Hermetische Symbolik im Grad der Geheimen Meister

Wir Brr... Freimaurer verstehen uns als Kinder der Aufklärung, und die Aufklärung wird im Allgemeinen als die Epoche betrachtet, in der der Rationalismus Eingang in unser Denken findet und die experimentellen Naturwissenschaften zu blühen beginnen. Also, Alchemie und Freimaurerei ein Gegensatz? Tragen nicht gerade wir Brr... Freimaurer das Licht der Vernunft auf unseren Fahnen, und haben nicht gerade wir die Schatten des Okkultismus vertrieben? Gerne wird in diesem Zusammenhang die Loge „les neuf sœurs“, genannt, in der nicht nur viele Enzyklopädisten sondern auch Voltaire Mitglieder waren. Das „Lexikon der Aufklärung“, 1995 von Werner Schneiders herausgegeben, kennt weder das Stichwort „Hermetik“ noch „Esoterik“. Die Frage „was ist Aufklärung“ ist allenfalls hinsichtlich der Ziele und Absichten beantwortet; was sie wirklich war, ist offen. In jedem Fall war die Aufklärung ein schillerndes, in vielem unentschiedenes, nach vielen Seiten offenes Phänomen, von dem man ein „Gegenteil“ erst bestimmen könnte, wenn ein „Original“ vorläge. In so fern sind wohl die Zuordnungen für Hermetik, Alchemie oder Esoterik als gegen- oder antiaufklärerisch missverständlich. Die alchemistischen, kabbalistischen und magnetischen Experimente der Gold- und Rosen­kreuzer waren wohl so unaufgeklärt nicht. Im Weltbild des jungen Goethe findet sich die hermetische Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts, sie wird damit zu einem wichtigen Bestandteil aufklärerischen Denkens. Isaac Newton, den wir für gewöhnlich als den Begründer der modernen Naturwissenschaften ansehen, formulierte nicht nur seine Gesetze der Mechanik, er studierte auch aus Überzeugung fleißig seine alchemistischen Schriften.

 

Die Freimaurerei organisierte sich in Logen und machte so von neuem das alte Ideal der Separation des Weisen vom Profanen, die geheime Überlieferung des Wahren, lebendig. Der Geheimbund ist zunächst vor allem bewusste Elitenbildung, verborgene Ge­meinschaft der Erleuchteten, hermetische Kette der Weisen in Gegenwart und Ver­gangenheit.

Offensichtlich sind also Aufklärung und Hermetik keine Gegensätze sondern so etwas wie die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Dass wir Brr... Freimaurer Kinder der Aufklärung sind und das Licht der Aufklärung in unserem 21. Jahrhundert leuchten lassen, ist unbestritten. Wir tragen aber daher auch die andere Seite der Aufklärung, die Hermetik, in uns.

 

Allerdings werden in der maurerischen Geschichtsschreibung die vielfachen Formen der FM in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Templergrade, die Illuminaten, die Gold- und Rosenkreuzer, die Asiatischen Brüder, der Rite rectifié, als schwärmerische Verirrungen gegen den Geist des Rationalismus der Aufklärung abgetan. Gerade aber Albert Pike wusste offensichtlich um die Verbindung zwischen Alchemie und FM, nennt er doch eines seiner Hauptwerke Opus Magnum.  Der alchemistische Prozess wird in Anspielung auf das göttliche Schöpfungswerk großes Werk oder Opus magnum genannt. In ihm soll die chaotische Ausgangsmaterie – Materia prima -, in der sich die Gegensätze noch un­vereint in heftigstem Widerstreit befinden, allmählich in einen erlösten Zustand voll­kommener Harmonie überführt werden, den heilkräftigen Stein der Weisen oder Lapis philosophorum. Seinem Werk Morals and Dogma stellt er ein alchemistisches Meditationsbild voran. Die Inschrift darin – VITRIOL, Visita interiora Terrae Rectificando invenies Occultum Lapidem, besuche das Innere der Erde und durch Rektifizieren (Reinigung durch wiederholte Destillation), wirst du den philosophischen Stein finden – mahnt zu saturnischer Selbsterkenntnis. Die Siebenzahl der Sublimationen – William Blake (1757-1827) spricht in diesem Zusammenhang von den sieben Brennöfen der Seele – war dem Saturn als siebentem Planeten im kosmologischen System zuge­ordnet.

 

Was ist nun Alchemie? Mit Alchemie gleichbedeutend ist der Begriff „Hermetische Philosophie“ nach Hermes Trismegistos (Mercurius Termaximus), dem dreimal Größten Hermes, dem legendären Begründer der Alchemie. Die Alchemie war nicht nur – wie heute meist angenommen – die Vorläuferin der Chemie – Stichworte: Goldmacherei, Porzellan – sondern bis ins 18. Jahrhundert die akzeptierte Methode der Natur­er­kenntnis. Ihre Quellen sind in der ägyptischen Mysterientradition (alchemistisch wird daraus Sulfur = Seele) der griechischen Philosophie (Merkur = Geist) und in den technisch metallurgischen Kenntnissen der Handwerker und Schmiede (Sal = Körper) zu finden. Die Alchemie, Hermetik, geht allerdings bei der Betrachtung der Natur von anderen Denk­ansätzen aus, als wir es heute gewohnt sind.

 

Adorno und Horkheimer sprechen davon, dass die Natur durch Arbeit beherrscht werden soll, das ist der Ansatz der modernen Naturwissenschaften. Der Ansatz der Hermetik ist ein anderer. Die Hermetik versteht sich als eine Lehre der übergeordneten Naturgesetze. In ihr sind sowohl die Gesetze der Kausalität als besonders der Analogie zu finden. Sie bietet ein Erklärungsmodell für die Beziehungen der verschiedenen Dinge zueinander. Das Ziel ist die Vervollkommnung der Natur. Dazu ist das magische Dirigieren und Beeinflussen von naturgegebenen Kräften notwendig, die genau so gesetzmäßig funktionieren wie unsere modernen Naturgesetze, jedoch in unserem naturwissenschaftlichen Denken keinen Platz haben. Das Ziel, Metalle zu Gold zu ver­edeln, liegt nicht in dem hohen materiellen Wert des Goldes. Gold ist deswegen für den Alchemisten das vollkommenste Metall, weil es zu gleichen Teilen aus den drei Prinzipien Sal, Merkur und Sulfur besteht.

 

Heute teilt man die Alchemie üblicher Weise in drei verschiedene Bereiche ein, die im üblichen Sprachgebrauch vermischt werden.

Die Spagyrik

Dieser Begriff wird zumeist Paracelsus zugeschrieben, für den er gleichbedeutend mit Alchemie war, wir finden ihn aber schon bei Plotin. Für Paracelsus ermöglicht die Alchemie das Eindringen in die innere Natur der Dinge und die Trennung ihrer geistigen Wesensmerkmale von der materiellen Schale. Zur Spagyrik gehört das Wissen um die Herstellung von Arzneimitteln. Für Paracelsus sind die Vorgänge im Körper auf den Archeus, den inneren Alchimisten, zurückzuführen. Chemisch synthetisierte (nicht aus Naturstoffen extrahierte) Arzneien werden zum Kennzeichen paracelsischer Medizin. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Metallen als Ausgangsstoff.

Die Archimie

Mit Archimie wird jener Teil der Alchemie bezeichnet, der sich mit der Vervoll­kommnung der Metalle beschäftigt.

Die hermetische Philosophie

Die hermetische Philosophie, die spirituelle Alchemie, ist eine Geheimwissenschaft, die nur vom Lehrer auf den Schüler – vom Meister an den Initianden – mündlich weiter­ge­geben werden kann. Die hermetische Philosophie, die Überlieferung dessen, was als das Verborgenste nur durch Intuition meditativ zu erfahren ist, umschließt eine Theosophie, das Wissen über Gott, eine Mystik, das Wissen über das Geistige, und eine Metaphysik, das Wissen über das sinnlich nicht-wahrnehmbare in der Natur.

 

Dieser Philosophie entsprechend, ist das Arbeitsgebiet der Alchimie ein Dreifaches.

Es ist Theologie, wenn sie die unermessliche Größe des Schöpfers erkennen lehrt.

Es ist geistig, wenn sie von der Selbsterkenntnis ausgehend zur psychischen
Läuterung führt, die Herrschaft des Körpers, der sinnlichen Triebe durch diejenige der geistigen Prinzipien ersetzt.

Es ist materiell, wenn sie den von der Natur einge­schlagenen Wegen folgend es unter­nimmt, den armen und leidenden Mitmenschen zu helfen.

 

Spagyrik und Archimie sind vorwiegend exoterische Wissenschaften und in diesem Sinn Vorläufer unserer modernen Chemie. Die hermetische Philosophie ist rein esoterisch. Die Alchemie beruht auf der Annahme, dass Materie und Geist wie im Menschen so auch im Stoff eine Einheit, unus mundus, bilden. Dadurch wird auch die Analogie zwischen chemischer Operation und Veredelung des Menschen verständlich. C. G. Jung hat das in seinen Schriften wiederholt beschrieben. Nach C. G. Jung ist das, was der Alchemist im Kolben beobachten kann, nichts weiter als eine Projektion des Unbewussten. So wie bei längerem Betrachten im Spiegel sich das eigene Gesicht verändert, erscheinen im Kolben Farben und Symbole. Für C. G. Jung ist die Alchemie ein Individuationsprozess. Die Symbolwelt der Alchemie und deren Ähn­lichkeit mit den Symbolen anderer Systeme, die durch Meditation eine Individuation er­reichen wollen, ist Ausgangspunkt seiner Untersuchungen.

 

Unterschiedliche Bewertungen gibt es allerdings für die chemischen Ergebnisse. Für C. G. Jung sind die Laborergebnisse rein zufällig und nebensächlich. Die andere Inter­pretation meint, dass der Selbstfindungsprozess und die Laborarbeit nicht zu trennen sind. Der Erfolg im Labor zeige den Fortschritt der Individuation an, und ein Fort­schritt bei der Individuation gehe mit Erfolg im Labor einher.

 

Die Methode der Alchemie, das Ziel, die Vollkommenheit – den Stein der Weisen -, zu er­reichen, ist verhältnismäßig einfach: solve et coagula, löse auf und füge zusammen. Dazu muss die Prima Materia immer wieder aufs Neue einem sich wiederholenden Destillations­prozess unterworfen werden.

 

In der blauen Maurerei hat der Br... FM diesen Prozess zum ersten Mal durchlaufen. Begonnen hat dieser Prozess in der Dunklen Kammer. Sie ist vergleichbar mit dem „Athanor“, dem Ofen des Alchemisten, ein Ge­fäß, worin die Prima Materia durch intensive Hitze bearbeitet wird. Im Athanor ge­schieht die Calcinatio der Materie. Dort wird sie einer solchen Hitze ausgesetzt, dass jede Verunreinigung verbrennt. Sich selbst überlassen, eingeschlossen im geheimen Laboratorium seiner eigenen Persönlich­keit wird der Suchende von Traurigkeit und Leid übermannt, seine Kräfte schwinden dahin, die Zersetzung beginnt, das Subtile scheidet sich vom Groben. (Rektifizieren und Destillieren). Im Lehrlingsgrad wird an der Reinigung des Sal zur Befreiung des Sulfurs gearbeitet. Dem roten Sulfur entspricht die rote Säule J, bei der die Lehrlinge ihren Lohn enthalten.

 

Im zweiten Grad geht die wahre Feuerprobe vor sich. Der feurige Sulfur muss aus­ge­arbeitet – oder richtiger ausgesandt -, zum Wirken gebracht werden. Das Feld der Tätigkeit des Gesellen bemisst sich gleichsam nach der Ausdehnung oder Tragweite seiner sulfurischen Strahlung. Dabei tritt der Geselle mit der Welt in eine Beziehung von solch erhöhter Wirksamkeit, dass das intellektuelle Erfassen (welches dem Merkur-Prinzip entspricht) davon eine neue Erleuchtung (flammender Stern) erfährt und eine Verbindung des zuerst bloß individuellen Willens mit dem der Kollektivität anbahnt.

 

Sobald der Geselle den rohen Stein behauen und geglättet hat, muss er nicht mehr nach innen, sondern auch nach außen arbeiten. Was er so schaffend ausrichten würde, wäre unbe­deutend, wenn er nicht das Geheimnis wüsste, Kraft von einer Kraft zu leihen, die (scheinbar) außerhalb unserer liegt. Diese Kraft schöpft der Geselle an der Säule B. Damit findet wieder eine Zirkulation statt, indem der Individualwille magnetartig den göttlichen Willen herabzuholen sucht, immer wieder niederfällt, abermals emporsteigt, bis beide im „Philosophischen Feuer“ zusammenkommen. (Rektifizieren) Es ist der Kreislauf, von dem man in der Tabula Smaragdina liest, von der Erde steigt es zum Himmel, und steigt wiederum zur Erde hinab und nimmt die Kraft des Oberen und Unteren an.

Das unverbrennliche Wesen, das aus der Feuerprobe hervorgeht, ist der Phönix (ein von Alchemisten viel gebrauchtes Bild). Der Geselle hat die Aufgabe, sich in den Phönix zu verwandeln. Sein Handeln muss von der Intelligenz geleitet werden, Aktivität und Rezeptivität müssen einander er­gänzen. Darum hat der Geselle beide Säulen vollständig zu kennen. Dann wird er auch zu der androgynen Materie Rebis. Er zieht das himmlische Feuer auf sich und löst es in sich auf. Dann erst ist der Initiand wahrer Mensch und der Flammende Stern wird zum Zeichen des Menschen, der seine Instinkte und Triebe überwunden hat, dessen Sein von Tun von seinem souveränen Willen geleitet wird.

 

Im Meistergrad wird die Darstellung des Großen Werks durch Königsmord, Verwesung und Wiederauferstehung symbolisch dargestellt. Das alte Meisterwort – das „Zentral­feuer“ (angeblich Jehova) – ist verloren und wird durch das neue Meisterwort – Makbenak (er lebt im Sohn, aber auch Sohn der Verwesung) – ersetzt. Symbolisch ver­einigt sich der neue Meister da­mit mit Hiram, und die Traditionskette aus Tod und Wiedergeburt findet einen neuen Anfang. Das verlorene Wort ist das Elixier, der Schlüssel zum Werk. Dieses Elixier zu finden, bedeutet Anfang und Schluss zusammen­zubringen und damit den Uroboros zu vollenden. Der Meister muss einen mystischen Weg aus Purgatio, Illuminatio und Unio gehen. Am Anfang und am Ende dieses Wegs – wobei das Ende der Anfang und der An­fang genauso das Ende sein können – stehen Mortificatio und Putrefactio, die Bemühung ans Ziel und damit an den Neuanfang zu ge­langen.

 

Zweimal ist dem Maurer in der Blauen Maurerei der Tod auferlegt: am Beginn in der Dunklen Kammer und am Schluss bei der Initiation in der Mittleren Kammer. Dieser zweite Tod ent­spricht der Vollendung des großen Magisteriums. Er bedeutet das vollständige Opfer seiner selbst, den Verzicht auf jeden persönlichen Wunsch. Er ist das Auslöschen jenes radikalen Egoismus, der den Fall Adams hervorruft, indem er die Spiritualität ins Körperliche herabzieht. Das enge, kleine Ich zerfließt in nichts vor dem hohen un­persönlichen Selbst, symbolisiert durch Hiram. Die mythische Sünde des ewigen, allge­mein-menschlichen Adam wird so gesühnt. Um die Arbeit des universellen Baus mit Nutzen zu leiten, muss der Meister in die genaueste Willensvereinigung mit Gott ein­gehen. In nichts mehr Sklave, ist er umso mehr der Herr von allem, als sein Wille im Einklang mit demjenigen wirkt, der das Universum regiert. Zwischen Abstraktem und Konkretem, zwischen der schöpferischen Intelligenz und der Schöpfung erscheint der Meistermaurer als der echte Demiurg der Gnosis.

 

Es genügt jedoch nicht, dass der Meister das Licht aus seinem Urquell schöpft, er muss auch denen eng verbunden sein, die er leiten soll bei der unendlichen Arbeit. Das not­wendige Band ist die Sympathie, die Liebe. Der wahre Meister, muss bereit sein, sich auf die Liebe seiner Brr... einzulassen; er kann aber auch keinen Erfolg haben, wenn er die Brr... nicht so sehr liebt, wie er sich selbst. Diese Liebe geht bis zur Selbst­opferung. Der Pelikan ist das Symbol für diese liebende Aufopferung, ohne welche alles Bemühen eitel bliebe.

 

Der Meistergrad ist in diesem Durchgang der notwendig letzte Grad der blauen Maurerei. Der Grad der Geheimen Meister dagegen stellt den Maurer an einen Neu­anfang. Einmal hat er bereits den Weg der Hermetik durchlaufen, um nun im Vierten Grad sich von neuem auf den Weg zu machen. Sein Weg beginnt in der Morgenröte und dauert den ganzen Tag. (…die Dunkelheit wich der Morgenröte und das große Licht er­strahlt über der Loge…, …wenn die Sonne untergeht und die Abenddämmerung den Himmel bedeckt…)

 

Wir finden die Aurora als Aurora consurgens, die aufsteigende Morgenröte, bei dem Theosophen Jacob Böhme, als Aurora philosophorum bei Paracelsus, und der dem Thomas von Aquin zugeschriebene Traktat Aurora consurgens gehört zu den ältesten überlieferten alchemistischen Handschriften des frühen 15. Jahrhunderts.

 

Die Morgenröte, Aurora,  lässt sich auf die gnostische Lichtsymbolik zurückführen, wie sie uns im Mythos des Luzifer-Morgenstern überliefert ist. In der Gnosis und in der von ihr geprägten spekulativen Alchemie ist die Aurora ein realer Begriff. Hier wird Aurora mit aurea hora (goldene Stunde) erklärt. Sie ist die goldene Stunde für den Br... Frei­maurer, das goldene Ziel zu erreichen und das große Werk zu beginnen und zu vollenden. Die Aurora ist die Mittlerin zwischen Tag und Nacht (albedo und nigredo), und sie leuchtet in den Farben Gelb und Rot (citrinitas und rubedo). Die Morgenröte ist die Mutter der Sonne (Gold); sie vertreibt die winterliche Nacht und setzt den Anfang des Tages, des Lichts. Die Morgenröte im Höhepunkt der Rötung bedeutet das Ende aller Finsternis. Die Worterklärung als aurea hora erscheint mir in so fern als wesentlich, als die früh­mittelalterlichen Mystiker immer von der seltenen (=goldenen) Stunde, dem kurzen Augenblick, sprechen, in welchem die menschliche Erkenntnis (die Gnosis) die Weisheit Gottes unmittelbar berührt; und so ist die aufsteigende Morgenröte eigentlich der Augenblick der mystischen Vereinigung mit dem Universum. Damit ist dem neuerlichen Prozess aus  Solutio, Coagulatio und Destillatio eine neue Dimension ge­geben. Das Ziel ist nicht mehr nur die Selbstveredelung sondern die Begegnung mit dem größeren Ganzen, dem ABAW (…versuchen, in den Kreis des Transzendenten einzu­dringen…)

 

Bei seiner Einweihung in den 4. Grad erblickt der M im Osten ein gleichseitiges Dreieck mit der Spitze nach oben. Es ist das alchemistische Zeichen des Feuers. Ihm entspricht als Jahreszeit der Sommer, seine Farbe ist rot. Von den Tierkreiszeichen ist ihm der Löwe und als Planet Mars zugeordnet. Das Dreieck soll den Adepten an die Flamme er­innern, die aufsteigt und sich selbst beschränkt. Das Feuer trägt Reinigung aber auch Zerstörung in sich, wenn es nicht durch die Wirkung der anderen Elemente gemäßigt und gezähmt wird. Daher ist auch das alchemistische Zeichen für Luft ein Dreieck mit einem Querstrich. Die Flamme wird durch den Wind, Luft, in seiner aufsteigenden Tendenz gebremst und wird so zu Rauch, der sich in allem verbreitet und auflöst.

 

Mit einem Kreuz an der Basis wird aus dem Zeichen des Feuers das Zeichen des Sulfurs. Der Sulfur steht für den Lichtfunken, der in jedem Menschen eingeschlossen ist, das innere Licht des Mikrokosmos. In der „Tabula Smaragdina“ heißt es: Und so wie alle Dinge aus dem Einen stammen, durch einen Gedanken des Einen, so sind alle Dinge aus dieser einen Ursache durch Anpassung entstanden. Er ist Teil der schöpferischen Kraft der Welt. (cf. Das gleichseitige Dreieck mit dem Auge als Symbol für den ABAW).

 

Im 4. Grad stehen wir eben erst am Anfang des neuen hermetischen Wegs, sodass der Schritt vom Rechteck zum Kreis, vom Mikrokosmos zum Makrokosmos, nur in der Instruktion als Ziel angedeutet werden kann. Michael Maier schreibt in seinem Buch „Atalanta fugiens“ (Oppenheim 1618), die Quadratur des Kreises sei für den Alchemisten in ihrer Natur nichts Fremdes. Durch das Viereck aus dem Kreis deuten sie an, dass aus jeglichem einfältigen Körper die vier Elemente geschieden werden müssen. Durch die Verwandlung des Quadrats in ein Dreieck lehren sie, dass man Geist, Leib und Seele hervorbringen soll, welche dann in drei kurzen Farben vor der Röte erscheinen. Dem Körper sei die saturnische Schwärze zugeordnet, dem Geist das lunarisch-wäßrige Weiße und der Seele die luftige Citrin-Farbe. Wenn nun das Dreieck zu seiner höchsten Perfektion gekommen, muss es wieder in einen Kreis, das heißt in eine unveränderliche Röte gebracht werden.

 

Im  Osten finden wir nur das aufsteigende gleichseitige Dreieck und nicht das Hexa­gramm als Vereinigung von Mikro- und Makrokosmos. Steht der Sulfur für das innere Licht des Mikrokosmos, so steht der Merkur dagegen für das äußere Licht des Makro­kosmos, während der Sal den Bereich des intensivsten Lichts (des Großen Lichts) dar­stellt, in dem diese beiden widerstreitenden Kräfte zusammenkommen und kon­densieren.

 

Die Methode, die Lehre, mit der wir Brr\ Geheime Meister dieses Ziel, nämlich Mikro- und Makrokosmos zusammenzuführen, erreichen sollen, wird uns bei jeder Arbeit aufs Neue verkündet und eingeschärft: Schweigen und Dienen. Schweigen und Dienen bedeutet eine Phase der angeleiteten Selbstreflexion, einen Rückzug auf sich selbst. Die Alchemisten haben dafür den Begriff philosophisches Ei geprägt.

 

Das philosophische Ei der Alchemie ist ein gläsernes Gefäß, in dem der Stoff, die Prima Materia, der Adept, längere Zeit unter Einwirkung von Hitze im Athanor digeriert oder figeriert wird. Das Ei ist das hermetische Gefäß, in dem sich neues Leben entwickelt. Das philosophische Ei zeigt auch die drei Prinzipien: Sal = Schale, Merkur = Eiweiß, Sulfur = Dotter. Das Ziel ist die Wiederbelebung, die Regenerierung, die Wiederauferstehung des „wahren Menschen“ durch die Erkenntnis der in der Natur des Geistes verborgenen Potentialitäten. Die Prima materia legt den Akzent auf das (psychische) Material, in dem alles, das Ganze und das Eine, die schwer erreichbare Kostbarkeit, von Anbeginn enthalten ist. Diese Prima materia muss in ein Gefäß, in das philosophische Ei, das vas hermeticum. Dieses Gefäß muss nach außen abgeschlossen sein, damit die materia darinnen gekocht werden kann. In der „Turba Philosophorum“, einer arabischen Kompilation griechischer alchemistischer Traktate und Doktrinen, die ab dem 13. Jahrhundert in Europa weite Verbreitung findet, heißt es, die Kunst sei mit einem Ei vergleichbar, in dem vier Dinge verbunden sind. Seine äußere Schale sei die Erde, das Eiweiß das Wasser, das feine Häutchen, das der Schale anliegt, die Luft und das Eigelb das Feuer. Das fünfte Element oder die Quintessentia sei das junge Hühnchen, der neue Mensch, der durch Selbstreflexion auf sich selbst zurückgezogen reife. In diesem primitiven Zustand des Rückzug, eingesperrt in einen Ort ohne physisches Licht, nur vom Licht der Erkenntnis erleuchtet  muss der Geheime Meister seinem Leben als Meister unter Meistern erneut sterben – eben durch Schweigen und Dienen (treues Dienen bis zum Tod, Putrefactio). Und wieder die „Tabula smaragdina“: Auf diese Art wirst Du den Ruhm der ganzen Welt erlangen. Dann wird alle Dunkelheit von dir weichen. Dies ist die starke Kraft aller Kräfte, die alle subtilen Kräfte verbindet und alle festen durchdringt.

 

In der Sprache der Psychologen ist das Unbewusste durch Energieverlust abgesunken, so dass es nicht mehr im Stande ist, das Bewusste zu beeinflussen. Diesen Zustand nennen die Alchemisten Nigredo. Gerade dieser Zustand ist die Voraussetzung für neues Wachstum, wie die Winterpause für die Vegetation. Wenn sich im Unterbewusstsein ein neuer Komplex gebildet und sich mit der erforderlichen Energie angereichert hat, bricht er ins Bewusstsein durch und leitet eine Periode erhöhter Aktivität und Kreativität ein. Der Grad des Geheimen Meisters ist der psychische Mechanismus, symbolisch ausgedrückt durch „Schweigen und Dienen“, der diesen Vorgang im Unbewussten – eben im Geheimen – bewirkt und steuert. Seine Funktion ist eine energetische. Er stellt die Energie zur Wieder- bzw. Neugeburt bereit.

 

Mit dem Grad der geheimen Meister wird ein erneuter Schritt zur Unio mystica durch Überwindung der Feindschaft der vier Elemente gesetzt; bestehen bleibt der letzte Gegen­satz, den die Alchemisten mit der wechselseitigen Beziehung von männlich und weiblich auszudrücken versuchen. Wenn sich die Gegensätze vereinen, Männliches und Weib­liches sich zu einer Einheit verbinden, entsteht der Lapis philosophorum.

 

Der Stein der Weisen ist ein passendes Bild für Jungs „Selbst“. Er ist eine aus Gegen­sätzen gebildete Einheit, die in der hermetischen Symbolik als Hermaphrodit oder Rebis dargestellt wird. Der Stein vereinigt in sich Materie und Geist, Seele und Körper. Er ist das „Eine in Allem“ und das „Alles in Einem“.

 

Abstract

 

Die Aufklärung wird gewöhnlich als Zeitalter des Rationalismus verstanden. Gleichzeitig entstehen zu genau derselben Zeit eine Reihe von Gesellschaften wie die Gold- und Rosenkreuzer, aber auch die asiatischen Brüder, die alchemistische, spiritistische, magnetische und magische Experimente durchführen. Die Bruderschaft der Freimaurer hat von beiden Seiten gelernt. Nicht von ungefähr heißt sie auch königliche Kunst – ein anderer Name für Alchemie.

 

Gerade Albert Pike wusste um diese Zusammenhänge, so nennt er eines seiner Hauptwerke „Opus Magnum“ und stellt seinem zweiten Hauptwerk „Morals and Dogma“ ein alchemistisches Meditationsbild mit der Inschrift VITRIOL, Visita interiora Terrae Rectificando invenies Occultum Lapidem, besuche das Innere der Erde und durch Rektifizieren (Reinigung durch wiederholte Destillation), wirst du den philosophischen Stein finden, voran.

 

Die Methode der Alchemie, das Ziel, die Vollkommenheit – den Stein der Weisen -, zu er­reichen, ist verhältnismäßig einfach: solve et coagula, löse auf und füge zusammen.

 

Für C. G. Jung ist die Alchemie ein Individuationsprozesses. Der Erfolg im Labor zeige den Fortschritt der Individuation an, und ein Fort­schritt bei der Individuation gehe mit Erfolg im Labor einher.

 

In den Graden 1-3 hat der Maurer zum ersten Mal diesen hermetischen Prozess durchschritten, von der Dunklen Kammer, dem Athanor, über die Auseinandersetzung mit den Elementen bis zu seinem symbolischen Tod, Grablegung und Auferstehung als Hiram, Putrefactio und Mortificatio.

 

Im vierten Grad wird der Maurer an den Anfang zurückgestellt. Er beginnt sein großes Werk in der Morgenröte, der Aurora, interpretiert als Aurea Hora, dem kurzen Augenblick, in welchem die menschliche Erkenntnis (die Gnosis) die Weisheit Gottes unmittelbar berührt.

 

Wegweiser ist dem Bruder Geheimen Meister das gleichseitige Dreieck mit der Spitze nach oben, as alchemistische Zeichen für Feuer. Mit einem Kreuz an der Basis wird aus dem Zeichen des Feuers das Zeichen des Sulfurs. Der Sulfur steht für den Lichtfunken, der in jedem Menschen eingeschlossen ist, das innere Licht des Mikrokosmos. Da er erst am Anfang seines neuerlichen Weges steht, kann derSchritt vom Rechteck zum Kreis, vom Mikrokosmos zum Makrokosmos, nur in der Instruktion als Ziel angedeutet werden.

 

Die Methode, die Lehre, mit der wir Brr\ Geheime Meister dieses Ziel, nämlich Mikro- und Makrokosmos zusammenzuführen, erreichen sollen, wird uns bei jeder Arbeit aufs Neue verkündet und eingeschärft: Schweigen und Dienen. Schweigen und Dienen bedeutet eine Phase der angeleiteten Selbstreflexion, einen Rückzug auf sich selbst. Die Alchemisten haben dafür den Begriff philosophisches Ei geprägt.

 

Eingeschlossen im Philosophischen Ei verharrt der Geheime Meister im Stadium der Nigredo. Das Unbewusste ist durch Energieverlust abgesunken, so dass es nicht mehr im Stande ist, das Bewusste zu beeinflussen. Das Unbewusste reichert sich mit der nötigen Energie an und bildet einen neuen Komplex, der bei seinem Durchbruch ins Bewusstsein eine Periode erhöhter Kreativität einleitet. Der 4. Grad stellt die Energie zur Wieder- bzw. Neugeburt bereit.

 

Mit dem Grad der geheimen Meister wird ein erneuter Schritt zur Unio mystica durch Überwindung der Feindschaft der vier Elemente gesetzt; bestehen bleibt der letzte Gegen­satz, den die Alchemisten mit der wechselseitigen Beziehung von männlich und weiblich auszudrücken versuchen. Wenn sich die Gegensätze vereinen, Männliches und Weib­liches sich zu einer Einheit verbinden, entsteht der Lapis philosophorum. Der Stein vereinigt in sich Materie und Geist, Seele und Körper. Er ist das „Eine in Allem“ und das „Alles in Einem“.

Literatur

  • Boucher Jules, la symbolique maçonnique, Dervy, Paris 1948
  • Calame Pierre Ed, der Weg der Initiation, Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 4, 1999
  • Coudert Alison, der Stein der Weisen, die geheime Kunst der Alchemisten
  • Ferré Jean, Dictionnaire des symboles maçonniques, Éditions du Rocher, 1997
  • Gebelein Helmut, Alchemie, Diederichs Gelbe Reihe, Kreuzlingen, München, Hugendubel 1999
  • Jung Carl Gustav, die Psychologie der Übertragung dtv 35178
  • Neugebauer-Wölk Monika, die Geheimnisse der Maurer: Plädoyer für die Akzeptanz des Esoterischen in der historischen Aufklärungsforschung, in QC-Jahrbuch 39/2002
  • Roob Alexander, Alchemie & Mystik, das hermetische Museum, Benedikt Taschen Verlag, Köln 1996
  • Rothmayer Michael, tiefenpsychologische Deutung der Grade des AASR, Baustück 2000
  • Silberer Herbert, Probleme der Mystik und ihrer Symbolik, Heller 1914
  • Wirth Oswald, le symbolisme hermétique dans ses rapports avec la Franc maçonnerie, Dervy-Livres, Paris 1969-1981
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, I l’apprenti, Dervy, Paris 1977
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, II le compagnon, Dervy, Paris 1977
  • Wirth Oswald, la franc-maçonnerie rendue intelligible à ses adeptes, sa philosophie, son objet, sa méthode, ses moyens, III le maître, Dervy, Paris 1977

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