Der Meistergrad

Der Grad des Meisters ist der Abschluss des freimaurerischen Einweihungswegs. Das Ritual des Meistergrads konfrontiert den Kandidaten und jeden Br... aufs Neue mit der Erfahrung der eigenen Endlichkeit. Er soll sich bewusstmachen, dass er im Leben eine einzigartige Aufgabe zu bewältigen hat, den Umgang mit der Bewusstheit des eigenen Todes.

 

Goethes Erkenntnis: Willst du ins Unendliche schreiten, /Geh nur im Endlichen nach allen Seiten[1] erfährt im Meistergrad ihre besondere Würdigung. Auftrag des Meistergrades ist es, sich damit zu beschäftigen, wie ein Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Anstatt sich spekulativen Fragen, die nicht zum Bereich des natürlichen Wissens gehören, zuzuwenden, gilt es, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Hier und Jetzt auseinander zu setzen. Wie viel lieber zeigen wir Menschen bei Schwierigkeiten mit nahe liegenden Lebensaufgaben Interesse an fernsten Dingen, dem Anfang und dem Ende aller Dinge, außerirdischem Leben, der Möglichkeit des Unmöglichen uvam. Statt Antworten auf Fragen des Unendlichen und des in völliger Ferne Stehenden spekulativ zu erforschen, lautet die sittliche Forderung des Meistergrads, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

 

Die FMei gibt keine Antwort auf die Fragen nach einem Leben nach dem Tode oder einer Wiedergeburt. Sie weist uns im 3.° darauf hin, dass wir unser Leben und Handeln so einrichten sollten, als hätten wir (nach dem Tode) keine zweite Chance, Vergehen zu korrigieren oder moralische Verfehlungen zu verbessern. Das steigert den Anspruch auf eine bewusste, sittliche Lebensführung; die Endlichkeit des Daseins erfordert besondere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt, denn jederzeit kann das eigene Leben enden.

 

Das Ritual schärft die alte sokratische Erkenntnis, dass das Leben zum Tode hin verläuft mit besonderer Intensität ein. Der Tod ist für den Menschen als metaphysicum[2] und nicht als physische Gegenwart von Bedeutung. Dass das Individuum mit dem eigenen Tod nur zu tun hat, so lang er noch nicht eingetreten ist, wusste schon Epikur. In dem Maß als das Bewusstsein von meiner Sterblichkeit, meinem eigenen Tode meine Lebensführung beeinflusst und beeinträchtigt, ist der Tod als Metaphysisches in seiner physischen Abwesenheit anwesend. Nicht die Furcht vor dem Tod, sondern Bereitschaft soll unser Leben begleiten.

nach Klaus-Jürgen Grün

[1] Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 1, München 1981, Sprüche S. 304

[2] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek Band 124, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2006

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