Das freimaurerische Geheimnis – ein Selbstzweck?

Das Freimaurerbild in der Öffentlichkeit ist gekennzeichnet vom immerwährenden Hinweis auf den „Geheimbund“ oder bestenfalls auf die diskrete Gesellschaft hinter verschlossenen Türen. Das „Geheime“ und das „Öffentliche“ war seit Beginn der institutionalisierten Freimaurerei stets gleichsam geschwisterhaft präsent. Was immer in der Öffentlichkeit über den Bund gesagt wurde und wird, es war und ist – selbst noch im Zerrspiegel der Verschwörungs-„theorien“ – nicht unabhängig von den Selbstdarstellungen des Bundes und seiner Mitglieder. Selbstbilder und Fremdbilder der Freimaurerei, Innen- und Außensichten des Bundes bedingten und bedingen einander gegenseitig und bilden trotz aller Widersprüche einen Gesamtkomplex.

Da ist der von Anfang an in Verbergen und Mitteilen, Verschweigen und Ausplaudern gespaltene, halböffentliche Charakterder Freimaurerei. Trotz ihres Rückzugs in die Sphäre des Geheimnisvollen fand Freimaurerei stets unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Von Anbeginn bis heute existiert dieser Spagat von drinnen und draußen, von Bestrebungen geheim zu bleiben und sich gleichzeitig öffentlich zu zeigen. Die Freimaurerei war nie ein Geheimbund im strikten Sinne, aber sie war auch nie lediglich ein schlicht geselliger Verein oder ein Service-Club vom Rotary-Lions-Typ. Sie war immer eine Assoziation zwischenGeheimbund und geselliger Institution.

Und dennoch gab und gibt es trotz Präsenz in der Öffentlichkeit und trotz aller Inkonsequenz bei seiner Handhabung stets das sowohl von den Freimaurern selbst als auch von Außenstehenden – Freunden wie Gegnern – reklamierte und proklamierte freimaurerische Geheimnis.

Weder lassen die Freimaurer davon und flüchten notfalls in Formeln wie die Freimaurerei hat kein Geheimnis, die Freimaurerei ist ein Geheimnis, noch wollen die Gegner der Freimaurerei darauf verzichten, die den Freimaurern in ihren extremen Verschwörungsvarianten vorhalten, dass es gerade die vermeintliche Offenheit der Freimaurerei ist, die ihren Charakter als geheime Verschwörung verbergen soll, ihn aber gerade hierdurch – dass wissen natürlich die schlauen Verschwörungstheoretiker – erst recht klar erkennbar macht.

Das maurerische Geheimnis ist nun vor allem das Geheimnis der verschwiegenen Rituale, und nicht nur die positiven Selbstzuschreibungen der Freimaurerei, auch alle Formen von Kritik, Ablehnung und Verurteilung machen sich am Geheimnis der Rituale fest.

  • Für die Kirchen verhüllen sich in den Ritualen Elemente einer alternativen Religiosität, wenn nicht gar einer anderen Religion, zumindest aber verkörpern sie den Ungeist des religiösen Relativismus.
  • Für die Vertreter der Verschwörungsmythen bietet der geheime Raum des Rituals den Rahmen für das Aushecken mannigfaltiger Verbrechen und Anschläge gegen die gesellschaftliche Ordnung, gegen Volk und Staat.
  • Für den Volksaberglauben konstituiert das Ritual die besser strikt zu meidende Welt des Makaber-Gruseligen, in der vielleicht gar Satanisches im Spiele ist.
  • In der Sicht intellektueller Kritiker kaschieren Ritual und Geheimnis Ansprüche auf Selbsterhöhung und persönliches symbolisches Kapital, wenn sie nicht gar als Ausdruck des Lächerlichen gelten, in vielen Variationen der Charakterisierung durch den Philosophen Ernst Bloch, Freimaurerei sei nichts als eine „wahnhaft gesittete Mummerei“.

Sowohl für die freimaurerische Gruppenbildung als auch für das Spannungsfeld zwischen Freimaurerei und Öffentlichkeit war und ist das maurerische Geheimnis von großer Bedeutung.

  1. Die schützende Funktion: Die Geheimhaltung der Logenaktivitäten – wie auch der Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften – schien Bedingung zu sein für die Absicherung einer von staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freien Sphäre, die dazu diente, ein neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen. Um die vielzitierte Feststellung Reinhart Kosellecks zu variieren: Das „Geheimnis der Freiheit“ war nur als „Freiheit im Geheimen“ zu antizipieren.
  2. Die bewahrende Funktion: Hier gilt die Bewahrung des Geheimnisses als Voraussetzung für die Sicherung einer – im Falle der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität des rituellen Geschehens als Quelle von Wahrheit und Erkenntnis, was vor allem für esoterische und christlich-gnostische Freimaurersysteme und weniger für die humanitäre Freimaurerei von Bedeutung war und ist.
  3. Die soziale Funktion: Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis diente und dient der Stiftung von Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten „Setzwaage“ konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus miteinander kommunizieren. Die Begegnung als „bloße“ Menschen im Rahmen des freimaurerischen Rituals hob die gesellschaftlichen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung auch außerhalb der Loge zumindest ab.
  4. Die integrative Funktion: Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter, wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört: „Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“, hat der Freimaurer Goethe dazu gedichtet.
  5. Die pädagogische Funktion: Die unter dem Schutz der Verschwiegenheit hergestellte Offenheit und Bereitschaft für persönliche Veränderung („Selbstvervollkommnung“, „Arbeit am rauen Stein“) des eigenen Selbst dient der Einübung von Tugenden, die sich auch im „profanen“ Umfeld des Freimaurers bewähren sollen. Die Absicht, im Sinne einer moralischen Entwicklung des Menschen auf den Habitus des Logenmitglieds einzuwirken, findet sich in vielen Texten, Liedern und Ritualen seit Beginn der modernen Freimaurerei.
    Das freimaurerische Geheimnis besaß und besitzt jedoch auch Funktionen, die mehr oder weniger in Widerspruch zu den erklärten Zielvorstellungen der Freimaurerei gerieten, dennoch aber bis heute ihre Wirksamkeit behielten. Hierunter sind zu nennen:
  6. Die illusionsstiftende Funktion: Das maurerische Geheimnis dient (zumindest auch) der Schaffung und Sicherung eines Raums zum Ausleben mannigfaltiger „Selbstverwirklichungs- und Selbsterhöhungsambitionen“. Hierzu dienen die rituelle Konstruktion einer besonderen, von der Welt des Profanen verstärkt abgehobenen, wert- und empfindungssteigernden Atmosphäre, die Vergabe von Ämtern, Würden und Orden, die gegenseitige Beimessung einer besonderen persönlichen Bedeutsamkeit sowie die Durchführung aufwändiger Zeremonien, nicht zuletzt, wenn Großlogen internationale Veranstaltungen durchführen und sich Repräsentanten der verschiedenen nationalen Freimaurereien begegnen.
  7. Die Lockfunktion: Das Geheimnis mit dem ihm eigenen Einhüllen des Bundes in einen „Mantel des Geheimnisvollen“ kann die Attraktivität der Freimaurerei und ihrer Sonderformen erhöhen und wird gelegentlich gar als eines der Hauptwerbemittel des Bundes gepriesen. Zum Zuge kommt diese Funktion auch im Verhältnis zwischen Angehörigen „höherer“ Grade und den Mitgliedern der „blauen“ Logen.
  8. Die Funktion der „inneren Hierarchisierung“: Eine Vermehrung der Grade der Freimaurerei über die traditionellen Stufen „Lehrling“, „Geselle“ und „Meister“ hinaus im Sinne einer „Hierarchie von Einweihungen“ schafft nicht nur erweiterte Erlebnis-, Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sondern auch Abschottungen und Binnendifferenzierungen, die sich nicht selten als Element der Generierung von Konflikten innerhalb und zwischen den Logen und Großlogen erwiesen haben und erweisen.

1770 fasste eine zunächst anonym erschienene, wiederholt aufgelegte kleine Schrift von Johann August von Starck unter dem Titel „Apologie des Ordens der Frey Maurer“ die Antworten der Freimaurerei auf folgende – im Prinzip bis heute unverändert gebliebenen – Hauptpunkte der Kritik zusammen

  • Das Geheimnis der Freimaurer als solches widerspräche der Aufklärung, denn was nützlich und gut sei, könne offen und klar dargelegt werden,
    • die Freimaurerei bilde einen Staat im Staate (statum in statu),
    • der Eid der Maurer sei schrecklich, er schränke durch die angedrohten, unmenschlichen Sanktionen die natürliche Freiheit des Menschen ein
    • das Abfordern eines Eides sei zudem ein Monopol der Obrigkeit, und die Freimaurerei verbreite unter seinem Schutz eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber Nation und Religion
    • schließlich sei der Orden der Freimaurer ohne wahren Nutzen und daher überflüssig, es sei denn, er betreibe unerlaubte Zusammenkünfte, die einen Herd für Verschwörungen bilden könnten

Bis heute gilt, die Freimaurer litten nicht nur an der sie umgebenden Mythologie, der faszinierenden Aura des Geheimen, sie profitierten auch davon. Denn die Mythen halten die Freimaurerei im Gespräch, führen ihr – bis hin zu den Dan-Brown-Fans – viele Neugierige zu und veranlassen die Maurer selbst, immer wieder darüber nachzudenken, ob hinter ihrem Orden nicht doch mehr stecke, ob das Geheimnis nicht doch einen anderen Inhalt habe als bisher in seiner schlichten englischen Ausformung zu erkennen war.

Wenn beispielsweise Herder in seiner Korrespondenz mit Schröder an der Wende zum 19. Jahrhundert die beiden Grundvoraussetzungen einer von ihm mitgetragenen Reform der Freimaurerei formuliert – nämlich Wiederherstellung des „alten Rituals in seiner reinsten Gestalt“ und eine angemessene rituelle Praxis –, und seinen Brief dann mit den Worten schließt: Die geheimen Gesellschaften sind bisher ein fressendes Gift, Höhlen des Betrugs, der Halbwisserei und … eines despotischen, kleingeistigen Egoismus gewesen!, so argumentiert er gegen die damals aktuellen Formen der Freimaurerei nicht anders als viele antimasonische Schriften.

Der britische Historiker und Autor des neu erschienenen Buches „Die Freimaurer – der mächtigste Geheimbund der Welt“ beschreibt die legendäre Verschwiegenheit der Freimaurer als ein einziges großes Missverständnis. Wir müssen die Idee hinter uns lassen, dass die freimaurerische Verschwiegenheit irgendetwas verstecken will. Die Verschwiegenheit ist eine rituelle Performance. Wenn sie Freimaurer werden, stehen sie vor unzähligen Schichten von Geheimnissen. Alles, was sie sehen, sind Geheimnisschichten. Und wenn sie alle Geheimnisse abgeschält haben, sind die Inhalte, die am Ende bleiben, überraschend banal: <sei ein guter Kerl. Finde etwas mehr über die Welt heraus. Und vergiss nicht, dass du sterblich bist.

Das Geheimnis ist hier Selbstzeck. Es injiziert eine kleine Dosis Mysterium in eine immer profaner werdende Welt. Seit Jahrhunderten ist es unser bestes Propagandawerkzeug. Es hält unsere Gemeinschaft zusammen, verleiht uns Wichtigkeit und bringt uns so immer neue Mitglieder. Gleichzeitig ist das maurerische Geheimnis der Humus, auf dem Verschwörungstheorien sprießen.

Zusammenfassung eines Artikels von Br... Hans-Hermann Höhmann, PM der l Quatuor Coronati, PM der L Ver sacrum, GR der GL AFAM Deutschland

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