Das Gewissen

Es ist schon erstaunlich, dass der Begriff Gewissen in unserem Ritual zu finden ist.

An das lautere Gewissen des freien Mannes von gutem Rufe richte ich mein mahnendes Wort. Die Stimme in der Brust, dieser unerbittliche höchste Richter des Menschen, soll Sie stets … erinnern, …aus freiem, unabhängigem Willem, auf meine Ehre und mein Gewissen, …so gewissenhaft halten, …mit bestem Wissen und Gewissen … erkannt habe (Ritual der Rezeption, GLvÖ); … muss Euch Euer Gewissen sagen (Ritual der Beförderung, GLvÖ). In jedem Zitat wird dem Gewissen so etwas wie die höchste Autorität zugewiesen. Woher das Gewissen in der FM allerdings seine Legitimierung bezieht wird nicht dazu gesagt. Der Begriff „höchste Richter“, wie wir ihn im Ritual der Rezeption finden weist dem Gewissen eine Funktion zu, die mich an die Worte des Höchsten Wesens erinnern.

 

Es hat den Anschein als müsste das Gewissen die letzten Entscheidungen treffen und doch könnten wir den Eindruck gewinnen, das Gewissen sei verloren gegangen, wenn wir uns Entscheidungen im täglichen, öffentlichen Leben ansehen, die nach bestem Wissen und Gewissen gefällt wurden. Wo uns früher Gott über die Schulter schaute – also das Gewissen Einspruch erhob – scheint heute die pragmatische Devise zu gelten: erlaubt ist, was nicht auffällt.

 

Ich möchte nun zwei Thesen aufstellen:

  • Das Gewissen ist nicht die Stimme Gottes und daher niemals die letzte Instanz der Moral.
  • Das Gewissen ist ein Teil des Gehirns mit der Funktion, Moral durchzusetzen, woher auch immer diese Moral ihre Regeln bezogen haben mag.

 

Das Gewissen stört die Vernunft. Beim Versuch, die beste, vernünftigste Alternative zu finden kann das Gewissen nur stören, wenn jemand aus Gewissensgründen Alternativen gar nicht erst in Betracht zieht und an überkommenen Einstellungen und Traditionen eisern festhält. Schon Bertrand Russell warnte, dass das Gewissen uns die abscheulichsten Verbrechen befehlen könne. (Bertrand Russell, die geistigen Väter des Faschismus). Gewissen scheint mit der Illusion verbunden zu sein, eine Wahrheitsquelle zu sein. Offenbar ist das Gehirn in der Lage, so etwas wie Wahrheitsgefühle zu produzieren, also das starke Gefühl zu vermitteln, dass das, was wir tun, das Richtige ist, also die Verwechslung des notorisch Zwanghaften, das aus uns selbst kommt, mit dem absolut Richtigen.

 

Wir brauchen das Gewissen als Maßstab für moralisches Handeln nicht, denn wir können unser Handeln an den Folgen anderer Handlungsweisen messen oder diese mit bewährten Regeln – wie den Menschenrechten – messen. Nur wenn wir uns nicht auf unser Gewissen berufen, sondern auf das jeweils beste zur Verfügung stehende Wissen, nur dann können wir zwischen richtig und falsch unterscheiden, nur dann können wir, wenn uns geirrt haben, dazulernen und moralische Fortschritte machen.

 

Allerdings bringt uns das Gewissen dazu, Verantwortung zu übernehmen. Das Gewissen liefert uns keine konkrete Anleitung zum praktischen Handeln, stattdessen drängt es uns dazu, uns das Wissen zu beschaffen, um die richtige von mehreren Möglichkeiten zu wählen. Nur wer versucht, alles Menschenmögliche zu unternehmen, eine Frage gewissenhaft zu prüfen, ist nachher mit Gewissensbissen und Schuldgefühlen belastet. Im Grunde zwingt uns damit unser Gewissen eine vernünftige Problemlösungsmethode anzuwenden.

 

Gewissen hat durchaus auch etwas mit Selbstbestrafung zu tun. Auch wenn objektiv keine Schuld am Tod eines anderen Menschen vorliegt, würde das Gewissen bei vielen Menschen quälende Schuldgefühle erzeugen, die ihnen keine Vernunft ausreden könnte. Diese Funktion des Gewissens hat Schopenhauer das richtende Gewissen genannt (Schopenhauer, über die Grundlagen der Moral).

 

In unserem Gewissen findet sich ein Sammelsurium an Dingen, die wir selbst oder unsere Eltern und Erzieher, unsere Kultur, die Religionen hineingelegt haben. Etwas in diese Schublade des Gewissens selbst hineinlegen geht leicht, es wieder herauszunehmen ist äußerst schwierig. All diese Dinge melden sich ungefragt, wenn ihre Gelegenheit gekommen ist. Sie sind zum Einen dafür verantwortlich, dass wir nicht alle Paragrafen des Strafgesetzbuchs auswendig können müssen, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen; zum anderen unterstützen sie unsere langfristigen Entscheidungen, denn unser Gewissen quält uns so lange, bis wir getan haben, was wir uns vorgenommen haben, z.B. einen Brief schreiben. Jedoch, einen echten Zwang vermag das Gewissen nicht auszuüben. Die Zeiten, in denen das Gewissen wie ein Schwur war und Erinnyen und Dämonen denjenigen verfolgten, der diesen Schwur brach, sind vorbei. Ich möchte Nietzsche ergänzen, nicht nur Gott ist tot, sondern vor allem das Gewissen ist tot. Wozu diese Verurteilung des Menschen zur Freiheit (Jean-Paul Sartre) führen kann, hat die Geschichte des 20. Jahrhundert gezeigt.

 

Wie ich zu zeigen versuche, kann das Gewissen ein durchaus zweifelhafter moralischer Ratgeber sein, dem noch dazu heute die Durchsetzungsfähigkeit fehlt. Eine auf Vernunft gestützte Moral scheint mir in unserer modernen Zeit, die sich immer schneller dreht und damit immer neue Fragestellungen hervorbringt, wesentlich passender. Allerdings wies schon der Philosoph David Hume im 18. Jahrhundert eindringlich darauf hin, dass Vernunft allein niemanden zum Handeln veranlassen kann (David Hume, a treatise on human nature). Ohne emotionalen Antrieb rührt sich nichts. Das Gewissen gibt keine Antworten, wie wir handeln sollen, aber es quält uns, wenn wir nicht handeln und wird dadurch zum Durchsetzungsinstrument. Das Gewissen ist hervorragend geeignet, etwas durchzusetzen, aber es kann niemals ohne die Hilfe der Vernunft die Richtigkeit des Durchgesetzten erkennen. Ohne problemlösende Vernunft können wir nicht leben, denn das Gewissen weiß viel, aber es weiß nicht, was richtig und falsch ist.

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