Selbstbeherrschung ist Stärke

Beherrsche Dich selbst!

Abgründe drohen an Euren Wegen. Törichte Leidenschaften blenden Euren Blick. Wohl dem, der die Vernunft als Führerin wählt, der versteht, seine Wünsche abzustimmen auf die Wünsche anderer und so beiträgt zu brüderlicher Harmonie unter den Menschen. Sicheren Schrittes geht er durchs Leben. Selbstbeherrschung ist Stärke.

Beherrsche Dich selbst![1]

So lautet die Unterweisung des Br... 1.A zum Abschluss der zweiten Reise des Suchenden während seiner Rezeption. Es ist der zweite Schritt auf dem maurerischen Weg des – erkenne dich selbst – beherrsche dich selbst – veredle dich selbst –, den ein Br... tun soll, um sein Ziel die Schönheit seines Menschentums zu erreichen. Das Ritual spricht von (törichten) Leidenschaften, die durch Selbstbeherrschung unter Anleitung der Vernunft kontrolliert werden sollen, um auf diesem Weg nicht zu scheitern.

Leidenschaft ist ein heftiges, ungestümes Gefühl, das von der Vernunft nicht kontrolliert werden kann, aber auch sehr große Begeisterung für etwas. Im Duden wird Leidenschaft als ein emotionaler, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Gemütszustand definiert, aus dem heraus etwas erstrebt, begehrt oder ein Ziel verfolgt wird. Ebenso wird mit Leidenschaft große Begeisterung oder Neigung für eine bestimmte Tätigkeit beschrieben.[2]

Vernunft bezeichnet ein durch Denken bestimmtes menschliches Vermögen zur Erkenntnis. Die Vernunft erschließt allgemein gültige Zusammenhänge durch Schlussfolgerungen aus Sachverhalten, die vom Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfasst werden.[3] Damit ist die Vernunft jene Art des Denkens, die es dem menschlichen Geist erlaubt, seine Bezüge zur Realität zu organisieren.[4] Vernunft bezeichnet das geistige Vermögen, Zusammenhänge zu erkennen, zu beurteilen, zu überschauen und sich dementsprechend sinnvoll und zweckmäßig zu verhalten.[5] Platon definiert den Menschen über die Vernunft als seine herausragende Fähigkeit, als zoon logicon – vernunftbegabtes Tier. Für Descartes ist Vernunft die Fähigkeit, richtig zu urteilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden. Kant versteht Vernunft als die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Erkenntnisse ohne Rückgriff auf vorhergegangene sinnliche Erfahrung, das heißt über metaphysische Ideen, zu erlangen. Durch Vernunft wird gemäß Kant Moral begründet, wobei die reine Vernunft aus sich selbst erkennt, dass sie eine praktische Bestimmung hat.[6] Im Zeitalter der Aufklärung wird die Vernunft als das Instrument des Fortschritts betrachtet. Im 19. Jahrhundert steht die Vernunft im Zentrum philosophischer Debatten; für die Romantiker in der Nachfolge Rousseaus sind Gefühle wichtiger als Vernunft. Für die Philosophen der Frankfurter Schule ist die Vernunft gescheitert, denn sie habe ihre aufklärerischen, emanzipatorischen Versprechen nicht gehalten.[7] Für Horkheimer und Adorno ist in der Tradition Nietzsches die Vernunft formalisiert; das Mittel werde fetischiert, es absorbiere die Lust.[8]

Selbstbeherrschung bezeichnet ein … eigenkontrolliertes Verhalten, das einen Zustand aufrechterhält oder herbeiführt, in dem es Anstrengungen aufwendet, die den Ablenkungen von der Zielvorgabe entgegenwirken.[9] Affekte und Gefühle sollen durch den Willen gesteuert werden, um diesen nicht ungezügelt freien Lauf zu lassen. Es geht darum, Versuchungen zu widerstehen, sowie die Kontrolle über sich selbst und die eigenen Gefühle zu behalten.[10] Im Internationalen Freimaurerlexikon von Lennhoff, Posner, Binder wird Selbstbeherrschung als die Kraft definiert, durch den vernünftigen sittlichen Willen das Eigenleben im Sinne menschlicher Vollkommenheit zu gestalten, unabhängig von den Naturtrieben und Affekten.[11] Im maurerischen Sinn geht es um die Beherrschung der sozial schädlichen Triebe. Damit werde der Toleranz zum Durchbruch verholfen. Die durch die Selbstbeherrschung verursachten Hemmungen seien die Voraussetzung für der Selbstveredelung.[12]

Unsere Brr..., die den Text unseres Rituals erarbeitet und editiert haben, haben ihre Hausaufgaben perfekt erledigt. Auf der einen Seite steht als positive Aussage, These, die Vernunft (…wohl dem, der die Vernunft zur Führerin wählt…[13]). Sie beziehen sich auf Platon, der die Vernunft als eine Eigenschaft definiert, die den Menschen auszeichnet; was macht einen Menschen aus. Sie beziehen sich auf Descartes, der die Vernunft als Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit definiert, wozu braucht der Mensch die Vernunft. (…was das Licht für das Auge, ist die Wahrheit für den Geist…[14]). Hier erweist sich der Ritualtext als Ergebnis aufklärerischen Denkens. Vernunft ist positiv definiert, Zweifel an der Bedeutung der Vernunft, wie sie die Philosophie des 19. Jahrhunderts äußert, oder Scheitern der Vernunft und damit des aufklärerischen Gedankens, wie sie Horkheimer und Adorno formulieren finden wir in diesem Ritualtext nicht.

Der Führerin, der reinen Vernunft gemäß Kant, stellt das Ritual als Antithese die Leidenschaften gegenüber und verstärkt deren negative Position dadurch, dass es die Leidenschaften töricht nennt. Mit der reinen Vernunft und den törichten Leidenschaften ist, wie oft in unserem Ritual, eine Polarität definiert. (Sonne und Mond, Säule J und Säule B, musivisches Pflaster etc.). Anstatt jedoch, wie es Maurerart wäre, den Gegensatz von These und Antithese in der Synthese mit einem Dreieck aufzulösen und die beiden Pole zu integrieren, ist in diesem Spruch des 1.A eine klare Hierarchie definiert. Schließlich wird auch die Methode mitgeteilt, mit welcher das Ziel erreicht werden soll, die Selbstbeherrschung.

Dieser Denkansatz scheint auf den zweiten Blick logisch, denn der Auftrag ergeht an einen Suchenden, der im Begriff steht, in den Bund der FMei aufgenommen zu werden, und nicht an einen Br... M, der durch seine Erhebung Weisheit besitzt und die Polarität in seiner Erhebung überwunden hat (auch wenn wir alle, auch die ältesten Brr... MM ein Leben lang LL bleiben).

Aufgabe und Auftrag des L ist, an sich selbst zu arbeiten und das Ziel, die Schönheit seines Menschentums,[15] zu erreichen. Am Anfang steht die Selbsterkenntnis, das heißt zu erkennen, welche Kanten und Grate am rauen Stein dem behauenen, dem rechtwinkeligen, dem glatten Stein entgegenstehen. Die Selbstbeherrschung steht hier für den Hammer des Lehrlings, mit dem er an seinem Stein, an sich selbst arbeiten soll. Einen massiven Stein zu behauen, braucht klare Erkenntnis und klare Zielvorgaben. Da gibt es keinen Platz, um zu diskutieren, ob diese Ecke oder jene Kante nicht doch stehen bleiben könnte. Und es braucht kräftige Hammerschläge, um Grate zu glätten und Kanten winkelig zu machen.

So schön dieses Konzept in der Theorie aussieht, die Frage ist, ob es in der Praxis auch hält, was es verspricht. Im Grund geht es darum, dass die Ratio die Emotio beherrschen soll. Ein kurzer Exkurs in die Neurowissenschaften scheint mir hier hilfreich zu sein. Emotio, Gefühle, Leidenschaften spielen sich in den ältesten Hirnanteilen, dem sogenannten Reptilienhirn (Hirnstamm und Zwischenhirn) ab; wir finden Emotionen auch bereits bei Tieren. Ratio, Vernunft ist in den entwicklungsgeschichtlich jüngsten Anteilen des Gehirns, der Großhirnrinde, im Stirnlappen verortet. Nur der Mensch ist geistig dazu in der Lage, seine emotional verankerten Moralauffassungen reflektierend zu überprüfen und gegebenenfalls bewusst zu disziplinieren. Platon hatte recht, die Fähigkeit zur Vernunft macht den Mensch zum Menschen. Jedoch macht das Großhirn nur einen geringen Teil unserer Gehirnfunktionen aus. Außerdem wissen wir, dass die Wirkmächtigkeit alter Hirnareale stärker ist als die jüngerer. Das heißt für unsere Fragestellung, dass die Emotio nur unterdrückt aber niemals ausgeschaltet werden kann. Seit Freud wissen wir, dass wir Menschen nicht Herr im eigenen Haus sein können und die dauerhafte Unterdrückung von Gefühlen eine wichtige Ursache von psychischen Störungen ist.

Machen wir ein Gedankenexperiment; wie würde so eine Person, bei welcher die Ratio stärker als die Emotio ist, aussehen, wie würde sie Entscheidungen treffen, wie würde sie handeln? Eine solche Person ist Mr. Spock, erster Offizier des Raumschiffs Enterprise, Sohn eines Vulkaniers und einer menschlichen Frau. Sein Verhalten und seine Entscheidungen sind ausschließlich von Logik und Vernunft geleitet. Als Beobachter erleben wir sein Verhalten als faszinierend aber alles andere als menschlich. Es gibt jedoch in dieser Serie eine Szene, in welcher Mr. Spock eine unlogische Entscheidung trifft, welche er so begründet, es wäre logisch gewesen, unlogisch zu handeln. Abgesehen von seinen spitzen Ohren und seinem grünen Blut erscheint uns Mr. Spock wohl gerade deswegen so außerirdisch, nicht-menschlich, weil ihm die Emotion fehlt, die wesentlicher Bestandteil unseres Menschseins ist.

Ein zweites Beispiel ist der Mythos von Parzival und Amfortas. Amfortas, Parzivals Onkel, leidet unter einer nicht heilenden Wunde, die vom Zauberer Klingsor mit einem vergifteten Speer verursacht wurde. Parzival sieht das Leid seines Onkels. Seine Erziehung, seine Vernunft, verbietet ihm, zu fragen, was mit seinem Onkel wäre. Er unterdrückt seine Gefühle und Amfortas muss weiter leiden, denn die Frage, wie es seinem Onkel gehe, hätte diesen von seinem Leiden erlöst. Erst nach langen Irrfahrten und nach seiner Läuterung findet Parzival in die Gralsburg zurück. Nun weiß er, dass es richtig ist, seinen Gefühlen, seinem Mitleid nachzugeben, und er kann seinen Onkel mit seiner Frage heilen. Diese Sage zeigt deutlich, was unterdrückte Emotionen anrichten können.

Emotionen, Gefühle und Leidenschaften sind Teil meines Menschseins; sie sind Teil meiner Persönlichkeit, genauso wie meine Intellektualität und meine Vernunft. Ich freue mich, würde jemand über mich sagen, ich wäre ein leidenschaftlicher Br... FM, denn das bedeutete, dass ich der Bruderschaft mit meiner ganzen Begeisterungsfähigkeit und Intellekt verbunden bin. Andererseits besteht die Gefahr, dass Vernunft zu weit geht, sich selbst überschätzt und selbst dogmatisch wird.

In der Praxis geht das Konzept der reinen Vernunft, wie es Kant postuliert, oft genug nicht auf. Vielen Menschen mag es wie mir zu blutleer erscheinen. Es braucht genauso das Gefühl, die Hoffnung, den Luxus des Überflusses, die Grenzüberschreitung (Transgression). Freud hat uns darauf hingewiesen, dass diese Grenzüberschreitungen ein Ausdruck innerer Freiheit sind, dass wir uns nur dann als Individuen entdecken können, wenn wir uns den Regeln und Idealen des Kollektivs gegenüber schuldig machen.[16] Für den von mir überaus geschätzten radikalen Aufklärer Denis Diderot war die Erfüllung des Lebens schon Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die Rationalität, sondern die volupté, die Sinnlichkeit, die Lust.

Die FM-ei hat um diese Spannung wohl schon immer instinktiv gewusst. Denn so sehr sich die Brr... den Inhalten und Zielen der Aufklärung verpflichtet fühlen, die Arbeit mit Ritual und Symbol spricht beide Seiten im Menschen gleichermaßen an. Was im Ritual geschieht, vollzieht sich teils auf der emotionalen Ebene, teils auf der rationalen Ebene, oder auch auf beiden gleichzeitig, oder zwischen diesen Ebenen – und es bringt auch diese verschiedenen Ebenen in uns zur Resonanz. Besonders in der rituellen Arbeit erleben wir die ideale Verbindung von Ratio und Emotio. Die Verbindung von Musik, Licht und körperlicher Haltung berühren unsere Gefühle. Das Ritual breitet die ganze Fülle unserer Gedanken, Mythen und Symbole vor unseren Augen und Ohren aus. Es fordert uns auf, uns ihm auf jeweils neue und individuelle Art zu öffnen, sich von ihm ergreifen und führen zu lassen. Der Text der Wechselgespräche zwischen den hammerführenden Meistern und das BS des zeichnenden Br... wendet sich an die Ratio. Die ständige Wiederholung des Gleichen und des jedes Mal andere Erleben prägen und verändern das Denken des Br... und helfen ihm so, sein Ziel, den behauenen, winkeligen, glatten Stein zu erreichen, der zu werden, der er sein könnte. Im Ritual werden die Inhalte und Ziele der FMei rational erfassbar und emotional erlebbar. Die FMei versucht, den Menschen, so wie er ist[17], ernst zu nehmen in seiner Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen, einer vernünftigen und einer emotionalen Persönlichkeit und nicht als ein lebloses Wesen, das ausschließlich aus Vernunft besteht.[18]

FM-ei war und ist immer beides, Emotio und Ratio, Gefühl und Intellekt, Hermetik und Aufklärung, und immer in verschiedenen Mischungsgraden.


[1] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[2] https://www.duden.de/rechtschreibung/Leidenschaft; Zugriff 22.01.2022, 14.44 hrs

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.52 hrs

[4] https://www.philomag.de/lexikon/vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.55 hrs

[5] https://www.dwds.de/wb/Vernunft; Zugriff 22.01.2022, 15.06 hrs

[6] https://www.philomag.de/lexikon/vernunft; Zugriff 22.01.2022, 14.55 hrs

[7] Horkheimer M., Adorno T. W., Dialektik der Aufklärung

[8] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek, Verlag Traugott Bautz, 2006

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstdisziplin; Zugriff 22.01.2022, 15.35 hrs

[10] https://www.dwds.de/wb/Selbstbeherrschung; Zugriff 22.01.2022, 15.39 hrs

[11] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Selbstbeherrschung

[12] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Selbstbeherrschung

[13] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[14] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[15] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[16] Blom P., gefangen im Panoptikum, Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart, Residenz Verlag 2017

[17] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Rationalismus

[18] Lennhoff E., Posner O., Binder D. A., Internationales Freimauererlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe 1932, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2000, Stichwort Rationalismus

3 Kommentare zu „Selbstbeherrschung ist Stärke

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