das Böse – die Hoffung – der Fortschritt

Es hat den Anschein, als wären die Menschen vom Faktum des Bösen fasziniert und könnten nichts anderes als fortwährend neue Grausamkeiten finden und erfinden. Kaum einer wusste darum besser Bescheid als Jean-Jacques Rousseau. Mit tieferer Einsicht als viele vor ihm hat er den verfaulten Kern der Kultur untersucht. Die Künste und Wissenschaften, schreibt er, seien nur dazu da, Blumengirlanden um unsere Ketten zu winden. Dem gegenüber steht Voltaire, der – durchaus nicht blind für die Grausamkeiten, mit denen die Welt aufwartet – meint: der Mensch wird nicht böse geboren, er wird böse, wie er krank wird. (Dictionnaire philosophique, s.v. „Méchant“) Nur kranke Ärzte – womit er die Priester der Religionen meint – könnten behaupten, wir seien von Natur aus böse und nicht zum Guten fähig, was in dem Begriff Erbsünde zusammengefasst wird. Kant beschreibt den Naturzustand des Menschen in seinem Werk die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft so: Ist er aber damit nicht zufrieden, so darf er nur den aus beiden auf wunderliche Weise zusammengesetzten, nämlich den äußeren Völkerzustand in Betracht ziehen, da zivilisierte Völkerschaften gegen einander im Verhältnis des rohen Naturzustandes (eines Standes der beständigen Kriegsverfassung) stehen, und sich auch fest in den Kopf gesetzt haben, nie daraus zu gehen… Fortschritt?, fragt Kant, da spricht die Geschichte aller Zeiten gar zu mächtig dagegen. (Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft) Fakt ist, wir wissen nichts über den Urzustand der Menschen, und wir haben auch keine Möglichkeit diesen Zustand zu ergründen. Was auch immer dazu gedacht worden ist – sei es der edle Wilde Rousseaus oder der Krieg aller gegen alle, wie ihn Thomas Hobbes im Leviathan beschreibt – es bleibt reine Spekulation, eine Glaubensfrage.

 

In diesem Fall schlägt Rousseau rückhaltlose Aufrichtigkeit vor. Rousseau selbst glaubt nicht, dass die Menschen von Natur aus gut seien; was er jedoch glaubt, ist, dass sie nicht mit einer Erbsünde – gleich ob biblisch oder naturalistisch im Sinne von Hobbes – belastet geboren werden. Neigung zum Mitleid/en ist den Lebewesen angeboren und finden wir auch schon im Tierreich. Mitleid selbst ist noch nicht moralisches Verhalten sondern nur ein emotionaler Reflex, liefert jedoch ein natürliches Fundament für moralisches Verhalten. Nach Rousseau ist die Entwicklung zum Bösen kein jäher Sturz, keine aktive Entscheidung sondern ein Stolpern. Nicht bewusster Ungehorsam – Essen vom Baum der Erkenntnis – führt zum Verhängnis sondern eine Reihe natürlicher Zufälle. Wie dem gegenzusteuern wäre, zeigt Rousseau in seinem Buch „Emile“. Ein sorgfältig erzogenes Kind würde den raffinierten Versuchungen der bürgerlichen Gesellschaft nicht erliegen. Seine Erziehung würde es zwingen, frei zu sein, denn schon in der Kindheit zu denken, sei eine gute Übung es auch als Erwachsener zu tun. Damit könnte Emile Bücher schreiben, nicht um vor den Menschen zu katzbuckeln, sondern um die Rechte der Menschlichkeit festzulegen… Man erkennt nun – oder man kann ihn erkennen – den Anfang, von dem jeder von uns ausgeht, um schließlich den gemeinsamen Grad von Vernünftigkeit zu erreichen. Wer aber weiß etwas über das Ende? … Ich wüsste nicht, dass schon jemals ein Philosoph die Kühnheit besessen hätte, zu sagen, das ist der Endpunkt, bis zu dem der Mensch gelangen kann und über den hinaus er nicht kommen kann. Wir wissen nicht, was unsere Natur uns zu sein erlaubt. (Rousseau Emile)

 

Man könnte nun einwenden, Rousseau mache es sich leicht, denn wie alle Aufklärer glaubt er an den Fortschritt und worüber hätte er sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schon groß beklagen können? Erst das 20. Jahrhundert habe uns die gebildete Barbarei beschert, denken wir an den Holocaust, Hiroshima und Nagasaki. Vielleicht ist diese Sichtweise jedoch ein Trugschluss; ohne Frage hält das 20. Jahrhundert dank des Bevölkerungswachstum alle Rekorde für absolute Zahlen, aber vergessen wir nicht, im 30-jährigen Krieg sind allein in Brandenburg zwei Drittel der Bevölkerung umgekommen. Auch die Hinrichtung durch Kreuzigung ist so ungrausam nicht. 2000 Jahre Kniefall vor dem Entsetzen als einem Symbol haben uns bloß daran gewöhnt. Ob der Holocaust schlimmer als die Kreuzigung ist, möchte ich nicht entscheiden; mehr Menschen wurden jedenfalls in Gaskammern als am Kreuz getötet, trotzdem meine ich, dass beide Übel so groß sind, dass keines jemals das kleinere sein kann. Oft wird auch die Technik für Entmenschlichung der Welt verantwortlich gemacht und der Technik vorgeworfen, manches Übel erst möglich gemacht zu haben. Da schütten wir jedoch das Kind mit dem Bade aus, denn bei solchen Gedanken vergessen wir gerne, dass vieles was uns die Technik beschert hat, ein Leben in unserem heutigen Sinne erst möglich gemacht hat. Für jeden technischen Fortschritt, den man für überflüssig hält, lässt sich einer finden, den man für unverzichtbar hält. Technik an sich ist neutral, wertfrei und es bedarf des Urteilsvermögens, um darüber zu entscheiden, welche Elemente unser Leben verbessern und welche es bedrohen.

 

Angenommen, wir Menschen seien mit der Zeit nicht schlechter geworden, die Technik habe nur die Auswirkungen dessen, was wir immer schon waren, verschlimmert. Die Wissenschaft hat uns demonstriert, wozu wir tatsächlich im Stande sind. Im Gegensatz zu Hobbes und Rousseau müssen wir heute über die Natur des Menschen nicht mehr spekulieren; Biologie, Verhaltensforschung, Evolutionspsychologie, Anthropologie liefern uns Informationen über die menschliche Natur, die sich nicht fortwischen lassen. Der Primatenforscher Frans de Waal kommt in seinem Buch „der gute Affe“ durch seine Forschungen über eine große Vielzahl von Primaten und Affen zu dem Schluss, dass wir von Grund auf moralische Wesen sind. (de Waal, der gute Affe, der Ursprung von Recht und Unrechtbei Menschen und anderen Tieren, München 1997) Wie er meint, entwickle sich unser Moralvermögen parallel zu unserem Sprachvermögen, von dem wir nicht sagen können, was Natur und was Erziehung sei. Er betont, dass Sein und Sollen einander nicht widersprechen, auch wenn sie uns logisch getrennt erscheinen; denn würde jedes Bestreben moralisch zu handeln, zu einem Kampf mit unserer innersten Natur führen, würden die meisten von uns in den meisten Fällen versagen. Die Evolution selbst hat die Grundlage von Moral geschaffen, wie Jahrzehnte empirischer Beobachtungen gezeigt haben. Wir Menschen seien soziale Wesen, die keinen Gesellschaftsvertrag brauchen, denn die Natur hat die Mittel geschaffen, die ein Zusammenleben ermöglichen; wir seien so ausgestattet, dass wir altruistisches Verhalten als lohnend empfinden. Aktuelle Forschungen (Spiegelneuronen) scheinen die Thesen zu bekräftigen, dass wir auf Mitgefühl geeicht sind, Thesen wie sie in der naturalistischen Anschauung des 18. Jahrhunderts schon von Hume und Smith formuliert wurden, die behaupteten, wir würden von Natur aus Mitgefühl und Sorge für andere spüren und so veranlasst werden entsprechend zu handeln; eine Einstellung, die dem moralischen Rigorosisten Kant allerdings nicht gereicht hätte.

 

Nach unserem landläufigen Verständnis sind Natur und Moral nicht nur getrennt, sondern liegen auch in ständigem Streit miteinander. Angesicht zweier möglicher Erklärungen der Natur neigen wir dazu, die Üblere zu wählen. So finden wir für das Verhalten von Tieren gern negative Attribute (blutrünstig, hinterlistig) und mögliche gute Eigenschaften wie Fürsorge werden gerne mit dem Begriff Nepotismus beschrieben. Im Grunde wäre es doch eine sehr optimistische Botschaft, dass der Mensch seinem eigentlichen Wesen nach insgesamt zum Guten, zur Moral hingerichtet sei.

 

Die Natur zu beobachten und aus diesem Wissen Schlüsse zu ziehen, erscheint mir wesentlich. Was ich allerdings für nicht zulässig halte, ist, aus dem Sein Schlüsse auf das Sollen – im Sinn von so muss es sein – zu ziehen. Wir können aus der Beobachtung der Natur ausschließlich lernen, welche moralischen Forderungen erfüllbar sind und welche den Menschen überfordern werden. Auch wenn die Natur unsere Möglichkeiten nicht bestimmt, so grenzt sie sie doch ein, ohne dass wir wissen, wie weit wir dadurch beschränkt werden. Es mag daher im Grund wahr sein, dass unsere Auffassungen darüber, was Menschen sein sollten, nicht durch unsere Auffassungen darüber, was Menschen sind, determiniert zu werden brauchen.

 

Jedes Zeitalter hat seine Denker, die das ihre für schlechter als die vorangegangenen halten und vielleicht haben diese auch recht. Für jeden Fortschritt in die eine Richtung kann ein fairer Beobachter eine Bewegung in die andere erkennen. Warum fühlen wir uns so wohl dabei, das Schlimmste anzunehmen, was veranlasst uns dazu, uns selbst und unsere Nächsten so erbärmlich wie möglich zu malen? Solche Ansichten sind eine gute Erklärung für das Phänomen des Bösen in der Welt. Die Annahme, wir seien bereits als verkommene Subjekte geboren worden, ist viel leichter für diejenigen zu glauben, die sich nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, warum wir denn so geboren sind. Antworten auf diese Fragen haben wir nicht, und die Frage, was wir sind, fällt hier nicht ins Gewicht, denn nichts, was wir tun, wird unser wahres Wesen enthüllen. Wichtig ist jedoch die Frage, was wir sein sollten.

 

Wir sollten uns daher damit beschäftigen, wie Natur und Fortschritt uns beim Erreichen dieses Ziels helfen können. Was müssen wir über das Gutsein der Welt glauben, um sie besser machen zu können. Wir müssen erkennen, dass die Alternative zu einem Handeln, das die Welt für verbesserbar hält, der fatalistische Glaube an die Erbsünde ist; dann aber brauchen wir die Gnade eines Erlösers. Akzeptieren wir eine solche Einstellung allerdings nicht, dann sind wir vielleicht/wahrscheinlich im Stande uns selbst zu helfen. Es geht um die Bedingungen der Möglichkeit von Moral selbst. Wir wissen, wir sind so gut, wie wir sein müssen, um so zu handeln, als ob wir es wären.

 

Es geht also um Ideen. Und es erscheint mir geradezu paradox, dass die Evolution, die ausdrücklich keinen zielgerichteten Fortschritt kennt und per se sinnleer ist, uns dazu bringt, über Fortschritt, Ziele und Ideen nachzudenken. Eine solche bei ihrem Entstehen geradezu utopische Idee ist die Idee der Menschenrechte. Dieser Begriff der Menschenrechte ist es, der die Aufklärer – auch erst nach und nach – dazu brachte, die Folter abzulehnen. So hat Voltaire in seinem Traité sur la Tolérance viele Umstände am Fall Calas leidenschaftlich kritisiert, dass Calas gefoltert wurde, störte ihn nicht. In der Folge wurde die Todesstrafe durch zu Tode foltern abgeschafft, und heute werden mit dem gleichen Argument Todesurteile in den USA ausgesetzt, weil mit dem „unerprobten“ Narkotikum ein Leiden für den Delinquenten nicht ausgeschlossen werden kann. Die Gegenbeispiele der aktuellen Geschichte (Irak, Afghanistan, Guantanamo) sind nicht unbedingt ein Gegenbeweis, denn öffentlich – so wie früher – geschieht Folter heute nicht mehr, sie hat inzwischen den Geruch des Anrüchigen. Ein weiteres Beispiel ist die Abschaffung der Sklaverei, die erst vor 150 Jahren abgeschafft wurde, und heute haben wir den ersten schwarzen Präsidenten der USA.

 

All diese Beispiele für Fortschritt hängen von dem Glauben an das ab, was Menschenrechte genannt wird, ein Begriff, den Rousseau prägte, der zwischen den USA und Frankreich hin und her flog und der in die Gründungsurkunde beider Staaten eingegangen ist. Die Vorstellung, Menschen hätten Rechte, weil sie Menschen sind, fand seinen Niederschlag in Malerei und Literatur; dies alles ging Hand in Hand mit abstrakten Argumenten, sodass schließlich folgende Logik wie ein Selbstläufer erschien: verlieh man den Protestanten Recht, warum sollte man sie dann den Juden verweigern; verlieh man sie den Juden, gab es keinen Grund, sie freien Schwarzen zu verweigern; und wenn man sie freien Schwarzen verlieh, war dann Sklaverei noch haltbar. Und nach Abschaffung der Sklaverei wurden von kühnen Geistern sogar gleiche Rechte für Frauen vorgeschlagen. Verschiedene Teile der Kultur spielten solange zusammen, bis ihre Folgen tatsächlich für ausgemacht gelten konnten.

 

Gerade in unserer aktuellen Zeit erleben wir immer wieder, wie sich Einstellungen – noch dazu rasend schnell – verändern können. Auch wenn wir noch so sehr über das Gendern in der Sprache lachen mögen, eine sexistische oder auch rassistische Sprache wird in der Öffentlichkeit nicht mehr toleriert. Hinter vorgehaltener Hand dauert sie wohl fort; allein schon die Tatsache, dass sie sich verstecken muss, erzeugt jedoch einen Wandel. Wer einen sexistischen oder rassistischen Witz peinlich findet, wird ihn eines Tages auch nicht mehr komisch finden. Ohne Frage erfolgt Fortschritt schrittweise und schrittweise bedeutet manchmal auch Rückschritt, wie sich gerade an den Menschenrechten zeigen lässt. Erfunden wurde dieser Begriff im 18. Jahrhundert, und im Gefolge der Französische Revolution wurde dieser Begriff bald wieder beiseitegeschoben; es brauchte zwei Weltkriege und rund 200 Jahre bis dieser Begriff in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 offiziell verankert wurde, wobei er heute durchaus wieder in Frage gestellt wird, beziehungsweise der Begriff durch verbrecherisches Tun verunglimpft wird.

 

Aristoteles meint, die Philosophie beginne mit dem Staunen über das, was wir als gegeben hinnehmen; ich plädiere dafür, inne zu halten und über die für selbstverständlich gehaltenen Veränderungen zu staunen und uns zu erinnern, wie außergewöhnlich sie sind. Immer sind sie das Ergebnis der Bemühungen von Menschen, Frauen und Männern, die bereitwillig ihren Ideen und Idealen folgten und die genauso bereit waren für ihre Ideen und Ideale zu leben und nötigenfalls auch zu sterben. Obwohl viele Kritiker voraussetzen, dass die Alternativen begrenzt sind – entweder ereignet sich Fortschritt mit der Wucht historischer Notwendigkeit oder er wird sich überhaupt nicht ereignen -, sind nur wenige bereit, das auszusprechen. Fortschritt ist möglich; es liegt am Einzelnen, ihn zu verwirklichen. Es geht um Hoffnungen, die nicht irrational sind, denn ihre Zeichen sind konkret. Natürlich können wir nicht sicher sein, ob sich die Menschheit zu ihrem Besseren hin entwickelt oder in ihr Verderben rennt. Woran man sich hält, ist eine Frage der persönlichen Entscheidung, aber diese Entscheidung muss nicht beliebig sein.

 

Der australische Philosoph und Ethiker Peter Singer bringt in seinem Buch, Wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit, die Frage auf den Punkt. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen die Sklaverei. Es gab eine richtige Seite im Kampf der Arbeiter um das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, um Begrenzung der Arbeitszeit und Minimalforderungen an die Arbeitsbedingungen. Es gab eine richtige Seite in dem langen Kampf der Frauen um das Stimmrecht, das Recht auf Zulassung zum Studium an Universitäten und das Recht auf Besitz in der Ehe. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen Hitler. Es gab eine richtige Seite, als Martin Luther King Demonstrationen dafür anführte, dass Afroamerikaner neben weißen Amerikanern in Bussen und Restaurants sitzen konnten. Heute gibt es eine richtige Seite in den Fragen der Hilfe für die ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern, der friedlichen Lösung von Konflikten, der Ausdehnung unserer Ethik über die eigene Art hinaus und des Schutzes unserer globalen Umwelt (P. Singer, wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit, München 2003).

der freie Entschluss

Jede der drei Reisen, die der Suchende während seiner Aufnahme absolviert, endet mit der Frage, ob der Suchende tatsächlich, bzw. immer noch FM werden wolle. Jede Frage ist stärker, deutlicher als die vorhergehende. Nach der ersten Reise fragt der MvSt, ob der Suchende entschlossen sei, FM zu werden. Er soll sein Aufnahmeansuchen noch einmal bekräftigen. Nach der zweiten Reise stellt der MvSt die Frage, ob er bereit sei, gemeinsam mit den Brr... zum Wohl der Menschheit zu arbeiten. Es geht um die Einsicht, dass die Zugehörigkeit zum Bund nicht irgendwelche Ehren oder Vorteile bedeutet, sondern konkrete Aufgaben, eben Arbeit nach sich zieht. Die dritte Reise endet mit der Frage, ob der Suchende Verpflichtungen auf sich nehmen wolle und auch die Kraft habe, diese einzuhalten. Damit spricht der MvSt das Risiko des Scheiterns an. Die Frage ist, ob der Suchende auch dann Bruder werden wolle, wenn der Erfolg seines maurerischen Tuns offen oder zweifelhaft bleibt und ob er die Stärke aufbringen könne, seinen Idealen treu zu bleiben.

 

Der Suchende kennt die FM-ei nur in so weit, als sie ihm der MvSt in der Belehrung vor seiner Frage dargestellt hat. Seine Entscheidung kann daher keine rationale sein (nach innen gerichtet sei ihr Blick), sondern er trifft diese Entscheidung aus seiner eigenen Überzeugung und der Erfahrung, die er mit sich selber gemacht hat.

 

Wie wichtig die Schöpfer unseres Aufnahmerituals diese freie Entscheidung genommen haben, wird dadurch deutlich, dass sie dem Suchenden die Möglichkeit einräumen, die Aufnahme ohne Folgen für ihn selbst abzubrechen und damit den Zweck der Arbeit, zu der sich die Brr... versammelt haben, zu zerstören. In gewissem Sinn legt die FM ihre eigene Zukunft in die Hände des Suchenden. Denn wenn ein Suchender, ein Maurer ohne Schurz, sich doch nicht aufnehmen lässt, ist die Kette der Brüder zerrissen und der Fortbestand der FM-ei gefährdet. Genau in diesem Punkt geschieht die Grenzüberschreitung des Symbols, und es wird deutlich, welche die persönliche Freiheit des Menschen für die FM-ei hat. Die FM-ei steht und fällt mit der Freiheit des Menschen, und diese Freiheit ist in der FM-ei bis zum Äußersten gefordert.

 

Nach Br...Kurt Buchinger, Bru, Ideen zum Ritual der Aufnahme

Zeit – im freimaurerischen Sinn

Die Zeit ist ein eigenartiges Phänomen. Aus den Bekenntnissen des Augustinus stammt folgendes Zitat: Was also ist Zeit? Wenn mich niemand fragt weiß ich es. Wenn ich es jemandem erklären soll, der fragt, weiß ich es nicht. (Confessiones XI 14)

 

Für gewöhnlich erleben wir die Zeit linear mit einem Beginn, aus dem der Zeitpfeil, die Zeitachse entspringt und unendlich – eben bis ans Ende der Zeiten fortschreitet. Gewissermaßen stellen wir uns die Zeit als einen Weg vor, auf dem wir Schritt für Schritt voranschreiten. Das machen wir Brr... FM, wenn wir unsere Schriftstück mit „im Jahre des Lichts“, „anno lucis“ datieren. Diese Tradition geht bis James Anderson zurück, der die Jahreszahlen der Bibel zusammenzählte und so auf 4000 Jahre von der Erschaffung der Welt bis Christi Geburt kam. Diese Zeitzählung ist ein inhaltliches Programm. Genauso wie die Römer der Antike die Jahre „nach der Gründung der Stadt (a.u.c.) zählten und in der Kalenderreform der Französischen Revolution die Zeit ab dem Beginn der Revolution gezählt wurde, so zählen wir FM die Zeit ab dem Sieg des Licht über die Finsternis. Mit dieser Art der Zeitzählung ist das Ziel der FM-ei symbolisch dargestellt, die gesamte Welt mit dem Licht der Vernunft zu durchfluten.

 

Das Symbol der unwiederbringlich vorwärtsschreitenden Zeit begegnet dem Br... FM bereits in der Dunklen Kammer im Symbol der Sanduhr. Diese ist mehr als ein Memento mortis; sie soll den Br... FM permanent daran erinnern, ausdauernd bei seiner Arbeit dem erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst zu sein.

 

Neben diesem linearen Verständnis von Zeit, das einem konstant fließenden Strom entspricht, finden wir in der FM-ei ein älteres Verständnis von Zeit, die Einsicht, dass Zeit nicht linear sondern zyklisch abläuft. (alles Leben bewegt sich im Kreislauf…). Das ist die Erfahrung, die unsere Vorfahren machten, als sie begannen sesshaft zu werden undAckerbau zu betreiben. Sie lebten im Einklang mit den Tageszeiten – Morgen, Mittag, Abend, Nacht – und den Jahreszeiten – Frühling – Sommer – Herbst – Winter; Werden – Gedeihen – Vergehen – Ruhe; Aussaat – Wachstum – Ernte – Brache; Geburt – Leben – Tod.

 

Wir finden Hinweise auf dieses zyklische Verständnis von Zeit in unserem Ritual. So arbeiten wir von Hochmittag bis Hochmitternacht, das heißt wir folgen dem Sonnenlauf. In unserer Loge folgt der MvSt dem Sonnenlauf. Der MvSt symbolisiert die aufgehende Sonne im Orient, in seiner Zeit als PM steht er in der Funktion des TH im Okzident und symbolisiert so, die Sonne, die sich anschickt ihre Fahrt durch die Finsternis anzutreten, um am nächsten Tag zu neuem Leben zu erwachen.

 

Unsere Wanderungen im Tempel umkreisen dieses unbewegliche Zentrum. Im Ritual der Aufnahme wird davon gesprochen, dass dieses Zentrum der GBAW sei. Wie verrinnende Zeitachse und Kreislauf der Zeit zusammen kommen können, verrät das Ritual der Aufnahme allerdings nicht; das bleibt im Lehrlingsgrad ein Geheimnis.

Was war, was ist, was bleibt – das Zeitlose in der FMei

Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der Satz des italienischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 – 1957) – Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist – mehr denn je zu stimmen scheint. Auch Friedrich Schiller schrieb schon Ende des 18. Jahrhunderts: wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Veränderung scheint – nicht nur in der Politik – ein Wert an sich zu sein.

Die FMei besteht nun seit über 300 Jahre und sich in diesen mehr als 300 Jahren doch verändert und ist wahrscheinlich im Kern doch gleich geblieben. Mir geht es in dieser Kurzinstruktion darum aufzuzeigen, was sich in der FMei als dauerhaft erwiesen hat und was die veränderliche, flüchtige Schale der FMei ist. Ohne Zweifel würde ein Br... des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts die Inhalte des Rituals erkennen und ihnen folgen können, die Ritualpraxis wäre ihm wahrscheinlich fremd.

Ritual und Symbol machen den Kern der FMei aus; unser Ritual der Aufnahme sagt es so: wenn sich auch im Laufe der Zeiten hier und dort äußere Verschiedenheiten herausgebildet haben, die wesentlichen inneren Grundsätze sind immer und überall dieselben geblieben. Die Inhalte des Rituals sind dauerhaft. Die Symbole sind es nicht.

Im Laufe der masonischen Geschichte sind in den verschiedenen Obödienzen Symbole – wie z.B. der Bienenkorb, aber auch Geldstücke oder der Spiegel – verloren gegangen. Auch wenn das Symbol bleibt, so ist doch die Interpretation der Brr... eine andere geworden. Unser zentrales Symbol der Bau des Weisheitstempels, des Tempels der Humanität sieht am Anfang der 21. Jahrhunderts, zu einer Zeit, da viele maurerische Ziele erreicht sind, wohl komplett anders aus als zu Beginn der 19. Jahrhunderts.

Symbole sind nicht dauerhaft allerdings sehr wohl aber zeitlos. Symbole müssen vom einzelnen Br... in seinem persönlichen und im historischen Kontext neu gedacht werden. So bleibt ein rechter Winkel immer ein rechter Winkel; er soll uns zu rechtem Handeln ermahnen. Was aber rechtes Handeln im Kontext der Zeit bedeutet, das muss jeder Br... immer wieder aufs Neue denken. Dafür ist es nötig, zu wissen, was wir wollen.

Br... Viktor Frankl meinte dazu: Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.

 

 

Zusammenfassung der Rede des GR der Großloge A.F.u.A.M.v.D. Br... Wolfgang Kreis zum Großlogentreffen 2019

Hermetische Symbolik im Grad der Geheimen Meister

Wir Brr... Freimaurer verstehen uns als Kinder der Aufklärung, und die Aufklärung wird im Allgemeinen als die Epoche betrachtet, in der der Rationalismus Eingang in unser Denken findet und die experimentellen Naturwissenschaften zu blühen beginnen. Also, Alchemie und Freimaurerei ein Gegensatz? Tragen nicht gerade wir Brr... Freimaurer das Licht der Vernunft auf unseren Fahnen, und haben nicht gerade wir die Schatten des Okkultismus vertrieben? Gerne wird in diesem Zusammenhang die Loge „les neuf sœurs“, genannt, in der nicht nur viele Enzyklopädisten sondern auch Voltaire Mitglieder waren. Das „Lexikon der Aufklärung“, 1995 von Werner Schneiders herausgegeben, kennt weder das Stichwort „Hermetik“ noch „Esoterik“. Die Frage „was ist Aufklärung“ ist allenfalls hinsichtlich der Ziele und Absichten beantwortet; was sie wirklich war, ist offen. In jedem Fall war die Aufklärung ein schillerndes, in vielem unentschiedenes, nach vielen Seiten offenes Phänomen, von dem man ein „Gegenteil“ erst bestimmen könnte, wenn ein „Original“ vorläge. In so fern sind wohl die Zuordnungen für Hermetik, Alchemie oder Esoterik als gegen- oder antiaufklärerisch missverständlich. Die alchemistischen, kabbalistischen und magnetischen Experimente der Gold- und Rosen­kreuzer waren wohl so unaufgeklärt nicht. Im Weltbild des jungen Goethe findet sich die hermetische Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts, sie wird damit zu einem wichtigen Bestandteil aufklärerischen Denkens. Isaac Newton, den wir für gewöhnlich als den Begründer der modernen Naturwissenschaften ansehen, formulierte nicht nur seine Gesetze der Mechanik, er studierte auch aus Überzeugung fleißig seine alchemistischen Schriften.

 

Die Freimaurerei organisierte sich in Logen und machte so von neuem das alte Ideal der Separation des Weisen vom Profanen, die geheime Überlieferung des Wahren, lebendig. Der Geheimbund ist zunächst vor allem bewusste Elitenbildung, verborgene Ge­meinschaft der Erleuchteten, hermetische Kette der Weisen in Gegenwart und Ver­gangenheit.

Offensichtlich sind also Aufklärung und Hermetik keine Gegensätze sondern so etwas wie die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Dass wir Brr... Freimaurer Kinder der Aufklärung sind und das Licht der Aufklärung in unserem 21. Jahrhundert leuchten lassen, ist unbestritten. Wir tragen aber daher auch die andere Seite der Aufklärung, die Hermetik, in uns.

 

Allerdings werden in der maurerischen Geschichtsschreibung die vielfachen Formen der FM in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Templergrade, die Illuminaten, die Gold- und Rosenkreuzer, die Asiatischen Brüder, der Rite rectifié, als schwärmerische Verirrungen gegen den Geist des Rationalismus der Aufklärung abgetan. Gerade aber Albert Pike wusste offensichtlich um die Verbindung zwischen Alchemie und FM, nennt er doch eines seiner Hauptwerke Opus Magnum.  Der alchemistische Prozess wird in Anspielung auf das göttliche Schöpfungswerk großes Werk oder Opus magnum genannt. In ihm soll die chaotische Ausgangsmaterie – Materia prima -, in der sich die Gegensätze noch un­vereint in heftigstem Widerstreit befinden, allmählich in einen erlösten Zustand voll­kommener Harmonie überführt werden, den heilkräftigen Stein der Weisen oder Lapis philosophorum. Seinem Werk Morals and Dogma stellt er ein alchemistisches Meditationsbild voran. Die Inschrift darin – VITRIOL, Visita interiora Terrae Rectificando invenies Occultum Lapidem, besuche das Innere der Erde und durch Rektifizieren (Reinigung durch wiederholte Destillation), wirst du den philosophischen Stein finden – mahnt zu saturnischer Selbsterkenntnis. Die Siebenzahl der Sublimationen – William Blake (1757-1827) spricht in diesem Zusammenhang von den sieben Brennöfen der Seele – war dem Saturn als siebentem Planeten im kosmologischen System zuge­ordnet.

 

Was ist nun Alchemie? Mit Alchemie gleichbedeutend ist der Begriff „Hermetische Philosophie“ nach Hermes Trismegistos (Mercurius Termaximus), dem dreimal Größten Hermes, dem legendären Begründer der Alchemie. Die Alchemie war nicht nur – wie heute meist angenommen – die Vorläuferin der Chemie – Stichworte: Goldmacherei, Porzellan – sondern bis ins 18. Jahrhundert die akzeptierte Methode der Natur­er­kenntnis. Ihre Quellen sind in der ägyptischen Mysterientradition (alchemistisch wird daraus Sulfur = Seele) der griechischen Philosophie (Merkur = Geist) und in den technisch metallurgischen Kenntnissen der Handwerker und Schmiede (Sal = Körper) zu finden. Die Alchemie, Hermetik, geht allerdings bei der Betrachtung der Natur von anderen Denk­ansätzen aus, als wir es heute gewohnt sind.

 

Adorno und Horkheimer sprechen davon, dass die Natur durch Arbeit beherrscht werden soll, das ist der Ansatz der modernen Naturwissenschaften. Der Ansatz der Hermetik ist ein anderer. Die Hermetik versteht sich als eine Lehre der übergeordneten Naturgesetze. In ihr sind sowohl die Gesetze der Kausalität als besonders der Analogie zu finden. Sie bietet ein Erklärungsmodell für die Beziehungen der verschiedenen Dinge zueinander. Das Ziel ist die Vervollkommnung der Natur. Dazu ist das magische Dirigieren und Beeinflussen von naturgegebenen Kräften notwendig, die genau so gesetzmäßig funktionieren wie unsere modernen Naturgesetze, jedoch in unserem naturwissenschaftlichen Denken keinen Platz haben. Das Ziel, Metalle zu Gold zu ver­edeln, liegt nicht in dem hohen materiellen Wert des Goldes. Gold ist deswegen für den Alchemisten das vollkommenste Metall, weil es zu gleichen Teilen aus den drei Prinzipien Sal, Merkur und Sulfur besteht.

 

Heute teilt man die Alchemie üblicher Weise in drei verschiedene Bereiche ein, die im üblichen Sprachgebrauch vermischt werden.

Die Spagyrik

Dieser Begriff wird zumeist Paracelsus zugeschrieben, für den er gleichbedeutend mit Alchemie war, wir finden ihn aber schon bei Plotin. Für Paracelsus ermöglicht die Alchemie das Eindringen in die innere Natur der Dinge und die Trennung ihrer geistigen Wesensmerkmale von der materiellen Schale. Zur Spagyrik gehört das Wissen um die Herstellung von Arzneimitteln. Für Paracelsus sind die Vorgänge im Körper auf den Archeus, den inneren Alchimisten, zurückzuführen. Chemisch synthetisierte (nicht aus Naturstoffen extrahierte) Arzneien werden zum Kennzeichen paracelsischer Medizin. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Metallen als Ausgangsstoff.

Die Archimie

Mit Archimie wird jener Teil der Alchemie bezeichnet, der sich mit der Vervoll­kommnung der Metalle beschäftigt.

Die hermetische Philosophie

Die hermetische Philosophie, die spirituelle Alchemie, ist eine Geheimwissenschaft, die nur vom Lehrer auf den Schüler – vom Meister an den Initianden – mündlich weiter­ge­geben werden kann. Die hermetische Philosophie, die Überlieferung dessen, was als das Verborgenste nur durch Intuition meditativ zu erfahren ist, umschließt eine Theosophie, das Wissen über Gott, eine Mystik, das Wissen über das Geistige, und eine Metaphysik, das Wissen über das sinnlich nicht-wahrnehmbare in der Natur.

 

Dieser Philosophie entsprechend, ist das Arbeitsgebiet der Alchimie ein Dreifaches.

Es ist Theologie, wenn sie die unermessliche Größe des Schöpfers erkennen lehrt.

Es ist geistig, wenn sie von der Selbsterkenntnis ausgehend zur psychischen
Läuterung führt, die Herrschaft des Körpers, der sinnlichen Triebe durch diejenige der geistigen Prinzipien ersetzt.

Es ist materiell, wenn sie den von der Natur einge­schlagenen Wegen folgend es unter­nimmt, den armen und leidenden Mitmenschen zu helfen.

 

Spagyrik und Archimie sind vorwiegend exoterische Wissenschaften und in diesem Sinn Vorläufer unserer modernen Chemie. Die hermetische Philosophie ist rein esoterisch. Die Alchemie beruht auf der Annahme, dass Materie und Geist wie im Menschen so auch im Stoff eine Einheit, unus mundus, bilden. Dadurch wird auch die Analogie zwischen chemischer Operation und Veredelung des Menschen verständlich. C. G. Jung hat das in seinen Schriften wiederholt beschrieben. Nach C. G. Jung ist das, was der Alchemist im Kolben beobachten kann, nichts weiter als eine Projektion des Unbewussten. So wie bei längerem Betrachten im Spiegel sich das eigene Gesicht verändert, erscheinen im Kolben Farben und Symbole. Für C. G. Jung ist die Alchemie ein Individuationsprozess. Die Symbolwelt der Alchemie und deren Ähn­lichkeit mit den Symbolen anderer Systeme, die durch Meditation eine Individuation er­reichen wollen, ist Ausgangspunkt seiner Untersuchungen.

 

Unterschiedliche Bewertungen gibt es allerdings für die chemischen Ergebnisse. Für C. G. Jung sind die Laborergebnisse rein zufällig und nebensächlich. Die andere Inter­pretation meint, dass der Selbstfindungsprozess und die Laborarbeit nicht zu trennen sind. Der Erfolg im Labor zeige den Fortschritt der Individuation an, und ein Fort­schritt bei der Individuation gehe mit Erfolg im Labor einher.

 

Die Methode der Alchemie, das Ziel, die Vollkommenheit – den Stein der Weisen -, zu er­reichen, ist verhältnismäßig einfach: solve et coagula, löse auf und füge zusammen. Dazu muss die Prima Materia immer wieder aufs Neue einem sich wiederholenden Destillations­prozess unterworfen werden.

 

In der blauen Maurerei hat der Br... FM diesen Prozess zum ersten Mal durchlaufen. Begonnen hat dieser Prozess in der Dunklen Kammer. Sie ist vergleichbar mit dem „Athanor“, dem Ofen des Alchemisten, ein Ge­fäß, worin die Prima Materia durch intensive Hitze bearbeitet wird. Im Athanor ge­schieht die Calcinatio der Materie. Dort wird sie einer solchen Hitze ausgesetzt, dass jede Verunreinigung verbrennt. Sich selbst überlassen, eingeschlossen im geheimen Laboratorium seiner eigenen Persönlich­keit wird der Suchende von Traurigkeit und Leid übermannt, seine Kräfte schwinden dahin, die Zersetzung beginnt, das Subtile scheidet sich vom Groben. (Rektifizieren und Destillieren). Im Lehrlingsgrad wird an der Reinigung des Sal zur Befreiung des Sulfurs gearbeitet. Dem roten Sulfur entspricht die rote Säule J, bei der die Lehrlinge ihren Lohn enthalten.

 

Im zweiten Grad geht die wahre Feuerprobe vor sich. Der feurige Sulfur muss aus­ge­arbeitet – oder richtiger ausgesandt -, zum Wirken gebracht werden. Das Feld der Tätigkeit des Gesellen bemisst sich gleichsam nach der Ausdehnung oder Tragweite seiner sulfurischen Strahlung. Dabei tritt der Geselle mit der Welt in eine Beziehung von solch erhöhter Wirksamkeit, dass das intellektuelle Erfassen (welches dem Merkur-Prinzip entspricht) davon eine neue Erleuchtung (flammender Stern) erfährt und eine Verbindung des zuerst bloß individuellen Willens mit dem der Kollektivität anbahnt.

 

Sobald der Geselle den rohen Stein behauen und geglättet hat, muss er nicht mehr nach innen, sondern auch nach außen arbeiten. Was er so schaffend ausrichten würde, wäre unbe­deutend, wenn er nicht das Geheimnis wüsste, Kraft von einer Kraft zu leihen, die (scheinbar) außerhalb unserer liegt. Diese Kraft schöpft der Geselle an der Säule B. Damit findet wieder eine Zirkulation statt, indem der Individualwille magnetartig den göttlichen Willen herabzuholen sucht, immer wieder niederfällt, abermals emporsteigt, bis beide im „Philosophischen Feuer“ zusammenkommen. (Rektifizieren) Es ist der Kreislauf, von dem man in der Tabula Smaragdina liest, von der Erde steigt es zum Himmel, und steigt wiederum zur Erde hinab und nimmt die Kraft des Oberen und Unteren an.

Das unverbrennliche Wesen, das aus der Feuerprobe hervorgeht, ist der Phönix (ein von Alchemisten viel gebrauchtes Bild). Der Geselle hat die Aufgabe, sich in den Phönix zu verwandeln. Sein Handeln muss von der Intelligenz geleitet werden, Aktivität und Rezeptivität müssen einander er­gänzen. Darum hat der Geselle beide Säulen vollständig zu kennen. Dann wird er auch zu der androgynen Materie Rebis. Er zieht das himmlische Feuer auf sich und löst es in sich auf. Dann erst ist der Initiand wahrer Mensch und der Flammende Stern wird zum Zeichen des Menschen, der seine Instinkte und Triebe überwunden hat, dessen Sein von Tun von seinem souveränen Willen geleitet wird.

 

Im Meistergrad wird die Darstellung des Großen Werks durch Königsmord, Verwesung und Wiederauferstehung symbolisch dargestellt. Das alte Meisterwort – das „Zentral­feuer“ (angeblich Jehova) – ist verloren und wird durch das neue Meisterwort – Makbenak (er lebt im Sohn, aber auch Sohn der Verwesung) – ersetzt. Symbolisch ver­einigt sich der neue Meister da­mit mit Hiram, und die Traditionskette aus Tod und Wiedergeburt findet einen neuen Anfang. Das verlorene Wort ist das Elixier, der Schlüssel zum Werk. Dieses Elixier zu finden, bedeutet Anfang und Schluss zusammen­zubringen und damit den Uroboros zu vollenden. Der Meister muss einen mystischen Weg aus Purgatio, Illuminatio und Unio gehen. Am Anfang und am Ende dieses Wegs – wobei das Ende der Anfang und der An­fang genauso das Ende sein können – stehen Mortificatio und Putrefactio, die Bemühung ans Ziel und damit an den Neuanfang zu ge­langen.

 

Zweimal ist dem Maurer in der Blauen Maurerei der Tod auferlegt: am Beginn in der Dunklen Kammer und am Schluss bei der Initiation in der Mittleren Kammer. Dieser zweite Tod ent­spricht der Vollendung des großen Magisteriums. Er bedeutet das vollständige Opfer seiner selbst, den Verzicht auf jeden persönlichen Wunsch. Er ist das Auslöschen jenes radikalen Egoismus, der den Fall Adams hervorruft, indem er die Spiritualität ins Körperliche herabzieht. Das enge, kleine Ich zerfließt in nichts vor dem hohen un­persönlichen Selbst, symbolisiert durch Hiram. Die mythische Sünde des ewigen, allge­mein-menschlichen Adam wird so gesühnt. Um die Arbeit des universellen Baus mit Nutzen zu leiten, muss der Meister in die genaueste Willensvereinigung mit Gott ein­gehen. In nichts mehr Sklave, ist er umso mehr der Herr von allem, als sein Wille im Einklang mit demjenigen wirkt, der das Universum regiert. Zwischen Abstraktem und Konkretem, zwischen der schöpferischen Intelligenz und der Schöpfung erscheint der Meistermaurer als der echte Demiurg der Gnosis.

 

Es genügt jedoch nicht, dass der Meister das Licht aus seinem Urquell schöpft, er muss auch denen eng verbunden sein, die er leiten soll bei der unendlichen Arbeit. Das not­wendige Band ist die Sympathie, die Liebe. Der wahre Meister, muss bereit sein, sich auf die Liebe seiner Brr... einzulassen; er kann aber auch keinen Erfolg haben, wenn er die Brr... nicht so sehr liebt, wie er sich selbst. Diese Liebe geht bis zur Selbst­opferung. Der Pelikan ist das Symbol für diese liebende Aufopferung, ohne welche alles Bemühen eitel bliebe.

 

Der Meistergrad ist in diesem Durchgang der notwendig letzte Grad der blauen Maurerei. Der Grad der Geheimen Meister dagegen stellt den Maurer an einen Neu­anfang. Einmal hat er bereits den Weg der Hermetik durchlaufen, um nun im Vierten Grad sich von neuem auf den Weg zu machen. Sein Weg beginnt in der Morgenröte und dauert den ganzen Tag. (…die Dunkelheit wich der Morgenröte und das große Licht er­strahlt über der Loge…, …wenn die Sonne untergeht und die Abenddämmerung den Himmel bedeckt…)

 

Wir finden die Aurora als Aurora consurgens, die aufsteigende Morgenröte, bei dem Theosophen Jacob Böhme, als Aurora philosophorum bei Paracelsus, und der dem Thomas von Aquin zugeschriebene Traktat Aurora consurgens gehört zu den ältesten überlieferten alchemistischen Handschriften des frühen 15. Jahrhunderts.

 

Die Morgenröte, Aurora,  lässt sich auf die gnostische Lichtsymbolik zurückführen, wie sie uns im Mythos des Luzifer-Morgenstern überliefert ist. In der Gnosis und in der von ihr geprägten spekulativen Alchemie ist die Aurora ein realer Begriff. Hier wird Aurora mit aurea hora (goldene Stunde) erklärt. Sie ist die goldene Stunde für den Br... Frei­maurer, das goldene Ziel zu erreichen und das große Werk zu beginnen und zu vollenden. Die Aurora ist die Mittlerin zwischen Tag und Nacht (albedo und nigredo), und sie leuchtet in den Farben Gelb und Rot (citrinitas und rubedo). Die Morgenröte ist die Mutter der Sonne (Gold); sie vertreibt die winterliche Nacht und setzt den Anfang des Tages, des Lichts. Die Morgenröte im Höhepunkt der Rötung bedeutet das Ende aller Finsternis. Die Worterklärung als aurea hora erscheint mir in so fern als wesentlich, als die früh­mittelalterlichen Mystiker immer von der seltenen (=goldenen) Stunde, dem kurzen Augenblick, sprechen, in welchem die menschliche Erkenntnis (die Gnosis) die Weisheit Gottes unmittelbar berührt; und so ist die aufsteigende Morgenröte eigentlich der Augenblick der mystischen Vereinigung mit dem Universum. Damit ist dem neuerlichen Prozess aus  Solutio, Coagulatio und Destillatio eine neue Dimension ge­geben. Das Ziel ist nicht mehr nur die Selbstveredelung sondern die Begegnung mit dem größeren Ganzen, dem ABAW (…versuchen, in den Kreis des Transzendenten einzu­dringen…)

 

Bei seiner Einweihung in den 4. Grad erblickt der M im Osten ein gleichseitiges Dreieck mit der Spitze nach oben. Es ist das alchemistische Zeichen des Feuers. Ihm entspricht als Jahreszeit der Sommer, seine Farbe ist rot. Von den Tierkreiszeichen ist ihm der Löwe und als Planet Mars zugeordnet. Das Dreieck soll den Adepten an die Flamme er­innern, die aufsteigt und sich selbst beschränkt. Das Feuer trägt Reinigung aber auch Zerstörung in sich, wenn es nicht durch die Wirkung der anderen Elemente gemäßigt und gezähmt wird. Daher ist auch das alchemistische Zeichen für Luft ein Dreieck mit einem Querstrich. Die Flamme wird durch den Wind, Luft, in seiner aufsteigenden Tendenz gebremst und wird so zu Rauch, der sich in allem verbreitet und auflöst.

 

Mit einem Kreuz an der Basis wird aus dem Zeichen des Feuers das Zeichen des Sulfurs. Der Sulfur steht für den Lichtfunken, der in jedem Menschen eingeschlossen ist, das innere Licht des Mikrokosmos. In der „Tabula Smaragdina“ heißt es: Und so wie alle Dinge aus dem Einen stammen, durch einen Gedanken des Einen, so sind alle Dinge aus dieser einen Ursache durch Anpassung entstanden. Er ist Teil der schöpferischen Kraft der Welt. (cf. Das gleichseitige Dreieck mit dem Auge als Symbol für den ABAW).

 

Im 4. Grad stehen wir eben erst am Anfang des neuen hermetischen Wegs, sodass der Schritt vom Rechteck zum Kreis, vom Mikrokosmos zum Makrokosmos, nur in der Instruktion als Ziel angedeutet werden kann. Michael Maier schreibt in seinem Buch „Atalanta fugiens“ (Oppenheim 1618), die Quadratur des Kreises sei für den Alchemisten in ihrer Natur nichts Fremdes. Durch das Viereck aus dem Kreis deuten sie an, dass aus jeglichem einfältigen Körper die vier Elemente geschieden werden müssen. Durch die Verwandlung des Quadrats in ein Dreieck lehren sie, dass man Geist, Leib und Seele hervorbringen soll, welche dann in drei kurzen Farben vor der Röte erscheinen. Dem Körper sei die saturnische Schwärze zugeordnet, dem Geist das lunarisch-wäßrige Weiße und der Seele die luftige Citrin-Farbe. Wenn nun das Dreieck zu seiner höchsten Perfektion gekommen, muss es wieder in einen Kreis, das heißt in eine unveränderliche Röte gebracht werden.

 

Im  Osten finden wir nur das aufsteigende gleichseitige Dreieck und nicht das Hexa­gramm als Vereinigung von Mikro- und Makrokosmos. Steht der Sulfur für das innere Licht des Mikrokosmos, so steht der Merkur dagegen für das äußere Licht des Makro­kosmos, während der Sal den Bereich des intensivsten Lichts (des Großen Lichts) dar­stellt, in dem diese beiden widerstreitenden Kräfte zusammenkommen und kon­densieren.

 

Die Methode, die Lehre, mit der wir Brr\ Geheime Meister dieses Ziel, nämlich Mikro- und Makrokosmos zusammenzuführen, erreichen sollen, wird uns bei jeder Arbeit aufs Neue verkündet und eingeschärft: Schweigen und Dienen. Schweigen und Dienen bedeutet eine Phase der angeleiteten Selbstreflexion, einen Rückzug auf sich selbst. Die Alchemisten haben dafür den Begriff philosophisches Ei geprägt.

 

Das philosophische Ei der Alchemie ist ein gläsernes Gefäß, in dem der Stoff, die Prima Materia, der Adept, längere Zeit unter Einwirkung von Hitze im Athanor digeriert oder figeriert wird. Das Ei ist das hermetische Gefäß, in dem sich neues Leben entwickelt. Das philosophische Ei zeigt auch die drei Prinzipien: Sal = Schale, Merkur = Eiweiß, Sulfur = Dotter. Das Ziel ist die Wiederbelebung, die Regenerierung, die Wiederauferstehung des „wahren Menschen“ durch die Erkenntnis der in der Natur des Geistes verborgenen Potentialitäten. Die Prima materia legt den Akzent auf das (psychische) Material, in dem alles, das Ganze und das Eine, die schwer erreichbare Kostbarkeit, von Anbeginn enthalten ist. Diese Prima materia muss in ein Gefäß, in das philosophische Ei, das vas hermeticum. Dieses Gefäß muss nach außen abgeschlossen sein, damit die materia darinnen gekocht werden kann. In der „Turba Philosophorum“, einer arabischen Kompilation griechischer alchemistischer Traktate und Doktrinen, die ab dem 13. Jahrhundert in Europa weite Verbreitung findet, heißt es, die Kunst sei mit einem Ei vergleichbar, in dem vier Dinge verbunden sind. Seine äußere Schale sei die Erde, das Eiweiß das Wasser, das feine Häutchen, das der Schale anliegt, die Luft und das Eigelb das Feuer. Das fünfte Element oder die Quintessentia sei das junge Hühnchen, der neue Mensch, der durch Selbstreflexion auf sich selbst zurückgezogen reife. In diesem primitiven Zustand des Rückzug, eingesperrt in einen Ort ohne physisches Licht, nur vom Licht der Erkenntnis erleuchtet  muss der Geheime Meister seinem Leben als Meister unter Meistern erneut sterben – eben durch Schweigen und Dienen (treues Dienen bis zum Tod, Putrefactio). Und wieder die „Tabula smaragdina“: Auf diese Art wirst Du den Ruhm der ganzen Welt erlangen. Dann wird alle Dunkelheit von dir weichen. Dies ist die starke Kraft aller Kräfte, die alle subtilen Kräfte verbindet und alle festen durchdringt.

 

In der Sprache der Psychologen ist das Unbewusste durch Energieverlust abgesunken, so dass es nicht mehr im Stande ist, das Bewusste zu beeinflussen. Diesen Zustand nennen die Alchemisten Nigredo. Gerade dieser Zustand ist die Voraussetzung für neues Wachstum, wie die Winterpause für die Vegetation. Wenn sich im Unterbewusstsein ein neuer Komplex gebildet und sich mit der erforderlichen Energie angereichert hat, bricht er ins Bewusstsein durch und leitet eine Periode erhöhter Aktivität und Kreativität ein. Der Grad des Geheimen Meisters ist der psychische Mechanismus, symbolisch ausgedrückt durch „Schweigen und Dienen“, der diesen Vorgang im Unbewussten – eben im Geheimen – bewirkt und steuert. Seine Funktion ist eine energetische. Er stellt die Energie zur Wieder- bzw. Neugeburt bereit.

 

Mit dem Grad der geheimen Meister wird ein erneuter Schritt zur Unio mystica durch Überwindung der Feindschaft der vier Elemente gesetzt; bestehen bleibt der letzte Gegen­satz, den die Alchemisten mit der wechselseitigen Beziehung von männlich und weiblich auszudrücken versuchen. Wenn sich die Gegensätze vereinen, Männliches und Weib­liches sich zu einer Einheit verbinden, entsteht der Lapis philosophorum.

 

Der Stein der Weisen ist ein passendes Bild für Jungs „Selbst“. Er ist eine aus Gegen­sätzen gebildete Einheit, die in der hermetischen Symbolik als Hermaphrodit oder Rebis dargestellt wird. Der Stein vereinigt in sich Materie und Geist, Seele und Körper. Er ist das „Eine in Allem“ und das „Alles in Einem“.

 

Abstract

 

Die Aufklärung wird gewöhnlich als Zeitalter des Rationalismus verstanden. Gleichzeitig entstehen zu genau derselben Zeit eine Reihe von Gesellschaften wie die Gold- und Rosenkreuzer, aber auch die asiatischen Brüder, die alchemistische, spiritistische, magnetische und magische Experimente durchführen. Die Bruderschaft der Freimaurer hat von beiden Seiten gelernt. Nicht von ungefähr heißt sie auch königliche Kunst – ein anderer Name für Alchemie.

 

Gerade Albert Pike wusste um diese Zusammenhänge, so nennt er eines seiner Hauptwerke „Opus Magnum“ und stellt seinem zweiten Hauptwerk „Morals and Dogma“ ein alchemistisches Meditationsbild mit der Inschrift VITRIOL, Visita interiora Terrae Rectificando invenies Occultum Lapidem, besuche das Innere der Erde und durch Rektifizieren (Reinigung durch wiederholte Destillation), wirst du den philosophischen Stein finden, voran.

 

Die Methode der Alchemie, das Ziel, die Vollkommenheit – den Stein der Weisen -, zu er­reichen, ist verhältnismäßig einfach: solve et coagula, löse auf und füge zusammen.

 

Für C. G. Jung ist die Alchemie ein Individuationsprozesses. Der Erfolg im Labor zeige den Fortschritt der Individuation an, und ein Fort­schritt bei der Individuation gehe mit Erfolg im Labor einher.

 

In den Graden 1-3 hat der Maurer zum ersten Mal diesen hermetischen Prozess durchschritten, von der Dunklen Kammer, dem Athanor, über die Auseinandersetzung mit den Elementen bis zu seinem symbolischen Tod, Grablegung und Auferstehung als Hiram, Putrefactio und Mortificatio.

 

Im vierten Grad wird der Maurer an den Anfang zurückgestellt. Er beginnt sein großes Werk in der Morgenröte, der Aurora, interpretiert als Aurea Hora, dem kurzen Augenblick, in welchem die menschliche Erkenntnis (die Gnosis) die Weisheit Gottes unmittelbar berührt.

 

Wegweiser ist dem Bruder Geheimen Meister das gleichseitige Dreieck mit der Spitze nach oben, as alchemistische Zeichen für Feuer. Mit einem Kreuz an der Basis wird aus dem Zeichen des Feuers das Zeichen des Sulfurs. Der Sulfur steht für den Lichtfunken, der in jedem Menschen eingeschlossen ist, das innere Licht des Mikrokosmos. Da er erst am Anfang seines neuerlichen Weges steht, kann derSchritt vom Rechteck zum Kreis, vom Mikrokosmos zum Makrokosmos, nur in der Instruktion als Ziel angedeutet werden.

 

Die Methode, die Lehre, mit der wir Brr\ Geheime Meister dieses Ziel, nämlich Mikro- und Makrokosmos zusammenzuführen, erreichen sollen, wird uns bei jeder Arbeit aufs Neue verkündet und eingeschärft: Schweigen und Dienen. Schweigen und Dienen bedeutet eine Phase der angeleiteten Selbstreflexion, einen Rückzug auf sich selbst. Die Alchemisten haben dafür den Begriff philosophisches Ei geprägt.

 

Eingeschlossen im Philosophischen Ei verharrt der Geheime Meister im Stadium der Nigredo. Das Unbewusste ist durch Energieverlust abgesunken, so dass es nicht mehr im Stande ist, das Bewusste zu beeinflussen. Das Unbewusste reichert sich mit der nötigen Energie an und bildet einen neuen Komplex, der bei seinem Durchbruch ins Bewusstsein eine Periode erhöhter Kreativität einleitet. Der 4. Grad stellt die Energie zur Wieder- bzw. Neugeburt bereit.

 

Mit dem Grad der geheimen Meister wird ein erneuter Schritt zur Unio mystica durch Überwindung der Feindschaft der vier Elemente gesetzt; bestehen bleibt der letzte Gegen­satz, den die Alchemisten mit der wechselseitigen Beziehung von männlich und weiblich auszudrücken versuchen. Wenn sich die Gegensätze vereinen, Männliches und Weib­liches sich zu einer Einheit verbinden, entsteht der Lapis philosophorum. Der Stein vereinigt in sich Materie und Geist, Seele und Körper. Er ist das „Eine in Allem“ und das „Alles in Einem“.

Literatur

  • Boucher Jules, la symbolique maçonnique, Dervy, Paris 1948
  • Calame Pierre Ed, der Weg der Initiation, Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 4, 1999
  • Coudert Alison, der Stein der Weisen, die geheime Kunst der Alchemisten
  • Ferré Jean, Dictionnaire des symboles maçonniques, Éditions du Rocher, 1997
  • Gebelein Helmut, Alchemie, Diederichs Gelbe Reihe, Kreuzlingen, München, Hugendubel 1999
  • Jung Carl Gustav, die Psychologie der Übertragung dtv 35178
  • Neugebauer-Wölk Monika, die Geheimnisse der Maurer: Plädoyer für die Akzeptanz des Esoterischen in der historischen Aufklärungsforschung, in QC-Jahrbuch 39/2002
  • Roob Alexander, Alchemie & Mystik, das hermetische Museum, Benedikt Taschen Verlag, Köln 1996
  • Rothmayer Michael, tiefenpsychologische Deutung der Grade des AASR, Baustück 2000
  • Silberer Herbert, Probleme der Mystik und ihrer Symbolik, Heller 1914
  • Wirth Oswald, le symbolisme hermétique dans ses rapports avec la Franc maçonnerie, Dervy-Livres, Paris 1969-1981
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, I l’apprenti, Dervy, Paris 1977
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, II le compagnon, Dervy, Paris 1977
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, III le maître, Dervy, Paris 1977

Ritual-Symbol-Mythos

Ritual

Das Ritual ist für die FMei konstitutiv, denn die Bruderschaft lebt mit und vom Ritual. Das Ritual ist gewissermaßen die conditio sine qua non, also die Bedingung, ohne welche die FMei ihrer Grundlagen beraubt wäre. Im Ritual werden die Rhythmen von Raum und Zeit nachvollzogen und im menschlichen Erleben und Handeln auf individueller wie sozialer Ebene abgebildet.

Rituale geben Struktur in Zeit und Raum und schaffen damit Sicherheit, Ordnung und Gewissheit. In der gewohnheitsmäßigen Wiederholung des immer wieder Gleichen findet der einzelne Br... die Gelegenheit, sich auf die Lehren der FMei einzulassen und diese so wirken zu lassen. Neue Sinnebenen werden nicht abstrakt, sondern körperlich und konkret in der brüderlichen Gemeinschaft erleb- und erfahrbar. Dieser andere Erlebnisraum stiftet Gemeinschaft durch eine Identifizierung, die wiederum neue Identität ermöglicht.

Symbol

Die Symbole sind die Sprache der FMei. Der Umgang mit einem Symbol ist die Leistung des menschlichen Denkens schlechthin. Die Bedeutung eines Symbols geht über den Sinneseindruck hinaus; damit gewinnt der Br... Abstand zu seiner Gemütsverfassung. Durch das Symbol wird der potentielle und der aktuelle Erlebnisraum in einen Rahmen gestellt, der Ordnung und Sinn ermöglicht. Es bedarf der Symbole, um die Orientierung wie auch die Verallgemeinerung von Ereignissen rituell zu repräsentieren. Gemeinsam mit dem Ritual sprechen die Symbole Ratio und Emotio gleichermaßen an.

Mythos

Der Mythos, die gemeinsame Saga, bindet die Gemeinschaft der Brr... zusammen. Ein Mythos ist eine gemeinsame Vorstellung, ein gemeinsames Konzept, einer Kultur, die begrifflich empirische Beobachtungen und imaginäre Deutungen so verknüpfen, dass Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn interpretiert werden, einen Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht. Damit trägt der Mythos, die gemeinsame Saga, die verbindliche Ordnung, die durch Ritual und Symbol Grund gelegt wird.

In der FMei ist dieser Mythos die Saga vom Bau des Tempels der Humanität. Zunächst verstehen wir einander als Bauleute, die frei und mit geheimem Wissen ihre Kunst ausüben. Dann übertragen wir dieses Bild auf den Bau des Tempels Salomos. Der dritte Schritt ist die Vision den Tempel der allgemeinen Menschenliebe, den Tempel der Humanität zu bauen, dessen Bausteine alle Menschen sein sollen.

Ein Projekt, das gelingen soll, braucht alle drei Elemente. Es braucht Ordnung, das Ritual; es braucht Verstand und Gefühl, die Symbole; es braucht eine Vision, den Mythos; Stärke – Weisheit – Schönheit.

Rituale, Symbole und Mythen sind die für Freimaurer bestimmende Elemente. Sie inszenieren für uns einen Sinnzusammenhang, um auf das Ganze zu verweisen. Sie zelebrieren das Erlebnis von Sinn, der sich im freimaurerischen Ideal der Humanität offenbart.

FM – der Mensch im Mittelpunkt

In der FMei steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht der Mensch als Träger nationaler, sozialer oder religiöser Rollen, nicht der Mensch als Teil seiner Gattung; der einzelne Mensch, das Individuum, die Person steht im Mittelpunkt. In der Zauberflöte der Brr... Mozart und Schikaneder haben die Priester Bedenken, Tamino einzuweihen, weil er ein Prinz sei; Sarastro hat das schlagende Argument: „…noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „…wenn ich einen mehr unter euch gefunden hätte, dem es genügt ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings programmatischer Freimaurerschrift Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer von 1778; da heißt es: „die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staates. Außer dieser gibt es keine. Jede andere Glückseligkeit des Staates bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts.“

Die Aufklärung bestimmte und bestimmt das Denken der Brr... FM. Die Aufklärung entwarf das utopische Bild des befreiten Menschen, der keiner Willkür, weder weltlich noch geistlich, unterworfen sein sollte, sondern seinen Weg der Glückseligkeit gehen (pursuit of happiness) und sein Leben bewusst und mit Vernunft gestalten sollte. Das Individuum sollte selbstbestimmt in einer von moralischen, vernünftigen Gesetzen geregelten sozialen Umgebung leben. Das ist Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinn. Noch einmal Lessing: „die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft ein Sprössling der Freimaurerei ist“.

Heute ist der Bund der Freimauer ein alter, aus bester europäischer Tradition hervorgegangener Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen, die nicht mehr und nicht weniger wollen, als der alten Idee des Menschen, seines Lebensrechts, der Entfaltung seiner Kreativität und der Bewahrung seiner  Würde unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart und angesichts vieler neuer Herausforderungen und Gefahren etwas mehr Geltung in der täglichen Realität zu verschaffen.

Die FMei versucht, den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen, einer vernünftigen und einer emotionalen Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit hat in jeder ihrer Dimensionen Stärken, Schwächen und besondere Bedürfnisse; in unserer maurerischen Arbeit in der L bemühen wir uns, diesen Umständen zu entsprechen. Das Angebot der FMei – Gemeinschaft, ethische Orientierung, rituelles Brauchtum – ist eine mögliche Antwort auf die Bedürfnisse des einzelnen Br.... Es entspricht der Grundsituation des Menschen als einem fragenden, einem suchenden Wesen. FMei gelingt immer dann, wenn die Spannung zwischen Idee und Gemeinschaft, zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen der Geschlossenheit der Bruderschaft und ihrer prinzipiellen Offenheit für neue Menschen, neu Ideen und neue Erfahrungen ausgehalten wird.

Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn eine solche gibt, ist die stille, zugleich aber nachhaltige Radikalität beständigen Fragens, Prüfen und Bereitseins. FMei in diesem Sinn in die Gegenwart wirken zu lassen, engagiert und redlich, mit klaren Gedanken, ohne Kleinmut aber auch ohne Überheblichkeit, das ist unsere Aufgabe. Das ist die Aufgabe der humanitären FMei, die dem Menschen dienen soll, die vom Menschen ausgeht und in freier Selbstbestimmung von in Freundschaft verbundenen Menschen getragen und gestaltet wird.

 

Zusammenfassung und Auszug aus der Rede von Br... Hans-Herrmann Höhmann zum 275. Stiftungsfest der L Carl zur gekrönten Säule vom 23.02.2019

FM und die offene Gesellschaft

Das vor allem von Karl Raimund Popper entwickelte Konzept der offenen Gesellschaft ist das Konzept des demokratischen Pluralismus. Popper entwickelte sein Konzept in den1940-er Jahren, in der Zeit der militanten Bedrohung der freien Welt durch Nationalsozialismus und stalinistischen Kommunismus. Sein Konzept der offenen Gesellschaft richtet sich gegen alle utopischen „Erzählungen“ von Platon bis Marx, Erzählungen von einem gesellschaftlichen Ganzen, in dem die Freiheit des Einzelnen letztlich untergeht.

Mir als Br... FM scheint es selbstverständlich, Anhänger von Poppers Konzept der offenen Gesellschaft zu sein. Offene Gesellschaft bedeutet Herrschaft der Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Schutz der Minderheit insbesondere in dem Sinn der institutionell gesicherten Chance, bei der nächsten Wahl zur Mehrheit zu werden.

Als Br... FM halte ich es für unverzichtbar, über die institutionellen und kulturellen Voraussetzungen der offenen Gesellschaft nachzudenken. Es ist die Aufgabe der FMei, am öffentlichen Diskurs über die Grundlagen und Praxis der offenen Gesellschaft teilzunehmen.  Dieser Diskurs ist genauso innerhalb des Bundes zu führen, wie zwischen Mitgliedern des Bundes und der Öffentlichkeit. Die Brr... FM sollen mit ihrer Stimme in der in der Öffentlichkeit vernehmbar sein, mit einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die konstruktive Gedanken vermittelt und auf plumpe Parolen verzichtet, einer Stimme, die als Gegengewicht wirkt gegen Respektlosigkeit und Rassismus. Mein Auftrag als Br... FM bedeutet, heute als stolzes Mitglied der Zivilgesellschaft, als Citoyen, mein Wort im öffentlichen Diskurs zu erheben, um mich so als Teil der Zivilgesellschaft zu bewähren.

Aktuell werden die westlichen Gesellschaften durch die Zuwanderung multikulturell, daher müssen wir eine über die Vielfalt der verschiedenen Kulturen hinweg eine neue Kultur der Übereinstimmung, eine Kultur des „Wir alle gemeinsam“ entwickeln, die zur Grundlage von Wahrnehmung und Handeln der neuen und alten Bürger wird. Die Antworten dürfen keine rückwärtsgewandten von vor 80 Jahren sein, keine antiquierte Kultur eines völkisch geprägten Nationalismus. Das Ziel muss eine demokratische Verfassung sein, die keine christliche, österreichische, deutsche oder sonst eine Leitkultur ist, sondern eine europäische, die in der Aufklärung wurzelt.

Als Brr... FM habe wir ein Vorbild für eine solche Verfassung, unsere LL. Unsere Brr... gehören unterschiedlichen Ethnien an, haben ihre eigene Identität, die auf ihrer spezifischen Kultur beruht. Auch kann der Einzelne Träger vieler verschiedenen Kulturen sein, seien sie regional, ethnisch oder religiös geprägt. Was diesen Pluralismus sozial verträglich und ertragbar macht, ist der verbindende Grundkonsens, dass es offen sozial, gerecht und demokratisch zugehen soll.

…was bindet die Steine zu einem Ganzen? – Die Brüderlichkeit!

Unsere Bausteine sind die Menschen.

Was bindet diese Steine zu einem Ganzen?

Die Brüderlichkeit!

Wie oft haben wir diesen Dialog zwischen dem MvSt und den beiden Aufsehern gehört und – meine Br..., ich behaupte, es geht euch da wie mir – nicht richtig hingehört. Denn Brüderlichkeit ist nach unserem allgemeinen Verständnis etwas, das sich doch ausdrücklich auf die Brr... meiner L bezieht, dann auf alle Brr... FM. und da sagt uns das Ritual, dass Brüderlichkeit die Grenzen unseres Bundes überschreiten soll und sich auf alle Menschen bezieht. Der Mörtel, der Beton, des Baus des Tempels der allgemeinen Menschenliebe ist die Brüderlichkeit, die die Steine, nämlich die Menschen, alle Menschen, zu einer festen Mauer zusammenfügen soll.

Das Arbeitsgebiet des Br... Fm erstreckt sich also auf alle Menschen, also Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit nicht nur für und unter Brr.... Wenn ich ehrlich bin, das scheint mir doch ziemlich idealistisch, dafür gehen mir manche Mitmenschen zu sehr auf den Geist. Aber FM definiert nicht hehre Idealziele, denen im praktischen Leben kein Wert zukommt; als Freimaurer stelle ich den Anspruch aus Idealen konkrete Anforderungen für mich und mein Leben zu formulieren (…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat).

Als Freimaurer kreisen unsere Ideale um Würde und Freiheit des Menschen, um die Humanität; als Menschen brauchen wir diese Ideale, die wie die Sterne unerreichbar sind, um zu wissen, wohin unser Weg geht. Seien wir jedoch gleichzeitig mit Karl Popper vorsichtig, der meinte, der Versuch den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt und weiter, wir müssten unsere Träume der Weltverbesserung aufgeben und dennoch könnten und sollten wir Weltverbesserer sein.

Humanität, Menschenliebe, schienen in den Anfangsjahren und Jahrzehnten der FMei ein einfaches, leicht zu definierendes Ziel zu sein, Befreiung des einzelnen Menschen, Abschaffen der Standesunterschiede, Redefreiheit, Abschaffen der Zensur, Demokratie, Frauenwahlrecht. Das haben wir heute nach vielen Rückschlägen ziemlich alles erreicht. Die allgemeine Erklärung der Menschrechte vom 10.12.1948 mit dem Satz zum Anfang: alle Menschen sind frei und gleich an Würden und Rechten geboren, die Europäische Menschenrechtskonvention, die diese Wert ein- und verschärft und auch für den einzelnen Menschen einklagbar macht, geben Zeugnis davon. So sieht der Mörtel unseres Tempelbaus also aus.

Die wirkliche Bedeutung wird umso klarer und deutlicher, wenn wir diese Texte rückwärts lesen, also untersuchen, was da verneint und abgelehnt wird. Darin steht das ausdrückliche Verbot, Menschen oder Menschengruppen geringer zu achten; das müssen ja nicht gleich Untermenschen zu sein, denen man diese Rechte komplett abspricht, aber sie haben andere, eingeschränktere Rechte. Als FM sind uns Gedanken wie die folgenden komplett fremd – oder täusche ich mich da?

  • Der Ruf nach einer abendländischen christlichen Leitkultur
  • Die Ablehnung der Ehe für alle
  • Vorrang für Menschen, die hier geboren sind oder schon länger hier wohnen
  • Eine andere Krankenkasse mit anderen, schlechteren (?) Leistungen für Zuwanderer
  • Weniger Kinderbeihilfe für Menschen, deren Kinder im armen Osten Europas leben
  • Die Einstellung gegenüber dem Islam als veraltete, mittelalterliche Religion, die nicht in unsere heutige Zeit passt
  • Die latente Ablehnung der Österreicher jüdischen Glaubens, die doch nach Israel gehen sollen, wenn es ihnen hier in Österreich nicht passt
  • Die Ablehnung des Staates Israel und das Hofieren von Organisationen und Staaten, die die Vernichtung genau dieses Staates zu ihrem Ziel gemacht haben

Wenn wir bei manchen dieser Punkte zögern, so ändert das doch nichts daran, dass wir mit dem Mörtel der Brüderlichkeit den Tempel der Allgemeinen Menschenliebe bauen, oder?

Ich will sicher nicht zu kritikloser Toleranz aufrufen, ich weiß, dass es Grenzen der Toleranz gibt und geben muss. Denn wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht. Grenzen der Toleranz sind wichtig, aber in beide Richtungen. Es gibt Positionen, die so intolerant sind, dass sie bekämpft werden müssen und es gibt Positionen, die sind so sehr im Sinne der Humanität, dass sie nicht erduldet, sondern gefördert, unterstützt und angenommen werden müssen.

Dann ist die Brüderlichkeit der Mörtel, der Beton, des Tempelbaus.

Instruktion im Lehrlingsgrad

FMei ist in erster Linie Tun, so wie ihr das in dieser Arbeit, in der der Tapis gezeichnet wurde, erlebt habt. FMei lehrt nicht durch Worte und Bücher, FMei lehrt durch ihr Ritual und das Erleben und Ausführen des Rituals. Sie ist der festen Überzeugung, dass noch so gut gemeinte Vorträge ihr Ziel nicht erreichen. Was euch jungen Brr... in unserer L mitzuteilen ist, das sollt ihr aus der Logenpraxis erfahren können. Die Logenpraxis führt euch zu näherem Verständnis der FMei.

Dennoch bietet die FMei demjenigen, der sich dafür interessiert, ein weites Feld von Forschung und Erfahrung, die für den einzelnen Br... eine Quelle sowohl intellektuellen als auch spirituellen Erlebens werden können. Vertiefung im Wissen um Ritual und Symbol ist die Voraussetzung, um von der formalen Einweihung, eurer Rezeption, zur wahren Initiation zu finden.

In der Aufnahme wurdet ihr im Rahmen der Reisen in die FMei eingeführt. Die Lehren, die ihr während der Reisen vom MvSt erhalten habt, sind eure erste Begegnung mit und die erste Information über die FMei. Viel mehr als diese Lehren gibt es über die FMei selbst nicht zu sagen, denn etwas anderes als Symbol und Ritual (der Graderteilungen) hat die FMei nicht, denn es gibt kein Identität stiftendes, niedergeschriebenes Werk der FMei wie Bibel oder Koran. Im Laufe der Zeit werdet ihr merken, dass, wenn wir Inhalte der FMei mit Zitaten belegen, fast ausschließlich Zitate aus dem Ritual oder aus anderen, eventuell historischen Ritualen, verwenden.

Diese Rituale sind im Laufe der gut drei Jahrhunderte, in denen es nachweislich so etwas wie eine strukturierte FMei in dem Sinn, wie wir sie heute erleben, im Wesentlichen unverändert geblieben. Daher ist es Aufgabe aller Brr... gemeinsam und jedes einzelnen Br... im Besonderen, der Frage nachzugehen, wie FMei in meiner konkreten Umgebung, in der heutigen Zeit verwirklicht werden könnte.

Der Trend der heutigen Zeit am Beginn des 21. Jahrhunderts geht in Richtung Uniformierung der Gesellschaft, in der die Masse das Individuum ersetzt. Den Platz von Ideen nehmen Statistiken und Meinungsumfragen ein. Die Erfahrung von und Auseinandersetzung mit Natur und Kosmos, Stille und Alleinsein sind in dieser lauten Umgebung schwer geworden.

Die FMei gibt ihren Mitgliedern Mittel und Erfahrungen in die Hand, um in und für sich selbst Humanität und Spiritualität zu bewahren; sie ist die hohe Schule bewusster, denkender Humanität. Der maurerische Weg ist ein Weg der Initiation, der Einweihung, welchen ihr als Suchende bewusst und aus freiem Entschluss gewählt habt. Dieser Weg braucht ein Minimum an Einsatz und Arbeit an sich selbst, denn die FMei oder ihre Rituale sind keine Magie, noch Sakramente, die den Menschen mit einem Wort, einer Handlung verändern.

Auf dem Weg der Einweihung bietet die FMei die schrittweise, materielle und geistige Befreiung des einzelnen Menschen. Ihr Ziel ist – neben anderen – dem einzelnen Br... Werkzeuge in die Hand zu geben, um Antworten auf die universellen Fragen eines denkenden Menschen zu geben: Woher komme ich? Wer bin ich? Wo gehen wir hin?

Den rauen Stein, seinen rauen Stein zu behauen, ist der Lebensplan, den der Lehrling und jeder Br... FM verwirklichen soll. Der raue Stein symbolisiert die Unvollkommenheit von Verstand und Herz. Die Regeln der profanen Welt funktionieren in der besonderen Welt der Loge und der Tempelarbeit nicht; die gewohnten Verhaltensweisen müsst ihr im Saal der verlorenen Schritte zurücklassen, genauso wie ihr vor eurer Aufnahme alle Metalle ablegen musstet. Ritual, Symbole und Werkzeuge sollen in euch Träume nach euren persönlichen Möglichkeiten wecken, die vielleicht lange verschüttet waren, Träume wie Erweiterung eures Bewusstseins, Grenzerfahrung, oder besseres Urteilsvermögen.

In der Dunklen Kammer habt ihr hinter dem VM das Wort VITRIOL gelesen, das die Abkürzung für Visita Interiora Terrae (et) Rectificando Invenies occultum Lapidem (Besuche, durchsuche das Innere der Erde und durch Rektifizieren wirst du den geheimen Stein – den Stein der Weisen – finden). VITRIOL beschreibt in der Kurzfassung die Methode der Alchemie, deren Ziel es ist, den Stein der Weisen zu finden, VITRIOL ist gleichzeitig auch die Methode der FMei. Das Innerste Der Erde ist der Br... FM, der in sich selbst nach seinem wahrem Selbst, wie er selbst sein könnte, sucht, erkenne dich selbst. Rektifizieren ist wiederholtes Verdampfen und Kondensieren (Destillieren), ein Vorgang, beim dem die Substanz mit jedem Mal reiner wird, beherrsche dich selbst. Der geheime Stein, der Stein der Weisen, ist der Bruder selbst als glatter behauener Stein. Das ist das Ziel, welches der Bruder erreichen soll, welches er jedoch wahrscheinlich sein Leben lang nicht erreichen wird, veredle dich selbst.

Diese Haltung verlangt, offen zu sein und jede Form von Sektiererei und Intoleranz abzulegen, ohne gleichzeitig beliebig zu werden; sie verlangt auch, den eigenen Egoismus zu bekämpfen und sich für Menschenliebe zu öffnen. Der FM Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf, Gründer der Großen Landesloge von Deutschland, beschreibt diese Haltung so: jeder Freimaurer muss sich in Tugend üben, sich des Geizes, der Arroganz, der Unduldsamkeit, des Misstrauens und des Hasses enthalten. Er soll vor allem seinen Verstand durch Übung fördern und versuchen bescheiden, still und mitfühlend zu werden. – Er kommt in die Loge, um seine Leidenschaften zu zähmen und neues Wissen in der FMei zu erlangen.

Es ist die Pflicht des Freimaurers, ohne Angst und Voreingenommenheit frei zu denken; Der weise Bruder hält sich mit Nutzlosen und Nichtigem nicht auf.[1]

Die maurerische Haltung wächst stetig durch die beharrliche Teilnahme an den Tempelarbeiten, durch das Erleben des Rituals und durch den Austausch mit den Brr.... Darum ist auch das Gespräch an der Weißen Tafel nicht nur Geselligkeit, sondern wahre maurerische Arbeit.

Die Brr..., alle Brr..., ganz gleich ob Lehrling oder Geselle, Meister oder Pastmaster, Ehrenmeister oder Großbeamter, alt oder jung, unterwerfen sich der maurerischen Ordnung und treten ins Zeichen, wenn der MvSt mit Hammerschlag die Brr... in Ordnung ruft. Die maurerische Ordnung ist wesentlich für das Funktionieren einer Loge und die Wirksamkeit der FMei. Die Ordnung, die wir uns auferlegen, bringt den Einzelnen dazu, sich mit seinem Selbst in Abgrenzung zur Ordnung auseinanderzusetzen und daran zu arbeiten, nicht von den straffen Regeln der maurerischen Ordnung erdrückt zu werden. Andererseits zwingt die freiwillige Unterwerfung unter die Regeln der maurerischen Ordnung Brr... mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein dazu, Raum für solche Brr... zu geben, die sonst an den Rand gedrängt werden würden. Die maurerische Ordnung hilft dabei, dass sich die Brr... im rituellen Raum als Gleiche unter Gleichen begegnen können, sie ist also die praktische Anwendung der Senkwaage, des Zeichens der Gleichheit unter den Brr... Damit ebnet die maurerische Ordnung den Bauplatz und schafft so Raum für maurerische Begegnung und die Arbeit am rauen Stein.

In der FMei steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht der Mensch als Träger nationaler, sozialer oder religiöser Rollen, nicht der Mensch als Teil seiner Gattung; der einzelne Mensch, das Individuum, die Person steht im Mittelpunkt. Anders als Religionsgemeinschaften fragt die Freimaurerei nicht nach der transzendenten Bestimmung des Menschen, sondern beschäftigt sich konsequent mit der auf das Diesseits bezogenen Bestimmung des Menschen.

In der Zauberflöte der Brr... Mozart und Schikaneder haben die Priester Bedenken, Tamino einzuweihen, weil er ein Prinz sei; Sarastro hat das schlagende Argument: „…noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „…wenn ich einen mehr unter euch gefunden hätte, dem es genügt ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings programmatischer Freimaurerschrift Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer von 1778; da heißt es: „die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staates. Außer dieser gibt es keine. Jede andere Glückseligkeit des Staates bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts.“

Die Aufklärung bestimmte und bestimmt das Denken der Brr... FM. Die Aufklärung entwarf das utopische Bild des befreiten Menschen, der keiner Willkür, weder weltlich noch geistlich, unterworfen sein sollte, sondern seinen Weg der Glückseligkeit gehen (pursuit of happiness) und sein Leben bewusst und mit Vernunft gestalten sollte. Das Individuum sollte selbstbestimmt in einer von moralischen, vernünftigen Gesetzen geregelten sozialen Umgebung leben. Das ist Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinn. Br... Lessing meint: „die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft ein Sprössling der Freimaurerei ist“.

Kant hat die reine Vernunft als oberste Instanz des Handelns des Menschen postuliert. Schon Schopenhauer und Nietzsche zweifelten an der reinen Vernunft als der Instanz, die Motor eines moralisch, sittlichen Handelns sein sollte. Für Nietzsche war Vernunft alter Wein in neuen Schläuchen. Was vormals im Namen Gottes als Menschenpflicht auftrat, findet sich in säkularisierter Verkleidung unter dem Deckmantel der Vernunft wieder: natur- und leibfeindliche Imperative. Für Horkheimer und Adorno ist in der Tradition Nietzsches die Vernunft formalisiert; das Mittel wird fetischiert, es absorbiert die Lust.[2]

Und tatsächlich geht dieses Konzept der reinen Vernunft oft genug nicht auf. Manchem Menschen mag es zu blutleer erscheinen. Es braucht genauso das Gefühl, die Hoffnung, den Luxus des Überflusses, die Grenzüberschreitung (Transgression). Erst Freud hat uns darauf hingewiesen, dass diese Grenzüberschreitungen ein Ausdruck innerer Freiheit sind, dass wir uns nur dann als Individuen entdecken können, wenn wir uns den Regeln und Idealen des Kollektivs gegenüber schuldig machen.[3]

Die FM-ei hat um dieses Dilemma wohl schon immer instinktiv gewusst. Denn so sehr sich die Brr... der Aufklärung verpflichtet fühlen, die Arbeit mit Ritual und Symbol spricht beide Seiten im Menschen an. FM-ei war und ist immer beides, Emotio und Ratio, Gefühl und Intellekt, Hermetik und Aufklärung, wohl immer in verschiedenen Mischungsgraden; aber die eine ohne die andere Seite zerstört die FM-ei.

Heute ist der Bund der Freimauer ein alter, aus bester europäischer Tradition hervorgegangener Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen, die nicht mehr und nicht weniger wollen, als der alten Idee des Menschen, seines Lebensrechts, der Entfaltung seiner Kreativität und der Bewahrung seiner  Würde unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart und angesichts vieler neuer Herausforderungen und Gefahren etwas mehr Geltung in der täglichen Realität zu verschaffen.

Die FMei erkennt die Fehlbarkeit des Menschen an. Als Subjekt seiner Geschichte bleibt es ihm auferlegt, sich selbst in gemeinschaftlicher Arbeit zu veredeln. Er braucht dazu weder die Mithilfe eines Priesters, der letztgültig die Zeichen der göttlichen Gnade vermittelt, noch die Selbstopferung eines Gottes. Das Ziel, der zu werden, der er sein könnte und damit menschenähnlicher – nicht gottähnlicher – zu werden, erreicht der Br... durch die drei Schritte der Selbsterkenntnis der Selbstbeherrschung und der Selbstveredelung.

Es ist der Ansatz der FMei, den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen, einer vernünftigen und einer emotionalen Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit hat in jeder ihrer Dimensionen Stärken, Schwächen und besondere Bedürfnisse; in unserer maurerischen Arbeit in der L bemühen wir uns, diesen Umständen zu entsprechen.

Das Angebot der FMei – Gemeinschaft, ethische Orientierung, rituelles Brauchtum – ist eine mögliche Antwort auf die Bedürfnisse des einzelnen Br.... Es entspricht der Grundsituation des Menschen als einem fragenden, einem suchenden Wesen. FMei gelingt immer dann, wenn die Spannung zwischen Idee und Gemeinschaft, zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen der Geschlossenheit der Bruderschaft und ihrer prinzipiellen Offenheit für neue Menschen, neu Ideen und neue Erfahrungen ausgehalten wird.

Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn eine solche gibt, ist die stille, zugleich aber nachhaltige Radikalität beständigen Fragens, Prüfen und Bereitseins. FMei in diesem Sinn in die Gegenwart wirken zu lassen, engagiert und redlich, mit klaren Gedanken, ohne Kleinmut aber auch ohne Überheblichkeit, das ist unsere Aufgabe. Das ist die Aufgabe der humanitären FMei, die dem Menschen dienen soll, die vom Menschen ausgeht und in freier Selbstbestimmung von in Freundschaft verbundenen Menschen getragen und gestaltet wird.

Die FMei ist weder ein Klub noch die Vorfeldorganisation irgendeiner Partei oder sonstigen Organisation. Sie ist ein geometrischer Schnittpunkt, in dem sich in schöner Harmonie die verschiedenen Vorstellungen treffen und vervollständigen, die von Menschen guten Willens auf der Suche nach Wahrheit vorgetragen werden. Jede initiatorische Suche ist die Verpflichtung des Einzelnen, auf dem Weg der Erkenntnis des Lichts und der Wahrheit voranzuschreiten.

Nochmals herzlich Willkommen und gute Reise auf eurem Weg!

[1] Zitiert und übersetzt aus Mainguy I., la Franc-Maconnerie clarifiée pour ses initiés, l’apprenti

[2] Grün Klaus-Jürgen, Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek, Verlag Traugott Bautz, 2006

[3] Blom Philipp, gefangen im Panoptikum, Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart, Residenz Verlag 2017