Instruktion zum Grad des Meisters

Ehrwürdige Meister alle, meine Brüder!

Bei eurer Rezeption wurdet ihr zu Br... FM auf- und angenommen. Die Rezeption ist eine Initiation, denn es handelt sich um eine Neugeburt, einen Aufbruch in ein neues Leben, das Leben als Br... FM.

Die Aufnahme in den Gesellengrad ist eine Beförderung, denn euer Lohn als Gesellen wurde erhöht. Der Geselle geht den als Lehrling begonnenen Weg weiter, lernt dazu und sucht die Auseinandersetzung mit den Mitmenschen.

Die Aufnahme in den Meistergrad ist eine echte Erhebung. Ihr wurdet aus dem Grab aus der Horizontalen in die Vertikale gehoben. Licht strahlt wieder im Tempel, Trauer und Finsternis sind verschwunden. Ihr habt ab nun Teil an der Weisheit Hirams.

Während eurer Lehrzeit als Lehrlinge und Gesellen seid ihr euren Weg im ständigen Bewusstsein der Dualität gegangen, ihr musstet Gegensätze in Verbindung bringen, um sie konstruktiv und fruchtbar werden zu lassen. Das Verhalten der drei untreuen Gesellen in der Hiramslegende ist das Beispiel dafür, was uns allen droht, wenn wir nicht lernen, unsere Leidenschaften zu zähmen. Sie treiben falscher Stolz, Leidenschaft und Ehrgeiz. Die törichten Leidenschaften, vor denen wir in der Aufnahme gewarnt werden, gewinnen in den drei untreuen Gesellen die Oberhand.

Als LL habt ihr euch der Frage gestellt, woher komme ich? Als Geselle hieß die Frage, wohin gehe ich, wo ist mein Platz in der Gesellschaft, was ist mein Auftrag im Leben? Nun nach eurer Erhebung zum Meister kennt ihr eure Pflichten und euren Auftrag als Mensch unter Menschen und wisst, welchen Weg ihr gehen sollt.

Jeder Initiationsweg kann als von der Erde zum Himmel, aus der Dunkelheit zum Licht strebende Stiege verstanden werden. Auf dem Weg der FMei ist die dritte Stufe dieser Stiege die Erhebung zum Meister, sie eröffnet den Weg in die Unendlichkeit. Ihr habt den Sarg, der euch in der Horizontalen hielt, verlassen und strebt nun aufwärts in der Vertikalen, vielleicht sogar bis in den Ewigen Osten.

Eure Erhebung in den Grad des Meisters konfrontiert euch nachhaltig mit der Frage nach dem Sinn eures Lebens und dem Sinn eures Sterbens. Antwort kann und will die FMei euch keine geben, denn finden müsst ihr die Antwort auf eurem maurerischen Weg von Wissen und Weisheit selbst. Die Mittlere Kammer ist – entgegen der Meinung vieler – nicht der Ort, an dem ihr die Antwort auf diese Fragen erhaltet. Ihr erhaltet Werkzeuge, erfahrt aber gleichzeitig am eigenen Leib auch, dass sich diese Werkzeuge gegen euch selbst richten, wenn ihr nicht lernt sie richtig anzuwenden.

...

Als MM wurde euch das Privileg zu Teil euren eigenen Tod im Voraus, zu Lebzeiten zu erleben und zu überleben. Bei jedem weiteren Eintritt in die Mittlere Kammer werdet ihr an dieses Privileg durch den Meisterschritt erinnert. Daher sollt ihr die Angst vor Sterben und Tod ablegen; ihr sollt als freie Menschen bewusst und glücklich leben und gleichzeitig nach den höchsten Werten des Wahren, Guten, Schönen und Gerechten streben.

Die Erhebung führte euch symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte eures eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den ihr im Rahmen eurer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, ward ihr eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, ward ihr Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an wir Brr... MM an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; wir arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist mehr als eine fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, er ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt; er ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge zu verstehen und zu durchschauen. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für (uns) Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

...

Die drei ersten Reisen eurer Erhebung konfrontieren euch mit der Vergänglichkeit alles Lebendigen und zwingen euch, eurer eigenen Sterblichkeit ins Auge zu sehen. Die Totenschädel, die euch der ZM, der TH und der Scha entgegenhalten, erinnern an die eigene Zukunft.

 

Dramatischer Höhepunkt und gleichzeitig Schlussakkord des ersten Teils der Erhebung ist der Blick in ein Grab, euer eigenes Grab. Der Blick in das eigene Grab soll die Aufforderung, über die Endlichkeit des eigenen Lebens nachzudenken, noch einmal einschärfen. Die Endlichkeit des Menschen steht im Mittelpunkt. Erkenne Dich selbst, erkenne deine eigene Sterblichkeit! Beherrsche Dich selbst im Andenken an die Unausweichlichkeit des eigenen Todes! Diese Forderungen gehen weit über das hinaus, was in den beiden ersten Graden gesagt wurde. Damit erhaltet ihr eine Vorschau auf die Dunkelheit, die euch, uns alle, erwartet, wenn das eigene Licht erloschen ist.

 

Auch wenn der Tod für uns kein Gegenstand von Erfahrung und Wissen ist, steht uns die Tatsache unserer Sterblichkeit immer vor Augen, nicht unbedingt weil wir uns wider bessere Einsicht doch über die Grenze unseres Erlebens und unserer Erkenntnis wegschleichen wollen, sondern gerade weil uns die sichere Gewissheit schreckt, dass der Tod das Ende unseres individuellen Lebens und damit aller unserer Ansprüche und Chancen ist. Mit dem Tod hört das Selbst mit einem Mal auf zu existieren, was schwer vorstellbar ist und die meisten Menschen ängstigt.

 

Für Martin Heidegger[2] ist der Tod, falls er >ist<, wesensmäßig je der meine. Und zwar bedeutet er eine eigentümliche Seinsmöglichkeit, darin es um das Sein des je eigenen Daseins schlechthin geht.[3] Heidegger bezeichnet diese Seinsmöglichkeit auch als Sein zum Tode. Der Tod sei eine Weise zu sein, die das Dasein übernimmt, sobald es ist; als Ende des In-der-Welt-seins, das kein Zu-Ende-sein des Daseins, sondern ein Sein zum Ende dieses Seienden bedeute.[4] Das Sein zum Tode wird gewissermaßen als eine Art von Wissen um die eigene Endlichkeit und Sterblichkeit gefasst  und manifestiert sich einerseits in Sorge, im Sich-vorweg-sein des Daseins andererseits in Angst. Das Sein zum Tode ist wesenhaft Angst[5], sagt Heidegger und noch deutlicher Da-sein heißt: Hineingehaltenheit in das Nichts.[6]

 

Der antike Philosoph Epikur[7] kommentiert die Unausweichlichkeit des Todes so: Das schauererregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht; wenn wir sind, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind wir nicht. Er betrifft also weder die Lebenden noch die Gestorbenen, da er ja für die einen nicht da ist, die andern aber nicht mehr für ihn da sind.

 

Epikur will den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen, was aber nur schwer gelingen will. Denn der Tod ist stets da, wo wir sind, zumindest in dem Sinne, dass wir ständig in der Welt, in der wir leben, erfahren, mit ansehen, erleben und damit fertigwerden müssen, dass gestorben wird. Wir bekommen mit, wie um uns herum andere Menschen – und Tiere – sterben. Insofern ist der Tod da, wo wir sind, und er berührt uns auch.

 

Der Tod ist für den Menschen als metaphysicum[8] und nicht als physische Gegenwart von Bedeutung. In dem Maß als das Bewusstsein von meiner Sterblichkeit, von meinem eigenen Tod meine Lebensführung beeinflusst und beeinträchtigt, ist der Tod als Metaphysisches in seiner physischen Abwesenheit anwesend. Nicht die Furcht vor dem Tod, sondern Bereitschaft soll unser Leben begleiten.

 

Epikur weist uns darauf hin, was der eigene Tod für den Einzelnen bedeutet. Im Blick auf den eigenen Tod ist in dem Hinweis auf das Ende der Bewusstseins- und Erlebenskontinuität, durch welches das Problem für das erlebende Bewusstsein gegenstandslos wird, die Lösung zu sehen. Die Lösung des Todesproblems für den Einzelnen besteht demnach in nichts anderem als in dem Hinweis auf das vollständige Ende, das alle weitergehenden Vorstellungen gegenstandslos macht – und damit auch alle Befürchtungen, weil es das Ende aller Möglichkeiten des Erlebens ist, über das hinaus wir nichts mehr zu fürchten hätten.

...

Der zweite Teil der Erhebung ist das Mysterienspiel vom gewaltsamen Tod und der Grablegung unseres Meisters Hiram. Der Kandidat und die handelnden Beamten ändern dabei zwei Mal ihre Rollen; der Kandidat wechselt vom ehrgeizigen Gesellen zum vollkommenen Meister, die Hammer führenden Meister wechseln zunächst in die Rolle der ruchlosen Gesellen, die den vollkommenen Meister erschlagen und dann in die Rolle der suchenden Meister.

 

Das Mysterienspiel von der Ermordung unseres Meisters Hiram endet mit dessen Grablegung. Das Grab, welches der Kandidat noch vor kurzer Zeit als eine ferne Möglichkeit gesehen hat, wird nun für ihn zum konkreten Erleben. Danach folgt ein besonderer Höhepunkt des initiatorischen Erlebens des Kandidaten, seine Erhebung durch die Fünf Punkte der Meisterschaft. In der anschließenden kurzen Instruktion belehnt der VM den neu erhobenen Meister mit dem Schurz des Meisters und gibt ihm Zeichen Wort und Griff bekannt. Ein neuerlicher Höhepunkt ist das Überschreiten des Grabs mit dem Meisterschritt. Der zweite Teil der Erhebung schließt still mit der vierten Wanderung. Dabei soll der junge Meister das Erlebte in Stille reflektieren und gleichzeitig die Hoffnung auf Überwindung des Todes erfahren.

 

Zweimal ist dem Br... FM im Rahmen seiner Initiation die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod auferlegt, denn für jede Wiedergeburt ist der Tod unumgänglich, das erste Mal bei seiner Rezeption in der Dunklen Kammer, das zweite Mal bei seiner endgültigen Initiation in der Mittleren Kammer. Dieser zweite Tod entspricht der Vollendung des großen Magisteriums, bedeutet die vollständige Hingabe seiner selbst.

 

Die Mittlere Kammer ist der Ort, an dem der Hieros Gamos, die chymische Hochzeit stattfindet, der Ort, an dem die Spannung der Dualität aufgehoben wird. Der Kandidat wird zum Stein der Weisen. Im Meistergrad wird so das große Werk durch Königsmord, Verwesung und Wiederauferstehung symbolisch dargestellt. Das alte Meisterwort – (angeblich Jehova) – ist verloren und wird durch das neue Meisterwort – Makbenak (e...l...i...S...) – ersetzt. Symbolisch vereinigt sich der neue Meister damit mit Hiram, und die Traditionskette aus Tod und Wiedergeburt findet einen neuen Anfang.

 

Das verlorene Wort ist der Schlüssel zum Werk. Dieses Elixier zu finden, bedeutet Anfang und Schluss zusammenzubringen und damit den Uroboros, dieses Symbol für ewige Wiederkehr und Unendlichkeit, zu vollenden. Der Meister muss den mystischen Weg aus Purgatio, Illuminatio und Unio gehen. Am Anfang und am Ende dieses Wegs – wobei das Ende der Anfang und der Anfang genauso das Ende sein können – stehen Mortificatio und Putrefactio[9], die Bemühung ans Ziel und damit an den Neuanfang zu gelangen.

 

Die heiligen Worte des ersten und zweiten Grades sind nicht stark genug, um den Kandidaten zu heben. Es bedarf der Stärke der fünf Punkte der Meisterschaft, das große Werk zu vollbringen. Der Zusammenschluss der fünf äußeren Punkte zu einer lebendigen Kette versinnbildlicht innere Einigkeit. Die Vereinigung von Fuß zu Fuß, von Knie zu Knie, von Brust zu Brust, die verschlungenen rechten Hände und die gleichzeitige Geste des linken Armes sind Zeichen einer engen Gemeinschaft. Der Entschluss, gemeinsam einem Ziel zuzustreben (Fuß), denselben Kult der Arbeit zu befolgen (Knie), dieselben Gefühle zu teilen (Brust an Brust), fest zusammenzuhalten (rechte Hände) und sich gegenseitig zu unterstützen (linke Arme), ist Ausdruck einer immerwährenden Umwandlung und Höherentwicklung des Menschen. Die fünf Punkte der Meisterschaft deuten Freundschaft und Einigkeit an, denn wir stehen auf einem Boden und gehen einen Weg, bereit dem Bruder zu Hilfe zu eilen und willens, Gnade für ihn zu erbitten, dem Fall des Bruders zuvorzukommen, ihn zu heben, uns einander gegenseitig das Herz offen zu halten und einander womöglich herzlich zu lieben.

 

Der Meisterschritt symbolisiert Geburt – Leben – Tod. In der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod spielt sich die ganze menschliche Existenz ab, mit all ihren Höhen und Tiefen und mit all jenen Möglichkeiten, die dem Menschen offenstehen. Der erste der drei Schritte, der den Lebensbeginn symbolisiert, geht hart ans Nichts, an der ewigen Nacht vorbei. Mit dem rechten Fuß, dem Todesfuß von alters her, streift der Maurer den Sarg. Es ist bloß ein Streifen, aber bereits ein Mahnen, dass das Leben nicht nur aus irdischen Freuden besteht. Der Mensch soll ermuntert werden, über seinen künftigen Weg nachzudenken. Er soll aus der Jugend heraus der Reife zustreben; er muss Hindernisse überwinden, seinen Willen stählen, seine Erfahrungen klug auswerten. Dieser erste Schritt soll den Meister daran erinnern, dass er aus Erde ist und zur Erde zurückkehren wird. Am Ende des Ersten Schritts befindet sich der Maurer im Süden, im vollen Licht seines Lebens, in der Fülle seines Schaffens, in der Mitte seines Daseins. Im hellen Licht und in voller Kraft können alle menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Nach Abwiegen von Gut und Böse kann die Entscheidung über die künftige Richtung getroffen werden. Gute wie schlechte Erfahrungen, Freuden und Enttäuschungen haben sich im Besitz des Bruders angesammelt, ein Besitz, der nicht tote Masse sein soll, sondern ein lebendiges Kapital voller Anregungen zum Denken und Handeln. Um zu einem gesteckten Ziel zu gelangen, gibt es viele Wege, aber alle führen über die Arbeit an sich selbst.

 

Der zweite Schritt über den Sarg führt den Maurer nach Norden, wo es kein Licht, keine Wärme, keine Schönheit mehr gibt. Der Bruder muss auf die Schattenseite des Lebens zurücktreten, um den Unterschied zwischen Norden und Süden kennen zu lernen und um sein Leben von einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten. Im Norden, auf dem Abstieg des irdischen Lebens sind die äußeren Reize nicht mehr ausschlaggebend, es zählt nur noch der innere Reichtum. Der zweite Schritt erinnert daran, dass das rechte Leben des Menschen nicht dem eigenen Ich gelten soll, sondern, dass er sich vielmehr mit voller Kraft dem Wohle der Menschheit zuwenden soll. Umwertung und Neudeutung der Werte sollten jetzt stattfinden, denn viel Zeit zur Fortentwicklung bleibt nicht mehr.

 

Der dritte Schritt, der letzte Schritt, führt geradlinig in den leuchtenden Osten durch den Tod hindurch und über den Tod hinaus. Mit diesem letzten Schritt wird der Sarg nicht nur gestreift, sondern überschritten. So gelangt der Maurer nach Osten, in das Licht der aufgehenden Sonne des neuen Tages, des neuen Lebens. Das letzte, was ein Mensch besitzt, muss er opfern, um diesen großen und letzten Besitz zu erreichen. Mit diesem Schritt lässt der Bruder alles Irdische hinter sich.

...

Der dritte Teil der Erhebung hat inhaltlich und dramaturgisch nichts mit den ersten beiden Teilen gemein. Verliefen die Wanderungen eins bis vier gegen den Sonnenlauf, so folgen die Wanderungen fünf bis sieben dem Lauf der Sonne. Das fahle Licht des Mondes wird von dem strahlenden Licht der Sonne abgelöst. Die Musik ist mit einem Mal nicht mehr nachdenklich und traurig, sondern fröhlich und überschwänglich. In älteren Ritualen wird auch das Ersetzen der abnehmenden Mondsichel an der Ostwand des Tempels durch ein Hexagramm, dem Siegel Salomos, mit einem goldenen Punkt in der Mitte gefordert. Und wir, die Brr... der L Aurora z...d...3 Feuern, drehen Schurz und Bijou auf die Tagseite um.

 

Der neu erhobene Meister reist zu den kleinen Lichtern und bringt Licht von jeder Säule, um die Loge zu erleuchten. Das Pult des MvSt, gewissermaßen sein Reißbrett, ist zu diesem Zeitpunkt noch immer vom Uroboros beherrscht. Damit ist die Loge an diesem Ort noch immer ohne Licht. Im ersten und zweiten Grad leuchten diese Lichter dauernd, doch im Meistergrad erfahren wir, dass diese Lichter, analog zu den drei kleinen Lichtern, immer wieder aufs Neue in uns entzündet werden müssen.

 

Proklamation und Akklamation des neu erhobenen Bruders Meister schließen den dritten Teil der Erhebung und die gesamte Erhebung ab.

 

Nachdem der neuerhobene Meister den Tod und die Rückkehr ins Leben als neuer Hiram erlebt hat, kann er hinaus in ein neues Leben aufbrechen auf der Suche nach der wahren Meisterschaft und der werden, der er sein könnte. Um seine Mitte zu erreichen, muss sich der Maurer zunächst seiner eigenen Sterblichkeit stellen und nach dem Sinn seines vergänglichen Lebens fragen. Die Vergegenwärtigung des eigenen Todes birgt die Freiheit des Individuums von seinen Zwängen in sich.

 

Unser Br... Wolfgang Amadeus Mozart schreibt an seinen Vater nach dessen Erhebung: Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen bekannt gemacht, dass sein Bild allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat, mir die Gelegenheit (Sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen[10]. Mozart spricht davon, dass aus der Erfahrung des Todes, wie sie die Brr... FM in der Erhebung machen, die Erfahrung der inneren Freiheit entsteht. Ich möchte die Einstellung Mozarts, die mir die Einstellung eines echten Freimaurermeisters zu sein scheint, so zusammenfassen: erst wenn der Tod dein bester Freund ist, bist du wirklich frei.

...

Meine lieben Brr... neu erhobene MM!

Eure Initiation in den Bund der Freimaurer ist abgeschlossen. Ihr habt die letzte, die entscheidende Stufe eurer Einweihung mit dem Schritt über das Grab, euren eigenen Kadaver, erreicht. Das Heilige Buch bleibt geschlossen, denn ihr habt nun das volle Wissen. Der Zirkel liegt über dem Winkelmaß, er fordert euch damit auf, über euch selbst hinaus zu schauen. Hirams Grab ist das Symbol der Überlieferung des ganzheitlichen Wissens des Meisters, der wertvolle Fundus unserer humanitären Weltanschauung. Es gibt also keinen Grund, untätig zu bleiben, denn Warten verlängert die Zeit nicht, die dem Meister bleibt.

 

Das Werkzeug, mit dem ihr als Brr... FM – MM nun arbeitet, ist das Reißbrett. Der Schritt über das eigene Grab soll für euch Befreiung sein, soll euch frei machen für ein neues Leben, …als Meister zieht ihr hinaus und beginnt ein neues Leben…[11]. Auch wenn es in der Eröffnung der Meisterloge heißt, dass es der Zweck unserer Arbeit sei, des eigenen Todes zu gedenken[12], so ist damit nicht eine pathologische Todessehnsucht oder der eigene definitive Tod gemeint; als MM sollt ihr euch frei von Raum und Zeit, frei vom Alltag und der Profanei bewusst werden, was den FM – M als solchen auszeichnen soll. Der freie Mensch denkt über nichts weniger als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben[13], sagt Baruch de Spinoza und Michel de Montaigne meint: Das Vorbedenken des Todes ist Vorbedenken der Freiheit[14].

 

Aus der Erkenntnis des Todes habt ihr gelernt, dass das einzige was zählt, das Jetzt ist. Gestern und Morgen sind kein Thema mehr. Das Leben lässt sich nicht zwei Mal leben, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, ein Augenblick kann weder auf- oder festgehalten werden, noch kehrt er zurück. Die Zukunft hat noch nicht begonnen, auf die Unwägbarkeiten, die die Zukunft mit sich bringt, habt ihr keinen Einfluss, aktiv gestalten könnt ihr die Zukunft nicht, ihr werdet nicht gefragt, ob ihr damit einverstanden seid, was das Leben so bringt. Damit wird …des eigenen Todes zu gedenken[15]… zum kategorischen Imperativ des FM – M. Euer symbolischer Tod als Hiram beinhaltet einen klaren Auftrag, es muss das Jetzt gerechtfertigt sein.

 

Anstatt sich spekulativen Fragen, die nicht zum Bereich des natürlichen Wissens gehören, zuzuwenden, gilt es, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Hier und Jetzt auseinander zu setzen. Statt Antworten auf Fragen des Unendlichen und des in völliger Ferne Stehenden spekulativ zu erforschen, lautet die sittliche Forderung des Meistergrads, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

 

Anders als die Religionen, die mit den verschiedensten Lehren vom Weiterleben nach dem Tode versuchen, der ausweglosen Endgültigkeit den Schrecken zu nehmen, gibt die FMei keine Antwort auf die Fragen nach einem Leben nach dem Tode oder einer Wiedergeburt. Sie weist uns im 3.° darauf hin, dass wir unser Leben und Handeln so einrichten sollten, als hätten wir (nach dem Tode) keine zweite Chance, Vergehen zu korrigieren oder moralische Verfehlungen zu verbessern. Das steigert den Anspruch auf eine bewusste, sittliche Lebensführung; die Endlichkeit des Daseins erfordert besondere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt, denn jederzeit kann das eigene Leben enden … Unsere Reise von der Geburt zum Tode soll eine Wanderung zur Vollkommenheit sein[16]

 

Der Meistergrad ist der notwendig letzte Grad, er entspricht einem Ideal, das uns als eine Aufgabe gestellt ist; wir müssen nach diesem streben, auch wenn seine Verwirklichung über unsere Kräfte geht. Niemals wird unser Tempel vollendet sein. Keiner von uns soll erwarten, das Ziel zu erreichen und in sich den wahren ewigen Hiram auferstehen zu sehen.

 

Die Vollendung des maurerischen Werkes kann nur dann gelingen, wenn die schaffenden Kräfte des Künstlers vereinigt werden und im Geiste der konstruktiven Arbeit und brüderlichen Toleranz zur Anwendung kommen. Wenn der Lehrling durch die Werkzeuge zur praktischen Arbeit angehalten wird, der Geselle Erfahrungen sammelt und mit Sorgfalt beobachtet, so besteht die gemeinschaftliche Aufgabe der MM in der Erneuerung der Traditionen und der Einleitung des Fortschrittes. Als MM, beseelt vom wahren Geist der Kunst und dem Großen Werk der Maurerei verschrieben, überwindet ihr die Täuschungen der Außenwelt durch Denken. Eure Überlegenheit baut sich auf die Fähigkeit auf, tiefer in das Wesen der Dinge eindringen zu können.

 

Als FM – MM gehört ihr einer Elite an, nicht weil ihr die höchste Initiation unseres Bundes erreicht habt, nicht weil ihr mehr wisst als andere, insbesondere LL und GG. Die Pflichten des FM, die weit mehr als das unmittelbar Persönliche (Tugend der Verschwiegenheit, Menschlichkeit und Brüderlichkeit) umfassen, streichen das Besondere eines Br... hervor. Eure Zugehörigkeit zu einer Elite begründet sich dadurch, dass wir Brr... FM uns alle einer konkreten Aufgabe verschrieben haben und mehr bewirken wollen, …das Wohl der Menschheit … dass wir für die eine Welt arbeiten wollen, die frei werde von Parteigeist und Feindschaft, Gewalt und Zerstörung, eine Welt, in der die Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit streben, nach Frieden und Harmonie…[17].

 

Als Brr... MM arbeitet ihr im Zentrum zwischen Winkelmaß und Zirkel; ihr vermittelt, zwischen Materie und Geist, Himmel und Erde, Vernunft und Gefühl. Ihr seid Meister eurer Leidenschaften und handelt mit Weisheit, Umsicht und Mäßigung. Indem ihr Extreme vermeidet, geht ihr den Weg der Mitte, wie ihn die östlichen Weisheitslehren kennen; ihr seid daher fähig, euren ausgewogenen Lebensplan auf dem Reißbrett zu entwerfen.

 

Symbolisch seid ihr der goldene Punkt in der Mitte des Hexagramms; das Hexagramm, in dem sich Oben und Unten genauso wie die vier Elemente verbinden. Ihr seid der Punkt in der Mitte, der Br... M, der alle Spannungen auszugleichen versteht. Ihr habt die Peripherie des Rades, wo zentrifugale Kräfte herrschen, verlassen und steht nun in der Mitte, in der Achse. So wie die Achse das Rad ohne eigene Bewegung hält, so sollt ihr als MM von nun an euer Leben führen, ohne euch von euren Leidenschaften und Trieben beherrschen zu lassen. Laozi, ein östlicher Meister des Wegs der Mitte, beschreibt diese Art zu leben so:

 

Der Weise [Meister] lässt sich nicht blicken, er leuchtet.

Er drängt sich nicht auf, er wird wahrgenommen.

Er preist sich nicht an, er wird wegen seiner Verdienste gefunden.

Er drängt sich nicht vor, sondern schreitet voran…

Der Weise [Meister] erreicht große Dinge, ohne selbst große Aktionen zu setzen.

Sich selbst zu erkennen, ist die höchste Weisheit.

Die Anderen zu kennen, ist Weisheit.

Der Weise [Meister] achtet alles, vor allem achtet er sich selbst.

Der Weise [Meister] sieht das Ganze, nicht das Detail.

 

 

[1] Br... M. L., Zeichnung in der DL Telos, 2019

[2] Martin Heidegger, 26.09.1889 – 26.05.1976

[3] Heidegger M., Sein und Zeit, Tübingen 2006, zitiert nach Macho M., das Leben nehmen, Suizid in der Moderne, Suhrkamp 2017

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Heidegger M., Was ist Metaphysik? In ders., Wegmarken, Frankfurt/Main 1967, zitiert nach nach Macho M., das Leben nehmen, Suizid in der Moderne, Suhrkamp 2017

[7] Epikur (341 vuZ – 271 vuZ), Brief an Menoikes

[8] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek Band 124, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2006

[9] …die Haut löst sich vom Fleisch…, …das Fleisch löst sich vom Bein…, Ritual der Erhebung, GLvÖ 2011

[10] Mozart Wolfgang Amadeus (1756 – 1791), Brief vom 4. April 1787 an seinen Vater Leopold Mozart (1719 – 1787) kurz nach dessen Erhebung zu Freimaurermeister

[11] Ritual der Erhebung, GLvÖ 2011

[12] Ebd.

[13] de Spinoza Baruch (1632 – 1677)

[14] de Montaigne Michel (1533 – 1592), Essaie I, 20, Que philosopher, c’est apprendre mourir

[15] Ritual der Meisterloge, GLvÖ 2011

[16] Ritual der Erhebung, GLvÖ 2011

[17] Ritual der Beförderung, GLvÖ 2011

Raum und Zeit

In der Eröffnung der Loge werden symbolischer Raum und symbolische Zeit für unsere Arbeit festgelegt. Symbolisch sind Raum und Zeit deswegen, weil diese Festlegungen durchaus nicht mit der Realität übereinstimmen müssen.

Gemeinsam mit den beiden AA legt der MvSt diesen besonderen, von anderen Räumen unterschiedenen Raum fest, der jedoch erst durch die Festlegung der symbolischen Zeit seinen Charakter als Symbol der Vollendung gewinnt. Die alte englische Ritualformel dafür lautet: I declare the Lodge duly open; ob dieser Satz mit „die L öffnen“ oder „die L eröffnen“ übersetzt werden soll, darüber waren sich die Autoren unserer Rituale nicht einig.

Sinn der (Er)öffnungsformel ist, dass alle am Ritual teilnehmenden Brr... ihre ganze Aufmerksamkeit im Augenblick des Hammerschlags des MvSt dafür öffnen und dafür schärfen, dass ab nun etwas Besonderes geschieht, nichts Magisches, nichts Heiliges im Sinn einer Religion, nicht von uns Unabhängiges, sondern etwas, das in uns ist und das von uns selbst ausgehend aktiviert wird. Ohne diese Öffnung bleiben wir unkonzentriert und abgelenkt.

Als Brr..., die wir im Tempel zu gemeinsamer Arbeit versammelt sind, sind wir auch für die besondere Qualität von symbolischem Raum und symbolischer Zeit als grundlegende Ordnungselemente der FMei verantwortlich.

(Er)öffnen der Loge, Beginn der symbolischen Zeit, bedeutet Öffnen des Bewusstseins von uns Brr... für den besonderen Raum, der uns umgibt, der uns Schutz gibt (…wir arbeiten in Sicherheit…), der unser Geheimnis ist und damit gleichzeitig „Heimat“ ist; denn Geheimnis meinte ursprünglich nichts anderes als zum Heim, zur Heimat gehörig. Der symbolische Raum der L ist unendlich und universell. Er reicht vom Ost nach West, von Nord nach Süd, vom Zenit bis zum Nadir.

Die Ordnung der symbolischen Zeit wirkt als „Moratorium des Alltags“[1]. Die Zeit der Logenarbeit ist keine „heilige“ Zeit. Sie steht jedoch außerhalb des Laufs des Alltags, sie ist eine Zeit die Heimat schafft. Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist, sagt Antoine de Saint-Exupéry und weiter, denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.[2]

Es geht nicht darum die eigene verrinnende Zeit zu überwinden und durch Abkehr von der Zeitlichkeit direkt in eine Ewigkeit vorzustoßen, sondern darum seine Zeit aktiv als Bauwerk zu gestalten. Das Mittel, die Zeit zu gestalten ist ihre Gliederung durch Haltepunkte.[3]

Die Tempelarbeit, der Ort unserer geistigen Arbeit, soll ein solcher Haltepunkt sein, kein soziales Aussteigen, eine Atempause soll sie sein, ein festliches und zugleich besinnlich-schöpferisches „Moratorium des Alltags“.

Symbolischer Raum und symbolische Zeit gehören untrennbar zusammen. Sie gehören uns Brr..., wenn wir gemeinsam L halten. Sie sind unsere Heimat und bieten darum Raum für das Geheimnis, das uns verbindet. An diesem Geheimnis haben nur diejenigen Anteil und können auch nur diejenigen Anteil haben, die dabei sind, wenn der MvSt mit dem wichtigsten Hammerschlag der rituellen Arbeit die L (er)öffnet und wenn die symbolische Zeit beginnt. Dieses Geheimnis kann tatsächlich nicht verraten werden; wir können es nur erleben.[4]

[1] Odo Marquardt

[2] de Saint-Exupéry A.; die Stadt in der Wüste

[3] http://wernerloch.de/doc/Saint-ExuperyB.pdf, Aufruf 24.11.2019, 16.30 hrs.

[4] Höhmann H.-H., das Ritual in der Humanistischen Freimaurerei, Funktion, Struktur, Praxis; Salierverlag Leipzig 2016

Geschäftsmaurerei

Geliebte Br..., wenn ich heute über FM-BWL, also Geschäftsmaurer und Geschäftsmaurerei, sprechen will, so handelt es sich um ein Thema, das wir alle a priori und unisono ablehnen und das gleichzeitig, wie nicht nur meine persönliche Erfahrung zeigt, heute unkritisierter masonischer Alltag (GM N. S.) ist. Der ehrwürdigste Br... GM N. S. war es auch, der zu diesem Thema einen Arbeitskreis einsetzte, der eine Anleitung zum ethischen Umgang mit Geschäften unter Brüdern erarbeiten sollte.

 

Lennhoff-Posner-Binder definieren im internationalen Freimaurerlexikon Geschäftsmaurerei wie folgt: die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die im brüderlichen Verhältnis der Freimaurer gelegen ist, verleitet die einzelnen Glieder immer wieder dazu, den Bundesgedanken für eigensüchtige Zwecke nutzbar zu machen… Geschäftsmaurerei gilt in der Freimaurerei als unehrenhaft. Wer die Zugehörigkeit zum Bund zu geschäftlichen Zwecken ausnützt, setzt sich der Missachtung aus… Über die Unzulässigkeit der Verknüpfung selbstischer materieller Zwecke mit Freimaurerei wird bereits der Suchende in vollkommen eindeutiger Weise belehrt… (Lennhoff E., Posner O., Binder D. A. Internationales Freimaurer Lexikon, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000).

 

In dieser Definition ist eigentlich alles gesagt. Freimaurerei ist zunächst und vor allem anderen ein ethischer Freundschafts- und Bruderbund mit humanitären Zielsetzungen. Ziel ist die Arbeit am (eigenen) rauen Stein durch Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Durch unser Maurerwort haben wir uns bei unserer Aufnahme alle den Gesetzen unseres Landes und den maurerischen ethischen Normen unterworfen. Geschäftsmaurerei sind also all diejenigen Geschäfte, die diesen Regeln widersprechen. Ein Geschäftsmaurer ist auch jener Bruder, der die Loge als Ort der Begegnung weniger mit dem Ziel der Verwirklichung masonischer Imperative oder schlicht zur Teilnahme am geistigen Leben der Loge aufsucht, sondern um die Möglichkeit weiterer Geschäftsabschlüsse zu sondieren oder zu realisieren. Ein Geschäftsmaurer ist ein Bruder, der sich dem inneren Gehalt der Freimaurerei zugunsten mit Freimaurern abzuschließender Geschäfte entfremdet (GM N. S.). Auch jener Bruder, der einen Geschäftsabschluss unter Berufung auf die gemeinsame Zugehörigkeit zu Bund einfordert, ist ein Geschäftsmaurer.

 

Nicht jedes Geschäft unter Br... ist automatisch Geschäftsmaurerei. Es spricht nichts dagegen, dass Freimaurer untereinander Geschäfte machen… Unter klaren und anständigen Bedingungen mit dem Bruder Geschäfte zu machen, kann sogar ein besonderer Akt der Freundschaft und der Brüderlichkeit sein… Geschäftsbeziehungen unter Brüdern können ein gutes Übungsfeld für echte Freundschaft, brüderliche Rücksichtnahme und maurerischen Anstand sein (Kraus M, Hg., die Freimaurer, ecowin 2007). Wo brüderliches Vertrauen da ist, wird auch im Geschäftlichen ein Mehr an Vertrauen sein. Es liegt in der Natur des Menschen, dass, wenn er jemanden kennt und entsprechende Sympathien hegt und Vertrauen hat, er auch gerne geschäftliche Beziehungen mit dieser Person unterhält (GM N. S.).

 

Im Gelöbnis anlässlich unserer Aufnahme haben wir uns verpflichtet, unseren Brr... mit Rat und Tat nach Kräften beizustehen, soweit es mit unserer Ehre vereinbar ist. Hilfe für den Br... kann nie als Geschäftsmaurerei qualifiziert werden (GM N. S.).

 

Damit sind wir alle gefordert, wachsam zu sein. Es gilt wachsam zu sein, ob ein Suchender wegen echter oder erhoffter geschäftlicher Vorteile aufgenommen werden will. Gerade der Bürge hat dabei eine Sorgfaltspflicht und Verantwortung gegenüber der Kette. Es gilt wachsam zu sein gegenüber dem Bürgen, ob dieser einen Suchenden wegen geschäftlicher Interessen oder zur Erweiterung seines Netzwerks zum Bund bringen will. Als FM haben wir die brüderliche Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln; daher haben wir die Pflicht, den Bruder, dessen geschäftliche Interessen überhand nehmen zu drohen, darauf hinzuweisen und ihn an die übernommenen Pflichten zu erinnern. Wie das geschehen könnte, sagt uns der TH mit seinem Spiegel. Schließlich müssen wir uns selbst gegenüber wachsam sein, in wie weit wir in unserem Verhalten, diese Grenzen einhalten oder überschreiten. Die Stimme in der Brust, unser Gewissen, soll gerade in diesen Fragen eine Richtschnur sein; gerade das Gewissen ist eine Ausprägung des rauen Steins, an dem wir ein Leben lang arbeiten müssen.

 

Der Begriff Geschäftsmaurerei ist nicht von der profanen Welt sondern von uns selbst geschaffen wurden, um unserem Bemühen um ethische Hygiene Ausdruck zu verleihen. Puristische Sichtweisen dürften ebenso unangebracht sein wie die Leugnung der Notwendigkeit von Bewusstseinsschärfung und Abgrenzung (GM N. S.).

Reflexionen zum Grad des Meisters

Im Grad des Meisters werden wir aufgefordert, über unser angelerntes Wissen hinaus in uns selbst hinein zu hören. Die Arbeit im Meistergrad zielt darauf ab, Rationales und Spirituelles in enger Verbindung zuzulassen.

Der Meistergrad führt uns symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte unseres eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, sind wir eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, sind wir Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Loge, wenn wir Brr... MM arbeiten die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an dem Brr... an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; sie arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist eine mehr als fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt, dieser Tempel ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet für mich, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge durchschauend neu verstanden zu haben. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für uns Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

Unser Ritual lehrt uns, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM – M ist, des eigenen Todes zu gedenken; wir sollten uns diese Mahnung zu Herzen nehmen, denn „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM – M. Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führen zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen.

Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.

[1] Br... Mazakarini Leo, Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

Der Meistergrad

Der Grad des Meisters ist der Abschluss des freimaurerischen Einweihungswegs. Das Ritual des Meistergrads konfrontiert den Kandidaten und jeden Br... aufs Neue mit der Erfahrung der eigenen Endlichkeit. Er soll sich bewusstmachen, dass er im Leben eine einzigartige Aufgabe zu bewältigen hat, den Umgang mit der Bewusstheit des eigenen Todes.

 

Goethes Erkenntnis: Willst du ins Unendliche schreiten, /Geh nur im Endlichen nach allen Seiten[1] erfährt im Meistergrad ihre besondere Würdigung. Auftrag des Meistergrades ist es, sich damit zu beschäftigen, wie ein Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Anstatt sich spekulativen Fragen, die nicht zum Bereich des natürlichen Wissens gehören, zuzuwenden, gilt es, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Hier und Jetzt auseinander zu setzen. Wie viel lieber zeigen wir Menschen bei Schwierigkeiten mit nahe liegenden Lebensaufgaben Interesse an fernsten Dingen, dem Anfang und dem Ende aller Dinge, außerirdischem Leben, der Möglichkeit des Unmöglichen uvam. Statt Antworten auf Fragen des Unendlichen und des in völliger Ferne Stehenden spekulativ zu erforschen, lautet die sittliche Forderung des Meistergrads, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

 

Die FMei gibt keine Antwort auf die Fragen nach einem Leben nach dem Tode oder einer Wiedergeburt. Sie weist uns im 3.° darauf hin, dass wir unser Leben und Handeln so einrichten sollten, als hätten wir (nach dem Tode) keine zweite Chance, Vergehen zu korrigieren oder moralische Verfehlungen zu verbessern. Das steigert den Anspruch auf eine bewusste, sittliche Lebensführung; die Endlichkeit des Daseins erfordert besondere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt, denn jederzeit kann das eigene Leben enden.

 

Das Ritual schärft die alte sokratische Erkenntnis, dass das Leben zum Tode hin verläuft mit besonderer Intensität ein. Der Tod ist für den Menschen als metaphysicum[2] und nicht als physische Gegenwart von Bedeutung. Dass das Individuum mit dem eigenen Tod nur zu tun hat, so lang er noch nicht eingetreten ist, wusste schon Epikur. In dem Maß als das Bewusstsein von meiner Sterblichkeit, meinem eigenen Tode meine Lebensführung beeinflusst und beeinträchtigt, ist der Tod als Metaphysisches in seiner physischen Abwesenheit anwesend. Nicht die Furcht vor dem Tod, sondern Bereitschaft soll unser Leben begleiten.

nach Klaus-Jürgen Grün

[1] Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 1, München 1981, Sprüche S. 304

[2] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek Band 124, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2006

Lichtsymbolik als Hinweis auf die Aufklärung

Es fällt nicht schwer, in unserem Ritual die vielfachen Erwähnungen der Lichtsymbolik zu finden, …um den Weg zu Licht zu weisen…, …trägt der MvSt das Licht aus dem Osten in die Loge…, …die BH zu erleuchten…, …ich bitte um das kleine/große Licht…, …was das Licht für das Auge….

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. Die Lichtsymbolik hat als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt ihren festen Platz im maurerischen Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, für ein gleichsam „inneres Leuchten“, sondern auch für gesellschaftsrelevante Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis. Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichterteilung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

„Licht“ ist noch ein einem zweiten Sinn konstitutiv für die Freimaurerei, nämlich im Sinn von Aufklärung. Aufklärung heißt Licht ins Dunkel bringen, im Englischen „Enlightenment“ und im Französischen „Lumières“ wird das noch deutlicher als in der deutschen Sprache. Aufklärung ist untrennbar an das Symbol des Lichts gebunden (Konrad Paul Liessmann): Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täuschung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und wo vermeintliche Gewissheiten aufgezwungen werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen.

Allerdings, umstritten war die Aufklärung von Anfang an. Es braucht nicht erst Horkheimers und Adornos Schrift „Dialektik der Aufklärung“, geschrieben im US-amerikanischen Exil angesichts der Verbrechen der Nazis, um zu erkennen, dass Vernunft zu weit gehen, sich selbst überschätzen, selbst dogmatisch werden kann.

Wir alle kennen Kants Definition von Aufklärung, Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. In diesem Aufsatz schreibt er weiter hinten: Daß aber ein Publikum – sprich: eine Gruppe von Menschen – sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unvermeidlich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit … abgeworfen haben, den … Beruf jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.

Ein solches „Publikum, das sich selbst aufklärt“, wollen die Freimaurer nun auch heutzutage sein, ein Publikum, das genau hinschaut auf Fakten und Probleme, ein Publikum, das in einen Diskurs tritt mit anderen Menschen, um den Prozess der Aufklärung weiter zu bringen und hineinzutragen in unsere so unübersichtlich gewordene und zerrissene Gegenwart. „Erkenne dich selbst“, so heißt es in unserem Aufnahmeritual, doch Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung sind für den Freimaurer untrennbar miteinander verbunden.

Die Suche nach dem Licht der Wahrheit war noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach wie heute, denn noch nie war wissen so demokratisch zugänglich wie heute über das Internet. Gleichzeitig war es noch nie so schwierig, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden. Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und Ringen um Urteilsvermögen.

Freilich ist auch ist zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag, der Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht nur der, welcher informiert, sondern auch der, welcher informiert wird. Das heißt, kritikloses Für-wahr-Halten ist in sozialer Hinsicht ebenso schädlich wie die Manipulation der Wahrheit, und das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ bleibt Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für uns Freimaurer der Gegenwart.

Der Freimaurer als Weltverbesserer

Von unserem Br... Goethe stammt der Satz: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Der Mensch soll es sein; er ist es nicht, weiß Goethe. Moses Mendelssohn, Lessings Freund und Vorbild für seinen Nathan, beschreibt den Weg zu diesem Ziel mit einfachen Worten: nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun.

Mendelssohns ebenso geniale wie triviale Vereinfachung allen Strebens verführt dazu, auch Freimaurerei ebenso schlicht zu übersetzen. Dennoch muss man es wollen, immer wieder und unentmutigt. Freimaurer verstehen sich in diesem Wollen als Symbolbund und Wertegemeinschaft. Freimaurer können nicht die Welt zum Guten verändern, aber sie können aus guten Menschen bessere machen. Das ist zumindest unsere Absicht in dieser Lehr- und Übungsstätte für Menschlichkeit namens Loge, in dieser Wertegemeinschaft namens Freimaurerei.

Freimaurerei ist die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum. So wie unsere Brr... Werkmaurer in den Bauhütten praktisch gebaut und gestaltet haben, wollen wir das heute im übertragenen Sinne tun. Aus der Baukunst soll eine Lebenskunst werden. Die kann sich freilich auch an ganz einfachen Moralismen orientieren. „Gutes wollen, das Beste tun“ ist eine derart einfache Maxime, die von individuellen Möglichkeiten ausgeht. Wer nach seinen Kräften redlich das Gute will und sich ehrlich bemüht, das Beste zu tun, der tut bereits im Kleinen, was im Großen zu wünschen wäre. Das große Ganze ist nun mal die Addition der vielen kleinen Mühen.

Niemand kann zum Besten der Menschheit beitragen, sagt Lessing, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann. So ist Freimaurerei zunächst die Aufforderung, etwas aus sich selbst zu machen.

Reverend Anderson hat uns vor fast 300 Jahren auf ein nicht näher definiertes „Sittengesetz“ verpflichtet. Die Alten Pflichten sprechen vom Sittengesetz, so als meinten Sie eine Ethik für eine Welt. Sie sprechen auch von einer Religion, in der alle Menschen übereinstimmen. Um dem zu entsprechen, sind freimaurerische Symbole und Inhalte bewusst so offen gehalten, dass sie im Übereinklang mit allen Religionen stehen und innerhalb aller Moralgesetze aller Kulturkreise verstanden werden können.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war nicht nur die Parole der Französischen Revolution, sondern war und ist immer noch eine Grundforderung der FMei. Und da möchte ich mit Br... Goethe kritisch anmerken: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss; oder mit Heinrich Heine zur Gleichheit: Wenn wir über …Ungleichheit klagen, … dann sehen… wir …nur diejenigen, die über uns stehen… Abwärts sehen wir bei solchen Klagen nie; von Martin Luther King kommen skeptische Worte zur Brüderlichkeit: Die Menschen haben gelernt, wie Vögel zu fliegen und wie Fische zu schwimmen, aber sie haben nie die einfache Kunst der Brüderlichkeit gelernt.

Die Loge ist so etwas wie der Versuch, Brüderlichkeit zu praktizieren und eine ideale Welt im Kleinen zu denken und rituell und symbolisch darzustellen. Das kennzeichnet nicht ein So-Sein, sondern meint ein So-Werden, ein Danach-Streben. Es wäre jedoch geradezu biedermeierlich, wollten wir unsere Regeln nur in der Loge gelten lassen. Fichte sagte vor ca. 200 Jahren über den Freimaurer: Vaterlandsliebe ist seine Tat…, Weltbürgersinn ist sein Gedanke…

Freimaurerei versteht sich durchaus als angewandte Humanität. Wir haben kein Mandat dafür und sind deswegen auch keine moralische Instanz. Wenn wir sagen, dass wir das bessere Miteinander für eine bessere Welt wollen, dann heißt das nicht, dass wir immer wüssten, wie das geht. Das heißt nur, dass wir es immer wieder, und wenn es geht, auch beispielgebend miteinander einüben. Freimaurerei ist kein Kampfbund zur Durchsetzung von Humanität, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und Toleranz. Freimaurerei ist ein Lebensstil, der sich an Werten orientiert, altruistisch, philanthropisch und kosmopolitisch. Maurerisches Sinnangebot ist die zweckfreie Menschlichkeit, bei der es allein um den Menschen und seine Würde geht.

Dazu gehört es auch, sich selbst zu gestalten, eigenverantwortlich zu denken und mündig zu handeln und nicht schicksalsergeben abzuwarten, was geschieht. Dafür gibt es Gleichgesinnte, Verbündete, Freunde, Brüder. Wir wollen in den Logen durch gemeinsames Nachdenken Orientierungshilfen geben. Lessing nennt das: Laut denken mit dem Freunde. Uns Brr... FM geht es darum, eine Welt der Möglichkeiten zu denken und das Machbare des Denkbaren zu tun. Menschlichkeit, Toleranz, friedliches Miteinander und Füreinander sind machbare Forderungen, die im Kleinen beginnen und sich im Großen fortsetzen lassen.

Spiritualität der Freimaurerei

Der deutsche Psychologie Rudolf Sponsel meint, jeder Mensch sei seiner Natur nach spirituell (geistig), sofern er Sinn und Wert sucht. Spiritualität ist weder eine eigentlich esoterische noch religiöse Praktik, sondern eine grundlegende Praktik des Menschseins.[1] Sponsel definiert Spiritualität als mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben.[2]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse, das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Die Antwort auf diese Bedürfnisse kann gleichermaßen religiös wie nicht-religiös sein. Gelebte und erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit, Harmonie. Diese Aspekte des Lebens gehen über Materielles hinaus, ohne zwingend einen Glauben an ein übernatürliches, höheres Wesen vorauszusetzen.[3] Nicht jeder Sinnsucher ist automatisch schon ein Gottsucher.

Spiritualität in der FMei kann, aber muss in keiner Weise religiös oder esoterisch verstanden werden. Die Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sind grundlegende Elemente des freimaurerischen Weges des Erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst, den die Brr... mit Weisheit, Stärke und Schönheit zurücklegen.

Unser Ritual setzt den Rahmen und gibt immer wieder neue Impulse, die im Profanen weiterwirken und so die geistige Offenheit der Brr... fördern sollen. Die rituelle Arbeit im Tempel soll Bewusstsein, Empfindung und Gemüt der Brr... öffnen.

In den Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters wird diese Offenheit maximal unterstützt, wenn die Aufträge lauten: schau in dich, schau um dich, schau über dich. Die Reflexion eines Br... FM soll sich mit Sinn- und Wertfragen und mit der Welt und den Mitmenschen beschäftigen. Im Zentrum dieser Reflexion steht besonders die eigene Existenz, die Selbstverwirklichung im eigenen Leben sowie die Auseinandersetzung mit dem Tod.

Das Ritual konfrontiert den Br... FM mit Weisheit, Stärke und Schönheit als Gestaltungsprinzipien des Lebens. Allerdings fallen diese Prinzipien dem Br... FM nicht zu, sie müssen erarbeitet werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit

Stärke bedeutet Tatkraft, das konstruktive Vermögen, Ideen umzusetzen, denn Weisheit allein genügt nicht, man muss auch tun. (Es gibt nichts Gutes außer man tut es, Erich Kästner).

Schönheit ist unverzichtbar als Prinzip der FMei; sie ist Maßstab für unser Tun, die Brüderlichkeit. Schönheit reicht von der Schönheit der Symbole und des Rituals über die Musik im Tempel bis in unser tägliches Leben, in dem sich die Freimaurerei, die Königliche Kunst als Lebenskunst manifestieren soll.

 

[1] http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, Zugriff 29.09.2019, 14.40 Uhr

[2] http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm#Definitionsvorschlag%20Spiritualit%C3%A4t, Zugriff 29.09.2019, 14.45 Uhr

[3] Vgl.: Comte Sponville A.: Woran glaubt ein Atheist?: Spiritualität ohne Gott

Was tun?…

… ist die Frage nach einer konkreten Handlungsanweisung, nach einem Rezept. Was tun gegen den Populismus, gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Kapitalisierung aller Lebensbereiche, gegen die Klimakrise, gegen die Migration? Die Frage ist Ausdruck einer Ratlosigkeit.

Es ist ein doppelter Ruf, ein Ruf nach Rezepten gegen die multiplen Krisen und ein Ruf nach Alternativen, die dieses Handeln leiten sollen, alternative Gesellschaftskonzepte, eine neue große Erzählung, ein neues Narrativ. Wobei die Sehnsucht nach einer Erzählung nicht nur die Sehnsucht nach Inhalten ist, sondern vor allem die Sehnsucht nach einer Erzählung, die die Leute ergreift. Denn Inhalte, politische oder gesellschaftliche, liegen ja zur Genüge vor… Aber diese Inhalte packen die Leute nicht… oder nicht mehr. Weder weisen sie einen Weg, noch eröffnen sie eine Perspektive. …Sie beflügeln keine Hoffnungen. Und so bleibt der unerfüllten Sehnsucht nach politischer Hoffnung nur die Frage: Was tun?[1]

Slavoj Zizek meint, der Traum von einer Alternative sei zu Ende. Wer ihn weiter träume, sei nur zu feige, sich die Alternativlosigkeit, also die Hoffnungslosigkeit einzugestehen. Dieser Traum sei nur ein Fetisch gegen die Ausweglosigkeit. Die Frage „Was tun?“ gibt sich der Hoffnung hin, es gäbe eine Antwort, es gäbe eine konkrete Anleitung. Mehr noch, diese Frage zielt eigentlich auf die Versicherung, dass da jemand sei, der weiß, was zu tun ist.

Meine Brüder, als Brr... FM ist es unsere Aufgabe uns immer wieder aufs Neue die Frage zu stellen, was tun. Wir dürfen nicht blind werden gegenüber den großen Fragen des Hier und Jetzt; das war immer und ist auch weiterhin die große Aufgabe der FMei.

Wenn Brr... FM, was tun?, fragen, so ist das kein Ausdruck von Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit, sondern der Aufruf zum maurerischen Handeln zum Wohl der Menschheit. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir verstehen uns als mündige Menschen, die es wagen, sich ihres Verstandes zu bedienen. Wir brauchen daher keine charismatischen Führergestalten, die uns Antworten auf unsere Fragen geben, die uns sagen, was wir tun sollen, denn was uns auszeichnet, ist die Kunst selbst und dabei frei zu denken.

Der Lauf der Geschichte hat uns gezeigt, dass uns diese „Heilsbringer“ – frei nach Popper – zwar das Paradies auf Erden versprochen haben, uns dabei aber die Hölle auf Erden gebracht haben. Als Brr... Freimaurer sollten wir daher gerade denjenigen kritisch gegenüberstehen, die so auf die Schnelle Antworten auf komplexe Fragen aus dem Ärmel schütteln.

Unser Wertegerüst von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität ist ein guter und vor allem brauchbarer Maßstab, um über große Fragen nachzudenken und Lösungen zu erarbeiten. Die inhaltliche und fachliche Kompetenz ist in unserer Kette sehr wohl vorhanden; nützen wir dieses Potential.

Die FMei bietet dieses neue Narrativ, einen Mythos, die verbindende Saga, die alle zusammenschweißt. Es ist der Mythos der Humanität, dass der Mensch aus der Tatsache seines Menschseins Rechte genauso wie Pflichten habe. Der Mythos wird durch Ritual und Symbol Grund gelegt; damit sollen die Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn hin interpretiert werden, einen Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht.

FMei ist laut denken mit dem Freund; dieser ist nicht nur der Br... in der eigenen L, das sind genauso die Brr... der Weltenkette. Den Auftrag dazu finden wir n unserem Ritual[2].

Wenn wir als Brr... FM also die Frage „Was tun?“ stellen, so tun wir das nicht als Ausdruck unserer Hoffnungslosigkeit, sondern in dem Bewusstsein, dass wir unserem maurerischen Auftrag Genüge tun wollen, für das Wohl der Menschheit zu arbeiten.

[1] Charim Isolde in Wiener Zeitung online, 26.05.2017, 17.30 hrs

[2] Ritual der Beförderung, GLvÖ

…einzeln und gemeinsam, für das Ziel wirken wollen, dem wir uns bei unserer Aufnahme in den Bund der Freimaurerverpflichtet haben: Für das wohl der Menschheit.

…dass wir für die eine Welt arbeiten wollen, die frei werde von Parteigeist und Feindschaft, Gewalt und Zerstörung, eine Welt in der die Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit streben, nach Frieden und Harmonie.

…dass wir über dieses große Werk miteinander reden und verhandeln: offen. ohne Gehässigkeit; mit Herzenswärme, ohne blindwütiges Eifern; vor allem aber nur nach sorgfältigem Nachdenken.

 

FMei, wie ich sie verstehe

die Freimaurerei selbst ist ein Geheimnis, das weder verraten noch mitgeteilt werden kann, sondern das geahnt, gefühlt und von jedem Freimaurer selbst gefunden und erlebt werden muss…

Diese Worte des MvSt nach der zweiten Reise der Rezeption sind uns allen wohl bekannt. Im Kern bedeuten sie, dass jeder einzelne Br... sich selbst Rede und Antwort stehen muss, was dieses Geheimnis für ihn selbst bedeutet. Ich will im Folgenden kurz meinen Zugang zur FMei skizzieren.

Nach einiger Zeit des Suchens fühle ich mich heute der Humanitären Freimaurerei verbunden. Grundlagen der Humanitären Freimaurerei – so wie ich sie sehe – sind

  • Freundschaft und Geselligkeit
  • ethische Orientierung und moralische Praxis
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen
  • Bewährung als Einübung in Lebenskunst

Im Gegensatz zu anderen Strömungen der Freimaurerei, die betont esoterische, die christliche (auch wenn diese in Österreich eher weniger vertreten ist) deckt die Humanitäre Freimaurerei zu ziemlich gleichen Teilen ab, was FMei für mich ausmacht.

Der mündige, selbstverantwortliche Mensch steht in der Humanitären Freimaurerei im Mittelpunkt. Die Arbeit am rauen Stein bedeutet nichts Anderes, als dass sich jeder Mensch auf Grund seiner eigenen Entscheidung mit seinem eigenen Tun zum Besseren entwickeln kann. Dafür braucht es keine Gnade von wem auch immer (…es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun…).

Mein Anspruch an mich ist, selbstbewusst – mir meiner selbst bewusst – als gleicher gemeinsam mit anderen gleichen meinen Weg zu gehen. Ich finde mich in einer Gemeinschaft von Menschen, meinen Brüdern wieder, die den Mut haben, sich ihres Verstandes zu bedienen. Freundschaft und Brüderlichkeit, wie ich sie in unserer guten BH erlebe, sind dabei eine große Hilfe.

Orientierungslosigkeit ist meine Sache nicht. Alles wäre erlaubt, es gebe für mich keine ethischen Grenzen, ist nicht der Ansatz, dem ich folge. Auch wenn ich überzeugt bin, dass es im transzendenten Sinn kein Gut oder Böse gibt, so meine ich ausdrücklich, dass ich immer wieder aufs Neue die Entscheidung treffen muss, ob mein Handeln richtig oder falsch ist. Ins tägliche Leben übersetzt, heißt diese Frage, kann ich die Verantwortung für mein Tun und dessen Folgen übernehmen, schade ich damit anderen Menschen. Die Loge ist der Mikrokosmos, mich in dieser Verantwortungsethik zu üben; die Brüder werden mir verantwortungsvoll und mit Liebe den Spiegel vorhalten, die FMei gibt mir die Werkzeuge, diese selbst gestellte Aufgabe zu lösen.

Ritual und Symbol schaffen den Rahmen, in dem ich meine ethische Reflexion lernen soll und lehren mich gleichzeitig die Inhalte. Auch hier ist die Gemeinschaft der Brr... von immenser Bedeutung. Ich muss nicht allein mit mir selbst lernen, sondern ich erfahre mich als soziales Wesen, das im Verein mit anderen Menschen, die ebenso wie ich an sich selbst arbeiten, seinen Weg zur Selbstveredelung geht.

…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat… so hören wir vom Br... R am Schluss einer jeden Arbeit. Es geht nicht darum, einen netten Logenabend, mit einem gescheiten Vortrag und alten Freunden zu verbringen. Der Anspruch ist, dass FMei mein gesamtes Leben – profan genauso wie masonisch – umfassen und verändern soll. Freimaurerei ist Lebenskunst, die Kunst, mein Leben zielorientiert aktiv zu gestalten, die Kunst ein erfülltes Leben zu leben. Unserer vollendeter Br... Günther Schifter, alias Howdy, hat es vor vielen Jahren – noch in der Bruderkette – auf die ihm eigene Art so zusammengefasst: Freimaurerei? Es gibt nichts Besseres!