Jedes Jahr feiern wir das Winter- und das Sommerjohannisfest. Wir nennen uns St.-Johannis-Logen und die Bibel wird bei den Arbeiten im ersten Kapitel des Johannes­evangeliums aufgeschlagen. Für uns ist es also heute selbstverständlich, von St.-Johannis als Patron der Bauleute im allgemeinen und der Freimaurer – insbesondere der regulären – zu sprechen. Das war aber keineswegs immer so. Ein summarischer Überblick zeigt, dass es für die operativen Bauhütten keine einheitliche Tradition in bezug auf den Schutzpatron gab. So war die Straßburger Dombauhütte bis 1515 den Vier Gekrönten geweiht, erst dann führte sie Johannes den Evangelisten im Wappen, für die Rotter­damer Bauhütte war die Patronin 1491 St. Barbara. In England finden wir den Täufer und den Evangelisten, aber auch St. Thomas, St. Alban, oder die Vier Gekrönten. Bei den operativen Logen scheinen die Quatuor Coronati die Johannistradition überwogen zu haben. Allgemeine Verbreitung in der Freimaurerei hat das Johannisfest erst nach den Großlogengründungen gefunden. 1723 schreibt James Anderson in Nr. XII der General Regulations: „…die Brüder aller Logen in und um Westminster sollen bei einer Jahres­versammlung und einem Fest an einem geeigneten Ort zusammentreffen, am Tag Johannes des Täufers oder am Tag Johannes des Evangelisten, wie die Großloge es durch eine neue Verordnung für richtig hält…“.

 

Unter den heutigen FM-Logen ist es so, dass von 838 untersuchten Logennamen weltweit sich 158 auf St. Johannis, 138 auf St. Andreas und 541 auf andere Heilige bezogen (cf: Zur wohltätigen Marianna). Auch in unserer österreichischen Kette wird der Brauch der Johannisfeste begangen, am Winterjohannisfest mit dem Totengedenken und am Sommerjohannisfest mit der An­gelobung der neuen Meister vom Stuhl.

 

Johannes der Täufer war der Sohn eines jüdischen Priesters aus dem Stamm Levi, der sich längere Zeit als Eremit in die Wüste zurückzog. Nach einer Vision kehrte er als messianischer Bußprediger zurück und wurde zum Gründer einer Bewegung, die sich vom damaligen Judentum durch die Praxis der Taufe und die unmittelbare Heilserwartung abhob.

 

In den Evangelien wird seine Rolle so dargestellt, als ob er nur auf Jesus, den Christus, hingewiesen und sich dann bescheiden zurückgezogen hätte. Eher ist jedoch zu ver­muten, dass sowohl Johannes als auch Jesus jüdische Reformbewegungen begründet hätten, was durch das Weiterbestehen von Johannesjüngern im ersten Jahrhundert belegt wird.

 

Nach seiner Enthauptung um das Jahr 30 unter Herodes Antipas wurde er von der spät­antiken Kirche zum christlichen Märtyrer und Heiligen erklärt. Die junge Kirche be­nutzte ihn zusammen mit dem heiligen Cyrus, um in Menuthis bei Alexandria direkt neben dem Tempel der Isis einen konkurrierenden Kult zu etablieren. Der kopflose Johannes sollte den Platz des zerstückelten Osiris übernehmen.

 

Diese Verbindung mit heidnischen Bräuchen wird auch in der Wahl seines Festtages, 24. Juni, deutlich, der heidnischen Sommersonnenwende, daher auch Sunnawendhansl. So konnten heidnische Bräuche, wie die Sonnwendfeuer oder das Verstreuen von Blumen auf Seen unter kirchlicher Tradition weiterleben.

 

Der Täufer steht für das Urlicht und für das Urfeuer, das übernatürliche Licht, das den Geist erhellen wird. Symbol dafür ist die Feuertaufe. Der Täufer sagt über sich selbst: nach mir kommt einer, der euch mit Geist und mit Feuer taufen wird, während ich nur mit Wasser taufe. Genauso erscheint der Heilige Geist zu Pfingsten unter dem Zeichen von Feuerzungen. Das Feuer reinigt und glüht aus, es hilft, die Materie in einen anderen Zustand, den luftigen, geistigen, flüchtigen, überzuführen und damit eine höhere Stufe zu erreichen. Dieses Feuer, das Johannes der Täufer ankündigt, finden wir schon in seinem Namen, denn Johannes, hebräisch Jehohannan, heißt übersetzt: der den Jeho begünstigte, und Jeho ist der Name für den Sonnengott.

 

Im Täufer stellt sich nicht der Fixstern Sonne dar, sondern in ihm verkörpert sich symbolisch das allumfassende und einzige Prinzip, das zur Quelle der körperlichen und geistigen Welt wird; er ist die erste Ausstrahlung der alleinigen Ursache.

 

Im Neuen Testament finden wir drei Schriften, die einem Johannes zugeschrieben werden, das Evangelium, die Briefe und die Apokalypse. Trotz vielfacher Textanalysen bleibt die Autorenschaft des Apostels Johannes für alle drei Texte unentschieden und umstritten.

 

Der Apostel Johannes war nicht nur der jüngste Jünger Jesu, zusammen mit seinem Bruder Jakobus, die Donnersöhne wie sie im Evangelium genannt werden, war er zu­nächst auch Jünger des Täufers. Nach der Kreuzigung Jesu, bei der als einziger an­wesend war, war er neben Petrus bis etwa 52 die bedeutendste Autorität für die juden­christliche Gemeinde in Palästina. Danach soll er mit Maria in Ephesus gelebt haben und schließlich auf der Insel Patmos in der Verbannung einen natürlichen Tod gestorben sein. Als Heiliger bekam er seinen Festtag am 27. Dezember, zur Zeit der Wintersonnen­wende, des 12-tägigen Julfests der Germanen. In der Verbindung mit Weihnachten entsteht sein volkstümlicher Name Blunzenhansl.

 

Am 27. Dezember weihte man früher in den Kirchen einen besonderen Rotwein, den Johanniswein, der als Mittel gegen Vergiftungen galt, weil einer Legende zufolge der Evangelist einmal vergifteten Wein ohne Schaden trank. Hier scheint der jugendliche Apostel Johannes an die Stelle Freyrs, des freundlichen Gottes des Friedens und der Fruchtbarkeit getreten zu sein, dessen Feste sowohl auf Winter- als auch Sommersonnenwende fielen.

 

Das Johannesevangelium unterscheidet sich von den drei anderen Evangelien deutlich. Es ist das jüngste Evangelium und in griechisch, nicht in aramäisch, verfasst. Sein Inhalt erzählt nicht nur die Geschichte vom Leben Jesu wie die anderen, sondern gibt eine esoterische Interpretation von Jesus als dem Christus. Auch scheint es einer vor­christlich hermetisch-gnostischen Tradition nahe und zeigt initiatorische Elemente.

 

Die Briefe – in einem anderen Stil in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Kleinasien verfasst – dürften von einem Presbyter Johannes, einer Autoritätsperson, die noch die Augenzeugen Jesu kannte, geschrieben worden sein.

 

Die Offenbarung oder Apokalypse steht in der Tradition und der Bilderwelt der jüdischen Mystik und damit in der Tradition der Endzeiterwartungen jener Zeit. Ihr Status als kanonisches Buch war in der Kirche lange umstritten. Erst im 8. Jahr­hundert übernahm die römische Kirche die Offenbarung in ihre Leseordnung, während sie für die Ostkirchen bis heute als apokryph gilt.

 

Neben diesen drei Schriftgruppen, die dem Evangelisten zugeschrieben werden gibt es noch eine Reihe weiterer Schriften, wie einen weiteren Evangelientext, eine Lebens­beschreibung Marias und die sogenannten Johannesakten. Sie alle gehören in die Ge­dankenwelt juden- und heidenchristlicher Sekten wie der Mandäer, der Doketisten oder der Gnostiker. Manche Autoren behaupten auch das geheime Weiterbestehen einer Johanneischen Kirche, was durch die besondere Verehrung, die der Apostel Johannes bei den Katharern oder bei den Templern genoss, belegt werden soll.

 

Das Symbol des Evangelisten Johannes ist der Adler, eines der ältesten Symbole, das bei allen antiken Völkern der Sonne geweiht war, bei den Griechen der Vogel des Zeus, bei den Kelten der Vogel der höchsten Gottheit. Bei Griechen wie Römern brachte der Adler das Licht und verkündete Überfluss und Wohlstand. In der Kabbala stellt der Adler den Erzengel Uriel, den Engel des reinigenden Feuers dar.

 

Nach der Tradition ist der Adler mit der Initiation, Sterben und wieder Geborenwerden, verbunden; im Flug setzt er sein Gefieder solange der Sonne aus, bis es komplett verbrannt ist, danach stürzt er sich in klares Wasser, um erneuert und verjüngt wieder geboren zu werden. Schon der Täufer hat diese doppelte Taufe angekündigt.

 

Johannes schreibt über diese Wiedergeburt aus Wasser und Geist im Gespräch mit Nikodemus und berichtet von der tatsächlichen Wiedergeburt des Lazarus. In seinem Prolog lehrt Johannes der Evangelist, dass Gott Geist ist und dass der Logos der Mittler zwischen Gott und dem Menschen ist. Diese Lehre vom Logos ist analog zum Zoroastrismus, in dem aus dem höchsten Wesen Zrva Akaran das Licht hervorgeht, das als Emanation Ormuzd zeugt, der zum Schöpfer einer reinen Welt wird.

 

Das Evangelium der Johannes ist nicht nur das der Erkenntnis, der Einweihung und der Wiedergeburt, es ist vor allem auch das Evangelium der Liebe. Liebt einander ist seine immer wiederkehrende Botschaft; für Johannes ist der, der liebt, im Licht und der, der hasst, in der Dunkelheit.

 

Der Evangelist wird oft mit einem Becher, aus dem eine Schlange kriecht, dargestellt. Diese Schlange ist ein Symbol der Erkenntnis, Auferstehung und der Unsterblichkeit, ein Wächter, wie der Drache, der den Schatz bewacht. Mit einem Becher schenkte Ganymed den Ambrosia aus, der den griechischen Göttern Unsterblichkeit verlieh, der Becher erinnert an den Heiligen Gral, mit dem Jesus der Überlieferung nach Abendmahl feierte und in dem dann Josef von Arimathäa das Blut Jesu auffing. So wird der Becher zu einem Symbol für Erkenntnis und Unsterblichkeit.

 

Die Feste des Täufers und des Evangelisten, 24. Juni und 27. Dezember, markieren zugleich die beiden Positionen im Sonnenlauf des Jahres, an denen zum einen die Finsternis scheinbar über das Licht triumphiert und zum anderen das Licht im Moment seines größten Triumphes der Dunkelheit Raum geben muss. Unsere Logen und unser Logenritual sind stark von diesem Licht – Finsternis Dualismus geprägt und sogar unser Gehen im Tempel, diesem heiligen Raum, geschieht im Sonnenlauf. Die beiden Wendepunkte werden durch den MvSt im Osten und durch den TH im Westen markiert.

 

Wie Johannes der Täufer weist der MvSt auf das Licht hin. Er hat das Urlicht bei der Lichteinbringung in den Osten gebracht und entzündet es bei jeder Arbeit aufs Neue. Durch sein Tun gemeinsam mit den beiden Aufsehern erbaut er eine Welt aus Licht und Ordnung im Dunkel des Chaos. Er wird zum Rufer in der Wüste, wie der Täufer genannt wird.

 

Wie Johannes der Evangelist ist der TH der wahre Eingeweihte. Nur einer, der um alle Geheimnisse weiß, kann eine Pforte bewachen, nur einer, der die vollständige Initiation erhalten hat, kann sich symbolisch den Mächten der Finsternis entgegen stellen und permanent die Schwelle zwischen Fanum und Profanum überschreiten.

 

Vor allem in der englischen Maurerei gibt es in Zusammenhang mit den beiden St.-Johannis eine symbolische Darstellung. Ein Punkt im Zentrum, umgeben von einem Kreis mit zwei parallelen Geraden links und rechts, bei zwölf Uhr ein aufgeschlagenes Buch.

 

Der Punkt ist der einzelne Bruder. Der Kreis symbolisiert das Leben des Bruders, das ihn permanent an Licht und Finsternis heranführt, wo er dem Täufer im vollen Licht und dem Evangelisten in dunkelster Nacht begegnet. Beide stehen warnend und aufmunternd zugleich da. Auch im größten Licht ist die Finsternis nicht fern, aber auf die tiefste Nacht folgt der strahlende Morgen. Über allem aber steht das Buch des Gesetzes, des Lichts über uns, der Stimme in der Brust, des Lichts, aus dem alles kommt und auf das letztlich beide St.-Johannis hinweisen.

 

Abstract:

 

Die drei blauen Grade werden üblicher Weise als Johannis-Grade bezeichnet; dieser Name setzte sich aber erst mit der Großlogengründung von 1717 durch. 1723 bestimmte Anderson in den „General Regulations“, dass das alle Logen am Sommer- oder Winterjohannisfest zusammenkommen sollten.

 

Johannes der Täufer steht für das Urlicht, das übernatürliche Licht, das reinigt und läutert.

 

Der Tradition nach ist Johannes der Evangelist der Autor des gleichnamigen Evangeliums, der drei Briefe und das Apokalypse; darüber werden im einige weitere apokryphe Schriften zugeschrieben, auch soll eine johanneische Kirche bis ins hohe Mittelalter weiter bestanden haben. Sein Symbol, der Adler, weist auf die Taufe durch Feuer und Wasser, die der Täufer verkündet hat hin.

 

Die Festtage von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten, 24. Juni und 27. Dezember, markieren die Sommer- und die Wintersonnenwende. In der Loge markieren diese beiden Wendepunkte der TH und der MvSt. Der TH ist wie der Evangelist der Eingeweihte, der die Pforte bewacht, und der MvSt weist auf das Licht hin, ohne selbst das Licht zu sein.

 

Die beiden Johannes sollen uns Brr... FM immer daran erinnern, dass auch im größten Licht die Dunkelheit nicht fern ist, aber genauso auf die tiefste Nacht der strahlende Morgen folgt.

Literatur

  • Brunold Andreas, Wer war Johannes der Täufer? Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 6, 1999
  • Diestelmann R., Johannisfest, in Stern von Bethlehem, Wesen und Ziel der Freimaurerei
  • Elam Phillip G, St. John the Baptist, Patron Saint, Grand Orator Grand Lodge of Ancient, Free and Accepted Masons of the State of Missouri
  • Elam Phillip G, St. John the Evangelist, Patron Saint, Grand Orator Grand Lodge of Ancient, Free and Accepted Masons of the State of Missouri
  • Lennhoff Eugen, Posner Oskar, Binder Dieter A., internationales Freimaurer Lexikon, Herbig München 2000
  • Meier Peter, Johannes der Täufer – Schutzpatron der Freimaurer, Alpina (Schweizer Freimaurer-Rundschau), Nr. 6, 1999
  • Naudon Paul, les Loges de Saint-Jean et la Philosophie Ésotérique de la Connaissance, Dervy-Livres, Paris 1974
  • Richert Thomas, Freimaurerloge oder Johannisloge, in QC-Jahrbuch 39/2002
  • Stegemann Hartmut, die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Herder Spektrum 4128

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s