Fall wäre er Opfernder und Ge­opferter in einer Person.

 

Für C. G. Jung findet ein Opfer nur statt, wenn das Selbst es fühlbar und unzweifel­haft an uns vollzieht. Aus dem Selbstopfer gewinnen wir das Selbst, uns selbst. Das Selbst wird als die Vereinigung des Bewusstseins mit dem Unbewussten verstanden. Für das Bewusstsein ist eine Gabe mit aufgehobenem Anspruch auf Besitz – eben das Opfer – eine sinnlose Handlung. Mit der Opferung geht das Selbst aus dem dissoluten Zustand des Unbewusstseins in den des Bewusstseins und aus dem potentiellen in den aktuellen Zustand über.

 

Symbolisch dargestellt wird dieser Vorgang im Wandlungsmysterium der katholischen Messe, die ausdrücklich als unblutige Wiederholung des Kreuzesopfers bezeichnet wird. Gott ist Opfernder und Opfergabe in einer Person. Gleichzeitig wird er im Opferakt zum leidenden und sterbenden Menschen, der selbst durch das eucharistische Mahl an der Gottheit teil hat.

 

Christus erscheint als Logos von Ewigkeit und gleichzeitig als Menschensohn. Als Logos ist er das weltschöpferische Prinzip. Dem entspricht das Verhältnis des Selbst zum Bewusstsein, ohne welches die Welt nicht als existierend wahrgenommen werden würde. Als Menschensohn entspricht er dem Individuum in all den einzelnen Erscheinungsformen des Selbst.

 

In der Geschichte vom Kreuzestod Jesus finden wir Elemente des Königopfers, Mantelbekleidung, Dornenkrone, Geißelung; verdeutlicht durch die Geschichte von Bar-Abbas (Sohn des Vaters). Der Tod am Kreuz ist ein mutwilliges zu Tode quälen des Opfers, eine entehrende Strafe für Sklaven. Diese Strafe wird an der Gottheit selber ausgeführt. Doch wofür wird die Gottheit bestraft? Aus der jüdischen Bibel wissen wir, dass JHVH zwar ein Hüter des Gesetzes ist, selber aber nicht ge­recht ist und an Zornanfällen leidet, die er selbst bereuen muss. Nicht die Menschheit habe die Schuld sondern Gott selber, es ist daher nur logisch, dass er sie exkulpiere. Dieser Gedanke ist so weit stimmig, weil er in seinem erstgeborenem Sohn – Satan – Adam und Eva provozierte. Diese Wiedergutmachung erinnert an die Geschichte von Hiob, in der sein Erstgeborener, in diesem Fall als Zweifelsgedanke, ebenfalls seine Hand im Spiel hat; in der Folge ersetzt JHVH Hiob alle seine Verluste.

 

JHVH steht hier in der Tradition der Jahrkönige. Als Weltschöpfer hat er eine unvoll­kommene Welt erschaffen, daher muss er als Jahrkönig rituell getötet werden. War es in früheren Zeiten möglich, dass die Menschen ihre Götter entthronten, indem sie ihre Statuen prügelten oder in Fesseln legten, so kann sich nun ein Gott nur noch selbst entthronen oder töten lassen.

 

Auch in der Freimaurerei finden wir diesen Auferstehungsmythos vom Göttlichen ins Menschliche transformiert in der Legende von Hiram. Hiram ist kein Gott, Hiram ist Mensch. Hiram opfert sein Leben, opfert sich selbst, um das geheime Meisterwort zu bewahren. Dieses geheime Wort oder seine richtige Aussprache müssen aber sehr viel mehr gewesen sein als ein Aus­weis oder Passwort, denn sonst hätte er sein Leben nicht dafür gegeben. Hirams Opfernde sind seine eigenen Fehler, Dummheit, Machtgier und In­toleranz als die drei Mordgesellen. Auch er ist also Opfer und Opfernder zugleich.

 

Bei näherer Auseinandersetzung mit dem Stoff der Hiramlegende zeigt sich jedoch, dass hier noch einige Aspekte mehr versteckt sind. Folgen wir Nérval, so zeigt sich, dass König Salomo zumindest über die Attentatspläne gegen Hiram informiert ist und nichts dagegen unternimmt. Als Motiv wird dem großen König Eifersucht auf die Macht Hirams unterstellt, der er der König nichts entgegen zu setzen hat, Mord als purer Machtkampf zwischen zwei Männern? Oder muss Salomo doch etwas opfern, ein Bauopfer darbringen, wie es von Alters her Brauch ist? Bauopfer sind in der Bibel noch aus späterer Zeit bezeugt; so im ersten Buch der Könige, wo über den Wiederaufbau Jerichos berichtet wird: In seinen Tagen baute Hiel, der Betheliter, die Stadt Jericho wieder auf. Um den Preis von seinem Erstgeborenen, Abiram, legte er ihren Grund, und um den Preis von Segub, seinem Jüngsten, setzte er ihre Tore ein… (1.Kön 16,34). Salomo gebe also etwas von sich her, das ihm besonders wert ist, er ge­fährdet durch die Opferung Hirams seinen Tempelbau. Die Legende schließt damit, dass Hiram von Menschen aus dem Grab gehoben wird, um im Tempel bestattet zu werden.

 

Nirgends in der Legende vom Baumeister Hiram ist davon die Rede, dass er von Salomo oder von wem auch sonst immer zu neuem Leben erweckt wird. Die Mission Hirams ist mit Tod, Auffindung des Leichnams und Grablegung erfüllt. In der Johannismaurerei wird nun dieser Lauf der Erzählung durch den Akt der Erhebung, der Auferweckung, der Totenbeschwörung durchbrochen. Offen bleibt, ob Hiram als Leichnam oder als Auferstehender aus dem Grab gehoben wird. In der offiziellen Interpretation lebt Hiram in dem neuen Meister fort, und die Kontinuität der maurerischen Kette ist wieder hergestellt.

 

Sehr oft wird in diesem Zusammenhang in der maurerischen Literatur auf die Berichte von Totenerweckungen in der Bibel verwiesen. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um drei Berichte. Die Auferweckung des Sohns der Witwe von Sarepta durch Elias, die Auferweckung der Tochter des Jairus durch Jesus und die Aufer­weckung des Lazarus durch Jesus. Der Sohn der Witwe und die Tochter des Jairus werden durch Einblasen des (Lebens)atems zu neuem Leben erweckt. Lazarus wird einfach bei seinem Namen gerufen und soll aus seinem Grab heraus kommen. Keiner dieser drei Berichte ähnelt unserer Erhebung. Jedes Mal handelt hier einer mit der Macht oder im Namen einer höheren Autorität.

 

Eine andere Geschichte, die Geschichte vom Golem, hat verblüffende Ähnlichkeiten mit unserer Hiramlegende. Rabbi Löw in Prag formt aus Ton eine Figur und erweckt diese dadurch scheinbar zum Leben, dass er ihr ein Stück Pergament mit dem Tetragrammaton unter die Zunge steckt. Die Ähnlichkeit zu unserer Erhebung liegt auf der Hand. Folgen wir dem Text der Hiram­legende, so hat die Verwesung des Leichnams ein Stadium erreicht, in dem die Knochen frei liegen. Die Knochen sind aus Mineralstoffen, gehören damit genauso zum Element Erde, wie Ton. Auch Adam wird aus Erde erschaffen, ihm haucht Gott jedoch seinen Atem ein.

 

Die Hebung wird durch die Heiligen Worte, die Zauberworte, des 1. und 2. Grad versucht und gelingt schließlich durch das Einflüstern des neuen Worts. Einen Toten zu erwecken oder vielleicht doch eher zu beschwören überfordert – auch wenn es nur symbolisch zu verstehen ist – die Kraft eines Menschen, sogar die eines MvSt. Das kann daher nur durch die Mithilfe der Brüder, verdeutlicht durch die 5 Punkte der Meisterschaft, geschehen. Es ist die Ge­meinschaft der maurerischen Bruderliebe und nicht das Wirken einer göttlichen Macht, die das Wunder der Auferweckung und Aufhebung zu neuem Leben be­wirkt.

 

Auch wenn in der Freimaurerei die Symbolik betont wird, so wird Auferweckung oft mit göttlicher Macht assoziiert, Gott selbst oder seinem Bevollmächtigten. Denken wir diesen Gedanken konsequent weiter, so wird die Freimaurerei so etwas wie eine jüdisch-christliche Sekte. Es wäre daher die Frage zu stellen, im Auftrag welchen Gottes wir solche Totenerweckungen durchführen und wofür Hiram geopfert wird.

 

Das ist eigentlich ein Gedanke, bei dem ich mich nicht wohl fühle; viel eher kann ich mich mit der Vorstellung von Nekromantie an­freunden. Damit stehen wir in der Tradition eines Teiresias, der Laios beschwört, um etwas über dessen Mörder, Ödipus, zu erfahren und der selbst von Odysseus be­schworen wird. Auch Faust und John Dee wird Nekromantie nachgesagt. Am besten kann ich mich jedoch in der Idee wiederfinden, dass in der Hiramlegende symbolisch die ersten Schritte des alchemistischen großen Werks dargestellt sind; also die Johannismaurerei – wie Albert Pike feststellt – das Tor , den Eingang in den Tempel der Freimaurerei dar­stellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur

  • Bankl Hans; Hiram, Biblisches – Sagenhaftes – Historisches, Edition zum Rauhen Stein, Wien 2000
  • Gerigk, P. Manfred, Befreiungstheologie, das Opfer Anmerkungen zu einem religiösen Phänomen; http://www.dominikaner-mission.de, 16. März 2008, 23.55 Uhr
  • Jung Carl Gustav; Psychologie und Religion, Deutscher Taschenbuchverlag 35177, München 2001
  • Messadié Gerald; die Geschichte Gottes, über den Ursprung der Religionen, Ullstein Verlag Berlin 1997
  • Rothmayer Michael; das Opfer, Baustück im 3. Grad, aufgelegt in Loge Aurora zu den 3 Feuern, Orient Klosterneuburg, 29. März 6002 a... l..., Karfreitag

Die Sache mit dem GBAW

… die schöpferische, uns Menschen unerforschliche Wesenheit …, die wir Freimaurer im Symbol des Großen Baumeisters aller Welten verehren…[1]

Der GBAW ist scheinbar ein einfach zu verstehendes Symbol. Meistens denken wir, wenn wir den Begriff GBAW hören, an einen konkreten Gott, vorzugsweise an einen Gott der Buchreligionen, der – ebenso selbstverständlich – theistische Eigenschaften hat. Vielen von uns wird spontan die Buchmalerei aus der Österreichischen Nationalbibliothek oder das Werk von Blake einfallen, welche den GBAW mit dem Zirkel in der Hand die Welt konstruierend zeigen.

Die Sache mit dem GBAW wird dadurch kompliziert, dass die wesentliche Voraussetzung für die Regularität einer Großloge gemäß den Regeln der UGLE die Anerkennung eines „Supreme Being“, eines Höchsten Wesens, eines übergeordneten Seins, eben des GBAW, ist. Ausdrücklich wird von der UGLE in einer Erklärung vom Juni 1983 festgestellt, dass sich die Freimaurerei in keiner Weise an die Gebräuche irgendeiner Religion anlehnt. Das Höchste Wesen ist ein „regulatives Prinzip“, das vom Br... FM mit seinen persönlichen weltanschaulichen-religiösen Vorstellungen zu verbinden ist.

Damit sind jedoch aus meiner Sicht sehr wesentliche Aussagen getroffen. Der GBAW stellt ein – ohne Zweifel – zentrales Symbol der FMei dar. Allerdings ist er eben ein Symbol, und ein Symbol ist nicht die Sache selbst, so wie die berühmte Pfeife in dem Gemälde von Magritte eben keine Pfeife ist. Beim GBAW handelt es sich eben nicht um die freimaurerische Bezeichnung für Gott, Allah, JAHWE. Die Annahme, dass dieses Höchste Wesen theistische Eigenschaften hat ist willkürlich. Wahrscheinlich haben die Brr... im 18. Jahrhundert in England eher ein deistisches Weltbild vertreten. Das Symbol des GBAW ist in der Interpretation offen und steht nicht ausschließlich für einen wie auch immer gearteten Gott.

Das Bekenntnis zum GBAW und die Bibel, das Buch geheiligter Überlieferung, begründen auch keine wie immer gearteten religiösen Minimalanforderungenan an den Freimaurer. Im Dialog an der Pforte des Tempels anlässlich der Aufnahme eines Suchenden antwortet der VM auf die Frage nach der Religion desselben: danach habe ich nicht gefragt.[2]  GBAW und das Buch geheiligter Überlieferung stellen die umfassenden Sinnsymbole der FMei dar und sind als solche von jedem Br... zu respektieren. Der Freimaurer hat sich moralisch, nicht religiös zu verpflichten, ein guter und redlicher Mann soll er sein, ein Mann von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht und Bekenntnis und religiöse Überzeugung, sagen die Alten Pflichten.

FMei ist daher aus meiner Sicht offen für Menschen aller Weltanschauungen und Religionen, sie ist offen für Menschen mit keiner religiösen Bindung im herkömmlichen Sinn, und sie muss auch offen für Agnostiker und Atheisten sein. Jedoch, ein die Werte des Freimaurerbundes verneinender Nihilismus, nicht ein mit humanistischem Denken und Handeln durchaus vereinbarer Atheismus oder Agnostizismus, ist das für einen ethischen Bund unabdingbare Ausschlusskriterium.[3]

Der Auftrag ergeht an jeden einzelnen Br... das zentrale Symbol der GBAW persönlich mit Sinn zu erfüllen. Aus meiner Sicht steht das Symbol des GBAW für ein sinngebendes Prinzip, für eine über das Ich hinausgehende Transzendenz, die nicht religiös verstanden werden muss, sondern auch immanent als Beziehung zum Du und Wir begriffen werden kann, als ein Über-Sich-Hinausgehen und Über-Sich-Hinausblicken innerhalb dieser Welt…[4].

Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung freier Menschen. Freimaurer haben keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Das Symbol des GBAW steht ganz allgemein für die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, das auch die Menschenrechte oder eine Weltformel sein können. Folglich ist Freimaurerei offen für Menschen jedweden religiösen Glaubens und für Menschen, die sich zu keinem religiösen Glauben bekennen. In der Freimaurerei geht es um menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole und rituelle Handlungen.

Durch ihre Symbole und Rituale bewirkt die FMei eine dreifache Einordnung des Freimaurers. Im Habitus des Bruders soll eine moralische Ordnung begründet werden: „Schaue in dich“, … Es soll eine soziale Ordnung begründet werden: „Schaue um dich“, … Und es soll eine kosmologische Ordnung begründet werden: „Schaue über Dich“, die Arbeit des Freimaurers dient einem höheren Sinn, sie erfolgt mit Bezug zur Transzendenz, wobei Transzendenz auch als innerweltliches Wertgefüge verstanden werden kann.[5]

Es ist jedem Br... FM selbst überlassen, ob er an Gott glaubt oder nicht, wie er das Symbol des GBAW für sich persönlich mit Sinn erfüllt. Kein Freimaurer darf einem anderen sein jeweiliges Glaubens- oder Nichtglaubens-Konzept überstülpen. Das Symbol des GBAW ist in der Interpretation offen und steht nicht ausschließlich für einen wie auch immer gearteten Gott.

[1] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[2] Ebenda

[3] Höhmann H.-H.; Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Temmen-Verlag, Bremen 2011

[4] http://www.freimaurerinnen-muenster.de/Wissenswertes, Zugriff 29.12.2019, 18.10 hrs

[5] Höhmann H.-H.; das Ritual in der Humanistischen Freimaurerei; Funktion, Struktur, Praxis; Salierverlag, Leipzig 2016

Jedes Jahr feiern wir das Winter- und das Sommerjohannisfest. Wir nennen uns St.-Johannis-Logen und die Bibel wird bei den Arbeiten im ersten Kapitel des Johannes­evangeliums aufgeschlagen. Für uns ist es also heute selbstverständlich, von St.-Johannis als Patron der Bauleute im allgemeinen und der Freimaurer – insbesondere der regulären – zu sprechen. Das war aber keineswegs immer so. Ein summarischer Überblick zeigt, dass es für die operativen Bauhütten keine einheitliche Tradition in bezug auf den Schutzpatron gab. So war die Straßburger Dombauhütte bis 1515 den Vier Gekrönten geweiht, erst dann führte sie Johannes den Evangelisten im Wappen, für die Rotter­damer Bauhütte war die Patronin 1491 St. Barbara. In England finden wir den Täufer und den Evangelisten, aber auch St. Thomas, St. Alban, oder die Vier Gekrönten. Bei den operativen Logen scheinen die Quatuor Coronati die Johannistradition überwogen zu haben. Allgemeine Verbreitung in der Freimaurerei hat das Johannisfest erst nach den Großlogengründungen gefunden. 1723 schreibt James Anderson in Nr. XII der General Regulations: „…die Brüder aller Logen in und um Westminster sollen bei einer Jahres­versammlung und einem Fest an einem geeigneten Ort zusammentreffen, am Tag Johannes des Täufers oder am Tag Johannes des Evangelisten, wie die Großloge es durch eine neue Verordnung für richtig hält…“.

 

Unter den heutigen FM-Logen ist es so, dass von 838 untersuchten Logennamen weltweit sich 158 auf St. Johannis, 138 auf St. Andreas und 541 auf andere Heilige bezogen (cf: Zur wohltätigen Marianna). Auch in unserer österreichischen Kette wird der Brauch der Johannisfeste begangen, am Winterjohannisfest mit dem Totengedenken und am Sommerjohannisfest mit der An­gelobung der neuen Meister vom Stuhl.

 

Johannes der Täufer war der Sohn eines jüdischen Priesters aus dem Stamm Levi, der sich längere Zeit als Eremit in die Wüste zurückzog. Nach einer Vision kehrte er als messianischer Bußprediger zurück und wurde zum Gründer einer Bewegung, die sich vom damaligen Judentum durch die Praxis der Taufe und die unmittelbare Heilserwartung abhob.

 

In den Evangelien wird seine Rolle so dargestellt, als ob er nur auf Jesus, den Christus, hingewiesen und sich dann bescheiden zurückgezogen hätte. Eher ist jedoch zu ver­muten, dass sowohl Johannes als auch Jesus jüdische Reformbewegungen begründet hätten, was durch das Weiterbestehen von Johannesjüngern im ersten Jahrhundert belegt wird.

 

Nach seiner Enthauptung um das Jahr 30 unter Herodes Antipas wurde er von der spät­antiken Kirche zum christlichen Märtyrer und Heiligen erklärt. Die junge Kirche be­nutzte ihn zusammen mit dem heiligen Cyrus, um in Menuthis bei Alexandria direkt neben dem Tempel der Isis einen konkurrierenden Kult zu etablieren. Der kopflose Johannes sollte den Platz des zerstückelten Osiris übernehmen.

 

Diese Verbindung mit heidnischen Bräuchen wird auch in der Wahl seines Festtages, 24. Juni, deutlich, der heidnischen Sommersonnenwende, daher auch Sunnawendhansl. So konnten heidnische Bräuche, wie die Sonnwendfeuer oder das Verstreuen von Blumen auf Seen unter kirchlicher Tradition weiterleben.

 

Der Täufer steht für das Urlicht und für das Urfeuer, das übernatürliche Licht, das den Geist erhellen wird. Symbol dafür ist die Feuertaufe. Der Täufer sagt über sich selbst: nach mir kommt einer, der euch mit Geist und mit Feuer taufen wird, während ich nur mit Wasser taufe. Genauso erscheint der Heilige Geist zu Pfingsten unter dem Zeichen von Feuerzungen. Das Feuer reinigt und glüht aus, es hilft, die Materie in einen anderen Zustand, den luftigen, geistigen, flüchtigen, überzuführen und damit eine höhere Stufe zu erreichen. Dieses Feuer, das Johannes der Täufer ankündigt, finden wir schon in seinem Namen, denn Johannes, hebräisch Jehohannan, heißt übersetzt: der den Jeho begünstigte, und Jeho ist der Name für den Sonnengott.

 

Im Täufer stellt sich nicht der Fixstern Sonne dar, sondern in ihm verkörpert sich symbolisch das allumfassende und einzige Prinzip, das zur Quelle der körperlichen und geistigen Welt wird; er ist die erste Ausstrahlung der alleinigen Ursache.

 

Im Neuen Testament finden wir drei Schriften, die einem Johannes zugeschrieben werden, das Evangelium, die Briefe und die Apokalypse. Trotz vielfacher Textanalysen bleibt die Autorenschaft des Apostels Johannes für alle drei Texte unentschieden und umstritten.

 

Der Apostel Johannes war nicht nur der jüngste Jünger Jesu, zusammen mit seinem Bruder Jakobus, die Donnersöhne wie sie im Evangelium genannt werden, war er zu­nächst auch Jünger des Täufers. Nach der Kreuzigung Jesu, bei der als einziger an­wesend war, war er neben Petrus bis etwa 52 die bedeutendste Autorität für die juden­christliche Gemeinde in Palästina. Danach soll er mit Maria in Ephesus gelebt haben und schließlich auf der Insel Patmos in der Verbannung einen natürlichen Tod gestorben sein. Als Heiliger bekam er seinen Festtag am 27. Dezember, zur Zeit der Wintersonnen­wende, des 12-tägigen Julfests der Germanen. In der Verbindung mit Weihnachten entsteht sein volkstümlicher Name Blunzenhansl.

 

Am 27. Dezember weihte man früher in den Kirchen einen besonderen Rotwein, den Johanniswein, der als Mittel gegen Vergiftungen galt, weil einer Legende zufolge der Evangelist einmal vergifteten Wein ohne Schaden trank. Hier scheint der jugendliche Apostel Johannes an die Stelle Freyrs, des freundlichen Gottes des Friedens und der Fruchtbarkeit getreten zu sein, dessen Feste sowohl auf Winter- als auch Sommersonnenwende fielen.

 

Das Johannesevangelium unterscheidet sich von den drei anderen Evangelien deutlich. Es ist das jüngste Evangelium und in griechisch, nicht in aramäisch, verfasst. Sein Inhalt erzählt nicht nur die Geschichte vom Leben Jesu wie die anderen, sondern gibt eine esoterische Interpretation von Jesus als dem Christus. Auch scheint es einer vor­christlich hermetisch-gnostischen Tradition nahe und zeigt initiatorische Elemente.

 

Die Briefe – in einem anderen Stil in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Kleinasien verfasst – dürften von einem Presbyter Johannes, einer Autoritätsperson, die noch die Augenzeugen Jesu kannte, geschrieben worden sein.

 

Die Offenbarung oder Apokalypse steht in der Tradition und der Bilderwelt der jüdischen Mystik und damit in der Tradition der Endzeiterwartungen jener Zeit. Ihr Status als kanonisches Buch war in der Kirche lange umstritten. Erst im 8. Jahr­hundert übernahm die römische Kirche die Offenbarung in ihre Leseordnung, während sie für die Ostkirchen bis heute als apokryph gilt.

 

Neben diesen drei Schriftgruppen, die dem Evangelisten zugeschrieben werden gibt es noch eine Reihe weiterer Schriften, wie einen weiteren Evangelientext, eine Lebens­beschreibung Marias und die sogenannten Johannesakten. Sie alle gehören in die Ge­dankenwelt juden- und heidenchristlicher Sekten wie der Mandäer, der Doketisten oder der Gnostiker. Manche Autoren behaupten auch das geheime Weiterbestehen einer Johanneischen Kirche, was durch die besondere Verehrung, die der Apostel Johannes bei den Katharern oder bei den Templern genoss, belegt werden soll.

 

Das Symbol des Evangelisten Johannes ist der Adler, eines der ältesten Symbole, das bei allen antiken Völkern der Sonne geweiht war, bei den Griechen der Vogel des Zeus, bei den Kelten der Vogel der höchsten Gottheit. Bei Griechen wie Römern brachte der Adler das Licht und verkündete Überfluss und Wohlstand. In der Kabbala stellt der Adler den Erzengel Uriel, den Engel des reinigenden Feuers dar.

 

Nach der Tradition ist der Adler mit der Initiation, Sterben und wieder Geborenwerden, verbunden; im Flug setzt er sein Gefieder solange der Sonne aus, bis es komplett verbrannt ist, danach stürzt er sich in klares Wasser, um erneuert und verjüngt wieder geboren zu werden. Schon der Täufer hat diese doppelte Taufe angekündigt.

 

Johannes schreibt über diese Wiedergeburt aus Wasser und Geist im Gespräch mit Nikodemus und berichtet von der tatsächlichen Wiedergeburt des Lazarus. In seinem Prolog lehrt Johannes der Evangelist, dass Gott Geist ist und dass der Logos der Mittler zwischen Gott und dem Menschen ist. Diese Lehre vom Logos ist analog zum Zoroastrismus, in dem aus dem höchsten Wesen Zrva Akaran das Licht hervorgeht, das als Emanation Ormuzd zeugt, der zum Schöpfer einer reinen Welt wird.

 

Das Evangelium der Johannes ist nicht nur das der Erkenntnis, der Einweihung und der Wiedergeburt, es ist vor allem auch das Evangelium der Liebe. Liebt einander ist seine immer wiederkehrende Botschaft; für Johannes ist der, der liebt, im Licht und der, der hasst, in der Dunkelheit.

 

Der Evangelist wird oft mit einem Becher, aus dem eine Schlange kriecht, dargestellt. Diese Schlange ist ein Symbol der Erkenntnis, Auferstehung und der Unsterblichkeit, ein Wächter, wie der Drache, der den Schatz bewacht. Mit einem Becher schenkte Ganymed den Ambrosia aus, der den griechischen Göttern Unsterblichkeit verlieh, der Becher erinnert an den Heiligen Gral, mit dem Jesus der Überlieferung nach Abendmahl feierte und in dem dann Josef von Arimathäa das Blut Jesu auffing. So wird der Becher zu einem Symbol für Erkenntnis und Unsterblichkeit.

 

Die Feste des Täufers und des Evangelisten, 24. Juni und 27. Dezember, markieren zugleich die beiden Positionen im Sonnenlauf des Jahres, an denen zum einen die Finsternis scheinbar über das Licht triumphiert und zum anderen das Licht im Moment seines größten Triumphes der Dunkelheit Raum geben muss. Unsere Logen und unser Logenritual sind stark von diesem Licht – Finsternis Dualismus geprägt und sogar unser Gehen im Tempel, diesem heiligen Raum, geschieht im Sonnenlauf. Die beiden Wendepunkte werden durch den MvSt im Osten und durch den TH im Westen markiert.

 

Wie Johannes der Täufer weist der MvSt auf das Licht hin. Er hat das Urlicht bei der Lichteinbringung in den Osten gebracht und entzündet es bei jeder Arbeit aufs Neue. Durch sein Tun gemeinsam mit den beiden Aufsehern erbaut er eine Welt aus Licht und Ordnung im Dunkel des Chaos. Er wird zum Rufer in der Wüste, wie der Täufer genannt wird.

 

Wie Johannes der Evangelist ist der TH der wahre Eingeweihte. Nur einer, der um alle Geheimnisse weiß, kann eine Pforte bewachen, nur einer, der die vollständige Initiation erhalten hat, kann sich symbolisch den Mächten der Finsternis entgegen stellen und permanent die Schwelle zwischen Fanum und Profanum überschreiten.

 

Vor allem in der englischen Maurerei gibt es in Zusammenhang mit den beiden St.-Johannis eine symbolische Darstellung. Ein Punkt im Zentrum, umgeben von einem Kreis mit zwei parallelen Geraden links und rechts, bei zwölf Uhr ein aufgeschlagenes Buch.

 

Der Punkt ist der einzelne Bruder. Der Kreis symbolisiert das Leben des Bruders, das ihn permanent an Licht und Finsternis heranführt, wo er dem Täufer im vollen Licht und dem Evangelisten in dunkelster Nacht begegnet. Beide stehen warnend und aufmunternd zugleich da. Auch im größten Licht ist die Finsternis nicht fern, aber auf die tiefste Nacht folgt der strahlende Morgen. Über allem aber steht das Buch des Gesetzes, des Lichts über uns, der Stimme in der Brust, des Lichts, aus dem alles kommt und auf das letztlich beide St.-Johannis hinweisen.

 

Abstract:

 

Die drei blauen Grade werden üblicher Weise als Johannis-Grade bezeichnet; dieser Name setzte sich aber erst mit der Großlogengründung von 1717 durch. 1723 bestimmte Anderson in den „General Regulations“, dass das alle Logen am Sommer- oder Winterjohannisfest zusammenkommen sollten.

 

Johannes der Täufer steht für das Urlicht, das übernatürliche Licht, das reinigt und läutert.

 

Der Tradition nach ist Johannes der Evangelist der Autor des gleichnamigen Evangeliums, der drei Briefe und das Apokalypse; darüber werden im einige weitere apokryphe Schriften zugeschrieben, auch soll eine johanneische Kirche bis ins hohe Mittelalter weiter bestanden haben. Sein Symbol, der Adler, weist auf die Taufe durch Feuer und Wasser, die der Täufer verkündet hat hin.

 

Die Festtage von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten, 24. Juni und 27. Dezember, markieren die Sommer- und die Wintersonnenwende. In der Loge markieren diese beiden Wendepunkte der TH und der MvSt. Der TH ist wie der Evangelist der Eingeweihte, der die Pforte bewacht, und der MvSt weist auf das Licht hin, ohne selbst das Licht zu sein.

 

Die beiden Johannes sollen uns Brr... FM immer daran erinnern, dass auch im größten Licht die Dunkelheit nicht fern ist, aber genauso auf die tiefste Nacht der strahlende Morgen folgt.

Literatur

  • Brunold Andreas, Wer war Johannes der Täufer? Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 6, 1999
  • Diestelmann R., Johannisfest, in Stern von Bethlehem, Wesen und Ziel der Freimaurerei
  • Elam Phillip G, St. John the Baptist, Patron Saint, Grand Orator Grand Lodge of Ancient, Free and Accepted Masons of the State of Missouri
  • Elam Phillip G, St. John the Evangelist, Patron Saint, Grand Orator Grand Lodge of Ancient, Free and Accepted Masons of the State of Missouri
  • Lennhoff Eugen, Posner Oskar, Binder Dieter A., internationales Freimaurer Lexikon, Herbig München 2000
  • Meier Peter, Johannes der Täufer – Schutzpatron der Freimaurer, Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 6, 1999
  • Naudon Paul, les Loges de Saint-Jean et la Philosophie Ésotérique de la Connaissance, Dervy-Livres, Paris 1974
  • Richert Thomas, Freimaurerloge oder Johannisloge, in QC-Jahrbuch 39/2002
  • Stegemann Hartmut, die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Herder Spektrum 4128

Instruktion zum Grad des Meisters

Ehrwürdige Meister alle, meine Brüder!

Bei eurer Rezeption wurdet ihr zu Br... FM auf- und angenommen. Die Rezeption ist eine Initiation, denn es handelt sich um eine Neugeburt, einen Aufbruch in ein neues Leben, das Leben als Br... FM.

Die Aufnahme in den Gesellengrad ist eine Beförderung, denn euer Lohn als Gesellen wurde erhöht. Der Geselle geht den als Lehrling begonnenen Weg weiter, lernt dazu und sucht die Auseinandersetzung mit den Mitmenschen.

Die Aufnahme in den Meistergrad ist eine echte Erhebung. Ihr wurdet aus dem Grab aus der Horizontalen in die Vertikale gehoben. Licht strahlt wieder im Tempel, Trauer und Finsternis sind verschwunden. Ihr habt ab nun Teil an der Weisheit Hirams.

Während eurer Lehrzeit als Lehrlinge und Gesellen seid ihr euren Weg im ständigen Bewusstsein der Dualität gegangen, ihr musstet Gegensätze in Verbindung bringen, um sie konstruktiv und fruchtbar werden zu lassen. Das Verhalten der drei untreuen Gesellen in der Hiramslegende ist das Beispiel dafür, was uns allen droht, wenn wir nicht lernen, unsere Leidenschaften zu zähmen. Sie treiben falscher Stolz, Leidenschaft und Ehrgeiz. Die törichten Leidenschaften, vor denen wir in der Aufnahme gewarnt werden, gewinnen in den drei untreuen Gesellen die Oberhand.

Als LL habt ihr euch der Frage gestellt, woher komme ich? Als Geselle hieß die Frage, wohin gehe ich, wo ist mein Platz in der Gesellschaft, was ist mein Auftrag im Leben? Nun nach eurer Erhebung zum Meister kennt ihr eure Pflichten und euren Auftrag als Mensch unter Menschen und wisst, welchen Weg ihr gehen sollt.

Jeder Initiationsweg kann als von der Erde zum Himmel, aus der Dunkelheit zum Licht strebende Stiege verstanden werden. Auf dem Weg der FMei ist die dritte Stufe dieser Stiege die Erhebung zum Meister, sie eröffnet den Weg in die Unendlichkeit. Ihr habt den Sarg, der euch in der Horizontalen hielt, verlassen und strebt nun aufwärts in der Vertikalen, vielleicht sogar bis in den Ewigen Osten.

Eure Erhebung in den Grad des Meisters konfrontiert euch nachhaltig mit der Frage nach dem Sinn eures Lebens und dem Sinn eures Sterbens. Antwort kann und will die FMei euch keine geben, denn finden müsst ihr die Antwort auf eurem maurerischen Weg von Wissen und Weisheit selbst. Die Mittlere Kammer ist – entgegen der Meinung vieler – nicht der Ort, an dem ihr die Antwort auf diese Fragen erhaltet. Ihr erhaltet Werkzeuge, erfahrt aber gleichzeitig am eigenen Leib auch, dass sich diese Werkzeuge gegen euch selbst richten, wenn ihr nicht lernt sie richtig anzuwenden.

...

Als MM wurde euch das Privileg zu Teil euren eigenen Tod im Voraus, zu Lebzeiten zu erleben und zu überleben. Bei jedem weiteren Eintritt in die Mittlere Kammer werdet ihr an dieses Privileg durch den Meisterschritt erinnert. Daher sollt ihr die Angst vor Sterben und Tod ablegen; ihr sollt als freie Menschen bewusst und glücklich leben und gleichzeitig nach den höchsten Werten des Wahren, Guten, Schönen und Gerechten streben.

Die Erhebung führte euch symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte eures eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den ihr im Rahmen eurer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, ward ihr eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, ward ihr Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an wir Brr... MM an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; wir arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist mehr als eine fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, er ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt; er ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge zu verstehen und zu durchschauen. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für (uns) Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

...

Die drei ersten Reisen eurer Erhebung konfrontieren euch mit der Vergänglichkeit alles Lebendigen und zwingen euch, eurer eigenen Sterblichkeit ins Auge zu sehen. Die Totenschädel, die euch der ZM, der TH und der Scha entgegenhalten, erinnern an die eigene Zukunft.

 

Dramatischer Höhepunkt und gleichzeitig Schlussakkord des ersten Teils der Erhebung ist der Blick in ein Grab, euer eigenes Grab. Der Blick in das eigene Grab soll die Aufforderung, über die Endlichkeit des eigenen Lebens nachzudenken, noch einmal einschärfen. Die Endlichkeit des Menschen steht im Mittelpunkt. Erkenne Dich selbst, erkenne deine eigene Sterblichkeit! Beherrsche Dich selbst im Andenken an die Unausweichlichkeit des eigenen Todes! Diese Forderungen gehen weit über das hinaus, was in den beiden ersten Graden gesagt wurde. Damit erhaltet ihr eine Vorschau auf die Dunkelheit, die euch, uns alle, erwartet, wenn das eigene Licht erloschen ist.

 

Auch wenn der Tod für uns kein Gegenstand von Erfahrung und Wissen ist, steht uns die Tatsache unserer Sterblichkeit immer vor Augen, nicht unbedingt weil wir uns wider bessere Einsicht doch über die Grenze unseres Erlebens und unserer Erkenntnis wegschleichen wollen, sondern gerade weil uns die sichere Gewissheit schreckt, dass der Tod das Ende unseres individuellen Lebens und damit aller unserer Ansprüche und Chancen ist. Mit dem Tod hört das Selbst mit einem Mal auf zu existieren, was schwer vorstellbar ist und die meisten Menschen ängstigt.

 

Für Martin Heidegger[2] ist der Tod, falls er >ist<, wesensmäßig je der meine. Und zwar bedeutet er eine eigentümliche Seinsmöglichkeit, darin es um das Sein des je eigenen Daseins schlechthin geht.[3] Heidegger bezeichnet diese Seinsmöglichkeit auch als Sein zum Tode. Der Tod sei eine Weise zu sein, die das Dasein übernimmt, sobald es ist; als Ende des In-der-Welt-seins, das kein Zu-Ende-sein des Daseins, sondern ein Sein zum Ende dieses Seienden bedeute.[4] Das Sein zum Tode wird gewissermaßen als eine Art von Wissen um die eigene Endlichkeit und Sterblichkeit gefasst  und manifestiert sich einerseits in Sorge, im Sich-vorweg-sein des Daseins andererseits in Angst. Das Sein zum Tode ist wesenhaft Angst[5], sagt Heidegger und noch deutlicher Da-sein heißt: Hineingehaltenheit in das Nichts.[6]

 

Der antike Philosoph Epikur[7] kommentiert die Unausweichlichkeit des Todes so: Das schauererregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht; wenn wir sind, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind wir nicht. Er betrifft also weder die Lebenden noch die Gestorbenen, da er ja für die einen nicht da ist, die andern aber nicht mehr für ihn da sind.

 

Epikur will den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen, was aber nur schwer gelingen will. Denn der Tod ist stets da, wo wir sind, zumindest in dem Sinne, dass wir ständig in der Welt, in der wir leben, erfahren, mit ansehen, erleben und damit fertigwerden müssen, dass gestorben wird. Wir bekommen mit, wie um uns herum andere Menschen – und Tiere – sterben. Insofern ist der Tod da, wo wir sind, und er berührt uns auch.

 

Der Tod ist für den Menschen als metaphysicum[8] und nicht als physische Gegenwart von Bedeutung. In dem Maß als das Bewusstsein von meiner Sterblichkeit, von meinem eigenen Tod meine Lebensführung beeinflusst und beeinträchtigt, ist der Tod als Metaphysisches in seiner physischen Abwesenheit anwesend. Nicht die Furcht vor dem Tod, sondern Bereitschaft soll unser Leben begleiten.

 

Epikur weist uns darauf hin, was der eigene Tod für den Einzelnen bedeutet. Im Blick auf den eigenen Tod ist in dem Hinweis auf das Ende der Bewusstseins- und Erlebenskontinuität, durch welches das Problem für das erlebende Bewusstsein gegenstandslos wird, die Lösung zu sehen. Die Lösung des Todesproblems für den Einzelnen besteht demnach in nichts anderem als in dem Hinweis auf das vollständige Ende, das alle weitergehenden Vorstellungen gegenstandslos macht – und damit auch alle Befürchtungen, weil es das Ende aller Möglichkeiten des Erlebens ist, über das hinaus wir nichts mehr zu fürchten hätten.

...

Der zweite Teil der Erhebung ist das Mysterienspiel vom gewaltsamen Tod und der Grablegung unseres Meisters Hiram. Der Kandidat und die handelnden Beamten ändern dabei zwei Mal ihre Rollen; der Kandidat wechselt vom ehrgeizigen Gesellen zum vollkommenen Meister, die Hammer führenden Meister wechseln zunächst in die Rolle der ruchlosen Gesellen, die den vollkommenen Meister erschlagen und dann in die Rolle der suchenden Meister.

 

Das Mysterienspiel von der Ermordung unseres Meisters Hiram endet mit dessen Grablegung. Das Grab, welches der Kandidat noch vor kurzer Zeit als eine ferne Möglichkeit gesehen hat, wird nun für ihn zum konkreten Erleben. Danach folgt ein besonderer Höhepunkt des initiatorischen Erlebens des Kandidaten, seine Erhebung durch die Fünf Punkte der Meisterschaft. In der anschließenden kurzen Instruktion belehnt der VM den neu erhobenen Meister mit dem Schurz des Meisters und gibt ihm Zeichen Wort und Griff bekannt. Ein neuerlicher Höhepunkt ist das Überschreiten des Grabs mit dem Meisterschritt. Der zweite Teil der Erhebung schließt still mit der vierten Wanderung. Dabei soll der junge Meister das Erlebte in Stille reflektieren und gleichzeitig die Hoffnung auf Überwindung des Todes erfahren.

 

Zweimal ist dem Br... FM im Rahmen seiner Initiation die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod auferlegt, denn für jede Wiedergeburt ist der Tod unumgänglich, das erste Mal bei seiner Rezeption in der Dunklen Kammer, das zweite Mal bei seiner endgültigen Initiation in der Mittleren Kammer. Dieser zweite Tod entspricht der Vollendung des großen Magisteriums, bedeutet die vollständige Hingabe seiner selbst.

 

Die Mittlere Kammer ist der Ort, an dem der Hieros Gamos, die chymische Hochzeit stattfindet, der Ort, an dem die Spannung der Dualität aufgehoben wird. Der Kandidat wird zum Stein der Weisen. Im Meistergrad wird so das große Werk durch Königsmord, Verwesung und Wiederauferstehung symbolisch dargestellt. Das alte Meisterwort – (angeblich Jehova) – ist verloren und wird durch das neue Meisterwort – Makbenak (e...l...i...S...) – ersetzt. Symbolisch vereinigt sich der neue Meister damit mit Hiram, und die Traditionskette aus Tod und Wiedergeburt findet einen neuen Anfang.

 

Das verlorene Wort ist der Schlüssel zum Werk. Dieses Elixier zu finden, bedeutet Anfang und Schluss zusammenzubringen und damit den Uroboros, dieses Symbol für ewige Wiederkehr und Unendlichkeit, zu vollenden. Der Meister muss den mystischen Weg aus Purgatio, Illuminatio und Unio gehen. Am Anfang und am Ende dieses Wegs – wobei das Ende der Anfang und der Anfang genauso das Ende sein können – stehen Mortificatio und Putrefactio[9], die Bemühung ans Ziel und damit an den Neuanfang zu gelangen.

 

Die heiligen Worte des ersten und zweiten Grades sind nicht stark genug, um den Kandidaten zu heben. Es bedarf der Stärke der fünf Punkte der Meisterschaft, das große Werk zu vollbringen. Der Zusammenschluss der fünf äußeren Punkte zu einer lebendigen Kette versinnbildlicht innere Einigkeit. Die Vereinigung von Fuß zu Fuß, von Knie zu Knie, von Brust zu Brust, die verschlungenen rechten Hände und die gleichzeitige Geste des linken Armes sind Zeichen einer engen Gemeinschaft. Der Entschluss, gemeinsam einem Ziel zuzustreben (Fuß), denselben Kult der Arbeit zu befolgen (Knie), dieselben Gefühle zu teilen (Brust an Brust), fest zusammenzuhalten (rechte Hände) und sich gegenseitig zu unterstützen (linke Arme), ist Ausdruck einer immerwährenden Umwandlung und Höherentwicklung des Menschen. Die fünf Punkte der Meisterschaft deuten Freundschaft und Einigkeit an, denn wir stehen auf einem Boden und gehen einen Weg, bereit dem Bruder zu Hilfe zu eilen und willens, Gnade für ihn zu erbitten, dem Fall des Bruders zuvorzukommen, ihn zu heben, uns einander gegenseitig das Herz offen zu halten und einander womöglich herzlich zu lieben.

 

Der Meisterschritt symbolisiert Geburt – Leben – Tod. In der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod spielt sich die ganze menschliche Existenz ab, mit all ihren Höhen und Tiefen und mit all jenen Möglichkeiten, die dem Menschen offenstehen. Der erste der drei Schritte, der den Lebensbeginn symbolisiert, geht hart ans Nichts, an der ewigen Nacht vorbei. Mit dem rechten Fuß, dem Todesfuß von alters her, streift der Maurer den Sarg. Es ist bloß ein Streifen, aber bereits ein Mahnen, dass das Leben nicht nur aus irdischen Freuden besteht. Der Mensch soll ermuntert werden, über seinen künftigen Weg nachzudenken. Er soll aus der Jugend heraus der Reife zustreben; er muss Hindernisse überwinden, seinen Willen stählen, seine Erfahrungen klug auswerten. Dieser erste Schritt soll den Meister daran erinnern, dass er aus Erde ist und zur Erde zurückkehren wird. Am Ende des Ersten Schritts befindet sich der Maurer im Süden, im vollen Licht seines Lebens, in der Fülle seines Schaffens, in der Mitte seines Daseins. Im hellen Licht und in voller Kraft können alle menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Nach Abwiegen von Gut und Böse kann die Entscheidung über die künftige Richtung getroffen werden. Gute wie schlechte Erfahrungen, Freuden und Enttäuschungen haben sich im Besitz des Bruders angesammelt, ein Besitz, der nicht tote Masse sein soll, sondern ein lebendiges Kapital voller Anregungen zum Denken und Handeln. Um zu einem gesteckten Ziel zu gelangen, gibt es viele Wege, aber alle führen über die Arbeit an sich selbst.

 

Der zweite Schritt über den Sarg führt den Maurer nach Norden, wo es kein Licht, keine Wärme, keine Schönheit mehr gibt. Der Bruder muss auf die Schattenseite des Lebens zurücktreten, um den Unterschied zwischen Norden und Süden kennen zu lernen und um sein Leben von einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten. Im Norden, auf dem Abstieg des irdischen Lebens sind die äußeren Reize nicht mehr ausschlaggebend, es zählt nur noch der innere Reichtum. Der zweite Schritt erinnert daran, dass das rechte Leben des Menschen nicht dem eigenen Ich gelten soll, sondern, dass er sich vielmehr mit voller Kraft dem Wohle der Menschheit zuwenden soll. Umwertung und Neudeutung der Werte sollten jetzt stattfinden, denn viel Zeit zur Fortentwicklung bleibt nicht mehr.

 

Der dritte Schritt, der letzte Schritt, führt geradlinig in den leuchtenden Osten durch den Tod hindurch und über den Tod hinaus. Mit diesem letzten Schritt wird der Sarg nicht nur gestreift, sondern überschritten. So gelangt der Maurer nach Osten, in das Licht der aufgehenden Sonne des neuen Tages, des neuen Lebens. Das letzte, was ein Mensch besitzt, muss er opfern, um diesen großen und letzten Besitz zu erreichen. Mit diesem Schritt lässt der Bruder alles Irdische hinter sich.

...

Der dritte Teil der Erhebung hat inhaltlich und dramaturgisch nichts mit den ersten beiden Teilen gemein. Verliefen die Wanderungen eins bis vier gegen den Sonnenlauf, so folgen die Wanderungen fünf bis sieben dem Lauf der Sonne. Das fahle Licht des Mondes wird von dem strahlenden Licht der Sonne abgelöst. Die Musik ist mit einem Mal nicht mehr nachdenklich und traurig, sondern fröhlich und überschwänglich. In älteren Ritualen wird auch das Ersetzen der abnehmenden Mondsichel an der Ostwand des Tempels durch ein Hexagramm, dem Siegel Salomos, mit einem goldenen Punkt in der Mitte gefordert. Und wir, die Brr... der L Aurora z...d...3 Feuern, drehen Schurz und Bijou auf die Tagseite um.

 

Der neu erhobene Meister reist zu den kleinen Lichtern und bringt Licht von jeder Säule, um die Loge zu erleuchten. Das Pult des MvSt, gewissermaßen sein Reißbrett, ist zu diesem Zeitpunkt noch immer vom Uroboros beherrscht. Damit ist die Loge an diesem Ort noch immer ohne Licht. Im ersten und zweiten Grad leuchten diese Lichter dauernd, doch im Meistergrad erfahren wir, dass diese Lichter, analog zu den drei kleinen Lichtern, immer wieder aufs Neue in uns entzündet werden müssen.

 

Proklamation und Akklamation des neu erhobenen Bruders Meister schließen den dritten Teil der Erhebung und die gesamte Erhebung ab.

 

Nachdem der neuerhobene Meister den Tod und die Rückkehr ins Leben als neuer Hiram erlebt hat, kann er hinaus in ein neues Leben aufbrechen auf der Suche nach der wahren Meisterschaft und der werden, der er sein könnte. Um seine Mitte zu erreichen, muss sich der Maurer zunächst seiner eigenen Sterblichkeit stellen und nach dem Sinn seines vergänglichen Lebens fragen. Die Vergegenwärtigung des eigenen Todes birgt die Freiheit des Individuums von seinen Zwängen in sich.

 

Unser Br... Wolfgang Amadeus Mozart schreibt an seinen Vater nach dessen Erhebung: Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen bekannt gemacht, dass sein Bild allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat, mir die Gelegenheit (Sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen[10]. Mozart spricht davon, dass aus der Erfahrung des Todes, wie sie die Brr... FM in der Erhebung machen, die Erfahrung der inneren Freiheit entsteht. Ich möchte die Einstellung Mozarts, die mir die Einstellung eines echten Freimaurermeisters zu sein scheint, so zusammenfassen: erst wenn der Tod dein bester Freund ist, bist du wirklich frei.

...

Meine lieben Brr... neu erhobene MM!

Eure Initiation in den Bund der Freimaurer ist abgeschlossen. Ihr habt die letzte, die entscheidende Stufe eurer Einweihung mit dem Schritt über das Grab, euren eigenen Kadaver, erreicht. Das Heilige Buch bleibt geschlossen, denn ihr habt nun das volle Wissen. Der Zirkel liegt über dem Winkelmaß, er fordert euch damit auf, über euch selbst hinaus zu schauen. Hirams Grab ist das Symbol der Überlieferung des ganzheitlichen Wissens des Meisters, der wertvolle Fundus unserer humanitären Weltanschauung. Es gibt also keinen Grund, untätig zu bleiben, denn Warten verlängert die Zeit nicht, die dem Meister bleibt.

 

Das Werkzeug, mit dem ihr als Brr... FM – MM nun arbeitet, ist das Reißbrett. Der Schritt über das eigene Grab soll für euch Befreiung sein, soll euch frei machen für ein neues Leben, …als Meister zieht ihr hinaus und beginnt ein neues Leben…[11]. Auch wenn es in der Eröffnung der Meisterloge heißt, dass es der Zweck unserer Arbeit sei, des eigenen Todes zu gedenken[12], so ist damit nicht eine pathologische Todessehnsucht oder der eigene definitive Tod gemeint; als MM sollt ihr euch frei von Raum und Zeit, frei vom Alltag und der Profanei bewusst werden, was den FM – M als solchen auszeichnen soll. Der freie Mensch denkt über nichts weniger als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben[13], sagt Baruch de Spinoza und Michel de Montaigne meint: Das Vorbedenken des Todes ist Vorbedenken der Freiheit[14].

 

Aus der Erkenntnis des Todes habt ihr gelernt, dass das einzige was zählt, das Jetzt ist. Gestern und Morgen sind kein Thema mehr. Das Leben lässt sich nicht zwei Mal leben, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, ein Augenblick kann weder auf- oder festgehalten werden, noch kehrt er zurück. Die Zukunft hat noch nicht begonnen, auf die Unwägbarkeiten, die die Zukunft mit sich bringt, habt ihr keinen Einfluss, aktiv gestalten könnt ihr die Zukunft nicht, ihr werdet nicht gefragt, ob ihr damit einverstanden seid, was das Leben so bringt. Damit wird …des eigenen Todes zu gedenken[15]… zum kategorischen Imperativ des FM – M. Euer symbolischer Tod als Hiram beinhaltet einen klaren Auftrag, es muss das Jetzt gerechtfertigt sein.

 

Anstatt sich spekulativen Fragen, die nicht zum Bereich des natürlichen Wissens gehören, zuzuwenden, gilt es, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Hier und Jetzt auseinander zu setzen. Statt Antworten auf Fragen des Unendlichen und des in völliger Ferne Stehenden spekulativ zu erforschen, lautet die sittliche Forderung des Meistergrads, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

 

Anders als die Religionen, die mit den verschiedensten Lehren vom Weiterleben nach dem Tode versuchen, der ausweglosen Endgültigkeit den Schrecken zu nehmen, gibt die FMei keine Antwort auf die Fragen nach einem Leben nach dem Tode oder einer Wiedergeburt. Sie weist uns im 3.° darauf hin, dass wir unser Leben und Handeln so einrichten sollten, als hätten wir (nach dem Tode) keine zweite Chance, Vergehen zu korrigieren oder moralische Verfehlungen zu verbessern. Das steigert den Anspruch auf eine bewusste, sittliche Lebensführung; die Endlichkeit des Daseins erfordert besondere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt, denn jederzeit kann das eigene Leben enden … Unsere Reise von der Geburt zum Tode soll eine Wanderung zur Vollkommenheit sein[16]

 

Der Meistergrad ist der notwendig letzte Grad, er entspricht einem Ideal, das uns als eine Aufgabe gestellt ist; wir müssen nach diesem streben, auch wenn seine Verwirklichung über unsere Kräfte geht. Niemals wird unser Tempel vollendet sein. Keiner von uns soll erwarten, das Ziel zu erreichen und in sich den wahren ewigen Hiram auferstehen zu sehen.

 

Die Vollendung des maurerischen Werkes kann nur dann gelingen, wenn die schaffenden Kräfte des Künstlers vereinigt werden und im Geiste der konstruktiven Arbeit und brüderlichen Toleranz zur Anwendung kommen. Wenn der Lehrling durch die Werkzeuge zur praktischen Arbeit angehalten wird, der Geselle Erfahrungen sammelt und mit Sorgfalt beobachtet, so besteht die gemeinschaftliche Aufgabe der MM in der Erneuerung der Traditionen und der Einleitung des Fortschrittes. Als MM, beseelt vom wahren Geist der Kunst und dem Großen Werk der Maurerei verschrieben, überwindet ihr die Täuschungen der Außenwelt durch Denken. Eure Überlegenheit baut sich auf die Fähigkeit auf, tiefer in das Wesen der Dinge eindringen zu können.

 

Als FM – MM gehört ihr einer Elite an, nicht weil ihr die höchste Initiation unseres Bundes erreicht habt, nicht weil ihr mehr wisst als andere, insbesondere LL und GG. Die Pflichten des FM, die weit mehr als das unmittelbar Persönliche (Tugend der Verschwiegenheit, Menschlichkeit und Brüderlichkeit) umfassen, streichen das Besondere eines Br... hervor. Eure Zugehörigkeit zu einer Elite begründet sich dadurch, dass wir Brr... FM uns alle einer konkreten Aufgabe verschrieben haben und mehr bewirken wollen, …das Wohl der Menschheit … dass wir für die eine Welt arbeiten wollen, die frei werde von Parteigeist und Feindschaft, Gewalt und Zerstörung, eine Welt, in der die Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit streben, nach Frieden und Harmonie…[17].

 

Als Brr... MM arbeitet ihr im Zentrum zwischen Winkelmaß und Zirkel; ihr vermittelt, zwischen Materie und Geist, Himmel und Erde, Vernunft und Gefühl. Ihr seid Meister eurer Leidenschaften und handelt mit Weisheit, Umsicht und Mäßigung. Indem ihr Extreme vermeidet, geht ihr den Weg der Mitte, wie ihn die östlichen Weisheitslehren kennen; ihr seid daher fähig, euren ausgewogenen Lebensplan auf dem Reißbrett zu entwerfen.

 

Symbolisch seid ihr der goldene Punkt in der Mitte des Hexagramms; das Hexagramm, in dem sich Oben und Unten genauso wie die vier Elemente verbinden. Ihr seid der Punkt in der Mitte, der Br... M, der alle Spannungen auszugleichen versteht. Ihr habt die Peripherie des Rades, wo zentrifugale Kräfte herrschen, verlassen und steht nun in der Mitte, in der Achse. So wie die Achse das Rad ohne eigene Bewegung hält, so sollt ihr als MM von nun an euer Leben führen, ohne euch von euren Leidenschaften und Trieben beherrschen zu lassen. Laozi, ein östlicher Meister des Wegs der Mitte, beschreibt diese Art zu leben so:

 

Der Weise [Meister] lässt sich nicht blicken, er leuchtet.

Er drängt sich nicht auf, er wird wahrgenommen.

Er preist sich nicht an, er wird wegen seiner Verdienste gefunden.

Er drängt sich nicht vor, sondern schreitet voran…

Der Weise [Meister] erreicht große Dinge, ohne selbst große Aktionen zu setzen.

Sich selbst zu erkennen, ist die höchste Weisheit.

Die Anderen zu kennen, ist Weisheit.

Der Weise [Meister] achtet alles, vor allem achtet er sich selbst.

Der Weise [Meister] sieht das Ganze, nicht das Detail.

 

 

[1] Br... M. L., Zeichnung in der DL Telos, 2019

[2] Martin Heidegger, 26.09.1889 – 26.05.1976

[3] Heidegger M., Sein und Zeit, Tübingen 2006, zitiert nach Macho M., das Leben nehmen, Suizid in der Moderne, Suhrkamp 2017

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Heidegger M., Was ist Metaphysik? In ders., Wegmarken, Frankfurt/Main 1967, zitiert nach nach Macho M., das Leben nehmen, Suizid in der Moderne, Suhrkamp 2017

[7] Epikur (341 vuZ – 271 vuZ), Brief an Menoikes

[8] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek Band 124, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2006

[9] …die Haut löst sich vom Fleisch…, …das Fleisch löst sich vom Bein…, Ritual der Erhebung, GLvÖ 2011

[10] Mozart Wolfgang Amadeus (1756 – 1791), Brief vom 4. April 1787 an seinen Vater Leopold Mozart (1719 – 1787) kurz nach dessen Erhebung zu Freimaurermeister

[11] Ritual der Erhebung, GLvÖ 2011

[12] Ebd.

[13] de Spinoza Baruch (1632 – 1677)

[14] de Montaigne Michel (1533 – 1592), Essaie I, 20, Que philosopher, c’est apprendre mourir

[15] Ritual der Meisterloge, GLvÖ 2011

[16] Ritual der Erhebung, GLvÖ 2011

[17] Ritual der Beförderung, GLvÖ 2011

Warum es sich zu leben lohnt – Freimaurerei als Lebenskunst

Möge der Maurer, wenn die letzte Stunde, die Stunde der Wahrheit, gekommen ist, auf gute Arbeit und ein erfülltes Leben zurückblicken können.[1] Diese Mahnung gibt der MvSt dem Kandidaten, wenn dieser während der Erhebung in das offene Grab, sein eigenes Grab, blickt. Aufgabe eines Br... M ist es also, auf Grund seiner eigenen Entscheidung ein gutes, gelingendes und letztlich geglücktes Leben zu verwirklichen. Es geht um Lebenskunst, ein Begriff, der von Friedrich Schlegel zum ersten Mal als Lebenskunstlehre verwendet wurde[2]. Lebenskunst ist dabei zentriert um die Fragen der Selbsterkenntnis, Selbstaufklärung, Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung. Unter Lebenskunst ist nicht das leichte, unbekümmerte Leben zu verstehen, nicht das, was uns spontan zu dem Typ Lebenskünstler einfällt, sondern eine bewusste und überlegte Lebensführung. Lebenskunst ist ein anspruchsvolles Programm, weil sie neben einer weitgehenden Hermeneutik[3] seiner selbst, die außer dem Verstehen auch die Auslegungen seiner selbst umfasst, und einer handlungsbezogenen, an spezifischen ethischen Kategorien orientierten Praxis, die mit Arbeit, Einübung und Disziplin verbunden ist, auch mit einem ästhetischen Stil einhergeht, der originellen ästhetisch-künstlerischen Kriterien entsprechen soll.

 

Lebenskunst bedeutet eigene Gesetzlichkeiten auszubilden, die Richtlinien des eigenen Lebensselbst zu finden, ästhetische Selbsterfindung mit spielerisch – ethischer Selbstbeherrschung zu vereinigen, die Idee eines schönen, eines geglückten Lebens verknüpft mit Produktions- und Werkästhetik, aber auch mit Rezeptionsästhetik. Gestaltend gestalten wir uns selbst, wobei sich die Kunst nicht in das Leben und das Leben sich nicht in der Kunst auflösen sollte.

 

Ist Kunst in der Antike und im Mittelalter ein praktisches, auf Herstellung zielendes Wissen, ein regelorientiertes Handwerk, welches das Leben auf das Wahre, Gute und Schöne ausrichten soll, so wird unter Kunst in der Moderne Kreativität, Erneuerung, Expressivität, Schöpfertum verstanden. Individualismus gilt als Kennzeichen der Moderne und moderner Lebensführung. Ein „moderner“ Lebenskünstler ist also jemand, der seinem Leben einen originellen Anstrich verleiht. Und das ist Faszination und Gefahr zugleich! Folge ich dem modernen Konzept von (Lebens)kunst, das keinerlei hermeneutische, praktische oder ästhetische und utilitaristische Vorgaben mehr macht, so endet das Konzept Lebenskunst in einer Beliebigkeitskunst, welches sich auf den Slogan – Tu, was du willst[4] – reduzieren lässt. Orientiert sich das Konzept Lebenskunst an Kriterien und Regeln, so grenzt sie Originalität und Spielräume wieder ein. Lebenskunst wird damit zu einem paradoxen Versuch, zu einem offenen Programm der Vorschriften, das Spielräume der Selbstvorsorge öffnet, doch in der Art und Weise, wie sie diese öffnet, zugleich Gefahr läuft, diese auch wieder zu schließen.

 

Das durch Lebenskunst erworbene Wissen steht unter der Spannung, einerseits radikal individuell zu sein, andererseits aber immer wieder anderen als verbindlich zugemutet zu werden. Nach Kant ist diese Spannung eine ästhetische; denn wenn – so Kant in seiner Kritik der Urteilskraft – jemand etwas für schön ausgibt, so mutet er anderen eben dasselbe Wohlgefallen zu: er urteilt nicht bloß für sich, sondern für jedermann, und er spricht alsdann von der Schönheit, als wäre sie eine Eigenschaft der Dinge[5]. Kunst und Lebenskunst lassen sich dem anderen zumuten, weil man weiß, dass sie individualistisch bleibt.

 

Leben wird damit zu einem permanenten ästhetisch – ethischen Selbstversuch. Ich bin permanent Planungsbüro, Bauplatz, Inszenator und eigenes Publikum[6]. Das Experiment, die Erfahrung, der Umweg, die Abschweifung, das andere Denken und der Fantasie freien Lauf lassen zielen darauf, Lebensversuche zu inszenieren und sich gleichsam durch Lebensereignisse in Versuchung bringen zu lassen. Michel de Montaigne, der nicht nur Essais schreibt, sondern auch seine Essais lebt, ist ein perfektes Beispiel für diese Art zu leben; er beschreibt seine Herangehensweise so: Meine Auffassung und mein Urteil bilden sich nur mühsam; ich taste, ich schwanke, ich stoße mich, ich strauchle fortgesetzt; und wenn ich so weit gekommen bin, wie es mir möglich ist, dann bin ich mit mir keineswegs zufrieden. Ich sehe dahinter noch Land, das es zu entdecken gilt, aber undeutlich und in einem Nebel, den ich nicht durchdringen kann. […] Ich habe hier kein anderes Ziel, als mein Inneres aufzudecken. Vielleicht bin ich morgen schon wieder anders, wenn eine neue Lebenserfahrung auf mich eingewirkt hat. […] Ich sehe nichts, auch nicht in meinen Träumen und in meinen Wünschen, womit ich mich dauernd zufrieden geben könnte. Nur der Wechsel ist lohnend und die Möglichkeit, mich so oder so zu entscheiden. […] …, wie schön ist die Abwechslung durch diese munteren Seitensprünge […][7]. Es ist Michel de Montaigne existentiell ernst damit, Essais, also Versuche, keineswegs nur in der Schrift, sondern im Leben anzustellen, Experimente zu machen und auf diese Weise Erfahrungen zu sammeln. Er will die Möglichkeiten des Lebens selbst erfahren und erproben.

 

Es gibt keine allgemein verbindlichen Regeln und Strukturen der Lebenskunst, die inhaltlich substantiell sind. Was es gibt, sind die Erfahrungen anderer Lebenskünstler und die eigene Erfahrung von Alternativen. Damit gibt Lebenskunst keine einfachen Antworten, sondern eine Vielzahl an manchmal komplexen Perspektiven und Angeboten. Für solche experimentelle Perspektiven und Angebote ist in einer funktionell ausdifferenzierten Gesellschaft der Gegenwart die Kunst zuständig. Kunst kann Entwürfe von neuen Lebensmodellen entwickeln und erproben und damit Antworten auf die Fragen des Lebens finden. In einer Welt, in der die Diskontinuität der Phänomene die Möglichkeit für ein einheitliches Weltbild in Frage gestellt hat, zeigt sie [die Kunst] uns einen Weg, wie wir diese Welt, in der wir leben, sehen und damit anerkennen und damit unsere Sensibilität integrieren können[8], meint Umberto Eco. Mit einer Art Montagetechnik ist Lebenskunst der Versuch, die Widersprüchlichkeiten des Lebens, Subjektivität, biografische Erfahrungen, soziale Rollen und individuelle Perspektiven zu einer Lebenscollage zu montieren, die ein Maximum an Schönheit und Glück verspricht. Der Zugang der (Lebens)kunst erlaubt eine größere Wahrnehmungs-, Wahl-, Entscheidungsstrategie gegenüber den sich schnell wandelnden sozialen und kulturellen Umständen. Somit wird das Ziel der Lebenskunst ein schönes und günstiges Leben[9], welches derjenige zu führen vermag, der in seinem Leben Entscheidungen getroffen bzw. Weichen gestellt hat, die sich für seine Selbstentfaltung als günstig erweisen.

 

Wie jede Kunst bedarf auch die Lebenskunst eines Materials, dem in irgendeiner Weise Form zu verleihen ist. Das Material des Lebenskünstlers ist sein eigenes Leben – nicht so sehr das Leben im biologischen Sinne -, sondern das Leben, so wie er es lebt, vollzogen durch Akte des Lebens, die von einer relativ willkürlichen Anhäufung struktureller und kontingenter Faktoren bedingt sind – äußerlichen, von außen herrührenden und innerlichen, im Subjekt selbst verankerten Faktoren. So wie Holz das Material des Zimmermanns ist, Bronze das des Bildhauers, so ist das Material der Lebenskunst das Leben jeden einzelnen, sagt der Stoiker Epiktet. Da findet sich Existentielles, das die Grundlagen und Grundfragen der Existenz berührt, also das, was Leben überhaupt ermöglicht oder verunmöglicht und daher tiefer greift als anderes, und Akzidentelles, das nicht den Kern der Existenz betrifft, sondern in seiner Zufälligkeit beiläufig ist. Bunt zusammengewürfelt aus all dem ist die große Fülle des Materials des Lebens, bestehend aus Affekten, Erfahrungen, Beziehungen, Begegnungen mit Anderen, Träumen, Gedanken, Ängsten, Schmerzen, Wünschen, Lüsten, Zufällen, Zwängen usw. – eine amorphe Masse, die, wenn sie sich nicht im Disparaten, Diffusen, unentwegt in Transformation befindlichen verlieren soll, der Formung und Gestaltung bedarf. Das ist Lebenskunst, eine fortwährende Arbeit der bewussten Gestaltung des Lebens und des Selbst, um daraus ein Kunstwerk zu machen[10].

 

(Lebens)kunst ist die Arbeit der Gestaltung, die der Künstler im Grunde auf sich selbst richtet. Sein Leben soll aufgrund seiner bewussten Wahl Form bekommen, bezogen auf das Selbst (Selbstgestaltung) und auf das reflektierte Leben des Selbst mit sich und in der Vernetzung mit anderen, das Leben in Gesellschaft, in sozialen und ökologischen Zusammenhängen (Lebensgestaltung).

 

Damit rückt die Frage nach der Wahl, die der Mensch hat, um sich ein solches Leben zu ermöglichen, in den Mittelpunkt der Lebenskunst[11]. Individuelles Lebensglück, die Erfahrung des eigenen Sinns und Wohlbefindens sind nur durch das Erkennen der realen Möglichkeiten und durch kluge Wahl möglich. Was jemand aus seinem Leben macht, ist eine Frage der Selbstaneignung des eigenen Lebens. Schönes und glückliches Leben lässt sich als Balance zwischen dem eigenen Wollen und den fremden Anforderungen und Einschränkungen bestimmen. Voraussetzungen dafür sind dabei neben der Selbstbefreiung von unnötigen Abhängigkeiten auch selbstgewählte Beziehungen wie Freundschaft – auch zu sich selbst – und Liebe. Diese helfen dem Menschen, die richtige Wahl zu treffen. Auch wenn die Wahlmöglichkeiten durch strukturelle und herkunftsbezogene Bedingungen oft beschränkt sind, so lässt sich doch die Erfahrung machen, dass es in Lebensführung und Lebensgestaltung vor allem auf Sensibilität, Gespür und Klugheit ankommt. Im praktischen Lebensvollzug scheint es doch so etwas wie eine kluge Wahl zu geben, die ein schönes Leben und Sterben möglich macht.

 

Die Endlichkeit des Lebens ist das maßgebliche Argument dafür, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene Wahl zu treffen. Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben. Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn wohl erfinden, um nicht ein unsterblich langweiliges Leben zu führen, das darin bestünde, das Leben endlos aufzuschieben[12], meint der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid.

 

Diese Grenze gibt dem Leben, unabhängig von den Formen, in denen es gelebt wird, die existentielle Form. Nur der Tod als Grenze macht dieses Leben zum eigenen Leben eines Selbst. Es ist diese Grenze des Todes, der die Freude am Leben zu verdanken ist. Lebenskunst besteht darin, im Bewusstsein dieser Grenze leben zu lernen. Michel de Montaigne definiert den Tod nicht als Ziel (but), sondern als das Ende (bout), seinen Abschluss, seinen absoluten Endpunkt, nicht seinen Zweck[13]. Lebenskunst lehrt, den Tod als Teil des Lebens gelassen an- und hinzunehmen. Montaigne fasst das in folgenden, ausgesprochen humorvollen Sätzen zusammen: Ich will also durchaus, dass man werke und wirke und die Aufgaben des Lebens so lange wahrnehme, wie man kann. Ich will, dass der Tod mich beim Kohlpflanzen antreffe – aber derart, dass ich mich weder über ihn noch gar über meinen unfertigen Garten gräme[14]. Die Unausweichlichkeit des Todes ist Teil unserer Lebensrealität, und die wahren Lebenskünstler haben gelernt, das Leben so zu lieben wie es ist. Warum sollte es sie schrecken, dass es sterblich ist? Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. In diesem Sinn ist es Lebenskunst, aus Zeit Leben zu machen, was der Stoiker Seneca in seinem Werk de brevitate vitae so formuliert hat: Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben. Der übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit[15].

 

Geliebte Brr...! Damit bin ich bei der Frage, was hat das alles mit der FM-ei zu tun? Manches von dem, was ich bis jetzt angeführt habe, klingt bereits durchaus maurerisch. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter und behaupte, gestützt auf mein persönliches Erleben, FM-ei ist Lebenskunst, die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht[16]. FM-ei ist und war nie ein blutleeres Gedankenkonstrukt, sondern hat und hatte immer mit praktischer Umsetzung im konkreten Leben des einzelnen Bruders zu tun. Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung sind die Schritte, die der Br... tun muss, um zum passenden Stein für die Mauer des Weisheitstempels zu werden; gleichzeitig sind das auch die Schritte, die das eigene Leben künstlerisch gestalten. Die Kenntnis des gegebenen Selbst [Selbsterkenntnis] ist die Voraussetzung für die Selbstgestaltung [Selbstveredelung], die Arbeit am Selbst, die ihm einen inneren Kern gibt, eine innere Festigkeit, „eine Integrität“[17].

 

Im Grunde bedeutet Lebenskunst, sein eigenes, endliches Leben bewusst zu leben und daran zu arbeiten, sein Leben als ein geglücktes zu erleben. Ähnlich wie bei der Arbeit am rauen Stein, wird damit der Künstler, der Br... FM als aktiv handelndes Subjekt zum Objekt seines Zieles.

 

Eine besondere Rolle spielen dabei für den Br... FM die Prinzipien von Weisheit, Stärke und Schönheit. Als Gestaltungsprinzipien sind sie für den Einzelnen genauso wie für die Bruderschaft unverzichtbar. Jedoch fallen uns Weisheit, Stärke und Schönheit durch unsere Aufnahme in den Bund nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

 

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Besonnenheit und Demut. Stärke bedeutet Tatkraft, das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht gehandelt wird, dann läuft der Sinn ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke; es gibt nichts Gutes, außer man tut es, sagt Erich Kästner. Schönheit bleibt das Ziel, das Weisheit und Stärke erreichen sollen. Schönheit ist das Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes. Ästhetische Aspekte wie die Musik im Tempel oder die gemeinsame Weiße Tafel reichen hinaus ins tägliche Leben und gestalten so die Lebenskunst als Lebenskultur. Durch diese gelungene Verschränkung von maurerische Welt und profaner Welt zeichnet sich FM-ei aus.

 

Die FM-ei ist eine Methode der Selbsterkenntnis und Selbstveredelung im Kreis gleichgesinnter Brr...; sie kennt kein verbindliches Lehrgebäude. Damit gibt sie dem einzelnen Br... Raum, schöpferisch seinen persönlichen Weg zur Lebenskunst zu suchen und zu finden. Die überschaubare Gruppe gleichgesinnter Brr..., ist ein idealer Ort, Lebenskunst zu lernen und Woche für Woche aufs Neue zu üben. Die regelmäßige Wiederholung und die Dauerhaftigkeit des immer gleichen Vollzugs dienen dazu, etwas zur Gewohnheit werden zu lassen, damit es sich von selbst versteht und ohne Mühe, ohne weiteres Nachdenken abläuft. Als Br... FM gehe ich davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten des einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Die Loge mit ihrer sozialen, diskursethischen und rituellen Praxis ist der ideale Ort, Lebenskunst zu lernen und zu üben.

 

Die FM-ei wird durchaus konkret, wenn es zum Beispiel darum geht, wie das Balancieren zwischen Regeln und Kreativität funktionieren soll. In den Alten Pflichten heißt es über die Zeit nach Schluss der Loge: Ihr mögt euch in unschuldigem Frohsinn vergnügen, einander aufs Beste bewirten, doch meidet jede Ausschweifung oder zwingt keinen Bruder, über das eigene Maß zu essen oder zu trinken, noch hindert ihn am Weggehen, wenn ihn seine Angelegenheiten rufen[18].

 

Unser Br... Adolph Freiherr von Knigge schreibt in seinem berühmten aber vielfach verkannten Buch über den Umgang mit Menschen (1788) ein Kapitel mit dem Titel über den Umgang mit sich selber. Knigge geht es darin um die Organisation der inneren Gesellschaft, die jeder Einzelne ist. Er stellt die Kultivierung des eigenen Ichs ins Zentrum und definiert dafür Pflichten gegen uns [sich] selbst. Das Ziel – nach Knigge – wäre Selbstfreundschaft, um ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit sich selbst umzugehen wie mit anderen. Die Beziehung zu sich selbst ist für Br... Knigge die Grundlage für die Beziehung zu anderen.

 

Insbesondere unsere Symbole geben Anleitung, wie Lebenskunst gelingen könnte; der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Maßstab als Anleitung für sinnvolle Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

 

Ähnlich verdeutlichen die drei Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem eigenen Leben umzugehen; Nicht in dem Sinn, dass irgendeiner von uns die Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der schrittweisen inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung; werde der, der du sein könntest. Nicht zuletzt konfrontiert uns die Erhebung zum Meister mit unserer eigenen Endlichkeit und schärft damit den Ansatz, der Zeit mehr Leben zu geben, nachdrücklich ein.

 

Ich stelle den selbstbewussten Anspruch, mich auf den eigenen Willen und die Anstrengung der – freilich als begrenzt erkannten – Vernunft zu stützen, um mein Leben aktiv und bewusst zu gestalten. Ich sehe mich als ein Mensch, der sich selbst vorfindet als einer, der begriffen hat, dass er auf dieser Erde ein durch niemanden gesichertes und ganz und gar auf sich selbst gestelltes Wesen ist; zugleich ein Wesen mit vielen offenen Möglichkeiten. Der weiß, dass wir nichts sind, dass wir aber alles sein wollen: nicht im Sinne eines Gottes, sondern voll und ganz im Sinne des Menschen[19]. Zu sein, was ich bin und zu werden, was ich werden kann, das ist das Ziel meines Lebens.[20]

 

Es ist meine feste Überzeugung, dass ich in der besten Welt lebe, die wir haben, denn eine andere ist uns wahrscheinlich nicht gegeben. Voltaire sagt es so, das irdische Paradies ist dort, wo ich bin[21]. Damit ist ein ethisches Programm formuliert, denn wer davon ausgeht, dass diese konkrete Welt, dieses sein konkretes Leben, die einzige ist, die er hat oder in der er leben kann, wird mit dieser Welt und seinem Leben sorgsamer umgehen, als jemand, der – immer noch – auf eine bessere Welt, ein besseres Leben hoffen kann. Die beste Welt, die wir haben, bedeutet ausdrücklich nicht, dass in dieser Welt alles in Ordnung ist, frei nach der besten aller möglichen Welten, wie sie Leibniz postulierte, sondern ist im Gegenteil in nachdrücklicher Aufruf dazu, diese eine Welt wirklich zur besten zu machen und dieses mein Leben als Herausforderung zu sehen und als gutes, erfülltes Leben zu leben. Gutes Leben, wenn es überhaupt gelingt, ein gutes Leben zu leben, muss sich hier und jetzt abspielen.

 

Dieser Satz von der besten Welt, die wir haben, ist eine Aufforderung an mich selbst, mein Leben zu einem gelungenem zu machen, denn nach dieser These gibt es weder eine Seelenwanderung, in deren Rahmen ich mich immer wieder aufs Neue meinem Ziel annähern kann, noch ein besseres Jenseits, wo ich für die Enttäuschungen des hier und jetzt entschädigt werde. Dieser Satz impliziert gleichzeitig auch, dass diese Welt, wie ich sie erlebe, an sich großartig ist. Furcht oder Abscheu angesichts der Schlechtigkeit der Welt, das Gefühl in einem Jammertal zu leben und auf eine wahrere, idealere, gereinigte Welt zu hoffen, sind Kennzeichen einer weltabgewandten, einer metaphysischen, einer religiösen Einstellung. Eine solche Welt bedarf der Erlösung durch das Eingreifen eines Gottes. Für den Erfolg des Einzelnen bleibt in diesem System kein Platz, er kann maximal im Nirwana, im absoluten Nichts aufgehen. Wenn mir also in der besten Welt, die ich habe, eine Furcht bleibt, so ist es die Furcht davor, ein schlechtes Leben zu leben.

 

Ich glaube an Dinge, Ereignisse, Ziele, für die es begründete Indizien, Beweise oder Hintergründe gibt. Ich glaube an die Irrtumsfähigkeit und hoffe gleichzeitig auf meine Einsichtsbereitschaft. Ich liebe die verständnisvolle Gemeinschaft und die lustvolle, intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Menschen (insbesondere mit meinen Brr...). Ich bin glücklich in der liebevollen Beziehung zu meiner Lebensgefährtin. Ich bin stolz auf meine beiden erwachsenen Söhne. Ich freue mich, meine (Beute)kinder bei ihrer Ausbildung zu begleiten und zu unterstützen. Ich genieße es, ein geliebter, geachteter und respektierter Mensch zu sein[22].

 

Gleichzeitig bin ich dankbar und demütig dafür, wie schön und gut mein Leben verläuft, denn die äußeren Umstände meines Lebens sind so gut, wie sie noch in der Menschheitsgeschichte waren.[23] Am Anfang des 21. Jahrhunderts in Europa, in einem freien Land in Wohlstand zu leben, ist ein Privileg, denn dadurch ich kann meine gesamte Energie darauf richten, Meister meines Lebens zu sein und mein Leben als Kunstwerk zu gestalten.

 

So verstehe ich mich als jemand, der sein Handeln selbst verantworten muss, der sich nicht von Gott gehalten und nicht vom Bösen getrieben weiß, der sich deshalb gezwungen sieht, die Einübung in die Kunst des rechten Lebens, des rechten Liebens und des rechten Sterbens[24] aus sich heraus und um seiner selbst willen zu wagen. Als denkender Mensch verstehe ich mich vielmehr als einer, der seiner Verantwortlichkeit für sich selbst, sein Leben und seine Handlungen nicht entrinnen kann.

 

 

 

Literatur

Gödde G. & Zirfas J.; biografische Erfahrung, theoretische Erkenntnis und künstlerische Gestaltung. Eine Einführung in die Konzeption der Lebenskunst

http://www.jp.philo.at/texte/GoeddeG3.pdf Zugriff 27.09.2018, 17.00 hrs

Höhmann H.-H.: Freimaurerei als Lebenskunst

https://www.afuamvd.de/?s=h%C3%B6hmann+freimaurerei+als+lebenskunst Zugriff 29.09.2018, 14.45 hrs

Schmied W.; die Wiederentdeckung der Lebenskunst

http://www.iwp.jku.at/born/mpwfst/06/0605Schmid_Lebenskunst.pdf Zugriff 27.09.2018, 16.50 hrs

[1] Rituale der GLvÖ, Ritual der Erhebung

[2] https://www.textlog.de/schlagworte-lebenskunst.html, Zugriff 29.09.2018, 09.30 hrs

[3] vgl.: http://lexikon.stangl.eu/237/hermeneutik/, Zugriff 29.09.2018, 09.45 hrs

[4] Savater F., Tu was du willst. Ethik für Erwachsene von morgen. 3. Auflage 1995, Frankfurt/Main, New York, Campus

[5] Kant I., Kritik der Urteilskraft; Werkausgabe Band X, Frankfurt/Main, Suhrkamp 1981

[6] Vgl.: Schmid W.; Philosophie der Lebenskunst: eine Grundlegung; Frankfurt/Main, Suhrkamp 1998

[7] de Montaigne, M.; die Essais, Reclam 1989

[8] Eco U., das offene Kunstwerk; 9. Auflage; 2002 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[9] vgl.: Schmid W.; Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst; 2000 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[10] Vgl.: Schmid W.; das Leben als Kunstwerk – Versuch über Kunst und Lebenskunst und ihre Geschichte von der antiken Philosophie bis zur Performance Art; in Kunstforum International, Band 142 (1998), Lebenskunstwerke

[11] vgl.: Schmid W.; Philosophie der Lebenskunst, eine Grundlegung; 1998 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[12] Schmied W.; die Wiederentdeckung der Lebenskunst http://www.iwp.jku.at/born/mpwfst/06/0605Schmid_Lebenskunst.pdf Zugriff 27.09.2018, 16.50 hrs

[13] Comte-Sponville A.; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg, 2012 Zürich, Diogenes

[14] de Montaigne, M.; die Essais, Reclam 1989

[15] Seneca L. A.; de brevitate vitae

https://www.aphorismen.de/zitat/62581, Zugriff 29.09.2018, 14.55 hrs

[16] Höhmann H.-H.; der Freimaurerdiskurs der Gegenwart: Was ist, was soll, was will die Freimaurerei?
http://www.netzwerk-freimaurerforschung.de/blog/wordpress/wp-content/uploads/2014/03/freimaurerdiskurs-hoehmann.pdf, Zugriff 30.09.2018, 16.30 hrs

[17] Schmid W.; Mit sich selbst befreundet sein, von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, in Aufklärung und Kritik, Sonderheft 14/2008

[18] Die Alten Pflichten, zitiert nach Konstitution der GLvÖ

[19] Gardavsky, V.; Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

[20] De Spinoza B.; Ethik

Sein, was wir sind und werden, was wir werden können, das ist das Ziel unseres Lebens.

[21] Voltaire, Le paradis terrestre est où je suis, Le Mondain 1736

 

[22] vgl. Comte-Sponville A.; woran glaubt ein Atheist, Spiritualität ohne Gott; Diogenes Taschenbuch 2008

[23] Obama B., 2016; Müssten wir einen Moment in der Geschichte wählen, um geboren zu werden, und wir wüssten vorher nicht, wer wir sein würden – … – wenn wir blind wählen müssten, zu welchem Zeitpunkt wir geboren werden wollen, dann wäre es der jetzige.

[24] Gardavsky, V.; Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

Raum und Zeit

In der Eröffnung der Loge werden symbolischer Raum und symbolische Zeit für unsere Arbeit festgelegt. Symbolisch sind Raum und Zeit deswegen, weil diese Festlegungen durchaus nicht mit der Realität übereinstimmen müssen.

Gemeinsam mit den beiden AA legt der MvSt diesen besonderen, von anderen Räumen unterschiedenen Raum fest, der jedoch erst durch die Festlegung der symbolischen Zeit seinen Charakter als Symbol der Vollendung gewinnt. Die alte englische Ritualformel dafür lautet: I declare the Lodge duly open; ob dieser Satz mit „die L öffnen“ oder „die L eröffnen“ übersetzt werden soll, darüber waren sich die Autoren unserer Rituale nicht einig.

Sinn der (Er)öffnungsformel ist, dass alle am Ritual teilnehmenden Brr... ihre ganze Aufmerksamkeit im Augenblick des Hammerschlags des MvSt dafür öffnen und dafür schärfen, dass ab nun etwas Besonderes geschieht, nichts Magisches, nichts Heiliges im Sinn einer Religion, nicht von uns Unabhängiges, sondern etwas, das in uns ist und das von uns selbst ausgehend aktiviert wird. Ohne diese Öffnung bleiben wir unkonzentriert und abgelenkt.

Als Brr..., die wir im Tempel zu gemeinsamer Arbeit versammelt sind, sind wir auch für die besondere Qualität von symbolischem Raum und symbolischer Zeit als grundlegende Ordnungselemente der FMei verantwortlich.

(Er)öffnen der Loge, Beginn der symbolischen Zeit, bedeutet Öffnen des Bewusstseins von uns Brr... für den besonderen Raum, der uns umgibt, der uns Schutz gibt (…wir arbeiten in Sicherheit…), der unser Geheimnis ist und damit gleichzeitig „Heimat“ ist; denn Geheimnis meinte ursprünglich nichts anderes als zum Heim, zur Heimat gehörig. Der symbolische Raum der L ist unendlich und universell. Er reicht vom Ost nach West, von Nord nach Süd, vom Zenit bis zum Nadir.

Die Ordnung der symbolischen Zeit wirkt als „Moratorium des Alltags“[1]. Die Zeit der Logenarbeit ist keine „heilige“ Zeit. Sie steht jedoch außerhalb des Laufs des Alltags, sie ist eine Zeit die Heimat schafft. Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist, sagt Antoine de Saint-Exupéry und weiter, denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.[2]

Es geht nicht darum die eigene verrinnende Zeit zu überwinden und durch Abkehr von der Zeitlichkeit direkt in eine Ewigkeit vorzustoßen, sondern darum seine Zeit aktiv als Bauwerk zu gestalten. Das Mittel, die Zeit zu gestalten ist ihre Gliederung durch Haltepunkte.[3]

Die Tempelarbeit, der Ort unserer geistigen Arbeit, soll ein solcher Haltepunkt sein, kein soziales Aussteigen, eine Atempause soll sie sein, ein festliches und zugleich besinnlich-schöpferisches „Moratorium des Alltags“.

Symbolischer Raum und symbolische Zeit gehören untrennbar zusammen. Sie gehören uns Brr..., wenn wir gemeinsam L halten. Sie sind unsere Heimat und bieten darum Raum für das Geheimnis, das uns verbindet. An diesem Geheimnis haben nur diejenigen Anteil und können auch nur diejenigen Anteil haben, die dabei sind, wenn der MvSt mit dem wichtigsten Hammerschlag der rituellen Arbeit die L (er)öffnet und wenn die symbolische Zeit beginnt. Dieses Geheimnis kann tatsächlich nicht verraten werden; wir können es nur erleben.[4]

[1] Odo Marquardt

[2] de Saint-Exupéry A.; die Stadt in der Wüste

[3] http://wernerloch.de/doc/Saint-ExuperyB.pdf, Aufruf 24.11.2019, 16.30 hrs.

[4] Höhmann H.-H., das Ritual in der Humanistischen Freimaurerei, Funktion, Struktur, Praxis; Salierverlag Leipzig 2016

Geschäftsmaurerei

Geliebte Br..., wenn ich heute über FM-BWL, also Geschäftsmaurer und Geschäftsmaurerei, sprechen will, so handelt es sich um ein Thema, das wir alle a priori und unisono ablehnen und das gleichzeitig, wie nicht nur meine persönliche Erfahrung zeigt, heute unkritisierter masonischer Alltag (GM N. S.) ist. Der ehrwürdigste Br... GM N. S. war es auch, der zu diesem Thema einen Arbeitskreis einsetzte, der eine Anleitung zum ethischen Umgang mit Geschäften unter Brüdern erarbeiten sollte.

 

Lennhoff-Posner-Binder definieren im internationalen Freimaurerlexikon Geschäftsmaurerei wie folgt: die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die im brüderlichen Verhältnis der Freimaurer gelegen ist, verleitet die einzelnen Glieder immer wieder dazu, den Bundesgedanken für eigensüchtige Zwecke nutzbar zu machen… Geschäftsmaurerei gilt in der Freimaurerei als unehrenhaft. Wer die Zugehörigkeit zum Bund zu geschäftlichen Zwecken ausnützt, setzt sich der Missachtung aus… Über die Unzulässigkeit der Verknüpfung selbstischer materieller Zwecke mit Freimaurerei wird bereits der Suchende in vollkommen eindeutiger Weise belehrt… (Lennhoff E., Posner O., Binder D. A. Internationales Freimaurer Lexikon, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000).

 

In dieser Definition ist eigentlich alles gesagt. Freimaurerei ist zunächst und vor allem anderen ein ethischer Freundschafts- und Bruderbund mit humanitären Zielsetzungen. Ziel ist die Arbeit am (eigenen) rauen Stein durch Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Durch unser Maurerwort haben wir uns bei unserer Aufnahme alle den Gesetzen unseres Landes und den maurerischen ethischen Normen unterworfen. Geschäftsmaurerei sind also all diejenigen Geschäfte, die diesen Regeln widersprechen. Ein Geschäftsmaurer ist auch jener Bruder, der die Loge als Ort der Begegnung weniger mit dem Ziel der Verwirklichung masonischer Imperative oder schlicht zur Teilnahme am geistigen Leben der Loge aufsucht, sondern um die Möglichkeit weiterer Geschäftsabschlüsse zu sondieren oder zu realisieren. Ein Geschäftsmaurer ist ein Bruder, der sich dem inneren Gehalt der Freimaurerei zugunsten mit Freimaurern abzuschließender Geschäfte entfremdet (GM N. S.). Auch jener Bruder, der einen Geschäftsabschluss unter Berufung auf die gemeinsame Zugehörigkeit zu Bund einfordert, ist ein Geschäftsmaurer.

 

Nicht jedes Geschäft unter Br... ist automatisch Geschäftsmaurerei. Es spricht nichts dagegen, dass Freimaurer untereinander Geschäfte machen… Unter klaren und anständigen Bedingungen mit dem Bruder Geschäfte zu machen, kann sogar ein besonderer Akt der Freundschaft und der Brüderlichkeit sein… Geschäftsbeziehungen unter Brüdern können ein gutes Übungsfeld für echte Freundschaft, brüderliche Rücksichtnahme und maurerischen Anstand sein (Kraus M, Hg., die Freimaurer, ecowin 2007). Wo brüderliches Vertrauen da ist, wird auch im Geschäftlichen ein Mehr an Vertrauen sein. Es liegt in der Natur des Menschen, dass, wenn er jemanden kennt und entsprechende Sympathien hegt und Vertrauen hat, er auch gerne geschäftliche Beziehungen mit dieser Person unterhält (GM N. S.).

 

Im Gelöbnis anlässlich unserer Aufnahme haben wir uns verpflichtet, unseren Brr... mit Rat und Tat nach Kräften beizustehen, soweit es mit unserer Ehre vereinbar ist. Hilfe für den Br... kann nie als Geschäftsmaurerei qualifiziert werden (GM N. S.).

 

Damit sind wir alle gefordert, wachsam zu sein. Es gilt wachsam zu sein, ob ein Suchender wegen echter oder erhoffter geschäftlicher Vorteile aufgenommen werden will. Gerade der Bürge hat dabei eine Sorgfaltspflicht und Verantwortung gegenüber der Kette. Es gilt wachsam zu sein gegenüber dem Bürgen, ob dieser einen Suchenden wegen geschäftlicher Interessen oder zur Erweiterung seines Netzwerks zum Bund bringen will. Als FM haben wir die brüderliche Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln; daher haben wir die Pflicht, den Bruder, dessen geschäftliche Interessen überhand nehmen zu drohen, darauf hinzuweisen und ihn an die übernommenen Pflichten zu erinnern. Wie das geschehen könnte, sagt uns der TH mit seinem Spiegel. Schließlich müssen wir uns selbst gegenüber wachsam sein, in wie weit wir in unserem Verhalten, diese Grenzen einhalten oder überschreiten. Die Stimme in der Brust, unser Gewissen, soll gerade in diesen Fragen eine Richtschnur sein; gerade das Gewissen ist eine Ausprägung des rauen Steins, an dem wir ein Leben lang arbeiten müssen.

 

Der Begriff Geschäftsmaurerei ist nicht von der profanen Welt sondern von uns selbst geschaffen wurden, um unserem Bemühen um ethische Hygiene Ausdruck zu verleihen. Puristische Sichtweisen dürften ebenso unangebracht sein wie die Leugnung der Notwendigkeit von Bewusstseinsschärfung und Abgrenzung (GM N. S.).

Reflexionen zum Grad des Meisters

Im Grad des Meisters werden wir aufgefordert, über unser angelerntes Wissen hinaus in uns selbst hinein zu hören. Die Arbeit im Meistergrad zielt darauf ab, Rationales und Spirituelles in enger Verbindung zuzulassen.

Der Meistergrad führt uns symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte unseres eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, sind wir eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, sind wir Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Loge, wenn wir Brr... MM arbeiten die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an dem Brr... an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; sie arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist eine mehr als fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt, dieser Tempel ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet für mich, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge durchschauend neu verstanden zu haben. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für uns Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

Unser Ritual lehrt uns, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM – M ist, des eigenen Todes zu gedenken; wir sollten uns diese Mahnung zu Herzen nehmen, denn „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM – M. Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führen zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen.

Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.

[1] Br... Mazakarini Leo, Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019