Evolutionärer Humanismus – Plädoyer für eine neue Aufklärung

Unsere Zeit ist von einem gewaltigen Widerspruch geprägt. Auch wenn wir uns einer im Grunde futuristischen Technologie bedienen, so sind unsere Weltbilder die Ergebnisse uralter Legenden. Seit der Aufklärung hat die Wissenschaft unseren Lebensstandard und Wohlstand gesteigert, uns vom Aberglauben befreit und zur Lösung großer Welträtsel beigetragen. In unserem heutigen Leben sind die Wissen­schaft und ihre Ergebnisse beinahe allgegenwärtig, ein Leben ohne Wissenschaft und ihre Erkenntnisse erscheint uns undenkbar zu sein. Dennoch erleben wir gleichzeitig eine Renaissance von Fundamentalismus und Aberglauben, wobei sich diese Strömungen ohne Zögern der Mittel bedienen, die ihnen die moderne Wissenschaft zu Verfügung stellt. Es scheint als wären wir zur Wissenschaftlichkeit verdammt (Ulrich Beck), – auch dort, wo Wissenschaftlichkeit verdammt wird.

 

Wissenschaftlichkeit ist jedoch nicht nur bei streng religiösen Menschen in Verruf ge­raten. Die drei fundamentalen Kränkungen (Freud), die die Selbstverliebtheit des Menschen nachhaltig erschüttert haben, machen es nüchtern denkenden Menschen schwer, mit Wissenschaftlichkeit umzugehen. Die Kränkungen nach Freud sind

  • die kopernikanische Kränkung, die Erde ist nicht Mittelpunkt des Universums
  • die Darwinsche Kränkung, der Mensch ist ein Produkt der Evolution, gehört der Familie der Primaten an und ist mitnichten die Krone der Schöpfung
  • die tiefenpsychologische Kränkung, wegen der Steuerung durch das Un­bewusste ist der Mensch nicht einmal Herr im eigenen Haus

Freuds Liste der fundamentalen Kränkungen der Menschheit kann heute unschwer – ohne Anspruch auf Vollzähligkeit – um einige Punkte erweitert werden

  • die ethologische Kränkung, die Menschheit ist nicht nur stammesgeschichtlich sondern auch in ihrem Verhalten mit dem Tierreich verbunden
  • die epistomologische Kränkung, wie bei allen Tieren ist unser Erkenntnis­vermögen nicht auf die Wirklichkeit an sich ausgerichtet, sondern auf das, was sich für uns als überlebensnotwendig bewährt hat
  • die soziobiologische Kränkung, alles Leben beruht auf Eigennutz, auch altruistische Tugenden können auf genetisch-memetischen Egoismus zurück­geführt werden
  • die kulturrelativistische oder politisch-ökonomische Kränkung, unsere Ideale sind abhängig vom historischen Entwicklungsstand und den Gesellschaft- und Herrschaftsverhältnissen, nicht jedoch zeitlos gültig
  • die kosmologisch-eschatologische Kränkung, Leben ist ein zeitlich begrenztes Phänomen in unserem Universum, das auf ein dem Kältetod vergleichbares Endzeitszenarium zusteuert
  • die paläontologische Kränkung, die Geschichte der Menschheit ist nur ein Augen­blick in der Geschichte des Universums; und die Menschheit wird ge­nauso untergehen wie andere Spezies vor ihr
  • die evolutionäre Kränkung der Fortschrittserwartung, die Evolution ist blind in Bezug auf den Fortschritt und bedeutet nicht automatisch eine lineare Ent­wicklung hin zum Besseren, Komplexen, Höherentwickelten
  • die neurobiologische Kränkung, das autonome Ich ist ein Produkt unbewusster neurophysiologischer Prozesse, im Licht der Erkenntnis der Neurophysiologie muss der Begriff des freien Willens überdacht und neu definiert werden, Visionen sind auf Überaktivitäten des Schläfenlappen zurückzuführen.

 

Durch die moderne Wissenschaft hat sich der Homo Sapiens als Krone der Schöpfung selbst entzaubert, eine Revision unserer Menschen- und Weltbilder er­scheint daher notwendig. Gleichzeitig sind auch die von Menschen geschaffenen Gottesbilder und metaphysischen Heilserwartungen obsolet geworden, denn: keine der bestehenden Religionen ist mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung in Ein­klang zu bringen. Nie zuvor ist die Unvereinbarkeit von religiösem Glauben und wissen­schaftlichem Denken so deutlich zum Vorschein getreten wie heute. (M. Schmidt-Salomon, Manifest d. evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeitgemäße Leitkultur, S. 13). Ebenso sind auch manche Vor­stellungen des klassischen, traditionellen Humanismus in Konflikt mit dem Wissen um Natur und Menschheit geraten. Aus diesem Grund schlug schon vor 40 Jahren Julian Huxley, Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley und Enkel von  Thomas Huxley, der die Evolutionslehre bekannt machte und den Agnostizismus formulierte, vor, Wissenschaft und Humanismus in einem neuen Ideensystem zu versöhnen, dem evolutionären Humanismus.

 

Zunächst zur Definition des Begriffs Humanismus. Jede Form des Humanismus orientiert sich an den Werten und der Würde des einzelnen Menschen. Humanismus braucht weder Götter noch Heils- oder Erlösungsmythen, um sich und seine Ziele zu begründen oder zu rechtfertigen. Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen bilden den höchsten Wert, Persönlichkeit und Würde des einzelnen Menschen müssen respektiert werden, freie Persönlichkeitsentfaltung und geistige und schöpferische Entfaltung müssen möglich sein. Ausgehend von der Überzeugung, dass Freiheit und Gleichberechtigung universell gültige Werte sind, verlangt der kategorische Imperativ des Humanismus, …alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist… (K. Marx, F. Engels: Werke, Berlin 1956, Band 1).

 

Im Gegensatz zu seinen traditionellen Vorläufern verarbeitet der evolutionäre Humanismus die zahlreichen, neuen Erkenntnisse der Wissenschaft (inklusive der damit verbundenen Kränkungen) produktiv und geht somit von einem neuen, revidierten Menschen- und Weltbild aus. So wurden bisher die biologischen Wurzeln ignoriert, weil man fürchtete mit der Akzeptanz des „Affen in uns“, der im übrigen gar kein so unfreundlicher Geselle ist, in der ethischen Sackgasse des Zynismus zu landen. Auch wenn die Geschichte der Menschheit über weite Strecken eine Ge­schichte der Unmenschlichkeit ist, so gibt es doch gute Gründe für die Annahme, dass der Mensch unter bestimmten Bedingungen ein ungewöhnlich sanftes, freund­liches und kreatives Tier sein kann. Diese Bedingungen zu erkennen, und die ent­sprechenden sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen zu schaffen, ist die große Aufgabe.

 

Der Mensch ist ein Naturwesen, ein zufälliges Produkt der biologischen Evolution und in seiner Ganzheit der Wirksamkeit der Naturgesetze unterworfen. Im Gegen­satz zu Descartes, der den Dualismus von Leib und Seele bzw. Körper und Geist nützt, um zu erklären, warum auf der Ebene des Körpers der Mensch den Natur­gesetzen unterworfen sei, wird im evolutionären Humanismus anerkannt, dass sich die höchsten Geistestätigkeiten nicht vom biologischen Organismus und seinen Funktionen trennen lassen. Im Gegensatz zu Descartes wissen wir heute, dass unser Ich ein Ausdruck eines körperbewussten Gehirns ist. Damit erübrigt sich der Glaube an eine von körperlichen Prozessen unabhängige Vernunft.

 

Der stärkste Antrieb für alle lebenden Organismen auf dieser Welt ist das Prinzip Eigennutz (im weitesten Sinne). „Leben“ lässt sich definieren als ein auf dem „Prinzip Eigennutz“ basierender Prozess der Selbstorganisation (W. Wickler, U. Seibt. Das Prinzip Eigennutz, Ur­sachen und Konsequenzen eines sozialen Verhaltens, Hamburg 1977). Grundziel des Homo Sapiens ist es – genauso wie aller anderen Lebewesen -, eigene Lust zu steigern und eigenes Leid zu minimieren.

 

Eigennutz ist also kein anrüchiges Element der Evolution, welches überwunden werden muss; im Gegenteil, als Grundprinzip des Lebens müssen wir dieses Prinzip in unsere ethischen Konzepte einbauen. Erst Eigennutz macht soziale Innovationen möglich, und Ideen, die dem Prinzip Eigennutz widersprechen, werden sich niemals durchsetzen, so ehrenhaft und wohl begründet sie auch erscheinen mögen. Eigen­nutz tritt in der Natur in  drei typischen, unterschiedlichen Formen auf

  • rücksichtsloses Durchsetzen eigener Interessen auf Kosten anderer
  • altruistisches Verhalten zu Gunsten Verwandter oder potentieller Sexual­partner
  • strategische Kooperationsbereitschaft gegenüber gleich- und höherrangigen Art­genossen.

 

Gegenüber dem Tierreich kommt beim Menschen noch ein Faktor hinzu, die Empathiefähigkeit, die Fähigkeit zu Mit-leid bzw. Mit-freude. Dieses evolutionär gewachsene Empathievermögen ist gleichzeitig genau so die Fähigkeit für erfolg­reiches Lügen und Intrigieren wie altruistisches Verhalten. Allerdings sind unserem Empathievermögen deutliche Grenzen gesetzt

  • die Empathiefähigkeit gilt nur in Kleingruppen und ist nicht auf abstrakte Größen übertragbar
  • wir neigen dazu, unser Mitgefühl mit symbolischen Gesten abzuarbeiten, an­statt schmerzhafte Reformen einzuleiten
  • unser Empathievermögen kann durch gezielte Propaganda zumindest teil­weise ausgeschaltet werden.

Damit erst wird es möglich, dass sich Menschen unter bestimmten Voraussetzungen bereit finden, ihr Leben für eine höhere Sache aufs Spiel zu setzen oder Verzicht zu leisten. Was im Einzelnen den Eigennutz ausmacht, ist abhängig von kulturellen Vorgaben, Moden, Traditionen, Philosophien, Ideologien und Religionen. Gefährlich wird es, wenn wir den Eigennutz in eine problematische Richtung lenken und so weder für den Einzelnen noch die Allgemeinheit einen Vorteil erreichen.

 

Anscheinend genügt es dem Menschen nicht, bloß in den Tag hinein zu leben, er will dem Leben einen „Sinn“ geben. Wenn wir uns jedoch im Licht der modernen Wissenschaft nicht mehr als Krone einer gut gemeinten und gut gemachten Schöpfung sondern als Zufallsprodukt der Evolution in einem von Sinn leeren Universum erleben, so mag diese Erfahrung trostlos erscheinen. Diese Erfahrung muss jedoch keineswegs so düster sein, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Gerade die Akzeptanz der tiefen metaphysischen Sinnlosigkeit unserer Existenz schafft den Freiraum zur individuellen Sinnstiftung. In einem „an sich“ sinnlosen Universum genießt der Mensch das Privileg, den Sinn des Lebens aus seinem Leben selbst zu schöpfen. (M. Schmidt-Salomon, Manifest d. evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeitgemäße Leitkultur, S. 24).

 

Schon vor mehr als 2300 Jahren sah Epikur das größte Übel im Unglück und das höchste Gut auf Erden im Glück. Er stellt fest: Ich weiß nicht, was ich noch als Gutes an­sehen soll, wenn ich die Freuden des Geschmacks, die Freuden der Liebe, die Freuden des Ge­hörs, schließlich die Erregungen beim Anblick einer schönen Gestalt abziehe. (Epikur, Philosophie der Freude, Briefe, Hauptlehrsätze, Spruchsammlung, Fragmente, Frankfurt/Main 1988). Epikur weist auf den Zusammenhang zwischen Glückseligkeit und Gerechtigkeit hin, wenn er meint, dass der gerechte Mensch… sich seines Seelenfriedens erfreut, während der ungerechte übervoll ist von Unfrieden (Epikur, Philosophie der Freude, Briefe, Hauptlehrsätze, Spruchsammlung, Fragmente, Frankfurt/Main 1988). Gerechtigkeit ist für Epikur – überaus modern definiert – eine Übereinkunft, die einen Nutzen im Auge hat, nämlich einander nicht zu schädigen (Epikur, Philosophie der Freude, Briefe, Hauptlehrsätze, Spruchsammlung, Fragmente, Frankfurt/Main 1988). Höchstes Gut ist für Epikur die Vernunft, denn nur sie könne uns lehren, dass man nicht freudvoll leben kann, ohne ver­nünftig, anständig und gerecht, ohne freudvoll zu leben (Epikur, Philosophie der Freude,. Briefe, Haupt­lehrsätze, Spruchsammlung, Fragmente, Frankfurt/Main 1988)

 

Der Sinn des Lebens liegt im Leben selbst, nicht im Streben nach einem Übersinn, einem über den Sinnen liegenden Sinn, den die Religionen um den Preis des Ver­nachlässigens des hier und jetzt, des Diesseits, den Preis der Ächtung des Sinnlichen anbieten. Der evolutionäre Humanismus legt uns nahe, aufgeklärte Hedonisten zu sein. Ein solcher aufgeklärter Hedonismus gedeiht weder in den Niederungen der postmodernen Spaßgesellschaft, noch ist er gleichbedeutend mit einem selbst­gefälligen Privatismus, dem es nur um das eigene Wohl – auch auf Kosten anderer – geht. Gerechtigkeit und individuelles Wohlempfinden schließen einander nicht aus; ganz im Gegenteil, sie bilden eine notwendige Einheit.

 

Der größte Unterschied des Menschen zu einem Tier, auch zu seinen nächsten tierischen Verwandten den Bonobos, ist seine Fähigkeit zur Antizipation zukünftiger Bedürfnislagen. Auch ohne aktuellen Anlass sorgt sich der Mensch um seine Zukunft, weil er ein über die Gegenwart hinausreichendes Verständnis von Zeit besitzt. Grundlage solcher Aktivitäten ist die kognitive Fähigkeit von gegenwärtigen Bedürfnislagen zu abstrahieren. Neugier und Experimentierfreude genauso wie Angst vor der Zukunft und dem Ungewissen als Begleiterscheinungen dieser besonderen menschlichen Fähigkeit sind nicht hoch genug einzuschätzen.

 

Der Mensch strebt nach Sicherheiten, sucht nach befriedigenden Antworten auf die offenen Fragen seiner Existenz. Wohin geht er? Woher kommt er? Wie ist die um­gebende Wirklichkeit beschaffen, könnte sie auch anders sein, darf man sie über­haupt verändern? Wenn ja mit welchen Mitteln.  Das sind die grundlegenden Fragen der Philosophie. Die Spezies Homo Sapiens hat zahlreiche Institutionen entwickelt, die diese brennenden Fragen eines jeden Menschen ein für alle Mal endgültig be­antworten und so die Angst vor dem Ungewissen reduzieren, Staats- und Recht­systeme, politische Ideologien, Religionen, kulturelle Traditionen und ähnliche mehr. Allerdings haben diese Institutionen ihre Antworten als Dogmen mit Gewalt und Repression einbetoniert und so gegen Kritik immunisiert. Die Menschen folgen solchen Dogmen in ihrer Traditionsblindheit (Friedrich v. Hayek) genauso wie Insekten in ihrer Instinktblindheit, auch wenn solch ein Verhalten unter geänderten Be­dingungen niemals Erfolg haben wird.

 

Diese Denk- und Entwicklungshemmungen im weltanschaulichen Bereich genauso wie in Politik und Ethik können nicht toleriert werden. Traditionen besitzen keinen Wert an sich, sie unterliegen der Evolution. Es gilt die Traditionsblindheit zu über­winden und neue posttraditionelle, traditionskritische Handlungs- und Denkmuster zu entwickeln. Der einzige Maßstab, an dem Traditionen gemessen werden, muss sein, in wie weit eine Tradition zur Humanisierung der Welt beitragen kann oder dieser im Weg steht.

 

Unsere Denkmuster müssen flexibler werden, traditionale Borniertheiten müssen zugunsten einer evolutionären Perspektive vertauscht werden. Um dieses Ziel zu er­reichen versteht sich der evolutionäre Humanismus als offenes System. Die einzige unverrückbare Position ist der ethische Imperativ, zu einer Humanisierung der Lebensverhältnisse beizutragen; andere absolute Kategorien (absolute Moral, absolute Wahrheit, absolute Autorität) lehnt der evolutionäre Humanismus ab. Ebenso entschieden stellt sich der evolutionäre Humanismus gegen das postmoderne Beliebigkeitsdenken, denn es gibt brauchbare Maßstäbe, hilfreiche von schädlichen kulturellen Entwürfen zu unterscheiden.

 

Manchmal wird dem evolutionären Humanismus vorgeworfen, er sei wissenschafts­gläubig, er hätte also nur einen Kult durch einen anderen ersetzt, und seine Anhänger seien genauso Gläubige.

 

Im religiösen Sinn bedeutet glauben, etwas für unbedingt wahr halten, sich des Ge­glaubten über alle Maßen sicher sein. Diese Haltung widerspricht nicht nur unserem Wissen um die Begrenztheit von Wissen, sie ist auch aus zwei weiteren Gründen für den evolutionären Humanismus inakzeptabel

  • durch den unbedingten Glauben werden Irrtümer und unzulängliche Moral­vorstellungen festgeschrieben und Erkenntnis- und Humanitätsfortschritte verhindert
  • unbedingter Glaube beschwört – wie die Religionsgeschichte zeigt – schwere Konflikte herauf.

Evolutionärer Humanismus versteht glauben als vermuten, Logik und Empirie sind die besten Instrumente, um gültige Erkenntnisse über die Welt zu erhalten und menschliche Lebensumstände humaner zu gestalten.

 

An die Wissenschaft zu glauben, ist ein Widerspruch in sich. Denn Wissenschaft ist definitionsgemäß ergebnisoffen, als Methodik des kritischen Zweifelns beruht sie weder auf ewigen Wahrheiten, noch hat sie das Ziel solche zu schaffen oder zu ver­mitteln. Evolutionäre Humanisten lassen mit Karl Popper lieber falsche Ideen sterben, bevor sie Menschen für falsche Ideen sterben lassen.

 

Wissenschaft kann die Wirklichkeit zwar beschreiben, sie kann aber nicht vor­schreiben, wie diese idealer weise aussehen sollte. Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll sondern nur, was er kann. (M. Weber, die „Objektivität“ sozial­wissenschaftlicher Erkenntnis, in M. Weber gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftsehre, Hrsg von Johannes Winckelmann, Tübingen 1985). Im Gegensatz zur Wissenschaft, die zentrale Fragen der menschlichen Existenz zumindest partiell ausblenden muss, behaupten die Religionen, sinnvolle Antworten auf die existentiellen Fragen des menschlichen Lebens zu haben.

 

Keine menschliche Kultur kann sich allein auf Wissenschaft stützen, jedoch ist die Philosophie die fruchtbare, weltliche Ergänzung der Wissenschaft. Philosophie bedarf der Wissenschaft, um nicht in halt- und gehaltlose Spekulation abzudriften und Wissenschaft bedarf der Philosophie, um nicht zu einer zusammenhang- und bedeutungslosen Ver­anstaltung „fragmentierten“ Wissens zu werden. (M. Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeitgemäße Leitkultur, S. 42). Fachspezifisches Spezialwissen soll durch die philosophische Spezialisierung auf den Zusammenhang eine neue Perspektive bekommen. Da philosophisches Denken im Gegensatz zum religiösen Denken nicht von geoffenbarten Heilsgewissheiten ausgeht, bietet es sich als ideale Ergänzung der wissenschaftlichen Forschung an. Durch konsequentes Hinterfragen von Ge­wissheiten sollen Ergebnisse auf ihre logische und empirische Kongruenz überprüft werden, und so alternative Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Daraus können bei Interessenskonflikten Entscheidungshilfen abgeleitet werden, die nicht nur sachliche und technische Aspekte sondern auch ethische, psychologische Aspekte berücksichtigen.

 

Auch wenn im evolutionären Humanismus Wissenschaft und Philosophie als fundamental erachtet werden, so bedarf eine lebendige Kultur jedoch noch eines weiteren zentralen Stützpfeilers: der Kunst. Kunst meint dabei nicht nur die klassischen Gattungen, Musik, Zeichnung, Malerei, Bildhauerei, Tanz oder Architektur sondern auch die rituellen Handlungen, mit denen Menschen die markanten Eckpunkte des Lebens zelebrieren. Kunst soll Erkenntnisse und Er­lebnisse in emotional bedeutsamer und ästhetisch ansprechender Weise zum Aus­druck bringen und erfahrbar machen. Wer sich auf diese drei Stützpfeiler einer modernen aufgeklärten Kultur beziehen kann, der bedarf keiner Religion.

 

Johann Wolfgang von Goethe schrieb vor knapp 200 Jahren: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.“ Zu Goethes Zeit waren dies zweifellos fortschrittliche Verse, aus heutiger Sicht über­wiegen allerdings die Bedenken gegen diese Aussage. Goethe vermengt um eines Bonmot willen hier zwei Inhalte von Religion, er argumentiert überaus elitär. Im ersten Teil  meint Goethe mit Religion so etwas wie sinnstiftende Kultur, im zweiten Teil ist Religion jedoch als Offenbarungsreligion zu verstehen. Die Wissenschaft- und Kunstunkundigen sollen mit der schlechteren Alternative der Sinnstiftung der ge­offenbarten (Un-)Heilsreligion abgespeist werden. Religion ist das Opium des Volkes (K. Marx, F. Engels Werke, Berlin 1956, Band 1) Dieser Ansatz erscheint unethisch, denn er lässt die Betroffenen im Zustand der Unmündigkeit und setzt damit die Zukunft der Gesellschaft aufs Spiel.

 

Moderne Gesellschaften westlicher Prägung sind abhängig von der Mündigkeit ihrer Bürger. Grundbedingung für Selbstbestimmtheit ist der allgemeine Zugang zu Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Es gilt, auf einen Prozess religiöser Abrüstung hin zu wirken, von der religiösen Überheblichkeit (Deus vult) hin zum schlichten Mensch-Sein. Der religiöse Zugang zur Welt an sich birgt drei Gefahren:

  • Religiöses Denken versieht Wirklichkeitskonstruktionen mit eigenen Qualitäts­kriterien, damit wird jeder Diskurs unmöglich, weil die Argumente auf höheren Einsichten beruhen und über den Dingen stehen.
  • Religiöses Denken kann durch seine jenseitigen Begründungen jede Argumentation außer Kraft setzen. Mit dem Jenseits lässt sich jede beliebige Lüge im Diesseits begründen (Nietzsche).
  • Religiöses Denken ist an eine zutiefst autoritäre Denkstruktur geknüpft. Schon der geringste Widerspruch ist Häresie und wird entsprechend bestraft. In der Wissenschaft gilt der Primat des besseren Arguments, der besseren Evidenz, in der Religion gilt der Primat der Macht.

 

Das Weltbild des evolutionären Humanismus ist ein streng naturalistisches, in dem alles mit rechten Dingen zugeht, das heißt, dass die Naturgesetze uneingeschränkt gelten, es keine Wesen (Kobolde, Hexen oder Götter) gibt, die auf übernatürliche Weise in das Geschehen eingreifen (Wunder). Auch religiöse Mythen müssen sich dem Sparsamkeitsprinzip des wissenschaftlichen Denkens (Ockhams Rasiermesser) unterziehen; allerdings bleibt dann von den religiösen Mythen zu wenig übrig, um die Welt im Licht dieser Mythen erklären zu können. Das Phänomen Gott lässt sich dann als imaginäres Alphamännchen beschreiben, das einigen Vertretern der Spezies Homo Sapiens deutliche Vorteile verschafft. Für die Vision einer friedvolleren Ent­wicklung der Menschheit wäre schon viel gewonnen, wenn künftig verhindert werden könnte, dass die behauptete Nähe zu einem „imaginären Alphamännchen“ mit deutlichen Rangvorteilen belohnt würde. An die Stelle der fundamentalistischen religiösen Weltinterpretation sollte eine bunte, aber doch einheitliche Weltkultur treten, eine Kultur, die von Offenheit geprägt ist – nicht von Offenbarung, eine Kultur, die den Menschen dient – nicht von Menschen geschaffenen Göttern bzw. ihren menschlichen irdischen Stellvertretern. (M. Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeit­gemäße Leitkultur, S. 64).

 

Dass wir Menschen ohne verbindliche ethische Richtlinien dastünden, wenn Gott nicht existierte wurde schon von Sokrates etwa 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung widerlegt und ad  absurdum geführt (Dialog Eutyphron in Platon, Sämtliche Dialoge, Bd. 1, Hamburg 1988). Im Grunde haben die Menschen im Laufe der Geschichte immer wieder ihre eigenen, historisch gewachsenen Wertvorstellungen als Gebote Gottes ausgegeben und damit unangreifbar gemacht, was bis heute mit fatalen gesellschaftlichen Konsequenzen verbunden ist.

 

Auch wenn Europa bis zum Beginn der Neuzeit fast vollständig unter dem machtvollen Ein­fluss des Christentums gestanden ist und die westliche Kultur bis heute mit christlichem Ge­dankengut durchsetzt ist, können Menschenrechte und Demokratie nicht dem Konto des Christentums gutgeschrieben werden, musste doch jedes einzelne Menschenrecht dem Christentum im Zuge des durch die Aufklärung in Gang gesetzten Säkularisierungsprozesses in einem erbitterten Machtkampf abgerungen werden… Wer heute glauben machen will, dass es sich bei den Menschenrechten nur um eine säkularisierte Variante des christlichen Werte­bestandes handelt, verkennt die Radikalität des Bruches, den die Aufklärung mit der christlichen Werteordnung und dem dazugehörigen Menschenbild vollzogen hat (J. Weiner, Religion in der säkularen Gesellschaft, christliche und islamische Wertvorstellungen im Spiegel des Verfassungsstaates, Manuskript d. Sendung d. Deutschlandfunks, 4.4.2005).

 

Trotzdem begegnen viele westliche Intellektuelle fundamentalistischem Gedanken­gut, ganz gleich ob christlicher oder muslimischer Provenienz, mit falsch ver­standener Toleranz. Toleranz kann für Aufklärer nie „Wert an sich“ sein. Wer nämlich im Sinne der Aufklärung für Wahrheit und Humanität wirken möchte, kann und darf das offensichtlich Falsche und Inhumane nicht tolerieren – auch dann nicht, wenn es sich auf eine Jahrhunderte alte „heilige“ Tradition stützen kann. Intoleranz muss mit aktiver Intoleranz begegnet werden (Rupert Lay, SJ).

 

Warum versinkt die Menschheit 200 Jahre nach dem Tode Kants in einer neuen Art von Barbarei, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten? (M. Horkheimer, Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, in Th. W. Adorno, gesammelte Schriften, Frankfurt/M. 2003). Horkheimer und Adorno sprechen in diesem Zusammenhang von einem Doppelcharakter der Auf­klärung, Kant versprach den „ewigen Frieden“, gekommen ist Auschwitz. Erich Fromm stellt die These auf, Freiheit von Unterdrückung müsse nicht zwangsläufig in Freiheit zu einem selbst bestimmten Leben münden. Wenn Fromm recht hat, so hat diese These drei wichtige Konsequenzen

  • Diagnostisch: damit wird historisch nachvollziehbar, warum Menschen unter in­stabilen Verhältnissen politisch einfache, regressive Lösungen vorziehen
  • Prognostisch: es ist davon auszugehen, dass sich dieses Verhalten nicht ändern wird
  • Therapeutisch: es reicht nicht, die Zäune weg zu reißen, sondern es ist not­wendig, den Menschen das Rüstzeug mitzugeben, mit dem sich eine Freiheit zu selbstbestimmten Leben überhaupt erst entwickeln kann.

 

Allerdings hat sich die Aufklärung keineswegs mit der Negation allen Bestehenden begnügt und die Welt nicht bloß entzaubert, sondern hat sehr wohl eigene, positive Positionen entwickelt. Das aufklärerische Projekt einer Entzauberung der Welt, ver­lieh dieser Welt einen neuen, rationalen Zauber. Richard Dawkins spricht von einem poetischen Charakter der Wissenschaft; die Realität hat sich im Zuge ihrer systematischen Erforschung als geheimnisvoller und großartiger herausgestellt, als alle religiösen Spekulationen vergangener Epochen dies erahnen ließen. (M. Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeitgemäße Leitkultur, S. 90). Aufklärer haben zu allen Zeiten an die Stelle der Jahrhunderte alten Gewissheiten positive Gegenentwürfe gesetzt. So fühlt sich der evolutionäre Humanismus dem produktiven Erbe der Aufklärung ver­pflichtet. Es geht um die Verwirklichung der Kant’schen Forderung: Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen (I. Kant in „Beantwortung der Frage; Was ist Aufklärung). Für den evolutionären Humanisten ist die Unmündigkeit, aus der sich der Mensch befreien soll – im Gegensatz zu Kant – keine selbstverschuldete Unmündigkeit (I. Kant in „Beantwortung der Frage; Was ist Aufklärung), sondern biologisch, soziologisch, ökonomisch, kulturell – also strukturell – bedingt.

 

Damit braucht man sich auch von idealistischen Appellen keine allzu große Wirkung erwarten. Gute Ideen setzen sich in menschlichen Gemeinschaften nicht deshalb durch, weil sie die höhere empirische Plausibilität besitzen, sondern weil sie unter den gegebenen Verhältnissen Sinn machen, auch wenn sie rational sinnlos er­scheinen mögen. Entgegen aller philosophischer Erwartung ist nicht nur das Bessere sondern auch das Schlechtere der Feind des Guten, wenn es subjektiv als das Bessere empfunden wird. Der Mensch handelt – wie anfangs erwähnt – nach dem Prinzip Eigennutz, was zu berücksichtigen sein wird, wenn wir eine Ethik entwerfen wollen, die den Bedingungen des Menschseins – der Conditio humana – Rechnung tragen soll.

 

Es gibt keine von „Gott“ oder „der Natur“ vorgegebenen Werte. Gerade wenn ich mich um eine naturalistische Sicht der Dinge bemühe, muss ich naturrechtlich, ethische Konzepte ablehnen. Ob ein Verhalten natürlich ist oder nicht, sagt nämlich nichts über seine ethische Legitimation aus. Der evolutionäre Humanist stimmt mit M. Weber überein, dass aus dem, was ist, nicht abgeleitet werden kann, was sein sollte. Zwischen Sein-Sätzen (Beschreibung der Wirklichkeit) und Soll-Sätzen (ethische Vorschriften) herrscht eine unüberbrückbare Kluft.

 

Auch wenn wir also ethische Grundregeln in der Natur nicht vor-finden und wir Menschen sie selbst er-finden müssen, so sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse für die ethische Diskussion hoch relevant; es geht um die Frage, ob wir ein be­stimmtes Verhalten überhaupt zeigen können, bzw. ob wir ein moralisch verbotenes Verhalten nicht doch zeigen werden.

 

Es geht darum, scharf zwischen ethischem und moralischem Denken zu unterscheiden. Ethik wird dabei als der rationale Versuch begriffen, die unter Menschen unweiger­lich auftretenden Interessenkonflikte so zu lösen, dass alle Betroffenen diese Lösung als möglichst fair erachten; eine Ethik, die die Grundbedürfnisse und Interessen der Menschen ignoriert, verdient es nicht, „Ethik“ genannt zu werden. Demgegenüber zeichnet sich die moralische Strategie dadurch aus, dass sie von einer einfachen Dichotomie von Gut und Böse ausgeht und an die Stelle ethischer Interessen­abwägungen autoritäre Gebots- und Verbotskataloge setzt, welche 1. in der Regel der Komplexität der lebensweltlichen Probleme nicht gerecht werden und 2. häufig genug zu einer weiteren Verschärfung bestehender Konflikte führen.

 

In der Moral geht es um subjektive Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeintlich vorgegebener metaphysischer Beurteilungskriterien, in der Ethik hin­gegen um objektive Angemessenheit von Handlungen an Hand von immer neu fest zu legenden Spielregeln von Fairness. Moralische Argumentation zielt auf die Frage persönlicher Schuldfähigkeit ab; eine naturalistische, ethische Argumentation fragt deshalb prinzipiell nach der objektiven Verantwortbarkeit potentieller oder realisierter Taten, nicht nach der subjektiven Verantwortung (Willensfreiheit) der Täter. Ethische Argumentation zielt auf die faire Lösung von Interessenskonflikten zwischen zwei Personen. Das Ausleben eigennütziger Bedürfnisse ist nur dann ein Problem der Ethik, wenn es auf Kosten anderer Personen (oder der nichtpersonalen Umwelt) geht, Moral hingegen behauptet, man könne sich gegen sich selbst „ver­sündigen“ oder gewisse Verhaltensweisen seien per se „unmoralisch“. Naturalistische Ethik stellt das menschliche Bedürfnis Eigennutz  in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und diskutiert nur dessen allenfalls problematischen Aus­wirkungen; für die Moral ist das Bedürfnis selbst das zentrale Problem, das über­wunden werden muss. Dafür greifen Moralisten auf das dualistische Körper-Seele-Modell zurück, „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

 

Der evolutionäre Humanist verzichtet auf die Krücke der Moral, er konzentriert sich auf den Eigennutz, das Grundprinzip des Lebens, die Quelle von Kreativität, Freundschaft und Liebe. Er versucht Regeln aufzustellen, die den Eigennutz im ge­sellschaftlichen Zusammenleben nutzbringend einsetzen und ihn in den Dienst der Humanität stellen.

 

Die menschliche Geschichte wird nicht von schöngeistigen Ideen bestimmt, sondern von handfesten eigennützigen, ökonomischen Interessen; erst kommt das Fressen, dann erst die Moral (Bertolt Brecht) – diese Erkenntnis verdanken wir der marxistischen Sozialphilosphie, die die Abhängigkeit des kulturellen Überbaus vom ökonomischen Unterbau ins Blickfeld rückte. Die Ikone alle Neoliberalen, Adam Smith, weist in seinem Grundlagenwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations  auf die Bedeutung des Eigennutzes hin: Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. (A. Smith, Wohlstand der Nationen, München 1974), mit anderen Worten, das eigennützige Streben des Einzelnen ist nach Smith die beste Voraussetzung für das Wohl aller.

 

Im Grunde ist das Prinzip der „unsichtbaren Hand des Marktes“ nichts Anderes als die Übertragung der evolutionären Regeln auf das Wirtschaftsverhalten des Menschen. Wie wir jedoch bereits festgestellt haben, bedeutet Evolution nicht zwangsläufig Fortschritt und schon gar keinen im humanistisch-aufklärerischen Sinn; außerdem befriedigt der Markt nur die Bedürfnisse seiner zahlungskräftigen Teilnehmer. Auf die Dauer werden die Menschen kein gesellschaftliches Monopoly-Spiel akzeptieren, bei dem sich die Missverhältnisse jede Runde verschlechtern, weil die Ressourcen a priori ungleich verteilt sind. Es steht zu befürchten, dass sich diese Menschen nicht humanistisch-aufklärerischen sondern fundamentalistischen Strömungen zuwenden werden. Es bedarf sehr wohl der „sichtbaren Hand des Staates bzw. der Gesellschaft“, die von einer zeitgemäßen Leitkultur, dem evolutionären Humanismus gelenkt werden muss, damit der Eigennutz der Individuen nicht in die Katastrophe führt.

 

Die Ethik des evolutionären Humanismus beruht weder auf „heiligen Werten“ noch auf metaphysischen, moralisch aufgeladenen Konstrukten wie „Würde“ oder „Sittlichkeit“, ihr Ausgangspunkt sind die Interessen der an einem Konflikt be­teiligten Akteure. Über „Interessen“ (in einem weiteren Sinne) verfügen allerdings nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. Rational wäre es daher kaum zu be­gründen, würde man die Interessen der Tiere in ethischen Debatten ausblenden oder sie nur deshalb geringer gewichten sollte, weil sie nicht Mitglieder unserer eigenen Spezies sind. Die tierethische Maxime des evolutionären Humanismus ließe sich in etwa so umschreiben: Füge nichtmenschlichen Lebewesen nur so viel Leid zu, wie dies für den Er­halt deiner Existenz unbedingt erforderlich ist (M. Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeitgemäße Leitkultur, S. 124). Sie unterscheidet sich damit fundamental von der biblischen Anweisung: Macht euch die Erde untertan. Wenn der evolutionäre Humanismus dem Menschen damit immer noch ethische Privilegien zuspricht, so tut er dies nicht, weil es sich um Menschen handelt (Speziesismus), sondern weil diese Menschen Personen sind.

 

Um etwaige Verwirrungen zu vermeiden, möchte ich an dieser Stelle festhalten dass

  • jeder Mensch von Geburt an – ungeachtet seiner geistigen Fähigkeiten – das un­eingeschränkte Recht auf Leben und gleichzeitig auch alle Menschenrechte besitzt, ausgenommen extremste Sonderfälle (Tyrannenmord, Notwehr)
  • kein Mensch die unbedingte Verpflichtung zum Leben hat, also das Selbst­bestimmungsrecht bis zur Selbsttötung hat.

 

Die Geschichte der Menschheit stellt sich als eine Geschichte der Unmenschlichkeit dar, und es fällt schwer, angesichts dieser intellektuellen und emotionalen Heraus­forderung nicht zum Zyniker zu werden. Dennoch brachte die „Bestie Mensch“ nicht nur willfährige Schlächter sondern auch solche Menschen hervor, die sich diesen mit aufrechtem Gang widersetzten. Insbesondere diejenigen, die das Privileg genießen, sich mit den großen Schätzen der Menschheit, nämlich Wissenschaft, Philosophie und Kunst zu beschäftigen, sind aufgerufen, aus ihren Elfenbeintürmen herauszu­treten und Farbe zu bekennen.

 

Ob sich Humanismus und Aufklärung im kulturellen Kampf durchsetzen können, wissen wir nicht. Die Potentiale des Menschen ermöglichen ihm immer beide Seiten, die Ellbogen zum Durchsetzen seiner Ziele einzusetzen oder um den Arm dem Hilfesuchenden entgegen zu strecken, Empathie zum Intrigen spinnen, oder das Leiden in der Welt zu lindern. In unserem Kopf wüten blutrünstige Verhaltens­muster (Meme), die verlässlich die negative Seite zu Tage fördern; dennoch könnte der Mensch ein außerordentlich kluges, einfühlsames und freundliches Tier sein. Als evolutionäre Humanisten müssen wir uns den Fakten stellen und ein Scheitern immer einplanen als Philosophie des Trotzdem. Es reicht nicht aus, das Beste zu hoffen, wir müssen auch kämpferisch für unsere Ideale eintreten, auch wenn es ein­facher erscheint, als abgeklärter Opportunist und nicht als aufgeklärter Freigeist zu leben. Im Gegensatz zu Theodor W. Adorno meine ich: Es gibt sehr wohl ein richtiges Leben im Falschen, denn sonst wäre es nicht mehr möglich, auf eine Veränderung der Welt zu hoffen. Fromm geht noch einen Schritt weiter: nur die Idee, die Fleisch wird, kann Ein­fluss auf die Menschen ausüben, die Idee, die ein Wort bleibt, kann nur Worte verändern (E. Fromm, Jenseits der Illusionen, in Fromm, Gesamtausgabe, Bd. IX).

 

Der australische Philosoph und Ethiker Peter Singer bringt in seinem Buch, „Wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit“, die Frage des richtigen Lebens im falschen auf den Punkt. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen die Sklaverei. Es gab eine richtige Seite im Kampf der Arbeiter um das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, um Begrenzung der Arbeitszeit und Minimalforderungen an die Arbeitsbedingungen. Es gab eine richtige Seite in dem langen Kampf der Frauen um das Stimmrecht, das Recht auf Zu­lassung zum Studium an Universitäten und das Recht auf Besitz in der Ehe. Es gab eine richtige Seite im Kampf gegen Hitler. Es gab eine richtige Seite, als Martin Luther King Demonstrationen dafür anführte, dass Afroamerikaner neben weißen Amerikanern in Bussen und Restaurants sitzen konnten. Heute gibt es eine richtige Seite in den Fragen der Hilfe für die ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern, der friedlichen Lösung von Konflikten, der Ausdehnung unserer Ethik über die eigene Art hinaus und des Schutzes unserer globalen Umwelt (P. Singer, wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit, München 2003). Erstaunlicher Weise ist die „richtige Seite“, von der Singer schreibt, auch individuell befriedigender.

 

Wer sein Leben als Emanzipationsprojekt betrachtet, wer die kognitive und emotionale Be­grenzung auf ein bloß privates Sinnuniversum sprengt und sein Leben (zumindest zeitweilig) in den Dienst einer größeren Sache stellt, der verfolgt ganz nebenbei eines der besten Rezepte, die es für eine sinnerfüllte Existenz überhaupt gibt (M. Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer f. eine zeitgemäße Leitkultur, S. 150). Solche Menschen leben nicht umsonst und werden nicht umsonst gelebt haben.

 

Die zehn Angebote des evolutionären Humanismus

 

Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leit­linien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.

 

  1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind) sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion.

 

  1. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.

 

  1. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines Verstandes zu be­dienen! Bedenke, dass die Stärke deines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äußert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehr­furcht, sondern Lachsalven auslösen.

 

  1. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazi­diktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verreit, verhielt sich in höchstem Maße unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.

 

  1. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern nur Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Be­dürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Be­dingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.

 

  1. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irr­tümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.

 

  1. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch an deinem Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Be­liebigkeit zu meistern.

 

  1. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst! Du verfügst als Mensch über ein außerordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.

 

  1. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande glücklich zu sein. Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben.

 

  1. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Er­füllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst.

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