Raum und Zeit

In der Eröffnung der Loge werden symbolischer Raum und symbolische Zeit für unsere Arbeit festgelegt. Symbolisch sind Raum und Zeit deswegen, weil diese Festlegungen durchaus nicht mit der Realität übereinstimmen müssen.

Gemeinsam mit den beiden AA legt der MvSt diesen besonderen, von anderen Räumen unterschiedenen Raum fest, der jedoch erst durch die Festlegung der symbolischen Zeit seinen Charakter als Symbol der Vollendung gewinnt. Die alte englische Ritualformel dafür lautet: I declare the Lodge duly open; ob dieser Satz mit „die L öffnen“ oder „die L eröffnen“ übersetzt werden soll, darüber waren sich die Autoren unserer Rituale nicht einig.

Sinn der (Er)öffnungsformel ist, dass alle am Ritual teilnehmenden Brr... ihre ganze Aufmerksamkeit im Augenblick des Hammerschlags des MvSt dafür öffnen und dafür schärfen, dass ab nun etwas Besonderes geschieht, nichts Magisches, nichts Heiliges im Sinn einer Religion, nicht von uns Unabhängiges, sondern etwas, das in uns ist und das von uns selbst ausgehend aktiviert wird. Ohne diese Öffnung bleiben wir unkonzentriert und abgelenkt.

Als Brr..., die wir im Tempel zu gemeinsamer Arbeit versammelt sind, sind wir auch für die besondere Qualität von symbolischem Raum und symbolischer Zeit als grundlegende Ordnungselemente der FMei verantwortlich.

(Er)öffnen der Loge, Beginn der symbolischen Zeit, bedeutet Öffnen des Bewusstseins von uns Brr... für den besonderen Raum, der uns umgibt, der uns Schutz gibt (…wir arbeiten in Sicherheit…), der unser Geheimnis ist und damit gleichzeitig „Heimat“ ist; denn Geheimnis meinte ursprünglich nichts anderes als zum Heim, zur Heimat gehörig. Der symbolische Raum der L ist unendlich und universell. Er reicht vom Ost nach West, von Nord nach Süd, vom Zenit bis zum Nadir.

Die Ordnung der symbolischen Zeit wirkt als „Moratorium des Alltags“[1]. Die Zeit der Logenarbeit ist keine „heilige“ Zeit. Sie steht jedoch außerhalb des Laufs des Alltags, sie ist eine Zeit die Heimat schafft. Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist, sagt Antoine de Saint-Exupéry und weiter, denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.[2]

Es geht nicht darum die eigene verrinnende Zeit zu überwinden und durch Abkehr von der Zeitlichkeit direkt in eine Ewigkeit vorzustoßen, sondern darum seine Zeit aktiv als Bauwerk zu gestalten. Das Mittel, die Zeit zu gestalten ist ihre Gliederung durch Haltepunkte.[3]

Die Tempelarbeit, der Ort unserer geistigen Arbeit, soll ein solcher Haltepunkt sein, kein soziales Aussteigen, eine Atempause soll sie sein, ein festliches und zugleich besinnlich-schöpferisches „Moratorium des Alltags“.

Symbolischer Raum und symbolische Zeit gehören untrennbar zusammen. Sie gehören uns Brr..., wenn wir gemeinsam L halten. Sie sind unsere Heimat und bieten darum Raum für das Geheimnis, das uns verbindet. An diesem Geheimnis haben nur diejenigen Anteil und können auch nur diejenigen Anteil haben, die dabei sind, wenn der MvSt mit dem wichtigsten Hammerschlag der rituellen Arbeit die L (er)öffnet und wenn die symbolische Zeit beginnt. Dieses Geheimnis kann tatsächlich nicht verraten werden; wir können es nur erleben.[4]

[1] Odo Marquardt

[2] de Saint-Exupéry A.; die Stadt in der Wüste

[3] http://wernerloch.de/doc/Saint-ExuperyB.pdf, Aufruf 24.11.2019, 16.30 hrs.

[4] Höhmann H.-H., das Ritual in der Humanistischen Freimaurerei, Funktion, Struktur, Praxis; Salierverlag Leipzig 2016

Geschäftsmaurerei

Geliebte Br..., wenn ich heute über FM-BWL, also Geschäftsmaurer und Geschäftsmaurerei, sprechen will, so handelt es sich um ein Thema, das wir alle a priori und unisono ablehnen und das gleichzeitig, wie nicht nur meine persönliche Erfahrung zeigt, heute unkritisierter masonischer Alltag (GM N. S.) ist. Der ehrwürdigste Br... GM N. S. war es auch, der zu diesem Thema einen Arbeitskreis einsetzte, der eine Anleitung zum ethischen Umgang mit Geschäften unter Brüdern erarbeiten sollte.

 

Lennhoff-Posner-Binder definieren im internationalen Freimaurerlexikon Geschäftsmaurerei wie folgt: die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die im brüderlichen Verhältnis der Freimaurer gelegen ist, verleitet die einzelnen Glieder immer wieder dazu, den Bundesgedanken für eigensüchtige Zwecke nutzbar zu machen… Geschäftsmaurerei gilt in der Freimaurerei als unehrenhaft. Wer die Zugehörigkeit zum Bund zu geschäftlichen Zwecken ausnützt, setzt sich der Missachtung aus… Über die Unzulässigkeit der Verknüpfung selbstischer materieller Zwecke mit Freimaurerei wird bereits der Suchende in vollkommen eindeutiger Weise belehrt… (Lennhoff E., Posner O., Binder D. A. Internationales Freimaurer Lexikon, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000).

 

In dieser Definition ist eigentlich alles gesagt. Freimaurerei ist zunächst und vor allem anderen ein ethischer Freundschafts- und Bruderbund mit humanitären Zielsetzungen. Ziel ist die Arbeit am (eigenen) rauen Stein durch Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Durch unser Maurerwort haben wir uns bei unserer Aufnahme alle den Gesetzen unseres Landes und den maurerischen ethischen Normen unterworfen. Geschäftsmaurerei sind also all diejenigen Geschäfte, die diesen Regeln widersprechen. Ein Geschäftsmaurer ist auch jener Bruder, der die Loge als Ort der Begegnung weniger mit dem Ziel der Verwirklichung masonischer Imperative oder schlicht zur Teilnahme am geistigen Leben der Loge aufsucht, sondern um die Möglichkeit weiterer Geschäftsabschlüsse zu sondieren oder zu realisieren. Ein Geschäftsmaurer ist ein Bruder, der sich dem inneren Gehalt der Freimaurerei zugunsten mit Freimaurern abzuschließender Geschäfte entfremdet (GM N. S.). Auch jener Bruder, der einen Geschäftsabschluss unter Berufung auf die gemeinsame Zugehörigkeit zu Bund einfordert, ist ein Geschäftsmaurer.

 

Nicht jedes Geschäft unter Br... ist automatisch Geschäftsmaurerei. Es spricht nichts dagegen, dass Freimaurer untereinander Geschäfte machen… Unter klaren und anständigen Bedingungen mit dem Bruder Geschäfte zu machen, kann sogar ein besonderer Akt der Freundschaft und der Brüderlichkeit sein… Geschäftsbeziehungen unter Brüdern können ein gutes Übungsfeld für echte Freundschaft, brüderliche Rücksichtnahme und maurerischen Anstand sein (Kraus M, Hg., die Freimaurer, ecowin 2007). Wo brüderliches Vertrauen da ist, wird auch im Geschäftlichen ein Mehr an Vertrauen sein. Es liegt in der Natur des Menschen, dass, wenn er jemanden kennt und entsprechende Sympathien hegt und Vertrauen hat, er auch gerne geschäftliche Beziehungen mit dieser Person unterhält (GM N. S.).

 

Im Gelöbnis anlässlich unserer Aufnahme haben wir uns verpflichtet, unseren Brr... mit Rat und Tat nach Kräften beizustehen, soweit es mit unserer Ehre vereinbar ist. Hilfe für den Br... kann nie als Geschäftsmaurerei qualifiziert werden (GM N. S.).

 

Damit sind wir alle gefordert, wachsam zu sein. Es gilt wachsam zu sein, ob ein Suchender wegen echter oder erhoffter geschäftlicher Vorteile aufgenommen werden will. Gerade der Bürge hat dabei eine Sorgfaltspflicht und Verantwortung gegenüber der Kette. Es gilt wachsam zu sein gegenüber dem Bürgen, ob dieser einen Suchenden wegen geschäftlicher Interessen oder zur Erweiterung seines Netzwerks zum Bund bringen will. Als FM haben wir die brüderliche Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln; daher haben wir die Pflicht, den Bruder, dessen geschäftliche Interessen überhand nehmen zu drohen, darauf hinzuweisen und ihn an die übernommenen Pflichten zu erinnern. Wie das geschehen könnte, sagt uns der TH mit seinem Spiegel. Schließlich müssen wir uns selbst gegenüber wachsam sein, in wie weit wir in unserem Verhalten, diese Grenzen einhalten oder überschreiten. Die Stimme in der Brust, unser Gewissen, soll gerade in diesen Fragen eine Richtschnur sein; gerade das Gewissen ist eine Ausprägung des rauen Steins, an dem wir ein Leben lang arbeiten müssen.

 

Der Begriff Geschäftsmaurerei ist nicht von der profanen Welt sondern von uns selbst geschaffen wurden, um unserem Bemühen um ethische Hygiene Ausdruck zu verleihen. Puristische Sichtweisen dürften ebenso unangebracht sein wie die Leugnung der Notwendigkeit von Bewusstseinsschärfung und Abgrenzung (GM N. S.).

Reflexionen zum Grad des Meisters

Im Grad des Meisters werden wir aufgefordert, über unser angelerntes Wissen hinaus in uns selbst hinein zu hören. Die Arbeit im Meistergrad zielt darauf ab, Rationales und Spirituelles in enger Verbindung zuzulassen.

Der Meistergrad führt uns symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte unseres eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, sind wir eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, sind wir Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Loge, wenn wir Brr... MM arbeiten die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an dem Brr... an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; sie arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist eine mehr als fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt, dieser Tempel ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet für mich, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge durchschauend neu verstanden zu haben. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für uns Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

Unser Ritual lehrt uns, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM – M ist, des eigenen Todes zu gedenken; wir sollten uns diese Mahnung zu Herzen nehmen, denn „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM – M. Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führen zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen.

Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.

[1] Br... Mazakarini Leo, Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

Der Meistergrad

Der Grad des Meisters ist der Abschluss des freimaurerischen Einweihungswegs. Das Ritual des Meistergrads konfrontiert den Kandidaten und jeden Br... aufs Neue mit der Erfahrung der eigenen Endlichkeit. Er soll sich bewusstmachen, dass er im Leben eine einzigartige Aufgabe zu bewältigen hat, den Umgang mit der Bewusstheit des eigenen Todes.

 

Goethes Erkenntnis: Willst du ins Unendliche schreiten, /Geh nur im Endlichen nach allen Seiten[1] erfährt im Meistergrad ihre besondere Würdigung. Auftrag des Meistergrades ist es, sich damit zu beschäftigen, wie ein Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Anstatt sich spekulativen Fragen, die nicht zum Bereich des natürlichen Wissens gehören, zuzuwenden, gilt es, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Hier und Jetzt auseinander zu setzen. Wie viel lieber zeigen wir Menschen bei Schwierigkeiten mit nahe liegenden Lebensaufgaben Interesse an fernsten Dingen, dem Anfang und dem Ende aller Dinge, außerirdischem Leben, der Möglichkeit des Unmöglichen uvam. Statt Antworten auf Fragen des Unendlichen und des in völliger Ferne Stehenden spekulativ zu erforschen, lautet die sittliche Forderung des Meistergrads, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

 

Die FMei gibt keine Antwort auf die Fragen nach einem Leben nach dem Tode oder einer Wiedergeburt. Sie weist uns im 3.° darauf hin, dass wir unser Leben und Handeln so einrichten sollten, als hätten wir (nach dem Tode) keine zweite Chance, Vergehen zu korrigieren oder moralische Verfehlungen zu verbessern. Das steigert den Anspruch auf eine bewusste, sittliche Lebensführung; die Endlichkeit des Daseins erfordert besondere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt, denn jederzeit kann das eigene Leben enden.

 

Das Ritual schärft die alte sokratische Erkenntnis, dass das Leben zum Tode hin verläuft mit besonderer Intensität ein. Der Tod ist für den Menschen als metaphysicum[2] und nicht als physische Gegenwart von Bedeutung. Dass das Individuum mit dem eigenen Tod nur zu tun hat, so lang er noch nicht eingetreten ist, wusste schon Epikur. In dem Maß als das Bewusstsein von meiner Sterblichkeit, meinem eigenen Tode meine Lebensführung beeinflusst und beeinträchtigt, ist der Tod als Metaphysisches in seiner physischen Abwesenheit anwesend. Nicht die Furcht vor dem Tod, sondern Bereitschaft soll unser Leben begleiten.

nach Klaus-Jürgen Grün

[1] Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 1, München 1981, Sprüche S. 304

[2] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek Band 124, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2006

Lichtsymbolik als Hinweis auf die Aufklärung

Es fällt nicht schwer, in unserem Ritual die vielfachen Erwähnungen der Lichtsymbolik zu finden, …um den Weg zu Licht zu weisen…, …trägt der MvSt das Licht aus dem Osten in die Loge…, …die BH zu erleuchten…, …ich bitte um das kleine/große Licht…, …was das Licht für das Auge….

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. Die Lichtsymbolik hat als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt ihren festen Platz im maurerischen Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, für ein gleichsam „inneres Leuchten“, sondern auch für gesellschaftsrelevante Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis. Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichterteilung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

„Licht“ ist noch ein einem zweiten Sinn konstitutiv für die Freimaurerei, nämlich im Sinn von Aufklärung. Aufklärung heißt Licht ins Dunkel bringen, im Englischen „Enlightenment“ und im Französischen „Lumières“ wird das noch deutlicher als in der deutschen Sprache. Aufklärung ist untrennbar an das Symbol des Lichts gebunden (Konrad Paul Liessmann): Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täuschung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und wo vermeintliche Gewissheiten aufgezwungen werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen.

Allerdings, umstritten war die Aufklärung von Anfang an. Es braucht nicht erst Horkheimers und Adornos Schrift „Dialektik der Aufklärung“, geschrieben im US-amerikanischen Exil angesichts der Verbrechen der Nazis, um zu erkennen, dass Vernunft zu weit gehen, sich selbst überschätzen, selbst dogmatisch werden kann.

Wir alle kennen Kants Definition von Aufklärung, Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. In diesem Aufsatz schreibt er weiter hinten: Daß aber ein Publikum – sprich: eine Gruppe von Menschen – sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unvermeidlich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit … abgeworfen haben, den … Beruf jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.

Ein solches „Publikum, das sich selbst aufklärt“, wollen die Freimaurer nun auch heutzutage sein, ein Publikum, das genau hinschaut auf Fakten und Probleme, ein Publikum, das in einen Diskurs tritt mit anderen Menschen, um den Prozess der Aufklärung weiter zu bringen und hineinzutragen in unsere so unübersichtlich gewordene und zerrissene Gegenwart. „Erkenne dich selbst“, so heißt es in unserem Aufnahmeritual, doch Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung sind für den Freimaurer untrennbar miteinander verbunden.

Die Suche nach dem Licht der Wahrheit war noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach wie heute, denn noch nie war wissen so demokratisch zugänglich wie heute über das Internet. Gleichzeitig war es noch nie so schwierig, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden. Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und Ringen um Urteilsvermögen.

Freilich ist auch ist zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag, der Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht nur der, welcher informiert, sondern auch der, welcher informiert wird. Das heißt, kritikloses Für-wahr-Halten ist in sozialer Hinsicht ebenso schädlich wie die Manipulation der Wahrheit, und das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ bleibt Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für uns Freimaurer der Gegenwart.

Der Freimaurer als Weltverbesserer

Von unserem Br... Goethe stammt der Satz: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Der Mensch soll es sein; er ist es nicht, weiß Goethe. Moses Mendelssohn, Lessings Freund und Vorbild für seinen Nathan, beschreibt den Weg zu diesem Ziel mit einfachen Worten: nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun.

Mendelssohns ebenso geniale wie triviale Vereinfachung allen Strebens verführt dazu, auch Freimaurerei ebenso schlicht zu übersetzen. Dennoch muss man es wollen, immer wieder und unentmutigt. Freimaurer verstehen sich in diesem Wollen als Symbolbund und Wertegemeinschaft. Freimaurer können nicht die Welt zum Guten verändern, aber sie können aus guten Menschen bessere machen. Das ist zumindest unsere Absicht in dieser Lehr- und Übungsstätte für Menschlichkeit namens Loge, in dieser Wertegemeinschaft namens Freimaurerei.

Freimaurerei ist die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum. So wie unsere Brr... Werkmaurer in den Bauhütten praktisch gebaut und gestaltet haben, wollen wir das heute im übertragenen Sinne tun. Aus der Baukunst soll eine Lebenskunst werden. Die kann sich freilich auch an ganz einfachen Moralismen orientieren. „Gutes wollen, das Beste tun“ ist eine derart einfache Maxime, die von individuellen Möglichkeiten ausgeht. Wer nach seinen Kräften redlich das Gute will und sich ehrlich bemüht, das Beste zu tun, der tut bereits im Kleinen, was im Großen zu wünschen wäre. Das große Ganze ist nun mal die Addition der vielen kleinen Mühen.

Niemand kann zum Besten der Menschheit beitragen, sagt Lessing, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann. So ist Freimaurerei zunächst die Aufforderung, etwas aus sich selbst zu machen.

Reverend Anderson hat uns vor fast 300 Jahren auf ein nicht näher definiertes „Sittengesetz“ verpflichtet. Die Alten Pflichten sprechen vom Sittengesetz, so als meinten Sie eine Ethik für eine Welt. Sie sprechen auch von einer Religion, in der alle Menschen übereinstimmen. Um dem zu entsprechen, sind freimaurerische Symbole und Inhalte bewusst so offen gehalten, dass sie im Übereinklang mit allen Religionen stehen und innerhalb aller Moralgesetze aller Kulturkreise verstanden werden können.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war nicht nur die Parole der Französischen Revolution, sondern war und ist immer noch eine Grundforderung der FMei. Und da möchte ich mit Br... Goethe kritisch anmerken: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss; oder mit Heinrich Heine zur Gleichheit: Wenn wir über …Ungleichheit klagen, … dann sehen… wir …nur diejenigen, die über uns stehen… Abwärts sehen wir bei solchen Klagen nie; von Martin Luther King kommen skeptische Worte zur Brüderlichkeit: Die Menschen haben gelernt, wie Vögel zu fliegen und wie Fische zu schwimmen, aber sie haben nie die einfache Kunst der Brüderlichkeit gelernt.

Die Loge ist so etwas wie der Versuch, Brüderlichkeit zu praktizieren und eine ideale Welt im Kleinen zu denken und rituell und symbolisch darzustellen. Das kennzeichnet nicht ein So-Sein, sondern meint ein So-Werden, ein Danach-Streben. Es wäre jedoch geradezu biedermeierlich, wollten wir unsere Regeln nur in der Loge gelten lassen. Fichte sagte vor ca. 200 Jahren über den Freimaurer: Vaterlandsliebe ist seine Tat…, Weltbürgersinn ist sein Gedanke…

Freimaurerei versteht sich durchaus als angewandte Humanität. Wir haben kein Mandat dafür und sind deswegen auch keine moralische Instanz. Wenn wir sagen, dass wir das bessere Miteinander für eine bessere Welt wollen, dann heißt das nicht, dass wir immer wüssten, wie das geht. Das heißt nur, dass wir es immer wieder, und wenn es geht, auch beispielgebend miteinander einüben. Freimaurerei ist kein Kampfbund zur Durchsetzung von Humanität, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und Toleranz. Freimaurerei ist ein Lebensstil, der sich an Werten orientiert, altruistisch, philanthropisch und kosmopolitisch. Maurerisches Sinnangebot ist die zweckfreie Menschlichkeit, bei der es allein um den Menschen und seine Würde geht.

Dazu gehört es auch, sich selbst zu gestalten, eigenverantwortlich zu denken und mündig zu handeln und nicht schicksalsergeben abzuwarten, was geschieht. Dafür gibt es Gleichgesinnte, Verbündete, Freunde, Brüder. Wir wollen in den Logen durch gemeinsames Nachdenken Orientierungshilfen geben. Lessing nennt das: Laut denken mit dem Freunde. Uns Brr... FM geht es darum, eine Welt der Möglichkeiten zu denken und das Machbare des Denkbaren zu tun. Menschlichkeit, Toleranz, friedliches Miteinander und Füreinander sind machbare Forderungen, die im Kleinen beginnen und sich im Großen fortsetzen lassen.

Spiritualität der Freimaurerei

Der deutsche Psychologie Rudolf Sponsel meint, jeder Mensch sei seiner Natur nach spirituell (geistig), sofern er Sinn und Wert sucht. Spiritualität ist weder eine eigentlich esoterische noch religiöse Praktik, sondern eine grundlegende Praktik des Menschseins.[1] Sponsel definiert Spiritualität als mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben.[2]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse, das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Die Antwort auf diese Bedürfnisse kann gleichermaßen religiös wie nicht-religiös sein. Gelebte und erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit, Harmonie. Diese Aspekte des Lebens gehen über Materielles hinaus, ohne zwingend einen Glauben an ein übernatürliches, höheres Wesen vorauszusetzen.[3] Nicht jeder Sinnsucher ist automatisch schon ein Gottsucher.

Spiritualität in der FMei kann, aber muss in keiner Weise religiös oder esoterisch verstanden werden. Die Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sind grundlegende Elemente des freimaurerischen Weges des Erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst, den die Brr... mit Weisheit, Stärke und Schönheit zurücklegen.

Unser Ritual setzt den Rahmen und gibt immer wieder neue Impulse, die im Profanen weiterwirken und so die geistige Offenheit der Brr... fördern sollen. Die rituelle Arbeit im Tempel soll Bewusstsein, Empfindung und Gemüt der Brr... öffnen.

In den Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters wird diese Offenheit maximal unterstützt, wenn die Aufträge lauten: schau in dich, schau um dich, schau über dich. Die Reflexion eines Br... FM soll sich mit Sinn- und Wertfragen und mit der Welt und den Mitmenschen beschäftigen. Im Zentrum dieser Reflexion steht besonders die eigene Existenz, die Selbstverwirklichung im eigenen Leben sowie die Auseinandersetzung mit dem Tod.

Das Ritual konfrontiert den Br... FM mit Weisheit, Stärke und Schönheit als Gestaltungsprinzipien des Lebens. Allerdings fallen diese Prinzipien dem Br... FM nicht zu, sie müssen erarbeitet werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit

Stärke bedeutet Tatkraft, das konstruktive Vermögen, Ideen umzusetzen, denn Weisheit allein genügt nicht, man muss auch tun. (Es gibt nichts Gutes außer man tut es, Erich Kästner).

Schönheit ist unverzichtbar als Prinzip der FMei; sie ist Maßstab für unser Tun, die Brüderlichkeit. Schönheit reicht von der Schönheit der Symbole und des Rituals über die Musik im Tempel bis in unser tägliches Leben, in dem sich die Freimaurerei, die Königliche Kunst als Lebenskunst manifestieren soll.

 

[1] http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, Zugriff 29.09.2019, 14.40 Uhr

[2] http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm#Definitionsvorschlag%20Spiritualit%C3%A4t, Zugriff 29.09.2019, 14.45 Uhr

[3] Vgl.: Comte Sponville A.: Woran glaubt ein Atheist?: Spiritualität ohne Gott

Was tun?…

… ist die Frage nach einer konkreten Handlungsanweisung, nach einem Rezept. Was tun gegen den Populismus, gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Kapitalisierung aller Lebensbereiche, gegen die Klimakrise, gegen die Migration? Die Frage ist Ausdruck einer Ratlosigkeit.

Es ist ein doppelter Ruf, ein Ruf nach Rezepten gegen die multiplen Krisen und ein Ruf nach Alternativen, die dieses Handeln leiten sollen, alternative Gesellschaftskonzepte, eine neue große Erzählung, ein neues Narrativ. Wobei die Sehnsucht nach einer Erzählung nicht nur die Sehnsucht nach Inhalten ist, sondern vor allem die Sehnsucht nach einer Erzählung, die die Leute ergreift. Denn Inhalte, politische oder gesellschaftliche, liegen ja zur Genüge vor… Aber diese Inhalte packen die Leute nicht… oder nicht mehr. Weder weisen sie einen Weg, noch eröffnen sie eine Perspektive. …Sie beflügeln keine Hoffnungen. Und so bleibt der unerfüllten Sehnsucht nach politischer Hoffnung nur die Frage: Was tun?[1]

Slavoj Zizek meint, der Traum von einer Alternative sei zu Ende. Wer ihn weiter träume, sei nur zu feige, sich die Alternativlosigkeit, also die Hoffnungslosigkeit einzugestehen. Dieser Traum sei nur ein Fetisch gegen die Ausweglosigkeit. Die Frage „Was tun?“ gibt sich der Hoffnung hin, es gäbe eine Antwort, es gäbe eine konkrete Anleitung. Mehr noch, diese Frage zielt eigentlich auf die Versicherung, dass da jemand sei, der weiß, was zu tun ist.

Meine Brüder, als Brr... FM ist es unsere Aufgabe uns immer wieder aufs Neue die Frage zu stellen, was tun. Wir dürfen nicht blind werden gegenüber den großen Fragen des Hier und Jetzt; das war immer und ist auch weiterhin die große Aufgabe der FMei.

Wenn Brr... FM, was tun?, fragen, so ist das kein Ausdruck von Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit, sondern der Aufruf zum maurerischen Handeln zum Wohl der Menschheit. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir verstehen uns als mündige Menschen, die es wagen, sich ihres Verstandes zu bedienen. Wir brauchen daher keine charismatischen Führergestalten, die uns Antworten auf unsere Fragen geben, die uns sagen, was wir tun sollen, denn was uns auszeichnet, ist die Kunst selbst und dabei frei zu denken.

Der Lauf der Geschichte hat uns gezeigt, dass uns diese „Heilsbringer“ – frei nach Popper – zwar das Paradies auf Erden versprochen haben, uns dabei aber die Hölle auf Erden gebracht haben. Als Brr... Freimaurer sollten wir daher gerade denjenigen kritisch gegenüberstehen, die so auf die Schnelle Antworten auf komplexe Fragen aus dem Ärmel schütteln.

Unser Wertegerüst von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität ist ein guter und vor allem brauchbarer Maßstab, um über große Fragen nachzudenken und Lösungen zu erarbeiten. Die inhaltliche und fachliche Kompetenz ist in unserer Kette sehr wohl vorhanden; nützen wir dieses Potential.

Die FMei bietet dieses neue Narrativ, einen Mythos, die verbindende Saga, die alle zusammenschweißt. Es ist der Mythos der Humanität, dass der Mensch aus der Tatsache seines Menschseins Rechte genauso wie Pflichten habe. Der Mythos wird durch Ritual und Symbol Grund gelegt; damit sollen die Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn hin interpretiert werden, einen Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht.

FMei ist laut denken mit dem Freund; dieser ist nicht nur der Br... in der eigenen L, das sind genauso die Brr... der Weltenkette. Den Auftrag dazu finden wir n unserem Ritual[2].

Wenn wir als Brr... FM also die Frage „Was tun?“ stellen, so tun wir das nicht als Ausdruck unserer Hoffnungslosigkeit, sondern in dem Bewusstsein, dass wir unserem maurerischen Auftrag Genüge tun wollen, für das Wohl der Menschheit zu arbeiten.

[1] Charim Isolde in Wiener Zeitung online, 26.05.2017, 17.30 hrs

[2] Ritual der Beförderung, GLvÖ

…einzeln und gemeinsam, für das Ziel wirken wollen, dem wir uns bei unserer Aufnahme in den Bund der Freimaurerverpflichtet haben: Für das wohl der Menschheit.

…dass wir für die eine Welt arbeiten wollen, die frei werde von Parteigeist und Feindschaft, Gewalt und Zerstörung, eine Welt in der die Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit streben, nach Frieden und Harmonie.

…dass wir über dieses große Werk miteinander reden und verhandeln: offen. ohne Gehässigkeit; mit Herzenswärme, ohne blindwütiges Eifern; vor allem aber nur nach sorgfältigem Nachdenken.

 

FMei, wie ich sie verstehe

die Freimaurerei selbst ist ein Geheimnis, das weder verraten noch mitgeteilt werden kann, sondern das geahnt, gefühlt und von jedem Freimaurer selbst gefunden und erlebt werden muss…

Diese Worte des MvSt nach der zweiten Reise der Rezeption sind uns allen wohl bekannt. Im Kern bedeuten sie, dass jeder einzelne Br... sich selbst Rede und Antwort stehen muss, was dieses Geheimnis für ihn selbst bedeutet. Ich will im Folgenden kurz meinen Zugang zur FMei skizzieren.

Nach einiger Zeit des Suchens fühle ich mich heute der Humanitären Freimaurerei verbunden. Grundlagen der Humanitären Freimaurerei – so wie ich sie sehe – sind

  • Freundschaft und Geselligkeit
  • ethische Orientierung und moralische Praxis
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen
  • Bewährung als Einübung in Lebenskunst

Im Gegensatz zu anderen Strömungen der Freimaurerei, die betont esoterische, die christliche (auch wenn diese in Österreich eher weniger vertreten ist) deckt die Humanitäre Freimaurerei zu ziemlich gleichen Teilen ab, was FMei für mich ausmacht.

Der mündige, selbstverantwortliche Mensch steht in der Humanitären Freimaurerei im Mittelpunkt. Die Arbeit am rauen Stein bedeutet nichts Anderes, als dass sich jeder Mensch auf Grund seiner eigenen Entscheidung mit seinem eigenen Tun zum Besseren entwickeln kann. Dafür braucht es keine Gnade von wem auch immer (…es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun…).

Mein Anspruch an mich ist, selbstbewusst – mir meiner selbst bewusst – als gleicher gemeinsam mit anderen gleichen meinen Weg zu gehen. Ich finde mich in einer Gemeinschaft von Menschen, meinen Brüdern wieder, die den Mut haben, sich ihres Verstandes zu bedienen. Freundschaft und Brüderlichkeit, wie ich sie in unserer guten BH erlebe, sind dabei eine große Hilfe.

Orientierungslosigkeit ist meine Sache nicht. Alles wäre erlaubt, es gebe für mich keine ethischen Grenzen, ist nicht der Ansatz, dem ich folge. Auch wenn ich überzeugt bin, dass es im transzendenten Sinn kein Gut oder Böse gibt, so meine ich ausdrücklich, dass ich immer wieder aufs Neue die Entscheidung treffen muss, ob mein Handeln richtig oder falsch ist. Ins tägliche Leben übersetzt, heißt diese Frage, kann ich die Verantwortung für mein Tun und dessen Folgen übernehmen, schade ich damit anderen Menschen. Die Loge ist der Mikrokosmos, mich in dieser Verantwortungsethik zu üben; die Brüder werden mir verantwortungsvoll und mit Liebe den Spiegel vorhalten, die FMei gibt mir die Werkzeuge, diese selbst gestellte Aufgabe zu lösen.

Ritual und Symbol schaffen den Rahmen, in dem ich meine ethische Reflexion lernen soll und lehren mich gleichzeitig die Inhalte. Auch hier ist die Gemeinschaft der Brr... von immenser Bedeutung. Ich muss nicht allein mit mir selbst lernen, sondern ich erfahre mich als soziales Wesen, das im Verein mit anderen Menschen, die ebenso wie ich an sich selbst arbeiten, seinen Weg zur Selbstveredelung geht.

…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat… so hören wir vom Br... R am Schluss einer jeden Arbeit. Es geht nicht darum, einen netten Logenabend, mit einem gescheiten Vortrag und alten Freunden zu verbringen. Der Anspruch ist, dass FMei mein gesamtes Leben – profan genauso wie masonisch – umfassen und verändern soll. Freimaurerei ist Lebenskunst, die Kunst, mein Leben zielorientiert aktiv zu gestalten, die Kunst ein erfülltes Leben zu leben. Unserer vollendeter Br... Günther Schifter, alias Howdy, hat es vor vielen Jahren – noch in der Bruderkette – auf die ihm eigene Art so zusammengefasst: Freimaurerei? Es gibt nichts Besseres!

das Böse – die Hoffung – der Fortschritt

Es hat den Anschein, als wären die Menschen vom Faktum des Bösen fasziniert und könnten nichts anderes als fortwährend neue Grausamkeiten finden und erfinden. Kaum einer wusste darum besser Bescheid als Jean-Jacques Rousseau. Mit tieferer Einsicht als viele vor ihm hat er den verfaulten Kern der Kultur untersucht. Die Künste und Wissenschaften, schreibt er, seien nur dazu da, Blumengirlanden um unsere Ketten zu winden. Dem gegenüber steht Voltaire, der – durchaus nicht blind für die Grausamkeiten, mit denen die Welt aufwartet – meint: der Mensch wird nicht böse geboren, er wird böse, wie er krank wird. (Dictionnaire philosophique, s.v. „Méchant“) Nur kranke Ärzte – womit er die Priester der Religionen meint – könnten behaupten, wir seien von Natur aus böse und nicht zum Guten fähig, was in dem Begriff Erbsünde zusammengefasst wird. Kant beschreibt den Naturzustand des Menschen in seinem Werk die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft so: Ist er aber damit nicht zufrieden, so darf er nur den aus beiden auf wunderliche Weise zusammengesetzten, nämlich den äußeren Völkerzustand in Betracht ziehen, da zivilisierte Völkerschaften gegen einander im Verhältnis des rohen Naturzustandes (eines Standes der beständigen Kriegsverfassung) stehen, und sich auch fest in den Kopf gesetzt haben, nie daraus zu gehen… Fortschritt?, fragt Kant, da spricht die Geschichte aller Zeiten gar zu mächtig dagegen. (Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft) Fakt ist, wir wissen nichts über den Urzustand der Menschen, und wir haben auch keine Möglichkeit diesen Zustand zu ergründen. Was auch immer dazu gedacht worden ist – sei es der edle Wilde Rousseaus oder der Krieg aller gegen alle, wie ihn Thomas Hobbes im Leviathan beschreibt – es bleibt reine Spekulation, eine Glaubensfrage.

 

In diesem Fall schlägt Rousseau rückhaltlose Aufrichtigkeit vor. Rousseau selbst glaubt nicht, dass die Menschen von Natur aus gut seien; was er jedoch glaubt, ist, dass sie nicht mit einer Erbsünde – gleich ob biblisch oder naturalistisch im Sinne von Hobbes – belastet geboren werden. Neigung zum Mitleid/en ist den Lebewesen angeboren und finden wir auch schon im Tierreich. Mitleid selbst ist noch nicht moralisches Verhalten sondern nur ein emotionaler Reflex, liefert jedoch ein natürliches Fundament für moralisches Verhalten. Nach Rousseau ist die Entwicklung zum Bösen kein jäher Sturz, keine aktive Entscheidung sondern ein Stolpern. Nicht bewusster Ungehorsam – Essen vom Baum der Erkenntnis – führt zum Verhängnis sondern eine Reihe natürlicher Zufälle. Wie dem gegenzusteuern wäre, zeigt Rousseau in seinem Buch „Emile“. Ein sorgfältig erzogenes Kind würde den raffinierten Versuchungen der bürgerlichen Gesellschaft nicht erliegen. Seine Erziehung würde es zwingen, frei zu sein, denn schon in der Kindheit zu denken, sei eine gute Übung es auch als Erwachsener zu tun. Damit könnte Emile Bücher schreiben, nicht um vor den Menschen zu katzbuckeln, sondern um die Rechte der Menschlichkeit festzulegen… Man erkennt nun – oder man kann ihn erkennen – den Anfang, von dem jeder von uns ausgeht, um schließlich den gemeinsamen Grad von Vernünftigkeit zu erreichen. Wer aber weiß etwas über das Ende? … Ich wüsste nicht, dass schon jemals ein Philosoph die Kühnheit besessen hätte, zu sagen, das ist der Endpunkt, bis zu dem der Mensch gelangen kann und über den hinaus er nicht kommen kann. Wir wissen nicht, was unsere Natur uns zu sein erlaubt. (Rousseau Emile)

 

Man könnte nun einwenden, Rousseau mache es sich leicht, denn wie alle Aufklärer glaubt er an den Fortschritt und worüber hätte er sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schon groß beklagen können? Erst das 20. Jahrhundert habe uns die gebildete Barbarei beschert, denken wir an den Holocaust, Hiroshima und Nagasaki. Vielleicht ist diese Sichtweise jedoch ein Trugschluss; ohne Frage hält das 20. Jahrhundert dank des Bevölkerungswachstum alle Rekorde für absolute Zahlen, aber vergessen wir nicht, im 30-jährigen Krieg sind allein in Brandenburg zwei Drittel der Bevölkerung umgekommen. Auch die Hinrichtung durch Kreuzigung ist so ungrausam nicht. 2000 Jahre Kniefall vor dem Entsetzen als einem Symbol haben uns bloß daran gewöhnt. Ob der Holocaust schlimmer als die Kreuzigung ist, möchte ich nicht entscheiden; mehr Menschen wurden jedenfalls in Gaskammern als am Kreuz getötet, trotzdem meine ich, dass beide Übel so groß sind, dass keines jemals das kleinere sein kann. Oft wird auch die Technik für Entmenschlichung der Welt verantwortlich gemacht und der Technik vorgeworfen, manches Übel erst möglich gemacht zu haben. Da schütten wir jedoch das Kind mit dem Bade aus, denn bei solchen Gedanken vergessen wir gerne, dass vieles was uns die Technik beschert hat, ein Leben in unserem heutigen Sinne erst möglich gemacht hat. Für jeden technischen Fortschritt, den man für überflüssig hält, lässt sich einer finden, den man für unverzichtbar hält. Technik an sich ist neutral, wertfrei und es bedarf des Urteilsvermögens, um darüber zu entscheiden, welche Elemente unser Leben verbessern und welche es bedrohen.

 

Angenommen, wir Menschen seien mit der Zeit nicht schlechter geworden, die Technik habe nur die Auswirkungen dessen, was wir immer schon waren, verschlimmert. Die Wissenschaft hat uns demonstriert, wozu wir tatsächlich im Stande sind. Im Gegensatz zu Hobbes und Rousseau müssen wir heute über die Natur des Menschen nicht mehr spekulieren; Biologie, Verhaltensforschung, Evolutionspsychologie, Anthropologie liefern uns Informationen über die menschliche Natur, die sich nicht fortwischen lassen. Der Primatenforscher Frans de Waal kommt in seinem Buch „der gute Affe“ durch seine Forschungen über eine große Vielzahl von Primaten und Affen zu dem Schluss, dass wir von Grund auf moralische Wesen sind. (de Waal, der gute Affe, der Ursprung von Recht und Unrechtbei Menschen und anderen Tieren, München 1997) Wie er meint, entwickle sich unser Moralvermögen parallel zu unserem Sprachvermögen, von dem wir nicht sagen können, was Natur und was Erziehung sei. Er betont, dass Sein und Sollen einander nicht widersprechen, auch wenn sie uns logisch getrennt erscheinen; denn würde jedes Bestreben moralisch zu handeln, zu einem Kampf mit unserer innersten Natur führen, würden die meisten von uns in den meisten Fällen versagen. Die Evolution selbst hat die Grundlage von Moral geschaffen, wie Jahrzehnte empirischer Beobachtungen gezeigt haben. Wir Menschen seien soziale Wesen, die keinen Gesellschaftsvertrag brauchen, denn die Natur hat die Mittel geschaffen, die ein Zusammenleben ermöglichen; wir seien so ausgestattet, dass wir altruistisches Verhalten als lohnend empfinden. Aktuelle Forschungen (Spiegelneuronen) scheinen die Thesen zu bekräftigen, dass wir auf Mitgefühl geeicht sind, Thesen wie sie in der naturalistischen Anschauung des 18. Jahrhunderts schon von Hume und Smith formuliert wurden, die behaupteten, wir würden von Natur aus Mitgefühl und Sorge für andere spüren und so veranlasst werden entsprechend zu handeln; eine Einstellung, die dem moralischen Rigorosisten Kant allerdings nicht gereicht hätte.

 

Nach unserem landläufigen Verständnis sind Natur und Moral nicht nur getrennt, sondern liegen auch in ständigem Streit miteinander. Angesicht zweier möglicher Erklärungen der Natur neigen wir dazu, die Üblere zu wählen. So finden wir für das Verhalten von Tieren gern negative Attribute (blutrünstig, hinterlistig) und mögliche gute Eigenschaften wie Fürsorge werden gerne mit dem Begriff Nepotismus beschrieben. Im Grunde wäre es doch eine sehr optimistische Botschaft, dass der Mensch seinem eigentlichen Wesen nach insgesamt zum Guten, zur Moral hingerichtet sei.

 

Die Natur zu beobachten und aus diesem Wissen Schlüsse zu ziehen, erscheint mir wesentlich. Was ich allerdings für nicht zulässig halte, ist, aus dem Sein Schlüsse auf das Sollen – im Sinn von so muss es sein – zu ziehen. Wir können aus der Beobachtung der Natur ausschließlich lernen, welche moralischen Forderungen erfüllbar sind und welche den Menschen überfordern werden. Auch wenn die Natur unsere Möglichkeiten nicht bestimmt, so grenzt sie sie doch ein, ohne dass wir wissen, wie weit wir dadurch beschränkt werden. Es mag daher im Grund wahr sein, dass unsere Auffassungen darüber, was Menschen sein sollten, nicht durch unsere Auffassungen darüber, was Menschen sind, determiniert zu werden brauchen.

 

Jedes Zeitalter hat seine Denker, die das ihre für schlechter als die vorangegangenen halten und vielleicht haben diese auch recht. Für jeden Fortschritt in die eine Richtung kann ein fairer Beobachter eine Bewegung in die andere erkennen. Warum fühlen wir uns so wohl dabei, das Schlimmste anzunehmen, was veranlasst uns dazu, uns selbst und unsere Nächsten so erbärmlich wie möglich zu malen? Solche Ansichten sind eine gute Erklärung für das Phänomen des Bösen in der Welt. Die Annahme, wir seien bereits als verkommene Subjekte geboren worden, ist viel leichter für diejenigen zu glauben, die sich nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, warum wir denn so geboren sind. Antworten auf diese Fragen haben wir nicht, und die Frage, was wir sind, fällt hier nicht ins Gewicht, denn nichts, was wir tun, wird unser wahres Wesen enthüllen. Wichtig ist jedoch die Frage, was wir sein sollten.

 

Wir sollten uns daher damit beschäftigen, wie Natur und Fortschritt uns beim Erreichen dieses Ziels helfen können. Was müssen wir über das Gutsein der Welt glauben, um sie besser machen zu können. Wir müssen erkennen, dass die Alternative zu einem Handeln, das die Welt für verbesserbar hält, der fatalistische Glaube an die Erbsünde ist; dann aber brauchen wir die Gnade eines Erlösers. Akzeptieren wir eine solche Einstellung allerdings nicht, dann sind wir vielleicht/wahrscheinlich im Stande uns selbst zu helfen. Es geht um die Bedingungen der Möglichkeit von Moral selbst. Wir wissen, wir sind so gut, wie wir sein müssen, um so zu handeln, als ob wir es wären.

 

Es geht also um Ideen. Und es erscheint mir geradezu paradox, dass die Evolution, die ausdrücklich keinen zielgerichteten Fortschritt kennt und per se sinnleer ist, uns dazu bringt, über Fortschritt, Ziele und Ideen nachzudenken. Eine solche bei ihrem Entstehen geradezu utopische Idee ist die Idee der Menschenrechte. Dieser Begriff der Menschenrechte ist es, der die Aufklärer – auch erst nach und nach – dazu brachte, die Folter abzulehnen. So hat Voltaire in seinem Traité sur la Tolérance viele Umstände am Fall Calas leidenschaftlich kritisiert, dass Calas gefoltert wurde, störte ihn nicht. In der Folge wurde die Todesstrafe durch zu Tode foltern abgeschafft, und heute werden mit dem gleichen Argument Todesurteile in den USA ausgesetzt, weil mit dem „unerprobten“ Narkotikum ein Leiden für den Delinquenten nicht ausgeschlossen werden kann. Die Gegenbeispiele der aktuellen Geschichte (Irak, Afghanistan, Guantanamo) sind nicht unbedingt ein Gegenbeweis, denn öffentlich – so wie früher – geschieht Folter heute nicht mehr, sie hat inzwischen den Geruch des Anrüchigen. Ein weiteres Beispiel ist die Abschaffung der Sklaverei, die erst vor 150 Jahren abgeschafft wurde, und heute haben wir den ersten schwarzen Präsidenten der USA.

 

All diese Beispiele für Fortschritt hängen von dem Glauben an das ab, was Menschenrechte genannt wird, ein Begriff, den Rousseau prägte, der zwischen den USA und Frankreich hin und her flog und der in die Gründungsurkunde beider Staaten eingegangen ist. Die Vorstellung, Menschen hätten Rechte, weil sie Menschen sind, fand seinen Niederschlag in Malerei und Literatur; dies alles ging Hand in Hand mit abstrakten Argumenten, sodass schließlich folgende Logik wie ein Selbstläufer erschien: verlieh man den Protestanten Recht, warum sollte man sie dann den Juden verweigern; verlieh man sie den Juden, gab es keinen Grund, sie freien Schwarzen zu verweigern; und wenn man sie freien Schwarzen verlieh, war dann Sklaverei noch haltbar. Und nach Abschaffung der Sklaverei wurden von kühnen Geistern sogar gleiche Rechte für Frauen vorgeschlagen. Verschiedene Teile der Kultur spielten solange zusammen, bis ihre Folgen tatsächlich für ausgemacht gelten konnten.

 

Gerade in unserer aktuellen Zeit erleben wir immer wieder, wie sich Einstellungen – noch dazu rasend schnell – verändern können. Auch wenn wir noch so sehr über das Gendern in der Sprache lachen mögen, eine sexistische oder auch rassistische Sprache wird in der Öffentlichkeit nicht mehr toleriert. Hinter vorgehaltener Hand dauert sie wohl fort; allein schon die Tatsache, dass sie sich verstecken muss, erzeugt jedoch einen Wandel. Wer einen sexistischen oder rassistischen Witz peinlich findet, wird ihn eines Tages auch nicht mehr komisch finden. Ohne Frage erfolgt Fortschritt schrittweise und schrittweise bedeutet manchmal auch Rückschritt, wie sich gerade an den Menschenrechten zeigen lässt. Erfunden wurde dieser Begriff im 18. Jahrhundert, und im Gefolge der Französische Revolution wurde dieser Begriff bald wieder beiseitegeschoben; es brauchte zwei Weltkriege und rund 200 Jahre bis dieser Begriff in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 offiziell verankert wurde, wobei er heute durchaus wieder in Frage gestellt wird, beziehungsweise der Begriff durch verbrecherisches Tun verunglimpft wird.

 

Aristoteles meint, die Philosophie beginne mit dem Staunen über das, was wir als gegeben hinnehmen; ich plädiere dafür, inne zu halten und über die für selbstverständlich gehaltenen Veränderungen zu staunen und uns zu erinnern, wie außergewöhnlich sie sind. Immer sind sie das Ergebnis der Bemühungen von Menschen, Frauen und Männern, die bereitwillig ihren Ideen und Idealen folgten und die genauso bereit waren für ihre Ideen und Ideale zu leben und nötigenfalls auch zu sterben. Obwohl viele Kritiker voraussetzen, dass die Alternativen begrenzt sind – entweder ereignet sich Fortschritt mit der Wucht historischer Notwendigkeit oder er wird sich überhaupt nicht ereignen -, sind nur wenige bereit, das auszusprechen. Fortschritt ist möglich; es liegt am Einzelnen, ihn zu verwirklichen. Es geht um Hoffnungen, die nicht irrational sind, denn ihre Zeichen sind konkret. Natürlich können wir nicht sicher sein, ob sich die Menschheit zu ihrem Besseren hin entwickelt oder in ihr Verderben rennt. Woran man sich hält, ist eine Frage der persönlichen Entscheidung, aber diese Entscheidung muss nicht beliebig sein.

 

Der australische Philosoph und Ethiker Peter Singer bringt in seinem Buch, Wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit, die Frage auf den Punkt. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen die Sklaverei. Es gab eine richtige Seite im Kampf der Arbeiter um das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, um Begrenzung der Arbeitszeit und Minimalforderungen an die Arbeitsbedingungen. Es gab eine richtige Seite in dem langen Kampf der Frauen um das Stimmrecht, das Recht auf Zulassung zum Studium an Universitäten und das Recht auf Besitz in der Ehe. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen Hitler. Es gab eine richtige Seite, als Martin Luther King Demonstrationen dafür anführte, dass Afroamerikaner neben weißen Amerikanern in Bussen und Restaurants sitzen konnten. Heute gibt es eine richtige Seite in den Fragen der Hilfe für die ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern, der friedlichen Lösung von Konflikten, der Ausdehnung unserer Ethik über die eigene Art hinaus und des Schutzes unserer globalen Umwelt (P. Singer, wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit, München 2003).