Der Spiegel

Während der vierten Wanderung der Beförderung zeigt uns der Br...TH ein Geheimnis. Der TH nennt es ein Bildnis; es ist ein Spiegel, in dem die wandernden Lehrlinge sich selber sehen sollen. Der Spiegel ist hier das Symbol der Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Indem die wandernden Lehrlinge in den Spiegel schauen, müssen sie sich selber kritisch ins Auge blicken. Es geht um Sehen, Wahrnehmen und Erkennen. Der Spiegel jedoch ist ein seltsames Instrument, denn was er zeigt, zeigt er in einer verschobenen Perspektive. Das Bild im Spiegel kann jederzeit verzerrt sein und auch der Spiegel hat seine blinden Flecken.

Friedrich Nietzsche dekretiert in der Morgenröthe von 1880: Der Intellect ist ein Spiegel. Das Bild des Spiegels soll den Prozess der Erkenntnis mit all seinen Grenzen und Fallen symbolisieren. Noch einmal Nietzsche in der Morgenröthe: Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts als die Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder aufs Nichts, als auf den Spiegel – Dies ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntnis.

Wenn wir den Spiegel, das Instrument unserer Erkenntnis, unseren Intellekt, unser Bewusstsein untersuchen, so finden wir ausschließlich die eingebrannten Erfahrungen. Denn Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, denn leeres, reines Bewusstsein ist nicht greifbar. Es ist die besondere Eigenschaft des Spiegels, dass ich ihn nie betrachten kann, ohne etwas in ihm zu sehen; ebenso ist auch das Bewusstsein nie leer; und es gibt auch keine Möglichkeit, etwas ohne den Spiegel des Bewusstseins wahrzunehmen. Der Spiegel ist eben nicht hintergehbar. Was man sieht und wie man es sieht ist immer eine Frage der Perspektive.

Wir können den Spiegel drehen und wenden, wie wir wollen; sobald wir ihn auf uns selbst richten, sehen wir immer andere Dinge, als wir sie uns erhoffen. …ist dies das Bild eines wahren und treuen Bruders? Ist dies das Bild eines Maurers, der fortgeschritten ist auf dem Wege zur Selbsterkenntnis? Und manchmal sehen wir Dinge, die wir eigentlich so nicht sehen wollen. Verzerrt also der Spiegel die Welt oder entzerrt er die Bilder von der Welt? Geht es uns da nicht manchmal wie dem Basilisken, der an der Häßlichkeit seines eigenen Spiegelbilds stirbt. Dazu noch einmal Nietzsche in einem Fragment aus dem Umkreis des Zarathustra: Ich hielt ihrer Häßlichkeit den Spiegel vor: da ertrugen sie ihren eigenen Anblick nicht: an dem bösen Blick ihres Auges kamen sie zu Schaden.

Der Spiegel, wie ihn uns der Br...TH vorhält, zwingt uns nicht nur zur Begegnung mit uns selbst, sondern er wird manchmal auch zum Instrument der Zerstörung. Der Spiegel weist auf die Dramatik und Gefahr der Selbstreflexion hin: man kann an sich selbst zugrunde gehen. Der Spiegel setzt die blinden Flecken der Selbstwahrnehmung ins grelle Licht. Was immer wir im Spiegel sehen, ist unser eigenes Bild, das oft genug unser Entsetzen auslöst. Den Spiegel einem anderen Menschen, einem Bruder, vorzuhalten, ist eine Form von Drohung.

Mit Hilfe des Spiegels, decke ich hässliche Seiten an mir auf, die ich mir selbst verboten habe zu kennen. …Sie haben sich selbst gesehen und erkennen nun an sich, was sie an anderen tadeln. Dieses verbotene Wissen freizulegen und zu integrieren ist ein weiterer Schritt zur Selbstveredelung. Unser Auftrag als Brr...FM ist es, mit dem Spiegel der Erkenntnis verantwortungsvoll umzugehen. Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, dass gerade der TH uns den Spiegel vorhält, denn er ist ein Wissender, der um alle möglichen Gefahren weiß.

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