Das Baustück

Das Baustück als zentraler Punkt unserer Tempelarbeit und sichtbares und fassbares Dokument unserer geistigen Arbeit ist ein Spezifikum der österreichischen Freimaurerei. In vielen anderen Obödienzen beschränkt sich die Arbeit auf das Ritual, gelegentliche Festvorträge zu besonderen Anlässen oder Konferenzarbeiten und Tafellogen. Br... Schönmann berichtet über die Geschichte des BS: Da das österreichische Äquivalent zur englischen Royal Society erst fast 200 Jahre später im Jahre 1848 gegründet wurde, dürfte das Fehlen einer solchen Organisation sicherlich der Grund gewesen sein, dass die Anregung Ignaz von Borns, in den Logen wissenschaftliche Vorträge zu halten, von Angelo Soliman… so leidenschaftlich unterstützt wurde und es so zu dieser Einführung kam. Hier wurde freimaurerisches Neuland betreten, denn die Wahre Eintracht war die erste Loge, die Baustücke im heutigen Sinn einführte.

Wir sprechen heute selbstverständlich von einem Baustück, früher sprach man von Bausteinen. Wir legen eine Zeichnung auf, der Br... xy zeichnet über…, er macht eine Werkzeichnung oder einen Bauriss. Die Brr... LL legen vor ihrer Lohnerhöhung ein Gesellenstück, die Brr... GG ein Meisterstück auf, alle haben nach ihrer Aufnahme eine Selbstzeichnung aufgelegt und auch uns Brr... MM steht es gut an, gelegentlich eine Selbstzeichnung im Sinne unserer Selbstreflexion aufzulegen.

Unser vollendeter Br... Gutenbrunner definiert ein BS wie folgt: Ein Baustück ist ein Spiegelbild dessen, der es macht, es zeigt sein Herz, seine Intelligenz, den Charakter, es zeigt auf der jeweiligen Stufe eigener und fremder Bildung und des Unterrichts von Zeit und Ewigkeit, was einer für wichtig und der Mitteilung für wert hält. Es zeigt seine Unterscheidungsgabe, und von Mal zu Mal, in aufeinander folgenden Entwürfen, was sich im Laufe der Welt und im Fortschritt am Rauen Stein aufdrängt, wozu er sich ermächtigt, was er uns zumutet und wo er Stand zu halten verspricht. Ein Baustück zeigt, wie einer sich immer mehr von allen Seiten ausbildet und die Bildung seiner Kräfte nach und nach zu einem Ganzen bringt.

Ob einer sein Baustück auf eine konkrete Angelegenheit richtet, oder ob er abstrahiert und, jeden Realismus übergehend, in freien Höhen der Spekulation schweben will und idealistisch redet, das ist egal, es muss nicht auf unmittelbare Wirkung zugespitzt sein. Das Wort kann Samen gleich ausgestreut werden, der erst in Zukunft reift. Eines ist gleicherweise unerlässlich: der brüderliche Appell und der Reflex auf das Ideal der unsichtbaren-sichtbaren Gesellschaft der Maurerei.

Es ist eine ordentliche Zahl BS, die so in einem Arbeitsjahr zusammen kommt. Bei zwei Monaten Sommerferien, drei Wochen Weihnachts- und Osterferien, diversen Festarbeiten, die rituelle Baustücke nach sich ziehen, die Instruktionen, sind es etwa 30 Baustücke pro Jahr, die eine Loge benötigt. Natürlich können wir jederzeit Gäste einladen, die uns eine Zeichnung legen sollen. Wir tun das in der Tat gerne, weil wir so die brüderliche Verbundenheit mit anderen LL und einzelnen Brr... fördern, dennoch möge jeder Br... selbst prüfen, ob er seiner Verpflichtung zur Arbeit am rauen Stein nachgegangen ist und die Spitzhacke auch in dieser Hinsicht genügend oft geschwungen hat. Oder ob er, übermäßig und ungebührlich, lediglich vom Fleiß seiner Brüder profitierte.

Grundsätzlich ist jeder Br... in der Thematik seines BS frei – cf. Die Definition Gutenbrunner -, lediglich die Alten Pflichten verbieten uns die Auseinandersetzung über Politik und Religion bzw. Konfession, was allerdings nicht ausschließt, dass man aktuelle Fragen auf geistig – philosophischer Ebene betrachtet. Guter Brauch ist es, dass sich jedes BS – sei sein Thema auch noch so profan – irgendwann in eine maurerische Richtung wendet, was manchmal gerade für die Zuhörer besonders spannend wird (…wie hier durch das Wort, im Leben durch die Tat…).

Ob der Titel in langer Form fast schon eine Inhaltsangabe des BS sein soll oder als geheimnisvoller Teaser wirken soll, bleibt dem einzelnen Br... überlassen. In jedem Fall sollte er dem Literarischen Komitee in kurzen Worten vorher schildern, worüber er zeichnen will, denn das Literarische Komitee ist mehr als ein Postkasten oder Sekretariat. Die Länge eines BS sollte zwischen 15 und 45 Minuten liegen, idealerweise zwischen 20 und 30 Minuten.

Das BS kann jedoch nicht allein bestehen, es braucht das brdl... Gespräch an der Weißen Tafel (…der Bau des Weisheitstempels kann nur in gemeinsamer brüderlicher Arbeit erfolgen…). erst durch das brdl... Gespräch wird aus dem Werkstück eines einzelnen Br... das Werk aller Brr... Noch einmal Br... Gutenbrunner: Die Präsenz an der Weißen Tafel ist Teil der Arbeit und gleichfalls Pflicht; wird aber immer wieder verletzt. Und das geht nicht an; denn wir sind kein lockerer Verein, sondern eine Ordnung, in welcher, ohne besonderen Grund und Erlass, nicht die geringste Änderung statthaft ist. Möge jeder einzelne Bruder erkennen, dass in allen Teilen der Maurerei das Ganze herrscht. Es gibt hier nicht Willkür und Beliebigkeit, sondern durchwegs wirkliches Verhältnis. Wer sich im Tempel nur passiv vom Ritual und dem Baustück berieseln lässt und danach gleich weggeht, stellt sich außerhalb der Logengemeinschaft. Erst wenn er aktiv am Gespräch – wenigstens durch das geistige Bewerten und Überdenken der Beiträge anderer Brüder, wenn schon nicht durch eigene Wortmeldungen – teilnimmt, hat er einen persönlichen Gewinn daran, dass er die Materie des Baustücks reflektiert hat und dass dabei er und die Brüder einander besser kennen gelernt haben.

In unserer Loge verwenden wir bewusst den Begriff Brüderliches Gespräch an der Weißen Tafel. Es ist Teil unseres Rituals, wie wir dieses Gespräch abhalten. Es handelt sich eben nicht um eine Diskussion, in der es darum geht den Gesprächspartner mit den besseren Argumenten zu überzeugen, sondern es ist das Ziel, den Br... und seine Meinung besser kennen zu lernen. Das Brüderliche Gespräch gibt auch den Raum eine Meinung in einem freundlichen Umfeld zu erproben. Dafür unterwerfen wir uns alle strengen Regeln. Wir halten uns strikt an die Rednerliste, Rede und Gegenrede sind nicht vorgesehen, sogenannte AdHoc’s sind verboten. Natürlich hat jeder Br... das Recht und auch die Pflicht seinen Baustein beizutragen, daher stehen auch jedem Br... die Wörter zu. Ausgesprochen unbrüderlich empfinde ich es allerdings, wenn ein Br..., weil er zufällig auch zu dem Thema Bescheid, ein Co-Baustück hält, oder sich bemüßigt sieht, das BS auf allfällige Fehler zu zerpflücken. Das BS ist das Werk eines konkreten Br..., der auf seinem persönlichen Weg genau dort angelangt ist, wo er jetzt steht und das seinen Brr... zeigt.

Immer wieder wird es BS geben, nach denen ein Brüderliches Gespräch nicht oder nur schwer möglich ist; Instruktionen und Selbstzeichnungen fallen in diese Kategorie, auch nach Zeichnungen im 3.° ist ein Brüderliches Gespräch nicht Routine, was aber meines Erachtens damit zusammenhängt, dass nach einer Meisterarbeit nicht immer eine Weiße Tafel folgt. Ich meine, der Br..., der die Zeichnung auflegt, sollte im speziellen Einzelfall entscheiden, ob er in ein offizielles, rituelles Brüderliches Gespräch mit den Brr... eintreten will. Für mich ist das Brüderliche Gespräch ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit, ich lerne mehr über meine Brr..., kann meinen Teil – so vorhanden – zum großen Werk beitragen. Oft war für mich das Brüderliche Gespräch erst das, was ein BS abgerundet oder – um in unserem Vokabular zu bleiben – erst richtig winkelig gemacht hat; wahrscheinlich braucht es den Mörtel der Brüderlichkeit, um tatsächlich eine feste Mauer zu bilden.

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