Raum und Zeit

In der Eröffnung der Loge werden symbolischer Raum und symbolische Zeit für unsere Arbeit festgelegt. Symbolisch sind Raum und Zeit deswegen, weil diese Festlegungen durchaus nicht mit der Realität übereinstimmen müssen.

Gemeinsam mit den beiden AA legt der MvSt diesen besonderen, von anderen Räumen unterschiedenen Raum fest, der jedoch erst durch die Festlegung der symbolischen Zeit seinen Charakter als Symbol der Vollendung gewinnt. Die alte englische Ritualformel dafür lautet: I declare the Lodge duly open; ob dieser Satz mit „die L öffnen“ oder „die L eröffnen“ übersetzt werden soll, darüber waren sich die Autoren unserer Rituale nicht einig.

Sinn der (Er)öffnungsformel ist, dass alle am Ritual teilnehmenden Brr... ihre ganze Aufmerksamkeit im Augenblick des Hammerschlags des MvSt dafür öffnen und dafür schärfen, dass ab nun etwas Besonderes geschieht, nichts Magisches, nichts Heiliges im Sinn einer Religion, nicht von uns Unabhängiges, sondern etwas, das in uns ist und das von uns selbst ausgehend aktiviert wird. Ohne diese Öffnung bleiben wir unkonzentriert und abgelenkt.

Als Brr..., die wir im Tempel zu gemeinsamer Arbeit versammelt sind, sind wir auch für die besondere Qualität von symbolischem Raum und symbolischer Zeit als grundlegende Ordnungselemente der FMei verantwortlich.

(Er)öffnen der Loge, Beginn der symbolischen Zeit, bedeutet Öffnen des Bewusstseins von uns Brr... für den besonderen Raum, der uns umgibt, der uns Schutz gibt (…wir arbeiten in Sicherheit…), der unser Geheimnis ist und damit gleichzeitig „Heimat“ ist; denn Geheimnis meinte ursprünglich nichts anderes als zum Heim, zur Heimat gehörig. Der symbolische Raum der L ist unendlich und universell. Er reicht vom Ost nach West, von Nord nach Süd, vom Zenit bis zum Nadir.

Die Ordnung der symbolischen Zeit wirkt als „Moratorium des Alltags“[1]. Die Zeit der Logenarbeit ist keine „heilige“ Zeit. Sie steht jedoch außerhalb des Laufs des Alltags, sie ist eine Zeit die Heimat schafft. Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist, sagt Antoine de Saint-Exupéry und weiter, denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.[2]

Es geht nicht darum die eigene verrinnende Zeit zu überwinden und durch Abkehr von der Zeitlichkeit direkt in eine Ewigkeit vorzustoßen, sondern darum seine Zeit aktiv als Bauwerk zu gestalten. Das Mittel, die Zeit zu gestalten ist ihre Gliederung durch Haltepunkte.[3]

Die Tempelarbeit, der Ort unserer geistigen Arbeit, soll ein solcher Haltepunkt sein, kein soziales Aussteigen, eine Atempause soll sie sein, ein festliches und zugleich besinnlich-schöpferisches „Moratorium des Alltags“.

Symbolischer Raum und symbolische Zeit gehören untrennbar zusammen. Sie gehören uns Brr..., wenn wir gemeinsam L halten. Sie sind unsere Heimat und bieten darum Raum für das Geheimnis, das uns verbindet. An diesem Geheimnis haben nur diejenigen Anteil und können auch nur diejenigen Anteil haben, die dabei sind, wenn der MvSt mit dem wichtigsten Hammerschlag der rituellen Arbeit die L (er)öffnet und wenn die symbolische Zeit beginnt. Dieses Geheimnis kann tatsächlich nicht verraten werden; wir können es nur erleben.[4]

[1] Odo Marquardt

[2] de Saint-Exupéry A.; die Stadt in der Wüste

[3] http://wernerloch.de/doc/Saint-ExuperyB.pdf, Aufruf 24.11.2019, 16.30 hrs.

[4] Höhmann H.-H., das Ritual in der Humanistischen Freimaurerei, Funktion, Struktur, Praxis; Salierverlag Leipzig 2016

Geschäftsmaurerei

Geliebte Br..., wenn ich heute über FM-BWL, also Geschäftsmaurer und Geschäftsmaurerei, sprechen will, so handelt es sich um ein Thema, das wir alle a priori und unisono ablehnen und das gleichzeitig, wie nicht nur meine persönliche Erfahrung zeigt, heute unkritisierter masonischer Alltag (GM N. S.) ist. Der ehrwürdigste Br... GM N. S. war es auch, der zu diesem Thema einen Arbeitskreis einsetzte, der eine Anleitung zum ethischen Umgang mit Geschäften unter Brüdern erarbeiten sollte.

 

Lennhoff-Posner-Binder definieren im internationalen Freimaurerlexikon Geschäftsmaurerei wie folgt: die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die im brüderlichen Verhältnis der Freimaurer gelegen ist, verleitet die einzelnen Glieder immer wieder dazu, den Bundesgedanken für eigensüchtige Zwecke nutzbar zu machen… Geschäftsmaurerei gilt in der Freimaurerei als unehrenhaft. Wer die Zugehörigkeit zum Bund zu geschäftlichen Zwecken ausnützt, setzt sich der Missachtung aus… Über die Unzulässigkeit der Verknüpfung selbstischer materieller Zwecke mit Freimaurerei wird bereits der Suchende in vollkommen eindeutiger Weise belehrt… (Lennhoff E., Posner O., Binder D. A. Internationales Freimaurer Lexikon, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000).

 

In dieser Definition ist eigentlich alles gesagt. Freimaurerei ist zunächst und vor allem anderen ein ethischer Freundschafts- und Bruderbund mit humanitären Zielsetzungen. Ziel ist die Arbeit am (eigenen) rauen Stein durch Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Durch unser Maurerwort haben wir uns bei unserer Aufnahme alle den Gesetzen unseres Landes und den maurerischen ethischen Normen unterworfen. Geschäftsmaurerei sind also all diejenigen Geschäfte, die diesen Regeln widersprechen. Ein Geschäftsmaurer ist auch jener Bruder, der die Loge als Ort der Begegnung weniger mit dem Ziel der Verwirklichung masonischer Imperative oder schlicht zur Teilnahme am geistigen Leben der Loge aufsucht, sondern um die Möglichkeit weiterer Geschäftsabschlüsse zu sondieren oder zu realisieren. Ein Geschäftsmaurer ist ein Bruder, der sich dem inneren Gehalt der Freimaurerei zugunsten mit Freimaurern abzuschließender Geschäfte entfremdet (GM N. S.). Auch jener Bruder, der einen Geschäftsabschluss unter Berufung auf die gemeinsame Zugehörigkeit zu Bund einfordert, ist ein Geschäftsmaurer.

 

Nicht jedes Geschäft unter Br... ist automatisch Geschäftsmaurerei. Es spricht nichts dagegen, dass Freimaurer untereinander Geschäfte machen… Unter klaren und anständigen Bedingungen mit dem Bruder Geschäfte zu machen, kann sogar ein besonderer Akt der Freundschaft und der Brüderlichkeit sein… Geschäftsbeziehungen unter Brüdern können ein gutes Übungsfeld für echte Freundschaft, brüderliche Rücksichtnahme und maurerischen Anstand sein (Kraus M, Hg., die Freimaurer, ecowin 2007). Wo brüderliches Vertrauen da ist, wird auch im Geschäftlichen ein Mehr an Vertrauen sein. Es liegt in der Natur des Menschen, dass, wenn er jemanden kennt und entsprechende Sympathien hegt und Vertrauen hat, er auch gerne geschäftliche Beziehungen mit dieser Person unterhält (GM N. S.).

 

Im Gelöbnis anlässlich unserer Aufnahme haben wir uns verpflichtet, unseren Brr... mit Rat und Tat nach Kräften beizustehen, soweit es mit unserer Ehre vereinbar ist. Hilfe für den Br... kann nie als Geschäftsmaurerei qualifiziert werden (GM N. S.).

 

Damit sind wir alle gefordert, wachsam zu sein. Es gilt wachsam zu sein, ob ein Suchender wegen echter oder erhoffter geschäftlicher Vorteile aufgenommen werden will. Gerade der Bürge hat dabei eine Sorgfaltspflicht und Verantwortung gegenüber der Kette. Es gilt wachsam zu sein gegenüber dem Bürgen, ob dieser einen Suchenden wegen geschäftlicher Interessen oder zur Erweiterung seines Netzwerks zum Bund bringen will. Als FM haben wir die brüderliche Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln; daher haben wir die Pflicht, den Bruder, dessen geschäftliche Interessen überhand nehmen zu drohen, darauf hinzuweisen und ihn an die übernommenen Pflichten zu erinnern. Wie das geschehen könnte, sagt uns der TH mit seinem Spiegel. Schließlich müssen wir uns selbst gegenüber wachsam sein, in wie weit wir in unserem Verhalten, diese Grenzen einhalten oder überschreiten. Die Stimme in der Brust, unser Gewissen, soll gerade in diesen Fragen eine Richtschnur sein; gerade das Gewissen ist eine Ausprägung des rauen Steins, an dem wir ein Leben lang arbeiten müssen.

 

Der Begriff Geschäftsmaurerei ist nicht von der profanen Welt sondern von uns selbst geschaffen wurden, um unserem Bemühen um ethische Hygiene Ausdruck zu verleihen. Puristische Sichtweisen dürften ebenso unangebracht sein wie die Leugnung der Notwendigkeit von Bewusstseinsschärfung und Abgrenzung (GM N. S.).

Reflexionen zum Grad des Meisters

Im Grad des Meisters werden wir aufgefordert, über unser angelerntes Wissen hinaus in uns selbst hinein zu hören. Die Arbeit im Meistergrad zielt darauf ab, Rationales und Spirituelles in enger Verbindung zuzulassen.

Der Meistergrad führt uns symbolisch an die Schwelle des eigenen Todes und damit an die Pforte unseres eigenen Weltendes. An diesem Punkt wird bis dahin Wesentliches und Wahres ebenso irrelevant wie bis dahin Unwesentliches und Unwahres. In diesem Moment, den wir alle im Rahmen unserer Erhebung erahnen durften, in dem sich die Zeit selbst liquidiert, sind wir eine unendlich lange Millisekunde nur Summe, sind wir Verwandlung vom Ich bin, der ich bin zum Es war, was es war.[1]

Die Loge, wenn wir Brr... MM arbeiten die Mittlere Kammer, ist ein zu einem Raum-Zeit-Kontinuum entrückter Ort, an dem Brr... an der Überwindung aller irdischen Einsamkeit arbeiten; sie arbeiten in einem symbolischen Steinbruch, um den Salomonischen Tempel wieder zu errichten, in der Gewissheit, dass er fertig gestellt sein wird, wenn der letzte irdische Mensch die Schöpfung verlassen hat. Das mag den Sinn unserer Arbeit fragwürdig erscheinen lassen, beziehen wir uns doch mit all unserem maurerischen Denken ausschließlich auf unser Erdendasein.

Doch dieser Tempelbau ist eine mehr als fragwürdige uns noch nicht bekannte Investition in einen tieferen Sinn. Er mag auch Symbol sein für jenes Wissen, das wir aus Ewigkeiten, denen wir entsprungen sind in die Zeit mitgenommen haben, ist Metapher für das uns immanente Urwissen, das hier nur erfühl- und erahnbar geblieben ist und sich erst nach unserer Heimkehr ins Ganze konkretisieren könnte. Dieser Tempel ist auch Symbol dafür, dass nichts verloren bleibt, dieser Tempel ist Hort der Verheißung, irdische Einsamkeit in Liebe zu verwandeln. Aus Erkenntnissen mag großes Erkennen werden. Erkenntnisse gewinnen ist stets mehr als bloßes intellektuelles Verstehen, mehr als analytische Reflexion. Erkenntnis bedeutet für mich, vernetzt denkend aus dem bestehenden Wissen heraus einen wesentlichen Schritt in Neuland zu setzen und Zusammenhänge durchschauend neu verstanden zu haben. Erkenntnis ist ein die Gesamtheit des Menschen so schmerzlich wie glückhaft durchdringendes und sein Selbst verwandelndes Elementarereignis, das Angst lösen kann, als selbstbefreiend empfunden wird und im Sinn des Todes den Sinn des Lebens findet. Erkenntnis, so verstanden, ist ohne Menschenliebe und Todesakzeptanz nicht denk- und erfühlbar. Erkenntnis ist für uns Menschen der Aufklärung das, was Gnade für Gläubige sein mag.

Unser Ritual lehrt uns, dass es der Zweck unserer Arbeit als FM – M ist, des eigenen Todes zu gedenken; wir sollten uns diese Mahnung zu Herzen nehmen, denn „des eigenen Todes zu gedenken“ ist der kategorische Imperativ des FM – M. Die symbolische Erfahrung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führen zu der Erkenntnis, dass die Endlichkeit des Lebens das maßgebliche Argument dafür ist, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene, die freie Wahl zu treffen.

Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.

[1] Br... Mazakarini Leo, Zeichnung in der DL Telos, 12.09.2019

Der Meistergrad

Der Grad des Meisters ist der Abschluss des freimaurerischen Einweihungswegs. Das Ritual des Meistergrads konfrontiert den Kandidaten und jeden Br... aufs Neue mit der Erfahrung der eigenen Endlichkeit. Er soll sich bewusstmachen, dass er im Leben eine einzigartige Aufgabe zu bewältigen hat, den Umgang mit der Bewusstheit des eigenen Todes.

 

Goethes Erkenntnis: Willst du ins Unendliche schreiten, /Geh nur im Endlichen nach allen Seiten[1] erfährt im Meistergrad ihre besondere Würdigung. Auftrag des Meistergrades ist es, sich damit zu beschäftigen, wie ein Leben diesseits des Todes zu bewältigen ist. Anstatt sich spekulativen Fragen, die nicht zum Bereich des natürlichen Wissens gehören, zuzuwenden, gilt es, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Hier und Jetzt auseinander zu setzen. Wie viel lieber zeigen wir Menschen bei Schwierigkeiten mit nahe liegenden Lebensaufgaben Interesse an fernsten Dingen, dem Anfang und dem Ende aller Dinge, außerirdischem Leben, der Möglichkeit des Unmöglichen uvam. Statt Antworten auf Fragen des Unendlichen und des in völliger Ferne Stehenden spekulativ zu erforschen, lautet die sittliche Forderung des Meistergrads, die Aufgaben des Hier und Jetzt ernst zu nehmen und mit größerer Aufmerksamkeit, das, was wir gerade tun, als das Wichtigste anzuerkennen.

 

Die FMei gibt keine Antwort auf die Fragen nach einem Leben nach dem Tode oder einer Wiedergeburt. Sie weist uns im 3.° darauf hin, dass wir unser Leben und Handeln so einrichten sollten, als hätten wir (nach dem Tode) keine zweite Chance, Vergehen zu korrigieren oder moralische Verfehlungen zu verbessern. Das steigert den Anspruch auf eine bewusste, sittliche Lebensführung; die Endlichkeit des Daseins erfordert besondere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt, denn jederzeit kann das eigene Leben enden.

 

Das Ritual schärft die alte sokratische Erkenntnis, dass das Leben zum Tode hin verläuft mit besonderer Intensität ein. Der Tod ist für den Menschen als metaphysicum[2] und nicht als physische Gegenwart von Bedeutung. Dass das Individuum mit dem eigenen Tod nur zu tun hat, so lang er noch nicht eingetreten ist, wusste schon Epikur. In dem Maß als das Bewusstsein von meiner Sterblichkeit, meinem eigenen Tode meine Lebensführung beeinflusst und beeinträchtigt, ist der Tod als Metaphysisches in seiner physischen Abwesenheit anwesend. Nicht die Furcht vor dem Tod, sondern Bereitschaft soll unser Leben begleiten.

nach Klaus-Jürgen Grün

[1] Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 1, München 1981, Sprüche S. 304

[2] Grün K.-J., Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek Band 124, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2006

Lichtsymbolik als Hinweis auf die Aufklärung

Es fällt nicht schwer, in unserem Ritual die vielfachen Erwähnungen der Lichtsymbolik zu finden, …um den Weg zu Licht zu weisen…, …trägt der MvSt das Licht aus dem Osten in die Loge…, …die BH zu erleuchten…, …ich bitte um das kleine/große Licht…, …was das Licht für das Auge….

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. Die Lichtsymbolik hat als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt ihren festen Platz im maurerischen Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, für ein gleichsam „inneres Leuchten“, sondern auch für gesellschaftsrelevante Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis. Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichterteilung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

„Licht“ ist noch ein einem zweiten Sinn konstitutiv für die Freimaurerei, nämlich im Sinn von Aufklärung. Aufklärung heißt Licht ins Dunkel bringen, im Englischen „Enlightenment“ und im Französischen „Lumières“ wird das noch deutlicher als in der deutschen Sprache. Aufklärung ist untrennbar an das Symbol des Lichts gebunden (Konrad Paul Liessmann): Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täuschung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und wo vermeintliche Gewissheiten aufgezwungen werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen.

Allerdings, umstritten war die Aufklärung von Anfang an. Es braucht nicht erst Horkheimers und Adornos Schrift „Dialektik der Aufklärung“, geschrieben im US-amerikanischen Exil angesichts der Verbrechen der Nazis, um zu erkennen, dass Vernunft zu weit gehen, sich selbst überschätzen, selbst dogmatisch werden kann.

Wir alle kennen Kants Definition von Aufklärung, Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. In diesem Aufsatz schreibt er weiter hinten: Daß aber ein Publikum – sprich: eine Gruppe von Menschen – sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unvermeidlich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit … abgeworfen haben, den … Beruf jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.

Ein solches „Publikum, das sich selbst aufklärt“, wollen die Freimaurer nun auch heutzutage sein, ein Publikum, das genau hinschaut auf Fakten und Probleme, ein Publikum, das in einen Diskurs tritt mit anderen Menschen, um den Prozess der Aufklärung weiter zu bringen und hineinzutragen in unsere so unübersichtlich gewordene und zerrissene Gegenwart. „Erkenne dich selbst“, so heißt es in unserem Aufnahmeritual, doch Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung sind für den Freimaurer untrennbar miteinander verbunden.

Die Suche nach dem Licht der Wahrheit war noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach wie heute, denn noch nie war wissen so demokratisch zugänglich wie heute über das Internet. Gleichzeitig war es noch nie so schwierig, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden. Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und Ringen um Urteilsvermögen.

Freilich ist auch ist zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag, der Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht nur der, welcher informiert, sondern auch der, welcher informiert wird. Das heißt, kritikloses Für-wahr-Halten ist in sozialer Hinsicht ebenso schädlich wie die Manipulation der Wahrheit, und das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ bleibt Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für uns Freimaurer der Gegenwart.

Der Freimaurer als Weltverbesserer

Von unserem Br... Goethe stammt der Satz: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Der Mensch soll es sein; er ist es nicht, weiß Goethe. Moses Mendelssohn, Lessings Freund und Vorbild für seinen Nathan, beschreibt den Weg zu diesem Ziel mit einfachen Worten: nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun.

Mendelssohns ebenso geniale wie triviale Vereinfachung allen Strebens verführt dazu, auch Freimaurerei ebenso schlicht zu übersetzen. Dennoch muss man es wollen, immer wieder und unentmutigt. Freimaurer verstehen sich in diesem Wollen als Symbolbund und Wertegemeinschaft. Freimaurer können nicht die Welt zum Guten verändern, aber sie können aus guten Menschen bessere machen. Das ist zumindest unsere Absicht in dieser Lehr- und Übungsstätte für Menschlichkeit namens Loge, in dieser Wertegemeinschaft namens Freimaurerei.

Freimaurerei ist die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum. So wie unsere Brr... Werkmaurer in den Bauhütten praktisch gebaut und gestaltet haben, wollen wir das heute im übertragenen Sinne tun. Aus der Baukunst soll eine Lebenskunst werden. Die kann sich freilich auch an ganz einfachen Moralismen orientieren. „Gutes wollen, das Beste tun“ ist eine derart einfache Maxime, die von individuellen Möglichkeiten ausgeht. Wer nach seinen Kräften redlich das Gute will und sich ehrlich bemüht, das Beste zu tun, der tut bereits im Kleinen, was im Großen zu wünschen wäre. Das große Ganze ist nun mal die Addition der vielen kleinen Mühen.

Niemand kann zum Besten der Menschheit beitragen, sagt Lessing, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann. So ist Freimaurerei zunächst die Aufforderung, etwas aus sich selbst zu machen.

Reverend Anderson hat uns vor fast 300 Jahren auf ein nicht näher definiertes „Sittengesetz“ verpflichtet. Die Alten Pflichten sprechen vom Sittengesetz, so als meinten Sie eine Ethik für eine Welt. Sie sprechen auch von einer Religion, in der alle Menschen übereinstimmen. Um dem zu entsprechen, sind freimaurerische Symbole und Inhalte bewusst so offen gehalten, dass sie im Übereinklang mit allen Religionen stehen und innerhalb aller Moralgesetze aller Kulturkreise verstanden werden können.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war nicht nur die Parole der Französischen Revolution, sondern war und ist immer noch eine Grundforderung der FMei. Und da möchte ich mit Br... Goethe kritisch anmerken: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss; oder mit Heinrich Heine zur Gleichheit: Wenn wir über …Ungleichheit klagen, … dann sehen… wir …nur diejenigen, die über uns stehen… Abwärts sehen wir bei solchen Klagen nie; von Martin Luther King kommen skeptische Worte zur Brüderlichkeit: Die Menschen haben gelernt, wie Vögel zu fliegen und wie Fische zu schwimmen, aber sie haben nie die einfache Kunst der Brüderlichkeit gelernt.

Die Loge ist so etwas wie der Versuch, Brüderlichkeit zu praktizieren und eine ideale Welt im Kleinen zu denken und rituell und symbolisch darzustellen. Das kennzeichnet nicht ein So-Sein, sondern meint ein So-Werden, ein Danach-Streben. Es wäre jedoch geradezu biedermeierlich, wollten wir unsere Regeln nur in der Loge gelten lassen. Fichte sagte vor ca. 200 Jahren über den Freimaurer: Vaterlandsliebe ist seine Tat…, Weltbürgersinn ist sein Gedanke…

Freimaurerei versteht sich durchaus als angewandte Humanität. Wir haben kein Mandat dafür und sind deswegen auch keine moralische Instanz. Wenn wir sagen, dass wir das bessere Miteinander für eine bessere Welt wollen, dann heißt das nicht, dass wir immer wüssten, wie das geht. Das heißt nur, dass wir es immer wieder, und wenn es geht, auch beispielgebend miteinander einüben. Freimaurerei ist kein Kampfbund zur Durchsetzung von Humanität, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und Toleranz. Freimaurerei ist ein Lebensstil, der sich an Werten orientiert, altruistisch, philanthropisch und kosmopolitisch. Maurerisches Sinnangebot ist die zweckfreie Menschlichkeit, bei der es allein um den Menschen und seine Würde geht.

Dazu gehört es auch, sich selbst zu gestalten, eigenverantwortlich zu denken und mündig zu handeln und nicht schicksalsergeben abzuwarten, was geschieht. Dafür gibt es Gleichgesinnte, Verbündete, Freunde, Brüder. Wir wollen in den Logen durch gemeinsames Nachdenken Orientierungshilfen geben. Lessing nennt das: Laut denken mit dem Freunde. Uns Brr... FM geht es darum, eine Welt der Möglichkeiten zu denken und das Machbare des Denkbaren zu tun. Menschlichkeit, Toleranz, friedliches Miteinander und Füreinander sind machbare Forderungen, die im Kleinen beginnen und sich im Großen fortsetzen lassen.

Spiritualität der Freimaurerei

Der deutsche Psychologie Rudolf Sponsel meint, jeder Mensch sei seiner Natur nach spirituell (geistig), sofern er Sinn und Wert sucht. Spiritualität ist weder eine eigentlich esoterische noch religiöse Praktik, sondern eine grundlegende Praktik des Menschseins.[1] Sponsel definiert Spiritualität als mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben.[2]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse, das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Die Antwort auf diese Bedürfnisse kann gleichermaßen religiös wie nicht-religiös sein. Gelebte und erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit, Harmonie. Diese Aspekte des Lebens gehen über Materielles hinaus, ohne zwingend einen Glauben an ein übernatürliches, höheres Wesen vorauszusetzen.[3] Nicht jeder Sinnsucher ist automatisch schon ein Gottsucher.

Spiritualität in der FMei kann, aber muss in keiner Weise religiös oder esoterisch verstanden werden. Die Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sind grundlegende Elemente des freimaurerischen Weges des Erkenne dich selbst, beherrsche dich selbst, veredle dich selbst, den die Brr... mit Weisheit, Stärke und Schönheit zurücklegen.

Unser Ritual setzt den Rahmen und gibt immer wieder neue Impulse, die im Profanen weiterwirken und so die geistige Offenheit der Brr... fördern sollen. Die rituelle Arbeit im Tempel soll Bewusstsein, Empfindung und Gemüt der Brr... öffnen.

In den Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters wird diese Offenheit maximal unterstützt, wenn die Aufträge lauten: schau in dich, schau um dich, schau über dich. Die Reflexion eines Br... FM soll sich mit Sinn- und Wertfragen und mit der Welt und den Mitmenschen beschäftigen. Im Zentrum dieser Reflexion steht besonders die eigene Existenz, die Selbstverwirklichung im eigenen Leben sowie die Auseinandersetzung mit dem Tod.

Das Ritual konfrontiert den Br... FM mit Weisheit, Stärke und Schönheit als Gestaltungsprinzipien des Lebens. Allerdings fallen diese Prinzipien dem Br... FM nicht zu, sie müssen erarbeitet werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit

Stärke bedeutet Tatkraft, das konstruktive Vermögen, Ideen umzusetzen, denn Weisheit allein genügt nicht, man muss auch tun. (Es gibt nichts Gutes außer man tut es, Erich Kästner).

Schönheit ist unverzichtbar als Prinzip der FMei; sie ist Maßstab für unser Tun, die Brüderlichkeit. Schönheit reicht von der Schönheit der Symbole und des Rituals über die Musik im Tempel bis in unser tägliches Leben, in dem sich die Freimaurerei, die Königliche Kunst als Lebenskunst manifestieren soll.

 

[1] http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, Zugriff 29.09.2019, 14.40 Uhr

[2] http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm#Definitionsvorschlag%20Spiritualit%C3%A4t, Zugriff 29.09.2019, 14.45 Uhr

[3] Vgl.: Comte Sponville A.: Woran glaubt ein Atheist?: Spiritualität ohne Gott