der blutige Gott – das Opfer

Es gibt praktisch keine Religion, die kein Opferritual als religiöse Handlung kennt; diese entspringt offenbar einem naturhaften Urverlangen des Menschen. Dieses Verlangen treibt ihn dazu einem für heilig gehaltenen, übermächtigen Wesen, sei es als weltimmanente Naturkraft oder als transzendente Gottheit vorgestellt, eine aus seinem Eigentum abgesonderte, wertvolle Gabe als Geschenk anzubieten. Der Mensch tut dies, um mit der heiligen Macht bzw. Gottheit in Kontakt zu kommen, mit ihr zu kommunizieren (Opfermahl), ihrer Kraft habhaft zu werden, sie günstig zu stimmen oder ihre negative ihm schädliche Energie abzuwenden, ihren Zorn zu besänftigen und für begangenes Unrecht Sühne zu leisten. (Lexikon für Theologie und Kirche). Warum sind die Götter – alle Götter – so fordernd? Sie fordern Blut, Wein Fett, Milch, Ochsen, Lämmer, Tauben und vor allem Menschenfleisch; alte und junge Menschen, Männer, (Jung-) Frauen und Kinder. Woher kommt dieses Bild einer schrecklichen himmlischen Macht, die doch eigentlich alle und alles schützen sollte?

 

Alle Religionen erklären ihre Götter als allmächtig, allwissend und gestehen ihnen die uneingeschränkte Macht zu, Katastrophen, Erdbeben, Überschwemmungen und Hungersnöte, Kriege und Vulkanausbrüche auszulösen. Wenn diese Götter nun alles besitzen und alles vermögen, warum müssen dann die Menschen bei jeder Gelegen­heit, wenn sie etwas Besonderes und/oder Lebenswichtiges – wie Ernte, Aussaat, Hochzeit, Geburt – vorhaben, auf einem Altar etwas vom Besten, das sie haben, diesem schrecklichen, alles verschlingenden Rachen im Himmel opfern. Die Gottheit ist stärker; sie muss man fürchten, sie muss man besänftigen. Letzter Garant für Frieden und Wohlstand kann nur die Gottheit sein. Auf ihre Gunst ist man angewiesen, ihr Zorn ist tödlich. Dieser muss besänftigt, jene er­rungen werden. Das archaische, zyklische Denken führt schließlich zur ständigen Wiederholung (meist im Jahresrhythmus), zum Opferkultsystem

 

Opfer sind widersprüchliche Mittel zur Lösung eines Problems, das gar nicht zu lösen ist. Sie gehen von einem grundsätzlich inadäquaten Verständnis von Gott und des Menschen Verhältnis zu ihm aus (und umgekehrt). Dieses besteht weder in einem Rechtsverhältnis (beiderseitige Zuschreibung von Rechten und Pflichten) noch in einem Tauschverhältnis (wechselseitiges Geben und Nehmen).

 

Ohne Frage haben moderne (Straf-) Gesetze die praktizierten Riten gebändigt, und so wird heute physisch außer in obskuren, kriminellen oder psychopathologischen Sekten kein Mensch mehr getötet. Ein Beispiel dafür ist die Katastrophe von Waco in den USA, wo sich vor einigen Jahren eine ganze Gruppe von Sonnentemplern in kollek­tivem Wahn selbst tötete. Trotzdem bleibt die Opferrolle, auch wenn sie meist auf die symbolische Ebene reduziert ist. In den Ritualen finden wir maximal Tier­opfer, und doch gibt es Menschen, die sich selbst opfern. Sie opfern der Gottheit ihre Sexualität, ihre persönliche Freiheit oder ihre Intelligenz. Sie fügen sich physische Schmerzen zu. Mögen die Flagellanten von Sevilla eher eine folkloristische Sensation und weniger Ausdruck der Bußbereitschaft sein, die sich selbst kreuzigenden Menschen auf den Philippinen sind durchaus Ausdruck des religiösen Fanatismus, und beim schiitischen Ashurafest geißeln Männer ihren nackten Oberkörper stundenlang mit Ketten, die in Messer auslaufen, bis Menschenblut die Erde tränkt, Menschenblut wie es in Teheran nach der islamischen Revolution unter Khomeini aus einem Brunnen floss. Frauen und Männer bewerben sich als Selbstmord­attentäter und sprengen sich oder werden im Auftrag des einzigen Gottes in die Luft gesprengt.

 

Seit den Zeiten der Großen Göttin und Großen Mutter sind die Götter für die Menschen gefühlsbegabte Zweifüßler. Ihnen muss man logischer Weise Tribut zollen, weil sie die Herren sind. In der aztekischen Mythologie zum Beispiel lag die Welt an ihrem Anfang in Finsternis. Da opferte sich ein Gott, warf sich in ein Opfer­becken voll glühender Kohlen und wurde so zur Sonne. Als sich die Sonne nicht um die Erde drehte forderte die Sonne: „Ich will euer Blut!“ Götter und Göttinnen opferten sich, um die Sonne in Bewegung zu setzen und Menschenopfer waren not­wendig, um die Sonne in ihrem Lauf nicht zu hemmen.

 

Gleichzeitig sind diese Menschenopfer Gelegenheit zum Kannibalismus. In diesen Kannibalismusritualen ist ein komplexer Symbolgehalt verborgen. Es handelt sich um Festmahle, in deren Verlauf die Menschen und die Götter ein und dieselbe Mahl­zeit teilen. Das Menschenfleisch, das sie verzehren, gilt als Verkörperung von Energie.

 

Menschenopfer sind nicht auf das präkolumbianische Amerika beschränkt, wir finden Menschenopfer auch bei den Chinesen der Bronzezeit. Diese brachten ihren Herrschern, die Statthalter eines himmlischen Mandats und damit Stellvertreter der Götter auf Erden waren, Menschenopfer dar. Beim Tod eines Herrschers richteten sie seine Frauen, Begleiter, Diener und Haustiere hin. Um die Götter gnädig zu stimmen, wenn sie wichtige Bauten, wie Tempel oder Paläste errichteten, brachten sie Menschenopfer dar. So soll die Große Mauer voll von eingemauerten Menschen sein. Wie viele Schädel-, Becken oder Oberschenkelknochen wohl unter den Palästen begraben liegen? Die Seelen der Opfer sichern die Unvergänglichkeit der Konstruktion, wie Mircea Eliade schreibt.

 

Genauso finden wir das Menschenopfer bei den Griechen und Römern. So sandten die Athener alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge nach Kreta, die dem Minotaurus geopfert wurden, um das Feuer der Sonne in Gang zu halten. Die Römer verboten Menschenopfer erst sehr spät (197 v.u.Z.) und noch im 3. Jahr­hundert v.u.Z. begruben die Römer auf dem Forum einen Gallier und eine Gallierin bei lebendigem Leib, als sie von den Venetern und Cenomanen angegriffen wurden.

 

Wir wissen von Menschenopfern bei Kelten, Dakern und Germanen. Die Opfer wurden mit Schwertern in Stücke gehauen, von Pfeilen durchbohrt oder gepfählt. Im 2. Jahrhundert v.u.Z. sollen Druiden aus der Art, wie das Opfer fiel, die Zukunft ge­lesen haben. Zur Sommersonnenwende wurde bei den Kelten ein kräftiger junger Mann mit allen Zeichen des Königtums geschmückt und an eine Eiche gebunden, dann geschlagen, bei lebendigen Leib gehäutet, geblendet oder kastriert und zum Schluss mit einem Schnitt durch die Halsschlagader getötet. Das Blut dieses Jahr­königs fingen die Feiernden auf und besprengten sich selbst und ihre Felder damit. Rituelle Tötung oder Verstümmelung, um die Fruchtbarkeit zu fördern, finden wir nicht nur bei den Kelten. Im Kongo kastrierten die Basundi einige ihrer jungen Männer zur Feier des Neumonds, von dem die Fruchtbarkeit der Menschen, Tiere und Pflanzen abhing. Die Kaffern und Hottentotten zogen die Amputation des linken Hodens vor. Vedische Völker hatten die Kastration zur Erreichung eines höheren Grades der Erleuchtung eingeführt.

 

Menschenopfer symbolisieren immer die Gottheit selbst; denn je kostbarer das Opfer ist, desto geschmeichelter ist der Gott, dem es dargebracht wird und umso größer ist das Ansehen des Opfernden in den Augen des Gottes. Besser als ein Lamm oder Schwein zu opfern, ist es, ein menschliches Wesen zu opfern; und noch besser ist es ein besonderes menschliches Wesen, eine Jungfrau zum Beispiel, zu opfern. Die größte Ehre allerdings, die einem Gott erwiesen werden kann, ist, ihm das Leben eines Gottes zu opfern. Bei dem beschriebenen aztekischen Mythos opferten sich die niedrigeren Götter selbst der Sonne.

 

Der Opfernde identifiziert sich mit dem Opfer, er bringt sich selbst dar. In einer schwedischen Überlieferung heißt es, ein König Aun habe Odin tagelang um Rat ge­fragt, bis dieser bereit war, sich zu äußern. Odins Antwort war, der König werde regieren, solange er ihm alle neun Jahre einen seiner Söhne zum Opfer bringe. Der König opferte so neun seiner zehn Söhne; als aber der zehnte an der Reihe war, widersetzte sich das Volk, und der König musste sterben. In seinen Söhnen opferte sich der König symbolisch selbst, um an der Gottheit teil zu haben.

 

Diesen Vater-Sohn-Mythos finden wir in vielen Religionen; das berühmteste Beispiel sind Abraham und Isaak. Dieser Gott, JHVH gehört zu den archaischen Göttern, die sich von Menschenopfern ernähren. Der Berg, auf dem Abraham Isaak opfern sollte, heißt nach der Bibel seither Jahwe Jire (=Jahwe sieht). JHVH sieht, dass sich Israel gänzlich ihm überantwortet. Die harte Lehre aus diesem Mythos ist, dass seinem Gott nur der gefällig ist, der seinem Gott sein wertvollstes Gut (in der nomadisch, patriarchalischen Stammeskultur der erstgeborene, einzige Sohn) zu opfern bereit ist.

 

Dieser Gott verlangt von allen Juden noch ganz andere Dinge als Opfer, zum Beispiel die Vorhaut. In der Tat geht es darum, der Gottheit einen Teil des Fortpflanzungs­organs also symbolisch die Sexualität zu opfern, ein nachhaltiges Opfer.

 

Das Schema der Kinderopferung durch den Vater bestürzt durch seine Dauerhaftig­keit. Einer der bekanntesten Mythen erzählt von der Artemis Priesterin Iphigenie, die von ihrem Vater Agamemnon Artemis geopfert wurde. In geschichtlicher Zeit brachten die Karthager dem Gott Baal Hammon und der Göttin Tanit Kinder als Opfer dar. Bei den Karthagern hieß dieses Opfer „Molkh“ und in der Bibel war Moloch der heidnische Gott, dem Kinder geopfert wurden. Beide Begriffe dürften von dem kanaanäischen Mlk kommen, was König bedeutet. Diese Kinder wurden an der Opferstätte auf die Hände eines stierköpfigen Gottes gelegt und glitten von dort bei lebendigem Leib in einen großen Brennofen, während die Menge singend um die Statue tanzte.

 

In der christlichen Tradition stellt Gott die Tradition der Opferung auf den Kopf. Nachdem Gott von Abraham gefordert hat, seinen Sohn zu opfern, opfert Gott selbst nun seinen eigenen Sohn. Auf den ersten Blick schein es sich dabei um das uralte Schema zu handeln, dass der Vater seinen Sohn stellvertretend für sich selbst opfert. Es gibt jedoch keine höhere Instanz, der Gott seinen Sohn zum Opfer bringen könnte. Außerdem sind nach christlicher Theologie Gott und sein Sohn konsubstantiell, eine Opferung des Sohnes käme also einem Suizid Gottes gleich, der eine Zerstörung der Welt und einen Sieg des Nichts zur Folge hätte.

 

Die Theologie sucht heute noch die Antwort auf die Frage, wem Gott seinen Sohn geopfert hätte. Die christliche Theologie – unabhängig ob katholisch, evangelisch oder orthodox – verneint die Existenz eines allerhöchsten Wesens, hoch über Gott und Teufel. Nach den Kirchenvätern und auch für moderne Theologen hat der Schöpfergott seinen Sohn seinen Geschöpfen, den Menschen, geopfert. Ein Opfer wird aber einem höheren, mächtigeren Wesen dargebracht, und es ist undenkbar, dass der Schöpfer seine Geschöpfe als über sich stehend betrachtet. Außerdem ent­hält die Opfertheologie einen Selbstwiderspruch. Schuld kann nicht durch neuer­liches Blutvergießen gesühnt werden. Was Nietzsche „schauderhaftes Heidentum“ nennt, läuft auf eine Selbstaufhebung des Evangeliums hinaus, denn das Opfer eines Unschuldigen für die vermeintlichen Sünden der Menschen gleicht einer Bankrott­erklärung der christlichen Botschaft. Die Opferidee allgemein und besonders die Idee vom Opfertod Jesus setzen ein fragwürdiges Gottesverständnis voraus. Gott kann durch Opfer nicht bestochen und durch menschliche Gaben und Taten nicht zur Änderung seiner Absichten veranlasst werden (Plato). Daraus folgt, Sünde gegen­über Gott kann durch Opfer nicht getilgt werden, also auch nicht durch den Opfer­tod Jesus.

 

Wie tragisch und unmenschlich die Beziehung zwischen Menschen und Göttern ist, verdeutlicht der Mythus von Dionysos, dem Sohn von Zeus und Semele. Hera ließ ihn in ihrer Eifersucht durch die Titanen töten. Diese zerstückelten ihn und kochten ihn in einem Kessel. Dionysos entkam durch die Macht seines Vaters, wurde aber am Ende doch in Stücke gerissen, diesmal von seinen eigenen Priesterinnen, den Mänaden.

 

Mord und Folter im Namen oder im Auftrag einer Gottheit oder einer göttlichen Wahrheit sind nicht Relikte aus einer vergangenen, mythisch archaiischen Zeit. So beging die Inquisition (aufgehoben von Napoleon 1808 in Madrid) in den fast 800 Jahren ihres Bestehens zehntausende Morde im Namen einer absoluten göttlichen Wahrheit. Der Mudjahed, der seinen Sprengstoffgürtel auf einem belebten Markt­platz zündet, unterscheidet sich in nichts von einem Herakles, der freiwillig den Scheiterhaufen besteigt oder einem Dionysos, der sich selbst den Mänaden ausliefert. Seine Überzeugung ist, dass er sich für seinen Gott opfert, – genauso wie es tausende von christlichen Märtyrern taten und wie Juden Psalmen singend als Nachfolger Hiobs in den Holocaust gingen. Der Mudjahed ist der festen Überzeugung, mit seinem Tod augenblicklich in den Himmel ein zu gehen und mit seinem Gott eins zu werden.

 

Doch genug des Aufzählens immer neuer Grausamkeiten und Beispiele dafür, dass Gott permanent Opfer fordert und die möglichst in menschlichem Blut. Was bringt Menschen dazu, sich auf so eine Gottheit einzulassen? Die Massaker scheinen der menschlichen Vorstellungskraft zu entspringen. In einer Religion, die an die Un­sterblichkeit der Seele gar noch an eine Seelenwanderung glaubt, die der Seele eine neue Wohnung sichern würde, opfert man bloß die leibliche Hülle und der vor­zeitige Tod im Opfer stellt nur einen schnelleren Schritt in der Seelenwanderung dar.

 

Diese angebliche Todesverachtung ist ein praktisches Konstrukt, stellt doch die Todesangst seit den Anfängen der Menschheit die größte Angst dar. Der Anblick einer (verwesenden) menschlichen Leiche stellt die größtmögliche Verletzung des menschlichen Narzissmus dar. Die Lehre von der Seelenwanderung ist in erster Linie Tröstung ex anteriori. Das memento mori einer Verwesung veranschaulicht genau, was aus jedem Menschen werden wird.

 

Das Opfer wird Göttern dargebracht, die niemand objektiv erfahren hat und deren Vielzahl und Vielfalt beweist, dass sie Schöpfungen verschiedener Kulturen und als solche kollektive Einbildungen sind. Manchmal wird die Wahl der Opfergabe durch einen direkten Befehl der Gottheit bestimmt, manchmal durch die Vorstellung der Priester, Propheten, Wahrsager etc. von den Wünschen der Gottheit. Diese Wahl ist wieder eine kollektive Einbildung. In beiden Fällen wird diese Wahl vom Kollektiv der Menschen freudig willkommen geheißen. Nie protestiert das Kollektiv gegen den Kindermord zu Ehren des Molochs noch gegen die heiligen mörderischen Druiden. Ganz im Gegenteil, das Kollektiv ist einmütig stolz, den Willen der Gottheit zu er­füllen, was wieder beweist, dass auch die Grässlichkeiten der Opferung einem individuellen wie kollektiven Drang entsprechen.

 

In den meisten Fällen sind die Opfer geliebte oder besonders liebenswerte Menschen, (die eigenen) Kinder, das eigene Fleisch und Blut, unschuldige Mitglieder des eigenen Kollektivs, die allerschönsten Jünglinge und Jungfrauen. Der einzelne Mensch kann auch einen Teil von sich selbst, dem er einen besonderen Wert bei­misst, opfern; einen Hoden, seine sexuelle Aktivität, sich selbst. Jedes Opfer ist mehr oder weniger Selbstopfer abhängig von der Bedeutung der Gabe. C. G. Jung schreibt: „Das Opfer ist immer das Aufgeben eines wertvollen Stückes, dadurch kommt der Opferer dem Gefressenwerden zuvor, das heißt es entsteht nicht eine Verwandlung in den Gegensatz, sondern eine Vereinigung und Ausgleichung, woraus sofort eine neue Libido-, respektive Lebensform entsteht, Sonne und Wind ergeben sich.“

 

In allen Fällen zielt das Opfer auf teilweise oder vollständige Zerstörung ab. Aller­dings gibt es so etwas wie ein Geschenk an die Gottheit nicht (Lessing: er wird nicht fett durch euer Fasten). In Wirklichkeit geht es um Zerstörung. Jedes Opfer ist mehr oder weniger Selbstopfer. Nach C. G. Jung ist die Macht, die mich zwingt ein Opfer zu bringen, mein Selbst. Das Selbst ist Opfernder und ich bin die geopferte Gabe, das Menschenopfer.

 

Exemplarisches Beispiel dafür ist der Mythos vom Opfer des Isaak. Abraham soll seinen einzigen Sohn Isaak wegen des übermächtigen göttlichen Gebots opfern. Im letzten Moment greift JHVH persönlich ein und verhindert den Mord. Allerdings gibt es einen Midrasch, dass Abraham seinen Sohn tatsächlich geopfert hätte. JHVH hätte danach Isaak zu neuem Leben erweckt. Im Grunde kann sich der Vater nur selbst als Opfer erleben und wird wahrscheinlich den Stich des Schlachtmessers genauso spüren wie sein eigener Sohn. In diesem Fall wäre er Opfernder und Ge­opferter in einer Person.

 

Für C. G. Jung findet ein Opfer nur statt, wenn das Selbst es fühlbar und unzweifel­haft an uns vollzieht. Aus dem Selbstopfer gewinnen wir das Selbst, uns selbst. Das Selbst wird als die Vereinigung des Bewusstseins mit dem Unbewussten verstanden. Für das Bewusstsein ist eine Gabe mit aufgehobenem Anspruch auf Besitz – eben das Opfer – eine sinnlose Handlung. Mit der Opferung geht das Selbst aus dem dissoluten Zustand des Unbewusstseins in den des Bewusstseins und aus dem potentiellen in den aktuellen Zustand über.

 

Symbolisch dargestellt wird dieser Vorgang im Wandlungsmysterium der katholischen Messe, die ausdrücklich als unblutige Wiederholung des Kreuzesopfers bezeichnet wird. Gott ist Opfernder und Opfergabe in einer Person. Gleichzeitig wird er im Opferakt zum leidenden und sterbenden Menschen, der selbst durch das eucharistische Mahl an der Gottheit teil hat.

 

Christus erscheint als Logos von Ewigkeit und gleichzeitig als Menschensohn. Als Logos ist er das weltschöpferische Prinzip. Dem entspricht das Verhältnis des Selbst zum Bewusstsein, ohne welches die Welt nicht als existierend wahrgenommen werden würde. Als Menschensohn entspricht er dem Individuum in all den einzelnen Erscheinungsformen des Selbst.

 

In der Geschichte vom Kreuzestod Jesus finden wir Elemente des Königopfers, Mantelbekleidung, Dornenkrone, Geißelung; verdeutlicht durch die Geschichte von Bar-Abbas (Sohn des Vaters). Der Tod am Kreuz ist ein mutwilliges zu Tode quälen des Opfers, eine entehrende Strafe für Sklaven. Diese Strafe wird an der Gottheit selber ausgeführt. Doch wofür wird die Gottheit bestraft? Aus der jüdischen Bibel wissen wir, dass JHVH zwar ein Hüter des Gesetzes ist, selber aber nicht ge­recht ist und an Zornanfällen leidet, die er selbst bereuen muss. Nicht die Menschheit habe die Schuld sondern Gott selber, es ist daher nur logisch, dass er sie exkulpiere. Dieser Gedanke ist so weit stimmig, weil er in seinem erstgeborenem Sohn – Satan – Adam und Eva provozierte. Diese Wiedergutmachung erinnert an die Geschichte von Hiob, in der sein Erstgeborener, in diesem Fall als Zweifelsgedanke, ebenfalls seine Hand im Spiel hat; in der Folge ersetzt JHVH Hiob alle seine Verluste.

 

JHVH steht hier in der Tradition der Jahrkönige. Als Weltschöpfer hat er eine unvoll­kommene Welt erschaffen, daher muss er als Jahrkönig rituell getötet werden. War es in früheren Zeiten möglich, dass die Menschen ihre Götter entthronten, indem sie ihre Statuen prügelten oder in Fesseln legten, so kann sich nun ein Gott nur noch selbst entthronen oder töten lassen.

 

Auch in der Freimaurerei finden wir diesen Auferstehungsmythos vom Göttlichen ins Menschliche transformiert in der Legende von Hiram. Hiram ist kein Gott, Hiram ist Mensch. Hiram opfert sein Leben, opfert sich selbst, um das geheime Meisterwort zu bewahren. Dieses geheime Wort oder seine richtige Aussprache müssen aber sehr viel mehr gewesen sein als ein Aus­weis oder Passwort, denn sonst hätte er sein Leben nicht dafür gegeben. Hirams Opfernde sind seine eigenen Fehler, Dummheit, Machtgier und In­toleranz als die drei Mordgesellen. Auch er ist also Opfer und Opfernder zugleich.

 

Bei näherer Auseinandersetzung mit dem Stoff der Hiramlegende zeigt sich jedoch, dass hier noch einige Aspekte mehr versteckt sind. Folgen wir Nérval, so zeigt sich, dass König Salomo zumindest über die Attentatspläne gegen Hiram informiert ist und nichts dagegen unternimmt. Als Motiv wird dem großen König Eifersucht auf die Macht Hirams unterstellt, der er der König nichts entgegen zu setzen hat, Mord als purer Machtkampf zwischen zwei Männern? Oder muss Salomo doch etwas opfern, ein Bauopfer darbringen, wie es von Alters her Brauch ist? Bauopfer sind in der Bibel noch aus späterer Zeit bezeugt; so im ersten Buch der Könige, wo über den Wiederaufbau Jerichos berichtet wird: In seinen Tagen baute Hiel, der Betheliter, die Stadt Jericho wieder auf. Um den Preis von seinem Erstgeborenen, Abiram, legte er ihren Grund, und um den Preis von Segub, seinem Jüngsten, setzte er ihre Tore ein… (1.Kön 16,34). Salomo gebe also etwas von sich her, das ihm besonders wert ist, er ge­fährdet durch die Opferung Hirams seinen Tempelbau. Die Legende schließt damit, dass Hiram von Menschen aus dem Grab gehoben wird, um im Tempel bestattet zu werden.

 

Nirgends in der Legende vom Baumeister Hiram ist davon die Rede, dass er von Salomo oder von wem auch sonst immer zu neuem Leben erweckt wird. Die Mission Hirams ist mit Tod, Auffindung des Leichnams und Grablegung erfüllt. In der Johannismaurerei wird nun dieser Lauf der Erzählung durch den Akt der Erhebung, der Auferweckung, der Totenbeschwörung durchbrochen. Offen bleibt, ob Hiram als Leichnam oder als Auferstehender aus dem Grab gehoben wird. In der offiziellen Interpretation lebt Hiram in dem neuen Meister fort, und die Kontinuität der maurerischen Kette ist wieder hergestellt.

 

Sehr oft wird in diesem Zusammenhang in der maurerischen Literatur auf die Berichte von Totenerweckungen in der Bibel verwiesen. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um drei Berichte. Die Auferweckung des Sohns der Witwe von Sarepta durch Elias, die Auferweckung der Tochter des Jairus durch Jesus und die Aufer­weckung des Lazarus durch Jesus. Der Sohn der Witwe und die Tochter des Jairus werden durch Einblasen des (Lebens)atems zu neuem Leben erweckt. Lazarus wird einfach bei seinem Namen gerufen und soll aus seinem Grab heraus kommen. Keiner dieser drei Berichte ähnelt unserer Erhebung. Jedes Mal handelt hier einer mit der Macht oder im Namen einer höheren Autorität.

 

Eine andere Geschichte, die Geschichte vom Golem, hat verblüffende Ähnlichkeiten mit unserer Hiramlegende. Rabbi Löw in Prag formt aus Ton eine Figur und erweckt diese dadurch scheinbar zum Leben, dass er ihr ein Stück Pergament mit dem Tetragrammaton unter die Zunge steckt. Die Ähnlichkeit zu unserer Erhebung liegt auf der Hand. Folgen wir dem Text der Hiram­legende, so hat die Verwesung des Leichnams ein Stadium erreicht, in dem die Knochen frei liegen. Die Knochen sind aus Mineralstoffen, gehören damit genauso zum Element Erde, wie Ton. Auch Adam wird aus Erde erschaffen, ihm haucht Gott jedoch seinen Atem ein.

 

Die Hebung wird durch die Heiligen Worte, die Zauberworte, des 1. und 2. Grad versucht und gelingt schließlich durch das Einflüstern des neuen Worts. Einen Toten zu erwecken oder vielleicht doch eher zu beschwören überfordert – auch wenn es nur symbolisch zu verstehen ist – die Kraft eines Menschen, sogar die eines MvSt. Das kann daher nur durch die Mithilfe der Brüder, verdeutlicht durch die 5 Punkte der Meisterschaft, geschehen. Es ist die Ge­meinschaft der maurerischen Bruderliebe und nicht das Wirken einer göttlichen Macht, die das Wunder der Auferweckung und Aufhebung zu neuem Leben be­wirkt.

 

Auch wenn in der Freimaurerei die Symbolik betont wird, so wird Auferweckung oft mit göttlicher Macht assoziiert, Gott selbst oder seinem Bevollmächtigten. Denken wir diesen Gedanken konsequent weiter, so wird die Freimaurerei so etwas wie eine jüdisch-christliche Sekte. Es wäre daher die Frage zu stellen, im Auftrag welchen Gottes wir solche Totenerweckungen durchführen und wofür Hiram geopfert wird.

 

Das ist eigentlich ein Gedanke, bei dem ich mich nicht wohl fühle; viel eher kann ich mich mit der Vorstellung von Nekromantie an­freunden. Damit stehen wir in der Tradition eines Teiresias, der Laios beschwört, um etwas über dessen Mörder, Ödipus, zu erfahren und der selbst von Odysseus be­schworen wird. Auch Faust und John Dee wird Nekromantie nachgesagt. Am besten kann ich mich jedoch in der Idee wiederfinden, dass in der Hiramlegende symbolisch die ersten Schritte des alchemistischen großen Werks dargestellt sind; also die Johannismaurerei – wie Albert Pike feststellt – das Tor , den Eingang in den Tempel der Freimaurerei dar­stellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur

  • Bankl Hans; Hiram, Biblisches – Sagenhaftes – Historisches, Edition zum Rauhen Stein, Wien 2000
  • Gerigk, P. Manfred, Befreiungstheologie, das Opfer Anmerkungen zu einem religiösen Phänomen; http://www.dominikaner-mission.de, 16. März 2008, 23.55 Uhr
  • Jung Carl Gustav; Psychologie und Religion, Deutscher Taschenbuchverlag 35177, München 2001
  • Messadié Gerald; die Geschichte Gottes, über den Ursprung der Religionen, Ullstein Verlag Berlin 1997
  • Rothmayer Michael; das Opfer, Baustück im 3. Grad, aufgelegt in Loge Aurora zu den 3 Feuern, Orient Klosterneuburg, 29. März 6002 a... l..., Karfreitag

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