
Der Begriff Tempel hat in der FMei eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist damit der symbolische Tempel der Allgemeinen Menschenliebe mit dem Salomonischen Tempel als Vorbild gemeint, zum anderen wird darunter ein geeigneter Raum verstanden, in welchem rituelle Arbeiten stattfinden. Mein BS wird sich mit dem Raum, der als Tempel Verwendung findet beschäftigen.
Der Tempel ist der besondere Logenraum, in dem Symbol und Ritual zu jener nicht bestimmten und nicht bestimmbaren Einheit werden, die masonisches Sein möglich und masonisches Ziel denkbar macht. Die Metaphorik des Raumes ordnet das Brauchtum der Freimaurer. Wir Brr... FM treffen einander zur Arbeit im Tempel.
Die Bezeichnung „Tempel“ geht zurück auf den Salomonischen Tempel, dem ersten großen, steinernen Bauwerk, das in der Bibel genannt wird. Der Salomonische Tempel galt den mittelalterlichen Dombaumeistern als ideales Vorbild, als vollkommenes Bauwerk in der Geschichte der Menschheit. In der Freimaurerei ist er die zentrale Metapher des Tempels der Humanität.
In unserer maurerischen Alltagssprache sprechen wird von den Tempeln im Logenhaus. Die Tempel sind unterschiedlich große, rechteckige Räume in unserem Logenhaus, in denen alle Einrichtungsgegenstände und Requisiten aufgestellt und vorhanden sind, derer wir für eine rituelle Tempelarbeit bedürfen. Allerdings wird dieser Raum dadurch nicht zu etwas Besonderem, etwas Heiligem. Er bleibt ein im Grunde profaner Raum, der erst durch unser Tun, unsere rituelle Arbeit zu einem Maurertempel wird. Jeder Raum kann Tempel werden, wenn Brr... FM darin arbeiten. Deswegen kann es nach meinem Verständnis keine „Tempelweihe“ geben, die einen konkreten Raum außer die Norm stellt, so wie das bei einer katholischen Kirche der Fall ist. Bewegen wir uns während der rituellen Arbeit im Tempel ausschließlich im Sonnenlauf, so gibt es vor und nach der rituellen Arbeit keinen Grund, diese Regel einzuhalten. Ein Verbot, den Tapis oder den Platz des Tapis zu betreten gilt ausschließlich während der rituellen Tempelarbeit (außer man möchte den Tapis nicht beschädigen).
In der Eröffnung der rituellen Arbeit bauen wir, geführt durch das Ritual, Schritt für Schritt den Tempel auf. Gleichzeitig schaffen dadurch wir eine Welt, die Licht ins Dunkel und Ordnung ins Chaos bringt, in welcher eine eigene Zeit und Zeitrechnung gilt. In dieser vom Alltag des profanen Lebens abgeschiedenen Welt kann während der rituellen Arbeit unser maurerisches Freimaurerdasein für unser profanes Leben eingeübt werden.
Darum freuen wir uns der anbrechenden Morgenröthe, und feiern im innersten Heiligtum die Geburt des Lichts aus der alten chaotischen Nacht, den Ursprung alles Gebildeten aus der unförmlichen Masse.[1]
Mit dem Schluss der rituellen Arbeit versinkt diese Anderswelt wieder, und der Tempel ist wieder das, was er auch vor der Arbeit war, ein rechteckiger Raum mit Einrichtungsgegenständen und Requisiten für eine maurerische Arbeit.
Im Ritualtext zur Eröffnung der Loge finden wir Elemente, wie sie werkmaurerisch ebenso beim Bau eines Gebäudes erfolgen. Allerdings ist das Ritual der Eröffnung der Loge, wie es in der GLvÖ verbindlich ist, kein reines Aufbauritual, wir finden auch Elemente des sogenannten Rituals des ewigen Tempels; so sind die drei Kleinen Lichter bereits aufgestellt und der Tapis ist offen aufgelegt.
Zunächst wird der Bauplatz in der Wechselrede zwischen MvSt und den beiden Aufsehern abgesteckt. Der Tempel reicht von Ost nach West, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Der MvSt im Osten beherrscht mit seinem Alter Ego, dem TH im Westen, die symbolische Mittelachse. Wie die aufgehende Sonne trägt der MvSt das Licht aus dem Osten in die Loge. Damit erleuchtet er die Loge und leitet die Arbeit der Brr....
Die Entwicklung alles Vollkommenen aus dem Unvollkommenen. Die Entstehung reiner Gedanken aus der Hülle der Vorurtheile.[2]
Der 1. Aufseher im Südwesten und der 2. Aufseher im Nordwesten markieren den Süden und den Norden und damit Hochmittag und Hochmitternacht, den höchsten und den tiefsten Stand der Sonne.
Zusammen mit der Orientierung an den Himmelsrichtungen ist damit ist nicht nur eine örtliche, sondern auch eine zeitliche Ausrichtung festgelegt; Hochmittag und Hochmitternacht, Morgen und Abend, Sommer- und Wintersolstitium, Frühjahrs- und Herbstäquinoktium. Dort, wo sich diese Achsen kreuzen, ist der Mittelpunkt, das Zentrum definiert, welches zu betreten Tabu ist. Im Zentrum liegt der Tapis, der symbolische Bauplan von Welt und Loge.
[Die Loge] ist unbegrenzt … sie reicht vom Aufgange bis zum Niedergange und ihr Ursprung bis an der Welt Anbeginn[3]
Wir sagen, der Tempel reicht vom Zenith bis zum Nadir. Das markiert der 2. Aufsehr mit dem Senkblei über dem Mittelpunkt. Der 1. Aufseher prüft mit der Setzwaage, ob der Bauplatz auch waagrecht ist. Gemeinsam bilden sie mit ihren Werkzeugen einen rechten Winkel.
Die Knotenschnur, die wir auf dem Tapis finden, dient dazu, einen rechten Winkel ohne weitere Hilfsmittel zu konstruieren. Dem liegt der Lehrsatz des Pythagoras, die Summe der Katheten Quadrate ist gleich dem Hypotenusen Quadrat, zu Grunde. Das einfachste rechtwinkelige Dreieck mit ganzzahligen Seitenlängen ist ein Dreieck mit den Seitenlängen 3 – 4 – 5 (Summe 12), was den Knoten auf der Knotenschnur entspricht.
Die Grundsteine des Baus werden im Nordosten im rechten Winkel gelegt. Das Vorrecht, die Grundsteine zu legen, kommt dem Bauherrn oder dessen Vertreter zu. In der Loge ist der Vertreter des Bauherrns meinem Verständnis nach der Redner, denn historisch gesehen, dürfte die Funktion des Redners aus der Funktion des Proviseur entstanden sein. Die Auftraggeber der mittelalterlichen Kathedralen waren die Domkapitel. Diese entsandten einen Vertreter, den Proviseur, in die Bauhütte. Im Gegensatz zum Meister der Dombauhütte, der die planerische und operative Leitung der Arbeiten verantwortete, hatte der Proviseur die oberste Bauleitung über.
Die beiden Säulen J und B grenzen den Tempel gegen den Saal der Verlorenen Schritte ab. Durch die Spannung dieser beiden einander entgegengesetzten Pole, männlich – weiblich, aktiv – passiv, entsteht die Schwelle des Tempels, die nur mit dem besonderen Schritt des jeweiligen Grades überwunden werden kann. Ausschließlich der TH, dessen Platz im Saal der Verlorenen Schritte ist, vermag die Schwelle ohne Weiteres jederzeit überschreiten, denn nur er kann problemlos zwischen drinnen und draußen, Permanenz und Immanenz, Profanum und Fanum wechseln.
An der Nordseite des Altars liegt der rauhe Stein und an der Südseite des Altars der glatte, behauene Stein. Beide Steine erinnern den Br... immer an seine Aufgabe als FM, die Arbeit an sich selbst. Der Br... als aktiv handelndes Subjekt wird durch seine Arbeit am Rauhen Stein selbst zum Objekt seines maurerischen Tuns, an dem er mit dem Meißel der Weisheit und dem Hammer der Stärke arbeitet, um das Ziel, die Schönheit, den glatten Stein zu erreichen.
Mit dem Entzünden der Kleinen Lichter, Weisheit, Stärke, Schönheit, den Säulen, auf denen die Loge ruht, und dem Auflegen der Großen Lichter, Bibel, dem Licht über uns, dem Winkelmaß, dem Licht in uns, und dem Zirkel, dem Licht um uns, ist der Tempel fertig errichtet und eingerichtet. Der Tapis muss nicht extra aufgelegt werden, denn im Ritual der GLvÖ ist der Tapis bereits vor Eröffnung der L aufgeschlagen.
Damit ist der Raum, eben der Tempel, für unsere symbolische Arbeit errichtet. Die symbolische Arbeit kann das Baustück eines Br... als Ausdruck seiner geistigen Arbeit genauso sein wie eine Aufnahme oder eine Wahlarbeit.
Der Rückbau des Tempels zu einem profanen Raum erfolgt rasch und verhältnismäßig einfach. Nach der Rundfrage und einem Werk der Liebe löscht der MvSt gemeinsam mit den beiden Aufsehern die drei Kleinen Lichter; er schließt das geheiligte Buch des Gesetzes und trennt Winkel und Zirkel. Bevor diese Welt des Lichts und der Ordnung komplett erlischt, das heißt, das erhöhte Energieniveau wieder absinkt, schließen wir die Kette brüderlicher Zusammengehörigkeit. Durch die Bildung der Kette fokussieren wir unsere geistigen Kräfte und nehmen so die Energie der rituellen Arbeit in uns auf, um diese mit in unser profanes Leben zu nehmen und so unseren Auftrag als FM zu erfüllen. An diesen Auftrag erinnert uns der Br... Redner vor dem Schluss der Arbeit:
…Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie hier [in der Loge] durch das Wort im Leben durch die Tat walten zu lassen…[4]
Ehrwürdige Br... Meister, würdige und geliebte Brr..., ich habe meine Arbeit getan. Die L ist geschlossen.
[1] Karl Philip Moritz, die große Loge, Berlin 1793
Karl Philip Moritz (1756 – 1793) deutscher Schriftsteller des Sturm und Drangs war seit 1779 Mitglied der Berliner Loge „Zur Beständigkeit, GLL FvD FO
[2] Ibd.
[3] Ibd.
[4] Rituale der GLvÖ