Die rituelle Arbeit, die Tempelarbeit

Eine Tempelarbeit ist eine Art dramatischer Inszenierung, ein Spiel mit verteilten Rollen, in dem ein bestimmter Inhalt durch Worte, Gesten, Handlungen und Symbole dargestellt wird. Das Miterleben einer solchen Arbeit ist ein komplexer Vorgang. Was dort geschieht, vollzieht sich teils auf der diskursiven Ebene, teils auf der meditativen Ebene, oder auch auf beiden gleichzeitig, oder zwischen diesen Ebenen – und es bringt auch diese verschiedenen Ebenen in uns zur Resonanz. Je mehr uns das bewusst ist, und auch je mehr wir bereit sind, uns auf dieses Spiel einzulassen, desto intensiver können wir es erleben und umso stärker wird auch die formende, also die erzieherische Wirkung des Rituals.

Wir befinden uns im Tempel auf der diskursiven Ebene, wenn wir den Wechselgesprächen zwischen den hammerführenden Meistern zuhören, welche die rituellen Handlungen begleiten. In ihnen wird das aufklärerische Erziehungskonzept der FMei... ganz besonders deutlich: man muss den Teilnehmern an der Arbeit die erstrebten Tugenden nur oft und deutlich genug vor Augen führen, dann werden sie diese kraft vernünftiger Einsicht auch verinnerlichen. Das Baustück ist ein weiterer Teil der Tempelarbeit, bei dem wir ganz auf der diskursiven Ebene bleiben.

Bei jeder Tempelarbeit breitet das Ritual die ganze Fülle unserer Gedanken, Mythen und Symbole vor unseren Augen und Ohren aus. Es fordert uns auf, uns ihm auf jeweils neue und individuelle Art zu öffnen, sich von ihm ergreifen und führen zu lassen bei der Arbeit an uns selbst. Die Rituale sprechen zu uns, wir müssen nur zuhören. Schließlich bietet uns das Ritual einige große Themenkomplexe zur dauernden Bearbeitung. Es geht um die Auseinandersetzung mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft und um die Polaritäten des Lebens, also die Auseinandersetzung mit dem Hellen und Dunklen, dem Bösen und Guten, dem Glücklichen und dem Unglücklichen, dem Männlichen und Weiblichen um uns und in uns.

In seiner Grundstruktur bewegt sich das Ritual während all dieser Reden und Handlungen gleichzeitig ganz auf der intuitiven oder meditativen Ebene. Es ist dort vergleichbar mit uralten, astronomisch und kosmologisch ausgerichteten kultischen Vorgängen, wie sie die Menschen seit der Steinzeit vollzogen haben. In ihren Heiligtümern, in denen sinnvolle Steinmarkierungen den Bezug zu den ewigen Gesetzmäßigkeiten herstellten, versuchten sie, sich durch Bewegungen, Handlungen und Symbole in den Lauf der kosmischen Ordnung einzufügen. Das ist auch das Grundmuster der Einrichtung unseres Tempels und des Ablaufs unserer eigenen rituellen Arbeit. Indem wir dem Lauf der Sonne folgen, fügen auch wir uns in die ewigen Gesetzmäßigkeiten ein.

Die Lehrgespräche zwischen dem MvSt... und den beiden AA... dienen dazu, diese Welt auszubreiten. Zunächst ist zu klären, wer in diese Welt über­haupt Zutritt hat (äußere und innere Deckung, Prüfung des FM-Status des 1 A...). Die nächsten beiden Schritte erscheinen mir für die Festlegung dieser magischen Welt besonders wichtig, die Orientierung nach den Himmelsrichtungen (die Orientierung ist ein Programm, bei uns Maurern nach dem aufgehenden Sonnenlicht) und die Bestimmung der Zeit (wir arbeiten, wenn die Sonne, das Licht, am höchsten steht).

Nach der Bestimmung von Zeit und Raum steuert das Ritual seinem Höhepunkt zu, dem Entzünden der Lichter. Der MvSt... als Repräsentant des Elements Luft verkörpert die Klarheit des Bewusstseins und die Beherrschung der Gedankenkräfte. Weisheit entsteht, wenn Wissen und Erkenntnis in die Tat umgesetzt werden, Weisheit gründe den Bau. Der 1. A... als Repräsentant des Elements Feuer verkörpert die Beherrschung der Triebstruktur und ihrer Energien, Stärke führe ihn aus. Der 2. A... als Repräsentant des Elements Wasser verkörpert die Meisterung der Gefühlsebene und der Vorstellungskraft. Fühlen ist mit der Hingabe an das Harmonische, das Ästhetische verbunden, Schönheit vollende ihn.

Der MvSt... lädt die Brr... AA... ein, „mit ihm die BH... zu erleuchten. Er bringt das Licht aus dem Osten und wird damit zu einem direkten Nachfolger aller Lichtbringer, wie Tubalcain, Horus, Prometheus, aber auch Loki und Lucifer. Der Höhepunkt des Rituals – unsere Zeichnung, unser geistiger Beitrag zum Bau des Weisheitstempels – bringt Licht und Struktur in Dunkelheit und Chaos. Es entsteht eine neue magische Welt, die sich vom Draußen abgrenzt und am Ende durch das Einholen der Lichter, nach Ablauf ihrer Zeit um Hochmitternacht wieder versinkt.

Das Entzünden der Lichter geschieht unter Anrufung des G...B...A...W... (…in Ehrfurcht vor dem G...B...A...W...) und in manchen Ritualen vor allem in England stehen an dieser Stelle – anders als bei uns – lange Gebete. Auf diese Anrufung – genauso wie auf die geöffnete Bibel – wird in unserer österreichischen Obödienz streng geachtet, denn sie erhält uns die Regularität. Ich meine aber, dass hinter dieser Anrufung mehr steckt. Es geht um so etwas wie den „Maurergott“ – den Geist unserer Arbeit -, der uns Brr... FM... in unserer Arbeit unterstützen soll. So ähnlich haben unsere Urururahnen, die Menschen von Altamira und Lascaux die Geister der Jagd beschworen, wenn sie die Bilder ihrer Beutetiere an die Wand malten.

Am Ende unseres Rituals, also bevor diese magische Gegenwelt versinkt, schließen wir die Kette der brüderlichen Zusammengehörigkeit. Diese Kette ist ein magisches Element im Ritual, denn durch diese Kette und die Konzentration auf ein gemeinsames Ziel (…wie hier durch das Wort, so im Leben durch die Tat…) wird im Inneren des so gebildeten Kreises ein Kraftfeld aufgebaut, wie es von einem Einzelnen nicht erzeugt werden kann. Gedanken sind Kräfte, und energetisch hochgespannte und konzentrierte Gedankenkräfte können wie Sonnenstrahlen wirken, die durch ein Brennglas fallen.

Die drei großen Lichter der FMei

Bibel oder das Buch des heiligen Gesetzes, Winkelmaß und Zirkel werden als die drei großen Lichter der Freimaurerei bezeichnet. Bei jeder Arbeit liegen sie auf dem Altar. Was haben nun die Lichter mit dem Altar zu tun. In alter Zeit brannte auf dem Altar ein Feuer, in dem die Opfergaben verbrannt wurden. Im jüdischen Tempel finden wir den 7-armigen Leuchter, dessen Lichter nicht verlöschen durften, im antiken Rom waren die Priesterinnen der Vesta die Hüterinnen des heiligen Herdfeuers, das nicht ausgehen durfte und in den katholischen Kirchen finden wir bis heute das Ewige Licht vor dem Tabernakel. Wir Freimaurer haben legen also unsere drei großen Lichter auf den Altar. Das Licht leuchtet als uraltes Symbol für Erkenntnis und Weisheit. Sollen wir doch aus der Finsternis der Unwissenheit in das Licht der Selbstschau treten.

Die Bibel stellt das Licht über uns dar; das Buch des Gesetzes ist nicht eine konfessionelle dogmatische Autorität sondern Ausdruck unseres Glaubens an eine sittliche Weltordnung. Dem Gewissen des einzelnen Bruders bleibt es überlassen, welchen Sinn er dem von der Bibel ausstrahlende Licht bei der Ordnung und Ausrichtung seines Lebens gibt. Die Bibel weist den Bruder darauf hin, dass alle Brüder im Sinne der Religion, in der alle Menschen übereinstimmen, unabhängig vom individuellen Glauben, sich zur allgemeinen Menschenliebe verbinden sollen

Das Winkelmaß, das Licht in uns, das Symbol der Idee von Recht und Pflicht des sittlichen Handelns, ordnet gleichsam unsere Handlungen innerhalb der Schranken des Sittengesetzes und der menschlichen Gesetze – frei von Eigennutz, bösem Willen, in voller Erkenntnis des Rechten und Guten. Wie wir das Winkelmaß an den Stein anlegen, um zu erkennen, wie weit der raue Stein zur kubischen Gestalt gekommen ist, so sollen wir das Winkelmaß an unser Denken und unsere Handlungen anlegen, um zu erkennen, ob wir frei von Eigennutz und bösem Willen in voller Erkenntnis des Rechten und Pflichtgemäßen handeln.

Der Zirkel, das Licht um uns, das Symbol der Brüderlichkeit, des Dienstes an den Menschen beschreibt uns den Kreis, innerhalb dessen wir uns im Verhältnis zu unseren Mitmenschen, insbesondere zu unseren Brüdern bewegen. Mit seinen geöffneten Schenkeln erinnert er uns daran, dass der Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns die Liebe, die uns mit allen Menschen verbindet, sein soll.

Gemeinsam bilden die drei Großen Lichter eine Dreiheit, deren erstes Glied das Verhältnis des Menschen zur Transzendenz und zum Sittengesetz, das zweite den Menschen selbst als Selbstwesen und das dritte das Verhältnis des Menschen zu anderen Menschen versinnbildlicht. Sie weisen uns auf das Ideal unserer maurerischen Bestrebungen hin.

Die Bibel entspricht der Weisheit der Selbsterkenntnis, zu der jeder Bruder zunächst und vor allem kommen muss, um den rauen Stein seines eigenen Ichs zu erkennen. Dann erst kann er das Winkelmaß des Rechts alle seine Handlungen anlegen und erkennen, was uneben ist und entfernt werden muss; die Stärke zur Selbsterkenntnis. Der Zirkel markiert den Mittelpunkt, die Liebe, und schlägt den Kreis, innerhalb dessen wir alle Menschen vereinen wollen, der Weg zu diesem Ziel ist die Selbstveredelung zur Schönheit.

Deismus und Theismus

Die ersten Texte, in denen man den Übergang von der rein operativen zur spekulativen Maurerei nachvollziehen kann findet man in Schottland ab 1634 und in England ab 1646. In ihnen wird vom operativen Maurer nicht nur eine genaue Kenntnis seines Handwerks sondern auch ein vorbildhaftes Leben gefordert, das von einem Prinzip – größer als der Mensch – angeleitet wird. Dieses höhere Prinzip, das die Freimaurer mit dem Symbol des GBAW (Grand Architect of the Universe) bezeichnen, soll die Menschen in universeller Brüderlichkeit und Respekt vor den jeweiligen Unterschieden zusammenschließen, um so eine bessere Welt, den Tempel der allgemeinen Menschenliebe, zu bauen.

1723 formuliert der Dissenterpfarrer James Anderson diese Idee im ersten Kapitel der Constitutions Concerning God and Religion so: ein Maurer ist durch seine innere Haltung verpflichtet, das Moralgesetz zu befolgen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er niemals ein einfältiger Atheist sein, noch ein religiöser Freigeist. Aber obwohl in alten Zeiten die Maurer in jedem Lande verpflichtet waren, von der Religion dieses Landes oder Volkes zu sein, welche auch immer es sein mochte, so hält man es jetzt doch für sinnvoller, sie nur der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, ihre besonderen Meinungen aber ihnen selbst zu überlassen; das heißt, gute und redliche Männer zu sein, Männer von Ehre und Rechtschaffenheit, durch welche Glaubensbekenntnisse oder -anschauungen sie auch unterschieden sein mögen… (zitiert nach „alte Pflichten“ der GLvÖ, Wien 2005).Das fürstliche Regalitätsrecht des Glaubenszwangs wird zurückgewiesen und aufgehoben. Die Gleichbehandlung der Konfessionen, die ausdrücklich Atheisten ausschließt geht wahrscheinlich auf die Toleranzideen von John Locke zurück, der in seinen Letters Concerning Toleration (1689 – 92) schreibt: Letztlich sind diejenigen ganz und gar nicht zu dulden, die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles auslösen.

Auch wenn die Geschichte zeigt, dass dieser Text von der UGLoE theistisch interpretiert wurde, ist er zunächst einmal ausdrücklich deistisch. Er legt dem Br... moralische Verpflichtungen auf und unterscheidet deutlich zwischen Religion und Konfession. Dieses Bekenntnis zum GBAW, vor dem wir in Ehrfurcht oder in dessen Namen wir arbeiten, wird jedoch gern so interpretiert, als ob es des geoffenbarten Gotteswortes bedürfte, wovon der Text ausdrücklich nicht spricht.

Der Deismus ist eine freidenkerische Glaubensströmung (England, Ende 17. Jhd.), welche die Schöpfung des Universums durch Gott anerkennt, aber annimmt, dass Gott keinen weiteren Einfluss auf diese Schöpfung ausübt; Gott als Uhrmacher (horlogeur, Voltaire), der das Uhrwerk (horloge, Voltaire) einmal aufgezogen hat und seither laufen lässt. Im Deismus ist Gott neutral, es besteht keine Verbindung zwischen Gott und der Schöpfung im Allgemeinen und dem Menschen im Besonderen. Da Gott für einen Deisten ein abstraktes, philosophisches Prinzip ist, kann es auch keinen Dialog zwischen Mensch und Gott geben; der Mensch ist eigenständig und unabhängig von seinem Schöpfer. Der Deismus definiert das Prinzip der natürlichen Religion in den Grenzen des Verstandes und der Vernunft. Gedanke, Vernunft und Verstand sind göttlich, im 18. Jahrhundert die Philosophie der Aufklärung.

Der Theismus nimmt dagegen an, dass Gott die von ihm geschaffene Welt auch laufend erhält, regiert und in sie eingreift. Das theistische Sinnargument nimmt zudem an, dass der göttliche Heilsplan gut und gerecht sei. Im Theismus geht um einen persönlichen, geoffenbarten und sich offenbarenden Gott; gleichzeitig besteht eine enge, persönliche Verbindung zwischen Gott und Mensch. Die Aufgabe des Menschen sei es, Gottes Plan auf Erden umzusetzen. Nach Verständnis der UGLoE braucht es den Gottesbezug in der freimaurerischen Ethik, um das rituelle Angebot zur Arbeit an sich selbst und zur Mitarbeit am Bau des Tempels der Humanität zu nutzen. Der Glaube an ein Höchstes Wesen, macht das Streben des Freimaurers nach brotherly love, relief and truth zu einem religiös fundierten Auftragsdienst.

Das Baustück

Das Baustück als zentraler Punkt unserer Tempelarbeit und sichtbares und fassbares Dokument unserer geistigen Arbeit ist ein Spezifikum der österreichischen Freimaurerei. In vielen anderen Obödienzen beschränkt sich die Arbeit auf das Ritual, gelegentliche Festvorträge zu besonderen Anlässen oder Konferenzarbeiten und Tafellogen. Br... Schönmann berichtet über die Geschichte des BS: Da das österreichische Äquivalent zur englischen Royal Society erst fast 200 Jahre später im Jahre 1848 gegründet wurde, dürfte das Fehlen einer solchen Organisation sicherlich der Grund gewesen sein, dass die Anregung Ignaz von Borns, in den Logen wissenschaftliche Vorträge zu halten, von Angelo Soliman… so leidenschaftlich unterstützt wurde und es so zu dieser Einführung kam. Hier wurde freimaurerisches Neuland betreten, denn die Wahre Eintracht war die erste Loge, die Baustücke im heutigen Sinn einführte.

Wir sprechen heute selbstverständlich von einem Baustück, früher sprach man von Bausteinen. Wir legen eine Zeichnung auf, der Br... xy zeichnet über…, er macht eine Werkzeichnung oder einen Bauriss. Die Brr... LL legen vor ihrer Lohnerhöhung ein Gesellenstück, die Brr... GG ein Meisterstück auf, alle haben nach ihrer Aufnahme eine Selbstzeichnung aufgelegt und auch uns Brr... MM steht es gut an, gelegentlich eine Selbstzeichnung im Sinne unserer Selbstreflexion aufzulegen.

Unser vollendeter Br... Gutenbrunner definiert ein BS wie folgt: Ein Baustück ist ein Spiegelbild dessen, der es macht, es zeigt sein Herz, seine Intelligenz, den Charakter, es zeigt auf der jeweiligen Stufe eigener und fremder Bildung und des Unterrichts von Zeit und Ewigkeit, was einer für wichtig und der Mitteilung für wert hält. Es zeigt seine Unterscheidungsgabe, und von Mal zu Mal, in aufeinander folgenden Entwürfen, was sich im Laufe der Welt und im Fortschritt am Rauen Stein aufdrängt, wozu er sich ermächtigt, was er uns zumutet und wo er Stand zu halten verspricht. Ein Baustück zeigt, wie einer sich immer mehr von allen Seiten ausbildet und die Bildung seiner Kräfte nach und nach zu einem Ganzen bringt.

Ob einer sein Baustück auf eine konkrete Angelegenheit richtet, oder ob er abstrahiert und, jeden Realismus übergehend, in freien Höhen der Spekulation schweben will und idealistisch redet, das ist egal, es muss nicht auf unmittelbare Wirkung zugespitzt sein. Das Wort kann Samen gleich ausgestreut werden, der erst in Zukunft reift. Eines ist gleicherweise unerlässlich: der brüderliche Appell und der Reflex auf das Ideal der unsichtbaren-sichtbaren Gesellschaft der Maurerei.

Es ist eine ordentliche Zahl BS, die so in einem Arbeitsjahr zusammen kommt. Bei zwei Monaten Sommerferien, drei Wochen Weihnachts- und Osterferien, diversen Festarbeiten, die rituelle Baustücke nach sich ziehen, die Instruktionen, sind es etwa 30 Baustücke pro Jahr, die eine Loge benötigt. Natürlich können wir jederzeit Gäste einladen, die uns eine Zeichnung legen sollen. Wir tun das in der Tat gerne, weil wir so die brüderliche Verbundenheit mit anderen LL und einzelnen Brr... fördern, dennoch möge jeder Br... selbst prüfen, ob er seiner Verpflichtung zur Arbeit am rauen Stein nachgegangen ist und die Spitzhacke auch in dieser Hinsicht genügend oft geschwungen hat. Oder ob er, übermäßig und ungebührlich, lediglich vom Fleiß seiner Brüder profitierte.

Grundsätzlich ist jeder Br... in der Thematik seines BS frei – cf. Die Definition Gutenbrunner -, lediglich die Alten Pflichten verbieten uns die Auseinandersetzung über Politik und Religion bzw. Konfession, was allerdings nicht ausschließt, dass man aktuelle Fragen auf geistig – philosophischer Ebene betrachtet. Guter Brauch ist es, dass sich jedes BS – sei sein Thema auch noch so profan – irgendwann in eine maurerische Richtung wendet, was manchmal gerade für die Zuhörer besonders spannend wird (…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat…).

Ob der Titel in langer Form fast schon eine Inhaltsangabe des BS sein soll oder als geheimnisvoller Teaser wirken soll, bleibt dem einzelnen Br... überlassen. In jedem Fall sollte er dem Literarischen Komitee in kurzen Worten vorher schildern, worüber er zeichnen will, denn das Literarische Komitee ist mehr als ein Postkasten oder Sekretariat. Die Länge eines BS sollte zwischen 15 und 45 Minuten liegen, idealerweise zwischen 20 und 30 Minuten.

Das BS kann jedoch nicht allein bestehen, es braucht das brdl... Gespräch an der Weißen Tafel (…der Bau des Weisheitstempels kann nur in gemeinsamer brüderlicher Arbeit erfolgen…). erst durch das brdl... Gespräch wird aus dem Werkstück eines einzelnen Br... das Werk aller Brr... Noch einmal Br... Gutenbrunner: Die Präsenz an der Weißen Tafel ist Teil der Arbeit und gleichfalls Pflicht; wird aber immer wieder verletzt. Und das geht nicht an; denn wir sind kein lockerer Verein, sondern eine Ordnung, in welcher, ohne besonderen Grund und Erlass, nicht die geringste Änderung statthaft ist. Möge jeder einzelne Bruder erkennen, dass in allen Teilen der Maurerei das Ganze herrscht. Es gibt hier nicht Willkür und Beliebigkeit, sondern durchwegs wirkliches Verhältnis. Wer sich im Tempel nur passiv vom Ritual und dem Baustück berieseln lässt und danach gleich weggeht, stellt sich außerhalb der Logengemeinschaft. Erst wenn er aktiv am Gespräch – wenigstens durch das geistige Bewerten und Überdenken der Beiträge anderer Brüder, wenn schon nicht durch eigene Wortmeldungen – teilnimmt, hat er einen persönlichen Gewinn daran, dass er die Materie des Baustücks reflektiert hat und dass dabei er und die Brüder einander besser kennen gelernt haben.

In unserer Loge verwenden wir bewusst den Begriff Brüderliches Gespräch an der Weißen Tafel. Es ist Teil unseres Rituals, wie wir dieses Gespräch abhalten. Es handelt sich eben nicht um eine Diskussion, in der es darum geht den Gesprächspartner mit den besseren Argumenten zu überzeugen, sondern es ist das Ziel, den Br... und seine Meinung besser kennen zu lernen. Das Brüderliche Gespräch gibt auch den Raum eine Meinung in einem freundlichen Umfeld zu erproben. Dafür unterwerfen wir uns alle strengen Regeln. Wir halten uns strikt an die Rednerliste, Rede und Gegenrede sind nicht vorgesehen, sogenannte AdHoc’s sind verboten. Natürlich hat jeder Br... das Recht und auch die Pflicht seinen Baustein beizutragen, daher stehen auch jedem Br... die Wörter zu. Ausgesprochen unbrüderlich empfinde ich es allerdings, wenn ein Br..., weil er zufällig auch zu dem Thema Bescheid, ein Co-Baustück hält, oder sich bemüßigt sieht, das BS auf allfällige Fehler zu zerpflücken. Das BS ist das Werk eines konkreten Br..., der auf seinem persönlichen Weg genau dort angelangt ist, wo er jetzt steht und das seinen Brr... zeigt.

Immer wieder wird es BS geben, nach denen ein Brüderliches Gespräch nicht oder nur schwer möglich ist; Instruktionen und Selbstzeichnungen fallen in diese Kategorie, auch nach Zeichnungen im 3.° ist ein Brüderliches Gespräch nicht Routine, was aber meines Erachtens damit zusammenhängt, dass nach einer Meisterarbeit nicht immer eine Weiße Tafel folgt. Ich meine, der Br..., der die Zeichnung auflegt, sollte im speziellen Einzelfall entscheiden, ob er in ein offizielles, rituelles Brüderliches Gespräch mit den Brr... eintreten will. Für mich ist das Brüderliche Gespräch ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit, ich lerne mehr über meine Brr..., kann meinen Teil – so vorhanden – zum großen Werk beitragen. Oft war für mich das Brüderliche Gespräch erst das, was ein BS abgerundet oder – um in unserem Vokabular zu bleiben – erst richtig winkelig gemacht hat; wahrscheinlich braucht es den Mörtel der Brüderlichkeit, um tatsächlich eine feste Mauer zu bilden.

Die Mittlere Kammer

Die Mittlere Kammer ist der Raum, zu dem ausschließlich Brr... FM Zutritt haben, die alle Geheimnisse der FM-ei kennen und aus der Erkenntnis des eigenen Todes ihre Freiheit erfahren haben. Sie ist der Ort, an dem die Brr... MM arbeiten; dort stimmen die Brr... MM über Lohnerhöhungen für Brr... GG ab, dort arbeiten die Brr... MM am Reißbrett, dort erfahren sie in ihrer Initiation das Geheimnis des Meistergrads, des Grads des Lebens.

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Unser österreichisches Schröderritual ist zum Symbol der Mittleren Kammer nicht allzu aufschlussreich. Sie wird ausschließlich am Beginn der Hiramslegende erwähnt, wenn der Br... R vom Bau des salomonischen Tempels berichtet, …im Vorhof errichtete er die Säulen „J“ und „B“. Dort versammelten sich die Lehrlinge und Gesellen bei allen Lohnzahlungen und Beratungen, während die Meister im Mittleren Raume zusammenkamen. Keiner hatte dort Zutritt, der nicht Zeichen, Wort und Griff kannte.[1] Mehr sagt das österreichische Schröderritual über die Mittlere Kammer nicht.

Rituale anderer Obödienzen wissen über das Symbol der Mittleren Kammer deutlich mehr zu berichten; daher scheint es mir sinnvoll, diese Rituale zu Rate zu ziehen, um Details über die Bedeutung der Mittleren Kammer zu erfahren.[2]

Der Rite Écossais Rectifié sagt im Katechismus:

  • Wo wurden Sie zum Meister erhoben?
  • In der Mittleren Kammer, einem Ort von Trauer und Klagen.
  • Wie sind sie dorthin gekommen?
  • Über eine geheimnisvolle Treppe in Form einer Wendeltreppe, die mit drei, fünf und sieben Stufen ansteigt.
  • Wenn Sie einen Meister verlören, wo würden Sie ihn suchen?
  • Zwischen Zirkel und Winkel.

Der Rite Français weiß zur Mittleren Kammer:

  • Wo erhalten die Meister ihren Lohn?
  • In der Mittleren Kammer.
  • Wenn ein Meister verloren wäre, wo würden Sie ihn finden?
  • Zwischen Winkelmaß und Zirkel.

Im Rite Écossais Ancien Accepté heißt es zur Mittleren Kammer:

  • Wo erhalten die Meister ihren Lohn?
  • In der Mittleren Kammer.
  • Wenn Sie einen ihrer Brüder verlören, wo würden Sie ihn suchen?
  • Zwischen Winkelmaß und Zirkel.

Im Emulation Rite heißt es:

  • Wo hoffen sie die ursprünglichen Geheimnisse eine Meistermaurers zu finden?
  • Im Zentrum.
  • Was ist das Zentrum?
  • Der eine Punkt in einem Kreis, von dem alle Punkte des Umfangs gleich weit entfernt ist.
  • Wo erhielten unsere alten Brüder ihren Lohn?
  • In der Mittleren Kammer des Salomonischen Tempels.

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Im historischen Zweigradsystem, wie es bis nach 1725 praktiziert wurde, war die Mittlere Kammer Teil des Gesellengrads. Insbesondere der Flammende Stern wurde der Mittleren Kammer zugeordnet. In Prichards „Masonry Dissected“ (1730) heißt es:[3]

  • Sind sie ein Maurergeselle?
  • Ich bin es.
  • Wo haben sie ihren Lohn erhalten?
  • In der Mittleren Kammer.
  • Wie sind sie in die Mittlere Kammer gekommen?
  • Über eine Wendeltreppe.

In England ist die Mittlere Kammer bis heute Teil des Gesellengrades, dort werden die Gesellen aufgenommen und erhalten ihren Lohn. Auf der Tafel des Gesellengrades englischer LL finden wir die Wendeltreppe mit drei, fünf und sieben Stufen, die zu einer mit einem Vorhang teilweise verschlossenen Tür führt, hinter der der Flammende Stern zu erkennen ist.

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Vom Bau des Salomonischen Tempels wird im Buch der Könige im sechsten Kapitel berichtetet; An die Wände des Hauses, und zwar an die Wände des Hauptraums und des hinteren Raumes, legte er ringsum einen Anbau mit Kammern… Die Türe zu den unteren Kammern war an der Südseite des Hauses. Über Treppen stieg man zum mittleren und vom mittleren zum dritten Stockwerk hinauf.[4] (in alten Übersetzungen war von Kammer und nicht von Stockwerk die Rede). Der Überlieferung nach wurden die Räume in der zweiten und dritten Etage als Lagerräume für die rituellen Gerätschaften des Tempeldienstes und als Garderoben und Aufenthaltsräume für die Priester verwendet. Die Verwendung der Mittleren Kammer als Treffpunkt der Meister während des Tempelbaus ist in der Bibel unbekannt und wird nur in unseren Ritualen berichtet.[5] Lennhoff und Posner meinen in ihrem internationalen Freimaurerlexikon, dass das Symbol der Mittleren Kammer aus dem Bauwesen übernommen worden wäre.

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Die fünfte Reise anlässlich seiner Beförderung führt den angehenden G in den Osten in das Licht des Flammenden Stern, den wir nach alter Tradition in der Mittleren Kammer finden. Wie wir im Gesellenbrief erfahren, ist dieser Weg des G die Annäherung an die Meisterschaft, …und nähert sich dem Meister.[6]

Der G muss seinen Weg durch das Labyrinth des Lebens mit dem Flammenden Stern als Wegweiser gehen. Scheinbar zielstrebig führt der Weg den Suchenden in das Labyrinth hinein, um plötzlich genau vor Erreichen des Ziels unvermittelt abzubiegen und so den Suchenden auf eine lange Reise zu schicken. Der Flammende Stern markiert das Ziel des Weges, die Mittlere Kammer. Dort begegnet der G seiner eigenen Unvollkommenheit, dem Minotaurus. Dort, in der Mittleren Kammer, stirbt er seinen symbolischen Tod und geht als neuer Mensch hinaus in ein neues Leben.

Die Mittlere Kammer ist ein düsterer Ort voll von Not und Klagen, in den der G nur Schritt für Schritt eindringen kann. Es geht nicht mehr darum, äußere Eindrücke wie in den beiden ersten Graden zu sammeln; der angehende Meister soll über den Wert der eigenen Begriffe und Vorstellungen nachdenken.

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Schon in der Antike bereiteten sogenannte Kleine Mysterien auf die große, die endgültige Einweihung vor, die einigen wenigen Auserwählten vorbehalten war. Auch die FMei initiiert den Adepten zwei Mal; Lehrlings- und Gesellengrad bereiten ihn auf das große und letzte Geheimnis der FMei, das Geheimnis des Meistergrads, vor.

Die Mittlere Kammer hat somit für den wandernden G eine ähnliche Funktion, wie die Dunkle Kammer für den Profanen. Der wandernde G muss jedoch tiefer in die Erde eindringen -Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem -, um jenes finstere Zentrum zu erreichen, wo die Wandlung stattfindet, in der Totes wiederbelebt, Getrenntes und Zerstörtes wieder zusammengefügt wird.

Beide, Profaner wie Geselle, müssen ihr altes Leben, das durch Selbstbetrug, Unwissen, Eitelkeit und Missgunst geprägt ist, hinter sich lassen. Im Angesicht des eigenen Todes, mit dem der zukünftige M und jeder Br... M bei ihrem Eintritt in die Mittlere Kammer konfrontiert werden, wird deutlich, was im Leben wirklich zählt und der Blick wird frei für eine neue Sicht auf die Welt und eine neue Erkenntnis seiner selbst.[7]

Der G muss erkennen, dass es keinen Grund gibt, auf erreichtes Wissen stolz zu sein. Er will ein Initiierter, ein Erleuchteter sein, und doch ist er ein Getriebener seiner Leidenschaften. Die gute Meinung, die er von sich selber hat, macht ihn blind für seine Fehler. Als Opfer eines mittelmäßigen Verstandes macht er sich gefährliche Illusionen über das Maß seiner Kenntnisse, denn gerade derjenige, der am wenigsten weiß, ist am ehesten geneigt, den Umfang des menschlichen Wissens mit der Enge des eigenen geistigen Horizonts gleich zu setzen. Noch immer ist er nicht Meister seiner törichten Leidenschaften, die seinen Sinn blenden.[8] Das Erleben des G wird dadurch verschärft, dass er an sich selbst erfährt, was solche Leidenschaften auslösen können; solche Leidenschaften töten, sie töten andere, sie töten ihn selbst.

Nach dem symbolischen Tod in der Dunklen Kammer am Beginn des Maurerlebens muss der G ein zweites Mal in der Mittleren Kammer sterben und den physischen Tod am eigenen Leib erfahren, um die endgültige und vollständige Einweihung zu erlangen. Dadurch, dass die Spannung der Dualität aufgehoben wird, wird der Geselle zum Meister, zum Stein der Weisen. Im Meistergrad wird so das große Werk durch Königsmord, Verwesung und Wiederauferstehung symbolisch dargestellt. Damit ist die Mittlere Kammer auch der Athanor des Einweihungswegs der Wandlung, der Brennofen der Königlichen Kunst, in dem die Leidenschaften zu Asche reduziert werden und so das Opus Magnum endgültig vollendet wird.

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Symbolisch steht die Mittlere Kammer auch für die Quintessenz der Alchemisten. Sie wird über eine Wendeltreppe mit 15 Stufen in drei Gruppen erreicht, Lehrling, Geselle, Meister, der Initiationsweg, den der einzelne Br... FM erklimmen muss. Die Zahl drei bedeutet das Dreieck, die Zahl fünf den Flammenden Stern und die Zahl sieben das Siegel Salomos mit einem Punkt im Zentrum. Das Siegel Salomos steht für den Philosophenstein, der Flammende Stern für die Materia Prima, das Dreieck ist das alchemistische Symbol für Feuer bzw. Wasser. In der Mittleren Kammer verbinden sich Pentagramm und Hexagramm, Mikrokosmos und Makrokosmos.

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Am Beginn seiner Erhebung tritt der G in einen dunklen Raum ein; im spärlichen Licht erkennt er ein Cranium und eine abgelaufene Sanduhr. Diese Höhle des Mithras, in der das Licht, das schon verschwunden war, wieder von Neuem zu strahlen beginnt, in der die Zukunft neu aus der Vergangenheit geboren wird, wo die Umwandlung vom Tod zum Leben stattfindet, dieser innere Ort, der nur solchen Eingeweihten zugänglich ist, die der letzten Geheimnisse würdig sind, dieses nur den Brr... MM bekannte Heiligtum, ist die Mittlere Kammer, ein Ort außerhalb von Zeit und Raum, ein Ort, wo die Zeit stillsteht.

In dieser Dunkelheit werden die Sinne frei, um auf die eigenen Gedanken zu hören, um tiefer in das Wesen der Dinge eindringen zu können. Der G überwindet die Täuschungen der Außenwelt. Gleichzeitig dringen Fragen an sein Ohr. Er, der Adept des Lebens, betritt die Höhle des zweiten Todes seiner Initiation. Im zweiten Tod soll er nicht nur wie bei seiner Aufnahme den groben Selbstbetrug ablegen, sondern auch alles, was nichtsagend und kleinlich ist, um so die letzte Wahrheit zu erkennen, hinter der alles Materielle und Vordergründige verblasst.

Es reicht nun nicht mehr, nur die Metalle abzulegen. Dieses Mal muss sich Haut vom Fleisch und Fleisch vom Bein lösen[9], um das Stadium der Verwesung zu erreichen. Seine Hinfälligkeit und Endlichkeit wird dem G damit wirklich bewusst.

Nachdem er den Tod und die Rückkehr ins Leben als neuer Hiram erlebt hat, kann er hinaus in ein neues Leben aufbrechen auf der Suche nach der wahren Meisterschaft und der werden, der er sein könnte. Um seine Mitte zu erreichen, muss der Maurer sich seiner Sterblichkeit stellen und nach dem Sinn seines vergänglichen Lebens fragen. Dann wird er aufrecht als neuer Hiram in der Mittleren Kammer, zwischen Winkelmaß und Zirkel, dort wo der Flammende Stern eingeschrieben ist, stehen.

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Der Br... M arbeitet im Zentrum zwischen Winkelmaß und Zirkel; er vermittelt, zwischen Materie und Geist, Himmel und Erde, Vernunft und Gefühl. Er ist Meister seiner Leidenschaften und handelt mit Weisheit, Umsicht und Mäßigung. Indem er Extreme vermeidet, geht er den Weg der Mitte, wie ihn die östlichen Weisheitslehren kennen; er ist daher fähig, seinen ausgewogenen Lebensplan auf dem Reißbrett zu entwerfen.

Die Mitte ist das ideale, perfekte Zentrum, der Ursprung aller Dinge. Für den Br... FM ist die Mittlere Kammer das perfekte Symbol für dieses Zentrum. Hier finden wir unseren Meister H.A., den Träger des verlorenen Wortes, sie reicht bis an die Peripherie des Universums. Dort ist der perfekte Mensch oder der Meister, der ein solcher werden will, zu Hause. Dorthin zu gelangen, bedeutet, aus der Peripherie des Rades, wo zentrifugale Kräfte herrschen, zu dessen Mitte, der Achse, zu gelangen. So wie die Achse das Rad ohne eigene Bewegung hält, so soll der Meister von nun an sein Leben führen, ohne sich von seinen Leidenschaften und Trieben beherrschen zu lassen. Laozi, ein Meister östlicher Meister des Wegs der Mitte, fasst diese Art zu leben so zusammen:

Der Weise lässt sich nicht blicken, er leuchtet.

Er drängt sich nicht auf, er wird wahrgenommen.

Er preist sich nicht an, er wird wegen seiner Verdienste gefunden.

Er drängt sich nicht vor, sondern schreitet voran…

Der Weise erreicht große Dinge, ohne selbst große Aktionen zu setzen.

Sich selbst zu erkennen ist die höchste Weisheit.

Die Anderen zu kennen, ist Weisheit.

Der Weise achtet alles, vor allem achtet er sich selbst.

Der Weise sieht das Ganze, nicht das Detail.

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[1] Rituale der GLvÖ, Ritual der Erhebung

[2] Alle Rituale zitiert nach Ferré J., Dictionnaire des Symboles Maçonniques, Éditions du Rocher, 1997; übersetzt vom Verfasser

[3] Zitiert nach Ferré J., Dictionnaire des Symboles Maçonniques, Éditions du Rocher, 1997; übersetzt vom Verfasser

[4] https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/einheitsuebersetzung/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/11/60001/69999/; Zugriff 05.09.2016, 1700hrs

[5] http://www.sacred-texts.com/mas/syma/syma36.htm; Zugriff 05.09.2016, 17.20 hrs

[6] Rituale der GLvÖ, Ritual der Beförderung

[7] Beim Eintritt in die Mittlere Kammer steigt jeder Br... M mit dem Meisterschritt über den eigenen Kadaver.

[8] Rituale der GLvÖ, Ritual der Aufnahme

[9] Rituale der GLvÖ, Ritual der Erhebung

Die Schwester

Die Freimaurerei in der Ausprägung, wie sie die GLvÖ betreibt, ist ein reiner Männerbund, denn wir nehmen die Alten Pflichten wörtlich, in denen der Freimaurer als Mann von gutem Ruf definiert wird. Dennoch kennen wir den Begriff Schwester.

Mit Schwester wird die Frau bezeichnet, die dem Herzen des Br... am nächsten steht. Ihr entbieten wir bei der Aufnahme mit einer Rose und einem zweiten Paar weiße Handschuhe unsere Ehrerbietung. Der VM erzählt dazu meist die Geschichte, dass Br... Goethe der Frau von Stein die weißen Handschuhe überreicht hätte und dass diese Handschuhe nur einmal überreicht werden könnten. Und da beginnen bereits die Probleme mit dem Begriff Schwester, wie wir sie aus meiner Sicht heute haben.

Die Frau, die meinem Herzen am nächsten steht, muss zunächst nicht die sein, mit der ich Tisch und Bett teile. Nun das war bei Br... Goethe auch schon so. Mit der Frau von Stein teilte er seine intellektuellen Interessen, für alles andere hatte er Christiane Vulpius, die auch die Mutter seines Sohnes wurde. Dieser Schwesternbegriff geht von der Zielvorstellung der lebenslangen Beziehung aus, die aber in Zeiten immer längerer Lebensdauer und damit verbunden Lebensabschnittspartnern immer seltener wird.

Wir veranstalten Schwesternabende, zu diesen werden üblicher Weise die Damen mitgenommen, mit denen die Brr... aktuell zusammen sind. Ich erinnere mich an einen Br..., der jedes Jahr mit einer anderen zum Schwesternabend erschien. Waren sie deshalb alle Schwestern? Andererseits, welches Vorrecht räumen die weißen Handschuhe der Frau ein, von der ich mich oder die sich von mir getrennt hat? Ist dann die Frau, mit der ich aktuell glücklich bin und mit der ich meine Leben teile, keine Schwester, nur weil ihr die weißen Handschuhe fehlen? Und wenn ich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebte, dürfte dann mein Partner, mit dem ich alles im Leben teile, die weißen Handschuhe nicht erhalten, er nicht am Schwesternabend, der wohl besser Geschwisterabend hieße, teilnehmen? Sollten wir daher richtigerweise nicht generell beim Überreichen des zweiten Paars weißer Handschuhe von dem Menschen sprechen, der dem Herzen des Bruders am nächsten steht?

Es scheint uns eindeutig zu sein, dass Maurer nur männliche Vertreter der Spezies Mensch werden können, – so steht es zumindest in den Alten Pflichten. Was ist mit den Schwestern in den Frauenlogen und den Gemischten Logen. Offiziell ist uns der rituelle Umgang mit ihnen verboten. Dennoch haben sie dieselbe Einweihung erfahren, wie wir sie erfahren haben. Sind sie nicht im doppelten Sinn Schwestern? In Blick in die Geschichte belehrt uns eines Besseren. Schon in die antiken Mysterienkulte wurde jeder freie Mensch – ganz gleich ob Frau oder Mann – eingeweiht. Auch bei den Kathedralenbauern im Hochmittelalter waren Schwestern gleichberechtigte Mitglieder des Handwerks. Ich meine, auch wenn im 18. Jahrhundert die Rolle der Frau so, war, dass sie nicht aufgenommen werden sollte, so sollten wir heute nicht dogmatisch am Buchstaben festhalten, sondern unsere alt ehrwürdigen Texte zeitgemäß und kritisch lesen und interpretieren, also die Regularität von Frauen- und Gemischten Logen nicht in Frage stellen.

Doch wieso kommt die Frau als Schwester doch noch durch die Hintertür in unseren Männerbund? Eine der wesentlichen Wurzeln unseres Bundes ist die Alchemie, mit der uns mehr als der Begriff Königliche Kunst verbindet. Eines der Ziele und Methoden der Alchemie ist die Überwindung der Gegensätze, der Polarität, die oft in der Polarität von Mann und Frau dargestellt werden. Im Gedicht Sol et Luna im Buch Rosarium Philosophorum (1550) wird diese Spannung durch Königin und König symbolisch dargestellt. Die beiden vereinigen sich im Liebesakt, werden ins Grab gelegt, um als Rebis, als Hermaphrodit wieder auf zu erstehen. Im Mutus Liber (La Rochelle, 1677) ist das Opus Magnum als das permanente, gemeinsame Handeln von Mann und Frau dargestellt. Offensichtlich braucht auch unser großes Werk die Soror Mystica. Allerdings kann diese Soror Mystica in unserem täglichen Leben von der Soror Realis genauso wie dem Frater Realis ersetzt werden.

Warum es sich zu leben lohnt – Freimaurerei als Lebenskunst

Möge der Maurer, wenn die letzte Stunde, die Stunde der Wahrheit, gekommen ist, auf gute Arbeit und ein erfülltes Leben zurückblicken können.[1] Diese Mahnung gibt der MvSt dem Kandidaten, wenn dieser während der Erhebung in das offene Grab, sein eigenes Grab, blickt. Aufgabe eines Br... M ist es also, auf Grund seiner eigenen Entscheidung ein gutes, gelingendes und letztlich geglücktes Leben zu verwirklichen. Es geht um Lebenskunst, ein Begriff, der von Friedrich Schlegel zum ersten Mal als Lebenskunstlehre verwendet wurde[2]. Lebenskunst ist dabei zentriert um die Fragen der Selbsterkenntnis, Selbstaufklärung, Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung. Unter Lebenskunst ist nicht das leichte, unbekümmerte Leben zu verstehen, nicht das, was uns spontan zu dem Typ Lebenskünstler einfällt, sondern eine bewusste und überlegte Lebensführung. Lebenskunst ist ein anspruchsvolles Programm, weil sie neben einer weitgehenden Hermeneutik[3] seiner selbst, die außer dem Verstehen auch die Auslegungen seiner selbst umfasst, und einer handlungsbezogenen, an spezifischen ethischen Kategorien orientierten Praxis, die mit Arbeit, Einübung und Disziplin verbunden ist, auch mit einem ästhetischen Stil einhergeht, der originellen ästhetisch-künstlerischen Kriterien entsprechen soll.

Lebenskunst bedeutet eigene Gesetzlichkeiten auszubilden, die Richtlinien des eigenen Lebensselbst zu finden, ästhetische Selbsterfindung mit spielerisch – ethischer Selbstbeherrschung zu vereinigen, die Idee eines schönen, eines geglückten Lebens verknüpft mit Produktions- und Werkästhetik, aber auch mit Rezeptionsästhetik. Gestaltend gestalten wir uns selbst, wobei sich die Kunst nicht in das Leben und das Leben sich nicht in der Kunst auflösen sollte.

Ist Kunst in der Antike und im Mittelalter ein praktisches, auf Herstellung zielendes Wissen, ein regelorientiertes Handwerk, welches das Leben auf das Wahre, Gute und Schöne ausrichten soll, so wird unter Kunst in der Moderne Kreativität, Erneuerung, Expressivität, Schöpfertum verstanden. Individualismus gilt als Kennzeichen der Moderne und moderner Lebensführung. Ein „moderner“ Lebenskünstler ist also jemand, der seinem Leben einen originellen Anstrich verleiht. Und das ist Faszination und Gefahr zugleich! Folge ich dem modernen Konzept von (Lebens)kunst, das keinerlei hermeneutische, praktische oder ästhetische und utilitaristische Vorgaben mehr macht, so endet das Konzept Lebenskunst in einer Beliebigkeitskunst, welches sich auf den Slogan – Tu, was du willst[4] – reduzieren lässt. Orientiert sich das Konzept Lebenskunst an Kriterien und Regeln, so grenzt sie Originalität und Spielräume wieder ein. Lebenskunst wird damit zu einem paradoxen Versuch, zu einem offenen Programm der Vorschriften, das Spielräume der Selbstvorsorge öffnet, doch in der Art und Weise, wie sie diese öffnet, zugleich Gefahr läuft, diese auch wieder zu schließen.

Das durch Lebenskunst erworbene Wissen steht unter der Spannung, einerseits radikal individuell zu sein, andererseits aber immer wieder anderen als verbindlich zugemutet zu werden. Nach Kant ist diese Spannung eine ästhetische; denn wenn – so Kant in seiner Kritik der Urteilskraft – jemand etwas für schön ausgibt, so mutet er anderen eben dasselbe Wohlgefallen zu: er urteilt nicht bloß für sich, sondern für jedermann, und er spricht alsdann von der Schönheit, als wäre sie eine Eigenschaft der Dinge[5]. Kunst und Lebenskunst lassen sich dem anderen zumuten, weil man weiß, dass sie individualistisch bleibt.

Leben wird damit zu einem permanenten ästhetisch – ethischen Selbstversuch. Ich bin permanent Planungsbüro, Bauplatz, Inszenator und eigenes Publikum[6]. Das Experiment, die Erfahrung, der Umweg, die Abschweifung, das andere Denken und der Fantasie freien Lauf lassen zielen darauf, Lebensversuche zu inszenieren und sich gleichsam durch Lebensereignisse in Versuchung bringen zu lassen. Michel de Montaigne, der nicht nur Essais schreibt, sondern auch seine Essais lebt, ist ein perfektes Beispiel für diese Art zu leben; er beschreibt seine Herangehensweise so: Meine Auffassung und mein Urteil bilden sich nur mühsam; ich taste, ich schwanke, ich stoße mich, ich strauchle fortgesetzt; und wenn ich so weit gekommen bin, wie es mir möglich ist, dann bin ich mit mir keineswegs zufrieden. Ich sehe dahinter noch Land, das es zu entdecken gilt, aber undeutlich und in einem Nebel, den ich nicht durchdringen kann. […] Ich habe hier kein anderes Ziel, als mein Inneres aufzudecken. Vielleicht bin ich morgen schon wieder anders, wenn eine neue Lebenserfahrung auf mich eingewirkt hat. […] Ich sehe nichts, auch nicht in meinen Träumen und in meinen Wünschen, womit ich mich dauernd zufrieden geben könnte. Nur der Wechsel ist lohnend und die Möglichkeit, mich so oder so zu entscheiden. […] …, wie schön ist die Abwechslung durch diese munteren Seitensprünge […][7]. Es ist Michel de Montaigne existentiell ernst damit, Essais, also Versuche, keineswegs nur in der Schrift, sondern im Leben anzustellen, Experimente zu machen und auf diese Weise Erfahrungen zu sammeln. Er will die Möglichkeiten des Lebens selbst erfahren und erproben.

Es gibt keine allgemein verbindlichen Regeln und Strukturen der Lebenskunst, die inhaltlich substantiell sind. Was es gibt, sind die Erfahrungen anderer Lebenskünstler und die eigene Erfahrung von Alternativen. Damit gibt Lebenskunst keine einfachen Antworten, sondern eine Vielzahl an manchmal komplexen Perspektiven und Angeboten. Für solche experimentelle Perspektiven und Angebote ist in einer funktionell ausdifferenzierten Gesellschaft der Gegenwart die Kunst zuständig. Kunst kann Entwürfe von neuen Lebensmodellen entwickeln und erproben und damit Antworten auf die Fragen des Lebens finden. In einer Welt, in der die Diskontinuität der Phänomene die Möglichkeit für ein einheitliches Weltbild in Frage gestellt hat, zeigt sie [die Kunst] uns einen Weg, wie wir diese Welt, in der wir leben, sehen und damit anerkennen und damit unsere Sensibilität integrieren können[8], meint Umberto Eco. Mit einer Art Montagetechnik ist Lebenskunst der Versuch, die Widersprüchlichkeiten des Lebens, Subjektivität, biografische Erfahrungen, soziale Rollen und individuelle Perspektiven zu einer Lebenscollage zu montieren, die ein Maximum an Schönheit und Glück verspricht. Der Zugang der (Lebens)kunst erlaubt eine größere Wahrnehmungs-, Wahl-, Entscheidungsstrategie gegenüber den sich schnell wandelnden sozialen und kulturellen Umständen. Somit wird das Ziel der Lebenskunst ein schönes und günstiges Leben[9], welches derjenige zu führen vermag, der in seinem Leben Entscheidungen getroffen bzw. Weichen gestellt hat, die sich für seine Selbstentfaltung als günstig erweisen.

Wie jede Kunst bedarf auch die Lebenskunst eines Materials, dem in irgendeiner Weise Form zu verleihen ist. Das Material des Lebenskünstlers ist sein eigenes Leben – nicht so sehr das Leben im biologischen Sinne -, sondern das Leben, so wie er es lebt, vollzogen durch Akte des Lebens, die von einer relativ willkürlichen Anhäufung struktureller und kontingenter Faktoren bedingt sind – äußerlichen, von außen herrührenden und innerlichen, im Subjekt selbst verankerten Faktoren. So wie Holz das Material des Zimmermanns ist, Bronze das des Bildhauers, so ist das Material der Lebenskunst das Leben jeden einzelnen, sagt der Stoiker Epiktet. Da findet sich Existentielles, das die Grundlagen und Grundfragen der Existenz berührt, also das, was Leben überhaupt ermöglicht oder verunmöglicht und daher tiefer greift als anderes, und Akzidentelles, das nicht den Kern der Existenz betrifft, sondern in seiner Zufälligkeit beiläufig ist. Bunt zusammengewürfelt aus all dem ist die große Fülle des Materials des Lebens, bestehend aus Affekten, Erfahrungen, Beziehungen, Begegnungen mit Anderen, Träumen, Gedanken, Ängsten, Schmerzen, Wünschen, Lüsten, Zufällen, Zwängen usw. – eine amorphe Masse, die, wenn sie sich nicht im Disparaten, Diffusen, unentwegt in Transformation befindlichen verlieren soll, der Formung und Gestaltung bedarf. Das ist Lebenskunst, eine fortwährende Arbeit der bewussten Gestaltung des Lebens und des Selbst, um daraus ein Kunstwerk zu machen[10].

(Lebens)kunst ist die Arbeit der Gestaltung, die der Künstler im Grunde auf sich selbst richtet. Sein Leben soll aufgrund seiner bewussten Wahl Form bekommen, bezogen auf das Selbst (Selbstgestaltung) und auf das reflektierte Leben des Selbst mit sich und in der Vernetzung mit anderen, das Leben in Gesellschaft, in sozialen und ökologischen Zusammenhängen (Lebensgestaltung).

Damit rückt die Frage nach der Wahl, die der Mensch hat, um sich ein solches Leben zu ermöglichen, in den Mittelpunkt der Lebenskunst[11]. Individuelles Lebensglück, die Erfahrung des eigenen Sinns und Wohlbefindens sind nur durch das Erkennen der realen Möglichkeiten und durch kluge Wahl möglich. Was jemand aus seinem Leben macht, ist eine Frage der Selbstaneignung des eigenen Lebens. Schönes und glückliches Leben lässt sich als Balance zwischen dem eigenen Wollen und den fremden Anforderungen und Einschränkungen bestimmen. Voraussetzungen dafür sind dabei neben der Selbstbefreiung von unnötigen Abhängigkeiten auch selbstgewählte Beziehungen wie Freundschaft – auch zu sich selbst – und Liebe. Diese helfen dem Menschen, die richtige Wahl zu treffen. Auch wenn die Wahlmöglichkeiten durch strukturelle und herkunftsbezogene Bedingungen oft beschränkt sind, so lässt sich doch die Erfahrung machen, dass es in Lebensführung und Lebensgestaltung vor allem auf Sensibilität, Gespür und Klugheit ankommt. Im praktischen Lebensvollzug scheint es doch so etwas wie eine kluge Wahl zu geben, die ein schönes Leben und Sterben möglich macht.

Die Endlichkeit des Lebens ist das maßgebliche Argument dafür, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene Wahl zu treffen. Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben. Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn wohl erfinden, um nicht ein unsterblich langweiliges Leben zu führen, das darin bestünde, das Leben endlos aufzuschieben[12], meint der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid.

Diese Grenze gibt dem Leben, unabhängig von den Formen, in denen es gelebt wird, die existentielle Form. Nur der Tod als Grenze macht dieses Leben zum eigenen Leben eines Selbst. Es ist diese Grenze des Todes, der die Freude am Leben zu verdanken ist. Lebenskunst besteht darin, im Bewusstsein dieser Grenze leben zu lernen. Michel de Montaigne definiert den Tod nicht als Ziel (but), sondern als das Ende (bout), seinen Abschluss, seinen absoluten Endpunkt, nicht seinen Zweck[13]. Lebenskunst lehrt, den Tod als Teil des Lebens gelassen an- und hinzunehmen. Montaigne fasst das in folgenden, ausgesprochen humorvollen Sätzen zusammen: Ich will also durchaus, dass man werke und wirke und die Aufgaben des Lebens so lange wahrnehme, wie man kann. Ich will, dass der Tod mich beim Kohlpflanzen antreffe – aber derart, dass ich mich weder über ihn noch gar über meinen unfertigen Garten gräme[14]. Die Unausweichlichkeit des Todes ist Teil unserer Lebensrealität, und die wahren Lebenskünstler haben gelernt, das Leben so zu lieben wie es ist. Warum sollte es sie schrecken, dass es sterblich ist? Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. In diesem Sinn ist es Lebenskunst, aus Zeit Leben zu machen, was der Stoiker Seneca in seinem Werk de brevitate vitae so formuliert hat: Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben. Der übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit[15].

Geliebte Brr...! Damit bin ich bei der Frage, was hat das alles mit der FM-ei zu tun? Manches von dem, was ich bis jetzt angeführt habe, klingt bereits durchaus maurerisch. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter und behaupte, gestützt auf mein persönliches Erleben, FM-ei ist Lebenskunst, die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht[16]. FM-ei ist und war nie ein blutleeres Gedankenkonstrukt, sondern hat und hatte immer mit praktischer Umsetzung im konkreten Leben des einzelnen Bruders zu tun. Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung sind die Schritte, die der Br... tun muss, um zum passenden Stein für die Mauer des Weisheitstempels zu werden; gleichzeitig sind das auch die Schritte, die das eigene Leben künstlerisch gestalten. Die Kenntnis des gegebenen Selbst [Selbsterkenntnis] ist die Voraussetzung für die Selbstgestaltung [Selbstveredelung], die Arbeit am Selbst, die ihm einen inneren Kern gibt, eine innere Festigkeit, „eine Integrität“[17].

Im Grunde bedeutet Lebenskunst, sein eigenes, endliches Leben bewusst zu leben und daran zu arbeiten, sein Leben als ein geglücktes zu erleben. Ähnlich wie bei der Arbeit am rauen Stein, wird damit der Künstler, der Br... FM als aktiv handelndes Subjekt zum Objekt seines Zieles.

Eine besondere Rolle spielen dabei für den Br... FM die Prinzipien von Weisheit, Stärke und Schönheit. Als Gestaltungsprinzipien sind sie für den Einzelnen genauso wie für die Bruderschaft unverzichtbar. Jedoch fallen uns Weisheit, Stärke und Schönheit durch unsere Aufnahme in den Bund nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Besonnenheit und Demut. Stärke bedeutet Tatkraft, das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht gehandelt wird, dann läuft der Sinn ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke; es gibt nichts Gutes, außer man tut es, sagt Erich Kästner. Schönheit bleibt das Ziel, das Weisheit und Stärke erreichen sollen. Schönheit ist das Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes. Ästhetische Aspekte wie die Musik im Tempel oder die gemeinsame Weiße Tafel reichen hinaus ins tägliche Leben und gestalten so die Lebenskunst als Lebenskultur. Durch diese gelungene Verschränkung von maurerische Welt und profaner Welt zeichnet sich FM-ei aus.

Die FM-ei ist eine Methode der Selbsterkenntnis und Selbstveredelung im Kreis gleichgesinnter Brr...; sie kennt kein verbindliches Lehrgebäude. Damit gibt sie dem einzelnen Br... Raum, schöpferisch seinen persönlichen Weg zur Lebenskunst zu suchen und zu finden. Die überschaubare Gruppe gleichgesinnter Brr..., ist ein idealer Ort, Lebenskunst zu lernen und Woche für Woche aufs Neue zu üben. Die regelmäßige Wiederholung und die Dauerhaftigkeit des immer gleichen Vollzugs dienen dazu, etwas zur Gewohnheit werden zu lassen, damit es sich von selbst versteht und ohne Mühe, ohne weiteres Nachdenken abläuft. Als Br... FM gehe ich davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten des einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Die Loge mit ihrer sozialen, diskursethischen und rituellen Praxis ist der ideale Ort, Lebenskunst zu lernen und zu üben.

Die FM-ei wird durchaus konkret, wenn es zum Beispiel darum geht, wie das Balancieren zwischen Regeln und Kreativität funktionieren soll. In den Alten Pflichten heißt es über die Zeit nach Schluss der Loge: Ihr mögt euch in unschuldigem Frohsinn vergnügen, einander aufs Beste bewirten, doch meidet jede Ausschweifung oder zwingt keinen Bruder, über das eigene Maß zu essen oder zu trinken, noch hindert ihn am Weggehen, wenn ihn seine Angelegenheiten rufen[18].

Unser Br... Adolph Freiherr von Knigge schreibt in seinem berühmten aber vielfach verkannten Buch über den Umgang mit Menschen (1788) ein Kapitel mit dem Titel über den Umgang mit sich selber. Knigge geht es darin um die Organisation der inneren Gesellschaft, die jeder Einzelne ist. Er stellt die Kultivierung des eigenen Ichs ins Zentrum und definiert dafür Pflichten gegen uns [sich] selbst. Das Ziel – nach Knigge – wäre Selbstfreundschaft, um ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit sich selbst umzugehen wie mit anderen. Die Beziehung zu sich selbst ist für Br... Knigge die Grundlage für die Beziehung zu anderen.

Insbesondere unsere Symbole geben Anleitung, wie Lebenskunst gelingen könnte; der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Maßstab als Anleitung für sinnvolle Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Ähnlich verdeutlichen die drei Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem eigenen Leben umzugehen; Nicht in dem Sinn, dass irgendeiner von uns die Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der schrittweisen inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung; werde der, der du sein könntest. Nicht zuletzt konfrontiert uns die Erhebung zum Meister mit unserer eigenen Endlichkeit und schärft damit den Ansatz, der Zeit mehr Leben zu geben, nachdrücklich ein.

Ich stelle den selbstbewussten Anspruch, mich auf den eigenen Willen und die Anstrengung der – freilich als begrenzt erkannten – Vernunft zu stützen, um mein Leben aktiv und bewusst zu gestalten. Ich sehe mich als ein Mensch, der sich selbst vorfindet als einer, der begriffen hat, dass er auf dieser Erde ein durch niemanden gesichertes und ganz und gar auf sich selbst gestelltes Wesen ist; zugleich ein Wesen mit vielen offenen Möglichkeiten. Der weiß, dass wir nichts sind, dass wir aber alles sein wollen: nicht im Sinne eines Gottes, sondern voll und ganz im Sinne des Menschen[19]. Zu sein, was ich bin und zu werden, was ich werden kann, das ist das Ziel meines Lebens.[20]

Es ist meine feste Überzeugung, dass ich in der besten Welt lebe, die wir haben, denn eine andere ist uns wahrscheinlich nicht gegeben. Voltaire sagt es so, das irdische Paradies ist dort, wo ich bin[21]. Damit ist ein ethisches Programm formuliert, denn wer davon ausgeht, dass diese konkrete Welt, dieses sein konkretes Leben, die einzige ist, die er hat oder in der er leben kann, wird mit dieser Welt und seinem Leben sorgsamer umgehen, als jemand, der – immer noch – auf eine bessere Welt, ein besseres Leben hoffen kann. Die beste Welt, die wir haben, bedeutet ausdrücklich nicht, dass in dieser Welt alles in Ordnung ist, frei nach der besten aller möglichen Welten, wie sie Leibniz postulierte, sondern ist im Gegenteil in nachdrücklicher Aufruf dazu, diese eine Welt wirklich zur besten zu machen und dieses mein Leben als Herausforderung zu sehen und als gutes, erfülltes Leben zu leben. Gutes Leben, wenn es überhaupt gelingt, ein gutes Leben zu leben, muss sich hier und jetzt abspielen.

Dieser Satz von der besten Welt, die wir haben, ist eine Aufforderung an mich selbst, mein Leben zu einem gelungenem zu machen, denn nach dieser These gibt es weder eine Seelenwanderung, in deren Rahmen ich mich immer wieder aufs Neue meinem Ziel annähern kann, noch ein besseres Jenseits, wo ich für die Enttäuschungen des hier und jetzt entschädigt werde. Dieser Satz impliziert gleichzeitig auch, dass diese Welt, wie ich sie erlebe, an sich großartig ist. Furcht oder Abscheu angesichts der Schlechtigkeit der Welt, das Gefühl in einem Jammertal zu leben und auf eine wahrere, idealere, gereinigte Welt zu hoffen, sind Kennzeichen einer weltabgewandten, einer metaphysischen, einer religiösen Einstellung. Eine solche Welt bedarf der Erlösung durch das Eingreifen eines Gottes. Für den Erfolg des Einzelnen bleibt in diesem System kein Platz, er kann maximal im Nirwana, im absoluten Nichts aufgehen. Wenn mir also in der besten Welt, die ich habe, eine Furcht bleibt, so ist es die Furcht davor, ein schlechtes Leben zu leben.

Ich glaube an Dinge, Ereignisse, Ziele, für die es begründete Indizien, Beweise oder Hintergründe gibt. Ich glaube an die Irrtumsfähigkeit und hoffe gleichzeitig auf meine Einsichtsbereitschaft. Ich liebe die verständnisvolle Gemeinschaft und die lustvolle, intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Menschen (insbesondere mit meinen Brr...). Ich bin glücklich in der liebevollen Beziehung zu meiner Lebensgefährtin. Ich bin stolz auf meine beiden erwachsenen Söhne. Ich freue mich, meine (Beute)kinder bei ihrer Ausbildung zu begleiten und zu unterstützen. Ich genieße es, ein geliebter, geachteter und respektierter Mensch zu sein[22].

Gleichzeitig bin ich dankbar und demütig dafür, wie schön und gut mein Leben verläuft, denn die äußeren Umstände meines Lebens sind so gut, wie sie noch in der Menschheitsgeschichte waren.[23] Am Anfang des 21. Jahrhunderts in Europa, in einem freien Land in Wohlstand zu leben, ist ein Privileg, denn dadurch ich kann meine gesamte Energie darauf richten, Meister meines Lebens zu sein und mein Leben als Kunstwerk zu gestalten.

So verstehe ich mich als jemand, der sein Handeln selbst verantworten muss, der sich nicht von Gott gehalten und nicht vom Bösen getrieben weiß, der sich deshalb gezwungen sieht, die Einübung in die Kunst des rechten Lebens, des rechten Liebens und des rechten Sterbens[24] aus sich heraus und um seiner selbst willen zu wagen. Als denkender Mensch verstehe ich mich vielmehr als einer, der seiner Verantwortlichkeit für sich selbst, sein Leben und seine Handlungen nicht entrinnen kann.

Literatur

Gödde G. & Zirfas J.; biografische Erfahrung, theoretische Erkenntnis und künstlerische Gestaltung. Eine Einführung in die Konzeption der Lebenskunst

http://www.jp.philo.at/texte/GoeddeG3.pdf Zugriff 27.09.2018, 17.00 hrs

Höhmann H.-H.: Freimaurerei als Lebenskunst

https://www.afuamvd.de/?s=h%C3%B6hmann+freimaurerei+als+lebenskunst Zugriff 29.09.2018, 14.45 hrs

Schmied W.; die Wiederentdeckung der Lebenskunst

http://www.iwp.jku.at/born/mpwfst/06/0605Schmid_Lebenskunst.pdf Zugriff 27.09.2018, 16.50 hrs


[1] Rituale der GLvÖ, Ritual der Erhebung

[2] https://www.textlog.de/schlagworte-lebenskunst.html, Zugriff 29.09.2018, 09.30 hrs

[3] vgl.: http://lexikon.stangl.eu/237/hermeneutik/, Zugriff 29.09.2018, 09.45 hrs

[4] Savater F., Tu was du willst. Ethik für Erwachsene von morgen. 3. Auflage 1995, Frankfurt/Main, New York, Campus

[5] Kant I., Kritik der Urteilskraft; Werkausgabe Band X, Frankfurt/Main, Suhrkamp 1981

[6] Vgl.: Schmid W.; Philosophie der Lebenskunst: eine Grundlegung; Frankfurt/Main, Suhrkamp 1998

[7] de Montaigne, M.; die Essais, Reclam 1989

[8] Eco U., das offene Kunstwerk; 9. Auflage; 2002 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[9] vgl.: Schmid W.; Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst; 2000 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[10] Vgl.: Schmid W.; das Leben als Kunstwerk – Versuch über Kunst und Lebenskunst und ihre Geschichte von der antiken Philosophie bis zur Performance Art; in Kunstforum International, Band 142 (1998), Lebenskunstwerke

[11] vgl.: Schmid W.; Philosophie der Lebenskunst, eine Grundlegung; 1998 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[12] Schmied W.; die Wiederentdeckung der Lebenskunst http://www.iwp.jku.at/born/mpwfst/06/0605Schmid_Lebenskunst.pdf Zugriff 27.09.2018, 16.50 hrs

[13] Comte-Sponville A.; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg, 2012 Zürich, Diogenes

[14] de Montaigne, M.; die Essais, Reclam 1989

[15] Seneca L. A.; de brevitate vitae

https://www.aphorismen.de/zitat/62581, Zugriff 29.09.2018, 14.55 hrs

[16] Höhmann H.-H.; der Freimaurerdiskurs der Gegenwart: Was ist, was soll, was will die Freimaurerei?
http://www.netzwerk-freimaurerforschung.de/blog/wordpress/wp-content/uploads/2014/03/freimaurerdiskurs-hoehmann.pdf, Zugriff 30.09.2018, 16.30 hrs

[17] Schmid W.; Mit sich selbst befreundet sein, von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, in Aufklärung und Kritik, Sonderheft 14/2008

[18] Die Alten Pflichten, zitiert nach Konstitution der GLvÖ

[19] Gardavsky, V.; Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

[20] De Spinoza B.; Ethik

Sein, was wir sind und werden, was wir werden können, das ist das Ziel unseres Lebens.

[21] Voltaire, Le paradis terrestre est où je suis, Le Mondain 1736

[22] vgl. Comte-Sponville A.; woran glaubt ein Atheist, Spiritualität ohne Gott; Diogenes Taschenbuch 2008

[23] Obama B., 2016; Müssten wir einen Moment in der Geschichte wählen, um geboren zu werden, und wir wüssten vorher nicht, wer wir sein würden – … – wenn wir blind wählen müssten, zu welchem Zeitpunkt wir geboren werden wollen, dann wäre es der jetzige.

[24] Gardavsky, V.; Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

Tant que je pourrai voir sous un ciel de Provence

La tête et les pieds nus une fille jolie

Marcher en balançant et les reins et les hanches

J’aimerais la vie

Tant que le gôut du vin nous offrira l’ivresse

Qui mène la raison au bord de la folie

Et fait croire en un dieu beau comme une déesse

J’aimerais la vie

Et tant que je pourrai entendre la musique

Qui unie les danseurs dans la même harmonie

Et donne au moindre geste une grâce érotique

J’aimerais la vie

Tant que je pourrai voir et goûter et entendre

Et vivre à chaque instant un nouvel aujourd’hui

Et mourir et renaître encore de mes cendres

J’aimerais la vie

Respirer les odeurs de la terre et du large

Le parfum de ton corps quand tu es endormie

Respirer tes cheveux y noyer mon visage

Et partager tes nuits

J’aimerais la vie

Georges Moustaki

Selbstbestimmung bis zuletzt – der freie Tod

Der portugiesische Autor und Literaturnobelpreisträger Jose Saramago beschreibt in seinem Roman „eine Zeit ohne Tod“ ein Land, in dem der Tod zu Neujahr seine Arbeit einstellt. Niemand stirbt mehr in diesem Land, während in allen Ländern rund um dieses Land gestorben wird. Die Menschen in diesem Land sterben wohl nicht, leben kann man ihren Zustand allerdings auch nicht nennen. Diese altern weiter, sie bleiben sterbenskrank ohne zu genesen. Manche flüchten zum Sterben ins Ausland, die Maphia macht aus dem Sterbetourismus ein neues Geschäftsfeld. Die Regierung scheint entschlossen, den sich anbahnenden demographischen Problemen die Stirn zu bieten. Die katholische Kirche ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn ohne Tod gibt es keine Auferstehung. Die Gesellschaft spaltet sich: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben.

Saramago zeichnet mit seinem Roman ein surreales Bild der Situation, wie wir es in unserer westlichen Welt heute antreffen. Die Menschen werden immer älter, die moderne Medizin lässt Menschen mit schweren Krankheiten immer länger nicht sterben, die Zahl der Menschen, die physisch am Leben sind, aber nur noch kaum oder eingeschränkt über sich selbst bestimmen können wird immer größer. Staat, Recht, Medizin und Religionen haben die Deutungshoheit darüber übernommen, was richtiges Sterben ist. Abweichungen von der „natürlichen Sterbeordnung“ werden stigmatisiert, kriminalisiert und pathologisiert. Insbesondere Palliativmedizin und Hospizbewegung beanspruchen, die Experten für die Frage nach dem guten, dem natürlichen Tod zu sein und sind so dafür verantwortlich, dass medizinkritische oder medizinfremde Sterbediskurse unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit ausgegrenzt, neutralisiert oder entwertet werden. Selbsttötung und aktive Sterbehilfe werden mit Gewalt und Mord gleichgesetzt und damit diskreditiert, Suizidenten stünden Homiziden gegenüber.

Die Definition des Hirntods als physischer, irreversibler Tod ist wissenschaftlich gesichert, der Sterbeprozess dagegen bleibt ein offenes Phänomen. In historischer Zeit haben nur wenige Menschen im Gegensatz zur Gegenwart ihr Sterben bewusst erlebt[1]. Meistens sind sie zu schnell gestorben, um mit anderen darüber kommunizieren zu können. Prämortales Sterben – nicht der Tod selbst und das postmortale Leben und Sterben – ist somit erst im Laufe der Geschichte und insbesondere in der modernen Gesellschaft ein soziokulturell bedeutsames Ereignis für viele und ein soziales Problem geworden. Sterben als diskursiv bearbeiteter Prozess fand in vielen Kulturen hauptsächlich nach dem physischen Tod des Betroffenen in der magischen Welt der Überlebenden statt. So gibt es unzählige Mythen über die schwierigen und gefahrvollen Sterbereisen[2]. Im Gegensatz dazu finden die meisten Sterbereisen heute prämortal statt, gerahmt von organisatorischen Ritualen in Krankenhäusern und Heimen.

Worte wie Sterben, Selbst- und Fremdbestimmung weisen auf komplexe dynamische mehrdimensionale Prozesse hin. Begriffe wie Tötung auf Verlangen, passive, indirekte und aktive Sterbehilfe können als Versuche gedeutet werden, das Prozessgeschehen im Interesse von Funktionären, Professionen und herrschenden Akteuren zu erfassen und zu kontrollieren. Diese Kontrolldiskurse werden über Gott, Natur, Ethik, Wissenschaft legitimiert und in Verfassungen und Rechtsordnungen verankert.

Moderne Rechtssysteme vermeiden, Sterben genauso eindeutig zu definieren wie den physischen Tod. Doch genauso wie beim Begriff „physischer Tod“ werden letztlich nur Definitionen von Ärzten anerkannt. Sterben wird hier mit dem Wendepunkt (turning point) zwischen kurativer und palliativer Behandlung gleichgesetzt. Nach der Definition der Deutschen Ärztekammer beginnt der Sterbeprozess, wenn die elementaren körperlichen Lebensfunktionen erheblich beeinträchtigt sind oder völlig ausfallen. …Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht … nicht unter allen Umständen. Bei Patienten, die … nach ärztlicher Erkenntnis aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit sterben werden, weil die Krankheit weit fortgeschritten ist, kann eine Änderung des Behandlungszieles indiziert sein, wenn lebenserhaltende Maßnahmen Leiden nur verlängern würden und die Änderung des Therapiezieles dem Willen des Patienten entspricht. Die Bestimmung dieses Zeitpunkts und die Entscheidung über die infauste Prognose bleiben selbstverständlich dem Arzt überlassen; bemerkenswert scheint mir, dass in diese Definition nur physische Symptome einfließen.

Sterben hat sich zu einem lukrativen Dienstleistungsbereich entwickelt. Menschen werden gestorben, das heißt sie können meist nur peripher selbst bestimmen, unter welchen Bedingungen sie sterben. Dass der Beginn und der Verlauf des Sterbens für die meisten fremdbestimmt wird, stellt freilich auch eine Entlastung für viele Menschen dar, die durch echte Selbstbestimmung überfordert wären, die sie unzureichend erlernt haben und die strukturell nicht zuletzt von den professionellen Helfern be- und verhindert wird.

Das derzeit dominante Sterbeverständnis scheint vor allem von den Interessen der Betroffenen, Sterbenden und Bezugspersonen geleitet; der Sterbeprozess sollte möglichst kurz sein, im Idealfall für den Sterbenden (fast) nicht erfahrbar. Palliativmediziner, Funktionäre der Hospizbewegung und anderer Sterbeorganisationen und professionelle Sterbedienstleister (Ärzte, Krankenschwestern etc.) teilen mit, wie und was Sterben wirklich ist. Es gehört zur Selbstbeschreibung ihrer Aufgabenfelder und entspricht den Erwartungen der meisten Empfänger, dass sie über das wirkliche Sterben Auskunft geben. Beschreibungen des wirklichen Sterbens können sie jedoch auch nicht geben, was sie anbieten sind Konstrukte.

Im British Medical Journal[3] werden 12 Kriterien für „a good death“ definiert, diese sind unter anderem:

  • To be able to retain control of what happens;
  • To be afforded dignity and privacy;
  • To have choice and control over where death occurs (at home or elsewhere);
  • To have access to information and expertise of whatever kind is necessary;
  • To have access to any spiritual or emotional support required;
  • To have control over who is present and who shares the end.

Umfragen in den reichen Ländern der westlichen Welt ergeben in etwa die folgenden Wünsche der meisten Menschen bezüglich ihres Sterbens

in hohem Alter, die Erwartung der meisten liegt inzwischen über 80 Jahre

zu Hause; im Unterschied zu den Niederlanden sterben in Deutschland und Österreich immer weniger Sterbende zu Hause (derzeit maximal 25%). Damit wollen viele den Wert, den Selbstkontrolle, Identitäts- und Lebensstilerfahrung für sie haben, ausdrücken.

schnell und schmerzlos

von Bezugspersonen betreut,

„in Würde“, was bedeutet, Kontrolle über den eigenen Körper und das Bewusstsein zu behalten.

Für materiell privilegierte Menschen ist es deutlich leichter, sich solche Wünsche zu erfüllen. Insbesondere bezüglich der Punkte „zu Hause“ und „schnell und schmerzlos“ werden im Durchschnitt die meisten Menschen enttäuscht.

Der natürliche Tod ist der angeblich in der westlichen Kultur angestrebte idealtypische Tod. Natürliches Sterben ist eine normative Konstruktion aus naturwissenschaftlichen Versatzstücken, stecken gebliebener Aufklärung, juristischer Weltsicht und christlicher Mythologie; dieses wurde seit dem 18. Jahrhundert in Europa institutionalisiert und idealisiert. Die rechtliche und medizinische Erzwingung des natürlichen Sterbens – scheinbar gereinigt von Suizid, Beihilfe zum Suizid und aktiver Sterbehilfe – wird als allein seligmachend, normal und legal proklamiert. Der Begriff natürliches Sterben wird eingesetzt, um das professionelle Sterben und Tod machen zu verleugnen und die terminale Phase zu dekontextualisieren, zu desozialisieren und zu naturalisieren[4]. Die pragmatische, quasireligiöse und pseudowissenschaftliche Vorstellung vom natürlichen Sterben dient in Krankenhäusern und Hospizen als Normierungskonzept, unter dessen Mantel die symbolische Macht der Institutionen und die Praktiken des Personals verborgen und geschützt werden.

Guter Tod und gutes Sterben können aus vier Perspektiven beschrieben werden

  • Der wissenschaftlichen Perspektive
  • Der professionellen Perspektive der Ärzte, Pflegepersonen, Altenpfleger und Hospizmitarbeiter
  • Der Perspektive des sterbenden Menschen
  • Der Perspektive der Bezugspersonen des sterbenden Menschen.

Ob gutes Sterben und guter Tod im oben genannten Sinn auch von den Betroffenen als solcher erlebt werden, bleibt dahin gestellt. Es macht daher Sinn, den Begriff eigener Tod, eigenes Sterben – vor allem wenn es eigenwilliges Sterben sein soll – dem guten Sterben gegenüber zu stellen. In dem Maß als das gute Sterben von Organisationen oder Gruppen verwaltet und gesteuert wird, so wird das eigene Sterben häufig nicht gut sein. Dies zeigt sich vor allem bei der Gestaltung des Suizids, dessen Gutsein gesellschaftlich und medizinisch in der Regel verhindert und geleugnet wird und vor allem nie als gut sondern meist nur als Ausdruck von Verzweiflung gedeutet wird. Gestützt auf die Kriterien des British Medical Journals für the good death, ist ein hochwertiger Suizid wahrscheinlich eher unter gutem Tod zu subsummieren als das übliche Sterben im Pflegeheim. Es scheint mir auch, dass in den reichen Ländern zwar das defintionsgemäß gute Sterben durch immer aufwändigere Maßnahmen, Professionalisierung und Technologie häufiger als früher erreicht wird, jedoch das eigene Sterben trotz intensiver Beschwörungsrhetorik in weitere Ferne rückt. Denn die Diskrepanz zwischen der Selbstbestimmungskompetenz der Sterbenden und der Fremdbestimmung der Person durch Professionelle und Angehörige nimmt ständig zu.

Psychisches Sterben umfasst (dauerhaften) Bewusstseinsverlust oder Zerstörung der personalen Identität; die Ursachen können in der Psyche selbst, im Körper oder im „Sozialteil“ liegen[5]. Betont die medizinische Sichtweise das physische Sterben, wird von der Hospizbewegung auch das soziale Sterben einbezogen. Die „right-to-die“ Bewegung legt zusätzlich besonderen Wert auf die selbstbestimmte Gestaltung des psychischen Sterbens. Nachdem Expertengruppen und Funktionäre im deutschen Sprachraum die Stigmatisierung des Begriffs Euthanasie über Jahrzehnte gepflegt haben, nennen sie daher in der Regel die right-to-die-Bewegung, wie sie international vor allem bezeichnet wird, „Euthanasiebewegung“ und nicht Sterberechtsbewegung.

Demenz und Wachkoma werden von den Menschen besonders gefürchtet, denn die gravierende Persönlichkeitsveränderung führt zu Verlust von Anerkennung, Kommunikationsinkompetenz und psychophysischem Kontrollverlust. Die Vorstellung, in dementem Zustand langsam und eventuell qualvoll zu sterben, führt bei manchen oder vielen Personen zu kognitiver und emotionaler Dissonanz, denn die persönliche Würde wird mit dem Selbstbewusstsein verbunden. Im Sterben kann trotz einschneidender, krankheitsbedingter Einschränkungen allein das Aufrechterhalten des Verstandes ein Gefühl der Autonomie und damit der Würde verleihen. Nicht nur Verstand und Selbstbewusstsein werden durch Demenz schleichend zerstört, sondern auch der soziale Körper. Heute muss eine Person die Demenzreise bis zur Endstation durchhalten und darf nicht verbindlich bestimmen, an welcher Station sie aussteigen will. Dem grundsätzlich autonomen Bürger, der über das eigene Leben und den eigenen Tod bestimmen will, wird von Staat und Gesellschaft – in Form von Gesetzen, Ärzten und Religionsgemeinschaften – misstraut. Wer auszusteigen hilft, wird bestraft, wenn er erwischt wird. Einschlägige Angebote wahrnehmen zu können, bleibt das Privileg einer kleinen Gruppe[6]. Sogar der bloße Diskurs über das Thema von Demenz als gravierende Form des psychischen Sterbens und menschenunwürdige Lebensform wird unterdrückt. Publikationen und Stellungnahmen in denen diese Fragen – obwohl ohnehin fachsprachlich verschleiert – angesprochen werden (living death, sentient beings, loss of self, victim) werden als dehumanisierende Horrorkarikatur angeprangert und unter Hinweis auf das Mordprogramm der Nazis, womit diese den Begriff Euthanasie diskreditierten, rituell verboten und unterdrückt[7].

Die von den Nazis unter dem Begriff „Euthanasie“ mehr als 200.000 durchgeführten Tötungen waren eben keine Akte der Sterbehilfe, sondern systematische Morde, weil sie nicht auf Wunsch und ohne Einverständnis des Betroffenen erfolgten. Den Nazis ging es im Rahmen ihres Euthanasieprogramms keineswegs um Sterbehilfe sondern um die Beseitigung als sozial wertlos betrachteter Individuen, sogenannter – wie es damals hieß – unnützer Esser oder Ballastexistenzen. Das Eigeninteresse der betroffenen Individuen war hier gerade nicht das ausschlaggebende Kriterium, sondern das – tatsächliche oder vermeintliche – öffentliche Interesse einer sogenannten Volksgemeinschaft, die sich ihrer schwachen und hilfsbedürftigen Mitglieder aus ökonomischen oder eugenischen Gründen zu entledigen suchte. Der Hinweis auf die kriminelle organisierte Massen – Zwangstötung der Nazis geht schon deshalb ins Leere, weil es kein „unwertes Leben“ gibt. Der Begriff Euthanasie soll also nach dem Willen der offiziellen Stellen in Österreich und Deutschland die Stigmatisierung, die er durch die Naziverbrechen erhalten hat, behalten. Doch dieser Begriff dringt aus den Nachbarländern in die Medien und die wissenschaftlichen Schriften mit der Bedeutung des neu geschaffenen Begriffs aktive Sterbehilfe ein.

Die Einteilung in direkte und indirekte, aktive und passive Sterbehilfe ist eine rein willkürliche, die weder der praktischen Anwendbarkeit bei Entscheidungen und Vollzügen in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arzt – Patienteninteraktionen gerecht wird, noch auf die besonderen Bedürfnisse der betroffenen Schwerkranken und Sterbenden eingeht.

Unter indirekter Sterbehilfe versteht man die Herbeiführung eines vorzeitigen Todes als Nebenfolge bestimmter ärztlicher Maßnahmen, insbesondere der Verabreichung starker Schmerzmittel. Intendiert, angestrebt wird hier nicht der Tod, sondern die Schmerzlinderung; der beschleunigte Eintritt des Todes wird jedoch vom Arzt vorausgesehen und billigend in Kauf genommen. Diese Form der Sterbehilfe wird inzwischen – nach einem langwierigen Umdenkprozess – von den allermeisten Theologen, Juristen und Ärzten gutgeheißen. Trotz hohem internationalem propagandistischen und mehr pseudo- als wissenschaftlichen Aufwand ist es nicht gelungen, die meisten Menschen von den fundamentalen Unterschieden zwischen den künstlichen Begriffswelten der guten Sterbehilfe[8] und der schlechten Sterbehilfe zu überzeugen. Wie kann man im Zweifelsfall schon feststellen und beweisen, ob der durch Mittel xy seinen Patienten tötende Arzt sich letztlich durch die Absicht der Schmerzbekämpfung leiten ließ (bloß indirekte aktive Sterbehilfe) oder ob er seinen Patienten zwecks endgültiger Beendigung seines Leidens töten wollte (direkte aktive Sterbehilfe)? [9] Auch die indirekte Sterbehilfe ist fraglos eine aktive und im juristischen Sinn des Wortes vorsätzliche Sterbehilfe. Indirekte Sterbehilfe ist aktive und mit bedingtem Vorsatz ausgeführte Tötung eines Menschen. Dass der Tod nicht letztes Ziel des Handelnden ist und bei dem betreffenden Patienten über kurz oder lang ohnehin eingetreten wäre, ändert daran nichts.

Derzeit ist passive Sterbehilfe in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Belgien, dem US – Bundesstaat Oregon und den Niederlanden erlaubt. Die passive Sterbehilfe, also die Sterbehilfe durch Untätigsein oder Unterlassen, nämlich durch Unterlassen einer an sich möglichen lebensverlängernden ärztlichen Behandlung, ist in ihrer prinzipiellen Zulässigkeit heute nicht mehr umstritten. Ärztlich assistierter Suizid jedoch ist in Österreich und Deutschland strafrechtlich verboten, aktive Sterbehilfe ist in Belgien und den Niederlanden unter bestimmten Voraussetzungen straffrei.

Diese Entscheidung für Straffreiheit unter bestimmten Bedingungen wird gerne als Dammbruch bezeichnet. Gebräuchliche Argumente für diesen Dammbruch sind oft:

  • Wenn man Sterbehilfe legalisiert, wird bald auch an Menschen ohne Sterbewunsch Euthanasie verübt werden.
  • Eine Liberalisierung der Tötung auf Verlangen würde zu einer Aushöhlung der Norm des Tötungsverbotes führen.
  • Eine Legalisierung von Sterbehilfe bei tödlichen Erkrankungen könnte dahin führen, dass bald auch z.B. Depressiven der Wunsch nach Sterbehilfe (Beihilfe zum Suizid; Tötung auf Verlangen) gewährt werden wird.
  • Veränderte soziale Umweltbedingungen führen zu einer empfundenen Pflicht zum Freitod.

Um den sogenannten Dammbruch durch die niederländische oder belgische Gesetzgebung, und die daraus folgende Praxis beurteilen zu können, sind folgende Informationen hilfreich:

  • Die der deutschen bzw. österreichischen entsprechende Gesetzesvorschrift im Strafrecht (Tötung auf Verlangen, § 77 StGB und Beihilfe zur Selbsttötung § 78 StGB) wurde in den Niederlanden nicht aufgehoben. In Deutschland ist die Beihilfe zur Selbsttötung nicht strafbar, wird aber von der Bundesärztekammer verboten. In Deutschland gilt zusätzlich die Garantenpflicht.
  • Nur eine kleine Minderheit (höchstens ein bis zwei Prozent) der sterbenden Menschen in den Niederlanden oder in Belgien erhalten aktive Sterbehilfe.
  • In Deutschland genauso wie in Österreich wird trotz des Verbots aktive Sterbehilfe praktiziert. Doch es besteht offensichtlich kein öffentliches Interesse an der Erforschung und Auseinandersetzung mit dieser Grauzone.
  • Ein großer Teil der Ärzte und des Pflegepersonals weiß über die subtilen und schwer operationalisierbaren Trennungen zwischen erlaubter und verbotener Sterbehilfe nicht ausreichend Bescheid.
  • Ein Teil der Ärzte und des Pflegepersonals und wahrscheinlich die meisten Patienten halten die subtilen und schwer operationalisierbaren Trennungen zwischen erlaubter und verbotener Sterbehilfe nicht für sinnvoll und praktikabel.
  • Die von einigen Philosophen, Theologen, Ärzten, Juristen und anderen Warnern in der Öffentlichkeit ausgestreuten Tatsachenbehauptungen, die diesen Dammbruch beschwören, sind als Bestätigung ungeeignet bzw. nicht wissenschaftlich geprüft.
  • Langzeituntersuchungen in den Niederlanden zeigen, dass trotz Liberalisierung der Praxis keine signifikante Zunahme der Fälle aktiver Sterbehilfe und vor allem keine Ausweitung von Missbrauch festgestellt wurden.

Tötung auf Verlangen weiterhin unter das Verbot des Strafrechts zu stellen – wie das in den Niederlanden und Belgien auch der Fall ist – macht grundsätzlich Sinn, denn das Leben ist ein besonders wichtiges, ein zentrales Gut, dessen Besitz Voraussetzung des Genusses aller anderen individuellen Güter (wie Gesundheit, Lebensfreude oder Eigentum) ist. Im Gegensatz zu einer Sache in meinem Besitz, die ich jederzeit selbst zerstören darf oder zerstören lassen darf und auch wieder beschaffen kann, ist der Verlust des Lebens absolut irreversibel.

Aus diesem Grund hat im Normalfall das Individuum selbst durchaus ein Interesse daran, durch die Rechtsordnung vor einer solchen Preisgabe des eigenen Lebens geschützt zu werden, die lediglich einer vorübergehenden Lebensmüdigkeit oder Depression entspringt und die deshalb bei langfristiger Betrachtung vom eigenen Standpunkt dieses Individuums aus als irrational erscheinen muss. Ganz anders liegen die Dinge, so meine ich, im speziellen Fall der Sterbehilfe. Die typische Konstellation der Sterbehilfe ist nämlich gegenüber dem gewöhnlichen Fall der Tötung auf Verlangen durch ganz besondere Merkmale gekennzeichnet. Hier befindet sich das Individuum, das seine Tötung wünscht, in einem schweren und irreversiblen, unheilbaren Leidenszustand. Wenn ein solcher Zustand vorliegt, besteht offenbar eine beträchtliche Wahrscheinlichkeit, dass der Sterbewunsch des Betroffenen keineswegs nur einer vorübergehenden Laune oder Depression, sondern durchaus dem wahren Interesse dieses Menschen Ausdruck gibt.

Es gibt deshalb nach meiner Auffassung keine hinreichenden Argumente für ein Verbot der aktiven Sterbehilfe, sofern die folgenden drei Bedingungen erfüllt sind:

1. Bedingung: Der Betroffene ist einem schweren, unheilbaren Leiden ausgesetzt. Durch diese Bedingung soll sichergestellt werden, dass der Wunsch nach Sterbehilfe nicht von vornherein den Stempel des Irrationalen trägt, insofern er zu dem langfristigen Interesse des Betroffenen selbst in Widerspruch steht. Denn ein schweres, unheilbares Leiden ist eine Lage, in der es keineswegs unwahrscheinlich und von vornherein von der Hand zu weisen ist, dass der Betroffene sein gesamtes weiteres Leben nicht mehr als lohnend, sinnvoll oder lebenswert erfahren kann.

2. Bedingung: Der Betroffene selbst wünscht aufgrund freier und reiflicher Überlegung, die er zudem in einem urteilsfähigen und über seine Situation aufgeklärten Zustand durchgeführt hat, aktive Sterbehilfe. Diese Bedingung soll sicherstellen, dass nur eine freiwillige, informierte und bestandskräftige Entscheidung des Betroffenen zu einer Sterbehilfe führt. Selbst einem schwer und unheilbar Leidenden darf Sterbehilfe unter keinen Umständen von außen aufgenötigt werden.

3. Bedingung: Die Sterbehilfe wird von einem Arzt durchgeführt. Diese Bedingung ist meines Erachtens deshalb unverzichtbar, weil nur ein Arzt normalerweise fachlich kompetent ist, das Vorliegen der ersten beiden Voraussetzungen zu beurteilen und außerdem für die erbetene Sterbehilfe die dem Wunsch des Patienten entsprechende, wirksame Form zu finden. Gutachter und Ausführender müssen zwei verschiedene Ärzte sein, um Interessenskonflikte im Ansatz zu vermeiden.

Durchaus bedenkenswert ist die immer wieder vorgebrachte triviale Behauptung, dass eine gesetzliche Liberalisierung und damit Humanisierung der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zum Suizid nicht vorhersagbare Folgen haben kann. Wissenschaftlich nicht belegbar ist, dass diese Folgen negativ sein müssten. Es ist jedoch zu erwarten – und verschiedene Daten und Erfahrungsberichte bestätigen dies auch –, dass die Gesetzgebung bezüglich aktiver Sterbehilfe bzw. Beihilfe zum Suizid in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Oregon positive Konsequenzen hat und haben wird, weil die Wünsche eines Teils der Bevölkerung erfüllt werden und gleichzeitig die Transparenz verbessert wird. In dem Zusammenhang sei auf ein zum Nachdenken anregendes Faktum hingewiesen: Die Suizidrate für alte Menschen ist in Deutschland zwei- bis dreimal so hoch wie in den Niederlanden.

Es ist bislang bloße Spekulation, dass Akte illegitimer aktiver Sterbehilfe durch eine eng umgrenzte Legalisierung solcher Sterbehilfe, zunehmen würden. Jene Fälle ungerechtfertigter aktiver Tötung in deutschen und österreichischen Krankenanstalten, die in den letzten Jahren vermehrt an die Öffentlichkeit gedrungen sind und mit Recht Empörung ausgelöst haben, geschahen schließlich vor dem Hintergrund eines ganz undifferenzierten rechtlichen Verbotes jeder aktiven, direkten Sterbehilfe. Es ist durch nichts bewiesen, dass die Dunkelziffer der in Deutschland oder Österreich schon heute unter dem Deckmantel des Mitleids begangenen illegitimen und illegalen Tötungen geringer ist als etwa in den Niederlanden, wo aktive Sterbehilfe seit einigen Jahren offiziell zugelassen ist.

Eine empirische Studie (1996) des Berliner Instituts für Epidemiologische Forschung hat in diesem Zusammenhang interessante Ergebnisse gebracht. Die ethischen Debatten, ob und wann Todkranke von ihren Leiden durch Ärzte erlöst werden dürfen, wurden vom Pragmatismus eingeholt. Viele Mediziner haben offenbar stillschweigend längst mit der Spritze abgestimmt. So hat jeder zehnte der befragten Ärzte es schon erlebt, dass ein Patient von einem Arzt eindeutig absichtlich getötet wurde. Und jeder zweite Arzt praktiziert, wie die Umfrage ergeben hat, bei Bedarf indirekte Sterbehilfe durch hochdosiertes Morphium.

Selbsttötung, Suizid, ist in unserer heutigen Gesellschaft mit vielfältigen Vorurteilen behaftet, was im Laufe der (Philosophie-) Geschichte nicht immer so war[10]. Manche moderne Philosophen postulieren ein individuelles, liberales Freiheitsverständnis; sie berufen sich auf die philosophischen Überlegungen der Stoa zur Euthanasie, die Friedrich Nietzsche im Lied vom freien Tod“ in Also sprach Zarathustra so formuliert: Stirb zur rechten Zeit! Man solle die dumme physiologische Tatsache des naturbedingten Todes zu einer Tat der Freiheit werden lassen. Ich lobe mir den freien Tod, der kommt, weil ich will und nicht, weil die Natur oder ein Gott es will. Den Tod solle man sich geben, bevor das Leben seiner Freiheit beraubt und so zum bloßen Dahinvegetieren, zum lebensunwerten Leben werde.

Suizid wird heute fast ausschließlich als Ausdruck von Unfreiheit im Rahmen tiefster Verzweiflung interpretiert, die fast 100%-ige psychische, psychiatrische Erkrankungsursache. Dem Suizidenten wird die Möglichkeit der Selbstbestimmung abgesprochen. Ein großer Teil der Suizide wird als Scheitern interpretiert. Implizit wird Suizid als unwürdiges Sterben, Davonrennen vor Problemen, Leiden etc. angesehen. In rechtlichen, philosophischen und theologischen Diskursen wird Suizid, Selbsttötung, zu wenig differenziert, während es für Fremdtötung Begriffe wie Mord, Totschlag, Notwehr, Todesstrafe, Tötung auf Verlangen, Gewaltanwendung mit Todesfolge gibt.

Bei der Bewertung der Selbsttötung geht es um das Menschenbild und den Stellenwert von Autonomie und Selbstbestimmung des einzelnen Menschen. Wer sein Leben als Geschenk oder von einem höheren Wesen geliehen interpretiert, wird sich nicht selbst töten dürfen. Das Verfügungsrecht über das eigene Leben hingegen schließt ein Recht auf Selbstbestimmung über den Zeitpunkt und die Art des eigenen Todes, also auf Selbsttötung oder auch ein Recht auf Tötung durch andere auf Wunsch des zu Tötenden ein. Selbsttötung ist auch dann keine Lösung, wenn Suizidalität als Ausdruck des Scheiterns oder schweres Symptom für Depression interpretiert wird. Es scheint die nicht zu hinterfragende Theorie zu sein, dass ein rationaler und damit akzeptabler Suizid überhaupt nicht möglich sei. Suizidalität kann jedoch genauso als angemessene Antwort auf die subjektiv schlechte Lebensqualität bzw. die persönlichen Lage angesehen werden, dann ist Suizidalität möglicherweise die letzte Chance dieses Menschen auf Selbstbestimmung.

Das Schweizer Bundesgericht anerkennt das Recht auf begleiteten Suizid, ärztlich assistierte Selbsttötung, als Grundrecht und hält wörtlich fest: Zum Selbstbestimmungsrecht im Sinne von Art. 8 Ziffer 1 EMRK gehört auch das Recht, über Art und Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens zu entscheiden; dies zumindest soweit der Betroffene in der Lage ist, seinen entsprechenden Willen frei zu bilden und danach zu handeln.

Selbstbestimmung ist ein personaler Prozess, der in einer modernen Gesellschaft und durch moderne Verfassungen geschützt und gefördert wird. Sie wird offiziell als hoher Wert verkündet und geschützt, unsere Gesellschaft fordert allerdings, sie zum Erreichen von Konformität und Normalität einzusetzen. Wer sich nicht dieser Regel entsprechend verhält, gerät schnell in die Mühlen der Psychologisierung, Pädagogisierung, Medikalisierung, Kriminalisierung, Stigmatisierung und Marginalisierung. Wer sein eigenes Leben verkürzen will, dem wird sehr schnell Egoismus und Ablehnung der Gemeinschaft unterstellt, obwohl er meist Integration und Akzeptanz sucht. Deshalb werden auch assistierte Selbsttötung und aktive Sterbehilfe gegenüber der isolierten, einsamen Selbsttötung bevorzugt, die oft die Bezugspersonen verstört zurück lässt. Hans Küng postuliert, dass es darauf ankäme, auch den Tod nicht als Schicksal zu erleiden, sondern ihn in die eigene Hand zu nehmen, den Zeitpunkt und die Art des Todes selbst zu bestimmen, insbesondere um einer Entmächtigung der autonomen Persönlichkeit (z.B. durch eine Demenz) zuvorzukommen, denn eine derartige Daseinsweise sei ein bloßes Dahinvegetieren und des Menschen unwürdig.

Gunter Sachs, der an Alzheimer litt und sich zu einem Zeitpunkt tötete, als er noch zu einer solchen Entscheidung und Handlung fähig war, schreibt in seinem Abschiedsbrief: Ich stelle dies (die Krankheit Alzheimer) heute noch in keiner Weise durch Fehlen oder Rückgang meines logischen Denkens fest – jedoch an der wachsenden Vergesslichkeit wie auch an der rapiden Verschlechterung meines Gedächtnisses und dem meiner Bildung entsprechenden Sprachschatzes. … Jene Bedrohung galt mir schon immer als einziges Kriterium meinem Leben ein Ende zu setzen. … Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben, wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.

Es ist ein Vorurteil zu glauben, dass nur eine verschwindende Minderheit um aktive Sterbehilfe oder Beihilfe zur Selbsttötung bittet[11]. In diesem ganzheitlichen Ansatz des Lebens haben – so meine ich – Ärzte dann auch ihren speziellen Platz und ihre spezielle Aufgabe; sie könnten genauso vorurteilsfreie Partner bei einer humanisierten und kultivierten Suizidprävention und ergebnisoffenen Suizidberatung wie einfühlsame Begleiter bei einer assistierten Selbsttötung sein.

Der Schriftsteller Martin Walser antwortet auf die Frage, was er bei körperlicher Hinfälligkeit im Alter tun werde: Da gehe ich, hoffe ich, in die Schweiz zu Exit und lass mir einen anständigen Tod servieren. Ich bezahle ihn, den Tod, das werde ich wohl noch können. Von Sigmund Freud ist der Ausspruch überliefert: Si vis vitam para mortem, wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein. Freud hat nach dieser Maxime gehandelt; er schreibt an seinen Arzt: Lieber Schur, Sie erinnern sich an unser erstes Gespräch. Sie haben mir damals versprochen, mich niemals im Stich zu lassen, wenn es so weit ist. Das ist jetzt nur noch Quälerei und hat keinen Sinn mehr. Max Schur kam diesem Wunsch nach und verabreichte Freud auf dessen Wunsch die tödliche Dosis Morphium[12].

Für uns Menschen in Österreich, die wir zu den reichsten in der EU und weltweit gehören, ist in Bezug auf die Kultur des Sterbens festzustellen:

Für die Mehrheit der Menschen ist das gewünschte lange Leben (jenseits der 80 Jahre) inzwischen Realität, gleichzeitig verbunden mit einem unerwünschten langen Sterben.

Langes Leben und kurzes, schmerzloses Sterben ist – abgesehen von einigen wenigen Suiziden – rein zufällig.

Derzeit laufen – wie eine Studie in schwedischen Pflegeheimen gezeigt hat, zwei Diskurse parallel, ein Sterbensverdrängungsdiskurs[13] und ein Diskurs, der sich ausdrücklich mit dem Thema Tod beschäftigt.

Eine Kultur des Sterbens kann nur offen, individualisiert und pluralistisch sein. Erreicht wird sie sicher nicht durch die Perfektionierung der Strukturen der Palliativmedizin.

Der Diskurs um assistierte Selbsttötung und aktive Sterbehilfe muss auch in Österreich und Deutschland ohne den rituellen Hinweis auf die Naziverbrechen möglich sein. In einer aktuellen (2012) Umfrage der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben befürworten 77% der Deutschen ärztliche Freitodbegleitung, 19% sprechen sich dagegen aus, 4% haben keine Meinung dazu[14]. Wie das Beispiel der Niederlande zeigt, wo die aktive Sterbehilfe unter bestimmten genau definierten Bedingungen nicht strafrechtlich verfolgt wird und gleichzeitig seit Jahrzehnten die Freiheit und Selbstbestimmung der einzelnen Menschen mehr als in Deutschland gefördert wird, führt die Freigabe der aktiven Sterbehilfe nicht zu einem Klima, in dem sogenannt unwertes Leben automatisch getötet wird. Genauso ist Oregon einer der demokratie- und menschenrechtfreundlichsten amerikanischen Bundesstaaten.

Die Würde des Menschen, die bei uns so hoch gehalten wird, spricht auch für ein würdiges Sterben. Vielleicht ist Sterbehilfe sogar als ultimative Lebenshilfe zu verstehen. Gerade weil der Mensch Mensch ist und auch als Todkranker und Sterbender Mensch bleibt, hat er nicht nur ein Recht auf eine würdevolle Lebenszeit sondern auch auf ein würdiges Abschiednehmen und ein würdiges Lebensende. Auch das Sterben ist ein Teil der Persönlichkeitsverwirklichung und damit des Lebens.

Sterben, tödliche Krankheit, unheilbares Leiden, eine wachsende Zahl von Pflegefällen – das sind Themen, über die niemand gern redet und nachdenkt. Trotzdem wird uns dieses Nachdenken auf die Dauer nicht erspart bleiben[15].

Literatur

Eibach U., „Aktive“ Sterbehilfe und Menschenwürde – eine theologisch-ethische Auseinandersetzung mit philosophischen Argumentationen für eine Tötung auf Verlangen in Beiträge zu Thanatologie, Heft 21, 2000

Feldmann K., Sterben, Sterbehilfe, Töten, Suizid,

http://www.feldmann-k.de/tl_files/kfeldmann/pdf/thantosoziologie/feldmann_sterben_sterbehilfe_toeten_suizid.pdf;

Zugriff 22.04.2013

Hörster N., rechtsethische Überlegungen zur Sterbehilfe in Beiträge zur Thanatologie, Heft 18, 2000

Neumann G. (Hrsg.) Suizidhilfe als Herausforderung, Arztethos und Strafbarkeitsmythos, Alibri Verlag 2012


[1] Diese These gilt auch in historischen Zeiten für manche Gruppen, Regionen und Kulturen.

[2] Dieses frühhistorische postmortale Sterben kann modern übersetzt als soziales postmortales Sterben bezeichnet werden, doch im Bewusstsein vieler damaliger Menschen war es physisches Sterben.

[3] BMJ, vol. 320, no. 129, 2000, online <http://www.bmj.com/content/320/7228/129.full&gt;

[4] Naturalisieren bedeutet hier, durch Berufung auf ein moralisierendes Naturrecht etwas festzuschreiben.

[5] Claude Lévi – Strauss, der selbst 100 Jahre alt wurde, nannte sich selbst im hohen Alter ein „zerstörtes Hologramm“.

[6] Das Angebot von DIGNITAS in der Schweiz wahrnehmen zu können, setzt nicht nur systematische Vorbereitung und einigermaßen körperliche Fitness voraus sondern auch die entsprechenden finanziellen Mittel, um diese Leistung bezahlen zu können.

[7] Cf.: Auch Demente kommen in den Himmel, http://aerztliche-assistenz-beim-suizid.nursing-health-events.de/2010/07/02/auch-demente-kommen-in-den-himmel%25E2%2580%25A6/

[8] Während ein Mensch „gute Sterbehilfe“ ohne schwerwiegende Bedingungen erhält, auch wenn er sie nicht wünscht, gibt es vom Betroffenen erwünschte schlechte Sterbehilfe – wenn überhaupt – nur unter Extrembedingungen: unerträgliches Leid.

[9] Cf.: Hörster 2008

[10] Cicero und Seneca sind der Meinung, im Interesse einer höheren, größeren Sache, bestünde sogar die Pflicht zum Selbstmord. Sogar das Christentum hat den Selbstmord in der Erscheinungsform des Martyriums als positiv betrachtet.

[11] Cf.: z.B. Institut für Demoskopie Allensbach 2010

[12] Schur M., Siegmund Freud, Leben und Sterben, 1973

[13] Dying is silent and silenced, Österlind et al. 2011, 534

[14] http://www.dghs.de/fileadmin/user_upload/Dateien/PDF/HLS_2012_4_komplett.pdf, Zugriff 5.5.2013

[15] Coudenhove – Kalergi B., über Sterbehilfe reden, in der Standard, 02.01.2013

Hat die Freimaurerei eine Zukunft?

Die Freimaurerei, so behaupte ich, steckt in einer Krise. Es ist Zeit zu fragen, was von der „königlichen Kunst“, die einst angetreten war, für die geistige Emanzipation des Menschen gegen alle auferlegten Schranken einer traditionalen und dogmatischen Weltinterpretation zu kämpfen, geblieben ist. Dem Menschen eine menschlichere Welt zu errichten, war das Ziel. Für die Geistesströmungen, die wir heute als Aufklärung und (Neo-) Humanismus bezeichnen, war die historische Freimaurerei innovativer Funke und Katalysator zugleich.

Die Logen, die einst den freiesten und kreativsten Köpfen ihrer Zeit, auf die wir uns auch heute noch immer wieder gern berufen, geistigen Unterschlupf und brüderlichen Halt gewährten, existieren bis heute, doch scheint sich deren geistige Struktur und soziale Funktion grundlegend geändert zu haben. Die tradierten Formen unseres Zusammenlebens, etwa die Abgeschlossenheit gegenüber der profanen Welt, werden mehr und mehr zum Selbstzweck, und die Form unserer rituellen Arbeit zeigt Tendenzen der Erstarrung.

Der Grund für mein Nachdenken darüber, ob die Freimaurerei eine Zukunft habe, liegt darin, dass sich die Rahmenbedingungen der Welt, in welcher sich die Freimaurerei bewähren muss, in den letzten Jahren fundamental geändert haben. Stichworte sind

  • die Auflösung fester internationaler Strukturen nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltsystems;
  • die aktuell hohe Gefahr für den Ausbruch eines Dritten Weltkriegs;
  • die Globalisierung mit ihren vielen ungelösten Problemen;
  • die konfliktträchtigen Mischungen von multikultureller Gesellschaft, religiösen Fundamentalismen und internationalem Terrorismus;
  • das „Flüchtlingsproblem“ mit all seinen nationalen und internationalen Auswirkungen;
  • die demographischen Veränderungen (ungünstige Altersstruktur, Desintegration der Generationen);
  • die Veränderungen der Arbeitswelt und das Problem der „Sozialen Gerechtigkeit“
  • die Gefährdung der Stabilität von Umweltbedingungen (drohende Klimakatastrophe)
  • das nicht definierte Verhältnis zu den maurerischen Schwestern und den sogenannten irrregulären Obödienzen

Nur allzu gerne verweisen wir auf die Leistungen unserer vorausgegangenen Brüder, um uns hinter diesen zu verstecken und uns nicht den brennenden Fragen der Gegenwart stellen zu müssen. Wir verweisen gerne darauf, dass Tagespolitik in unseren Logen entsprechend den Alten Pflichten keinen Platz hat. Das Ritual sei unveränderbar und stehe über allem. Gerade aber das Ritual verweist auf den konkreten Bezug zu unserer Realität (…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat…). Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit sind und waren seit ihrer Proklamation keine empirischen Fakten, sondern eine Geschichte, die die Gesellschaft über sich selbst erzählt. Unser vollendeter Br... Portisch hat in seiner Festzeichnung anlässlich 300 Jahre Freimaurerei in der Hofburg diesen uralten Appell der Freimaurerei für unsere heutige Zeit mit Demokratie – Menschenrechte – Solidarität übersetzt. Auch heute ist die politische Wirkung der Freimaurerei, der Brüder wichtig. Der F.z.a.S. hat schon 1930 in seiner „programmatische Erklärung des Reformfreimaurerbundes“ im Jahre diese Überlegung angestellt und den Brüdern ans Herz gelegt: „Zulassung der Erörterung auch politischer und religiöser Fragen im Tempel: denn ihre Ausschaltung zeugt von mangelndem Vertrauen zur freimaurerischen Idee, die ja das gesamte persönliche und gemeinschaftliche Leben durchdringen und gestalten soll; es entsteht zugleich die Gefahr einer leeren Schönrednerei ohne fruchtbringende Wirkung für den Menschheitsbau.“

Freimaurerei ist ein eigenartiges Lehrgebäude der Sittlichkeit, in Gleichnisse gehüllt und durch Sinnbilder erklärt. Sie ist eine Lebensschule, die das einzelne Mitglied durch Arbeit an seinem Innersten ermächtigen will, seinen Beitrag zur Schaffung einer humanen Gesellschaft zu leisten. Die Freimaurerei orientiert sich an den Idealen der Humanität, der Toleranz und des Kosmopolitismus. Die angestrebten Ziele will der Freimaurer dadurch erreichen, dass er seine Vorhaben mit Weisheit und Umsicht plant, dass er sie konsequent und mit Stärke durchführt, und dass er insgesamt nach Schönheit und Eleganz strebt.

Die Freimaurerei hat ein mehrfaches Angebot, das dem einzelnen Bruder dabei helfen kann, sich den aktuellen Fragen der Zeit zu stellen und seine Antworten auf diese zu finden.

Auf der Basis einer in der Loge eingeübten Kultur der Mitmenschlichkeit ist Freimaurerei Pflege von Freundschaft und Geselligkeit. Die Logen der Freimaurer sind Gemeinschaften, die „gute und redliche Männer, Männer von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen“ (Alte Pflichten von 1723) über alle weltanschaulich-religiösen, politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg verbinden wollen. Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen und Menschengruppen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer zunehmenden Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden.

Die Geselligkeit der Logen ist ebenso traditionsreich wie komplex: freundschaftliches Miteinander, Empathie und Takt, soziales Handeln, gemeinsames Erleben und Praktizieren von Kultur, Diskurse; durch all das sollten schon die Bürger und Brüder der Aufklärungszeit Tugend und Bildung einüben und – als Vorbild für die gesamte Menschheit – zu besseren Menschen werden.

In der Tradition von Humanismus und Aufklärung sind die Logen der Freimaurer ethisch orientierte Assoziationen, in denen gemeinsam laut nachgedacht werden kann, um Wege zu Lebenssinn und Motivation zu moralischem Handeln ausfindig zu machen. Freimaurer stimmen darin überein, dass sie Werten verpflichtet sind, die sie – im Sinne eines Orientierungsrahmens – mit alten humanistisch-aufklärerischen Begriffen wie Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe umschreiben. Freimaurer bemühen sich darum, für diese Werte zeitgemäße Ausdrucksformen zu erarbeiten und auf dieser Grundlage an gesellschaftlichen Diskursen und moralischer Praxis auch außerhalb der Loge teilzunehmen.

Die Logen der Freimaurer bieten einen auf Symbole und Rituale gegründeten spirituellen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem die Ziele und Ideen des Freimaurerbundes im Bewusstsein und im Habitus der Brüder verankert werden. Das Ritual ist keineswegs die ganze Freimaurerei, doch es ist das, was Freimaurerei von anderen Bünden mit humanitärer Einstellung unterscheidbar macht.

Das Ritual lehrt durch Symbole und rituelle Handlungen und rundet so die soziale und diskursethische Praxis der Loge durch eine die Gesamtperson des Bruders erfassende und verändernde spirituelle Dimension ab. Initiationen, performatives Sprechen und Handeln sowie mimetisches Lernen sind hierbei die wesentlichen Elemente. Das Ritual lässt die Werte des Bundes, die Beziehungen der Brüder, die Chancen für die eigene innere Entwicklung sinnlich und emotional erfahren. Das Ritual öffnet das Bewusstsein des Maurers für ein Wahrnehmen bisher verborgen gebliebener Schichten der Persönlichkeit. Dadurch vermittelt es nicht nur Denkanstöße, sondern es wird auch zum Medium der Selbsterfahrung und der Selbstentwicklung.

Durch die Zusammenfassung der drei vorgenannten Elemente in einem aufeinander abgestimmten Gesamtkonzept wird Freimaurerei zu einer Lebenskunst der Praxis, die freundschaftliches Miteinander und ethisch-moralische Daseinsorientierung durch Symbole und Rituale in der Gemeinschaft der Loge sowohl rational erfassbar als auch emotional erlebbar macht.

Freimaurerische Lebenskunst zielt darauf hin, Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln:

  • Stile des Umgangs mit sich selbst wie Selbstrespekt, verbunden mit Selbsterkenntnis und Selbstkritik;
  • Stile des Umgangs mit anderen Menschen wie Mitmenschlichkeit, tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose;
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt wie Verantwortung übernehmen für Gesellschaft und Umwelt;
  • Stile des Umgangs mit Transzendenz, was im Grunde genommen meint, im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.

Die Freimaurerei geht von einem für alle Brüder als verbindlich anerkannten festen Set allgemeiner normativer Grundsätze aus, die wir unter dem Oberbegriff der Humanität zusammenfassen. Somit gibt es einen engen gemeinsamen Moralkodex, den wir als essenziell und nicht zur Disposition stehend betrachten. Das Missverständnis jedoch, mit dem wir es scheinbar zu tun haben, liegt im Unterschied von Normenbegründung und dem Bestreben, bestimmten Normen Geltung zu verschaffen. Nicht gemeinsamer Glaube ist unser Prinzip, sondern Konsens hinsichtlich bestimmter Werturteile. Die gemeinsamen Normen sind es, die uns verbinden, die Wege, auf denen wir zu ihnen gelangen, können recht unterschiedlich sein. Wir sollten uns deshalb davor hüten, einen bestimmten „Weg zur Wahrheit“ als den einzig verbindlichen vorzuschreiben. Humanität setzt die Achtung vor der Überzeugung des anderen voraus.

Freimaurerei ist keine Religion und will auch nicht als solche betrachtet werden. Religionen liefern umfassende Weltinterpretationen, die ihrer Natur nach exklusiv sind und sich wechselseitig ausschließen ein grundsätzlicher Konflikt, der auch durch noch so intensive ökumenische Bestrebungen nicht aufgehoben werden kann. Die Idee der Freimaurerei hingegen ist weitgehend universalistischer Natur. Sie versucht gar nicht erst, eine umfassende Weltinterpretation zu entwickeln. Die Freimaurerei kann ihrem Wesen nach offener sein, gerade weil ihre Konzeption und ihr Begründungsanspruch enger gefasst sind.

Was Maurer verbindet, ist eben kein einheitliches umfassendes Weltbild, sondern eine gemeinsame anthropologische Grundlage, ein Bild vom Menschen, aus dem sich konkrete ethische Handlungsanweisungen ableiten lassen. In der philosophischen Einordnung ist allerdings auch die humanistische Anthropologie ein „belief-system“, welches keineswegs „natürlich“ ist und deshalb, wie oftmals angenommen, „objektive“ Gültigkeit beanspruchen könnte.

Auch die Maurerei muss ihre ursprünglich naturrechtlich begründeten Vorstellungen der Ernüchterung philosophischer Analyse aussetzen; sie verliert dadurch nicht ihren Wert. Im Gegenteil, gerade weil das Bekenntnis zur Freimaurerei ein Werturteil darstellt und nicht einen religiös begründeten metaphysischen Wahrheitsanspruch, sind wir in der Lage, über die Grenzen der Religionen und ideologischer Dogmen hinweg für die Sache einer humaneren Welt zu argumentieren.

Das maurerische Ritual ist dabei funktional gesehen die Visualisierung bestimmter Ideen und Normen kraft traditioneller Symbolik, in der die ethische Konzeption sichtbar gemacht und im Bewusstsein des Maurers lebendig gehalten werden soll. So bieten unsere rituellen Arbeiten Anregung, sowohl die individuelle Kontemplation zu fördern als auch die Gruppenidentität durch wechselseitige Versicherung der gemeinsamen Grundsätze zu stärken. Dies aber kann nur gelingen, wenn die Formen des Rituals auf der einen Seite bestimmt genug sind, um den symbolisierten normativen Gehalt erkennbar werden zu lassen, und auf der anderen Seite offen genug, um den einzelnen Maurer nicht in Konflikt mit dem Bezugssystem seines individuellen Weltbildes geraten zu lassen. Nur wenn wir diesen, sicher schwierigen und doch so ungleich wichtigen Zusammenhang ernst nehmen und nicht als einen festgefügten statischen Rahmen, sondern als eine aktuelle, stets neue Gestaltungsaufgabe verstehen, können wir erreichen, dass die Freimaurerei als ein aktuelles Projekt nicht nur in unseren Köpfen lebendig bleibt, sondern auch in nennenswertem Umfang in der Welt wieder an Bedeutung gewinnt. Entscheidend dabei ist, dass die Loge ein Milieu schafft, in dem der einzelne Freimaurer in brüderlicher Auseinandersetzung seine Ideen entwickeln kann.

Durch die Arbeit an sich selbst verinnerlicht der Bruder Freimaurer die universelle Ethik und die nicht trennende, sondern integrierende Denk- und Handlungsweise der Freimaurerei.

Durch die Beherrschung der königlichen Kunst setzt er sich mit den Problemen seiner Mitmenschen und seiner Mitwelt auseinander.

Durch die aus dieser Arbeit resultierenden Geisteshaltung kann der einzelne Freimaurer nicht nur zu sich selbst finden, sondern kann auch Ideen für eine bessere Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens entwickeln.

Nicht die Freimaurerei, sondern die einzelnen Freimaurer sind dazu bestimmt, einzeln oder gemeinsam mögliche Antworten auf die offenen Fragen unserer Zeit zu finden oder ihren Beitrag zur Schaffung eines ethischen und geistigen Fundaments für die Zukunft zu leisten.

Br... Helmut Reinalter sieht für die FMei der Zukunft unter anderen folgenden Aufgaben:

  • Die Entwicklung eines geistigen Habitus[1], deren Ausprägung sich im Diskurs der Brüder gestaltet (Diskursethik)
  • Eine neue ethische Orientierung am dynamischen Wandlungsprozess der Gesellschaft
  • Die Entwicklung einer zeitgemäßen Definition des Symbols des GBAW
  • Aktive Toleranz, welche über Duldung hinaus zur Akzeptanz führt
  • Eine verstärkte Verpflichtung zur praktischen Humanität, FMei muss im Profanen konkret wirksam werden.
  • Ein neues Aufklärungs- und Vernunftdenken
  • Ein stärkeres gesellschaftspolitisches Engagement
  • Eine zeitgemäße Klärung der Frauenfrage
  • Eine verstärkte Auseinandersetzung mit den geistigen und gesellschaftlichen Strömungen der Gegenwart
  • Die Entwicklung einer aufklärerisch ideologiekritischen Haltung

Freimaurerei ist dann modern und hat Zukunft, wenn sie zeitgemäß gelebt wird, also nicht alte Antworten auf neue Fragen gibt. Ein wesentlicher Gedanke muss sein, dass die Königliche Kunst nur in der Spannung auf den Sinn der Zeit denkbar ist, der nicht nur in der Gegenwart, sondern vor allem in der Zukunft liegt. Dank ihrer toleranten, humanen und kosmopolitischen Grundlage kann sie unserem Leben und dem Leben kommender Generationen Sinn geben. Damit ist und bleibt die Freimaurerei eine moderne Idee.


[1] Bourdieu versteht unter Habitus die inkorporierte Position, die ein Mensch im sozialen Gefüge einnimmt. Er besteht aus der Gesamtheit von Haltungen, Dispositionen, Gewohnheiten und Einstellungen eines Individuums gegenüber der Welt

Grundsteinlegung

Der Begriff Tempel hat in der FMei eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist damit der symbolische Tempel der Allgemeinen Menschenliebe mit dem Salomonischen Tempel als Vorbild gemeint, zum anderen wird darunter ein geeigneter Raum verstanden, in welchem rituelle Arbeiten stattfinden. Mein BS wird sich mit dem Raum, der als Tempel Verwendung findet beschäftigen.

Der Tempel ist der besondere Logenraum, in dem Symbol und Ritual zu jener nicht bestimmten und nicht bestimmbaren Einheit werden, die masonisches Sein möglich und masonisches Ziel denkbar macht. Die Metaphorik des Raumes ordnet das Brauchtum der Freimaurer. Wir Brr... FM treffen einander zur Arbeit im Tempel.

Die Bezeichnung „Tempel“ geht zurück auf den Salomonischen Tempel, dem ersten großen, steinernen Bauwerk, das in der Bibel genannt wird. Der Salomonische Tempel galt den mittelalterlichen Dombaumeistern als ideales Vorbild, als vollkommenes Bauwerk in der Geschichte der Menschheit. In der Freimaurerei ist er die zentrale Metapher des Tempels der Humanität.

In unserer maurerischen Alltagssprache sprechen wird von den Tempeln im Logenhaus. Die Tempel sind unterschiedlich große, rechteckige Räume in unserem Logenhaus, in denen alle Einrichtungsgegenstände und Requisiten aufgestellt und vorhanden sind, derer wir für eine rituelle Tempelarbeit bedürfen. Allerdings wird dieser Raum dadurch nicht zu etwas Besonderem, etwas Heiligem. Er bleibt ein im Grunde profaner Raum, der erst durch unser Tun, unsere rituelle Arbeit zu einem Maurertempel wird. Jeder Raum kann Tempel werden, wenn Brr... FM darin arbeiten. Deswegen kann es nach meinem Verständnis keine „Tempelweihe“ geben, die einen konkreten Raum außer die Norm stellt, so wie das bei einer katholischen Kirche der Fall ist. Bewegen wir uns während der rituellen Arbeit im Tempel ausschließlich im Sonnenlauf, so gibt es vor und nach der rituellen Arbeit keinen Grund, diese Regel einzuhalten. Ein Verbot, den Tapis oder den Platz des Tapis zu betreten gilt ausschließlich während der rituellen Tempelarbeit (außer man möchte den Tapis nicht beschädigen).

In der Eröffnung der rituellen Arbeit bauen wir, geführt durch das Ritual, Schritt für Schritt den Tempel auf. Gleichzeitig schaffen dadurch wir eine Welt, die Licht ins Dunkel und Ordnung ins Chaos bringt, in welcher eine eigene Zeit und Zeitrechnung gilt. In dieser vom Alltag des profanen Lebens abgeschiedenen Welt kann während der rituellen Arbeit unser maurerisches Freimaurerdasein für unser profanes Leben eingeübt werden.

Darum freuen wir uns der anbrechenden Morgenröthe, und feiern im innersten Heiligtum die Geburt des Lichts aus der alten chaotischen Nacht, den Ursprung alles Gebildeten aus der unförmlichen Masse.[1]

Mit dem Schluss der rituellen Arbeit versinkt diese Anderswelt wieder, und der Tempel ist wieder das, was er auch vor der Arbeit war, ein rechteckiger Raum mit Einrichtungsgegenständen und Requisiten für eine maurerische Arbeit.

Im Ritualtext zur Eröffnung der Loge finden wir Elemente, wie sie werkmaurerisch ebenso beim Bau eines Gebäudes erfolgen. Allerdings ist das Ritual der Eröffnung der Loge, wie es in der GLvÖ verbindlich ist, kein reines Aufbauritual, wir finden auch Elemente des sogenannten Rituals des ewigen Tempels; so sind die drei Kleinen Lichter bereits aufgestellt und der Tapis ist offen aufgelegt.

Zunächst wird der Bauplatz in der Wechselrede zwischen MvSt und den beiden Aufsehern abgesteckt. Der Tempel reicht von Ost nach West, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Der MvSt im Osten beherrscht mit seinem Alter Ego, dem TH im Westen, die symbolische Mittelachse. Wie die aufgehende Sonne trägt der MvSt das Licht aus dem Osten in die Loge. Damit erleuchtet er die Loge und leitet die Arbeit der Brr....

Die Entwicklung alles Vollkommenen aus dem Unvollkommenen. Die Entstehung reiner Gedanken aus der Hülle der Vorurtheile.[2]

Der 1. Aufseher im Südwesten und der 2. Aufseher im Nordwesten markieren den Süden und den Norden und damit Hochmittag und Hochmitternacht, den höchsten und den tiefsten Stand der Sonne.

Zusammen mit der Orientierung an den Himmelsrichtungen ist damit ist nicht nur eine örtliche, sondern auch eine zeitliche Ausrichtung festgelegt; Hochmittag und Hochmitternacht, Morgen und Abend, Sommer- und Wintersolstitium, Frühjahrs- und Herbstäquinoktium. Dort, wo sich diese Achsen kreuzen, ist der Mittelpunkt, das Zentrum definiert, welches zu betreten Tabu ist. Im Zentrum liegt der Tapis, der symbolische Bauplan von Welt und Loge.

[Die Loge] ist unbegrenzt … sie reicht vom Aufgange bis zum Niedergange und ihr Ursprung bis an der Welt Anbeginn[3]

Wir sagen, der Tempel reicht vom Zenith bis zum Nadir. Das markiert der 2. Aufsehr mit dem Senkblei über dem Mittelpunkt. Der 1. Aufseher prüft mit der Setzwaage, ob der Bauplatz auch waagrecht ist. Gemeinsam bilden sie mit ihren Werkzeugen einen rechten Winkel.

Die Knotenschnur, die wir auf dem Tapis finden, dient dazu, einen rechten Winkel ohne weitere Hilfsmittel zu konstruieren. Dem liegt der Lehrsatz des Pythagoras, die Summe der Katheten Quadrate ist gleich dem Hypotenusen Quadrat, zu Grunde. Das einfachste rechtwinkelige Dreieck mit ganzzahligen Seitenlängen ist ein Dreieck mit den Seitenlängen 3 – 4 – 5 (Summe 12), was den Knoten auf der Knotenschnur entspricht.

Die Grundsteine des Baus werden im Nordosten im rechten Winkel gelegt. Das Vorrecht, die Grundsteine zu legen, kommt dem Bauherrn oder dessen Vertreter zu. In der Loge ist der Vertreter des Bauherrns meinem Verständnis nach der Redner, denn historisch gesehen, dürfte die Funktion des Redners aus der Funktion des Proviseur entstanden sein. Die Auftraggeber der mittelalterlichen Kathedralen waren die Domkapitel. Diese entsandten einen Vertreter, den Proviseur, in die Bauhütte. Im Gegensatz zum Meister der Dombauhütte, der die planerische und operative Leitung der Arbeiten verantwortete, hatte der Proviseur die oberste Bauleitung über.

Die beiden Säulen J und B grenzen den Tempel gegen den Saal der Verlorenen Schritte ab. Durch die Spannung dieser beiden einander entgegengesetzten Pole, männlich – weiblich, aktiv – passiv, entsteht die Schwelle des Tempels, die nur mit dem besonderen Schritt des jeweiligen Grades überwunden werden kann. Ausschließlich der TH, dessen Platz im Saal der Verlorenen Schritte ist, vermag die Schwelle ohne Weiteres jederzeit überschreiten, denn nur er kann problemlos zwischen drinnen und draußen, Permanenz und Immanenz, Profanum und Fanum wechseln.

An der Nordseite des Altars liegt der rauhe Stein und an der Südseite des Altars der glatte, behauene Stein. Beide Steine erinnern den Br... immer an seine Aufgabe als FM, die Arbeit an sich selbst. Der Br... als aktiv handelndes Subjekt wird durch seine Arbeit am Rauhen Stein selbst zum Objekt seines maurerischen Tuns, an dem er mit dem Meißel der Weisheit und dem Hammer der Stärke arbeitet, um das Ziel, die Schönheit, den glatten Stein zu erreichen.

Mit dem Entzünden der Kleinen Lichter, Weisheit, Stärke, Schönheit, den Säulen, auf denen die Loge ruht, und dem Auflegen der Großen Lichter, Bibel, dem Licht über uns, dem Winkelmaß, dem Licht in uns, und dem Zirkel, dem Licht um uns, ist der Tempel fertig errichtet und eingerichtet. Der Tapis muss nicht extra aufgelegt werden, denn im Ritual der GLvÖ ist der Tapis bereits vor Eröffnung der L aufgeschlagen.

Damit ist der Raum, eben der Tempel, für unsere symbolische Arbeit errichtet. Die symbolische Arbeit kann das Baustück eines Br... als Ausdruck seiner geistigen Arbeit genauso sein wie eine Aufnahme oder eine Wahlarbeit.

Der Rückbau des Tempels zu einem profanen Raum erfolgt rasch und verhältnismäßig einfach. Nach der Rundfrage und einem Werk der Liebe löscht der MvSt gemeinsam mit den beiden Aufsehern die drei Kleinen Lichter; er schließt das geheiligte Buch des Gesetzes und trennt Winkel und Zirkel. Bevor diese Welt des Lichts und der Ordnung komplett erlischt, das heißt, das erhöhte Energieniveau wieder absinkt, schließen wir die Kette brüderlicher Zusammengehörigkeit. Durch die Bildung der Kette fokussieren wir unsere geistigen Kräfte und nehmen so die Energie der rituellen Arbeit in uns auf, um diese mit in unser profanes Leben zu nehmen und so unseren Auftrag als FM zu erfüllen. An diesen Auftrag erinnert uns der Br... Redner vor dem Schluss der Arbeit:

…Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie hier [in der Loge] durch das Wort im Leben durch die Tat walten zu lassen…[4]

Ehrwürdige Br... Meister, würdige und geliebte Brr..., ich habe meine Arbeit getan. Die L ist geschlossen.


[1] Karl Philip Moritz, die große Loge, Berlin 1793

Karl Philip Moritz (1756 – 1793) deutscher Schriftsteller des Sturm und Drangs war seit 1779 Mitglied der Berliner Loge „Zur Beständigkeit, GLL FvD FO

[2] Ibd.

[3] Ibd.

[4] Rituale der GLvÖ