Instruktion zum Grad des Gesellen

Der Mensch wird am Du zum Ich. Dieses Zitat von Martin Buber beschreibt den Inhalt des Gesellengrads in einem Satz. Die Gemeinschaft der Brr... spielt dabei die entscheidende Rolle. In der brüderlichen Gemeinschaft, im Vertrauen auf die wechselseitige Bruderliebe kann erlangte Erfahrung und erworbenes Wissen um die Tugenden in die Tat umgesetzt werden. Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung sind dabei die Übungsfelder, die zu Toleranz und Solidarität führen sollen.

Die Aufgabe der Selbstfindung gelingt durch gegenseitige Hilfe innerhalb der Logengemeinschaft am besten. Toleranz und Humanität werden zwar im großen Kreis gelehrt, im kleinen Kreis aber besser erlernt und geübt. Die Loge soll Ausdruck des Verbundenseins, einer Weggemeinschaft und im weiteren Sinn einer Gesinnungs- und Wertegemeinschaft sein. Im geschützten Innenraum der Loge versuchen Brr... FM so zu leben, wie nach ihrer Überzeugung die ganze Menschheit leben sollte.

Je authentischer und empathischer in der L kommuniziert und reflektiert wird, je größer das Verlangen des einzelnen Br... ist, die freimaurerischen Tugenden bei sich anzuwenden, umso mehr profitiert die L als Ganzes. Äußerlich gesehen ist die Logengemeinschaft eine eher lose Gemeinschaft, denn sie greift nicht in das Privatleben des einzelnen Br... ein und schon gar nicht in dessen Überzeugungen. Brr... FM leben in keinem elfenbeinernen Turm wie einem Kloster, sondern leben ganz normal im üblichen gesellschaftlichen Leben. Dennoch ist es der Auftrag an jeden Br... seine maurerische Haltung im Alltag zu beweisen. Tatsächlich geht es um den Weg, um das Bemühen und um die Übung, um Selbstreflexion und die Reflexion in der Gemeinschaft, um das eigene Handeln wieder an den Zielen auszurichten. In der L werden die freimaurerischen Tugenden erlernt und geübt, mit dem Ziel, diese anschließend selbstverantwortlich im eigenen Umfeld, in der sogenannte profanen Welt umzusetzen.

Selbsterkenntnis ist nur durch Reflexion möglich. Dabei gilt in der Loge ganz besonders, dass der Br..., der die größte Herausforderung darstellt, gleichzeitig der größte Lehrmeister ist. Das Gegenüber zeigt die eigenen Baustellen auf, die es zu bearbeiten gilt. Der Br... erzieht sich selbst. Es ist die Auseinandersetzung mit den anderen Brr..., die ihm den Spiegel vorhält.

Dennoch sind Freimaurer keine besseren Menschen. Auch wenn es sich in der Theorie schön anhört, die Praxis sieht oft genug leider anders aus.

Jeder lernt vom und am anderen, ganz gleich, ob er Lehrling Geselle oder Meister ist. Jede Meinung ist wichtig und sollte gleichermaßen geschätzt werden. Wahrscheinlich ist es daher richtiger, die Grade mehr als Erkenntnisstufen zu verstehen als als vermeintliche Rangordnung. Im Gegensatz zu profaner Ausbildung bestehen die Lehren des Gesellengrades nicht aus angehäuftem Wissen sondern aus Übung und Vertiefung von bereits Gelerntem und der Anwendung von neuem Wissen.[1] Die initiatorische Unterweisung des Rituals fördert das Verständnis und das Bewusstsein für die höchsten Werte des Wahren, Guten und Schönen.

Der Gesellengrad wird gerne als Zwischengrad wahrgenommen und wird daher oft vernachlässigt oder für eine Formsache gehalten, die es zu erfüllen gilt, um zum M erhoben zu werden. Er erscheint eingeklemmt zwischen der Lehrlingszeit, dem notwendigen Anfang, und der Meisterschaft, dem Abschluss der Einweihung in den Bund der Brr... FM. Dennoch wirkt er als unverzichtbare Klammer zwischen dem L und dem M, denn mit der Beförderung zum G hat der Br... FM den ersten Schritt zur Meisterschaft getan.[2]

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Bevor ihr als GG freigesprochen werden konntet, musstet ihr weiter lernen. Weiter zu lernen bedeutet, sich von Liebgewonnenem und Vertrautem zu lösen[3]. Im Deutsch der Betriebspsychologen würden wir sagen, ihr müsst auch auf einen Change-Prozess einlassen. Veränderung macht Angst, Veränderung beunruhigt und verunsichert. Warum diese Veränderung dennoch erfolgreich sein kann und warum ihr euch getrost darauf einlassen könnt, verrät uns das Ritual. Es ist die Bruderliebe, die jeden, der sich auf diese Veränderungen einlässt – anders als meist im profanen Leben – auffangen und tragen wird.[4] Nur im Vertrauen auf die Brüderlichkeit ist es möglich, an sich selbst zu arbeiten und ein besserer Mensch zu werden.

Wir müssen die vertraute Stätte auch deshalb verlassen, damit wir uns für das wirklich Unbekannte öffnen können, damit wir frei werden, uns von ihm überraschen zu lassen, wenn es erscheint. Es geht um das Unbekannte in der Wiederholung des Vertrauten, in der vertrauten Wiederholung. Erst dann sind wir in der Lage, das Unbekannte aus dem Bekannten zu entwickeln und uns dem Meister zu nähern.[5] Dabei könnt und müsst Ihr der eigenen Kraft vertrauen,[6] denn Ihr seid keine unwissenden LL mehr, die nur durch die sichere Hand des Br... geführt den Tempel betreten können. Dafür schickte euch der MvSt auf fünf Gesellenwanderungen.

Als GG habt ihr ein Wissen erreicht, das euch selbstbewusst antworten lässt: …ich bin es prüfe mich. Wenn ihr nach dem Wort des Gesellen gefragt werdet, so müsst ihr den Br... 1.A nicht mehr um den ersten Buchstaben fragen, sondern ihr wisst ihn selbst. Wie ihr jedoch später erfahren werdet, kann dieses Wissen trügerisch sein und euch eine Reife, eine Erfahrung und damit einen Anspruch vorgaukeln, dem ihr nicht – noch nicht – gerecht werdet.

Nach alter Tradition[7] ist die Wanderung die Bewährungsprobe des Menschen, eine Notwendigkeit des Menschseins, Mittel für seine Weiterentwicklung, Möglichkeit Prüfungen zu bestehen, andere Aspekte der Welt und sich selbst kennen zu lernen. Wenn die Geduld die Bewährungsprobe des Weisen ist, so ist die Reise der Weg der Erkenntnis.[8]

 

Wandern heißt sich mit dem Fremden auseinander zu setzen und das Fremde vertraut werden zu lassen. Ihr müsst euch neuen Herausforderungen stellen, Abenteuer erleben, neue Erfahrungen machen, Veränderung erleben, um schließlich als veränderte wieder heimzukehren. Eine Reise hilft, aus sich selbst heraus zu treten, neue Horizonte zu entdecken, neue Orte, neue Kulturen. In diesem Sinn ist die initiatorische Reise eine spirituelle Suche, ein Weg zu Erkenntnis und Licht.

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Die Gesellenreisen beginnen scheinbar konventionell,[9] um dann mit einer paradoxen Intervention weiter zu gehen.[10] Während der ersten Wanderung betont der 1.A den Wert der Gemeinschaftsarbeit. Jeder von uns steht in der langen Reihe der Brr..., jeder trägt seinen Teil zu dieser Arbeit bei. Arbeit im maurerischen Sinn bedeutet diejenige Form des Schaffens, wodurch die Welt verändert werden soll, den Bau des Weisheitstempels, des Tempels der Humanität. Der Beitrag zum Bau muss weder neu noch besonders originell sein, wichtig ist allein, dass jeder seinen Teil beiträgt. Dieser Bau kann nur durch den Einsatz der gestalterischen Fähigkeiten des werktätigen Menschen fortschreiten. Ob dieses Vorhaben gelingen wird, bleibt jedoch offen. Der Bau des Weisheitstempels, des Tempels der Humanität, des Tempels der allgemeinen Menschenliebe ist unser Auftrag als Maurer. Leben bedeutet Tätigkeit, Arbeit, Untätigkeit Tod, Arbeit soll weder Last noch Strafe sein.

Wir schlagen auf schon beschlagenes Eisen, das nach uns weiter bearbeitet werden wird. Wir kennen weder den Beginn, noch sehen wir das Ende oder können ahnen, wie die vollendete Arbeit aussehen mag. Das Gesellenritual prophezeit euch, dass ihr das Ende, die Fertigstellung des Großen Werks nicht erleben werdet, dass ihr vor Abschluss des Baus eure Werkzeuge niederlegen müsst und ein anderer eure Stelle einnehmen wird. Damit stellt euch das Ritual in eine endlose Kette von Toten; in diese Kette werdet ihr euch eines Tages ebenfalls einreihen. Damit weist uns der 1.A auf die Endlichkeit des Lebens hin, indem uns das Ritual in eine Kette mit Toten stellt, nämlich all die Brr..., die vor uns und mit uns am rauen Stein gearbeitet haben. Gleichzeitig werden auch wir zu Toten, wenn Brr... nach uns ihre Schläge tun werden.

Ihr sollt ein neues Verständnis von individueller Freiheit erlernen, nämlich freiwillige verantwortungsvolle Vernetzung in einer langen Kette, die sich durch die Zeiten zieht. Handeln heißt teilnehmen an einem Ziel, das größer ist als ich selbst, das ich nie ganz kennen kann, und über das ich nicht verfüge. „Die Kunst ist lang, das Leben kurz.“

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Auf der zweiten Wanderung erfahrt ihr, dass der Lärm von Hammer, Beil und Eisenzeug, das heißt von Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung verklungen sein muss, damit der Weisheitstempel, der mehr als ein Maurertempel ist, gebaut werden kann. Das Bindemittel für den Stein in der Mauer ist die geleistete Arbeit, die Selbstaufgabe um der großen Sache willen. Arbeit am rauen Stein bedeutet individuell zu arbeiten, ist eine Tätigkeit, die jeder Br... für sich verrichten muss. Die individuelle Arbeit jedes einzelnen Br... dient der Überwindung der Individualität und der Einfügung in die allgemeine Menschenliebe. Diese zweite Wanderung legt uns den endgültigen Abschied von unseren Ecken und Kanten, unserer egoistischen Individualität – eben dem rauen Stein – auf, um uns zum glatten Stein, dem besseren Menschen, der die Bruderliebe wahrhaft leben kann, werden zu lassen.

 

Die zweite Wanderung stellt eine weitere Forderung, es solle kein Streit und kein Zank herrschen. Wie geht das mit der dritten Wanderung, dem Schwert und der Aufforderung für das große Werk zu kämpfen zusammen? Es wäre einfach, die widersprüchliche Verbindung dieses Auftrags mit dem Auftrag der zweiten Wanderung, ohne Streit und Zank zu arbeiten, etwa so zu verstehen: innen Friede und Eintracht, nach außen Schutz durch das Schwert.

 

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Friedlich arbeiten wir Freimaurer in unserem Bund an unserem großen Ziel, sind in brüderlicher Liebe miteinander verbunden, teilen dieselben Ideale. Das stärkt uns, um im profanen Leben gegen Unverständnis und Feindseligkeit mit der Waffe des Geistes aufzutreten, Zivilcourage zu zeigen und den Menschen, die sich ihrer Menschlichkeit nicht ganz so bewusst sind wie wir, wenn nötig, mit harter Hand den rechten Weg zu weisen.

 

Aber ist das wirklich gemeint? Vergessen wir nicht, wir bauen den Tempel der allgemeinen Menschenliebe, und der soll ja mehr als ein Maurertempel sein. Und wo ist es einfacher Zivilcourage zu zeigen, dort, wo wir es erwarten im Profanen oder innerhalb unserer eigenen Reihen mit uns selbst als unseren schlimmsten Feinden. Im Grunde wird hier auch die Frage nach unserer maurerischen Konfliktkultur, unserer innermaurerischen Toleranz gestellt. Das Ziel ist nicht die laue Hinnahme von Differenzen unter den Brr..., die im Rahmen der brüderlichen Liebe ohnehin keine Relevanz mehr haben sollten. Dieses Leugnen der Differenzen führt nur dazu, dass sie im Untergrund weiter glosen, um dann plötzlich umso heftiger wieder aufzubrechen.

 

Der Lehrbrief unseres Br... Goethe gibt uns Hinweise, wann das Schwert in den eigenen Reihen gefragt ist. Dann, wenn wir den Gipfel im Auge in der Ebene wandeln, uns die Höhe reizt und nicht die Stufen, wenn beharrliche Mittelmäßigkeit die Besten ängstigt, wenn wir die Kunst nur halb kennen und viel reden, wenn dieses Geschwätz den Schüler zurückhält, wenn es unbequem ist nach dem Gedachten zu handeln, dann, meine Brr... Gesellen, braucht es das Schwert in den eigenen Reihen. Es braucht dann das Schwert in den eigenen Reihen, wenn wir es uns in der Biedermeierlichkeit unserer BH mit vielen Feunderln allzu bequem eingerichtet haben, wenn wir uns als Mitglieder einer Elite fühlen, die eigentlich wüsste, wie’s gehen könnte, wenn wir Toleranz und Brüderlichkeit vorschützen weil wir die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Br... scheuen.

 

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Wie sieht also das freimaurerische Schwert aus, das zu führen uns der ZM in der dritten Reise auffordert. Besserwisserei, Belehrung und gute Ratschläge helfen uns nicht weiter, da sind wir erst recht beim Geschwätz und dem Blick auf den Gipfel. Beginnen können wir nur bei uns selbst, und wir brauchen die Hilfe der Brr....

 

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Wie das gehen kann zeigt uns der TH auf der vierten Wanderung. Wenn der TH den LL auf ihrer Wanderschaft den Spiegel vorhält, so sagt er nicht, erkenne dich selbst, sondern: „…ich zeige euch ein Bildnis…“ Ein Bild ist etwas, das sich jemand von einer Sache oder von einem Menschen macht; ein Bild hat nicht immer komplett mit der Realität zu tun, da fließt viel mehr ein, ein Bild ist sehr oft subjektiv.

 

Der Spiegel ist ein seltsames Instrument, denn was er zeigt, zeigt er in einer verschobenen Perspektive. Das Bild im Spiegel kann jederzeit verzerrt sein und auch der Spiegel hat seine blinden Flecken. Es ist die besondere Eigenschaft des Spiegels, dass ich ihn nie betrachten kann, ohne etwas in ihm zu sehen. Und manchmal sehen wir Dinge, die wir eigentlich so nicht sehen wollen. Verzerrt also der Spiegel die Welt oder entzerrt er die Bilder von der Welt? Geht es uns da nicht manchmal wie dem Basilisken, der an der Hässlichkeit seines eigenen Spiegelbilds stirbt?

 

Der Spiegel, wie ihn uns der Br...TH vorhält, zwingt uns nicht nur zur Begegnung mit uns selbst, sondern er wird manchmal auch zum Instrument der Zerstörung. Der Spiegel weist auf die Dramatik und Gefahr der Selbstreflexion hin: man kann an sich selbst zugrunde gehen. Der Spiegel setzt die blinden Flecken der Selbstwahrnehmung ins grelle Licht. Was immer wir im Spiegel sehen, ist unser eigenes Bild, das oft genug unser Entsetzen auslöst. Den Spiegel einem anderen Menschen, einem Bruder, vorzuhalten, ist eine Form von Drohung.

 

Mit Hilfe des Spiegels, decke ich hässliche Seiten an mir auf, die ich mir selbst verboten habe zu kennen.[11]. Dieses verbotene Wissen freizulegen und zu integrieren ist ein weiterer Schritt zur Selbstveredelung.

 

Ihr sollt Euch im Spiegel, den ein anderer hält, und ihr sollt Euch im anderen, der Euch den Spiegel vorhält, als Euch selbst erkennen. Ihr sollt Euch fragen, ob dies das Bild eines wahren und treuen Bruders ist. Jeder soll sich im Spiegel des Bruders erkennen, und jeder soll Spiegel sein für den Bruder, in dem dieser sich erkennen kann.

 

Wie können wir Spiegel sein für den Bruder? Wie können wir zur gleichen Zeit uns im Spiegel des Bruders selbst erkennen? Und wie können wir wahrnehmen, dass beides letztlich dasselbe ist? Das sind die Fragen nach jener einzigartigen Verbindung zwischen uns, die wir als brüderliche Liebe bezeichnen, unser Bild und Vorbild für die allgemeine Menschenliebe.

 

Die andere Frage ist, wie kann ich ganz im anderen bei mir sein, im Spiegel mich als anderer, der ich selbst bin, erkennen und lieben? Das ist nur möglich, wenn ich mich ganz und bedingungslos selbst akzeptiere, mit meinen guten Seiten und vor allem mit meinen Fehlern. Nur dann stelle ich sie nicht dort ins Bild, wo ich selbst Spiegel bin für den Bruder. Aber das geht wiederum nur, wenn der Bruder als Spiegel mich ebenso bedingungslos akzeptiert, wie er sich selbst akzeptiert. Ich kann mich nur lieben, wenn ich geliebt werde. Ich kann nur von jemandem geliebt werden, der sich selbst lieben kann, der es deshalb kann, weil er von mir geliebt wird. Dieser Zirkel ist das innerste Geheimnis der FM. Er ist unauflösbar, er kann nur geschlossen bleiben, wenn er in Bewegung ist. Bewegung heißt wiederholte Selbstüberprüfung und Selbstannahme als Bedingung und als Folge brüderlicher Liebe, als brüderliche Liebe. Die fm Art, das scharfe Schwert des Geistes zu führen, ist die reine bedingungslose Selbstliebe im Spiegel der brüderliche Liebe, ist die reine bedingungslose brüderliche Liebe im Spiegel der Selbstliebe.

 

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Die fünfte Wanderung beginnt mit einer paradoxen Intervention. „…noch blickt ihr in das nächtliche Dunkel, aus dem ihr gekommen seid…“ Wo ist da nächtliches Dunkel? – als LL habt ihr doch das Licht erhalten, ihr glaubt in der KK fortgeschritten zu sein und nach jeder Wanderung hat euch der MvSt bestätigt: „…so sind sie in der KK abermals fortgeschritten…“, wo also ist da bitte nächtliches Dunkel? Der Osten ist vom Flammenden Stern erleuchtet, der so hell leuchtet, dass alle bisherige Erkenntnis dagegen dunkel erscheint. Wir erfahren, dass ab nun alles in seinem Licht stehen und er die ewige Flamme sein soll, die in unserer Brust vor dem Altar der Menschlichkeit brennt. Wir stehen in einem Licht, das wir nicht kennen. Als ewige Flamme leuchtet es weit über unser Leben hinaus, ist vielleicht die Ewigkeit unseres Lebens, wo nicht mehr wir leuchten, sondern der Stern. Die fünfte Wanderung findet in der Beförderung noch nicht ihr Ende. Während eurer Gesellenzeit setzt ihr sie symbolisch fort. Ihr versucht euch dem leuchtenden Osten anzunähern, wie es euch der Lehrbrief unseres Br... Goethe verheißt. Das endgültige Ziel der fünften Wanderung werdet ihr jedoch erst bei eurer Erhebung zum M erfahren.

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Im Gesellengrad ist der Osten vom Flammenden Stern erleuchtet. Der Flammende Stern symbolisiert den erneuerten, den perfekten Menschen. Er ist das Bild des ewigen Lichts und der Wahrheit. Sein Licht soll die Brr... Freimaurer Gesellen auf den Wegen ihres Lebens leiten.[12] Wir sehen in ihm [dem Flammenden Stern] nicht allein das Bild der Brüder- und der Menschenliebe, sondern vorzüglich das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens, des Wahrheit suchenden und erkennenden Geistes. Das ist der Stern, der auch im Dunkeln leuchtet, mit dessen Hilfe der Mensch sich zurechtfinden kann.[13]

 

Der Flammende Stern ist das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens und des die Wahrheit suchenden Geistes. Er verkörpert die Fähigkeit zur Erkenntnis, zur Unterscheidung von Gut und Böse und kann daher auch im Dunkeln, d.h. wenn keine Orientierung an äußeren, objektiven Maßstäben möglich ist, leuchten. Der Mensch ist von sich aus, von innen heraus, erkenntnisfähig, lautet die Botschaft. Wir besitzen ein selbstreflexives Bewusstsein und können somit unser Handeln überdenken, in Frage stellen und verändern. Wir sind uns unserer selbst bewusst.

 

Das Pentagramm ist das Zeichen des Mikrokosmos, das Zeichen des Menschen und der Menschenliebe, welche den Mittelpunkt des Mikrokosmos (des geistigen Universums) bildet. Es symbolisiert die Beherrschung der vier Elemente durch den Geist. Mit diesem Zeichen nützt der Geselle die Kräfte der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde. Damit ist das Pentagramm, der Flammende Stern, ein Zeichen der Allmacht und der Selbstbeherrschung. Das Pentagramm vollkommen zu verstehen, heißt den Schlüssel zu den zwei Welten zu besitzen. Alle Mysterien der Magie, alle Symbole der Gnostik, alle Diagramme des Okkultismus, alle kabbalistischen Schlüssel der Prophezeiung sind in dem Zeichen des Pentagramms zusammengefasst, von dem Paracelsus verkündet, dass es von allen das größte und mächtigste sei.[14]

Je nach der Ausrichtung seiner Strahlen ist das Pentagramm in der Magie Symbol für das Gute genauso wie für das Böse, Zeichen für Ordnung wie für Unordnung; es steht für Einweihung wie für Gotteslästerung, ist Luzifer oder Morgen- bzw. Abendstern, Maria oder Lilith. Im Pentagramm ist der menschliche Körper symbolisch dargestellt, ähnlich wie in den Proportionen von Vitruv und Leonardo da Vinci. Die Umkehrung des fünfzackigen Sterns mit der Spitze nach unten und zwei Strahlen nach oben stellt einen Dämon, Unordnung, Umsturz oder Wahnsinn dar.

Die Freimaurer umgeben das Pentagramm mit fünf Flammenbündeln, mit jeweils fünf züngelnden Flammenfingern. Diese fünf steht für die Quinta Essentia, die fünfte Essenz der Alchimisten, die über die gegebene Realität der vier Elemente, über die Dimensionen von Zeit und Raum, hinausgehende Kraft, die fähig ist, den darin verborgenen Sinn zu offenbaren. Das Pentagramm ist dafür das Zeichen und die fünf ist die Zahl des Menschen. Der Kabbalist betreibt numerologische Kosmogenese, versucht also aus der Symbolik der Zahlen, die Entstehung des Universums und seine Gesetzmäßigkeiten herzuleiten. Seine Formel des Menschen lautet: 2 (göttlicher Wille) + 3 (Materie) = 5. Der Mensch mit seinen fünf Sinnen und den fünf Fingern steht ihm hierbei für die Quintessenz der Schöpfung, als Mittler zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Deshalb hat auch der Magier Agrippa von Nettesheim 1565 den Menschen in das Pentagramm eingeschrieben, in vier Strahlen die Gliedmaßen, der fünfte umschließt den Kopf. Umgeben ist der Stern von astrologischen Planetensymbolen.

Alchemistisch interpretiert symbolisiert das Pentagramm die Quinta Essentia. Der Buchstabe G stellt dann das alchemistische Zeichen für Sal dar, bei dem allerdings der umschließende Kreis nicht gänzlich geschlossen ist. Damit weist der Flammende Stern über den Gesellengrad hinaus und zeigt nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg, den der Geselle gehen muss, um die wahre Meisterschaft zu erreichen. Er weist auf die wahre Feuerprobe hin. Das Feuer muss ausgearbeitet – oder richtiger ausgesandt -, zum Wirken gebracht werden. Das Feld der Tätigkeit des Gesellen bemisst sich gleichsam nach der Ausdehnung oder Tragweite seiner Strahlung. Dabei tritt der Geselle mit der Welt in eine Beziehung von solch erhöhter Wirksamkeit, dass das intellektuelle Erfassen davon eine neue Erleuchtung erfährt und eine Verbindung des zuerst bloß individuellen Willens mit dem der Kollektivität anbahnt, den Schritt vom Lehrling zum Gesellen.

Der Buchstabe G ist der fünfte Buchstabe im Alphabet; oft wird er als Hinweis auf die Geometrie interpretiert die fünfte der sieben freien Wissenschaften der Scholastik.

Mit Geometrie ist die nach ewigen Grundgesetzen zu befolgende sittliche Ordnung einer geistigen Welt gemeint[15]. Die Kenntnis der Geometrie hilft dem Br… FM das rechte Maß und Verhältnis aller Dinge zu finden. Der ganze Himmel ist Harmonie und Zahl, lehrte schon Pythagoras an seiner Mysterienschule in Krotona und wies seine Schüler an, die Gesetze der Musik und das Wesen der Zahlen zu erforschen, nach der Harmonie zu suchen, welche Himmel und Erde, Sterne und Seele im Wohlklang vereint.

In den Anderson‘schen Konstitutionen heißt es: Adam, unser Urvater, der nach dem Bilde Gottes, des Großen Baumeisters des Universums, geschaffen wurde, muss die Freien Künste, vor allem Geometrie, in seinem Herzen eingeschrieben haben.[16] Als FM stehen wir in Tradition der großen Denker und Geometer, beginnend mit Thales von Milet, über Pythagoras zu Euklid, weiter zu Vitruv und schließlich zu den Kathedralenbauern der Gotik[17].

Für uns FM ist der flammende Stern zunächst einmal und vor allem das Symbol der menschlichen Vernunft, des logischen Denkens und des die Wahrheit suchenden Geistes. Er verkörpert also die Fähigkeit zur Erkenntnis, zur Unterscheidung von Gut und Böse und kann daher auch im Dunkeln, d.h. wenn keine Orientierung an äußeren, objektiven Maßstäben möglich ist, leuchten. Der Mensch ist von sich aus, von innen heraus, erkenntnisfähig, lautet die Botschaft. Wir besitzen ein selbstreflexives Bewusstsein und können somit unser Handeln überdenken, in Frage stellen und verändern. Wir sind uns unserer selbst bewusst.

Das Licht des Flammenden Sterns weist über den Gesellengrad hinaus. Es weist uns an, die Geheimnisse der Freimaurerei und des Lebens zu ergründen. Unablässig – so sagt unser Ritual – sollt Ihr Euch bemühen, weitere Fortschritte in der KK zu machen, als GG – und wir alle sind in unserem Maurerleben GG – sollen wir nach Licht und Wahrheit streben. Deshalb senkt der MvSt bei jeder Gesellenarbeit aufs Neue das Licht des Flammenden Sterns in unsere Herzen, damit es uns ein Leuchtfeuer im Leben, eine Quelle innerer Wärme sein kann. Für uns GG reicht es nicht aus den Flammenden Stern gesehen zu haben, folgen wir seinem Licht. Es zeigt uns den Weg als ewige Flamme für Menschlichkeit und Brüderlichkeit.

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Meine lieben Brr... GG! Geht nun eigenverantwortlich an eure Arbeit. Die Werkzeuge haben wir Brr... MM euch im Rahmen eurer Beförderung übergeben. Aus euch GG zu machen, vermögt nur ihr selbst, denn das schönste Ritual macht allein keine Veränderung. Geht euren Weg, bewährt euch als Menschen und Brr... FM, achtet auf euch selbst und folgt dem Licht des Flammenden Sterns, dann nähert ihr euch auch dem Meister.

[1] …sie wollen gelerntes verwerten und neues Wissen mit auf den Weg nehmen…, …hier wartet Arbeit, klopfen wir an… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[2] …und nähert sich dem Meister… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[3]wir nehmen Abschied von vertrauter Stätte… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[4] …denn, wohin immer wir kommen, überall wird uns die Bruderhand grüßen… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[5] Ritual der Beförderung, GLvÖ

[6] Ebd.

[7] Cf.: z.B. Odysseus und Parzifal

[8] Le voyage est l’épreuve de l’homme, c’est à la fois une nécessité de sa condition, le moyen de sa émancipation, l’occasion de faire ses preuves, de découvrir d’autres aspects du monde et de soi-même. Si la patience est l’épreuve du sage, le voyage est la voie de la connaissance. Ligou D., Dictionnaire de la Franc-Maçonnerie

[9] …hier wartet Arbeit, klopfen wir an… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[10] …ich aber sage euch…, ich aber gebe euch dieses mit… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[11]Sie haben sich selbst gesehen und erkennen nun an sich, was sie an anderen tadeln…, (Rituale GLvÖ)

[12] …das Feuer des Flammenden Sterns. Sei es Euch allen ein Leuchtfeuer im Leben, eine Quelle innerer Wärme. Sei es die ewige Flamme… (Ritual der Beförderung, GLvÖ)

[13] Ritual der Großloge zur Sonne

[14] Eliphas Lévi, transzedentale Magie

[15] Reuss Theodor, Unterweisung im Gesellengrad, Instruktion 1927

[16] Zitiert nach: Troxler Eduard; wer die Geometrie nicht beherrscht, möge hier nicht eintreten; Schweizer Freimaurerrundschau: August/September 2003

[17] Troxler Eduard; wer die Geometrie nicht beherrscht, möge hier nicht eintreten; Schweizer Freimaurerrundschau: August/September 2003

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