Moral ohne Gott

In meiner Zeichnung beziehe ich mich auf folgende Definitionen.

  • Unter Moral verstehe ich alle Werte, Normen und Prinzipien, die menschliches Handeln unter dem Gesichtspunkt von „gut“ und „böse“, bzw. „verantwortbar“ und „unverantwortlich“ auszeichnen und regeln.
  • Unter Ethik verstehe ich die Theorie und Begrün­dung der Moral.
  • Unter Religion verstehe ich die lebensprägende Aner­kennung und Verehrung einer letzten, absoluten Wirklichkeit, wie dies etwa in den drei großen monotheistischen Religionen durch den Gottesbezug zum Ausdruck gebracht wird.

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewskij schreibt in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ aus dem Jahre 1880: Wenn man den Glauben der Menschheit an die eigene Unsterblichkeit vernichtete, würde in ihr sofort nicht nur die Liebe versiegen, sondern auch jede lebendige Kraft, das irdische Leben fortzusetzen. Nicht genug damit: Dann würde es nichts Unsittliches mehr geben, alles wäre erlaubt, sogar die Menschenfresserei […]: denn, wenn es keinen Gott gibt, wie könnte es dann ein Verbrechen geben? […] Aber was soll dann der Mensch beginnen? Ohne Gott und ohne Leben nach dem Tode? Jetzt ist wohl alles erlaubt, und man darf alles tun?[1] Der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre hat im 20. Jahrhundert diese so scheinbar beunruhigende Vermutung auf die vielzitierte Formel gebracht: Wenn Gott nicht existierte, so wäre alles erlaubt.[2] Die Grundidee ist hier, dass die Objektivität der Moral durch die Existenz Gottes und seines normsetzenden Willens garantiert werde. Gott sei der Grund und Ursprung moralischer Werte und Normen. Ohne Gott und seine Autorität wäre der moralische Nihilismus die letzte Wahrheit.

Dass alles erlaubt ist, wenn es Gott nicht gibt – dieses Gespenst geistert nicht nur durch die Köpfe vergangener Jahrhunderte. Es geht auch in der Gegenwart um. So schrieb etwa Papst Johannes Paul II: Wenn der Mensch allein, ohne Gott, entscheiden kann, was gut und was böse ist, kann er auch verfügen, dass eine Gruppe von Menschen zu vernichten ist. Derartige Entscheidungen wurden zum Beispiel im Dritten Reich gefällt. […] Vergleichbare Entscheidungen wurden in der Sowjetunion getroffen. […] So zu leben, als ob Gott nicht existierte, bedeutet, außerhalb der Koordinaten von Gut und Böse zu leben.[3] Ähnliches sagt Papst Benedikt XVI., von der ethischen Kraft traditioneller Weltbilder überzeugt. Wie die Geschichte beweise, laufe die Vernunft aus dem Ruder, sobald sie sich von Gott lossage. Für Benedikt XVI. reichen Wissenschaft und Vernunft nicht aus, um eine tragende Moral zu entwickeln.

Religiöse Überzeugungen können in negativer oder in positiver Weise mo­tivieren. Die negative Motivation könnte zum Beispiel darin bestehen, un­moralisches Verhalten zu unterlassen, weil man Angst vor einer göttlichen Strafe in diesem Leben oder nach dem Tod hat. Auch wenn weltliche Sank­tionsmechanismen versagen, das letzte Gericht bringt alles ans Licht. Eine positive Motivation wäre etwa, dass man moralisch handelt und persönliche Nachteile in Kauf nimmt, weil man Gott gefallen möchte oder sich dadurch eine göttliche Belohnung erwartet, zum Beispiel die ewige Glückseligkeit im Himmel. In diesem Zusammenhang bezeichnet Hans Albert[4] Religionen als Heilstechnologien. Diese ver­mitteln Informationen über diejenigen Mittel, die zu gebrauchen sind, um das religiöse Ziel, nämlich das Heil, zu erlangen.[5] In vielen Religionen scheint eine moralische Lebensführung ein wichtiges Mittel zu sein, um das Heilsziel zu erlangen.

Der französische Philosoph, André Comte-Sponville argumentiert gegen solche Überlegungen so: Der Gläubige, der die Moral nur respektiert, weil er auf das Paradies hofft oder die Hölle fürchtet, ist nicht tugendhaft. Er ist lediglich egoistisch und vorsichtig. […] Selbst, wenn es Gott nicht gäbe, selbst, wenn nach dem Tod nichts wäre, würde dich das nicht davon entbinden, deine Pflicht zu tun, das heißt, menschlich zu handeln.[6]

Derzeit erlebt das Berufen auf die jüdisch-christlichen Wurzeln der sogenannten europäischen Werte eine Renaissance. Es sei doch zweifelhaft, so wird argumentiert, ob Moral und Ethik ihre Grund­lagen aus eigenen Ressourcen schaffen könnten. Religiöse Überlieferungen seien für die Begründung moralischer Normen unverzichtbar, die einer nichtreligiösen oder nachmetaphysischen Recht­fertigung unzugänglich blieben. Ethik habe die Religion als tragende Macht zur Absicherung ihrer Geltungsansprüche nötig. Aber befinden sich Moral und Ethik tatsächlich in einem Begründungsnotstand, der sich nur durch Religion beheben lässt? Oder genügt bereits das Vertrauen in die eigene Kraft der Ethik, um Werte und Normen zu begründen und uns zu deren Einhaltung motivieren zu können?

Gerne werden die Ziele und Werte der europäischen Aufklärung auf jüdisch-christliche Ideen zurückgeführt, doch die moralische Forderung, auch Goldene Regel genannt, dass man anderen Menschen nichts antun dürfe, was man selbst nicht erleiden möchte, gibt es in praktisch allen Religionen, im Zarathustrismus, im Konfuzianismus, im Hinduismus, im Buddhismus und im Islam.

Die Vorstellung, dass unsere moralischen Grundwerte aus einer religiösen Tradition entspringen, in Europa aus einer christlichen Tradition, erscheint mir jedoch überaus problematisch. Denn dieser These folgend, müssten diese moralischen Grundwerte schwächer werden, in dem Maß als die Zahl der ernsthaft religiösen Menschen in Westeuropa insgesamt weniger wird. Aber ethische Werte sind nicht ihrer Herkunft verpflichtet. Eines ist ihr Ursprung, ein anderes ist ihre Geltung.

Zu denken gibt auch die Tatsache, dass viele christlich getaufte Menschen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart von politischen Führungen dazu missbraucht werden konnten, Grausamkeiten zu begehen, die einem christlichen Ethos fundamental widersprechen. Erst recht müssen die im Namen der Religionen begangenen Verbrechen erschüttern. Wie viele religiöse Eiferer in der Vergangenheit und fanatische Terroristen in der Gegenwart berufen sich auf den Auftrag Gottes, um anderen Menschen Leid zuzufügen. Beispiele dafür gibt es genug in der Geschichte. Da bin ich versucht Dostojewskijs Formel, wenn es Gott nicht gibt, umzukehren in die Formulierung, gerade wenn es Gott gibt, scheint alles erlaubt zu sein. In diesem Zusammenhang bezeichnet Arthur Schopenhauer Priester als Vermittler des Handels mit bestechlichen Göttern.[7]

Die Bedeutung von Religion als Quelle moralischer Orientierung nimmt in Westeuropa stetig ab. Gleichzeitig verstehen sich die Demokratien Europas als säkulare Staaten und Gesellschaften, in denen Religion eine Sache der Privatsphäre ist. Religion kann in einer säkularen Welt nicht zur Leitinstanz von Staat, Politik und Recht werden. Das ist nur in theokratischen Gesellschaften, den sogenannten Gottesstaaten möglich, in denen es eine Staatsreligion gibt. In einer säkularen Gesellschaft verbürgt der Staat lediglich, dass jeder glauben kann, was er möchte, was aber umgekehrt bedeutet, an gar nichts zu glauben.

Es mag sein, dass die Traditionen einer Religion die Grundwerte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit unterstützen. In einer multikulturellen Gesellschaft lassen sich jedoch Werte wie Freiheit und Gleichheit und somit auch Toleranz und Solidarität nicht mehr für alle Bürger auf verbindliche Weise religiös begründen. Religion ist Privatangelegenheit und niemand darf zu einem religiösen Bekenntnis gezwungen werden. In einer offenen Gesellschaft muss die Achtung vor dem göttlichen Willen der Einhaltung bürgerlicher Tugenden und der Verteidigung ethischer Werte untergeordnet bleiben. Auch wenn die Religionsfreiheit einer offenen Gesellschaft ihre Haltung erst ermöglicht, neigen tief religiöse Menschen dazu, die säkulare Welt als einen Irrläufer der Geschichte zu beurteilen. Der Hamburger Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma drückt das so aus: Für einen religiösen Menschen ist eine säkulare Gesellschaft eine Gesellschaft des Irrtums. Diese Ansicht teilt die Geistlichkeit Teherans mit der orthodoxen Geistlichkeit Jerusalems und der Geistlichkeit Roms. Diese säkulare Gesellschaft zu bekämpfen ist ein klares Ziel islamistischer Gruppen überall in der Welt […], und sie weltweit zu bekämpfen war das erklärte Ziel des [vor kurzem] verstorbenen Papstes Johannes Paul II.[8] Bürgertugenden und Werte müssen sich jedoch aus einer weltlichen Moral begründen lassen. Dennoch hat in der Geschichte fast jede Gesellschaft ihre Normen göttlich beglaubigen lassen.

Meines Erachtens gibt es drei Gründe, warum Menschen die Gebote eines Gottes erfüllen sollen. Die einen sagen der himmlischen Belohnungen wegen oder zur Vorbeugung göttlicher Bestrafungen, mit denen bei Verstößen gegen diese Gebote zur rechnen wäre. Für André Comte-Sponville gehört dieses Verhalten nicht in den Geltungsbereich der Moral, sondern sei Vorsicht und Heuchelei. Er sagt: Was ist Deine Moral? Das, was Du von Dir verlangst, unabhängig vom Blick der anderen oder von dieser oder jener Drohung.[9]  Gleichzeitig ist die Furcht vor göttlicher Sanktion ein wichtiges Instrument der Sozialkontrolle. Aber wenn dieses Instrument effektiv ist, dann untergräbt es das moralische Bewusstsein.

Andere meinen, als Gottes Geschöpfe sollten wir die Gebote achten aus Liebe und Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber. Dritte schließlich finden, wir sollten die Gebote befolgen, weil sie moralisch richtig sind.

Allerdings stellte schon Platon im Dialog Euthyphron die Frage, sind die Gebote moralisch richtig, weil Gott sie befiehlt? Oder befiehlt sie Gott, weil sie moralisch richtig sind? Die Antworten auf diese Fragen sind verhängnisvoll für jede Art religiöser Ethik. Wären Gebote, wie du sollst nicht stehlen, nicht lügen, nicht morden, deshalb richtig, weil Gott sie befiehlt, dann hätte Gott ebenso willkürlich auch Lügen, Stehlen, Morden als gut definieren und anschließend als Gebote aufstellen können. Diese Überlegung erscheint widersinnig und absurd. Für mich erscheint es daher unannehmbar, dass moralische Forderungen nur deshalb richtig sind, weil Gott sie befiehlt. Befiehlt allerdings Gott seine Gebote, weil diese apriori moralisch richtig sind, so wäre zwar seine Entscheidung nicht mehr beliebig, aber Gott wäre als Begründung für moralische Forderungen nicht mehr notwendig. Moral und Anstand verkämen zu Willkürentscheidungen einer nicht hinterfragbaren Autorität. Eine objektive Moral wäre dadurch nicht gewährleistet, denn woran ließe sich ein guter Gott noch von einem bösartigen Gott unterscheiden? Das Prädikat der „Güte“ könnte sich mit gleichem Recht der Teufel ausstellen. Damit ist Moralphilosophie ohne Rückgriff auf Gott möglich.

Der Philosoph Norbert Hoerster geht noch einen Schritt weiter, für ihn ist Gott nicht einmal für die Erkenntnis von Gut und Böse notwendig. Wir gehen davon aus, dass Gott in jeder, also auch in moralischer Hinsicht vollkommen ist. Können wir aber von einem Weltschöpfer behaupten, er sei moralisch vollkommen, ohne dass wir dabei eine gewisse Vorstellung von moralischer Vollkommenheit – und damit auch von begründeter Moral – bereits voraussetzen? Offenbar nicht. Das aber bedeutet, bereits unsere Annahme der Existenz Gottes ist unmöglich, ohne dass in diese Annahme notwendig ein moralisches Werturteil eingeht. Wenn das aber so ist, dann können wir nicht gleichzeitig all unsere moralischen Maßstäbe aus der Existenz Gottes bzw. aus seinen Geboten ableiten. Damit wir die Hypothese der Existenz Gottes als eines moralisch vollkommenen Wesens überhaupt aufstellen können, müssen wir unbedingt bereits einen gewissen Maßstab von Gut und Böse haben. Denn ohne diesen Maßstab wäre die Annahme, dass der existente göttliche Normgeber auch vollkommen gut ist, leer und sinnlos[10].

Es ist heute überwiegende Meinung der Moralphilosophen, dass Gott weder zur Erkenntnis von Werten noch zur Begründung von Normen erforderlich ist. Glaube an Gott sei nicht einmal zu moralischem Verhalten notwendig. Moral und Ethik kommen ohne jeden Bezug auf religiöse Überlieferungen aus, wie schon Immanuel Kant wusste: Die Moral bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über sich, um die Pflicht zu erkennen, noch einer anderen Triebfeder als des Sit­tengesetzes selbst. Sie bedarf also […] keineswegs der Religion, sondern vermöge der reinen praktischen Vernunft ist sie sich selbst genug.[11] Werte brauchen keinen Gott, sie entwickeln sich historisch mit dem Fortschritt der Gesellschaft, der Wissenschaft, der Moral, der Gesetze, der Philosophie.

Dass Religion und Moral zusammengehören, ist ein lange gepflegtes Vorurteil. Auf der Welt es gibt viele verschiedene Religionen und es gibt bestimmte Verhaltensweisen, die wir überall auf dieser Welt finden. So ist es gleichgültig, welche Kultur oder welche Religion wir betrachten, überall werden wir einige gleichartige oder ähnliche Regeln finden. Das ist vollkommen losgelöst von der praktizierten Religion überall so.

Unabhängig davon, ob Gott tatsächlich existiert, gibt es also Werte, deren Sinnhaftigkeit erkannt werden kann. Diese Werte legen nicht nur fest, was gut ist, sondern definieren auch, was zu tun ist. Im Idealfall bringen sie Menschen auch dazu, diese Regeln zu befolgen. Voraussetzung ist, dass sich Gebote wie – du sollst nicht töten, du sollt nicht lügen – als an sich moralisch begründen lassen. Diese müssten als objektive Werte, unabhängig von unseren persönlichen Interessen gelten. Alle Menschen leben in einem mehr oder weniger festen Sitten-, Moral- und Wertegefüge, das klar macht, was erlaubt sei und was eben nicht. Es reicht die Orientierung an der Vernunft; und es gibt Gesetze, an die sich jeder Bürger zu halten habe.

Allerdings sind diese objektiven sittlichen Werte, losgelöst von menschlichen Bedürfnissen und Wünschen ein seltsames Gedankenkonstrukt; genaugenommen gibt es sie gar nicht, denn dann wären sie genauso übernatürlich wie Gott. Jean-Paul Sartre formuliert das so, …wir haben weder hinter uns noch vor uns ein Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen und Entschuldigungen. Wir sind allein. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will. Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.[12]

Folgen wir Sartre, so sind alle sittlichen Werte und Normen ausschließlich von Menschen gemacht. Das Ziel dieser Normen ist, die Beziehungen zwischen den Menschen zu regulieren und bestimmte Verhaltensweisen oft gegen rücksichtslose Neigungen zu kontrollieren. Sie dienen dem friedlichen Zusammenleben der Menschen. Werte und Normen sind nicht aus sich selbst moralisch; es lassen sich jedoch gute Gründe anführen, warum der Einzelne solche Gebote vertreten, akzeptieren und befolgen sollte.

Das Fehlen objektiver Werte impliziert weder ethische Willkür, noch das Fehlen eines Maßstabs, noch Irrationalismus[13]. Ganz im Gegenteil, naturalistisch-humanistische Ethiken setzen auf unabhängig-kritisches Denken und auf die Einsicht in Notwendigkeiten, die für ein gedeihliches Zusammenleben erforderlich sind. Sie fragen danach, welche Gebote den Menschen nützen statt irgendwelchen gefallsüchtigen Herrschern oder Göttern. Ihre rationale Grundlage besteht in der Hinwendung zum Kritisierbarkeitsprinzip und zum sozialpragmatischen Kriterium des Wohlergehens aller Personen.[14]

Norbert Hoerster argumentiert so: Wir gehen davon aus, dass jedermann unter normalen Bedingungen ein Interesse am eigenen Überleben hat, also ein Interesse daran, dass er nicht getötet wird. Dieses Interesse haben auch diejenigen Individuen, die gelegentlich vielleicht aus irgendeinem Grund einen anderen Menschen töten möchten. Dabei ist ihnen bei langfristiger Betrachtung das Interesse, dass sie nicht getötet werden, wichtiger als der gelegentliche Wunsch zu töten. Auch sie profitieren deshalb auf der Basis ihrer Interessen wie alle anderen Individuen auch davon, dass eine Norm des Inhalts „Man soll nicht töten“ in der Gesellschaft weitgehend befolgt wird. Insofern ist es für jedes Individuum subjektiv begründet, diese Norm in der Praxis zu vertreten und zu akzeptieren und sie durch diese Verhaltensweisen in ihrer Geltung und Wirksamkeit zu stützen und zu festigen. Ganz im Sinn dieser Argumentation würden […] auch im moralischen Alltag nicht wenige Menschen auf die Frage, warum das Töten denn zu verbieten sei, mit der Gegenfrage antworten: „Möchten Sie in einer Gesellschaft leben, in der das Töten nicht verboten ist?“[15]

Auch wenn Werte und Normen sich nicht als an sich gültig begründen lassen, so kann doch gut begründet werden, warum es für den Einzelnen sinnvoll ist, bestimmte Werte und Normen zu vertreten, zu akzeptieren und zu befolgen. Die Grundlage für allgemeinverbindliche Werte können in einer säkularen, offenen Gesellschaft daher nur solche sein, die allen Menschen gemeinsam sind. Grundwerte und Moralnormen müssen intersubjektiv begründbar sein, um als allgemeinverbindlich angenommen zu werden. Es geht darum, gemeinsame Interessen zu definieren und diese in Aufforderungen zu bestimmten Verhaltensweisen zu verwandeln.

Letztlich müssen Gesellschaften moralische Grundsätze triftig aus zuvor festgelegten gesellschaftlichen Zielen ableiten (Dezisionismus). Auch Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen können sich auf die für ein geordnetes Zusammenleben in Glück, Frieden und Freiheit erforderlichen Regeln einigen. Diese Regeln sind zwar ebenso wenig objektivierbar und absolut wie alle anderen Ethiken. Aber da Menschen Schmerzen vermeiden und ihre Freude maximieren möchten, ist eine Sozialstruktur, die für diese Maximen einsteht, ethisch legitim. Umgekehrt wäre es fatal, wenn unsere Moral von Gott abhinge. Dann verflüchtigte sich bei berechtigten Zweifeln am metaphysischen Überbau die Moral.

Leben und Überleben, körperliche Unversehrtheit, Bewegungs- und Handlungsfreiheit, Schutz vor Übergriffen anderer oder des Staates, Schutz vor Diebstahl sowie Einhalten von Versprechen und Verträgen sind Interessen, auf die sich die meisten Menschen wahrscheinlich einigen können, die die allermeisten Menschen miteinander verbinden. Garantie gibt es jedoch dafür keine.

Warum sollte jedoch das Wohl der Mitmenschen ein Anliegen des Einzelnen sein? Zum einen sollte uns am Wohl der anderen schon aus recht verstandenem Eigeninteresse, gelegen sein. Wir sollten schon deshalb wollen, dass auch anderen gewährt wird, was wir für uns selbst als Mindeststandard zum Leben beanspruchen, weil wir nur so die Erfüllung unserer eigenen Wünsche und Interessen dauerhaft sichern können. Zum anderen sollte uns am Wohlergehen unserer Mitmenschen gelegen sein aus der einfachen Überlegung, dass Not, Schmerz und Erniedrigung für andere nicht weniger wiegen als für einen selbst – wie umgekehrt die eigenen Wünsche und In­te­ressen nicht einfach deshalb mehr zählen als die anderer Menschen, nur weil sie die eigenen sind. Eine solch ethische Grundhaltung setzt allerdings – bildhaft formuliert – einen Schritt zur Seite voraus: einen Abstand zu sich selbst, ein Absehen von eigenen Wünschen und Neigungen. Denn erst so wird man fähig, sich in die Lage anderer zu versetzen und auch deren Vorlieben und Ide­ale zu berücksichtigen, soweit sie sozialverträglich sind. Jedenfalls erwacht dann fast zwangsläufig die allgemeine Erkenntnis, dass Schmerz, Leid, Elend, Erniedrigung und Unterdrückung nicht nur für mich, sondern für alle etwas Schlimmes sind.

Einsichten allein bewegen Menschen noch lange nicht, sich auch uneigennützig zu verhalten. Es braucht innere Selbstbindung an moralische Grundsätze, die eine mühsame Kleinarbeit der Aufklärung und Erziehung zu gegenseitiger Achtung, Gespräche- und Hilfsbereitschaft notwendig machen. In das, was gut und richtig ist, muss der Mensch erst hineinwachsen. Es geht nicht um im Gehorsam gegen einen Gott, sondern um eine vernünftige Entscheidung.

Wir müssen auf das Beste hoffen und gleichzeitig mit dem Schlimmsten rechnen; denn nicht jeder bindet sich freiwillig an ethische Leitlinien. Im Gegenteil, es scheint auch Menschen zu geben, denen Unrechtsempfinden und Wohlwollen fremd sind, die von allen guten Geistern verlassen zu sein scheinen.

Da Ethik per se – ebenso wie Religion – keine Durchsetzungskraft hat, kann sich eine Gesellschaft in so einem Fall nur rechtlich schützen. Daher brauchen wir vernünftige und durchsetzungsfähige Rechtsinstitutionen, um Menschen, die von allen guten Geistern verlassen zu sein scheinen, in die Schranken zu weisen. Artur Schopenhauer schlägt folgendes Beispiel vor. Nehmen wir etwa an, sagt Schopenhauer, es würden plötzlich durch öffentliche Proklamationen alle Kriminalgesetze für aufgehoben erklärt, so würde schwerlich jemand den Mut haben, unter dem bloßen Schutz der religiösen Motive auch nur allein nach Hause zu gehen.[16]

Einen souveränen waltenden Gott hingegen braucht ein funktionierendes menschliches Gemeinwesen nicht. Die Zehn Gebote, insbesondere die das zwischenmenschliche Leben regelnden Nummer vier bis zehn, du sollst nicht töten, nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut und so weiter, gibt es nicht etwa, weil Gott sie erlassen hat und sie nur deshalb gut sind. Diese Gebote sind von sich aus gut und in Abwandlung daher auch in vielen anderen Kulturen zu finden. Daher sind sie auch ohne einen legitimierenden Gott gültig. Comte-Sponville: Nicht, weil es Gott gibt, muss ich Gutes tun, sondern weil ich Gutes tun muss, kann ich das Bedürfnis haben, an Gott zu glauben – nicht um tugendhaft zu sein, sondern um nicht zu verzweifeln[17], ähnlich auch Kant, für den Moral unumgänglich zu Religion führt.

Menschen sind nicht ausschließlich gut oder böse, sie existieren zwischen beiden Polen. Gegenseitige Achtung, Fairness und Hilfsbereitschaft gehören ebenso zu ihrer Lebenswirklichkeit wie Korruption, Klüngel und Hartherzigkeit; die menschliche Gesellschaft besteht weder nur aus Engeln noch allein aus Teufeln. Der Mensch ist keineswegs bloß ein irrationales, von Gefühlen und Leidenschaften bewegtes Wesen, sondern er lebt ebenfalls unter dem Zepter von Verstand und Wohlwollen, bricht nicht nur Versprechen, sondern hält sie auch. Hierzu noch einmal Norbert Hoerster: Man muss sich von einer verbreiteten Vorstellung verabschieden, die den Anhängern einer Ethik, die ihre Begründung auf die Interessen urteilsfähiger und informierter Menschen stützt, immer wieder unterstellt wird: die Vorstellung, dass die einzigen Interessen, die einem Individuum sinnvollerweise zugeschrieben werden können, egoistische Interessen, also Interessen am eigenen Wohlergehen bzw. an der Befriedigung künftiger eigener Interessen sind. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass Menschen – ganz unabhängig von jeglicher Moral – neben egoistischen auch altruistischen, ja oft sogar auch ideellen Interessen haben und dass die Realisierung dieser Interessen für sie nicht weniger rational ist. Die altruistischen Interessen finden sich vor allem im Nahbereich, gegenüber Verwandten und persönlich nahestehenden Menschen. Aber auch im Fernbereich haben viele Menschen gewisse, wenn auch im Vergleich zum Nahbereich stark abgeschwächte altruis­tische Interessen. Dass ich in einer Notlage wie etwa einer Flutkatastrophe vor allem an mich selbst, an meine Familie und an meine mir befreundeten Nachbarn denke, bedeutet nicht, dass mir das Schicksal der übrigen Opfer völlig gleichgültig ist und dass ich ihnen gegenüber nicht zur der geringsten freiwilligen Hilfsmaßnahme bereit bin.[18]

Eigennutz oder Selbstinteresse, ist das natürliche Motiv aller Lebewesen[19] und daher auch des Menschen[20]; er ist kein anrüchiges Element der Evolution, welches überwunden werden muss. Eigennutz tritt in der Natur in drei typischen, unterschiedlichen Formen auf

  • rücksichtsloses Durchsetzen eigener Interessen auf Kosten anderer
  • altruistisches Verhalten zu Gunsten Verwandter oder potentieller Sexualpartner
  • strategische Kooperationsbereitschaft gegenüber gleich- und höherrangigen Artgenossen.

Das Prinzip Eigennutz ist ethisch neutral, es ist die Grundlage von Hass und Liebe genauso wie von Krieg und Frieden oder Ausbeutung und Solidarität. Gegenüber dem Tierreich kommt beim Menschen noch ein Faktor hinzu, die Empathiefähigkeit[21], die Fähigkeit zu Mit-leid bzw. Mit-freude. Empathievermögen ist gleichzeitig genauso die Fähigkeit für erfolgreiches Lügen und Intrigieren wie für altruistisches Verhalten. Damit erst wird es möglich, dass sich Menschen unter bestimmten Voraussetzungen bereitfinden, ihr Leben für eine höhere Sache aufs Spiel zu setzen oder Verzicht zu leisten. Was im Einzelnen den Eigennutz ausmacht, ist abhängig von kulturellen Vorgaben, Moden, Traditionen, Philosophien, Ideologien und Religionen.

Handlungen aus Mitleid oder aus Mitfreude stellen eine besonders interessante Form eigennützigen Verhaltens dar. Auch beim mitfühlenden Eigennutz geht es um das eigene Wohl und Wehe, allerdings wird hier insbesondere fremdes Leid so stark wahrgenommen, dass es zum eigenen Besten ist, fremdes Leid zu bekämpfen. Seit der Entdeckung der Spiegelneuronen[22] wissen wir, dass fremdes Leid als eigenes, als selbst erlebtes Leid wahrgenommen wird.

Trotzdem sind der Wirksamkeit jeder Ethik klare Grenzen gezogen. Wem die einfache Forderung nicht bereits einleuchtet, dass materielle Unterversorgung, geistige Bevormundung und Verhinderung der persönlichen Entwicklung aufgehoben werden sollten, der wird sich von religiösen Geboten und noch so spitzfindigen, philosophischen Begründungen hierfür ebenso wenig beeindrucken oder gar bewegen lassen. Wem die bestehenden Missstände und die Not der Menschen nicht schon als Argument für ethisches Handeln genügen, dem wird mehr sicherlich auch nicht reichen, selbst wenn es ein höchstes Gottesgebot wäre. Allein wir Menschen können mehr freundliche Wärme in die vor Kälteeinbrüchen ungesicherte Welt bringen.

Das menschliche Leben steht in der Spannung von Sterblichkeit und Selbst­bewusstsein. Menschen erleben sich als vergänglich und verwundbar. Die Unausweichlichkeit des Todes ist die letzte Gewissheit des Menschen. Was nach dem Tod eines Menschen geschieht, wissen wir nicht. Ob es nach dem Tod ein Ewiges Leben mit Belohnung für gute Taten im Paradies oder mit Strafen für böse Taten in der Hölle gibt, ob es eine Wiedergeburt in welcher Gestalt auch immer oder einfach gar nichts gibt, bleibt immer Spekulation. Die einzige Gewissheit ist die endliche Dauer eines (Menschen)lebens. Nicht die Erinnerung an eine vergangene Offenbarung des Richtigen noch die Erwartung auf eine zukünftige Erlösung von allen Übeln, sondern nur die alle umfassende Vergegenwärtigung berechtigter Interessen vermag die moralische Rücksichtnahme in einer dem objektiven Anspruch moralischer Verpflichtungen entsprechenden unparteilichen Weise einzulösen.[23] Moral in Bezug auf die Endlichkeit eines Menschenlebens hat keinen und braucht auch keinen transzendentalen Anker.

Wir sollten daher danach trachten ein „gutes“ Leben zu führen, das nach Bertrand Russell (1872 – 1970) von Liebe inspiriert und von Erkenntnis geleitet wird.[24] Leben bedeutet eine Aufgabe im Hier und Jetzt. Gerade die Endlichkeit des Lebens beinhaltet den Auftrag, eine tragfähige Ethik zu entwickeln und gemäß solcher Regeln ein moralisch gutes Leben zu leben. Motivation ist die Verantwortung für mich selbst und meine Verantwortung für Welt und Mitmenschen, …nicht im Sinn eines Gottes sondern ganz im Sinne des Menschen.[25]

In der Erhebung zum Meister haben wir einen klaren Auftrag erhalten: …möge der Maurer, wenn die letzte Stunde, die Stunde der Wahrheit, gekommen ist, auf gute Arbeit und ein erfülltes Leben zurückblicken können[26] Während unseres Lebens als Brr... Freimaurer erhalten wir die Werkzeuge um gemeinsam mit den Brr... diese Ethik, die wohl nur eine Verantwortungsethik und nie eine reine Gesinnungsethik sein kann, zu entwickeln. In der FM-ei ist das Sittengesetz negativ bestimmt, das heißt ohne inhaltliche Definition. Die negative Bestimmung wird damit zur Gewähr dafür, dass nicht übernatürliche Autoritäten die moralischen Inhalte definieren, sondern dass diese aus der Praxis für die Praxis menschlichen Lebens entstehen. Mit diesem Tun in der Praxis beschäftigt sich Tugendethik; die rituelle Arbeit im Tempel ist die perfekte Gelegenheit, diese Ethik auch zu üben (Einübungsethik[27]).

[1] Dostojewskij F. M.; die Brüder Karamasov

[2] Sartre J.-P.; l’Existentialisme est un Humanisme

[3] https://www.welt.de/print-welt/article473111/Gott-die-Welt-und-das-Boese.html, Zugriff 10.02.2020, 08.30 hrs

[4] Hans Albert, geboren 8. Februar 1921, deutscher Soziologe, Philosoph und Hochschullehrer, er gilt als ein Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus

[5] Albert H. Glaube und Heilsgewissheit

[6] Comte-Sponville A; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

[7] Grisebach E., Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in 6 Bänden, Leipzig 1891

[8] https://monde-diplomatique.de/artikel/!562539; Zugriff 09.02.2020; 10.55hrs

[9] Comte-Sponville A.; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

[10] Hoerster N.; die Frage nach Gott; Beck’sche Reihe

[11] Zitiert nach https://www.google.com/search?q=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&rlz=1C1RUCY_deAT832AT832&oq=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&aqs=chrome..69i57.4167j0j1&sourceid=chrome&ie=UTF-8, Zugriff 17.02.2020, 12.00hrs

[12] Sartre J.-P.; l’Existentialisme est un Humanisme

[13] Mackie, J. L.; Ethics, inventing right and wrong. Penguin Books, London

[14] Sukopp T.; Menschenrechte: Anspruch und Wirklichkeit. Tectum-Verlag

[15] Zitiert nach https://www.google.com/search?q=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&rlz=1C1RUCY_deAT832AT832&oq=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&aqs=chrome..69i57.4167j0j1&sourceid=chrome&ie=UTF-8, Zugriff 17.02.2020, 12.00hrs

[16] http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Religion-Moral/religion-moral.html Zugriff 03.02.2020, 20.00 hrs

[17] Comte Sponville A; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

[18] Zitiert nach https://www.google.com/search?q=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&rlz=1C1RUCY_deAT832AT832&oq=S%C3%9CDWESTRUNDFUNK+SWR2+Wissen+-+Manuskriptdienst+Gottlose+Moral+%E2%80%93+Ethik+ohne+Religion&aqs=chrome..69i57.4167j0j1&sourceid=chrome&ie=UTF-8, Zugriff 17.02.2020, 12.00hrs

[19] Höffe Otfried, Lexikon der Ethik, Verlag C.H.Beck, siebente Auflage 2008, Stichwort „Selbstinteresse“

[20] Cf Hobbes Thomas, Leviathan Kapitel 6 & 13

[21] Cf. Hume David, Traktat über die menschliche Natur 1739; Smith Adam, Theorie der menschlichen Gefühle, 1759; Schopenhauer Arthur, Preisschrift über die Grundlagen der Moral, 1840

[22] Spiegelneuronen wurden 1996 erstmals vom italienischen Hirnforscher Giacomo Rizzolati bei Primaten entdeckt und wenig später im menschlichen Gehirn nachgewiesen

[23] Lohmann G. Moral und Zeit, in: Der Sinn der Zeit, hrsg. Von Angehrn E., Iber C., Lohmann G. Poccai R.; 2002

[24] Russell B.: Why I am Not a Christian, London 1967

[25] Gardavsky, Vitezslav, Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

[26] Ritual der Erhebung, GLvÖ

[27] Hammacher K.; Einübungsethik – Überlegungen zu einer freimaurerischen Verhaltenslehre.; Festschrift zum 75. Geburtstag des Autors, Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth Nr. 45/2005

Ein Kommentar zu „Moral ohne Gott

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