Die Freimaurerei in der Ausprägung, wie sie die GLvÖ betreibt, ist ein reiner Männerbund, denn wir nehmen die Alten Pflichten wörtlich, in denen der Freimaurer als Mann von gutem Ruf definiert wird. Dennoch kennen wir den Begriff Schwester.
Mit Schwester wird die Frau bezeichnet, die dem Herzen des Br... am nächsten steht. Ihr entbieten wir bei der Aufnahme mit einer Rose und einem zweiten Paar weiße Handschuhe unsere Ehrerbietung. Der VM erzählt dazu meist die Geschichte, dass Br... Goethe der Frau von Stein die weißen Handschuhe überreicht hätte und dass diese Handschuhe nur einmal überreicht werden könnten. Und da beginnen bereits die Probleme mit dem Begriff Schwester, wie wir sie aus meiner Sicht heute haben.
Die Frau, die meinem Herzen am nächsten steht, muss zunächst nicht die sein, mit der ich Tisch und Bett teile. Nun das war bei Br... Goethe auch schon so. Mit der Frau von Stein teilte er seine intellektuellen Interessen, für alles andere hatte er Christiane Vulpius, die auch die Mutter seines Sohnes wurde. Dieser Schwesternbegriff geht von der Zielvorstellung der lebenslangen Beziehung aus, die aber in Zeiten immer längerer Lebensdauer und damit verbunden Lebensabschnittspartnern immer seltener wird.
Wir veranstalten Schwesternabende, zu diesen werden üblicher Weise die Damen mitgenommen, mit denen die Brr... aktuell zusammen sind. Ich erinnere mich an einen Br..., der jedes Jahr mit einer anderen zum Schwesternabend erschien. Waren sie deshalb alle Schwestern? Andererseits, welches Vorrecht räumen die weißen Handschuhe der Frau ein, von der ich mich oder die sich von mir getrennt hat? Ist dann die Frau, mit der ich aktuell glücklich bin und mit der ich meine Leben teile, keine Schwester, nur weil ihr die weißen Handschuhe fehlen? Und wenn ich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebte, dürfte dann mein Partner, mit dem ich alles im Leben teile, die weißen Handschuhe nicht erhalten, er nicht am Schwesternabend, der wohl besser Geschwisterabend hieße, teilnehmen? Sollten wir daher richtigerweise nicht generell beim Überreichen des zweiten Paars weißer Handschuhe von dem Menschen sprechen, der dem Herzen des Bruders am nächsten steht?
Es scheint uns eindeutig zu sein, dass Maurer nur männliche Vertreter der Spezies Mensch werden können, – so steht es zumindest in den Alten Pflichten. Was ist mit den Schwestern in den Frauenlogen und den Gemischten Logen. Offiziell ist uns der rituelle Umgang mit ihnen verboten. Dennoch haben sie dieselbe Einweihung erfahren, wie wir sie erfahren haben. Sind sie nicht im doppelten Sinn Schwestern? In Blick in die Geschichte belehrt uns eines Besseren. Schon in die antiken Mysterienkulte wurde jeder freie Mensch – ganz gleich ob Frau oder Mann – eingeweiht. Auch bei den Kathedralenbauern im Hochmittelalter waren Schwestern gleichberechtigte Mitglieder des Handwerks. Ich meine, auch wenn im 18. Jahrhundert die Rolle der Frau so, war, dass sie nicht aufgenommen werden sollte, so sollten wir heute nicht dogmatisch am Buchstaben festhalten, sondern unsere alt ehrwürdigen Texte zeitgemäß und kritisch lesen und interpretieren, also die Regularität von Frauen- und Gemischten Logen nicht in Frage stellen.
Doch wieso kommt die Frau als Schwester doch noch durch die Hintertür in unseren Männerbund? Eine der wesentlichen Wurzeln unseres Bundes ist die Alchemie, mit der uns mehr als der Begriff Königliche Kunst verbindet. Eines der Ziele und Methoden der Alchemie ist die Überwindung der Gegensätze, der Polarität, die oft in der Polarität von Mann und Frau dargestellt werden. Im Gedicht Sol et Luna im Buch Rosarium Philosophorum (1550) wird diese Spannung durch Königin und König symbolisch dargestellt. Die beiden vereinigen sich im Liebesakt, werden ins Grab gelegt, um als Rebis, als Hermaphrodit wieder auf zu erstehen. Im Mutus Liber (La Rochelle, 1677) ist das Opus Magnum als das permanente, gemeinsame Handeln von Mann und Frau dargestellt. Offensichtlich braucht auch unser großes Werk die Soror Mystica. Allerdings kann diese Soror Mystica in unserem täglichen Leben von der Soror Realis genauso wie dem Frater Realis ersetzt werden.