Das musivische Pflaster

Am Westrand des Tapis zwischen den beiden Säulen erkennen wir ein Schachbrett artiges Muster aus schwarzen und weißen Quadraten, das musivische Pflaster. Es wird auf den meisten Arbeitsteppichen der Freimaurerei verwendet Das Wort musivisch dürfte aus dem Griechischen kommen und mit Mosaik verwandt sein. Beide leiten sich von „mouseion“ – zu den Musen gehörig, wovon auch unser Wort Museum stammt. In der Antike waren die Musen Schutzgöttinnen der Künste und Wissenschaften. Im Lateinischen bezeichnet ein opus musivum das, was wir heute ein Mosaik nennen.

 

Das musivische Pflaster ist schon lange Bestandteil der spekulativen maurerischen Symbolik. Im Katechismus der Strikten Observanz von 1764 heißt es auf die Frage, welches sind die Zierraten: der flammende Stern, das musivische Pflaster und die verzierte Einfassung (Imhof, Kleine Werklehre der Freimaurerei). Nach alter Maurertradition war der Salomonische Tempel mit schwarzen und weißen Fliesen gepflastert. Davon ist in der Bibel selbst nichts zu lesen, im Talmud wird jedoch davon berichtet. Eine andere Tradition leitet das musivische Pflaster vom Steinmetzgrund her. Unsere Brüder Werkmaurer hatten Hallen und später die Dachböden der Kathedralen, deren Fussböden sie mit Gips bestrichen, in den sie ein regelmäßiges Raster aus auf einer Ecke stehenden Quadraten ritzten. In diesem Steinmetzgrund entwarfen sie ihre Baurisse, sei es maßstäblich oder eins zu eins.

 

Gleich ob sich das musivische Pflaster vom Fußboden des Salomonischen Tempels oder vom Steinmetzgrund herleitet, es hat an sehr zentraler Stelle – nämlich auf dem Tapis – Eingang in die Symbolik der spekulativen Maurerei gefunden. Das musivische Pflaster stellt die Welt des sinnlich wahrnehmbaren dar und symbolisiert damit den Boden auf dem wir stehen. Es will uns auf die Ordnung von Hell und Dunkel, Licht und Schatten im Makro- wie im Mikrokosmos hinweisen. Das musivische Pflaster ist Sinnbild unseres täglichen Lebens in seiner Polarität. Kommen und Gehen, Freude und Schmerz kennzeichnen im ständigen Wechsel das Leben.

 

Schwarze und weiße Fliesen in regelmäßiger Abfolge weisen mit ihrem Muster auf das dualistische Gesetz der Gegensätzlichkeiten alles Seienden und ihrer möglichen Versöhnung in der Harmonie hin. Die dualistischen Paare sind in der Einheit des Gegensatzes aneinander gekoppelt und ohne ihren Gegensatz nicht einmal erfassbar.

 

Weiße oder schwarze Fliesen allein machen noch kein musivisches Pflaster, es braucht beide. Erst die vielfache Verschiedenheit ergibt ein gemeinsames, größeres, neues Ganzes, das musivische Pflaster ein Symbol für Toleranz.

 

In den Reisen anlässlich unserer Aufnahme umkreisen wir das musivische Pflaster dreimal, jedes Mal jedoch geht unser Weg am strahlenden Osten vorbei und wir finden uns im Westen wieder, von dem wir ausgegangen sind. Erst, wenn wir unser Licht und Dunkel, unsere Fehler und Schwächen, den Schatten in uns integrieren, können wir geradewegs das Licht aufsuchen. Diese Überschreitung unserer selbst ist die Voraussetzung zum Eintritt in die Halle des Tempels, wo wir die Werkzeuge (Weisheit – Stärke – Schönheit, Selbsterkenntnis – Selbstbeherrschung – Selbstveredlung) finden, derer wir zu unserer Vervollkommnung bedürfen.

 

Ein Kommentar zu „Das musivische Pflaster

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