Liberté Chérie, eine Loge im KZ

Das Lied „die Moorsoldaten“ ist ein Lied, das 1933 von Häftlingen des KZ Börgermoor im Emsland getextet und komponiert worden ist. Das Emsland ist eine Region an der Grenze zu den Niederlanden im Nordwesten des heutigen Bundeslands Nordrhein-Westfalen und im Westen des heutigen Bundeslands Niedersachsen. Typisch für das Emsland sind die ausgedehnten Moore. Im Emsland wurden während der Zeit Nazideutschlands insgesamt 15 Konzentrationslager errichtet; die KZ Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum wurden bereits 1933 errichtet und waren in verschiedenen Funktionen bis 1945 in Betrieb. Ein bekannter Häftling im KZ Esterwegen war der Journalist, Schriftsteller Pazifist und Friedensnobelpreisträger, unser Br... Carl von Ossietzky.

Der besondere Zweck der Emslandlager bestand im Einsatz der Häftlinge bei der Urbarmachung der sich über etwa 50.000 ha erstreckenden Emsländischen Moore. Die Arbeit war dabei bewusst ausschließlich mit Spaten und sonstigen einfachsten Hilfsmitteln zu verrichten. Die Bewachung der Lager erfolgte durch Angehörige der SA und SS, Morde und Misshandlungen gehörten zum Lageralltag.

1934 wurde die bereits für Dachau entwickelte Lagerordnung eingeführt. Dort heißt es unter anderem: …Es bleibt jedem Schutzhäftling überlassen, darüber nachzudenken, warum er ins Konzentrationslager gekommen ist. Hier wird ihm die Gelegenheit geboten, seine innere Einstellung gegen Volk und Vaterland zu Gunsten einer Volksgemeinschaft auf nationalsozialistischer Grundlage zu ändern, oder, wenn er es für wertvoller hält, für die Judeninternationale eines Marx oder Lenin zu sterben!… Toleranz bedeutet Schwäche! Aus dieser Erkenntnis wird dort rücksichtslos zugegriffen werden, wo es im Interesse des Vaterlandes notwendig erscheint. Den politisierenden Hetzern und intellektuellen Wühlern – gleich welcher Richtung – sei gesagt, hütet euch, man wird euch sonst nach den Hälsen greifen und euch nach eurem eigenen Rezept zum Schweigen bringen!…

Mit der Neuordnung des KZ-Systems wurden in der Zeit von 1934 bis 1936 die KZ-Lager im Emsland aufgelöst. Das letzte Lager war Esterwegen, das sogenannte Lager VII, in dem bis zuletzt zahlreiche Politiker und Intellektuelle inhaftiert waren. Die 15 Emslandlager wurden in der Folge als Straflager und ab Kriegsbeginn als Kriegsgefangenenlager weitergeführt.

Die Situation der Inhaftierten verbesserte sich dadurch nicht. Misshandlung, Folter, Hinrichtungen, extremer Ernährungsmangel bei gleichzeitig schwerem Arbeitseinsatz, katastrophale hygienische Bedingungen, sowie das Vorenthalten jeder medizinischen Betreuung forderten weiterhin ihren Tribut. Eine im Dokumentationszentrum Emslandlager hinterlegte Aussage eines Lagerwächters dazu: …es gibt keine Kranken, es gibt nur Gesunde oder Tote! Sie haben kein Recht, krank zu sein; als Kranke sind sie der Gesellschaft nicht nützlich. Diese nicht produktiven Menschen müssen von selbst gesund werden oder verschwinden. Man müsste sagen: Sollen sie krepieren!…

Von 1934 bis 1945 wurden insgesamt über 66.000 Strafgefangene in die nördlichen Emslandlager eingeliefert, überwiegend Kriminelle, selbst nach heutigem Rechtsverständnis, aber auch politisch Andersdenkende, rassische oder religiöse Minderheiten, kriegsrechtlich verurteilte, Homosexuelle und andere sogenannte Volksschädlinge. In den südlichen Lagern waren bis 1945 mindestens 70.000 Kriegsgefangene inhaftiert. Während die Wehrmacht die nicht-sowjetischen Gefangenen mehr oder weniger entsprechend den Regeln des Völkerrechts behandelte, wurden die russischen Soldaten faktisch ermordet, indem man ihre Versorgung bis weit unter das Minimum reduzierte, sie verhungern, erfrieren oder an Krankheiten sterben ließ. Den Gräberlisten ist zu entnehmen, dass auf den sechs Kriegsgefangenenfriedhöfen vor Ort bis zu 26.000 sowjetische Soldaten begraben liegen.

Ab Mai 1943 wurden mehr als 2000 Widerstandskämpfer, Mitglieder der Résistance aus Belgien, Nordfrankreich, und den Niederlanden in das KZ Esterwegen deportiert. Sie wurden als Nacht und Nebel (NN) Gefangene bezeichnet. Der später sogenannte Nacht-und-Nebel-Erlass war ein Führererlass Adolfs Hitlers während des zweiten Weltkriegs, verordnet am 7. Dezember 1941 als geheime Richtlinien für die Verfolgung von Straftaten gegen das Reich oder die Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten.

Entsprechend diesem Führererlass wurden rund 7.000 des Widerstands verdächtige Personen aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen nach Deutschland verschleppt, dort heimlich abgeurteilt oder bei erwiesener Unschuld in Haft behalten, ohne dass die Angehörigen irgendwelche Auskünfte erhielten. Ihr spurloses Verschwinden sollte der Abschreckung dienen. Die Kontaktsperre wurde ausnahmslos durchgesetzt. Die Angehörigen erhielten weder Nachricht über eine Hinrichtung noch einen Sterbefall eines NN-Häftlings, Abschiedsbriefe und Testamente wurden zurückgehalten. Auch in den Lagern war die Behandlung der NN-Häftlinge anders als die der sonstigen Häftlinge. Mussten diese außerhalb des Lagers Zwangsarbeit leisten, (in Esterwegen Arbeit im Moor) so durften jene ihre Baracken den ganzen Tag nicht verlassen. Sie mussten zum Beispiel in ihrer Baracke Altmetall sortieren.

Unter diesen Widerstandskämpfern waren belgische Freimaurer, die nach und nach in der Baracke 6 des KZ Esterwegen aufeinandertrafen.

Der ersten Transporte von NN-Häftlingen erreichten das KZ Esterwegen im Mai 1943. Bis November 1943 waren die 7 Meister, die für eine Logengründung nötig sind, vollständig. Es waren:

Dr. Franz Rochat, geboren am 10. März 1908 in Saint-Gilles. Er wurde in die Loge Les Amis Philantropes im Or... Brüssel während seines Studiums an der Freien Universität Brüssel aufgenommen, Apotheker und Direktor eines bedeutenden pharmazeutischen Labors. Seine Untergrundarbeit begann am 1. Oktober 1941. Er war Mitarbeiter bei der Untergrundzeitschrift La Voix des Belges (Stimme der Belgier). Franz Rochat wurde im April 1944 ins Zuchthaus Untermaßfeld verlegt und starb dort am 6. April 1945.

Jean Sugg, geboren am 8. September 1897 in Gent. Er war deutschschweizerischer Herkunft. Auch er war Bruder der Loge Les Amis Philantropes, wo er seinen Freund Franz Rochat kennenlernte. Gemeinsam arbeiteten sie an der Verbreitung der Untergrundpresse, vor allem La Voie des Belges und La Libre Belgique. Er unterstützte abgestürzte Bomberflieger und versorgte sich der Zwangsarbeit entziehende Belgier mit Geld und Verpflegungsmarken. Am 21. April 1942 verhaftet, lautete die Anklage auf Spionage und Feindbegünstigung. Gemeinsam mit Rochat traf er am 21. Mai 1943 im KZ Esterwegen ein. 1944 wurde er ins KZ Buchenwald verlegt, wo er im Februar 1945 verstarb.

Paul Hanson, geboren am 25. Juli 1889 in Lüttich Friedensrichter im Kanton Louveigné-Grivegnée südlich von Lüttich wurde am 20. April 1942 von den Deutschen festgenommen und bald darauf vor Gericht gestellt. Zwei Monate vorher hatte er in einem Prozess der 1940 gegründeten CNAA (Nationale Vereinigung für Landwirtschaft und Ernährung), einer Kollaborationsvereinigung für soziale und wirtschaftliche Herrschaft der Nationalsozialisten, die Legalität abgesprochen und sie mit einer Geldbuße belegt. Das Urteil gegen Hanson wurde am 13. März 1942 in Louveigné verkündet und hatte einen gewaltigen Nachhall. Paul Hanson wurde zunächst in Saint-Léonard, dann in Aachen und Bochum und schließlich im KZ Esterwegen inhaftiert.

Paul Hanson hielt im Lager Esterwegen trotz des Ausgangsverbotes wiederholt heimlich Vorträge für die Gefangenen der verschiedenen Baracken. Als die Stadt Essen, in die Hanson verlegt worden war, am 26. März 1944 von den Alliierten bombardiert wurde, starb der Inhaftierte in den Trümmern des Gefängnisses.

Am 13. März 1947 wurde zu Ehren des Richters Hanson im Gerichtshof von Louveigné eine mit einem Akazienzweig eingerahmte Gedenkstele mit den wichtigsten Passagen aus seiner Urteilsverkündung vom 13. März 1942 errichtet.

Dr. phil. Amédée Miclotte, Doktor der Philosophie und Literatur, Studienrat der Oberschule in Forest/Vorst, wurde am 20. Dezember 1902 in La Hamaide geboren und gehörte mit Luc Somerhausen zum SRA (Service de Renseignement et Action), einem konspirativen Vorgänger des Staatssicherheitsdienstes. Er war Bruder der Loge Les Vrais Amis de l‘Union et du Progrès Réunis im Or... Brüssel. Am 29. Dezember 1942 wurde er als Spion verhaftet und in Saint-Gilles, später in Essen inhaftiert. Amédée Miclotte wurde von Esterwegen ins Konzentrationslager Groß-Rosen gebracht und am 8. Februar 1945 als vermisst gemeldet. Er wurde zuletzt im Lager-Krankensaal gesehen.

Jean De Schrijver, Oberst in der belgischen Armee und ab 1940 Kabinettschef des Verteidigungsministeriums, wurde am 23. August 1893 in Alost geboren. Er war Bruder der Loge La Liberté in Gent. Am 2. September 1943 wurde er wegen Spionage und Waffenbesitzes festgenommen und saß in Löwen, Breendonk und Saint-Gilles ein. Oberst Jean De Schijver starb im Februar 1945 im Zuchthaus Groß-Strelitz.

Henri Story, Industrieller und Schöffe von Gent, wurde am 27. November 1897 in dieser Stadt geboren, er war Bruder der Loge Le Septentrion in Gent. Er gehörte mehreren Widerstandsgruppen an: dem „Service Socrate“, dem „Service Zéro“ und dem „Service Luc“. Über ihn kam der Kontakt der Unabhängigkeitsfront mit London zustande. Er wurde am 22. Oktober 1943 ins Gefängnis von Gent eingeliefert und später nach Essen überführt. Henri Story wurde über Esterwegen nach Groß-Strelitz verbracht und starb am 5. Dezember 1944 im Konzentrationslager Groß-Rosen.

Luc Somerhausen, geboren am 26. August 1903 in Hoeylaert, war Journalist. Er diente im Widerstand beim Allgemeinen Nachrichtendienst, dem SRA. Somerhausen wurde am 28. Mai 1943 in Brüssel und in Saint-Gilles, später in Essen inhaftiert. Er gehörte der Loge Action et Solidarité in Brüssel an und war Mitglied des Großorient von Belgien in der Funktion eines stellvertretenden Sekretärs. Da er die erforderlichen Abläufe am besten kannte, wurde er zur treibenden Kraft bei der Gründung der Loge Liberté Chérie

Fernand Erauw, diplomierter Verwaltungswissenschaftler des Instituts Cooremans und Beisitzer am Rechnungshof, Reserveoffizier bei den Grenadieren und Mitglied der Geheimarmee, wurde am 29. Januar 1914 in Wemmel geboren. Die Geheimarmee bestand aus aktiven Soldaten und Reservisten im Untergrund. Sie wurde von der belgischen Regierung in London als legal anerkannt und führte für die Alliierten verdeckte militärische Operationen durch.

Fernand Erauw wurde am 4. August 1942 festgenommen, entging als Offizier den Folterungen durch die Deutschen und fand sich im Jahr 1943 nach einer Odyssee durch verschiedene belgische und deutsche Gefängnisse schließlich in Esterwegen wieder.

Diese sieben Brüder gründen nun, sobald die 7 Meister im November 1943 beisammen sind, in der Baracke 6 eine Loge mit dem Namen Liberté Chérie. Der Name bezieht sich entweder auf die 6. Strophe der Marseillaise (Freiheit, heißgeliebte Freiheit, kämpfe zusammen mit deinen Verteidigern[1]) oder auf die letzte Strophe des Börgermoorlieds, welches die Häftlinge auf Französisch in dieser Version sangen: Doch eines tags in unserem Leben wird es wieder Frühling sein, Freiheit, heißgeliebte Freiheit, du bist wieder mein[2]. In ihrer ersten Logenarbeit wählen sie Paul Hanson zum Meister vom Stuhl, die Brüder Somerhausen und Dee Schrijver zum 1. und 2. Aufseher, Bruder Rochat wird Sekretär und Bruder Miclot Redner. Fernand Erauw nehmen sie als Bruder Lehrling auf. Vor seiner Aufnahme gehörte dieser bereits zum maurerischen Gesprächskreis in Baracke 6.

Es gibt allerdings auch einen Bericht eines Lagerüberlebenden (Franz Bridoux) welcher meint, dass eigentlich Guy Hannecart, Bruder der Loge Les Amis Philantropes, ein Rechtsanwalt und wie Franz Rochat Mitarbeiter bei La Voie des Belges, sowie Joseph Degeldre, Arzt und Bruder der Loge Travail im Or...Verviers, Mitbegründer von Liberté Chérie gewesen seien und dass De Schrijver und Story erst danach dazu gestoßen seien. In den meisten vorliegenden Dokumenten werden jedenfalls die zuvor genannten sieben Brüder als Gründungsmeister geführt. Auch hätten diese sieben Meister gemeinsam mit dem Lehrling die Logenarbeit weitergeführt.

Für ihre Logenarbeit versammelten sich die Brüder in der Baracke 6 um einen Tisch, der sonst zum Sortieren von Patronen verwendet wurde. Dabei standen jeweils ebenfalls inhaftierte katholische Priester Wache, damit die Freimaurer ihre Versammlungen abhalten konnten; umgekehrt wachten die Brüder der Loge über die Priester, wenn diese heimlich ihre heilige Messe feierten.

Luc Somerhausen schildert Fernand Erauws Aufnahme zum Freimaurer wie folgt: …eine ebenso einfache wie geheime Zeremonie, die darin bestand, den Profanen Fernand Erauw aufzunehmen, der vorgeschlagen worden war, sich den Gründern anzuschließen und der dem Vorschlag zugestimmt hatte. Diese Zeremonie, zu deren Geheimhaltung man die Gemeinschaft der Priester um Hilfe gebeten hatte, die wiederum von uns Beistand bei ihren Gebeten erhielten, fand um einen der Essenstische herum nach einem sehr stark vereinfachten Ritual statt, dessen einzelne Bestandteile dem Neuaufgenommenen aber erklärt wurden und der fortan an der Arbeit der Loge teilnahm.

Das Logenleben der acht Gefangenen gestaltete sich begreiflicherweise schwierig. Mehr als hundert Gefangene waren in Baracke 6 fast rund um die Uhr eingesperrt und durften diese nur für einen halbstündigen Spaziergang pro Tag unter Aufsicht verlassen. Tagsüber musste eine Hälfte des Lagers Patronen und Radioteile sortieren, die andere Hälfte leistete Arbeitsdienst in der Umgebung. Zusätzlich war die 1934 installierte Disziplinar- und Strafordnung in Kraft, die vorsah, dass wer im Lager zum Zwecke der Aufwiegelung politisierte, aufreizende Reden hielte, sich mit anderen zu diesem Zwecke zusammenfände, Cliquen bildete oder herumtriebe, als Aufwiegler gehängt würde. Die Ernährung war unzureichend, denn es wird berichtet, dass manche Gefangene im Durchschnitt jeden Monat bis zu 4 Kilo Körpergewicht verloren hätten.

Nach der ersten rituellen Versammlung mit Aufnahme des neuen Bruders Fernand Erauw wurden weitere Arbeiten thematisch vorbereitet und abgehalten. Eine Arbeit war dem Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten gewidmet, eine andere der Zukunft Belgiens, und eine weitere der Stellung der Frau in der Freimaurerei. Heute im Nachhinein lässt sich nicht sagen, wie viele Arbeiten tatsächlich noch stattgefunden haben. Die Loge stellte zu Beginn des Jahres 1944 ihre maurerische Arbeit ein, weil die meisten Brüder, wie berichtet, in andere Lager weiter überstellt wurden. Die Loge Liberté Chérie bestand damit nur etwas mehr als drei Monate. Von ihren Mitgliedern überlebten nur Luc Somerhausen und Fernand Erauw die Haft. Beide begegneten einander 1944 im KZ Oranienburg-Sachsenhausen wieder und galten von da an als unzertrennlich. Sie standen selbst die von Heinrich Himmler im Frühjahr 1945 veranlassten Todesmärsche durch. Fernand Erauw, 1,84m groß und vor der Haft mit der Statur eines Athleten ausgestattet, wog am 21. Mai 1945 im Saint-Pierre-Krankenhaus in Brüssel gerade noch 32 kg.

Im August 1945 sandte Luc Somerhausen dem Großmeister des Großorients Belgiens einen ausführlichen Bericht, in dem er die Geschichte der Loge Liberté Chérie nachzeichnete. Dieser Bericht, für den Somerhausen eine Empfangsbestätigung zuging, gilt heute als verschollen. Der Großorient von Belgien führt die Loge Liberté Chérie jedoch bis heute in der Liste seiner Logen unter der Nummer 29bis – Liberté Chérie, Esterwegen, gegründet 1943. Damit ist die Loge Liberté Chérie gerecht und vollkommen.

Luc Somerhausen verstarb 1982 mit 79 Jahren. Der letzte lebende Zeuge Fernand Erauw starb 83-jährig im Jahr 1997.

2004 wurde in der Gedenkstätte der Emslandlager ein Denkmal für die Loge Liberté Chérie in Anwesenheit von sieben Großmeistern und Großvertretern sowie von Hunderten von Freimaurer-Schwestern und Brüdern am 13. November 2004 in einer maurerischen Gedenkfeier enthüllt,. Es zeigt einen grob behauenen, kubischen, halb mannshohen Granitstein umgeben von einem aufgebogenem Baustahlgitter, das Stacheldraht symbolisiert. Der Stein steht auf einem musivischen Pflaster.

Die Loge Liberté Chérie galt lange als die einzige Freimaurerloge in einem NS-Straflager. Dies scheint aber heute so nicht mehr haltbar. etwa zur selben Zeit wurde die Loge „L´Obstinée“ im deutschen Kriegsgefangenenlager Oflag[3] XD in Fischbeck (Hamburg) durch den Anwalt und Freimaurer Jean Rey aus Lüttich gegründet. Dieser bekleidete in Folge mehrfach Ministerposten in der belgischen Regierung und war von 1967 bis 1970 Präsident der Europäischen Kommission, der sogenannten Rey-Kommission. Von einer weiteren Loge Les Frères Captifs d‘Allach[4] ist außer dem Namen und dem Hinweis, sie hätte sich in einem Gefangenenlager befunden, so gut wie nichts überliefert.

Zum Schluss noch einige persönliche Gedanken.

Diese Brr... haben, so wie wir auch, bei ihrer Aufnahme gelobt, den Gesetzen des Landes treu und gehorsam zu sein. Formal haben sie ihren Eid mehrfach gebrochen. Ich unterstelle, dass sie sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben. So wie ich ihre Kurzbiografien lese, waren sie keine Heißsporne und haben vermutlich gerade deswegen nach sorgfältigem Nachdenken und aus tiefer, innerer Überzeugung gehandelt. Möglicherweise haben sie auch nicht immer gewaltfrei Widerstand geleistet.

Wie sehr sich diese Brüder Regeln verbunden fühlen, ist auch daran gut zu erkennen, dass sie bei der Gründung ihrer L die Regeln zur Logengründung, die Konstitution des Grand Orient de Belgique, einhalten. Die Lichteinbringung findet erst statt, als sie 7 Meister sind, und sie nützen das Detailwissen von Luc Somerhausen als Deputierten Großsekretär.

Meine Fragen sind:

  • Wie soll ich mich als Freimaurer verhalten, wenn plötzlich menschenverachtende Gesetze Gültigkeit erlangen, nachdem sich diese für einen aufmerksamen Beobachter heimlich, still und leise angekündigt haben?
  • Gibt es so etwas wie eine Grenze der Toleranz und wo liegt diese?
  • Wie lange gilt das Gelöbnis des Freimaurers, den Gesetzen des Landes, in dem man lebt, treu und gehorsam zu sein?
  • Wann beginnt der Widerstand, wann muss Widerstand beginnen?
  • Was ist höher einzuschätzen, das freimaurerische Gelöbnis oder die Gesetzesbefolgung?
  • Was sind die Konsequenzen daraus?
  • Verlasse ich das Land oder gehe in den Untergrund und kämpfe für eine bessere Entwicklung?

Die Antwort auf diese Fragen scheint mir schwer. Ich halte es nicht für zulässig, einen Eid wie unseren, nach Belieben umzuinterpretieren. Allzu leicht könnte das als Rosinenpicken interpretiert werden. Aber, wir haben uns bei unserer Aufnahme gleichzeitig auch auf die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte verpflichtet, welche es allerdings Anfang der 40-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in dieser Form noch nicht gab. Die Deklaration der Menschenrechte sollte über den Landesgesetzen stehen, bzw. die Landesgesetze nicht den Menschenrechten widersprechen…

Was ich mich auch frage, ist, was bewegt Menschen, Brüder, in dieser menschenfeindlichen Umgebung, so etwas „Nutzloses“ zu tun, wie eine Loge zu gründen? Zu überleben, nicht zu verhungern war wichtig. Wäre es da nicht klüger gewesen, still zu halten, auf Tauchstation zu gehen, nicht aufzufallen. Die rituellen Arbeiten waren ein Risiko; wenn sie erwischt worden wären, hätte das wahrscheinlich den Tod bedeutet.

Eine Bauhütte zu gründen, bedeutet, einen virtuellen Raum zu schaffen, in welchem sie eine Gegenwelt der Ordnung zur sie umgebenden Welt des Chaos bauen. Im Ritual finden diese Brüder den nötigen Rückhalt, um ihre Identität und Werte als Menschen zu bewahren, die von ihren Peinigern systematisch zerstört und eliminiert werden sollen. In einer Atmosphäre der Ohnmacht generieren sie in einem schöpferischen Akt ein Umfeld, welches sie das Bewusstsein, wer und was sie eigentlich waren, und wofür sie einstanden, aufrechterhalten ließ. Im Angesicht des Todes setzen sie dabei ein Zeichen ihrer individuellen Souveränität. In einer Zeit der finstersten Dunkelheit wird das Licht durch ihre eigene schöpferische Kraft entzündet. Sie werden selbst zur leuchtenden Flamme. Die Gründung dieser Loge wurde erst im Nachhinein durch die Großloge sanktioniert, die Lichteinbringung erfolgte durch die Brüder selbst. Dieses Licht geben sie sofort an einen neu Aufgenommenen weiter.

Es mögen einfache Rituale gewesen sein, die diese Brüder vollzogen, denn sie mussten auf die Requisiten für die übliche Symbolik verzichten. Sie hatten nichts außer einem Tisch als Tapis, vergleichbar mit dem „to draw a lodge“ der frühen Freimaurerei, und drei Kerzen als Lichter. Aber sie erinnern uns auf ihre schlichte Weise, dass das eigentliche Symbol, welches einen Tempel ausmacht, eben wir Menschen sind.

Quellen

  • Bridoux Franz, Liberté Chérie, In Nacht und Nebel, Gründung einer Freimaurerloge im KZ Esterwegen, Salier Verlag, 1. Auflage 2015
  • R.W., Liberté Cherie (sic), BS 2010, aufgelegt in der DL Telos, April 2021
285, 59, 209, 1, 1, 476

[1] Liberté, liberté chérie, combats avec tes défenseurs!

[2] Mais un jour dans notre vie le printemps refleurirs, liberté, liberté chérie, je dirai tu es à moi

[3] Oflag, Offizierslager, waren Deutsche Kriegsgefangenenlager, in denen ausschließlich Offiziere festgehalten wurden.

[4] Allach, Stadtteil von München

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