Instruktion für neu aufgenommene Brüder

Die FM-ei lehrt nicht durch Worte und Bücher, die FM-ei lehrt durch ihr Ritual und das Erleben und Ausführen des Rituals. Sie ist der festen Überzeugung, dass noch so gut gemeinte Vorträge ihr Ziel nicht erreichen. Was euch jungen Brr... in unserer L mitzuteilen ist, das sollt ihr aus der Logenpraxis erfahren können. Die Logenpraxis führt euch zu näherem Verständnis der FM-ei.

 

Den Auftrag des alten Gelöbnisses…Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie hier [in der L] durch das Wort, im Leben durch die Tat walten zu lassen.[1]… erneuert der Br... Redner vor dem Schluss der L stellvertretend für uns alle aufs Neue. Was in der L geschieht, haben wir euch, meine lieben Brr..., versucht im Rahmen des Instruktionsrituals zu erklären. Wie maurerisches Tun im Leben durch die Tat aussieht, aussehen kann, müsst ihr, muss ein jeder von uns lernen.

 

Allerdings sucht ihr einen Katalog, an dem ihr erkennen könnt, dass ihr richtig handelt, vergeblich, denn sie [die Bruderschaft der Freimauer] denkt nicht dogmatisch.[2] Denn das Dogma ist der gefährlichste Feind des Wissens; nicht die Unkenntnis schlechthin, sondern die Unkenntnis, die sich als Wahrheit durchsetzen will, ist das, was die Erkenntnis in ihrem eigentlichen und tiefsten Kern angreift. Denn hier handelt es sich nicht um Irrtum, sondern um Trug; nicht um eine unwillkürlich entstandene Illusion, sondern um die Täuschung des Geistes, in die er durch seine eigene Schuld verfällt und in die er sich immer tiefer verstrickt.[3]

 

In den Belehrungen des MvSt nach der ersten Reise habt ihr Hinweise bekommen, was die Tugenden und Pflichten eines Br... sein sollen; geistige Freiheit, Achtung vor der Überzeugung anderer, Liebe zu den Mitmenschen, Gewissenhaftigkeit im Beruf, zielbewusste Wohltätigkeit, Geduld und Standhaftigkeit im Leiden, Bescheidenheit im Glück[4]. Die Methode euer Ziel zu erreichen, habt ihr vom MvSt und den beiden Aufsehern am Ende der drei Reisen erfahren; erkenne dich selbst – beherrsche dich selbst – veredle dich selbst.

 

Wir Brr... FM nehmen die augenfällige Unvollkommenheit des Menschen, ohne zu werten, zur Kenntnis. Das Verständnis der FM-ei setzt diesen Zustand der Unvollkommenheit als naturgegeben voraus und fragt – anders als die Religionen – nicht nach dessen Ursache. Denn so wie im Steinbruch kein Stein dem anderen gleicht, ist der Mensch – wie Kant sagt – aus krummen Holz geschnitzt. Gefährlich wird es dann, wenn eine sogenannte, oder selbsternannte Autorität das krumme Holz geradebiegen will. Die FM-ei steht ganz in der Tradition der Aufklärer, die davon überzeugt sind, dass ein Fortschritt des Menschen in moralischer Hinsicht durch eigenes Tun möglich ist, ohne dass der Mensch die Erlösungstat eines Gottes benötigt. Die FM-ei selbst verbessert den Menschen allerdings nicht, sie gibt auch keine konkreten Ziele vor. Die FM-ei ist nämlich der festen Überzeugung, dass es in moralischer Hinsicht kaum eine für alle Menschen gültige Norm gibt. Diese, seine persönliche Norm muss sich jeder Einzelne für sich selbst permanent erarbeiten.

 

Was die FM-ei versucht, ist, dem Br... Werkzeuge anzubieten, damit er erkennen kann, was er tun muss, um sein Ziel zu erreichen und der behauene Stein zu werden. Jeder Br... soll daran arbeiten, der zu werden, der er sein könnte, das heißt menschenähnlicher und nicht gottähnlicher zu werden. Freimaurerische Menschenbildung zielt auf den Menschen als Menschen und nicht auf den Menschen als Patrioten, Christen etc. Die FM-ei stellt nicht Standesunterschiede, konfessionelle Unterschiede Hautfarben oder Nationalitäten in den Vordergrund, sondern die Unterschiede, die sich Menschen durch Arbeit und Leistung erworben haben.[5] Die FM-ei will ihr Ziel, alle Menschen als Glieder einer einzigen Familie zu vereinen und [diese] mit solcher sittlicher Kraft und solcher Humanität erfüllen[6], dass sie einander als Brüder anerkennen, lieben und helfen, durch die Veredelung des Einzelnen[7] erreichen. Die Brr... sollen Vorbildfunktion haben und so den Fortschritt der Menschheit zur Humanität auf dem friedlichen Weg der Belehrung und Bildung erreichen.[8] Symbol dafür ist der Tempel der Humanität oder Weisheitstempel, eine mystische Vision. Im selben Zusammenhang habt ihr erfahren, was die FM-ei ablehnt, religiöse Unduldsamkeit, politische Zwietracht, rassische Vorurteile, sozialen Hader und nationalen Hass.[9]

 

Was in ethisch – moralischer Hinsicht zu erwarten ist, haben wir im Umgang mit Menschen in der Praxis erlernt. Wer mit Menschen zu tun hat, die einen anderen Glauben, eine andere Kultur, andere Gewohnheiten und andere Sitten haben als man selbst, gewinnt einerseits ein Bild von den sich überall gleich ausbildenden Werten und gewöhnt sich andererseits an die Unterschiede. Er lernt dabei, seine eigene Auffassung für weniger wichtig zu nehmen.[10]

 

Die Spielregeln, wie ein Ausgleich von Interessenskonflikten zwischen Individuen stattfinden kann, bietet die Ethik. Es geht um objektive Angemessenheit von Handlungen an Hand von immer neu fest zu legenden Spielregeln von Fairness. Ethische Argumentation zielt auf die faire Lösung von Interessenskonflikten zwischen zwei Parteien. In dem Maß, als die FM-ei dogmenlos ist, muss jeder Br... im Rahmen seines maurerischen Wegs selbst beantworten, was Inhalt des Sittengesetzes ist, was ethisch vertretbar ist. Die negative Bestimmung wird damit zur Gewähr dafür, dass nicht übernatürliche Autoritäten die moralischen Inhalte definieren, sondern dass diese aus der Praxis für die Praxis menschlichen Lebens entstehen. Mit diesem Tun in der Praxis beschäftigt sich Tugendethik, wie sie uns in unserem Ritual vorgestellt wird. Diese steht im Kontrast zur einen akademischen ethischen Theorie. Tugend können wir nicht theoretisch lernen, in der Tugend werden wir nur tüchtig durch Tun, denn unser Gehirn können wir nur durch Tätigkeit programmieren[11]. FM-ei ist Einübungsethik[12], und die Arbeit im Tempel hilft uns bei dieser Übung. Lessing hat die FM-ei durch den Satz „Laut Denken mit dem Freund“ charakterisiert.

 

Max Weber spricht davon, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann gesinnungsethisch oder verantwortungsethisch orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt … oder unter der verantwortungsethischen: [d.h.] dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Der Verantwortungsethiker … rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, er hat […] gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen… [auch] fühlt er sich nicht in der Lage, die Folgen des eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen[13].

 

Der Freimaurer kennt keine Gesinnungsethik, denn gerade in der undogmatischen FM-ei kann er, wenn er ethisch denken und handeln will, sein Handeln nur an den geplanten Ergebnissen ausrichten und daran, ob diese Ergebnisse zu verantworten sind. Konkret müssen wir als maurerische Verantwortungsethiker vor einer Handlung die Folgen derselben in Bezug auf Humanität einschätzen.

 

Die FM-ei ist, wie die Aufklärer, davon überzeugt, dass der einzelne Mensch aus reiner Vernunft im Stande ist, nicht nur sich selbst zu verbessern, sondern auch dem Sittengesetz zu gehorchen. Kant hat die reine Vernunft als oberste Instanz des Handelns des Menschen postuliert. Schon Schopenhauer und Nietzsche zweifelten an der reinen Vernunft als die Instanz, die Motor eines moralisch, sittlichen Handelns sein sollte. Für Nietzsche war Vernunft alter Wein in neuen Schläuchen. Was vormals im Namen Gottes als Menschenpflicht auftrat, findet sich in säkularisierter Verkleidung unter dem Deckmantel der Vernunft wieder: natur- und leibfeindliche Imperative. Für Horkheimer und Adorno ist in der Tradition Nietzsches die Vernunft formalisiert; das Mittel wird fetischiert, es absorbiert die Lust.[14]

 

Und tatsächlich geht dieses Konzept der reinen Vernunft oft genug nicht auf. Manchem Menschen mag es zu blutleer erscheinen. Es braucht genauso das Gefühl, die Hoffnung, den Luxus des Überflusses, die Grenzüberschreitung (Transgression). Erst Freud hat uns darauf hingewiesen, dass diese Grenzüberschreitungen ein Ausdruck innerer Freiheit sind, dass wir uns nur dann als Individuen entdecken können, wenn wir uns den Regeln und Idealen des Kollektivs gegenüber schuldig machen.[15]

 

Die FM-ei hat um dieses Dilemma wohl schon immer instinktiv gewusst. Denn so sehr sich die Brr... der Aufklärung verpflichtet fühlen, die Arbeit mit Ritual und Symbol spricht beide Seiten im Menschen an. FM-ei war und ist immer beides, Emotio und Ratio, Gefühl und Intellekt, Hermetik und Aufklärung, wohl immer in verschiedenen Mischungsgraden; aber die eine ohne die andere Seite zerstört die FM-ei. Schließlich gibt es auch die eine FM-ei nicht – abgesehen von der Organisation Großloge und Loge – sondern so viele Freimaurereien als es Brr... gibt, die FM-ei leben und erleben. Das Recht von sieben Brr... MM, sich gemeinsam zu einer L zusammenzuschließen, ist der beste Schutz vor einseitiger Entwicklung in welche Richtung auch immer. Damit erfinden die Brüder ihre FM-ei in der L gemeinsam immer wieder neu, mit jedem neuen Br... ändert sich der Charakter und die Ausrichtung der L ein wenig. Damit bleibt die FM-ei, die L, stets lebendig.

[1] Ritual der Lehrlingsloge, GLvÖ

[2] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[3] Cassirer Ernst, Philosophie der Aufklärung, Tübingen 1932

[4] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[5] Grün Klaus-Jürgen, Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek, Verlag Traugott Bautz, 2006

[6] Ritual der Rezeption, GLvÖ

[7] Ibd.

[8] Ibd.

[9] Ibd.

[10] Grün Klaus – Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion, Edition Temmen 2012

[11] Grün Klaus – Jürgen, Menschenähnlichkeit, zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion, Edition Temmen 2012

[12] Hammacher Klaus, Einübungsethik – Überlegungen zu einer freimaurerischen Verhaltenslehre. Festschrift zum 75. Geburtstag des Autors, Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth Nr. 45/2005

[13] Weber Max, Politik als Beruf, 1919

[14] Grün Klaus-Jürgen, Philosophie der Freimaurerei, eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek, Verlag Traugott Bautz, 2006

[15] Blom Philipp, gefangen im Panoptikum, Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart, Residenz Verlag 2017

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