Werkmaurerei

Die Freimaurer leiten ihre Namen von den alten Verbrüderungen der mittelalterlichen Bau­hütten her.

Es sind gewaltige Leistungen, die unsere Brüder Werkmaurer da im Hochmittelalter vollbracht haben. Zwischen 1050 und 1350 werden in Frankreich 80 Kathedralen, 500 große Kirchen und mehr als 10 000 Pfarrkirchen errichtet. Dabei werden in diesen 300 Jahren mehrere Millionen Tonnen Steine verbaut, mehr als in Ägypten zu irgend­einem Zeitpunkt; die Cheopspyramide hat einen Rauminhalt von 2.500.000m3. Auf rund 200 Einwohner kommt eine Kirche oder Kapelle; in Norwich, Lincoln und York, Städte, die zu dieser Zeit zwischen 5.000 und 10.000 Einwohner haben, gibt es jeweils 50, 49 bzw. 41 Kirchen oder Kapellen. Die Kathedrale von Amiens mit ihrer Grund­fläche von 7.700m2 konnte die damalige Stadtbevölkerung von etwa 10000 Menschen auf­nehmen. Auf heutige Verhältnisse übertragen würde dies eine Stadt mit rund 1 Million Einwohnern und einem Stadion für 1 Million Besucher bedeuten; das größte Stadion der Welt hat jedoch nur 240.000 Plätze. Im Chor der Kathedrale von Beauvais könnte ein Bauherr ein Gebäude mit 14 Stockwerken errichten, bevor er das 48m hohe Gewölbe erreicht. Die Turmhöhe der Kathedrale von Chartres, 105m, entspricht einem Gebäude von 30 Stockwerken, die von Strassburg mit 142m einem mit 40; und der Südturm unseres Wiener Stephansdoms mit 136m entspricht einem Wolken­kratzer von 39 Stockwerken.

Alle Historiker, die sich mit mittelalterlicher Baukunst beschäftigen, unterscheiden üblicher Weise zwischen romanischen und gotischen Bauten. Die Wende wird für die Mitte des 12. Jahrhunderts angesetzt. Allerdings gibt es durchaus gotische Kirchen ohne Strebebogen und die berühmten Spitzbogengewölbe haben nicht die Bedeutung, die ihnen meistens zugemessen wird. Der Unterschied liegt weniger im Baustil als in einer Vielzahl von kleinen technischen Neuerungen findiger Hand­werker und Architekten. Nebeneinander gibt es nicht romanische oder gotische Bauleute sondern Kathedralenbauer, die neues schaffen und solche, die sklavisch an der althergebrachten Bauweise fest halten. Von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum Ende des 13. Jahrhunderts werden eine Reihe von bautechnischen Neuerungen eingeführt, z.B. die Schubkarre, während in den folgenden 250 Jahren das technische Grundgerüst der vergangenen 250 Jahre einfach weiter verwendet wird.

Die Zeit von etwa 1050 bis zum Ende des 13. Jahrhunderts ist für das christliche Europa eine Zeit des Aufbruchs und der Blüte. Es ist ein Zeitalter voll von Schaffenskraft und Erneuerung. In dieser Zeit leben und wirken eine Reihe der her­ausragendsten Persönlichkeiten mittelalterlicher, abendländischer Geschichte; Bernhard von Clairvaux, Abaelard, Franz von Assisi, Thomas von Aquin, Roger Bacon. Es ist die Zeit des vierten bis achten Kreuzzugs, Jerusalem ist von Saladin bereits wieder erobert, Kreuzfahrer haben Konstantinopel eingenommen, Kriege gegen Katharer und Albigenser, Belagerung und Fall von Montségur, Reconquista. Friedrich II. ist Deutscher Kaiser, Richard Löwenherz stirbt, ihm folgt Johann ohne Land. Der Templerorden ist noch auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wolfram von Eschenbach schreibt seinen Parsifal und den Titurel, Robert Boron den Heiligen Gral. Universitäten entstehen. Die Wasserkraft wird genützt, Holzbrücken werden durch Steinbrücken ersetzt. Das Feudalsystem funktioniert, Wohlstand herrscht, in einer Zeit ohne Missernten wächst die Bevölkerung.

Wer waren nun die Bauleute, die Brüder und auch Schwestern, die ihr Leben damit verbrachten, Steine zu behauen, Dreck zu schaufeln und Mörtel anzurühren? Wie hoch war ihr Lohn, welche Werkzeuge verwendeten sie, wie hievten sie die schweren Steine und das Bauholz auf das Dach, woher kam das Geld für die Bau­werke?

Es ist die Gläubigkeit der mittelalterlichen Stadtmenschen, die den Anstoß zum Bau der Kathedralen gibt. Die Eitelkeit des Bürgertums der damaligen Zeit verbunden mit dem allgemeinen Wohlstand dieser Jahre macht den Bau der Kathedralen erst möglich. Eine besondere Rolle in der Spiritualität dieser Zeit spielt der Marienkult, der besonders von Bernhard von Clairvaux und dem Zisterzienserorden gefördert wird. Gleichzeitig ist die Geschichte der Kathedralenbauer eng mit dem Aufblühen der freien Städte, des freien Handels und einem freien Bürgertum verknüpft. So sind die gewaltigen Kathedralen inmitten der Städte Zeugen eines selbstbewussten Bürgertums. Die Gesellschaft des Mittelalters mit dem neu aufgekommenen Bürgertum wird von einem „euphorischen“ Weltrekordfieber ergriffen; so werden die Kirchenschiffe immer höher und höher, 1163 ND de Paris 32,8m, 1194 ND de Chartres 36,55m, 1212 ND de Reims 37,95m, 1221 ND de Amiens 42,3m. Tragisches Beispiel für dieses Streben nach immer neuen Rekorden ist der Chor der Kathedrale von Beauvais mit 42m, der 1284 einstürzt.

Allerdings stößt der gigantomane Kathedralenbau auch auf heftigen Widerstand. 1180 stuft Pierre de Chantre, Domherr der Kathedrale von Paris, diese Leidenschaft als Epidemie ein; er schreibt: „Es ist eine Sünde Kirchen zu bauen, wie es momentan ge­schieht… Die Klosterbauten und Kathedralen werden zurzeit mit dem Wucher des Geizes, der List und der Lüge und mit den Betrügereien der Prediger gebaut.“

Hat in der Antike das Volk keinen Zugang zum Haus Gottes, zum Allerheiligsten, so sind im Mittelalter alle Gläubigen aufgefordert, sich an den Baukosten zu beteiligen und die Gebäude werden auch deshalb so groß geplant und ausgeführt, um dem Volk den Zugang zum Altarraum zu ermöglichen. Die Zuständigkeit des Bischofs und des Kapitels endet mit dem Altarraum, Mittelschiff und Seitenschiffe gehören dem gläubigen Volk. Dort wird gegessen und geschlafen, geredet und nicht ge­flüstert, Tiere werden mitgebracht, man versammelt sich zu Besprechungen, die Gemeindevertreter kommen zusammen, Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten kommen zusammen und der Bürger trifft nicht nur auf den Bauern aus der Umgebung, sondern kann durchaus so seinem Bischof oder dem Landesherren be­gegnen.

Besonders die zahlreichen, religiösen Feste sind es, die im Mittelalter die Beziehung zu Gott prägen und die leidenschaftliche Begeisterung für den Kirchenbau auslösen. Auch wenn ein Arbeitstag deutlich länger als heute dauert (von Morgengrauen bis Sonnenuntergang), so räumt die mittelalterliche Kirche ihren Bauern und Arbeitern viele Erholungstage ein. Zu den 52 Sonntagen kommen noch etwa 30 religiöse Feier­tage hinzu. Die Arbeit wird am frühen Samstagnachmittag beendet, vor religiösen Festen endet die Arbeit ebenso zur Mitte des Vortags. Zählt man diese halben freien Tage zu den freien Tagen dazu, so kann man überschlagen, dass die Menschen im Mittelalter durchschnittlich nicht mehr als vier bis fünf Tage arbeiten. Arbeitsfreie Tage werden nicht bezahlt; die exakte Buchführung des Pariser Augustinerklosters aus dem Jahr 1299 belegt dies.

2. Augustwoche

Meister Robert für 5 Tage 10 Sous

3 Maurer, jeder 5 Tage, 29 Sous, 2 Deniers

5 Gehilfen, jeder 5 Tage 4 Sous, 7 Deniers

4. Augustwoche

Meister Robert für 4 Tage 8 Sous

3 Steinmetzen, jeder 4 Tage zu 2 Sous pro Tag, 24 Sous

(12 Deniers = 1 Sous, 20 Sous = 1 Livre)

Die arbeitende Bevölkerung des Mittelalters schuftet also nicht bis zum Umfallen.

Die Mitglieder der Domkapitel sind es, denen der Titel Kathedralenbauer gebührt. Die Bischöfe haben nur in Einzelfällen und dann über einen beschränkten Zeitraum den Kathedralenbau unterstützt. In der Ausarbeitung der Baupläne und in der Durchführung der Bauarbeiten kommt dem Kapitel eine Rolle zu, die ungefähr der eines leitenden Stadtplaners in der heutigen Zeit entspricht. Die Herausforderungen, denen sich diese Kleriker gegenübersehen gleichen durchaus denen, die heute bei großen Bauprojekten auftreten, Enteignungen, Ablösen, Finanzierung, individuelle Interessen treten Allgemeininteressen gegenüber. So wehren sich zwischen 1230 und 1240 die Brüder, die das Hospital von Amiens betreiben, gegen die Absicht, die Kathedrale auf Kosten ihres Hospitals zu vergrößern. Schließlich erhalten die Brüder 100 Livres über einen Zeitraum von fünf Jahren für einen Neubau, und ein vier­köpfiger Ausschuss, der die Kosten eines Umzugs schätzen soll, muss gebildet werden.

Einmal pro Jahr bestimmt das Kapitel einen „Proviseur“. Dieser Proviseur ist meistens ein Geistlicher, kann aber auch jemand von weltlichem Stand sein, der dem Kapitel verantwortlich ist. Aufgabe des Proviseur ist es, die Bücher zu führen und die Bauarbeiten zu leiten.

Über den Bau der Kathedrale von Autun ist für das Jahr 1294/95 die komplette Buchführung erhalten, die Robert Clavel, Proviseur des Kapitels der Kirche Saint – Lazare angelegt hat.

Die Einnahmen gliedern sich in 7 Gruppen

  • Besteuerung des Kapitels von Autun
  • Einnahmen durch nicht zugewiesene Erträge in der Stadt und in der Diözese Autun
  • Einnahmen aus Ablässen für die Unterstützung des Kirchenbaus
  • Einnahmen aus der Kollekte und durch die Bruderschaft Saint – Lazare auf der Pfingstsynode
  • Nebeneinkünfte; Gelder, die ursprünglich nicht vorgesehen sind, wie Erb­schaften und Vermächtnisse
  • Einnahmen aus speziell zugunsten des Baus gestifteten Opfergaben
  • Eine zusätzliche Einnahme aus Kollekten in der Kirche

In Liste der Ausgaben finden sich solche für

  • Steinbrüche zur Förderung von Steinen
  • Kalk
  • Zimmerleute, Schneiden und Transport der Rohdauben für die Gewölbe
  • Schmiede in Autun und im Steinbruch
  • Latten, Nägel, Eisenbeschläge
  • Den Dachdeckermeister
  • Transport von als Wasserspeier bezeichneten Steinen
  • Miete einer Wohnung des Meisters
  • Kleidung des Meisters
  • Dachdeckerhämmer
  • Den Sattler und für Sättel, Kummete
  • Heu und das Anspannen des Fuhrwerks
  • Beschlagen der Pferde
  • Miete der Fuhrwerke
  • Kauf eines Pferdes
  • Kerzen

Neben der Versorgung der Baustelle mit Rohstoffen muss der Proviseur den Materialtransport organisieren, die Arbeiter bezahlen, die fertigen Gebäude unter­halten und dafür Sorge tragen, dass die Gottesdienste auch während der Bauarbeiten abgehalten werden. Robert Clavel schafft zum Abrechnungszeitraum ein ausge­glichenes Ergebnis. Wenn die Bauleute nicht bezahlt werden können, stellen sie die Arbeiten ein, verlassen die Stadt und arbeiten auf einer anderen Baustelle weiter. Um die Löcher zu stopfen, sind die Kanoniker durchaus erfindungsreich. Sie führen neue Kollekten ein, Geistliche, die zu spät zum Gottesdienst kommen, müssen ein Bußgeld bezahlen, Gräber innerhalb der Kathedralen werden verkauft, Ablässe werden gegen Geld angeboten, und Reliquien werden auf Tournee geschickt.

Auf so einer mittelalterlichen Kathedralenbaustelle sind, wie aus den Aufstellungen der Ausgaben zu erkennen ist, die unterschiedlichsten Berufe vertreten. Nicht alle je­doch sind gelernte Handwerker, jede Berufsgruppe beschäftigt Hilfsarbeiter. Diese rekrutieren sich aus entlaufenen Leibeigenen, die es schaffen ein Jahr und einen Tag in einer Stadt zu leben („Stadtluft macht frei“) oder sie sind Bauersöhne aus kinder­reichen Familien. Die zahlreichen Baustellen einer Stadt bieten gute Arbeitsmöglich­keiten. Ihre Aufgaben reichen vom Transport von Stabholz für die Zimmerleute, über das Ausheben der Baugrube bis zum Transport von Ziegeln und Steinen auf einen Turm. Ihnen bieten sich zahlreiche Aufstiegsmöglichkeiten, kraft ihrer Arbeit und ihrer Intelligenz können sie Facharbeiter werden, ein Kapital ansparen und selbständig werden oder sogar bis zum Architekten aufsteigen. Alle diese Arbeiter sind gleichzeitig auch Steuerzahler und die Steuerregister geben Aufschluss über Zahl und Verteilung der Arbeiter.

Im Steuerregister der Pariser Stadtverwaltung des 13. Jahrhunderts finden sich 192 Personen, die mit Stein arbeiten und sich folgendermaßen aufteilen: 104 Maurer, 12 Steinmetze, 36 Gipser, 8 Mörtelmacher, 2 Vorarbeiter, die das Zurichten der Steine leiten, 18 Steinbrecher, 7 Maurergehilfen, 3 Hauer und 2 Steinsetzer. In diesem Register finden sich mehrere Frauen, Gipserinnen, Mörtelmacherinnen und einzelne Maurerinnen, jedoch keine Frauen unter den Steinbrechern und Steinmetzen. Der Grund liegt darin, dass es sich dabei um Arbeiten handelt, die körperlich sehr an­strengend sind.

Steinbrecher, Mörtelmacher und Steinmetze gehören zum einen Zweig der Familie der Steinarbeiter; Gipser, mit Zement arbeitende Mörtelmacher und Maurer gehören zum anderen Zweig. Die Statuten des Etienne Boileau, Vorsteher der Pariser Kauf­mannsgilde verzeichnen Mitte des 13. Jahrhunderts in Paris 101 Gewerbe und sagen über die Steinarbeiter: „Mörtelmacher und Gipser sind von demselben Rang wie die Maurer und gehören zu derselben Berufsgruppe wie sie.

Die Maurer sind in erster Linie einmal Steinleger, im Englischen Setter oder Layer. Diese Ausdrücke vermitteln die Vorstellung des Legens und Einzementierens in eine Mauer. Wir kennen zahlreiche Kirchenfenster, die Maurer bei ihrer Arbeit zeigen. Meist sind die Maurer mit Maurerkelle, Setzwaage und Senkblei an einer Mauer zu sehen. Am Fuß der Mauer rühren Mörtelmacher Mörtel, Hilfsarbeiter reichen Steine oder Mörtel nach oben zu den Maurern. Im Winter wird das Steinelegen wegen der Frostgefahr eingestellt und die Maurer werden entlassen, sie verschwinden von der Baustelle und auch aus den Büchern. Nur diejenigen Maurer, die am geschicktesten im Behauen von Steinen sind, werden in der Werkstatt – der Loge – am Fuß des Ge­bäudes weiter beschäftigt.

Diese wechselnde Zahl an Arbeitern am Bau finden wir in den erhaltenen Büchern dokumentiert, so zum Beispiel in den Büchern der Westminister Abbey von 1253. In der Woche vom 14. – 20. Juli werden 215 Hilfsarbeiter eingestellt, in der darauf folgenden Woche werden 65 und in der nächsten Woche noch einmal 10 entlassen. Mit Wintereinbruch sinkt die Zahl der Hilfsarbeiter schlagartig ab; in der Woche vom 10. – 16. November auf 30. Genauso verhält es sich mit den Maurern; nach 33 Maurern am 27. Oktober sind es am 10. November nur noch 5. Insgesamt sind im Jahr 1253 beim Bau der Westminster Abbey bis zu 428 Arbeiter (Woche vom 23. – 29. Juni) beschäftigt, im Schnitt über das ganze Jahr arbeiten 300 Menschen am Bau mit, davon sind etwa 50% gelernte Facharbeiter.

Wenn wir an die Kathedralen denken, so denken wir meist an unsere Brüder Werk­maurer und vergessen dabei gerne auf den Beitrag, den die Steinbrecher, die Arbeiter in den Steinbrüchen, für die Entstehung eines solchen Gebäudes leisten. In den Steinbrüchen macht sich der Mensch des Mittelalters mit dem Stein vertraut, denn es gibt keine antike Überlieferung, die über die Vorzüge und die Mängel sowie die Be­handlung dieses Rohstoffs Informationen geben kann.

Die Steinbrecher arbeiten unter schlechten materiellen Bedingungen, sie leiden unter der Feuchtigkeit vieler Steinbrüche und ziehen sich eine Staublunge zu. Ihr Lohn entspricht dem eines Hilfsarbeiters am Bau. Ihre Bedeutung ist besonders in der ersten Phase eines Bauprojekts hoch, wenn Tausende von Kubikmetern Stein für die Grundmauern gebrochen werden.

Sie arbeiten in Achtergruppen unter der Leitung eines Steinbrechermeisters. Beim Bau der Zisterzienserabtei Vale Royal in Cheshire werden in drei Jahren 1278 – 1281 35448 Karren Steine aus dem Steinbruch zur 8 Kilometer entfernten Baustelle transportiert. Um diese mehr als 35000 Tonnen Steine (eine Fuhre entspricht 1 Tonne) in dieser Zeit zum Bauplatz zu schaffen, muss während der Arbeitszeit jede Viertel­stunde ein Karren den Steinbruch verlassen.

Um die überaus hohen Transportkosten zu verringern, werden Steinmetze in den Steinbruch gesandt, die die Steine an Ort und Stelle vierkantig in passender Größe behauen. Die Maße für einen solchen Stein sind nach dem Ort oder der Baustelle normiert. Die Bezahlung erfolgt sowohl nach Zeit, pro Tag oder pro Woche genauso wie nach Stück. Warum aber ein Arbeiter nach Stücklohn und ein anderer Arbeiter nach Zeit bezahlt wird, ist nicht eindeutig.

Auf der Grundlage der Erkennungszeichen, die die Stückarbeiter in die Steine gravieren, kann man feststellen, dass Stückarbeit im 12. Jahrhundert häufiger ist als in den darauf folgenden, dass Stückarbeit im Elsass, südlich der Loire und in der Provence häufiger ist als im Rest von Frankreich, dass Stückarbeit auf kleinen Bau­stellen verbreiteter ist als auf Großbaustellen wie in Chartres oder Amiens, wo man kaum Steinmetzzeichen finden kann. Jeder Steinmetz, der nach Stücklohn arbeitet, hat sein eigenes Zeichen, das er in irgend eine Fläche seines Stein graviert, damit am Ende einer Woche seine Arbeit eindeutig identifiziert werden kann. Bei diesen Steinmetzzeichen handelt es sich um geometrische Figuren, Kreuze oder Buchstaben.

Von diesen Steinmetzzeichen müssen die Positionsmarkierungen unterschieden werden. Das Verwenden von Positionsmarkierungen geht bereits auf die Römer zu­rück, wir finden solche Zeichen zum Beispiel am Pont du Gard (FRonte.Sinistra.II uä) Bei schwierigen Bauabschnitten gibt der Vorarbeiter den Steinmetzen genaue An­weisungen, wie sie die Steine zu markieren hätten, damit die Maurer die so markierten Steine beim Einmauern richtig zusammenfügen könnten. Ebenso werden Positionsmarkierungen verwendet, wenn eine Statue in die Mauer eingefügt werden soll.

Das Leben der Steinmetze spielt sich in der Bauhütte – Loge – ab. Wir finden die Bauhütte auf zeitgenössischen Darstellungen am Fuß des entstehenden Bauwerks. Am Morgen holen die Bauleute dort ihr Werkzeug ab, nehmen ihre Mahlzeiten in der Hütte ein, halten an heißen Tagen ihren Mittagsschlaf. Bei Schlechtwetter und im Winter wird in den Bauhütten gearbeitet. Die Nächte werden jedoch nicht in der Bauhütte verbracht. Die Bauhütten sind nicht nur ein Arbeits- und Erholungsort sondern gleichzeitig auch eine Art Treffpunkt, an dem alle wichtigen Fragen die Arbeit betreffend besprochen werden. Nach und nach muss das Kapitel das Leben in den Logen regeln, und so entstehen die ersten bekannten Bauhüttenregeln; die älteste bekannte Regel wurde 1352 vom Kapitel von York aufgestellt.

Auf Grund der lateinischen Ausdrücke, die im Mittelalter für diejenigen Arbeiter verwendet werden, die Steine behauen ist eine Unterscheidung zwischen jenen, die einfache Bausteine herstellen und solchen, die Rippengewölbe, Rosen und Statuen anfertigen, nicht möglich. Das mag uns heute befremden, weil für uns ein großer Unterschied zwischen all denen, die mechanische Arbeit verrichten und denen, die „mit ihrer Seele“ die großartigen Statuen der Kathedralen schaffen, besteht. Diese Unter­scheidung ist den Menschen des Mittelalters jedoch völlig fremd, sie kommt erst mit der Renaissance auf. Es sind die Intellektuellen der Renaissance, die die persönlichen Verdienste der Bildhauer und Maler, der Künstler, herausstreichen. Erst in der Renaissance wird unsere Vorstellung von Kunst geprägt. Die Denker des Mittelalters hingegen äußern sich in ihren Werken fast nie zu Fragen der Ästhetik; wenn sie sich mit Kunst beschäftigen, so tun sie das aus theologischer oder philosophischer Sicht. Auch fragt der mittelalterliche Mensch nicht nach dem Schöpfer der einzelnen Skulptur, der jedoch keineswegs so anonym ist, wie wir heute meist glauben. Berechtigter Stolz erfüllt diese Bildhauer von einfacher Herkunft, die durch ihr Handwerk mit der Welt des Geistes und der Bildung in Kontakt kommen, und sie zögern nicht, ihren Namen in das Baustück einzugravieren, so am Tympanon von Autun „Gislebertus me fecit“ oder in der Kathedrale von Rouen auf einem Schluss­stein „Durandus me fecit“.

Im Englischen wird bis zu einem gewissen Grad zwischen den Maurern, die grobe Arbeit verrichten und denen, die feinere Arbeiten ausführen unterschieden. Mit „hard hewers“ werden diejenigen bezeichnet, die einen besonders harten Stein aus der Grafschaft Kent bearbeiten; ihnen gegenüber stehen die freestone masons, die einen Kalkstein feinster Qualität bearbeiten können, der sich hervorragend für Bild­hauerei eignet. Zusätzlich unterscheiden sie sich die freestone masons von den roughstone masons, die einen Stein nur grob bearbeiten können. Nach und nach wird aus freestone mason freemason, was sich ausschließlich auf die Qualität des Steins be­zieht und nichts mit Abgabenfreiheit zu tun hat. Als die spekulative Frei­maurerei im 18. Jahrhundert aus England nach Frankreich kommt, wird freemason selbst­verständlich mit franc-maçon übersetzt, einem Wort das im Mittelalter unbe­kannt ist. 1351 taucht in London ein englisch-französisches Mischwort auf, maître macon de franche peer, was dem lateinischen Ausdrücken sculptores lapidum liberorum oder magister lathomus liberarum petrarum entspricht, was etwa Meister des freien Steins bedeutet.

Oft sind an einem Bauwerk die Skulpturen aus einem ganz anderen Stein als die Wände. Genauso bearbeiten die Bildhauer auch Blöcke wenn sie bereits in die Wand eingemauert sind. So verschmelzen Bildhauerarbeit und Architektur. Die Figuren am Königsportal von Chartres sind Ausdruck dieser engen Zusammenarbeit zwischen Bildhauer und Architekt. Je komplexer die Arbeiten werden desto eher arbeiten die Bildhauer in der Bauhütte und nicht mehr direkt an der Säule. Sie sind wie besessen davon, überall an den Wänden Statuen unterzubringen, die Kirchen werden förmlich zugedeckt. Beim Einmauern der 1200 Skulpturen von ND de Chartres gibt es einige Verwechslungen, in Reims muss man die rund 3000 Skulpturen nummerieren, und in Tournai lassen sich Bildhauer nieder, die Arbeiten nach Auftrag versenden.

An bautechnischem Wissen steht den Kathedralenbauern Vitruvs „De Architectura“ zur Verfügung. Ansonsten lernen sie durch Erfahrung. So gibt Vitruv zum Beispiel kein Verfahren zur Berechnung eines Fundaments an. Auch wenn die Kathedralen­bauer durchaus Kenntnisse in Algebra, Trigonometrie und Geometrie haben, so leitet sich ihr Wissen hauptsächlich aus, Praxis, Erfahrung und Beobachten ab. Ein gutes Beispiel für dieses Wissen ist das Skizzenbuch des Villard de Honnecourt.

Villard de Honnecourt ist ein Architekt des 13. Jahrhunderts aus dem kleinen Ort Honnecourt bei Cambrai in der Picardie. Sein Skizzenbuch besteht aus 33 beidseitig mit Konstruktionszeichnungen und Skizzen versehenen Pergamentseiten. Villard stellt sich in seinem Buch folgender Maßen vor: „Villard de Honnecourt begrüßt euch und bittet all diejenigen, die mit den Behelfen, welche man in diesem Buch findet, arbeiten werden, für seine Seele zu beten und sich seiner zu erinnern. Denn in diesem Buch kann man guten rat finden über die große Kunst der Maurerei und die Konstruktionen des Zimmer­handwerks; und ihr werdet die Kunst des Zeichnens darin finden, die Grundzüge, so wie die Disziplin der Geometrie sie lehrt.

Das Skizzenbuch lässt sich in folgende Bereiche gliedern:

  • Mechanik
  • Praktische Geometrie und Trigonometrie
  • Zimmerhandwerk
  • Architekturzeichnungen
  • Verzierungszeichnungen
  • Figürliche Darstellungen
  • Objekte der Kirchenausstattung
  • Themen, die über das Spezialgebiet des Architekten und Zeichners hinaus­gehen

Wie die meisten Bauleute seiner Zeit ist auch Villard viel gereist. Er ist in seiner weiteren Heimat Frankreich unterwegs, skizziert die Westrose von Chartres und das Labyrinth, er zeichnet die Türme der Kathedrale von Laon. Wir finden ihn in der Schweiz, wo er die die Rose der Kathedrale von Lausanne zeichnet. Auf seiner Wanderschaft durchquert er Deutschland und gelangt schließlich nach Ungarn und arbeitet beim Bau der Kathedrale St. Elisabeth in Kosice mit.

Auf seiner Reise fertigt er Skizzen von allem, was ihn interessiert, an; er zeichnet Insekten, Vögel, Hasen und Igel, Haustiere aber auch Löwen und Bären sowie einen Drachen. Sein besonderes Augenmerk gilt der Darstellung des menschlichen Körpers, dem Faltenwurf der Kleidung, der Bewegung der Gliedmaßen, auch zeichnet er Akte. Bekannt sind seine Zeichnungen, die auf Dreiecken basieren. Zum einen sind diese Schemata einfach und praktisch, zum anderen helfen sie, die richtigen Proportionen der Figuren darzustellen.

Als Ingenieur ist er an technischen Erfindungen interessiert. Villard entwickelt ein Hebeverfahren, bei dem eine Achse mit Schraubenwindung an einer Haspel gedreht wird. Er wagt sich auch an schwierige Aufgaben, wie das Schneiden von Holz unter Wasser. Auch zum Perpetuum Mobile macht er sich Gedanken: „Gar manchen Tag haben Meister darüber beratschlagt, wie man ein Rad machen könne. Das sich von selber dreht. Hier ist eines, das man aus einer ungeraden Zahl von Hämmern oder mit Quecksilber machen kann.

Villards Skizzenbuch gibt uns auch Aufschluss, wie es mit dem Geheimnis der Maurerei tatsächlich gewesen ist. Auf einer Tafel zeigt er, wie eine Fiale aus einem Grundriss heraus konstruiert werden muss. Dieses Blatt scheint für ihn keine be­sondere Bedeutung zu haben, denn er versieht es mit keinen weiteren Erläuterungen. Mehr als 200 Jahre später, 1486, schreibt in Regensburg ein Architekt Roritzer das „Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit“. Auch er zeigt, wie eine Fiale aus dem Grund­riss konstruiert werden muss, fügt jedoch hinzu, er offenbare damit das Geheimnis des Bauens. Mit Geheimnis hat Roritzer wohl recht, denn in der Regensburger Bau­hüttenordnung von 1459 heißt es ausdrücklich: „Item es soll auch kein werckhman oder meister noch ballierer oder gsellen niemands, wie der genant sye, der nit unnsers handwerckhs ist, uß kheinem außzuge unnderwisenn uß dem grundt zue nemenn.“

Wenn etwas im 15. Jahrhundert ein Geheimnis ist, so heißt das nicht zwangsläufig, dass es auch im 13. Jahrhundert eines war. Auch Passagen aus dem Regius Poem (1390) und dem Cook (1430) Manuskript lassen auf Geheimnisse schließen. Beide bilden das, was als Constitutions der Freimaurer bezeichnet wird. Zur Ver­schwiegenheit heißt es im Cook: „der dritte Punkt ist, dass er die Gespräche seiner Kollegen in der Hütte (Loge), im chamber oder an irgendeinem anderen Ort, wo sich Maurer aufhalten, nicht weitererzählen darf“. Das Regius Poem wird präziser: „der dritte Punkt muss dem Lehrling eindringlich ans Herz gelegt werden. Die Ratschläge seines Meisters und seiner Brüder muss er für sich behalten und darf sie niemandem weitersagen. Festen Willens enthüllt er keinem einzigen Menschen, was in der Hütte, Loge, vorgeht, was er hört oder was er sieht. Wo auch immer er hingeht, offenbart er keinem einzigen Menschen die Gespräche, die in der hall oder im chamber stattgefunden haben. Er behält sie zu seiner Ehre unbedingt für sich. Enthüllt er sie doch, muss er fürchten, auf sich selbst Tadel zu ziehen und dem Berufsstand große Schande zu bereiten.

Auch für die Erkennungszeichen der Freimaurer finden wir Belege in der Werk­maurerei. Diese Erkennungszeichen dürften aus Schottland stammen, wo ab­weichende Bedingungen gegenüber dem Rest von Europa herrschen. In Schottland gibt es keinen freestone. Damit stehen die freestone masons in unmittelbarer Konkurrenz zu den cowans, die nur Steinmauern aufschichten zu können. Zusätzlich gibt es zu dieser Zeit in Schottland eine besondere Kategorie von Maurern, den entered apprentice. Um sich von beiden unterscheiden zu können, werden die Er­kennungszeichen eingeführt. In einem Dokument der Loge Mother Kilwinning aus 1707 finden wir den Beweis: „kein Baumeister darf einen cowan einstellen ohne das Losungswort…“.

Mit dem Ende des 13. Jahrhunderts nehmen Genie und Schaffenskraft der Kathedralenbauer stark ab. Die Meinungsfreiheit, die an den neu entstandenen Universitäten hoch gehalten wird, wird eingeschränkt. Die großen Orden bauen kaum noch neue Klöster. 1337 beginnt in Frankreich der Hundertjährige Krieg und damit ist in Frankreich die Blütezeit des Kathedralenbaus beendet. Nur im deutsch­sprachigen Raum werden noch große Dome gebaut.

Die Freimaurer leiten ihren Namen von den alten Verbrüderungen der mittelalterlichen Bau­hütten her. Wenn wir unsere Brr Werkmaurer beobachten, so können wir feststellen, dass dieser Satz aus dem Aufnahmeritual im Wesentlichen tatsächlich stimmt. Die Strukturen sind die unserer Brr... Werkmaurer. Und manches, wie zum Beispiel das Behauen der Steine im Steinbruch, erinnert an Worte aus unserem Ritual: jeder Stein sei schon im Kubus behauen, sodass es nur noch der Zusammensetzung bedarf. Festzuhalten ist, dass wir in der FM keine Unterscheidung in Steinmetzen, Steinsetzer und Mörtelmacher oder Gipser mehr treffen, und doch meine ich, dass wir in den Charakteren der Brr... einer L... all diese Funktionen wiederfinden. Das Geheimnis der Werkmaurerei ist, wie ich am Beispiel der Fialenkonstruktion zu zeigen ver­suchte, wohl eher ein Konstrukt. Voraus waren uns die Geschwister Werkmaurer auf jeden Fall bei der Integration der Schwestern. Zumindest im Hochmittelalter – in der Blütezeit des Kathedralenbaus – finden wir Frauen als gleichberechtigte Mitarbeiter am Bau, während die reguläre FM Frauen bis heute die Fähigkeit abspricht, rechte Freimaurer zu sein.

Literatur

  • Bayard Jean-Pierre, la Tradition cachée des cathédrales, du symbolisme médiéval à la réalisation architectural, Editions Dangles
  • Conrad Dietrich, Mertens Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Bauplanung und Bau­ausführung, Edition Leipzig 2002
  • Gimpel Jean; die Kathedralenbauer, Deukalion Verlag Uwe Hils 1996
  • The Medieval Sketchbook of Villard de Honnecourt, Dover Publication, Inc., Mineola New York 2006

Abstract

Zwischen 1050 und 1350 werden in Frankreich 80 Kathedralen, 500 große Kirchen und mehr als 10 000Pfarrkirchen errichtet. Dabei werden in diesen 300 Jahren mehrere Millionen Tonnen Steine verbaut, mehr als in Ägypten zu irgend­einem Zeitpunkt; die Cheopspyramide hat einen Rauminhalt von 2.500.000m3. Die Kathedralen sind Ausdruck des Selbstbewusstseins der freien Städte; Bauherrn sind daher auch nicht die Bischöfe sondern die Domkapitel. Beim Bau einer Kathedrale sind neben den Steinbrechern im Steinbruch, den Steinmetzen die den Bruchstein zum Kubus behauen, Steinleger, Zimmerleute, Fuhrleute, Schmiede und Hilfs­arbeiter beschäftigt. Ihre Zahl schwankt nach der Jahreszeit, im Schnitt sind es rund 300 Menschen. An bautechnischem Wissen steht den Kathedralenbauern „De Architectura“ von Vitruv zur Verfügung. Ansonsten lernen sie durch Beobachten und Erfahrung. Mit dem Ende des 13. Jahrhunderts nehmen Genie und Schaffens­kraft der Kathedralenbauer stark ab. Besonders Frankreich leidet unter dem Hundertjährigen Krieg. Nur noch in Deutschland werden Dome gebaut und die hohe Zeit der Werkmaurer geht zu Ende.

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