Grundsteinlegung

Der Begriff Tempel hat in der FMei eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist damit der symbolische Tempel der Allgemeinen Menschenliebe mit dem Salomonischen Tempel als Vorbild gemeint, zum anderen wird darunter ein geeigneter Raum verstanden, in welchem rituelle Arbeiten stattfinden. Mein BS wird sich mit dem Raum, der als Tempel Verwendung findet beschäftigen.

Der Tempel ist der besondere Logenraum, in dem Symbol und Ritual zu jener nicht bestimmten und nicht bestimmbaren Einheit werden, die masonisches Sein möglich und masonisches Ziel denkbar macht. Die Metaphorik des Raumes ordnet das Brauchtum der Freimaurer. Wir Brr... FM treffen einander zur Arbeit im Tempel.

Die Bezeichnung „Tempel“ geht zurück auf den Salomonischen Tempel, dem ersten großen, steinernen Bauwerk, das in der Bibel genannt wird. Der Salomonische Tempel galt den mittelalterlichen Dombaumeistern als ideales Vorbild, als vollkommenes Bauwerk in der Geschichte der Menschheit. In der Freimaurerei ist er die zentrale Metapher des Tempels der Humanität.

In unserer maurerischen Alltagssprache sprechen wird von den Tempeln im Logenhaus. Die Tempel sind unterschiedlich große, rechteckige Räume in unserem Logenhaus, in denen alle Einrichtungsgegenstände und Requisiten aufgestellt und vorhanden sind, derer wir für eine rituelle Tempelarbeit bedürfen. Allerdings wird dieser Raum dadurch nicht zu etwas Besonderem, etwas Heiligem. Er bleibt ein im Grunde profaner Raum, der erst durch unser Tun, unsere rituelle Arbeit zu einem Maurertempel wird. Jeder Raum kann Tempel werden, wenn Brr... FM darin arbeiten. Deswegen kann es nach meinem Verständnis keine „Tempelweihe“ geben, die einen konkreten Raum außer die Norm stellt, so wie das bei einer katholischen Kirche der Fall ist. Bewegen wir uns während der rituellen Arbeit im Tempel ausschließlich im Sonnenlauf, so gibt es vor und nach der rituellen Arbeit keinen Grund, diese Regel einzuhalten. Ein Verbot, den Tapis oder den Platz des Tapis zu betreten gilt ausschließlich während der rituellen Tempelarbeit (außer man möchte den Tapis nicht beschädigen).

In der Eröffnung der rituellen Arbeit bauen wir, geführt durch das Ritual, Schritt für Schritt den Tempel auf. Gleichzeitig schaffen dadurch wir eine Welt, die Licht ins Dunkel und Ordnung ins Chaos bringt, in welcher eine eigene Zeit und Zeitrechnung gilt. In dieser vom Alltag des profanen Lebens abgeschiedenen Welt kann während der rituellen Arbeit unser maurerisches Freimaurerdasein für unser profanes Leben eingeübt werden.

Darum freuen wir uns der anbrechenden Morgenröthe, und feiern im innersten Heiligtum die Geburt des Lichts aus der alten chaotischen Nacht, den Ursprung alles Gebildeten aus der unförmlichen Masse.[1]

Mit dem Schluss der rituellen Arbeit versinkt diese Anderswelt wieder, und der Tempel ist wieder das, was er auch vor der Arbeit war, ein rechteckiger Raum mit Einrichtungsgegenständen und Requisiten für eine maurerische Arbeit.

Im Ritualtext zur Eröffnung der Loge finden wir Elemente, wie sie werkmaurerisch ebenso beim Bau eines Gebäudes erfolgen. Allerdings ist das Ritual der Eröffnung der Loge, wie es in der GLvÖ verbindlich ist, kein reines Aufbauritual, wir finden auch Elemente des sogenannten Rituals des ewigen Tempels; so sind die drei Kleinen Lichter bereits aufgestellt und der Tapis ist offen aufgelegt.

Zunächst wird der Bauplatz in der Wechselrede zwischen MvSt und den beiden Aufsehern abgesteckt. Der Tempel reicht von Ost nach West, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Der MvSt im Osten beherrscht mit seinem Alter Ego, dem TH im Westen, die symbolische Mittelachse. Wie die aufgehende Sonne trägt der MvSt das Licht aus dem Osten in die Loge. Damit erleuchtet er die Loge und leitet die Arbeit der Brr....

Die Entwicklung alles Vollkommenen aus dem Unvollkommenen. Die Entstehung reiner Gedanken aus der Hülle der Vorurtheile.[2]

Der 1. Aufseher im Südwesten und der 2. Aufseher im Nordwesten markieren den Süden und den Norden und damit Hochmittag und Hochmitternacht, den höchsten und den tiefsten Stand der Sonne.

Zusammen mit der Orientierung an den Himmelsrichtungen ist damit ist nicht nur eine örtliche, sondern auch eine zeitliche Ausrichtung festgelegt; Hochmittag und Hochmitternacht, Morgen und Abend, Sommer- und Wintersolstitium, Frühjahrs- und Herbstäquinoktium. Dort, wo sich diese Achsen kreuzen, ist der Mittelpunkt, das Zentrum definiert, welches zu betreten Tabu ist. Im Zentrum liegt der Tapis, der symbolische Bauplan von Welt und Loge.

[Die Loge] ist unbegrenzt … sie reicht vom Aufgange bis zum Niedergange und ihr Ursprung bis an der Welt Anbeginn[3]

Wir sagen, der Tempel reicht vom Zenith bis zum Nadir. Das markiert der 2. Aufsehr mit dem Senkblei über dem Mittelpunkt. Der 1. Aufseher prüft mit der Setzwaage, ob der Bauplatz auch waagrecht ist. Gemeinsam bilden sie mit ihren Werkzeugen einen rechten Winkel.

Die Knotenschnur, die wir auf dem Tapis finden, dient dazu, einen rechten Winkel ohne weitere Hilfsmittel zu konstruieren. Dem liegt der Lehrsatz des Pythagoras, die Summe der Katheten Quadrate ist gleich dem Hypotenusen Quadrat, zu Grunde. Das einfachste rechtwinkelige Dreieck mit ganzzahligen Seitenlängen ist ein Dreieck mit den Seitenlängen 3 – 4 – 5 (Summe 12), was den Knoten auf der Knotenschnur entspricht.

Die Grundsteine des Baus werden im Nordosten im rechten Winkel gelegt. Das Vorrecht, die Grundsteine zu legen, kommt dem Bauherrn oder dessen Vertreter zu. In der Loge ist der Vertreter des Bauherrns meinem Verständnis nach der Redner, denn historisch gesehen, dürfte die Funktion des Redners aus der Funktion des Proviseur entstanden sein. Die Auftraggeber der mittelalterlichen Kathedralen waren die Domkapitel. Diese entsandten einen Vertreter, den Proviseur, in die Bauhütte. Im Gegensatz zum Meister der Dombauhütte, der die planerische und operative Leitung der Arbeiten verantwortete, hatte der Proviseur die oberste Bauleitung über.

Die beiden Säulen J und B grenzen den Tempel gegen den Saal der Verlorenen Schritte ab. Durch die Spannung dieser beiden einander entgegengesetzten Pole, männlich – weiblich, aktiv – passiv, entsteht die Schwelle des Tempels, die nur mit dem besonderen Schritt des jeweiligen Grades überwunden werden kann. Ausschließlich der TH, dessen Platz im Saal der Verlorenen Schritte ist, vermag die Schwelle ohne Weiteres jederzeit überschreiten, denn nur er kann problemlos zwischen drinnen und draußen, Permanenz und Immanenz, Profanum und Fanum wechseln.

An der Nordseite des Altars liegt der rauhe Stein und an der Südseite des Altars der glatte, behauene Stein. Beide Steine erinnern den Br... immer an seine Aufgabe als FM, die Arbeit an sich selbst. Der Br... als aktiv handelndes Subjekt wird durch seine Arbeit am Rauhen Stein selbst zum Objekt seines maurerischen Tuns, an dem er mit dem Meißel der Weisheit und dem Hammer der Stärke arbeitet, um das Ziel, die Schönheit, den glatten Stein zu erreichen.

Mit dem Entzünden der Kleinen Lichter, Weisheit, Stärke, Schönheit, den Säulen, auf denen die Loge ruht, und dem Auflegen der Großen Lichter, Bibel, dem Licht über uns, dem Winkelmaß, dem Licht in uns, und dem Zirkel, dem Licht um uns, ist der Tempel fertig errichtet und eingerichtet. Der Tapis muss nicht extra aufgelegt werden, denn im Ritual der GLvÖ ist der Tapis bereits vor Eröffnung der L aufgeschlagen.

Damit ist der Raum, eben der Tempel, für unsere symbolische Arbeit errichtet. Die symbolische Arbeit kann das Baustück eines Br... als Ausdruck seiner geistigen Arbeit genauso sein wie eine Aufnahme oder eine Wahlarbeit.

Der Rückbau des Tempels zu einem profanen Raum erfolgt rasch und verhältnismäßig einfach. Nach der Rundfrage und einem Werk der Liebe löscht der MvSt gemeinsam mit den beiden Aufsehern die drei Kleinen Lichter; er schließt das geheiligte Buch des Gesetzes und trennt Winkel und Zirkel. Bevor diese Welt des Lichts und der Ordnung komplett erlischt, das heißt, das erhöhte Energieniveau wieder absinkt, schließen wir die Kette brüderlicher Zusammengehörigkeit. Durch die Bildung der Kette fokussieren wir unsere geistigen Kräfte und nehmen so die Energie der rituellen Arbeit in uns auf, um diese mit in unser profanes Leben zu nehmen und so unseren Auftrag als FM zu erfüllen. An diesen Auftrag erinnert uns der Br... Redner vor dem Schluss der Arbeit:

…Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie hier [in der Loge] durch das Wort im Leben durch die Tat walten zu lassen…[4]

Ehrwürdige Br... Meister, würdige und geliebte Brr..., ich habe meine Arbeit getan. Die L ist geschlossen.


[1] Karl Philip Moritz, die große Loge, Berlin 1793

Karl Philip Moritz (1756 – 1793) deutscher Schriftsteller des Sturm und Drangs war seit 1779 Mitglied der Berliner Loge „Zur Beständigkeit, GLL FvD FO

[2] Ibd.

[3] Ibd.

[4] Rituale der GLvÖ

Unsere Bausteine sind die Menschen

MvSt: Bruder 2. Aufseher, warum nennen wir uns Freimaurer?

2.A: Weil wir als freie Männer bauen am Tempel der allgemeinen Menschenliebe.

MvSt: Mit welchen Steinen bauen wir diesen Tempel?

2. A: Unsere Bausteine sind die Menschen.

MvSt: Bruder 1. Aufseher, was bindet diese Steine zu einem Ganzen?

1.A: Die Brüderlichkeit.

In diesen Fragen und Antworten fasst das Ritual programmatisch die nach außen gerichteten Ziele unseres Bunds in dichter Abstraktion zusammen. Wenn wir nur zuhören, so ist alles Notwendige vorhanden:

die Akteure                              wir freien Männer von gutem Ruf

unsere Aufgabe                            zu bauen, nämlich

ein symbolisches Bauwerk          den Tempel

unser Ziel                                         die Menschenliebe

unsere Utopie                                    die allgemeine Menschenliebe, unser Tempel der Humanität

unsere Mittel                                     alle Menschen, die Universalität

das Bindemittel                                  die Brüderlichkeit

Es geht um unser Verständnis einer zukünftigen Gesellschaft ohne Hass, Vorurteile oder Gewalt. Damit stehen wir in einer Reihe mit anderen Menschen, die das Wohl der Menschen als ihr Ziel definieren. Das Besondere ist unsere freimaurerische Methode. Im Gegensatz zu anderen Weltanschauungen und Religionen wollen wir unsere Mitmenschen nicht zu unseren Zielen bekehren, bessern oder überzeugen. Unser Auftrag richtet sich an zunächst uns selbst. Es ist Aufgabe, der wir uns bei unserer Aufnahme in den Bund der FM verpflichtet haben, an uns selbst, an unserem eigenen rauen Stein zu arbeiten. Geführt durch Ritual, Symbole und Vorbild leitet die Arbeit am rauen Stein den Maurer von der Selbsterkenntnis zur Selbstbeherrschung, um ihn schließlich nach langen Jahren maurerischen Tuns zur möglichsten Annäherung an die Schönheit seines Menschentums zu führen, moderner ausgedrückt, Teil einer wahrhaft humanen Gesellschaft werden zu lassen. Unsere Utopie geht dahin, dass eines Tages genug Mitglieder unseres Bundes unter den Menschen leben werden, dass die Menschheit wie geimpft von dieser Idee der allgemeinen Menschenliebe ist.

Ich habe vom unserem Tun und unserer Utopie gesprochen und noch nichts über unsere Bausteine gesagt. Unsere Bausteine sind die Menschen, damit stellt das Ritual die Frage nach unserem Menschenbild. Denn so wie ein Gebäude aus Bruchsteinen anders aussieht als ein Gebäude aus behauenen Steinen oder aus Ziegelsteinen, so ist das Aussehen des Tempels der allgemeinen Menschenliebe abhängig von unserem Menschenbild. Die Frage nach dem zu Grunde liegenden Menschenbild ist meines Erachtens heute hochaktuell, denn so etwas, wie ein allgemein verbindliches Menschenbild gibt es in unserer modernen, freien, pluralen und multikulturellen Gesellschaft nicht mehr. Wahrscheinlich ist der kleinste gemeinsame Nenner die Erkenntnis, dass alle Menschen sterblich sind; und das wussten schon die Denker der Antike, welche die Menschen in Abgrenzung zu den Göttern als „die Sterblichen“ bezeichneten.

Im Mittelpunkt des Selbstverständnisses der Freimaurerei steht der Mensch, wie er ist. Anders als Religionsgemeinschaften fragt die Freimaurerei ausdrücklich nicht nach der transzendenten Bestimmung des Menschen, sondern beschäftigt sich konsequent mit der auf das Diesseits bezogenen Bestimmung des Menschen. Im Freimaurerlexikon von Lennhoff und Posner finden wir keinen Artikel Mensch oder Anthropologie, dafür aber solche zu Menschenrechten, Menschenwürde und Humanität. Dadurch kommt deutlich zum Ausdruck, dass es in der FMei nicht um ideologische Grundsätze, sondern um Ziele, Handeln und Tugenden geht. In den Ritualen finden wir Aspekte des realen Menschseins genauso wie die des moralischen Sollens. Geschichtlicher Fortschritt und der Bau am Tempel der Humanität sind zu keinem Zeitpunkt abgeschlossen und werden es auch zu keinem Zeitpunkt – anders als z.B. im Christentum mit der Parusie Christi – abgeschlossen sein.

Die Freimaurerei erkennt die Fehlbarkeit des Menschen an. Als Subjekt seiner Geschichte bleibt dem Br... auferlegt, sich selbst in gemeinschaftlicher Arbeit zu veredeln. Er braucht dazu weder die Mithilfe eines Priesters, der letztgültig die Zeichen der göttlichen Gnade vermittelt, noch die Selbstopferung eines Gottes. Das Ziel, der zu werden, der er sein könnte und damit menschenähnlicher – nicht gottähnlicher – zu werden, erreicht der Br... durch die drei Schritte der Selbsterkenntnis, der Selbstbeherrschung und der Selbstveredelung, die schon bei der Aufnahme gelehrt werden.

Anderson hat in den Old Charges auf ein verbindliches Menschenbild wahrscheinlich bewusst verzichtet. Handelt es sich in den Old Charges hauptsächlich um die zu natürlicher Religion hinführende Verbindlichkeit des Sittengesetzes, so tritt uns in der kontinentalen menschlich-kosmopolitschen Maurerei die Idee der Humanität entgegen, wie sie von den Enzyklopädisten in Frankreich und in den Dichtungen der Weimarer Klassik und den Schriften der Deutschen Idealisten vertreten wird.

Humanitas, eingedeutscht von Br... Johann Gottfried Herder als Humanität, ist ein Schlüsselbegriff der Philosophie Ciceros[1], abgeleitet vom Adjektiv „humanus“. Für Cicero ist mit Humanitas weniger die physische Natur des Menschen gemeint als vielmehr seine geistigen Aspekte, die den Menschen aus seiner rohen Natur herausheben. Damit steht Cicero in der platonisch – aristotelischen Tradition, gemäß welcher das wahre Wesen nur durch Befreiung oder sogar Erlösung aus der Verstrickung in die physische Natur freigelegt werden kann. Herder sieht daher die „Brutalität“ als den Gegensatz der Humanität[2]. Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack, genauso wie Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und auch Humor umfasst.

Insbesondere Nietzsche weist darauf hin, dass der klassische Begriff Humanität keine Aspekte der Leiblichkeit des Menschen bewusstmache. In seiner Philosophie bestimmt er Humanität vor dem Hintergrund einer Priorität des leiblichen Lebens. Dabei löst sich der bis dahin dogmatische Gegensatz zwischen Naturalismus und Humanismus auf, denn das (menschliche) Leben ist pure Natur.

Freimaurerische Humanität gestaltet sich als eine Form der Humanisierung des Natürlichen und einer Vernatürlichung des Humanen.[3] Dargestellt ist diese Sicht der Humanität in den Ritualen, in welchen einander kosmische wie natürliche Symbole genauso wie Bilder des Geistigen im Menschen wechselseitig durchdringen. Das Ziel dieser freimaurerischen Humanität ist ein Bewusstsein des Menschen, das nichts anders ist als das bewusst gewordene Sein.[4]

Humanität beschreibt den Menschen sowohl wie er ist als auch wie er sein sollte. Damit stellt sie eine moralische Kategorie dar. Freimaurerische Humanität ist keine intellektuelle Angelegenheit, sie ist vielmehr Ergebnis der gelebten menschlichen Praxis. Dem Bewusstsein dessen, was das Humane sei, gehen diejenigen Taten des Menschen voraus, in denen er sein Menschsein am ehesten erkennt[5]. In der humanitären Freimaurerei ist Humanität ein offener Begriff, der sich nicht von einer bestimmten, definierten Auffassung von Humanität herleitet. Der Humanitätsgedanke der FMei ist mit dem Bekenntnis zum Menschen und nicht mit dem Bekenntnis zu einer bestimmten Religion oder Philosophie[6] verbunden. Auch wenn maurerische Humanität auf Kants ausdrückliche Betonung des Sittengesetzes rekurriert, so gerät Humanität in der maurerischen Dimension in Gegensatz zu Kant, wenn sie sinnliche und emotionale Aspekte des menschlichen Daseins betont. Insbesondere der Gesellengrad betont Aspekte des Menschseins, die sich nur durch gemeinsames Tun, Zusammenleben und eben nicht durch reine Lehre und Vernunft erfahren lassen.

Unbestreitbar finden wir in den Ritualtexten theologische Einflüsse, daneben aber genauso stoische und neuplatonische, alchemistische Tendenzen ebenso wie die paulinischer und antiker Theologie entstammende Kategorien Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese Aspekte sollen sich im diesseitigen Leben bewähren – im Einklang mit der Natur glücklichen Lebens.

Privates Glück und Nutzen für das soziale Ganze sind für die Enzyklopädisten kein Widerspruch. Verfolge jeder sein persönliches Interesse, so erweise sich die Entfaltung geistiger Energien und das Glüch des Einzelnen als förderlich für die Allgemeinheit. Jeder – so die Utopie des Br... Helvétius (1715 – 1771) – sei glücklich und gerecht, sobald er empfinde, dass sein Glück vom Glück seines nächsten abhänge.[7] Die innerweltlichen Ziele und Aufgaben der FMei betreffen den materiellen und moralischen Fortschritt des Menschengeschlechts. Die FMei ist davon überzeugt, dass die Veredelung der Menschheit durch die Selbstveredelung des einzelnen Menschen, des Bruders, geschehen kann.

Unser Menschenbild ist das Menschenbild der Aufklärung, das Menschenbild von Rousseau und Voltaire, erstmals niedergeschrieben in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, proklamiert in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789 und in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948. Unsere Aufgabe ist es, unser Menschenbild permanent auf seine allgemeine Gültigkeit zu überprüfen und den Plan des Tempels der allgemeinen Menschenliebe daher permanent weiter zu entwickeln.

Und die Brüderlichkeit, das Bindemittel der Steine, das was die freien Menschen zusammenhält?, da hören wir allzu gerne nicht richtig hin. Denn Brüderlichkeit ist nach unserem allgemeinen Verständnis etwas, das sich doch ausdrücklich auf die Brr... meiner L bezieht, dann auf alle Brr... FM. Da macht uns das Ritual einen dicken Strich durch unser Denken, sagt es uns doch, dass Brüderlichkeit die Grenzen unseres Bundes überschreiten soll und sich auf alle Menschen bezieht. Der Mörtel, der Beton, des Baus des Tempels der allgemeinen Menschenliebe ist die Brüderlichkeit, die die Steine, nämlich die Menschen, alle Menschen, zu einer festen Mauer zusammenfügen soll.

Das Arbeitsgebiet des Br... FM erstreckt sich also auf alle Menschen, also Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit nicht nur für und unter Brr.... Wenn ich ehrlich bin, das scheint mir doch ziemlich idealistisch, dafür gehen mir manche Mitmenschen zu sehr auf den Geist. Aber FM definiert nicht hehre Idealziele, denen im praktischen Leben kein Wert zukommt; als Freimaurer stelle ich den Anspruch aus Idealen konkrete Anforderungen für mich und mein Leben zu formulieren (…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat), daher muss ich mich dieser Herausforderung stellen.

Als Freimaurer kreisen unsere Ideale um Würde und Freiheit des Menschen; als Menschen brauchen wir diese Ideale, die wie die Sterne unerreichbar sind, um zu wissen, wohin unser Weg geht. Seien wir jedoch gleichzeitig mit Karl Popper vorsichtig, der meinte, der Versuch den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt und weiter, wir müssten unsere Träume der Weltverbesserung aufgeben und dennoch könnten und sollten wir Weltverbesserer sein.

Humanität, Menschenliebe, schienen in den Anfangsjahren und Jahrzehnten der FMei ein einfaches, leicht zu definierendes Ziel zu sein, Befreiung des einzelnen Menschen, Abschaffen der Standesunterschiede, Rede- und Versammlungsfreiheit, Abschaffen der Zensur, Demokratie, Frauenwahlrecht. Das haben wir heute nach vielen Rückschlägen in der westlichen Welt ziemlich alles erreicht. Die allgemeine Erklärung der Menschrechte vom 10.12.1948 mit dem Satz zum Anfang: alle Menschen sind frei und gleich an Würden und Rechten geboren, die Europäische Menschenrechtskonvention, die diese Werte ein- und verschärft und auch für den einzelnen Menschen einklagbar macht, geben Zeugnis davon. So sieht der Mörtel unseres Tempelbaus also aus. Die Herausforderungen der heutigen Zeit schmerzen genauso wie die Herausforderungen von früher; aber wir müssen uns ihnen stellen. Unsere Aufgabe ist es, die neu entstehenden oder neu erkannten Ungerechtigkeiten, die diesem Idealbild des freien Menschen entgegenstehen zu erkennen und als Brr... FM daran zu arbeiten sie zu überwinden[8]. Auch die inzwischen erreichten Ziele waren einmal Utopie. Gerade für den Br... Fm gilt der kategorische Imperativ des Humanismus, der verlangt,…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist[9]

Um den Tempel der Allgemeinen Menschenliebe errichten zu können, braucht es den Br... FM, den freien Mann. Der Br... muss in doppelter Hinsicht ein freier Mann sein; er muss frei sein von Vorurteilen, denn wer frei von Vorurteilen ist, kann Toleranz üben. Und er muss frei sein von inneren Zwängen; denn wenn er nicht seinen persönlichen Ehrgeiz beherrschen kann, dann kann er auch nicht Bruderliebe üben, die Brüderlichkeit, die Mitmenschlichkeit, die die Steine zu einem festen Ganzen fügt.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.


[1] In seiner Schrift „de officiis“ definiert Cicero das Prinzip „Mensch als Mensch“, er schreibt: …und wenn die Natur das vorschreibt, dass der Mensch dem Menschen, wer auch immer er sei, helfen wolle wegen eben dieses Grundes, dass er ein Mensch ist, dann ist es gemäß derselben Natur notwendig, dass der Nutzen aller ein gemeinsamer sei. (Atque etiam si hoc natura praescribit, ut homo homini, quicumque sit, ob eam causam, quo dis homo sit, consultum velit, necesse est secundum eandem naturam omnium utilitatem esse communem). Die Forderung an die Menschen, anderen Menschen zu helfen, wird weder als göttliches Gebot gefordert, noch wird für das Befolgen dieser Forderung ewiges Seelenheil versprochen; für Cicero reicht als Begründung, warum ein Mensch dem anderen raten, helfen und für ihn sorgen soll, dass dieser ebenso ein Mensch ist, völlig aus. Der Grundsatz, dem Menschen zu helfen, weil er ein Mensch ist, ist ohne Ausnahme von Geschlecht, Stand, ethnischer Zugehörigkeit („Rasse“) allgemein gültig. Nach Cicero ist es die Vorschrift der Natur, …dass der Mensch für den Menschen sorgt, wer immer es sei, allein aus dem Grunde, dass er ein Mensch ist. Diese Vorschrift ist ein Recht, das bei allen Menschen bekannt ist, ein ius gentium; modern gesprochen ein Menschenrecht, begründet in der menschlichen Natur und dem Konsens aller Völker. Zugleich ist dies die allgemeinste, humanistische Begründung humanitärer Praxis.

[2] Die Bildung zur Humanität sei …ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück. (Herder, Brief 27, Bildung zur Humanisierung)

[3] Grün Klaus Jürgen, Humanität, in Freimaurerei, Geheimnisse – Rituale – Symbole, ein Handbuch, heraus-gegeben von Reinalter Helmut, Salier Verlag, Leipzig 2017

[4] ibidem

[5] ibidem

[6] Ibidem, cf. Cicero in de officiis

[7] Helvétius C.A., de l‘homme, et de ses facultés intellectuelles et de son éducation

[8] Satzung des Vereins Großloge von Österreich § 2, …obliegt ihm [dem Verein, der Großloge] … die Förderung der Allgemeinheit durch die Verbreitung fortschrittlicher Ideen,..

Ebenso das Statuten des Geselligkeitsverein Mercurius § 2 Zweck …, die Verbreitung fortschrittlicher Ideen…

[9] K. Marx, F. Engels: Werke, Berlin 1956, Band 1

Der Tapis

Im Zentrum der Loge liegt der Tapis oder auch Teppich. Ursprünglich eine Bodenzeichnung ist der Tapis in den Logen Kontinentaleuropas heute ein mehr oder weniger künstlerisch gestaltetes Stück Karton, Leder, Stoff oder Teppich mit den Symbolen der FMei.

Der Brauch, einen Teil des Raums als geweihten Raum abzustecken und zu kennzeichnen, ist keine besondere Entwicklung der Brr... FM, wir finden diesen Brauch auch in den Riten verschiedener Völker genauso, wie wir Bodenzeichnungen bei Magiern und Alchemisten finden (vergleiche den nicht geschlossenen Drudenfuß, der Mephisto den Eintritt in Fausts Studierzimmer erlaubt).

Die Werkzeuge unserer Brr... Werkmaurer waren wertvoll, denn die Herstellung von Winkelmaß, Setzwaage, Lot und Winkel war schwierig. Es bedurfte besonders ausgebildeter Künstler, um diese Werkzeuge herstellen zu können. In den Arbeitspausen wurden diese Werkzeuge in einem besonders abgezäunten Bereich in der Mitte der BH abgelegt. Damit entstand in der Mitte der Bauhütte so etwas wie ein Bannkreis, durch den böse Einflüsse und Uneingeweihte von der Versammlung ferngehalten werden sollten.

Gleichzeitig erteilten Aufseher und Meister den Lehrlingen und Gesellen anhand der Werkzeuge Unterricht. In der Werkmaurerei handelte es sich zunächst um reinen Werkunterricht. In dem Maß als sich die Werkmaurerei zur spekulativen symbolischen Freimaurerei wandelte, dürfte dieser Unterricht immer mehr symbolische Einflüsse angenommen haben, um schließlich bei unseren aktuellen Vorstellungen von einem Logentapis zu enden.

In der FMei kann jeder rechteckige Raum auf einfache Weise zum Tempel werden. Ein Sessel für den MvSt gegenüber der Eingangstüre, Sitzgelegenheiten entlang der Längsseiten für die Kolonnen der Brr... und ein mit Kreide oder Kohle in der Mitte auf den Boden gezeichnetes Rechteck mit den wichtigsten Symbolen machen zusammen mit dem Ritual aus dem profanen Raum einen Tempel. „Drawing on the floor of the lodge“ war Aufgabe des Tylers, der dafür extra bezahlt wurde. Um keine Geheimnisse zu verraten und die Zeichnung – wenn notwendig – rasch wieder auslöschen zu können, gehörten „mop and pail“ (Schrubber und Eimer) zum Inventar der Loge. Um das Zeichnen zu erleichtern, wurden später die Konturen der gezeichneten Symboltafel mit Nägeln und Bändern auf dem Boden abgesteckt. Gleichzeitig wurden auch weiterhin viele Werkzeuge im Original in den „mystischen Raum“ des Vierecks gelegt.

Allerdings bewährte sich die Methode nicht, zu Beginn jeder Arbeit die Symboltafel neu zu zeichnen. 1772 konnte, die Jerusalem Lodge in London nicht im Meistergrad arbeiten, weil der Tyler an Stelle des Meistertapis einen Lehrlingstapis gezeichnet hatte. Ersatz für die immer wieder neu gezeichneten Lehrtafeln wurden entweder vorgefertigte Malereien, die am Ende der Arbeit einfach zusammengerollt werden konnten, oder ein gemaltes Reißbrett, Tracing Board oder Trestle Board, das an einer bestimmten Stelle im Tempel steht. Heute finden wir die Symboltafel in Form eines Tapis hauptsächlich in Kontinentaleuropa, während das Tracing Board hauptsächlich in der englischsprachigen Welt verwendet wird.

Der Tapis wird immer wieder gerne künstlerisch gestaltet, auch wenn es sich nicht um ein Schmuckstück der Loge handelt. Die Werkzeuge, Figuren und Dinge, die auf dem Tapis dargestellt sind, unterliegen nämlich nicht der künstlerischen Freiheit, sondern folgen einem sachlichen, inhaltlich festgelegten Programm. Der Tapis fasst mit dem Mittel des Symbols, das zusammen, was die FMei ausmacht, den Bauplan der L als Spiegelung der Welt im Kleinen und den Weg des Br... FM.

Er ist mehr als eine Schautafel der maurerischen Werkzeuge, er ist ein Sinnbild der Loge, der Bauplan des Tempels. Der Tapis markiert das Zentrum des Tempels. Im Idealfall liegt er an der Stelle, wo der Tempel durch den goldenen Schnitt in zwei Teile geteilt wird, und zwar so, dass der kleinere Teil des Teppichs in dem durch den goldenen Schnitt bestimmten kleineren Teil des Tempels liegt; so den Sinn des goldenen Schnittes, des Gesetzes der Harmonie, gleichsam bestätigend und unzweideutig sagend, der Grundgedanke allen Aufstiegs, aller Höherentwicklung, ist die Harmonie.

Die Form des Tapis ist ein längliches Viereck, darin sind sowohl Mikrokosmos als auch Makrokosmos enthalten. Auf dem Tapis finden wir eine Umrandung, diese besteht oft aus schwarz-weißen Dreiecken, die an das musivische Pflaster erinnern oder Mauersteinen, die den Tempel Salomons darstellen sollen. Auch wenn der Mikrokosmos vom Makrokosmos abgegrenzt ist, so reicht der Makrokosmos durch die Fenster und von der Decke her in den Mikrokosmos hinein.Die große Welt wird wie in einem Spiegelbild eingefangen.

Wie die Loge hat der Tempel Salomos kein Dach, sondern reicht vom Zenith bis zum Nadir. Die Fenster folgen dem Lauf der Lauf der Sonne, darum finden wir sie auch im Osten, Süden und Westen. Der MvSt hat seinen Platz im Licht der aufgehenden Sonne, der Weisheit, und trägt so das Licht aus dem Osten in die Loge. Der 1.A im Südwesten beobachtet den Lauf der Sonne; um Hochmittag ruft er die Brr... zur Arbeit und entlässt sie um Hochmitternacht. Der 2.A weiß, dass der Untergang der Sonne nicht das Ende bedeutet, dass die Sonne ihren Lauf durch den Norden vollendet, um im Osten von neuem zu erstehen. Entsprechend dieser Symbolik stehen die drei Kleinen Lichter, Weisheit, Stärke, Schönheit um den Tapis.

Der Tapis ist vom Westen nach Osten zu verstehen bzw. zu lesen. Daher erfolgt die Erklärung des Tapis z.B. im Rahmen der ersten Instruktion während der Rezeption richtigerweise immer vom Westrand des Tapis.

Wer die Symbole recht versteht, findet auf dem Tapis die Beschreibung des Wegs des Br... FM für die Suche nach dem großen Licht (und vielleicht darüber hinaus). Analog zum Salomonischen Tempel finden wir drei Bereiche. Im Westen finden wir die Vorkammer oder den Vorhof. In der Mitte zwischen Osten und Westen liegt der mittlere Bereich, ausgestattet mit den Symbolen der Maurerei. Im Osten befindet sich schließlich der innerste Bereich mit den Symbolen des Lichtkults und des Makrokosmos.

Die Vorkammer oder Vorhof ist für den Suchenden durch die Pforte im Westen zugänglich. Dominierende Symbole sind die Säulen J und B, gemeinsam das Symbol der Polarität. Nach Überschreiten der Schwelle, ausgespannt zwischen den beiden Säulen, muss der Suchende seinen Weg über das musivische Pflaster (ebenfalls ein Symbol der Polarität) finden, um die Einweihung als Br... FM an sich erfahren zu können.

Diese Einweihung ist symbolisch in den sieben Stufen dargestellt, welche die schrittweise Einweihung zum Br... M symbolisch darstellen (3 – 5 – 7). So erreicht der Br... FM den mittleren Bereich, wo er auf die Werkzeuge trifft, mit denen er an sich selbst arbeiten und sein Leben gestalten soll. Dieser Bereich liegt so hoch (7 Stufen), dass kein Uneingeweihter ihn erreichen kann. Er erhält sein Licht durch das Fenster im Süden; der Maurer arbeitet um Hochmittag.

Die sieben Stufen weisen den Br... Maurer darauf hin, dass der Weg zur Selbstveredelung ein mühsamer ist. Gerne werden die sieben Stufen mit den sieben freien Wissenschaften in Verbindung gebracht, die sich ein Maurer erarbeiten muss, um zur Meisterschaft zu gelangen. Sie sind ein Aufstieg aus dem materiellen in den geistigen Bereich.

Grammatik: sie lehrt uns, aufrichtig zu sprechen und wahrhaft zu schreiben

Rhetorik: sie lehrt uns, offen zu sprechen und Harmonie des Ausdrucks

Dialektik: sie lehrt uns, Wahrheit und Falschheit zu unterscheiden und zu erkennen

Arithmetik: sie lehrt uns, zu erklären und zu rechnen mit Zahlen aller Art

Geometrie: sie lehrt uns, die Erde und die Dinge zu wägen und zu messen. Mit ihrer Hilfe können wir Höhen ausmessen und uns ihnen nähern.

Musik: sie lehrt uns des Gesanges und der Stimme Wohllaut.

Astronomie: sie unterrichtet uns über den Lauf der Sonne, des Mondes und aller Sterne.

Der zu werden, der er sein könnte, ist das Ziel des Br... FM, dargestellt im Rauen Stein, dem Beginn und im Behauenen Stein, dem Ziel. Bei dieser Arbeit benötigt der Maurer Spitzhammer, Winkelmaß, Senkblei und Setzwaage.

Die Werksymbole auf dem Tapis zeigen den Weg des Maurers von der Arbeit am rauen Stein bis zur Einfügung des Behauenen Steines in den Bau. Der Zirkel weist über die reine Bausymbolik hinaus. Darum finden wir ihn im Osten, im innersten Bereich.

Der 24-zöllige Maßstab liegt quer zum Weg des Maurers. Er soll ihn an richtige Einteilung und Ausgewogenheit zwischen den Pflichten des Menschen erinnern. Der Maßstab grenzt den mittleren Bereich gegen den innersten Bereich ab, mit dessen Überschreiten werden Raum und Zeit eins. Dem entspricht die diagonale Zuordnung der beiden Säulen am Eingang des Tempels. Die dem Tage zugeordnete, lichte Säule J. steht auf der Seite des Mondes, die dunkle Säule B., dem Bereich der Nacht zugehörig, unter der Sonne.

Im innersten Bereich, vergleichbar dem Allerheiligsten des Salomonischen Tempels trifft der Maurer auf seinem Weg nach Osten auf Sonne und Mond sowie einen 5-zackigen Stern. Der 5-zackige Stern steht hier symbolisch für die Sterne, die dritten Lichter am Himmel. Die Sonne wird mit einem Strahlenkranz in der südlichen Ecke dargestellt, um den Mond in der nördlichen Ecke anzustrahlen. Der Mond wird als Viertel- oder Halbmond, in der zunehmenden Phase, abgebildet, denn nur der zunehmende Mond besitzt ausschließlich positive Aspekte.

Aktives und passives Element, Licht und Dunkel, Leben und Tod werden dem Eingeweihten als Teil eines größeren Ganzen erkennbar. Aus der Verschmelzung der beiden Gegensätze, dem Hieros Gamos, entsteht neues Leben. Mag auch die Polarität für die Kenntnis von der Welt und den Fluss des Lebens notwendig sein, so bedarf es der Synthese, um die Einheit, die in der Zweiheit aus sich heraus tritt, in der Dreiheit in neuer Einheit wieder zusammen zu schließen.

Analog der Darstellung eines Menschen im Pentagramm von Vitruv oder Leonardo da Vinci ist der Mensch in Raum, Zeit und Materie gefesselt. Das Pentagramm soll den Maurer daran erinnern, dass er, auch wenn ihn die Elemente scheinbar fesseln, mit seinem Verstand diese Fesseln zerreißen und die Gegensätze ausgleichen kann.

Eingerahmt werden mittlerer und innerster Bereich von der Knotenschnur. Mit Hilfe der Knotenschnur wird auch heute noch zu Beginn eines Baus ein rechter Winkel konstruiert, denn gemäß dem Lehrsatz des Pythagoras ist ein Dreieck mit den Kantenlängen 3 – 4 – 5 immer ein rechtwinkeliges Dreieck. Die Schnur mit den Knoten in Form der Lemniskate ist ein Symbol für die niemals endende, immerwährende brüderliche Verbundenheit. Sie verbindet alle Brr... FM, die jeder für sich und doch gemeinsam an ihrem rauen Stein arbeiten. Gleichzeitig trennt die Knotenschnur den innersten Bereich vom Fenster im Osten, durch welches, die aufgehende Sonne, das große Licht, diesen Bereich erleuchtet. Will der Br... FM das Große Licht erreichen und vielleicht sogar durchschreiten, so bleibt ihm keine andere Wahl, als die Gemeinschaft der Brr... zu verlassen; den letzten Weg in den (Ewigen) Osten muss jeder für sich allein gehen.

Unsere Bewegungen im Tempel erfolgen im Sonnenlauf um den Tapis. Der Tapis selbst ist Tabu und wird nicht betreten. Nur der VM bei der Aufnahme und der GM bei seinem Eintritt in den Tempel gehen über den Tapis. Der VM schreitet stellvertretend für die Suchenden über den Tapis, denn wie er kommen sie direkt aus dem Draußen aus der Dunkelheit. Der Tapis ist ein Tor zwischen Permanenz und Immanenz, zwischen Diesseits und Jenseits. Darum wirft der VM auch auf dem Tapis die schwarze Kutte ab, um sich dann als Kind des Lichts dem strahlenden Osten zu nähern; deshalb begeht der VM keinen Tabubruch. Wenn der GM in Ausübung seines Amtes über den Tapis geht, verletzt er bewusst das Tabu, um zu zeigen, dass seine Macht alle Grenzen überschreitet.

Der Tapis der L AdF ist in seiner Konzeption und Gestaltung ein Werk der Gründungsmeister der L AdF. Die praktische Ausführung hat Br... Michael Rothmaier übernommen. Die Lederflecken haben Br... Rothmaier und Br... Steuer haben „Fetzenmüller“, einem Händler für Stoffreste und ähnliches in der Au in Kritzendorf besorgt.

Am Anfang der Planung stand die Frage, wie die Brr... den Tapis gestalten wollten, ob es ein „moderner“ oder ein „traditioneller“ Tapis werden sollte. Damals war es üblich, den Tapis künstlerisch modern zu gestalten. Nach Besichtigung verschiedener Teppiche wurde den Brr... schnell klar, dass es ein „traditioneller“ Tapis sein sollte.

Die Brr... entschieden sich für einen Wiener Tapis von 1780, der ersten Blütezeit der österreichischen Freimaurerei, der im Wien Museum aufbewahrt und ausgestellt ist, als Vorbild. Dieser Tapis wurde 1860 in einer verrosteten Eisenkiste beim Abriss der alten Stadtbefestigungen im Bereich der heutigen Oper gefunden. Dieser Tapis besteht aus Ziegenleder und Jute. Auf schwarzem Hintergrund sind die Symbole der FMei dargestellt.

Auf den ersten Blick ist die Anordnung der Symbole sehr ähnlich, bei genauem Hinsehen fallen doch Unterschiede auf. Die Brr... der L AdF haben sich für einen hellen, weißen, Hintergrund entschieden, die Applikationen sind farbig. Der Tapis im Wien Museum ist streng rechteckig, während der Tapis der L AdF den unregelmäßigen Rand einer Tierhaut hat. Die Mauer des Tempels auf dem Tapis von 1780 besteht aus schwarzen und weißen gleichschenkligen Dreiecken, während auf dem Tapis der L AdF die Mauer als festes Ganzes erscheint und dem Tapis erst die Form des länglichen Vierecks gibt. Auf dem Tapis von 1780 ist der Norden beschriftet, während die Brr... der L AdF auf die Kennzeichnung des Nordens verzichtet haben, weil im Norden die Sonne nicht scheint und daher im Norden kein Fenster ist.

Auf beiden Teppichen besteht das musivische Pflaster aus weißen und schwarzen gleichseitigen Dreiecken, auf welchen die beiden Säulen stehen. 7 Stufen führen zum Tempel, in die FMei. Der Tempel ist beide Male ausdrücklich nicht abgebildet sondern mit den Werkzeugen des Maurers symbolisch dargestellt.

Den größten Unterschied finden wir im Osten, im innersten Bereich. Sonne und Mond haben auf dem Tapis der L AdF im Vergleich zum Tapis von 1780 ihre Plätze getauscht. Diese Entscheidung der Brr... der L AdF hat gute Gründe. Der Mond soll ein zunehmender Mond sein als Symbol für das neue Leben, das mit der Aufnahme in den Bund der FMei begonnen hat. Steht die Sonne wie auf dem Tapis von 1780 im Nordosten und strahlt von dort den Mond an, so ist der Mond zwangsläufig im Stadium des Abnehmens, was bei der Konzeption des Tapis der L AdF vermieden werden sollte. Die gemeinsame Arbeit an der Konzeption des Tapis der L AdF hat das Verständnis von FMei unter den Gründungsmeistern gestärkt und wesentlich zur Identität der Loge beigetragen. Mit seiner klassischen Gestaltung ist er ein Hinweis auf eine Säule im Selbstverständnis der L AdF, das Ritual in seiner Substanz und seinem Inhalt ernst zu nehmen.

Tapis, Loge Aurora zu den 3 Feuern 2002
Leder

Tapis 1780
Jute, Ziegenleder
215 x 95 cm
Wien Museum

Selbstbeherrschung ist Stärke

Beherrsche Dich selbst!

Abgründe drohen an Euren Wegen. Törichte Leidenschaften blenden Euren Blick. Wohl dem, der die Vernunft als Führerin wählt, der versteht, seine Wünsche abzustimmen auf die Wünsche anderer und so beiträgt zu brüderlicher Harmonie unter den Menschen. Sicheren Schrittes geht er durchs Leben. Selbstbeherrschung ist Stärke.

Beherrsche Dich selbst![1]

So lautet die Unterweisung des Br... 1.A zum Abschluss der zweiten Reise des Suchenden während seiner Rezeption. Es ist der zweite Schritt auf dem maurerischen Weg des – erkenne dich selbst – beherrsche dich selbst – veredle dich selbst –, den ein Br... tun soll, um sein Ziel die Schönheit seines Menschentums zu erreichen. Das Ritual spricht von (törichten) Leidenschaften, die durch Selbstbeherrschung unter Anleitung der Vernunft kontrolliert werden sollen, um auf diesem Weg nicht zu scheitern.

Leidenschaft ist ein heftiges, ungestümes Gefühl, das von der Vernunft nicht kontrolliert werden kann, aber auch sehr große Begeisterung für etwas. Im Duden wird Leidenschaft als ein emotionaler, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Gemütszustand definiert, aus dem heraus etwas erstrebt, begehrt oder ein Ziel verfolgt wird. Ebenso wird mit Leidenschaft große Begeisterung oder Neigung für eine bestimmte Tätigkeit beschrieben.[2]

Vernunft bezeichnet ein durch Denken bestimmtes menschliches Vermögen zur Erkenntnis. Die Vernunft erschließt allgemein gültige Zusammenhänge durch Schlussfolgerungen aus Sachverhalten, die vom Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfasst werden.[3] Damit ist die Vernunft jene Art des Denkens, die es dem menschlichen Geist erlaubt, seine Bezüge zur Realität zu organisieren.[4] Vernunft bezeichnet das geistige Vermögen, Zusammenhänge zu erkennen, zu beurteilen, zu überschauen und sich dementsprechend sinnvoll und zweckmäßig zu verhalten.[5] Platon definiert den Menschen über die Vernunft als seine herausragende Fähigkeit, als zoon logicon – vernunftbegabtes Tier. Für Descartes ist Vernunft die Fähigkeit, richtig zu urteilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden. Kant versteht Vernunft als die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Erkenntnisse ohne Rückgriff auf vorhergegangene sinnliche Erfahrung, das heißt über metaphysische Ideen, zu erlangen. Durch Vernunft wird gemäß Kant Moral begründet, wobei die reine Vernunft aus sich selbst erkennt, dass sie eine praktische Bestimmung hat.[6] Im Zeitalter der Aufklärung wird die Vernunft als das Instrument des Fortschritts betrachtet. Im 19. Jahrhundert steht die Vernunft im Zentrum philosophischer Debatten; für die Romantiker in der Nachfolge Rousseaus sind Gefühle wichtiger als Vernunft. Für die Philosophen der Frankfurter Schule ist die Vernunft gescheitert, denn sie habe ihre aufklärerischen, emanzipatorischen Versprechen nicht gehalten.[7] Für Horkheimer und Adorno ist in der Tradition Nietzsches die Vernunft formalisiert; das Mittel werde fetischiert, es absorbiere die Lust.[8]

Selbstbeherrschung bezeichnet ein … eigenkontrolliertes Verhalten, das einen Zustand aufrechterhält oder herbeiführt, in dem es Anstrengungen aufwendet, die den Ablenkungen von der Zielvorgabe entgegenwirken.[9] Affekte und Gefühle sollen durch den Willen gesteuert werden, um diesen nicht ungezügelt freien Lauf zu lassen. Es geht darum, Versuchungen zu widerstehen, sowie die Kontrolle über sich selbst und die eigenen Gefühle zu behalten.[10] Im Internationalen Freimaurerlexikon von Lennhoff, Posner, Binder wird Selbstbeherrschung als die Kraft definiert, durch den vernünftigen sittlichen Willen das Eigenleben im Sinne menschlicher Vollkommenheit zu gestalten, unabhängig von den Naturtrieben und Affekten.[11] Im maurerischen Sinn geht es um die Beherrschung der sozial schädlichen Triebe. Damit werde der Toleranz zum Durchbruch verholfen. Die durch die Selbstbeherrschung verursachten Hemmungen seien die Voraussetzung für der Selbstveredelung.[12]

Unsere Brr..., die den Text unseres Rituals erarbeitet und editiert haben, haben ihre Hausaufgaben perfekt erledigt. Auf der einen Seite steht als positive Aussage, These, die Vernunft (…wohl dem, der die Vernunft zur Führerin wählt…[13]). Sie beziehen sich auf Platon, der die Vernunft als eine Eigenschaft definiert, die den Menschen auszeichnet; was macht einen Menschen aus. Sie beziehen sich auf Descartes, der die Vernunft als Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit definiert, wozu braucht der Mensch die Vernunft. (…was das Licht für das Auge, ist die Wahrheit für den Geist…[14]). Hier erweist sich der Ritualtext als Ergebnis aufklärerischen Denkens. Vernunft ist positiv definiert, Zweifel an der Bedeutung der Vernunft, wie sie die Philosophie des 19. Jahrhunderts äußert, oder Scheitern der Vernunft und damit des aufklärerischen Gedankens, wie sie Horkheimer und Adorno formulieren finden wir in diesem Ritualtext nicht.

Der Führerin, der reinen Vernunft gemäß Kant, stellt das Ritual als Antithese die Leidenschaften gegenüber und verstärkt deren negative Position dadurch, dass es die Leidenschaften töricht nennt. Mit der reinen Vernunft und den törichten Leidenschaften ist, wie oft in unserem Ritual, eine Polarität definiert. (Sonne und Mond, Säule J und Säule B, musivisches Pflaster etc.). Anstatt jedoch, wie es Maurerart wäre, den Gegensatz von These und Antithese in der Synthese mit einem Dreieck aufzulösen und die beiden Pole zu integrieren, ist in diesem Spruch des 1.A eine klare Hierarchie definiert. Schließlich wird auch die Methode mitgeteilt, mit welcher das Ziel erreicht werden soll, die Selbstbeherrschung.

Dieser Denkansatz scheint auf den zweiten Blick logisch, denn der Auftrag ergeht an einen Suchenden, der im Begriff steht, in den Bund der FMei aufgenommen zu werden, und nicht an einen Br... M, der durch seine Erhebung Weisheit besitzt und die Polarität in seiner Erhebung überwunden hat (auch wenn wir alle, auch die ältesten Brr... MM ein Leben lang LL bleiben).

Aufgabe und Auftrag des L ist, an sich selbst zu arbeiten und das Ziel, die Schönheit seines Menschentums,[15] zu erreichen. Am Anfang steht die Selbsterkenntnis, das heißt zu erkennen, welche Kanten und Grate am rauen Stein dem behauenen, dem rechtwinkeligen, dem glatten Stein entgegenstehen. Die Selbstbeherrschung steht hier für den Hammer des Lehrlings, mit dem er an seinem Stein, an sich selbst arbeiten soll. Einen massiven Stein zu behauen, braucht klare Erkenntnis und klare Zielvorgaben. Da gibt es keinen Platz, um zu diskutieren, ob diese Ecke oder jene Kante nicht doch stehen bleiben könnte. Und es braucht kräftige Hammerschläge, um Grate zu glätten und Kanten winkelig zu machen.

So schön dieses Konzept in der Theorie aussieht, die Frage ist, ob es in der Praxis auch hält, was es verspricht. Im Grund geht es darum, dass die Ratio die Emotio beherrschen soll. Ein kurzer Exkurs in die Neurowissenschaften scheint mir hier hilfreich zu sein. Emotio, Gefühle, Leidenschaften spielen sich in den ältesten Hirnanteilen, dem sogenannten Reptilienhirn (Hirnstamm und Zwischenhirn) ab; wir finden Emotionen auch bereits bei Tieren. Ratio, Vernunft ist in den entwicklungsgeschichtlich jüngsten Anteilen des Gehirns, der Großhirnrinde, im Stirnlappen verortet. Nur der Mensch ist geistig dazu in der Lage, seine emotional verankerten Moralauffassungen reflektierend zu überprüfen und gegebenenfalls bewusst zu disziplinieren. Platon hatte recht, die Fähigkeit zur Vernunft macht den Mensch zum Menschen. Jedoch macht das Großhirn nur einen geringen Teil unserer Gehirnfunktionen aus. Außerdem wissen wir, dass die Wirkmächtigkeit alter Hirnareale stärker ist als die jüngerer. Das heißt für unsere Fragestellung, dass die Emotio nur unterdrückt aber niemals ausgeschaltet werden kann. Seit Freud wissen wir, dass wir Menschen nicht Herr im eigenen Haus sein können und die dauerhafte Unterdrückung von Gefühlen eine wichtige Ursache von psychischen Störungen ist.

Machen wir ein Gedankenexperiment; wie würde so eine Person, bei welcher die Ratio stärker als die Emotio ist, aussehen, wie würde sie Entscheidungen treffen, wie würde sie handeln? Eine solche Person ist Mr. Spock, erster Offizier des Raumschiffs Enterprise, Sohn eines Vulkaniers und einer menschlichen Frau. Sein Verhalten und seine Entscheidungen sind ausschließlich von Logik und Vernunft geleitet. Als Beobachter erleben wir sein Verhalten als faszinierend aber alles andere als menschlich. Es gibt jedoch in dieser Serie eine Szene, in welcher Mr. Spock eine unlogische Entscheidung trifft, welche er so begründet, es wäre logisch gewesen, unlogisch zu handeln. Abgesehen von seinen spitzen Ohren und seinem grünen Blut erscheint uns Mr. Spock wohl gerade deswegen so außerirdisch, nicht-menschlich, weil ihm die Emotion fehlt, die wesentlicher Bestandteil unseres Menschseins ist.

Ein zweites Beispiel ist der Mythos von Parzival und Amfortas. Amfortas, Parzivals Onkel, leidet unter einer nicht heilenden Wunde, die vom Zauberer Klingsor mit einem vergifteten Speer verursacht wurde. Parzival sieht das Leid seines Onkels. Seine Erziehung, seine Vernunft, verbietet ihm, zu fragen, was mit seinem Onkel wäre. Er unterdrückt seine Gefühle und Amfortas muss weiter leiden, denn die Frage, wie es seinem Onkel gehe, hätte diesen von seinem Leiden erlöst. Erst nach langen Irrfahrten und nach seiner Läuterung findet Parzival in die Gralsburg zurück. Nun weiß er, dass es richtig ist, seinen Gefühlen, seinem Mitleid nachzugeben, und er kann seinen Onkel mit seiner Frage heilen. Diese Sage zeigt deutlich, was unterdrückte Emotionen anrichten können.

Emotionen, Gefühle und Leidenschaften sind Teil meines Menschseins; sie sind Teil meiner Persönlichkeit, genauso wie meine Intellektualität und meine Vernunft. Ich freue mich, würde jemand über mich sagen, ich wäre ein leidenschaftlicher Br... FM, denn das bedeutete, dass ich der Bruderschaft mit meiner ganzen Begeisterungsfähigkeit und Intellekt verbunden bin. Andererseits besteht die Gefahr, dass Vernunft zu weit geht, sich selbst überschätzt und selbst dogmatisch wird.

In der Praxis geht das Konzept der reinen Vernunft, wie es Kant postuliert, oft genug nicht auf. Vielen Menschen mag es wie mir zu blutleer erscheinen. Es braucht genauso das Gefühl, die Hoffnung, den Luxus des Überflusses, die Grenzüberschreitung (Transgression). Freud hat uns darauf hingewiesen, dass diese Grenzüberschreitungen ein Ausdruck innerer Freiheit sind, dass wir uns nur dann als Individuen entdecken können, wenn wir uns den Regeln und Idealen des Kollektivs gegenüber schuldig machen.[16] Für den von mir überaus geschätzten radikalen Aufklärer Denis Diderot war die Erfüllung des Lebens schon Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die Rationalität, sondern die volupté, die Sinnlichkeit, die Lust.

Die FM-ei hat um diese Spannung wohl schon immer instinktiv gewusst. Denn so sehr sich die Brr... den Inhalten und Zielen der Aufklärung verpflichtet fühlen, die Arbeit mit Ritual und Symbol spricht beide Seiten im Menschen gleichermaßen an. Was im Ritual geschieht, vollzieht sich teils auf der emotionalen Ebene, teils auf der rationalen Ebene, oder auch auf beiden gleichzeitig, oder zwischen diesen Ebenen – und es bringt auch diese verschiedenen Ebenen in uns zur Resonanz. Besonders in der rituellen Arbeit erleben wir die ideale Verbindung von Ratio und Emotio. Die Verbindung von Musik, Licht und körperlicher Haltung berühren unsere Gefühle. Das Ritual breitet die ganze Fülle unserer Gedanken, Mythen und Symbole vor unseren Augen und Ohren aus. Es fordert uns auf, uns ihm auf jeweils neue und individuelle Art zu öffnen, sich von ihm ergreifen und führen zu lassen. Der Text der Wechselgespräche zwischen den hammerführenden Meistern und das BS des zeichnenden Br... wendet sich an die Ratio. Die ständige Wiederholung des Gleichen und des jedes Mal andere Erleben prägen und verändern das Denken des Br... und helfen ihm so, sein Ziel, den behauenen, winkeligen, glatten Stein zu erreichen, der zu werden, der er sein könnte. Im Ritual werden die Inhalte und Ziele der FMei rational erfassbar und emotional erlebbar. Die FMei versucht, den Menschen, so wie er ist[17], ernst zu nehmen in seiner Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen, einer vernünftigen und einer emotionalen Persönlichkeit und nicht als ein lebloses Wesen, das ausschließlich aus Vernunft besteht.[18]

FM-ei war und ist immer beides, Emotio und Ratio, Gefühl und Intellekt, Hermetik und Aufklärung, und immer in verschiedenen Mischungsgraden.


[1] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[2] https://www.duden.de/rechtschreibung/Leidenschaft; Zugriff 22.01.2022, 14.44 hrs

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.52 hrs

[4] https://www.philomag.de/lexikon/vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.55 hrs

[5] https://www.dwds.de/wb/Vernunft; Zugriff 22.01.2022, 15.06 hrs

[6] https://www.philomag.de/lexikon/vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.55 hrs

[7] Horkheimer M., Adorno T. W., Dialektik der Aufklärung

[8] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek, Verlag Traugott Bautz, 2006

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstdisziplin; Zugriff 22.01.2022, 15.35 hrs

[10] https://www.dwds.de/wb/Selbstbeherrschung; Zugriff 22.01.2022, 15.39 hrs

[11] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Selbstbeherrschung

[12] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Selbstbeherrschung

[13] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[14] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[15] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[16] Blom P., gefangen im Panoptikum, Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart, Residenz Verlag 2017

[17] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Rationalismus

[18] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Rationalismus

Der Sol Invictus

Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen. (Joh 1,5)

Es liegt mir ferne, mit diesem Baustück das Sakrileg der Blasphemie be­gehen, oder mir meine eigene, eklektische Religion schneidern zu wollen, am aller wenigsten aber will ich die religiösen Empfindungen einzelner Brr... mit meinen Aus­führungen verletzen. Es geht mir auch nicht um wissenschaftlich Beweisbares sondern um Analogien und um Synchronizitäten, die mir aufgefallen sind, von denen ich gehört oder gelesen habe. In Analogien zu denken, setzt die Unter­scheidung von Form und Inhalt voraus. Jede Form ist Ausdruck eines Inhalts; und jeder Inhalt drückt sich durch eine ihm eigene Form aus. (Goethe: „Alles Sichtbare ist nur ein Gleichnis“). Die Formen sind polar, das heißt in Gegensätze gespalten; sie sind endlich und unterliegen den Gesetzen von Raum und Zeit. Hinter dieser sichtbaren Welt der Formen gibt es aber eine Einheit, die Unio mystica, die alles zusammenführt, die keiner Ver­änderung mehr unterliegt. Für uns Menschen ist diese Einheit nicht vorstell­bar, denn wir sind gefangen in den äußeren Formen mit ihrer Polarität. Manche von uns mögen ein Wenig von dieser Einheit erfahren haben. Was wir können und was ich in diesem Bau­stück versuchen will, ist, von den verschiedenen Formen zu berichten, hinter denen sich diese große Kraft, die wir mit der Sonne beschreiben, versteckt. Ich bin mir aber be­wusst, dass ich erst recht wieder von einer Form, einem Symbol, erzähle, das der Polarität unterliegt.

Am Anfang alles Erschaffenen steht das Feuer, das Licht – in der Genesis heißt es: „es werde Licht“ -, denn die Grundeigenschaften des feurigen Prinzips sind Hitze und Ex­pansion. Das Feuer liegt dem Licht zu Grunde, und jedes Licht kann in Feuer verwandelt werden und umgekehrt. Licht ist durchdringend und expansiv. Die Finsternis ist dem Licht entgegengesetzt und entstammt dem Wasserprinzip, seine Grundeigenschaften sind Kälte und Zusammenziehung. Genauso wie das Feuerprinzip ohne seinen Gegenpol das Wasserprinzip nicht bestehen könnte, so könnten wir das Licht ohne die Finsternis nicht erkennen. Ohne Finsternis gäbe es kein Licht. Licht und Finsternis entstehen aus dem Wechselspiel der Elemente Feuer und Wasser. Deshalb hat das Licht in seiner Auswirkung die positiven Eigenschaften und die Finsternis die negativen Eigenschaften.

Heute am 21. Dezember beginnt der Winter mit seinem Solstitium, der Winter­sonnen­wende. Die Sonne durchwandert einmal im Jahr entgegen dem Uhrzeigersinn den Tier­kreis und legt dabei pro Tag etwa 1 Grad zurück, durchwandert während eines Jahres also den Tierkreis zur Gänze. Durch die Schiefe der Ekliptik zum Erdäquator entstehen unsere Jahreszeiten und die unterschiedlichen Verhältnisse von Tag und Nacht. Das Wintersolstitium finden wir bei 0° Steinbock mit der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Ab dem Herbstäquinoktium – 0° Waage – erleben wir sehr deutlich die Abnahme des Tages und die Zunahme der Nacht. Die Kräfte der Finsternis scheinen die Kräfte des Lichts mehr und mehr zu überwältigen. Doch in dem Moment der größten Sonnen­ferne, in diesem Moment, in dem die dunklen Kräfte zu siegen scheinen, ändert sich die Situation, und der Siegeslauf des Lichtes beginnt von neuem.

In der dualistischen Glaubenswelt früherer Kulturen wurden die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis gleichermaßen verehrt. Licht und Finsternis erscheinen gleich stark und stehen in permanentem Wettstreit miteinander; im Denken und Handeln der Menschen sind Gut und Böse so eng vermengt, dass sie nicht immer unterschieden werden können, manchmal entsteht aus guten Absichten Böses und aus bösen Wünschen Gutes. (Paulus schreibt: Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, Röm 7,19). Der Urgegensatz von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod erfüllt das ganze menschliche Dasein. In der Natur stehen die beiden Prinzipien nebeneinander, und nichts deutet dar­auf hin, dass das Licht einmal über die Finsternis herrschen wird.

So steht in der jüdischen Tradition dem Schöpfergott der ochsengleiche Gott der Finsternis, Satan, Samael, gegenüber, der sich bereits im Anfang Gottes Schöpferwillen wider­setzt, als dieser die Welt mit „es werde Licht“ erschaffen will. Satan will seiner­seits die Welt aus der Finsternis erschaffen. Gott unterwirft ihn daraufhin mit einem Schrei und verbannt ihn und seine Engel in ein finsteres Verlies. Trotzdem rühmt sich Samael, auch wenn Gott das Licht erschaffen hätte, so hätte er Finsternis und Hölle er­schaffen.

Dass die Finsternis lange vor der Schöpfung nicht als bloßes Fehlen von Licht existiert hätte, sondern als eigene Entität, glaubten alle Völker des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes. So sprechen die Griechen von „Mutter Nacht“, die jüdische Tradition kennt einen „Fürsten der Finsternis“, der auch gleichzeitig mit Luzifer, dem Sohn der Morgendämmerung in Verbindung gebracht wird. Der Schrei mit dem Gott diesen Fürsten bezwingt, erinnert an den Schrei des Pan, den er ausstößt, als er Typhon, ein Ungeheuer, dessen Flügel die Sonne verfinstern, unterwirft.

Im 7. vorchristlichen Jahrhundert lehrt der medische Prophet Zoroaster – Zarathustra, dass das Böse, so mächtig es auch sein könne, überwunden werden könnte. In seiner Lehre führen die Heere des Lichts und die Heere der Finsternis, die Heere Ahura Mazdas (Ormuzd) und die Heere Ahrimans einen ewigen Kampf bis zum Ende der Zeiten. Zarathustra entwirft das Bild einer Zeit, in der das Schicksal der sichtbaren Welt und des guten und des bösen Prinzips entschieden werden würde; am Ende des Kampfes würde der Sieg des Guten stehen. Nach Zarathustras Lehre liegt die Zukunft des Menschen im göttlichen Lichtreich, einer Welt, mit deren Aufbau schon im Diesseits begonnen werden muss und die dann schließlich in einem endzeitlichen Kampf ihre Durchsetzung und Vollendung findet.

Ormuzd und Ahriman sind Söhne des einen, desselben Prinzips. Die einzige Macht ist Zrva Akaran, die „Grenzenlose Zeit“, die für den Menschen so unfassbar ist, dass er vor ihr nur in Ehrfurcht verharren kann. Aus Akaran geht das Licht hervor, dem Ormuzd entspringt, der eine reine Welt schafft. Eine zweite Ausstrahlung Akarans zeugt Ahriman, der machthungrig und eifersüchtig ist. Er beneidet Ormuzd und wird dafür in das Reich der Finsternis verbannt. Ormuzd schafft das Weltenlicht, die Sonne, nach dem Vorbild des überirdischen, himmlischen Lichts; dann schafft er die Quelle des Lebens, eine Macht, die er „Stier“ nennt, aber Ahriman tötet den Stier. Die Menschen, Mann und Frau, werden von Ormuzd aus dem zerstreuten Samen des Stiers geschaffen. Da verführt Ahriman die Frau mit Milch und Früchten und der Mensch verfällt der Sünde. Zu seiner Verstärkung erschafft Ahriman Tierungeheuer, Reptilien und Schlangen. Die Macht des Bösen nimmt immer mehr zu, und die Mächte der Finsternis scheinen vor ihrem Sieg zu stehen. In dem Augenblick aber, in dem Ahriman den Sieg erreicht zu haben scheint, kommt das Gericht mit der Ankunft des Erlösers, dem Mithras, der in dieser Nacht der Wintersonnenwende geboren wird. Ormuzd errichtet sein Reich des Lichts, und die Mächte der Finsternis sind endgültig besiegt.

Im dritten nachchristlichen Jahrhundert reiht sich Mani in die Reihe der Schöpfer von Erlösungsreligionen ein. Nachdem er Buddhismus, Zoroastrismus und Christentum kennen gelernt hat, sieht er sich selbst als deren Vollender an. Mani gehört einer Gruppe von Gnostikern an, die Licht und Finsternis, Gut und Böse als ursprüngliche Gegensätze an­sehen. Dem Reich des Lichts steht ein Reich der Finsternis gegenüber. Im Lichtreich herrscht der Vater der Größe. Dieser hat fünf Wohnungen bzw. Glieder: Nus, Denken, Einsicht, Gedanke, Überlegung. Zwölf Äonen umgeben ihn, die je drei auf die vier Himmelsrichtungen verteilt sind.

Die Gegenseite bildet das Reich der Finsternis. Es wird vom König der Finsternis be­herrscht. Dieser hat die Gestalt eines Tieres und ist ein Produkt der Hyle, des Ge­danken des Todes. Fünf finstere Elemente finden wir im Reich der Finsternis: Rauch, Dunkelheit, Wind, Wasser, Feuer. Die innere Uneinigkeit und Unruhe ist eine Besonder­heit dieses Reiches. Im Verlauf der ständigen inneren Kämpfe erblickt die Finsternis das Licht und wünscht es sich einzuverleiben.

Der Vater der Größe aber ist nur auf Frieden mit allen Größen eingestellt, dennoch ent­schließt er sich, den Kampf selbst aufzunehmen. Dazu beruft er aus sich die Mutter des Lebens, die auch die große Geistin heißt – Geist ist in den semitischen Sprachen feminin, cf. Ruach – und diese beruft wiederum den Ersten Menschen. Er umgibt sich mit seinen Elementen als Rüstung, die zugleich die lebendige Seele bilden. Es sind dies die Glieder der Lichterde, die den Elementen des Finsternisreiches gegenüberstehen: Luft, Wind, Licht Wasser, Feuer. Dieser Kampf endet zunächst mit der Überwindung des Ersten Menschen und seiner Rüstung, der Lebendigen Seele. Mani deutet dieses Er­eignis aber nicht als Zeichen einer Niederlage, sondern auch als eine Fesselung der Finsternis, die durch die Verschlingung der Lichtelemente von ihrem Angriff auf das Lichtreich abge­lenkt worden ist.

Ziel der nun folgenden Befreiung ist es, Licht und Finsternis so zu trennen, dass der vorige Zustand wieder hergestellt wird und der Angriff der Finsternis auf das Licht nicht mehr stattfinden kann. Die Befreiung des Lichts geht in mehreren Akten vor sich. Zunächst muss der Erste Mensch befreit werden, dann müssen Vorbereitungen für die Ausläuterung der Elemente getroffen werden und schließlich muss in einem eschatologischen Akt mit dem Abschluss der Ausläuterung der endgültige Zustand her­gestellt werden.

Zunächst wird eine neue Götterdreiheit berufen: der Geliebte der Lichter, der große Baumeister und der Lebendige Geist. Der Letzte erlöst den Menschen, er steigt herab und spricht den Menschen an, worauf dieser antwortet. Ruf und Antwort steigen aus der Finsternis empor und vereinigen sich mit den himmlischen Größen, der Ruf mit dem Lebendigen Geist, die Antwort mit der Mutter des Lebens.

Zur Ausläuterung der Elemente begeben sich der Lebendige Geist und die Mutter des Lebens hinab in das Reich der Finsternis. Sie besiegen die Archonten des Finsternis­reiches und gestalten aus ihren Leibern den Kosmos. Es werden zehn Himmel und acht Welten erschaffen. Die Finsterniskräfte, die er nicht zur Erschaffung der Welt ver­wandt hat, heftet der Lebendige Geist am Himmel an. Damit der Kosmos in der richtigen Ordnung bleibt, werden vom Lebendigen Geist fünf Söhne eingesetzt: der Splenditenens, der König der Ehre, der Licht-Adamas, der König der Herrlichkeit und der Atlas. Der erste hält den Kosmos, der letzte trägt ihn, so dass der Weltenbrand entstehen wird, wenn beide ihre Tätigkeit einstellen.

Somit ist die Maschinerie für die Ausläuterung geschaffen, benötigt wird nur noch die Gottheit, die sie in Bewegung setzt. Die Emanation des Vaters der Größe, die die dritte Epoche einleitet, wird Dritter Gesandter genannt. Er selbst nimmt Platz im „Schiff der Sonne“, Jesus der Glanz im „Schiff des Mondes“. Der Gesandte erscheint nun den Archonten und erregt sie sexuell. Die Begierde der Archonten äußert sich darin, dass sie das Licht, das sie in sich haben, frei geben.

Am Erlösungswerk sind auch der Erste Mensch und die Mutter des Lebens beteiligt. Auch der König der Herrlichkeit beginnt seine Arbeit, und der Große Baumeister erhält den Auftrag, einen neuen Bau ein Gefängnis, für die bösen Mächte zu errichten. Nach dem Weltende soll es als der Ort dienen, in dem die Finsterniskräfte für immer ge­fesselt sein werden, damit sie nie mehr einen Angriff gegen das Licht führen können. Darüber soll er noch das neue Paradies für die Lichtgötter errichten. Denn wenn die Lichtteile in der Welt so weit geläutert sind, dass sie sich in der letzten Statue zu­sammengefunden haben, tritt das Weltenende ein. Ein Weltenbrand von 1468 Jahren wird stattfinden und die Finsternis wird zu einem Klumpen zusammengepackt.

Der komplizierte manichäische Mythos beruht auf einem anthropozentrischen Schema. Der Nus rettet die Seele, die Psyche, aus der Hyle; die Psyche ist die Lichtseele und die Hyle die Schattenseele des Universums. Der Gesamtkosmos muss in Licht und Finsternis geschieden werden, denn er enthält die Weltenseele, die in ihrer Gesamtheit befreit werden muss. Mani benützt hier die Idee Platons von der Weltenseele und bedient sich ihres ambivalenten Charakters, um das Leiden des Lichts in seiner Verbindung mit der Finsternis darzustellen. Die Lebendige Seele ist die Seele des einzelnen Menschen, aber auch der Lichtteil, der irgendwo in der Welt verstreut ist und zugleich die Summe aller dieser Teile als Weltseele, die auch ein eigener Organismus ist. Der Licht-Nus durch­waltet den ganzen Kosmos und führt in der Säule der Herrlichkeit die Seelenteile empor. Wie im Makrokosmos durch seine Hilfe die stufenweise Erlösung stattfindet, so erlöst der Nus auch im Mikrokosmos die Seele und ihre Teile.

Erlöser oder Gottessöhne bringt die Menschheit seit jeher mit der Sonne in Ver­bindung, denn die Sonne ist ein Symbol des Lebens. Die Sonne ist das zentrale Gestirn, das Licht und Leben gibt, was die eigentliche Bedeutung eines Erlösers oder Gottes­sohnes ist. So steht über dem Tor Tempels von Tutmosis III. in Medinet Habu: „Er ist es, der Sol, der alles, was ist, geschaffen hat und ohne ihn wäre nichts geschaffen; der Vater aller Dinge, der Schöpfer, ist das Leben und das Licht.“

Der ägyptische König Amenophis IV. (1364-1347 v.u.Z.) versuchte, den vorherrschenden Polytheismus durch einen vergeistigten Sonnenmonotheismus zu ersetzen. In seiner als Sonnengesang bekannt gewordenen religiösen Lyrik hat Echnaton, wie er später genannt wurde, ein unvergängliches Denkmal hinterlassen:

„Du erscheinst so schön im Lichtorte des Himmels,

du lebendige Sonne, die zuerst zu leben anfing!

Du bist aufgeleuchtet im östlichen Lichtorte

und hast alle Lande mit deiner Schönheit erfüllt.

Du bist schön und groß, glänzend und hoch über allen Landen.

Deine Strahlen umfassen die Länder, bis zum Ende alles dessen, was du geschaffen hast;

du bist die Sonne und dringst eben deshalb bis an ihr äußerstes Ende.

Du hast den Himmel gemacht fern von der Erde, um an ihm aufzuleuchten,

um alles was du, einzig und allein du, geschaffen hast, zu sehen,

wenn du aufgeleuchtet bist in deiner Gestalt als lebendige Sonne,

erschienen und glänzend, fern und doch nah.“

Die Sonne ist die Verkörperung des Prinzips, das der Mensch braucht, um Licht und Leben zu erhalten. (Und das Wort ist Fleisch geworden, Joh 1, 14a). Die wichtigen Feste vieler Religionen korrespondieren mit den markanten Stellen der Sonne in ihrem Jahreslauf. Aufstieg und Niedergang der Sonne wird zum kosmischen Vorbild des sie auf Erden stellver­tretenden Heros, der dann auch in den Himmel auffährt. Der göttliche Erlöser wurde schon lange vor dem Christentum verehrt. Philosophen, Verehrer der Sonne als Ver­nunft, lehrten, dass die Menschheit durch das geistige Licht gerettet werden würde, das Licht, das die Welt gut und vernünftig machen würde. Die Sonne ist der große Lehrer, und ihr jährlicher Umlauf zeigt uns die einzelnen Schritte unserer eigenen Ent­wicklung.

Dieser besondere Punkt im Sonnenlauf, die längste Nacht und der kürzeste Tag, wurde immer schon als die Einweihungsnacht gefeiert. In dieser Nacht wurden die vorbe­reiteten Neophyten in Erdhöhlen gebracht, wo sich das Mysterium abspielte, in dem die Neophyten die Sonne in der Mitte der tiefsten Nacht schauten. Das Licht, das Geistige, muss in der Tiefe der Erde, in der tiefsten Finsternis gefunden werden. (cf. unser Ritual der Aufnahme). Die Lichtsymbolik ist die Verbildlichung des Erlebnisses der Wiedergeburt. Alle Mysterien sind Lichtkulte. Gefeiert werden der Tod und die Wieder­geburt der Sonne.

Unser Jahr beginnt mit dem Winteranfang, dem Tod des Lichts, unter dem Zeichen des Steinbocks, obwohl das Jahr der Vegetation, des Lebens, mit dem Frühlingsäquinoktium beginnt. Das Frühlingsäquinoktium erinnert an die Auferstehung des Gottes des Lebens, der vorher in die Unterwelt, zu den Toten, hinabgestiegen ist. Die esoterisch, initiatorische Bedeutung der Sternzeichen des Winters ist hinter dem Christentum ver­steckt. Der Steinbock stellt den Denker dar, der sich in sich selbst vertieft, um so zum höchsten menschlichen Wissen zu gelangen, der Erkenntnis nichts zu wissen. Darauf folgt eine Bescheidenheit, die ihn offen macht für die Macht über uns. Er legt seine Metalle ab, die nur blendend strahlen, um schließlich in die Mittlere Kammer zu ge­langen, wo jede Täuschung und Illusion entweichen. Wir sterben diesen symbolischen Tod aber nur, um wiedergeboren zu werden aus dem leuchtenden Wasser, das der Wasser­mann ausgießt. In diesem Wasser verwandeln wir uns in Fische – ein altes Symbol für Christus. Für die Babylonier war der Fisch Symbol der Seele, die im Meer Ea, der höchsten Weisheit, schwimmt.

Ich habe vorhin bewusst Mithras zitiert, denn sein Geburtsfest zum Wintersolstitium ist älter als das christliche Weihnachtsfest, die Geburt Jesu Christi, die zu diesem Fest ge­feiert wird. Erst 337 unter Papst Julius wird der Geburtstag Jesu auf den 25. Dezember festgelegt. 390 schreibt Chrysostomos dazu: „auf den 25. Dezember wurde die Geburt des Heilands festgelegt, damit die Christen ihre Feiern ungestört abhalten können, während die Heiden mit ihren Zeremonien beschäftigt sind.“ Mit diesen Zeremonien aber ist Romalia, „die Geburt der unbesiegten Sonne, des Sol Invictus“ ge­meint, und für Julian Apostatos ist die materielle Sonne ein Abbild der spirituellen Sonne, des absolut Guten. Die christliche Ikonografie setzt immer zur Rechten des Christus die Sonne. Und der protestantische Dichter Paul Gerhardt dichtet über das Jesuskind:

„Ich lag in tiefer Todesnacht,

du wurdest meine Sonne,

die Sonne, die mir zugedacht,

Licht, Leben, Freud’ und Wonne.

O Sonne, die das werte Licht

des Glaubens in mir zugericht’,

wie schön sind deine Strahlen.“

Auch in unserer Loge finde ich vieles, was mich an diese Thematik von Licht und Finsternis erinnert. In unserem Ritual wird der Meister vom Stuhl mit der Sonne ver­glichen, der die Loge erleuchtet oder beleuchtet. Wenn er das Licht aus dem Osten bringt, um die kleinen Lichter zu entzünden, wird er als Verkörperung der Loge zu einem Lichtbringer wie Loki, Prometheus oder auch Luzifer und er­schafft eine Welt des Lichts, die Ordnung und Struktur in das Chaos der Dunkelheit bringt. Ebenso steht der TH symbolisch vor dem Tempel, um für uns alle seinen Kampf gegen die Mächte der Finsternis zu führen. Albert Pike inter­pretiert die weißen und schwarzen Fliesen des musivischen Pflasters als Symbol dieser beiden Antagonisten. Licht und Schatten, Freude und Schmerz, Kommen und Vergehen kennzeichnen im ständigen Wechsel das Leben auf der Erde. Drei­mal umkreisen wir das musivische Pflaster auf unserer Reise zum Licht. Doch zwei Mal geht unser Weg am Osten vorbei, und wir finden uns wieder in der Dunkelheit des Westens, von wo wir ausgegangen sind. Erst wenn wir die rechte Kenntnis von uns selbst erlangen, können wir uns über unser kleines Menschen­schicksal erheben und geradewegs das Licht aufsuchen.

Was uns Brr... Freimaurer allerdings fehlt, ist der Erlösungsgedanke oder ein Erlöser wie wir ihn sowohl im Zarathustrismus, selbstverständlich im Christentum, aber auch im Manichäismus finden. Es bleibt in der Verantwortung jedes einzelnen Br..., welche Position er selbst in diesem immerwährenden Konflikt zwischen Licht und Finsternis be­zieht. Den Religionsstifter, der stellvertretend für alle seine zukünftigen Anhänger den Kampf mit der Finsternis geführt und gewonnen hat („descendit ad inferos“ im Credo), suchen wir in der Freimaurerei vergebens. In der Freimaurerei gibt es nämlich keinen endgültigen Sieg der Sonne, des Lichts, über die Finsternis. Die Freimaurerei ist eben kein Heilsweg, ihr Ansatz ist der des „stirb und werde“ unseres Br... Goethe. Am Winterjohannisfest feiern wir den Tod und zugleich die Wiedergeburt des Lichts.

Licht und Finsternis gehören untrennbar zusammen. Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod sind nur scheinbare Gegensätze, sie sind eins. Als Brr... Freimaurer sind wir dazu aufgerufen, das Licht und die Finsternis in uns selbst, unsere Stärken und Schwächen, unsere Talente und Fehler, unsere Ambitionen und Triebe, unsere Prägung durch unsere persönliche Geschichte zu erkennen. Jeder von uns muss sich den Schatten, seinen persönlichen Schatten stellen. Der erste Schritt ist das Erkennen der dunklen Seiten meines Ichs. Ich muss bereit sein anzuerkennen, dass ich nicht nur lichte Seiten in mir trage, sondern, dass die dunklen Seiten genauso wesentlich zu meiner Persönlichkeit beitragen. Kaum ein Mensch ist nur gut oder nur böse; das wäre Dr. Jekyll und Mister Hyde.

Zunächst ist es Ziel meiner Introspektion, die hellen und dunklen Seiten meines Charakters zu erkennen und als mein konkretes Ich zu akzeptieren. Danach beginnt meine Auseinandersetzung mit meinen Schatten. Ich beginne zu erkennen, dass Licht und Dunkel, Gut und Böse in manchen tatsächlich nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind; und dass manche schlechte Charaktereigenschaft nur eine übertriebene gute ist. So ist zum Beispiel Fanatismus übersteigerte Begeisterungsfähigkeit. Dies zu erkennen, ermöglicht mir neben der aktiven Unterdrückung meiner negativen Charaktereigen­schaften noch eine zweite Möglichkeit, Herr meiner Schattenseite zu werden, nämlich die Umformung oder eine Transformation meiner Leidenschaften zu­rück auf ihren ur­sprünglich guten Ansatz. Das aktive Unterdrücken braucht Stärke und sehr viel Selbst­beherrschung. Zur Transformation meiner Leidenschaften benötige ich vor allem Weis­heit, um die schönen, die hellen Seiten hervorzuholen.

Ziel eines Lebens nach Maurerart ist die Selbstveredelung des Einzelnen; mein Ziel ist es, täglich in allem so zu handeln, dass ich selbst Leben eher mehre, denn mindere (cf. Rupert Lay, Credo). Diesen Kampf muss ich täglich aufs Neue führen, und dieser Kampf ist bis an das Ende meines Lebenswegs nicht zu Ende. Dann werde ich vielleicht dem letzten Türhüter, der die Schwelle zur Schönheit des ewigen Lichts bewacht, sagen können: „ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet…“ (Paulus, 2. Tim 4,7)

Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen. (Joh 1,5)

Literatur:

  • Bardon Franz; der Weg zum wahren Adepten; Verlag Hermann Bauer, 8. Auflage 1984
  • Böhling Alexander; Die Gnosis, der Manichäismus; Artemis und Winkler Verlag 1995
  • Högl Stefan; Die religiöse Dimension der Nah-Todeserfahrungen; Magisterarbeit in der Philosophischen Fakultät I der Universität Regensburg
  • Lennhoff Eugen, Posner Oskar, Binder Dieter; internationales Freimaurerlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH; München 2000
  • Ligou Daniel; dictionnaire de la franc-maçonnerie; presses universitaires de france
  • Miers Horst E.; Lexikon des Geheimwissens; Goldmannverlag 1993
  • Naudon Paul; les loges de Saint-Jean, Dervy-Livres, Paris, 1974, 1980, 1984
  • Pike Albert, Morals and Dogma of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry, Kessinger Publishing Company, Montana, U.S.A.
  • Quispel Gilles; Gnosis als Weltreligion; Origo Verlag Zürich 1972
  • v. Ranke-Graves Robert, Patai Raphael; hebräische Mythologie, über die Schöpfungsgeschichte und andere Mythen aus dem Alten Testament; Rowohlts Enzyklopädie
  • Regschek Kurt; die esoterische Bedeutung von Ostern, Baustück
  • Regschek Kurt; die esoterische Bedeutung von Weihnachten, Baustück 1986
  • Seligmann Kurt; das Weltreich der Magie, 5000 Jahre Geheime Kunst; R. Löwit GmbH, Wiesbaden 1984
  • Wirth Oswald, Le symbolisme occulte de la Franc-maçonnerie, édition Dervy, Paris 1993

Abstract

Am Anfang alles Erschaffenen steht das Feuer, das Licht. Licht ist durchdringend und expansiv. Die Finsternis ist dem Licht entgegengesetzt und entstammt dem Wasser­prinzip, seine Grundeigenschaften sind Kälte und Zusammenziehung. Genauso wie das Feuerprinzip ohne seinen Gegenpol das Wasserprinzip nicht bestehen könnte, so könnten wir das Licht ohne die Finsternis nicht erkennen. Das Licht hat in seiner Auswirkung die positiven Eigenschaften und die Finsternis die negativen Eigenschaften.

In der dualistischen Glaubenswelt früherer Kulturen wurden die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis gleichermaßen verehrt. In der Natur stehen die beiden Prinzipien nebeneinander, und nichts deutet dar­auf hin, dass das Licht einmal über die Finsternis herrschen wird.

Ab dem Herbstäquinoktium erleben wir die Abnahme des Tages und die Zunahme der Nacht. Die Kräfte der Finsternis scheinen die Kräfte des Lichts mehr und mehr zu überwältigen. Doch in dem Moment der größten Sonnenferne, in diesem Moment, in dem die dunklen Kräfte zu siegen scheinen, ändert sich die Situation, und der Siegeslauf des Lichtes beginnt von neuem. Aufstieg und Niedergang der Sonne werden zum kosmischen Vorbild des sie auf Erden stellver­tretenden Heros, der dann auch in den Himmel auf­fährt.

Dieses Phänomen hat die Menschen seit Alters her zum Nachdenken angeregt, auf diesem Phänomen fußen die Erlösungskulte des Zarathustrismus, des Manichäismus und des Christentum.

Auch in der FMei... finden wir diese dualistische Lichtsymbolik. Hier gibt es jedoch keinen endgültigen Sieg des Lichts über die Finsternis, schon gar nicht durch einen Er­löser. Licht und Finsternis gehören zusammen. Jeder einzelne Br... ist aufgerufen, diesen Kampf nach den Regeln der FMei... – erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst – zu führen, um am Ende in der Schönheit des ewigen Lichts viel­leicht seinen Sieg zu finden.

Reflexion zum Grad des Meisters

Im Grad des Meisters werden wir aufgefordert, über unser angelerntes Wissen hinaus in uns selbst hinein zu hören. Die Arbeit im Meistergrad zielt darauf ab, Rationales und Spirituelles in enger Verbindung zuzulassen.

Der Meistergrad führt uns symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte unseres eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, sind wir eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, sind wir Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Loge, wenn wir Brr... MM arbeiten die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an wir Brr... an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; wir arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist mehr als eine fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, er ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt; er ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge zu verstehen und zu durchschauen. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für (uns) Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

Unser Ritual lehrt uns, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM – M ist, des eigenen Todes zu gedenken; wir sollten uns diese Mahnung zu Herzen nehmen, denn „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM – M. Auftrag des Meistergrades ist es, sich damit zu beschäftigen, wie ein Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Die sittliche Forderung des Meistergrads lautet, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führen zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen.

Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.


[1] Br... Mazakarini Leo, Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

Bauen am Tempel der Humanität

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon,

Wer baute es so viele Male auf?

In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war, die Maurer?

Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?[1]

Wer baut den unsichtbaren Tempel der Humanität?

In den Büchern stehen die Namen von berühmten Brr...

Haben nur die berühmten, namentlich bekannten Brr... die Welt erleuchtet?

Meine Brr..., das Ritual der Beförderung gibt auf die Frage nach der Nachhaltigkeit der maurerischen Arbeit des einzelnen Br... eine klare und – wie ich meine – gleichzeitig überraschende Antwort. Jede Arbeit, die wir tun, ist nur ein Schlag auf Eisen, das ein anderer vor uns geglüht hat und mit dem nach uns ein anderer arbeiten wird. Der Lohn dafür ist unser Anteil an der Kultur der Menschheit.[2]

Jeder von uns steht in der langen Reihe der Brr..., jeder trägt seinen Teil zu diesem Bau bei. Wir schlagen auf schon beschlagenes Eisen, das nach uns weiter bearbeitet werden wird. Wir kennen weder den Beginn, noch sehen wir das Ende oder können ahnen, wie die vollendete Arbeit aussehen mag. Das Gesellenritual prophezeit, dass keiner von uns das Ende, die Fertigstellung des Großen Werks erleben wird, dass wir vor Abschluss des Baus unsere Werkzeuge niederlegen müssen und ein anderer unsere Stelle einnehmen wird.

Vielleicht ist unser Schlag nur eine Wiederholung?

Vielleicht ist unser Schlag für die Tradition, in der wir stehen, nur insofern wichtig, als wir sie aufrechterhalten?

Vielleicht glauben wir nur aus Mangel an Bildung, einen originellen Beitrag zu leisten?

Vielleicht ist es uns auch wirklich gegeben, einen neuen Schlag zu tun?

All das ist nicht ausschlaggebend.

Wichtig ist das Ziel, dem wir uns alle verpflichtet haben, dem Bau des Tempels der allgemeinen Menschenliebe.

Wichtig ist das neue Verständnis von individueller Freiheit, die freiwillige, verantwortungsvolle Vernetzung in einer langen Kette, die sich durch die Zeiten zieht, – nicht die Selbstverwirklichung durch individuelles Tun.

Maurerisches Handeln, Bauen am Tempel der Humanität heißt teilnehmen an einem Ziel,

welches größer ist als ich selbst,

welches ich nie ganz kennen werde,

über welches ich nicht allein verfüge.

Die Größe meines Beitrags ist nicht wichtig, wichtig ist, dass ich ihn leiste.Die Kunst ist lang, das Leben kurz[3].


[1] Brecht Bertolt, Fragen eines lesenden Arbeiters, http://ingeb.org/Lieder/werbaute.html, Zugriff 25.02.2018, 13.20 hrs

[2] Ritual der Beförderung, erste Reise, GLvÖ

[3] Ritual der Beförderung, Gesellenbrief, GLvÖ

Der Spiegel

Während der vierten Wanderung der Beförderung zeigt uns der Br...TH ein Geheimnis. Der TH nennt es ein Bildnis; es ist ein Spiegel, in dem die wandernden Lehrlinge sich selber sehen sollen. Der Spiegel ist hier das Symbol der Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Indem die wandernden Lehrlinge in den Spiegel schauen, müssen sie sich selber kritisch ins Auge blicken. Es geht um Sehen, Wahrnehmen und Erkennen. Der Spiegel jedoch ist ein seltsames Instrument, denn was er zeigt, zeigt er in einer verschobenen Perspektive. Das Bild im Spiegel kann jederzeit verzerrt sein und auch der Spiegel hat seine blinden Flecken.

Friedrich Nietzsche dekretiert in der Morgenröthe von 1880: Der Intellect ist ein Spiegel. Das Bild des Spiegels soll den Prozess der Erkenntnis mit all seinen Grenzen und Fallen symbolisieren. Noch einmal Nietzsche in der Morgenröthe: Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts als die Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder aufs Nichts, als auf den Spiegel – Dies ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntnis.

Wenn wir den Spiegel, das Instrument unserer Erkenntnis, unseren Intellekt, unser Bewusstsein untersuchen, so finden wir ausschließlich die eingebrannten Erfahrungen. Denn Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, denn leeres, reines Bewusstsein ist nicht greifbar. Es ist die besondere Eigenschaft des Spiegels, dass ich ihn nie betrachten kann, ohne etwas in ihm zu sehen; ebenso ist auch das Bewusstsein nie leer; und es gibt auch keine Möglichkeit, etwas ohne den Spiegel des Bewusstseins wahrzunehmen. Der Spiegel ist eben nicht hintergehbar. Was man sieht und wie man es sieht ist immer eine Frage der Perspektive.

Wir können den Spiegel drehen und wenden, wie wir wollen; sobald wir ihn auf uns selbst richten, sehen wir immer andere Dinge, als wir sie uns erhoffen. …ist dies das Bild eines wahren und treuen Bruders? Ist dies das Bild eines Maurers, der fortgeschritten ist auf dem Wege zur Selbsterkenntnis? Und manchmal sehen wir Dinge, die wir eigentlich so nicht sehen wollen. Verzerrt also der Spiegel die Welt oder entzerrt er die Bilder von der Welt? Geht es uns da nicht manchmal wie dem Basilisken, der an der Häßlichkeit seines eigenen Spiegelbilds stirbt. Dazu noch einmal Nietzsche in einem Fragment aus dem Umkreis des Zarathustra: Ich hielt ihrer Häßlichkeit den Spiegel vor: da ertrugen sie ihren eigenen Anblick nicht: an dem bösen Blick ihres Auges kamen sie zu Schaden.

Der Spiegel, wie ihn uns der Br...TH vorhält, zwingt uns nicht nur zur Begegnung mit uns selbst, sondern er wird manchmal auch zum Instrument der Zerstörung. Der Spiegel weist auf die Dramatik und Gefahr der Selbstreflexion hin: man kann an sich selbst zugrunde gehen. Der Spiegel setzt die blinden Flecken der Selbstwahrnehmung ins grelle Licht. Was immer wir im Spiegel sehen, ist unser eigenes Bild, das oft genug unser Entsetzen auslöst. Den Spiegel einem anderen Menschen, einem Bruder, vorzuhalten, ist eine Form von Drohung.

Mit Hilfe des Spiegels, decke ich hässliche Seiten an mir auf, die ich mir selbst verboten habe zu kennen. …Sie haben sich selbst gesehen und erkennen nun an sich, was sie an anderen tadeln. Dieses verbotene Wissen freizulegen und zu integrieren ist ein weiterer Schritt zur Selbstveredelung. Unser Auftrag als Brr...FM ist es, mit dem Spiegel der Erkenntnis verantwortungsvoll umzugehen. Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, dass gerade der TH uns den Spiegel vorhält, denn er ist ein Wissender, der um alle möglichen Gefahren weiß.

Humanität, Humanismus

Die FM Kontinentaleuropas wird gern als humanitäre FM bezeichnet, in Abgrenzung zur christlichen FM Nordeuropas und zur sogenannt atheistischen FM in der Tradition des GOdF.

Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) war der erste, der den Begriff „humanité“ mit Humanität übersetzte und durch seine Briefe zur Beförderung der Humanität populär machte. Für Herder ist Humanität die Mitte von Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten und Menschenliebe. Gemeinsam ist diesen Begriffen ihr Ursprung in der Antike. Den Gegensatz zur Humanität nennt Herder „Brutalität“. Nach antikem Verständnis entwickelt sich der Mensch/die Menschheit aus Rohheit, Wildheit und Bestialität durch Entrohung, Zähmung Humanisierung. Die Bildung zur Humanität sei …ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück. (Brief 27, Bildung zur Humanisierung,). Der herder’sche Begriff Humanität beschränkt sich nicht ausschließlich auf Bildung, sondern betont ausdrücklich die praktische Dimension der Humanität. Damit führt Herder die verschiedenen antiken Dimensionen des Begriffs Humanitas zusammen und geht gleichzeitig darüber hinaus. So weiterentwickelt durch die zeitgenössische Philosophie und Politik führen seine Ideen zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen) vom 26. August 1789, die die französische Nationalversammlung als Verfassungsrecht verabschiedet.

Jede Form des Humanismus muss sich an den Werten und der Würde des einzelnen Menschen orientieren. Humanismus braucht weder Götter noch Heils- oder Erlösungsmythen, um sich und seine Ziele zu begründen oder zu rechtfertigen. Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen bilden den höchsten Wert, Persönlichkeit und Würde des einzelnen Menschen müssen respektiert werden, freie Persönlichkeitsentfaltung und geistige und schöpferische Entfaltung müssen möglich sein. Ausgehend von der Überzeugung, dass Freiheit und Gleichberechtigung universell gültige Werte sind, verlangt der kategorische Imperativ des Humanismus, …alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist… (K. Marx, F. Engels: Werke, Berlin 1956, Band 1). Ziel sind Bedingungen, unter denen die Persönlichkeitsentfaltung des einzelnen im Einklang mit der anderer gewährleistet ist

M. Tullius Cicero (106 vuZ – 43 vuZ) gibt in seiner Schrift „de officiis“ (verfasst 44 vuZ) die allgemeinste Begründung für humanitäres Handeln, wenn er schreibt: …und wenn die Natur das vorschreibt, dass der Mensch dem Menschen, wer auch immer er sei, helfen wolle wegen eben dieses Grundes, dass er ein Mensch ist, dann ist es gemäß derselben Natur notwendig, dass der Nutzen aller ein gemeinsamer sei. (Atque etiam si hoc natura praescribit, ut homo homini, quicumque sit, ob eam causam, quo dis homo sit, consultum velit, necesse est secundum eandem naturam omnium utilitatem esse communem). Die Forderung an die Menschen, anderen Menschen zu helfen, wird weder als göttliches Gebot gefordert, noch wird für das Befolgen dieser Forderung ewiges Seelenheil versprochen; für Cicero reicht als Begründung, warum ein Mensch dem anderen raten, helfen und für ihn sorgen soll, dass dieser ebenso ein Mensch ist, völlig aus. Der Grundsatz, dem Menschen zu helfen, weil er ein Mensch ist, ist ohne Ausnahme von Geschlecht, Stand, ethnischer Zugehörigkeit („Rasse“) allgemein gültig. Nach Cicero ist es die Vorschrift der Natur, …dass der Mensch für den Menschen sorgt, wer immer es sei, allein aus dem Grunde, dass er ein Mensch ist. Diese Vorschrift ist ein Recht, das bei allen Menschen bekannt ist, ein ius gentium; modern gesprochen ein Menschenrecht, begründet in der menschlichen Natur und dem Konsens aller Völker. Zugleich ist dies die allgemeinste, humanistische Begründung humanitärer Praxis.

Ciceros Grundsatz „Mensch als Mensch“ ist positiv, aktiv, sozial und universal.

  • Positiv, weil Cicero von einer natürlichen Zuneigung des Menschen zu sich und anderen ausgeht. Wer annimmt es sei naturgemäß, Menschen zu schädigen und zu verletzen, der …tilgt den Menschen aus dem Menschen. (hominum ex homine tollit).
  • Aktiv, weil der Mensch ein mit und für andere tätiges Lebewesen ist. Aufgabe des Menschen sei es nicht, Reichtum, Schönheit einsam zu genießen, sondern der Mensch solle sich mit Wohltätigkeit und Hilfe abmühen.
  • Sozial, denn der Mensch denkt von Natur aus auf Gesellschaft bezogen: Menschsein mit anderen für andere.
  • Universal: Cicero stellt ausdrücklich fest, dass diese Formel nicht nur für die eigene Familie oder die Mitbürger gilt sondern auch für Ausländer (externi).

Dieser Text wurde früh in Deutsche übersetzt (1488/1531). Hier findet sich auch der früheste Beleg für den Begriff Menschenwürde (dignitas hominis) in deutscher Sprache. Besonders im 18. Jahrhundert entwickelte diese Schrift eine starke Wirkung. Der FM Friedrich der Große ließ de officiis ins Deutsche übersetzen. Er war überzeugt, dass diese Schrift das beste Werk über Moral sei, das je schrieben wurde oder geschrieben werden könnte. Für seine Formulierungen des kategorischen Imperativs benützt Kant Ciceros Begründung humanitärer Praxis: handle stets so, dass du die Menschen sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel gebrauchst.

Quelle:

Cancik Hubert; Humanistische Begründung humanitärer Praxis: antike Tradition – neuzeitliche Rezeption in Groschopp Horst (Hrsg.) Humanismusperspektiven, Alibri Verlag Aschaffenburg 2010

Wir arbeiten in Sicherheit

Schon in den ältesten überlieferten Ritualen findet sich die Frage: „was ist die erste Pflicht eines Br... FM vor Eröffnung der L?“ Die Antwort lautet meist so ähnlich wie: „zu sehen, dass die L gehörig gedeckt ist.“ Auch in unserem Ritual melden daher TH und 2.A dem MvSt, „die L ist nach außen gehörig gedeckt, wir arbeiten in Sicherheit.“ Die erste Pflicht eines FM, die Sorge um die äußere Deckung erinnert uns daran, dass unsere Brr... Werkmaurer genauso wie unsere Gründungsväter im Grunde in allgemein zugänglichen Räumlichkeiten arbeiteten, die einen in der Dombauhütte neben dem unfertigen Bauwerk, die anderen im Hinterzimmer eines Gasthauses.

Diese Situation des Arbeitens in einem im Grunde genommen ungeschützten Raum ist uns heute fremd. Wir arbeiten in unserem Logenhaus in der Rauhensteingasse. Der Zugang zu unserem Logenhaus ist durch ein schmiedeeisernes Tor versperrt, die Chipkarte hat das Passwort ersetzt, wir kennen die besuchenden Brr.... Und dennoch legen wir auf Sicherheit immer größeren Wert. Als ich 1990 aufgenommen wurde, wurde, war da nur das Gittertor ohne Glas und keine weitere Tür zu Atrium. Jetzt ist nicht nur das ‚Gittertor verglast, es gibt eine blickdichte Tür zum Atrium und die Stiegenaufgänge zu den Stockwerken mit den Tempeln können mit Gittertoren verschlossen werden. Wir achten darauf unter uns zu bleiben, unsere Sicherheit ist uns offensichtlich sehr viel wert.

Für mich bedeutet dieser Satz des Rituals, wir arbeiten in Sicherheit, sehr viel mehr als diese physische Gewissheit, dass kein Mensch, der unserem Bund nicht angehört oder unserem Tun nicht wohl gesonnen ist, diese Räumlichkeiten betreten kann. In Sicherheit arbeiten heißt zunächst einmal, eingetreten zu sein in den Sicherheit spendenden Kreis von Freunden, Brüdern, die mich in brüderlicher Liebe und liebevoller Toleranz so auf- und annehmen, wie ich bin, die mir den Raum geben, ich selbst zu sein. Ich muss mich nicht verstellen oder muss etwas beweisen, denn ich weiß, ich bin unter Brr..., die sich mit mir freuen, die meine sorgen und meine Trauer mit mir tragen und die mir auch die Chance geben, mich selbst zu erproben.

In der L... empfängt den Br..., der aus der Unrast des profanen Lebens zur Arbeit kommt, Ruhe und weihevolle Stimmung, „wir arbeiten in Sicherheit“. Durch Anlegen unseres Werkzeugs, Schurz und Bijou, legen wir unsere profanen Wünsche, Begierden und Verhaftungen ab. Profaner Rang, weltliche Ambition, berufliche Anliegen und Beziehungen bleiben draußen. So können wir eine Welt schaffen, in der wir Brr... einander auf der Ebene der Wasserwaage begegnen.