Jenseits von Gut und Böse – Ethik, nicht Moral

Eine inzwischen tote Persönlichkeit des öffentlichen Lebens schrieb in einer ihrer Aufsehen erregenden Reden, die weltweit gehört, beachtet und kommentiert wurden, dass ihr Engagement für Versorgung von Kriegsflüchtlingen, für Witwen und Waisen durch ihre tiefen religiösen Überzeugungen begründet werde, …der Religion der Ehrlichkeit…, der Barmherzigkeit, der Ehre, der Reinheit, der Frömmigkeit. Es sei die Religion der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit zwischen den Menschen. Die Religion, die jedem Menschen sein Recht zuspricht und die Unterdrückten und Verfolgten verteidigt. Die Religion, die das Gute belohnt und das Böse verbietet mit Hand, Zunge und Herz… Die Religion der Einigkeit… und der völligen Gleichstellung aller Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder ihrer Sprache.[1]

 

Meine Brr..., wie gefällt euch das? Hättet ihr nicht auch Interesse diesen Mann näher kennenzulernen, noch dazu, wenn dieser von seinen Bekannten als zuvorkommend, höflich, bescheiden trotz seines großen Reichtums und als charismatisch beschrieben wird? Glaubt mir, ihr hättet ihn nicht kennenlernen wollen, abgesehen davon, dass er uns alle hier nicht hätte kennenlernen wollen, weil wir genau das verkörpern, was für ihn verabscheuungswürdig ist; denn bei diesem Mann handelt es sich um Osama bin Laden. Mit dieser Provokation bin ich mitten in meinem heutigen Thema, denn offensichtlich ist das mit dem Guten und dem Bösen nicht ganz so einfach.

 

Die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen[2] heißt es im ersten Johannesbrief. In der Pastoralkonstitution des 2.Vatikanischen Konzils lesen wir, die ganze Welt durchzieht… ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird.[3] Der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, meinte in einer Rede an der Militärakademie von Westpoint am 1. Juni 2002: wir befinden uns in einem Konflikt zwischen Gut und Böse, und die Vereinigten Staaten werden das Böse beim Namen nennen.[4]

 

Alle diese Sätze gehen davon aus, dass das Böse, das abgrundtief metaphysische Böse, existiert, und auch viele Menschen scheinen insgeheim an das Böse zu glauben, denn anders ist auch der kommerzielle Erfolg von zeitgenössischen Epen und Heldensagen wie Star Wars, Harry Potter oder Herr der Ringe nicht zu erklären. Die Grundidee dieser apokalyptischen Matrix bleibt im Wesentlichen immer gleich. Edle Helden treten todesmutig zum Kampf gegen die Mächte der Finsternis an. Diese Mächte der Finsternis scheinen das Gute, das Licht, zu besiegen bis der Erlöser auftritt und in einem finalen Kraftakt, einer finalen Schlacht, dem biblischen Armageddon, das Böse besiegt. Allen diesen Geschichten ist eines gemeinsam, dass – wie in der Geschichte vom Sündenfall[5] – die aktive Entscheidung des Einzelnen für oder gegen das Gute gefordert wird.

 

Zwischen Wohl und Übel haben die Menschen wahrscheinlich vom Beginn ihrer Geschichte an unterschieden. Erst mit der Entwicklung eines strikten Monotheismus wird Gott immer mehr zum Inbegriff des Guten (allgütig, allliebend, allmächtig…) und damit entsteht erst die strikte Ambivalenz zwischen Gut und Böse, was im Umkehrschluss die Existenz des absolut Bösen möglich macht; …der radikale Glaube an einen guten Gott bereitet den Boden für die Vorstellung eines absoluten und autonomen Bösen.[6]

 

Das Böse ist das schlechthin Verwerfliche, es wird der Schwäche des menschlichen Willens im Handeln angelastet und bedarf eines bösen, menschlichen Willens, der sich in seiner Bosheit bejaht. Die Möglichkeit des Bösen sei als grundsätzliche Fehlbarkeit für das Wesen des Menschen kennzeichnend[7]. Vier Wesensmerkmale der religiösen Konstruktion des Bösen lassen sich herausarbeiten[8]:

  • Das Böse verfügt über eine Doppelnatur. Es ist nicht nur auf der menschlichen Ebene angesiedelt, sondern existiert in seiner Reinform auf der metaphysischen Ebene. Katholische genauso wie evangelische Theologen sprechen vom „numinosen[9] Bösen“, im allgemeinen Sprachgebrauch „Mächte der Finsternis“.
  • Gut und Böse sind absolute Kategorien, es gibt keine Relativität oder Pluralität. Gott ist das absolut Gute, der Teufel das absolut Böse.
  • Das Böse wird als der Preis der Freiheit aufgefasst. Es ist die freie Willensentscheidung[10] wie im Sündenfall, sich für das Gute oder das Böse zu entscheiden.
  • Kann eine freie Willensentscheidung ausgeschlossen werden, kann das Böse auch als Besessenheit wirksam werden; dann wird die Persönlichkeit des Menschen von den Mächten der Finsternis beherrscht. Ein Mittel gegen die Besessenheit wäre der katholische Exorzismus.

 

Nun möchte man meinen, das wären theologische Spielereien, die in unserer modernen Welt keinen Platz mehr fänden. Dennoch meinen auch zeitgenössische Philosophen wie Susan Neiman in ihrem Buch das „das Böse denken“ oder Rüdiger Safranski in seinem Buch „das Böse oder das Drama der Freiheit“ am Begriff des „an sich Bösen“ festhalten zu müssen. Selbstverständlich handelt es sich in diesen Fällen nicht um übernatürliche Mächte sondern um eine über allen Dingen schwebende Idee, die genauso absolut gedacht wird, wie die dunkle Seite der Macht.

 

Für wie wichtig das Konzept der Willensfreiheit[11] genommen wird, wird besonders dann deutlich, wenn dem Bösen den verwandten Begriff des Übels gegenüberstellen. Unter Übel versteht die Philosophie alle Formen von Leid sowie alle die Faktoren, die zu solchem Leid führen, wobei die Philosophie im Allgemeinen zwischen natürlichem Übel (malum physicum) und moralischem Übel (malum morale) unterscheidet. Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen und ähnliches werden unter dem Begriff natürliches Übel zusammengefasst. Auch wenn diese natürlichen Übel genauso großes Leid auslösen können wie moralische Übel, so scheinen sie uns doch eher annehmbar, weil sie für uns Schicksalsschläge darstellen, die nicht auf schuldhafte Entscheidungen eines Menschen zurückgeführt werden können. Moralische Übel wie Mord, Diebstahl empören uns, denn hier meinen wir das schuldhafte Verhalten einzelner Menschen erkennen zu können. Unsere Empörung mäßigt sich jedoch sofort dann, wenn dem Täter mildernde Umstände wie Krankheit oder Unzurechnungsfähigkeit zugestanden werden.

 

Es ist ein Irrtum zu glauben, ein Verhalten, welches dem Begriff des moralischen Übels entspricht, gebe es nur unter den Menschen. Auch im Tierreich lässt sich solches Verhalten finden. Somit scheint der Beweis erbracht, dass moralisch böses Verhalten nicht von einer bewussten, aktiven Willensentscheidung abzuhängen scheint. Um moralische Übel besser verstehen zu können, sollten wir uns daher mit dem Grundprinzip des Lebens, dem Prinzip Eigennutz, auseinander setzen. Eigennutz ist ohne Zweifel nicht nur eine Ursache dieser Probleme sondern gleichzeitig auch der Schlüssel zu einer sinnvollen und lebbaren Lösungsstrategie.

 

Eigennutz oder Selbstinteresse, ist das natürliche Motiv aller Lebewesen[12] und daher auch des Menschen[13]; er ist also kein anrüchiges Element der Evolution, welches überwunden werden muss. Eigennutz tritt in der Natur in drei typischen, unterschiedlichen Formen auf

  • rücksichtsloses Durchsetzen eigener Interessen auf Kosten anderer
  • altruistisches Verhalten zu Gunsten Verwandter oder potentieller Sexualpartner
  • strategische Kooperationsbereitschaft gegenüber gleich- und höherrangigen Artgenossen.

 

Das Prinzip Eigennutz ist ethisch neutral, es ist die Grundlage von Hass und Liebe genauso wie von Krieg und Frieden oder Ausbeutung und Solidarität. Gegenüber dem Tierreich kommt beim Menschen noch ein Faktor hinzu, die Empathiefähigkeit[14], die Fähigkeit zu Mit-leid bzw. Mit-freude. Empathievermögen ist gleichzeitig genau so die Fähigkeit für erfolgreiches Lügen und Intrigieren wie für altruistisches Verhalten. Damit erst wird es möglich, dass sich Menschen unter bestimmten Voraussetzungen bereitfinden, ihr Leben für eine höhere Sache aufs Spiel zu setzen oder Verzicht zu leisten. Jemand der viel gibt, sendet auf diese Weise ein unmissverständliches Signal an seine Umwelt: ich bin gut, auf mich kannst du dich verlassen. Wenn man diese Botschaft dauerhaft und überzeugend propagiert, so ist dieser Effekt ein Gewinn an Prestige in den Augen der Mitmenschen. Aufgrund der Selbstlosigkeit, die man immer zur Schau stellt, wird man geschätzt. Man wird zum attraktiven Sozialpartner, argumentieren Matthias Uhl und Eckart Voland in ihrem Buch „Angeber haben mehr vom Leben“[15]. Was im Einzelnen den Eigennutz ausmacht, ist abhängig von kulturellen Vorgaben, Moden, Traditionen, Philosophien, Ideologien und Religionen. Gefährlich wird es, wenn wir den Eigennutz in eine problematische Richtung lenken und so weder für den Einzelnen noch die Allgemeinheit einen Vorteil erreichen.

 

Handlungen aus Mitleid oder aus Mitfreude stellen eine besonders interessante Form eigennützigen Verhaltens dar. Auch beim mitfühlenden Eigennutz geht es um das eigene Wohl und Wehe, allerdings wird hier insbesondere fremdes Leid so stark wahrgenommen, dass es zum eigenen Besten ist, fremdes Leid zu bekämpfen. Seit der Entdeckung der Spiegelneuronen[16] wissen wir, dass fremdes Leid als eigenes, als selbst erlebtes Leid wahrgenommen wird.

 

Nach diesem Exkurs in die Evolutions- und Naturgeschichte der Ethik wieder zurück zum eingangs erwähnten Osama bin Laden. Dieser stellte sich einerseits als sanftmütiger Philanthrop dar und war andererseits ein kaltblütiger Mörder. Für ihn bestand kein Widerspruch darin, Werte wie Milde, Freundlichkeit, Gerechtigkeit in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig Angst und Schrecken unter den Ungläubigen zu verbreiten. Damit steht er in der Geschichte nicht allein da. Das Verhalten gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe (Ingroup) ist ein anderes als gegenüber Fremden (Outgroup). Die Hölle, das sind die anderen[17], sagt Sartre.

 

Eine solche Doppelmoral finden wir auch in der Bibel. So heißt es zum Beispiel im Dekalog Du sollst nicht töten[18] und Du sollst nicht stehlen[19]; wenige Kapitel weiter im selben Buch Exodus jedoch fordert Jahwe das Töten von Hexen und Götzendienern[20] sowie den Landraub[21]. Auch im Neuen Testament[22] ist Ingroup – Outgroup – Denken immer dann zu finden, wenn es um die Bestrafung „der Bösen“ geht. Dann ist von dem sanftmütigen, versöhnlichen Jesus keine Rede mehr, sondern gerade derselbe Jesus fordert die ewige Verdammnis und grausamste Bestrafung der Bösen[23]. Besonders scharf ist die Differenzierung nach Ingroup und Outgroup im Koran[24], zusätzlich zu den jenseitigen Strafen finden wir im Koran auch noch praktische Anweisungen für das Diesseits[25].

 

Dieses Ingroup – Outgroup – Verhalten ist allerdings nicht das Privileg des fortentwickelten Homo Sapiens; nicht nur dass wir diesen Dualismus auch in den Sitten und Gebräuchen indigener Völker finden, auch Tiere – quer durch alle Arten – zeigen ein solches Verhalten[26]. Was ich damit jedoch keinesfalls meine, ist die Tatsache, dass wir wegen dieser Befunde verzweifeln müssen, als ob wir Menschen zur Doppelmoral verurteilt wären. Maria und Franz Wuketits schreiben in ihrem Buch „Humanität zwischen Hoffnung und Illusion, warum uns die Evolution einen Strich durch die Rechnung macht“: jeder Mensch kann lernen, seine Distanz gegenüber Fremden abzubauen, indem er persönliche Kontakte zu ihnen unterhält und ihre Kultur und Tradition zu verstehen versucht. Aber jeder Mensch kann auch lernen, Fremde zu hassen, wenn sie ihm von Kindesbeinen an als minderwertig präsentiert werden und er sich schließlich davon überzeugen lässt, dass sie seinem Land, vor allem aber seiner Familie und seinen Freunden, etwa wirtschaftlichen Schaden zufügen.[27] Ob also der Fremde als Bedrohung oder Bereicherung für meine Welt empfunden wird, hängt nicht nur von biologischen Bindungen ab, sondern ist auch ganz wesentlich ein Produkt kultureller Lernerfahrungen.

 

Die Dichotomie von Gut und Böse ist genauso durch unsere Natur (In/Outgroup) wie durch kulturelle Prägung begründet. Das vielleicht deutlichste Beispiel dafür genauso wie das traurigste ist der Antisemitismus, der bereits in der Bibel beginnt (sein Blut komme über uns und unsere Kinder[28], ihr habt den Teufel zum Vater[29]), durch die Jahrhunderte von den Kirchen tradiert wurde (z.B. Martin Luther[30]), im 19. Jahrhundert säkularisiert wurde (Protokolle der Weisen von Zion[31]) und in der Judenvernichtung unter dem Zeichen des Nationalsozialismus seinen traurigen Höhepunkt erreichte. Die Identifikation der Juden als Outgroup und Jahrtausende langes Lernen, dass die Juden, die Gottesmörder, die Ursache allen Übels seien, lösten in den Menschen so wenig Verwunderung und Empörung über den Völkermord an den Juden aus, dass der Holocaust fast wie die logische Fortsetzung dieser Entwicklung und eine moralische Pflicht erschien. Die Liquidierung von Menschen kann nur dann als moralische Pflicht erscheinen und vor allem in die Praxis umgesetzt werden, wenn der andere nicht mehr als Mensch mit typisch menschlichen Eigenschaften wahrgenommen wird, sondern als Verkörperung des Bösen.

 

Hannah Arendt konnte – wie sie in „Eichmann in Jerusalem, ein Bericht von der Banalität des Bösen“ schreibt – Adolf Eichmann beim besten Willen keine dämonische Tiefe abgewinnen… [Er] war nicht Jago und nicht Macbeth, und nichts hätte ihm ferner gelegen, als mit Richard III. zu beschließen, >ein Bösewicht zu werden<… Es war gewissermaßen schiere Gedankenlosigkeit – etwas, was mit Dummheit keineswegs identisch ist -, die ihn dazu prädestinierte, zu einem der größten Verbrecher jener Zeit zu werden[32].

 

Denn auch wenn wir aus neueren Forschungen[33] wissen, dass Eichmann ein glühender antisemitischer Gesinnungstäter war, so war er sicher nicht die Verkörperung des ominösen Bösen, er hatte keine teuflisch dämonische Tiefe. Eichmann konnte schon deshalb keine dämonische Tiefe besitzen, weil es eine solche nicht gibt. Das Böse ist genauso wie das Gute eine Fiktion. Beide sind sehr erfolgreiche Fiktionen, denn wenn das metaphysische Begriffspaar einmal erfolgreich im menschlichen Gehirn verankert ist, dann ist keine Gewalttat grausam genug, dass sie nicht noch im Dienste einer „gerechten Sache“ verübt werden könnte.

 

Dass das Konzept der Willensfreiheit, das unterstellt, dass eine Person unter denselben Bedingungen auch anders hätte handeln können als sie gehandelt hat, so nicht funktioniert wusste schon Arthur Schopenhauer: Unter der Voraussetzung der Willensfreiheit wäre jede Handlung ein unerklärliches Wunder – eine Wirkung ohne Ursache. Und wenn man den Versuch wagt, eine solches liberum arbitrium indifferentiae sich vorstellig zu machen, so wird man bald inne werden, dass dabei eigentlich der Verstand stille steht; er hat keine Form so etwas zu denkender Mensch kann tun, was er will, aber nicht wollen, was er will…du kannst tun, was du willst,: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts anderes als dieses Eine[34]. In den letzten Jahren haben Hirnforscher wie Gerhard Roth, Wolfgang Prinz, Wolf Singer oder Antonio Damasio mit naturwissenschaftlicher Sicherheit die These erhärtet, dass Willensfreiheit im Sinn des Prinzips der alternativen Möglichkeiten nicht existiert[35].

 

Was wir Menschen jedoch sehr wohl haben ist Handlungsfreiheit. Meistens wird mit Handlungsfreiheit das gemeint, was wir von außen beobachten können; das ist äußere Handlungsfreiheit. Wenn ich hier von Handlungsfreiheit spreche, so meine ich sowohl äußere als auch innere Handlungsfreiheit. Auch bewusste Denkakte sind innere Handlungen; über abstrakte Dinge nachzudenken, heißt, mit sich selbst zu sprechen. Beide Handlungsfreiheiten können unterdrückt werden, die äußere zum Beispiel durch eine Diktatur, die innere zum Beispiel durch Zwänge oder irrationale Ängste. Wenn ich in weiterer Folge von Freiheit spreche, so meine den Zustand, in dem äußere und innere Freiheit zusammenfallen. Mehr als diese Freiheit ist nicht notwendig. Der berühmten Satz, die Gedanken sind frei[36], darf nicht im Sinn des Konzepts der klassischen Willensfreiheit missverstanden werden, sondern muss als Ausdruck innerer Handlungsfreiheit begriffen werden; das heißt wir sind frei zu denken, was wir wollen, wenn wir nicht von Zwängen beherrscht werden oder zum Beispiel durch Demenz unsere kognitiven Fähigkeiten verloren haben. Dass wir an uns, unseren Vorstellungen, Überzeugungen Meinungen, Präferenzen arbeiten können, ist kein Gegenargument sondern zeigt nur, wie weit menschliche Handlungsfreiheit reichen kann. Die Entscheidung für einen solchen Vorgang setzt aber erst recht ein entsprechendes neuronales Muster voraus.

 

Der Abschied von der Willensfreiheit führt auch zu einer höheren Fähigkeit, sich selbst und anderen zu vergeben. Damit hat dieser Abschied nicht nur ein entspannteres Selbst, das seine Versagensängste überwinden kann, sondern vor allem auch entspanntere Beziehungen jenseits des Moralingifts zur Folge. Individuen, die gelernt haben, sich selbst und anderen zu vergeben, wird man kaum mehr dazu bringen können, Rachefeldzüge gegen „das Böse“ und seine vermeintlichen Agenten zu führen.

 

Wie ich zu zeigen versucht habe, gibt es das Gute und das Böse nicht. Damit werden die sogenannte freie Willensentscheidung und die moralischen Zuschreibungen, die aus dem aus der Unterstellung von Willensfreiheit entstehen, hinfällig. Dennoch brauchen wir für das menschliche Zusammenleben Regeln, einen ständigen Interessensausgleich. So sehr ich auch meine Argumentation in Beobachtung der Natur und was wir aus der Natur für diese Fragestellung lernen können, geführt habe, so wenig meine ich, dass naturrechtlich, ethische Konzepte als Regelwerk dienen dürfen. Ob ein Verhalten natürlich ist oder nicht, sagt nämlich nichts über seine ethische Legitimation aus. Aus dem, was ist, darf nicht abgeleitet werden, was sein sollte[37]. Zwischen Sein-Sätzen (Beschreibung der Wirklichkeit) und Soll-Sätzen (ethischen Vorschriften) herrscht eine unüberbrückbare Kluft. Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll sondern nur, was er kann[38].

 

Es geht vielmehr darum, scharf zwischen ethischem und moralischem Denken zu unterscheiden. Ethik möchte ich dabei als den rationalen Versuch definieren, die unter Menschen unweigerlich auftretenden Interessenkonflikte so zu lösen, dass alle Betroffenen diese Lösung als möglichst fair erachten; denn eine Ethik, die die Grundbedürfnisse und Interessen der Menschen ignoriert, verdient es nicht, „Ethik“ genannt zu werden. Demgegenüber zeichnet sich die moralische Strategie dadurch aus, dass sie eben von einer einfachen Dichotomie von Gut und Böse ausgeht und an die Stelle ethischer Interessenabwägungen autoritäre Gebots- und Verbotskataloge setzt, welche in der Regel der Komplexität der lebensweltlichen Probleme nicht gerecht werden und häufig genug zu einer weiteren Verschärfung bestehender Konflikte führen. Auch wenn wir also ethische Grundregeln in der Natur nicht vor-finden und wir Menschen sie selbst er-finden müssen, so sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse dennoch für die ethische Diskussion hoch relevant; geht es doch um die Frage, ob wir ein bestimmtes Verhalten überhaupt zeigen können, beziehungsweise ob wir ein moralisch verbotenes Verhalten nicht doch zeigen werden; mit anderen Worten, ob eine solche Forderung überhaupt lebbar ist[39].

 

In der Moral geht es um subjektive Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeintlich vorgegebener metaphysischer Beurteilungskriterien, in der Ethik hingegen um objektive Angemessenheit von Handlungen an Hand von immer neu fest zu legenden Spielregeln von Fairness. Moralische Argumentation zielt auf die Frage persönlicher Schuldfähigkeit ab; eine ethische Argumentation fragt deshalb prinzipiell nach der objektiven Verantwortbarkeit potentieller oder realisierter Taten, nicht nach der subjektiven Schuld (Willensfreiheit) der Täter. Ethische Argumentation zielt auf die faire Lösung von Interessenskonflikten zwischen zwei Parteien. Das Ausleben eigennütziger Bedürfnisse ist nur dann ein Problem der Ethik, wenn es auf Kosten anderer Personen (oder der nichtpersonalen Umwelt) geht; Moral hingegen behauptet, man könne sich gegen sich selbst „versündigen“ oder gewisse Verhaltensweisen seien per se „unmoralisch“.

 

Naturalistische Ethik stellt das menschliche Bedürfnis Eigennutz in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und diskutiert nur dessen allenfalls problematischen Auswirkungen; für die Moral ist das Bedürfnis selbst das zentrale Problem, das überwunden werden muss. Dafür greifen Moralisten auf das dualistische Körper-Seele-Modell zurück, „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Es gilt Regeln aufzustellen, die den Eigennutz im gesellschaftlichen Zusammenleben nutzbringend einsetzen und ihn in den Dienst der Humanität stellen[40]. Ethisches Verhalten kann auch, wie Evolution zeigt, aus dem Streben nach persönlichem Glück und dem Respektieren der Gemeinschaft und ihrer Regeln entstehen. Die Ethik, wie sie hier skizziert werden soll, muss schließlich den Bedingungen des Menschseins – der Conditio humana – Rechnung tragen.

 

Nun möchte es scheinen, dass meine Gedanken zur Ethik oder – um mit Kant zu sprechen – dem Sittengesetz erst recht und aufs Neue blutleer bleiben. Meine Brr..., gerade während einer Tempelarbeit in offener Loge geht dieser Vorwurf ins Leere, denn unsere rituelle Arbeit ist eine Übung in Tugend- und Verantwortungsethik.

 

Wir alle kennen die berühmte Passage aus der Andersonschen Konstitution …ein Freimaurer ist verpflichtet, dem Sittengesetz – im Original moral law zu gehorchen… Dieses Sittengesetz ist nirgends näher definiert und gleichzeitig haben wir ein intuitives Wissen, worum es dabei geht. Im Gegensatz zur Moralphilosophie Kants, die die Praxis verachtet und nur die bloße Gesinnung zum Wesen der Sittlichkeit erklärt, ist die FM-ei überzeugt, dass Sittlichkeit aus dem Tun kommt und an die Praxis gebunden ist. In der FM-ei soll sich die humanitäre Haltung eines Brr... in seinen Taten manifestieren. FM-ei ist Einübungsethik[41], etwas, was der deutsche Freimaurer Hans Hermann Höhmann frei nach Lessing auch als „Laut Denken mit dem Freund“ bezeichnet. Kant hingegen ist überzeugt, dass es als das Wesentliche alles sittlichen Werts darauf ankomme, dass das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme.[42] Die FM-ei hat keine Vorstellung davon, wie eine unmittelbare Willensbestimmung durch ein Gesetz möglich sei. In Kants Position spüre ich das Konzept der Willensfreiheit, das – wie ich zu beweisen versucht habe – so nicht funktioniert. Er ersetzt gewissermaßen den Gottesbegriff durch eine universelle, transzendentale Vernunft, die ab nun über das Gute und das Böse entscheiden soll.

 

In der FM-ei ist das Sittengesetz negativ bestimmt, das heißt ohne inhaltliche Definition. So übernimmt es die Platzhalterrolle für einen nicht näherbestimmten Ort höchster moralischer Verbindlichkeit. Was Inhalt des Sittengesetzes ist, muss jeder Br... im Rahmen seines maurerischen Wegs selbst beantworten. Die negative Bestimmung wird damit zur Gewähr dafür, dass nicht übernatürliche Autoritäten die moralischen Inhalte definieren, sondern dass diese aus der Praxis für die Praxis menschlichen Lebens entstehen. Mit diesem Tun in der Praxis beschäftigt sich Tugendethik, wie sie uns in unserem Ritual vorgestellt wird. Diese steht im Kontrast zur einen akademischen ethischen Theorie. Tugend können wir nicht theoretisch lernen, in der Tugend werden wir nur tüchtig durch tun, denn unser Gehirn können wir nur durch Tätigkeit programmieren[43].

 

Eine brauchbare und lebbare Ethik jenseits von Gut und Böse muss in besonderem Maße das soziale Verhalten der Menschen in dem Sinne verbessern, dass sie Humanität, Kooperation, Rücksichtnahme, Toleranz, Fairness, Altruismus, fördert und Leiden sowie Gefahren von der Gesellschaft abwendet. Es geht nicht darum, Postulate aufzustellen, wie ein Verhalten in einer bestimmten Situation zu sein habe, dieses anschließend ausreichend vernünftig zu begründen und dann zu erwarten, dass ein jeder vernünftig denkende Mensch sich dieser Maxime unterwerfen soll. Gerade, weil es sich um Menschen handelt, die in einer bestimmten Art und Weise handeln sollen, muss immer Platz für den Eigennutzen des Lebewesens Mensch sein. Den meisten unserer Vorstellungen des Sozialen und des ethisch Gerechten liegt der empirisch zu beobachtende Wunsch zugrunde, sich selbst nicht immer und überall als Kunde betrachten zu müssen… Während wir auf der einen Seite mehr und mehr Lebensbereiche in einen Markt verwandeln, sträubt sich auf der anderen Seite unser ethisch – moralisches Gewissen gegen diese Vereinnahmung durch die Ökonomie.[44]

 

Max Weber spricht davon, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann gesinnungsethisch oder verantwortungsethisch orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim -, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Der Verantwortungsethiker … rechnet mit eben jenem durchschnittlichen Defekten der Menschen, er hat […] gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen… [auch] fühlt er sich nicht in der Lage, die Folgen des eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen[45].

 

Die Verantwortung ist gewissermaßen die Kehrseite der Handlungsfreiheit. Ich bin für meine Handlungen insofern verantwortlich als sie mir zurechenbar sind. Wer nicht verantworten kann, was er tut, ist unzurechnungsfähig. Allerdings gilt auch, nur wer Verantwortung tragen kann, vermag überhaupt etwas zu tun. Neben den bezweckten Folgen einer Handlung gibt es noch andere Folgen, die nicht bezweckten oder Nebenfolgen. Diese Folgen sind nicht das Ziel der Handlung, der Handelnde nimmt sie jedoch, soweit er sie vorhersieht, billigend in Kauf. Was der Einzelne in dieser Weise vorhersieht, ist nicht in seiner Beliebigkeit überlassen. Verantwortung trägt er nicht nur für die tatsächlich vorhergesehenen Folgen sondern ebenso für alle vorhersehbaren Folgen.

 

Auf die Anweisungen einer höheren Autorität – ganz gleich ob ein Gott oder eine staatliche Autorität – können und wollen wir uns als FM nicht berufen. Für einen Gesinnungsethiker trägt die Folgen einer Handlung im Guten wie im Schlechten immer ein anderer Mensch, die Welt, das System… Ein Verantwortungsethiker hingegen kann gar nicht anders als mit den durchschnittlichen Defekten des Menschen zu rechnen, denn die Folgen seines Tuns werden ihm selbst zugerechnet; er fühlt sich nicht in der Lage, diese Folgen auf andere abzuwälzen. Ziel seines Handelns ist der größtmögliche Nutzen für alle, Egoismus wird dann nicht als unethisch angesehen, wenn aus dem Eigennutzen auch Fremdnutzen entsteht; im besten Fall findet ein Interessenausgleich statt.

 

Verantwortung kann nicht nur für eine konkrete Handlung und deren erwartbare Folgen übernommen werden, sondern auch für Dinge, Institutionen und vor allem für andere Menschen. Das setzt allerdings voraus, dass deren Wohl und Wehe zumindest zum Teil vom eigenen Handeln abhängt. Daher definiert der Moral-, Religions- und Naturphilosoph Hans Jonas[46] Verantwortung so: Verantwortung ist die als Pflicht anerkannte Sorge um ein anderes Sein, die bei der Bedrohung seiner Verletzlichkeit zur Besorgnis wird[47]. Darüber hinaus impliziert Jonas mit seinem Begriff von Verantwortung die Forderung, die natürliche Umwelt und die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten.

 

Der Gesinnungsethiker setzt die Vollkommenheit des Menschen voraus. Er kann behaupten, dass man in allem ein Heiliger sein müsste wie Jesus, die Apostel oder Franz von Assisi, nur dann sei die Ethik sinnvoll und Ausdruck einer Würde. Mit Weber halte ich jedoch die Durchführbarkeit solcher gesinnungsethischer Gebote in der Realität für unzumutbar und nicht lebbar.

 

Das Konzept der Verantwortungsethik transportiert sehr viel weniger Feindseligkeit als das Konzept der Gesinnungsethik. Unter dem Deckmantel der Gesinnungsethik wurden in der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart die schlimmsten Verbrechen begangen, ja ich gehe so weit, zu behaupten, dass diese Akte der Inhumanität mit dem besten und reinsten Gewissen vollzogen worden sind, das man sich nur vorstellen kann. Wie ich im ersten Teil des BS zu zeigen versucht habe, bringt das Konzept des metaphysisch Guten und Bösen eben keinesfalls die erhoffte Änderung des Menschen zu mehr sozialer Verträglichkeit, sondern fördert gerade im Gegenteil die aktive Ablehnung des anderen, die bis zum Mord reichen kann.

 

Hans Jonas vertritt die Ansicht, dass wegen des veränderten Wesens des Handelns des Menschen, das neue Herausforderungen für die Ethik mit sich bringt, die bisherige Ethik zur Bewältigung dieser Herausforderungen ungeeignet sei. Insbesondere der kantische Kategorische Imperativ greife zu wenig weit, denn er sei auf den Nahbereich menschlicher Interaktion beschränkt. Pflichten gegenüber Angehörigen zukünftiger Generationen lägen ebenso außerhalb ihres Horizonts wie Pflichten gegenüber der nichtmenschlichen Natur. Vor allem aber setze sie die Existenz der Menschheit als gegeben voraus. Daher könne sie eine Pflicht zur Erhaltung der Menschheitsexistenz nicht begründen[48].

 

Hans Jonas hat in seiner Schrift „das Prinzip Verantwortung“ analog zu Kants Kategorischen Imperativ drei Imperative zur Zukunftsverantwortung formuliert, die gut als Hilfe für einen Entscheidungsprozess im Rahmen der Verantwortungsethik dienen können:

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.

Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden.

Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit – Gegenstand deines Wollens ein.[49]

 

Wesentlich scheint mir, dass diese Forderungen nicht als ein universalgültiges Moralprinzip in der Art des Kategorischen Imperativs Kants verstanden werden dürfen. Ein Moralprinzip des Kantischen Typs soll in allen Situationen Orientierung bieten. Der Anwendungsbereich des Jonasschen Imperativs ist hingegen auf bestimmte Handlungssituationen beschränkt. Nicht jede Handlung beeinflusst ja die Überlebenschancen der Menschheit.

 

Der Freimaurer kennt keine Gesinnungsethik, denn gerade in der undogmatischen FM-ei kann er, wenn er ethisch denken und handeln will, sein Handeln nur an den geplanten Ergebnissen ausrichten und daran, ob diese Ergebnisse zu verantworten sind. Konkret müssen wir als maurerische Verantwortungsethiker vor einer Handlung die Folgen derselben in Bezug auf Humanität einschätzen. Humanität braucht weder Götter noch Heils- oder Erlösungsmythen, um sich und seine Ziele zu begründen oder zu rechtfertigen. Im Humanismus bilden Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen den höchsten Wert, Persönlichkeit und Würde des einzelnen Menschen müssen respektiert werden, freie Persönlichkeitsentfaltung und geistige und schöpferische Entfaltung müssen möglich sein. Humanität ist das stets riskante Unternehmen der Individuen und der Gesellschaft, zu sich selbst zu kommen, um ein gelungenes Leben in Achtung und Selbstachtung zu führen. Humanität meint … die normative Leitidee eines „wahren“, von Selbstverwirklichung und Mitmenschlichkeit, von Gerechtigkeit und Sittlichkeit bestimmten Menschseins… Sie besagt, dass es dem Menschen letztlich nicht auf Selbstbehauptung und Expansion sondern auf eine Verständigung mit seinesgleichen ankommt, die vom unbedingten Wert des Menschen, von seiner Freiheit und Menschenwürde … bestimmt ist[50].

 

Die Auswirkungen einer Handlung auf die Ziele der Humanität abschätzen zu lernen, erfordert andauernde, aktive Praxis und kann nicht durch Befolgen der Anweisungen einer wie auch immer gearteten Autorität erreicht werden. Verantwortung lässt sich nicht delegieren; wir müssen Rechenschaft für unser Handeln – zumindest vor uns selbst – ablegen (…erkenne dich selbst[51]). Eine Antwort wie, ich habe es doch gut gemeint… ich habe doch nur den Willen des… ausgeführt, gilt dann nicht. Solche Antworten sind Ausdruck einer verantwortungslosen Gesinnung, denn die negativen Konsequenzen, das Leid, die eine Handlung hervorgerufen hat, interessieren dann wenig, solange nur der gute Wille Motiv der Handlung war. Der Br... FM soll lernen die Konsequenzen seiner Handlungen unter dem Gesichtspunkt der Humanität zu beurteilen (…beherrsche dich selbst[52]), das hilft ihm im Einzelfall die richtige Entscheidung zu treffen. Dass es tatsächlich möglich ist, unsere unbewussten Prägungen zu verändern, zeigt uns die Hirnforschung. Der Weg des FM scheint mir eine seit 300 Jahren erfolgreiche Methode, in unserem Gehirn so etwas wie einen Zwang zur Humanität zu etablieren (…veredle dich selbst[53]).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur

  • Grün Klaus – Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion, Edition Temmen 2012
  • Schmidt – Salomon Michael, Jenseits von Gut und Böse, warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind, Pendo, München 2009
  • Schmidt – Salomon Michael, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Alibriverlag Aschaffenburg, 1.Auflage 2005

 

 

 

 

 

 

 

Abstract

Die Religionen nehmen an, dass das metaphysische, abgrundtiefe Böse existiert, daneben existiere das absolut Gute manifestiert in Gott. Auch in einem nicht religiösen Weltbild scheint es diese Dichotomie von Gut und Böse zu geben, wie moderne Heldensagen wie Star Wars, der Herr der Ringe und Harry Potter zeigen. Ebenso nimmt die moderne Philosophie an, dass das Böse als absolute, übergeordnete Idee existiere. Entscheidend sei, dass sich jeder selbst aktiv für das Gute und gegen das Böse entscheiden müsse. Der Autor zeigt nun, dass es das Böse so nicht gebe, denn auch unter den Tieren, die sicher keine aktive Entscheidung kennen, kommen „böse“ Verhaltensweisen vor. Auch beim Menschen besteht keine Willensfreiheit sondern ausschließlich Handlungsfreiheit, denn Entscheidungen sind genauso von Erfahrungen, Lernen und Kultur wie Jahrtausende alten Memen geprägt. Die Einteilung der Welt in Gut und Böse führt gleichzeitig dazu, dass im Namen des Guten die größten Verbrechen begangen werden können. Daher fordert der Autor eine Ethik, die dem Einzelnen im konkreten Anlassfall helfen soll, ethisch vertretbare Entscheidungen zu treffen. Ein solcher Ansatz ist die Verantwortungsethik, wie sie von Max Weber und von Hans Jonas formuliert worden ist. Verantwortungsethik scheint für den Br... FM besonders geeignet, weil die adogmatische FM-ei keine definierte Gesinnung kennt. Als Verantwortungsethiker muss sich der Br... selbst Rechenschaft über sein Handeln ablegen (erkenne dich selbst). Er muss lernen, seine Entscheidungen im Hinblick auf Humanität zu treffen (veredle dich selbst). Durch maurerisches Ritual und das brüderliches Gespräch entwickelt der Br... FM schließlich so etwas wie den inneren Zwang zur Humanität (veredle dich selbst).

[1] Abou – Taam Marwan, Bigalke Ruth (Hg.) Die Reden des Osama bin Laden, Kreuzlingen 2006, S. 138, zitiert nach MSS in Jenseits von Gut und Böse, warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind

[2] 1. Johannes 5,19

[3] Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, die Kirche in der Welt von heute, Kapitel 37, 1965, www.vatican.va

[4] Rede von Präsident George W. Bush vom 1.6.2002 in West Point, http://www.whitehouse.gov

[5] Genesis 3

[6] Schipper Bernd U., das Böse in den Religionen

[7] Höffe Otfried, Lexikon der Ethik, Verlag C.H.Beck, siebente Auflage 2008, Stichwort „das Böse“

[8] Cf. Schmidt – Salomon Michael und Voland Eckart, die Entzauberung des Bösen, in Wetz Franz Josef (Hg.), Kolleg Praktische Philosophie, Bd. 1, Stuttgart 2008

[9] Der Begriff des Numinosen kennzeichnet eine Sphäre des Heiligen, die unabhängig von jedem „menschlich – sittlichem Moment“ gedacht wird und die als „geheimnisvolle, verborgene Wirklichkeit“ mit keiner realen Erscheinung direkt vergleichbar ist.

[10] Liberum arbitrium indifferntiae, cf. Schopenhauer, Preisschrift des freien Willens

[11] Konzept der Willensfreiheit bedeutet, dass eine Person unter gegebenen Bedingungen auch anders hätte handeln können, als sie gehandelt hat. Cf: Pauen Michael, Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung, Frankfurt am Main 2004

[12] Höffe Otfried, Lexikon der Ethik, Verlag C.H.Beck, siebente Auflage 2008, Stichwort „Selbstinteresse“

[13] Cf Hobbes Thomas, Leviathan Kapitel 6 & 13

[14] Cf. Hume David, Traktat über die menschliche Natur 1739; Smith Adam, Theorie der menschlichen Gefühle, 1759; Schopenhauer Arthur, Preisschrift über die Grundlagen der Moral, 1840

[15] Uhl Matthias u. Voland Eckhart, Angeber haben mehr vom Leben, Heidelberg 2002

[16] Spiegelneuronen wurden 1996 erstmals vom italienischen Hirnforscher Giacomo Rizzolati bei Primaten entdeckt und wenig später im menschlichen Gehirn nachgewiesen

[17] Sartre Jean – Paul, Geschlossene Gesellschaft, Reinbek 1986

[18] Exodus 20,13

[19] Exodus 20,15

[20] Exodus 22,17 – 19

[21] Exodus 23,27 – 31

[22] Cf.: Buggle Franz, denn sie wissen nicht, was sie glauben

[23] Cf.: Buggle Franz, denn sie wissen nicht, was sie glauben

[24] Cf. Suren 6,70; 22,21

[25] Sure 47,4

[26] Wuktetits Maria & Wuketits Franz M., Humanität zwischen Hoffnung und Illusion, warum uns die Evolution einen Strich durch die Rechnung macht, Stuttgart 2001

[27] Ebd.

[28] Mt 27,25

[29] Joh 8,44

[30] Luther Martin, von den Juden und ihren Lügen 1543

[31] Frei erfundenes Machwerk aus den 70-er Jahren des 19. Jhd., Autor dürfte Pjotr Ratschkowski, der Chef des russischen Geheimdiensts in Paris, gewesen sein

[32] Arendt Hannah, Eichmann in Jerusalem, ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2006

[33] Wojak Irmtraud, Eichmanns Memoiren, ein kritischer Essay, Frankfurt am Main 2004

[34] Schopenhauer Arthur, Preisschrift über die Freiheit des Willens

[35] Cf Steuer Johannes, Kann der Mensch wollen was er will? BS für die L Aurora zu den 3 Feuern, November 2010

[36] Deutsches Volkslied, Text um 1780, Melodie 1810 – 1820, http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gedanken_sind_frei, Zugriff 2.1.2013, 17.40 Uhr

[37] Nur weil Infantizid im Tierreich ein weit verbreitetes Verhalten darstellt, darf so ein Verhalten unter Menschen nicht gerechtfertigt werden.

[38] Weber Max, die „Objektivität“ sozial wissenschaftlicher Erkenntnis, in M. Weber gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftsehre, Hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1985

[39] Das klassische Konzept der Ehe fordert in unserer Gesellschaft monogames Verhalten. Ein Blick zu unseren nächsten Verwandten, den großen Menschenaffen – insbesondere den Bonobos, könnte uns lehren, dass eine solche Forderung wider die menschliche Natur und damit unrealistisch ist.

[40] Schmidt – Salomon Michael, Manifest des evolutionären Humanismus, Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Alibriverlag Aschaffenburg, 1. Auflage 2005

[41] Hammacher Klaus, Einübungsethik – Überlegungen zu einer freimaurerischen Verhaltenslehre. Festschrift zum 75. Geburtstag des Autors, Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth Nr. 45/2005

[42] Kant Immanuel, Kritik der praktischen Vernunft, Drittes Hauptstück, von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft

[43] Grün Klaus – Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion, Edition Temmen 2012

[44] Grün Klaus – Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion, Edition Temmen 2012

[45] Weber Max, Politik als Beruf, 1919

[46] Hans Jonas, geboren 10.5.1903 in Mönchengladbach, gestorben 5.2.1993 in New York, lehrte von 1965 bis 1976 an der New School for Social Research in New York City, Hauptwerk: das Prinzip Verantwortung 1979

[47] Jonas Hans, das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1979

[48] Ebd.

[49] Ebd.

[50] Höffe Otfried, Lexikon der Ethik, Verlag C.H.Beck, siebente Auflage 2008, Stichwort „Humanität“

[51] Ritual der Rezeption, GLvÖ 2011

[52] Ebd.

[53] Ebd.

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