„Du, sing! Greif die zerhackte, deine nackte Harfe, singe doch
Schmeiß ins Gewirr der Saiten deine Finger für ein Lied
Sing schmerzgebrochne Herzen. Sing diesem Europa noch
Den großen Abgesang von seinem allerletzten Jid“[1]
1. Mai 1944, ein Frühlingstag mit milden Tagestemperaturen und kalten Nächten.
Ein Eisenbahnzug fährt an einer Rampe ein.
Bremsen quietschen.
Puffer klirren.
Kadavergestank, deutsche Kommandos, Hundegebell, Schreien, Weinen, Schüsse.
1004 Menschen, Frauen, Kinder, Männer, werden – in Viehwaggons zusammengepfercht, ohne Essen und Trinken – seit 29. April 1944 von Drancy, einem Vorort von Paris, im Konvoi 72 nach Auschwitz deportiert.
Unter Schlägen, Gebrüll und Hundegebell taumeln sie auf die Rampe.
Sie stellen sich nach Geschlechtern getrennt in Reihen auf zur Selektion.
48 Männer und 91 Frauen werden ins Lager einwiesen; 865 Menschen werden in den Gaskammern ermordet[2], unter ihnen Jizchak Katzenelson und sein Sohn Zvi.
Kommt alle, von Treblinka, Auschwitz, Belzec, von Ponar
Von Sobibor, mit aufgerissnen Augen kommt, macht los!
Ich will, daß Euer stummes Schrein zu einem Schrei erstarr
Im Schlamm, im Sumpf versunken und im faulen Moos[3]
Kommt, ihr Verdorrten, aufgerieben und zermahlt, lauft los!
Macht einen Kreis um mich! Rück weiter, rück!
Komm, Opa! Oma, Mama mit dem Kindchen auf dem Schoß
Nun seid ihr Dünger, Knochenmehl und Seifenstück[4]
Ich muss euch alle nochmal anschaun. Grade drum
Kommt alle, denn ich muss euch spürn. Ich muss ja und ich will
Mein Volk sehn, ausgerottet, letzter Blick, versteinert, stumm
Ich singe, gib die Harfe her, ich spiel![5]
Jizchak Katzenelson (geboren 21.07.1886 in Korelicze in der Nähe von Minsk, Bjelorus) lebt die längste Zeit seines Lebens als Lehrer und Direktor des Hebräischen Gymnasiums in Lodz. Er ist ein vielseitiger Dramatiker und Lyriker, der auf Neuhebräisch und Jiddisch schreibt und dichtet. Er überträgt die Lyrik von Heinrich Heine ins Hebräische.
Im November 1939, zwei Monate nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen, flieht er mit seiner Familie (Frau und drei Söhne) aus Lodz nach Warschau, wo sie im Warschauer Ghetto interniert werden. Trotz der widrigen Umstände engagiert sich Katzenelson weiterhin für Bildung und Kultur. Er gründet eine Untergrundschule für jüdische Kinder und betreibt ein hebräisches Theater.
Seine Frau Chana und zwei seiner Söhne, Ben und Jom, werden 1942 aus dem Ghetto nach Treblinka deportiert und sofort nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet. Als Augenzeuge der Deportation und Vernichtung der Warschauer Juden schließt er sich der jüdischen Partisanengruppe Dror (Freiheit, Befreiung) an. Das Kommando der jüdischen Kampforganisation verschafft ihm und seinem Soh Zvi gefälschte honduranische Papiere und schleust sie in den nichtjüdischen Teil von Warschau, um ihre Leben zu retten. Doch anstatt in die Freiheit zu gelangen, kommen er und sein Sohn in ein Vorzugs-KZ oder auch Sonderlager in Vittel[6] am Rande der Vogesen, das Hôtel de la Providence. In Vittel sind rund 2000 amerikanische, britische und holländische Staatsbürger zusammen mit rund 300 Juden mit gefälschten südamerikanischen Pässen interniert, die gegen Deutsche im feindlichen Ausland ausgetauscht werden sollen.
Während seines Aufenthalts in Vittel schreibt er auf Jiddisch das „Lied vom ausgerotteten jüdischen Volk“. In fünfzehn Gesängen beklagt Katzenelson die Vernichtung (Shoa, Holocaust, Churban[7]) des jüdischen Volkes. Jeder Gesang besteht aus 15 vierzeiligen Strophen in Jamben, jede Strophe durch endbetonte Kreuzreime gefasst.
Er beschreibt persönliche Erlebnisse und berichtet von Begebenheiten, die andere erzählt haben.
Er schreibt von der Liebe zu seiner Frau Chana und seinen beiden ermordeten Söhnen.
Er beschreibt die Gräueltaten der Deutschen.
Katzenelson erzählt keine Geschichte, sondern erhebt wortmächtig Anklage, gegen das Elend im Ghetto, die Mordbrennerei der Deutschen, gegen die Transporte in die Todeslager, gegen den verzweifelten Opportunismus des Judenrates.
Vor allem aber beklagt er mit ohnmächtigem Zorn die Abwesenheit Gottes: Ihr Himmel seid so ganz und gar mit Nichts gefüllt, so elend leer.
Immer wieder fragt er, warum? Und doch weiß er, dass er keine Antwort erhalten wird, weil es keine Antwort gibt. Sein G’tt bleibt stumm.
Ein Manuskript vergräbt er zusammen mit der Mitgefangenen Myriam Nowitsch unter einem Baum. Eine Kopie, eingenäht in einen Koffergriff, schmuggelt Ruth Adler, eine junge Jüdin mit britischem Mandatspass für Palästina, bereits im Herbst 1944 nach Palästina.
Ende April werden Jizchak Katzenelson und sein Sohn Zvi über Drancy nach Auschwitz deportiert und nach der Selektion am 1. Mai 1944 vergast.
Wie soll ich singen mit erhobnem Haupt. Mein Weib
Verschleppt mit Ben, mit Jomele – der Jüngste war noch Kind
Aus meinen Lichtgestalten wurden Schatten ohne Leib
Ich selbst bin schon ein Schatten, kalt und blind.[8]
„Ja, schrei ein letztes Lied in diese Welt und wirf dein Haupt
In Nacken, wende nicht von ihm den Blick in deiner Not
Greif in die Seiten, sing: Dein Volk, das dich glaubt
Ist abgeschlachtet. Alle, alle, alle Juden tot.“[9]
Wie singen! Wie die Augen hoch zum Himmel drehn
Erstarrte Tränen kleben mir am Lid. Ich zerr
Die Tränen aus dem Aug und kann nicht sehn
Ich kenn DICH nimmer, seh DICH nicht O HERR[10]
In ihrem Buch, Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen, entwickelt Hannah Arendt die kontroverse These, die Juden Europas hätten sich abschlachten lassen, wären nicht fähig gewesen Widerstand gegen ihre Ausrottung zu leisten. Sie formuliert den Vorwurf, die Judenräte in den Ghettos hätten mit der SS zusammengearbeitet und der Vernichtungsmaschinerie zugearbeitet.
Anders als zum Beispiel beim Genozid an den Armeniern, in dem zunächst die Intellektuellen massakriert wurden, wurden von den Nazischergen geachtete jüdische Bürger und Politiker, die Anführer der jüdischen Gemeinden als Obrigkeit eingesetzt und mit Autorität für die korrekte Organisation des Völkermordes betraut.
In seinem Epos beleuchtet Katzenelson eindrucksvoll die Situation im Ghetto und die Geschichte des jüdischen Widerstandes. Aus der Perspektive eines Augenzeugen und persönlich Betroffenen schildert er die Vielschichtigkeit des Konflikts. Einerseits wird die tiefe Hoffnungslosigkeit der Opfer sichtbar, die den Gewalttätigkeiten und dem Unrecht ausgeliefert sind. Andererseits zeichnet er ein Bild vom skrupellosen Opportunismus der Kollaborateure, die aus vermeintlichem Eigennutz mit den Unterdrückern kooperieren und so das Leid der eigenen Gemeinschaft verstärken. Besonders rühmt er den heldenhaften Widerstand der Ghettokämpfer. Trotz der offensichtlich ausweglosen Lage zeigen sie Mut und Entschlossenheit im Kampf gegen die Unterdrückung. Damit macht Katzenelson das Spannungsfeld zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Anpassung und Auflehnung im Ghetto sichtbar.
Katzenelson verschließt seine Augen nicht vor der traurigen Wahrheit. Im Warschauer Ghetto gab es auch zweitausend jüdische, mit Knüppeln bewaffnete Polizisten[11]. Im Sommer 1942 mussten zunächst 6000, dann 10000 und schließlich 15000 Menschen täglich in die Todeszüge gestopft werden. Es waren die jüdischen Polizisten, die die Menschen für den Transport ins Vernichtungslager Treblinka lieferten.
Beobachtet habe ich die Büttel. Hinterm Fenster stand ich da
Die Prügler, die Geprügelten habe ich hilflos angegafft
Ich krümmte mich vor Scham. O unsre Schande, das ist wahr:
Man hat auch mit Hilf der Juden all die Juden weggeschafft[12]
Getaufte Juden, Stiefel blankgewichst. Kein Stück sentimental
Auf ihren Mützen sahn die Davidssterne schon wie Hakenkreuze aus
Die konnten nicht mal richtig Jiddisch, mies! Sie stießen uns brutal
Die Treppen runter, zerrten die Versteckten aus der Wohnung raus[13]
Wer brach mit Knüppel Türn auf, die verrammelt waren? Sie!
Das taten Juden Juden an und spien Gott ins Angesicht
Ob jung, ob alt – sie trieben uns in die Waggons wie Vieh
Sie brüllten: ab ins Gas! Und so besudelten sie Gottes Tageslicht.[14]
Karrn voll mit Juden, ich verrenk die Hände, rauf mein Haar
Die Schweigenden – ihr schweigen ist der schrillste Schrei
Ihr Blick spricht Bände: Ist das hier Alptraum, ist es wahr?
Und drumherum, o Schande: stiefelstramm die Judenpolizei[15]
Der Deutsche steht daneben, grinst und hält sich lässig raus
Weh mir! Der Deutsche lacht und strengt sich nicht groß an
Die Dreckarbeit tun wir für dieses Pack, wir rotten selbst uns aus
Schau, Pferdewagen vollgestopft, schau dir das Elend an.[16]
Gefräßig sind all die Waggons und furchtbar nimmersatt. Gelabt
Hab’n sie sich an dem Judenfraß, sie knurren: her damit, her! Her!
Heißhunger haben die Waggons, als hätten sie noch nichts gehabt
Sie wollen Juden fressen. Mehr! Und mehr und immer mehr.[17]
Sie kriegen ihren Hals nicht voll am reich gedeckten Tisch
Her mit den Jüdlein, rülpsen sie, wir haben Hunger! Los schieb rein!
Vom alten Volk das junge Judenfleisch, schön zart und frisch
Vom alten Rebstock Trauben trinken: starken alten Judenwein.[18]
Blutbestien kamen reingestürmt in‘ jüdischen Gemeinderat
Zu Czerniaków[19], dem Ältesten vom Vorstand. Und sie brüllten los:
Sechstausend sind zu wenig! Zehn, wir brauchen zehn pro Tag
Du lieferst zehn ab jetzt. Und zwar mit deiner Unterschrift, schön groß[20]
Zuerst warn Kinder dran mit Sterben. Waisenkinderchen, verlaßne Brut
Sie warn das Liebste, Schönste, was die finstre Erde je gebar. Aus ihrem Angesicht
Aus diesen Waisenkinderchen hätte uns erwachsen können Lebensmut
Aus diesen traurig düsteren Gesichtchen hätte uns gestrahlt ein Morgenlicht[21]
Als es ans Sterben ging, warn sie die ersten. Als der Tod zu seinem Schlachtfest fuhr
Warf man auf Wagen sie, wie’n Haufen Dreck. Die Ärmchen schwach, doch stark
Die Seelchen. Weggeschleppt und feige umgebracht, bleib nicht die kleinste Spur
Von meinen Liebsten. Weh ist mir, wund bin ich und verwüstet bis ins Mark[22]
Sie warn als erste dran. Die Judenkinder kamen alle um, die allermeisten da
Vater- und mutterlos, gefressen wurden sie von Kälte, Hunger, von die Läus
Erlöser warn die Kleinen, leidgeheiligt. Gott, für wessen Schuld? Die mussten ja
Im Untergang als erste zahln, wofür? Und warum diesen höchsten Preis.[23]
Katzenelsons Epos ist auch eine Antwort an Hannah Arendt. Er erzählt vom Aufstand der letzten sechzigtausend noch lebenden Juden, die sich einem übermächtigen Feind stellen. Mit dieser Darstellung setzt er den Widerstandskämpfern ein Denkmal und würdigt ihnen Mut und Entschlossenheit angesichts aussichtsloser Umstände.
Das hat den Deutschen überrumpelt, schwer verwirrt
„Die Juden schießen ja!! – er röchelte dies deutsche Wort
Als unrein seine schwarze Seele aus dem Körper wich
Böses Erwachen reichlich spät im letzten Sterbehauch
Und mit der Kugel hat ein Staunen da den Deutschen kalt erwischt
„Die Juden schießen ja! Verbrecher! Mörder! Mord!!
Achtzig Millionen Mörderfressen röchelten im Schreck:
Die also auch! Wie wir, so machen es die Juden auch!“[24]
Weh über uns! Wir Jidden können auch, wir können, ach!
Wir können widerstehn und töten auch! Wir auch! Auch wir
Wir können aber etwas, was ihr Deutschen nie
Und nimmer fertig bringt auf dieser Erd:
Den Nächsten leben lassen. Ihr? Ihr schlachtet hin ein Volk
Das wehrlos seine Blicke hoch zum Himmel schickt. Ach ihr
Das könnt ihr eben nicht: NICHT morden. Denn ihr kommt
Schon aus dem Mutterleibe mit dem Schwert[25]
Wir werden weniger von Tag zu Tag. Wer stirbt hier noch normal
Schön sterben, wie man früher starb, das schafft heut keiner mehr.
Den einen trifft ne Kugel auf der Straße, n‘ anderer wird zerhackt
In der Zelazna Nummer hundertdrei. Man möchte schrein „Gewalt!“
Ja, schrei Gewalt! Was hilft’s. …[26]
Das war zwei Tag vor Pessach. Und am Vortag früh vorm Passahfest
Ging’s auch zu Ende mit der Lesznostraße, dort in mein’m Versteck
Lag ich in dem Kanonendonner Tag für Tag. Toll in der Nacht
Das Licht, wenn man die Flammen hoch zum Himmel lodern sieht
Die Mauern brennen restlos aus, mit ihnen auch der kleine Judenrest
Das Feuer wütet und beleuchtet schön die Szenerie. Der höh’re Zweck
Ist klar: Das Ghetto brennt so hell, damit er, der da in der Loge glotzt
Den letzten Akt von oben sehen kann. Das war das End vom Lied[27]
Vermutlich war Katzenelson kein ausgesprochen religiöser Mensch; als linker Zionist stand er für eine politische und gesellschaftliche Haltung, die weiter war als traditionelle religiöse Vorstellungen. Wahrscheinlich war er das, was auf Jiddisch „a mensch“ heißt. Diese Bezeichnung geht über die reine Übersetzung als „Mensch“ hinaus; sie steht für einen guten, mitfühlenden und aufrichtigen Menschen, dessen Handlung von Menschlichkeit geprägt ist.
Obwohl Katzenelson nicht im klassischen Sinne religiös war, verfügte er über eine tiefe Kenntnis der Geschichten und Bilder der jüdischen Bibel. Er war mit ihnen vertraut und verstand es, biblischen Erzählungen und Motive für seine eigenen Gedanken und Werke zu nutzen. Besonders häufig bezog er sich auf die Propheten Jesaja, Jeremia und Ezechiel sowie auf die Gestalt Hiobs. Diese Figuren verbindet, dass sie sich als Mund G‘ttes verstanden, während sie gleichzeitig Phasen durchlebten, in denen sie sich von G‘tt verlassen fühlten. Katzenelson griff diese Ambivalenz auf und setzte sie in seinen Zitaten und Reflexionen ein.
Das Judentum ist geprägt durch die besondere Verbindung zwischen dem Auserwählten Volk und seinem G’tt. Diese Beziehung bildet den zentralen Kern der jüdischen Geschichte und Tradition. Die Erinnerung an die historischen Ereignisse, insbesondere an die Katastrophen, bleibt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft stets lebendig und präsent. In diesem Sinn könnte der Große Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk problemlos seinen Platz unter den Büchern der jüdischen Bibel finden.
Mit dem Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk schreibt Katzenelson ein Klagelied ähnlich wie die Klagelieder des Propheten Jeremias.[28] Mit den Worten „Du, sing!…“ beginnt das Werk „Du sing!…“ ist ein Befehl G’ttes an Katzenelson, den Katzenelson in der Folge persönlich anspricht. Es ist ein Beginn wie eine Propheten-berufung in der jüdischen Bibel. Katzenelson wehrt sich zunächst wie auch andere Münder G’ttes vor ihm gegen diesen Auftrag. Erst als er in sich die Millionen seines ausgerotteten Volkes schaut, antwortet er: …ich will singen! … Er ist nun der Vorsänger im großen Kaddisch für das ausgerottete jüdische Volk.
Zwei Mal zitiert er Bilder aus der jüdischen Bibel, das Tal voller Knochen des Propheten Hesekiel[29] und die Säule aus Feuer und Rauch beim Auszug aus Ägypten.[30]
Ein Haufen Volks. Dies Feld voll Knochen, wie’s Hesekiel
Einst sah, ist nur ein Häuflein im Vergleich. …[31]
Hesekiel, du Jid, hast angegafft im Tal von Babylon
Verdorrte Knochen unsres Volks. Mit deiner Prophetie
Hast du dich treudoof führen lassen von dem hoh’n
Gebieter. Doch heut stinken deine Worte mir wie böse Ironie[32]
Von wegen neues Fleisch auf alte Knochen, die Verheißung trügt
Du weißt ja selber nicht, was wird, weißt weder Ja noch Nein
Was bleibt von deiner Auferstehungs-Prophetie. Sie lügt!
Nichts bleibt von unserm Volk, nicht einmal das Gebein[33]
Kein Knöchelchen, auf das noch Fleisch möcht wachsen oder Haut
Und nichts, wo Gott reinblasen könnte neuen Lebensgeist …[34]
Das Ende. Feuer flackern über Warschau in den Himmel hoch
Der hüllt bei Tage sich in Rauch, grell in die Nächte flammt das Licht
Das hatten wir schon mal erlebt, vor langer Zeit und anders. Gott
Wies durch die Wüste uns den Weg als Feuersäule in der Nacht
Bei Tag als Wolkensäule. Und mit Freuden ging mein Volk gestärkt
Im Glauben seinen Weg voran, mit seiner ewig jungen Zuversicht
Und jetzt das Ende. Ausgetilgt von dieser Erde sind wir. Schluss
Ganz gleich, ob groß, ob klein, man hat uns diesmal alle umgebracht.[35]
Katzenelson war tief mit der jüdischen Theodizee und deren Umgang mit existenziellen Katastrophen vertraut. Seine Lebensgeschichte weist Parallelen zur biblischen Erzählung von Hiob auf. Auch ihm wird alles genommen bis hin zur eigenen Existenz. Wie Hiob hadert er mit G’tt und ringt um Verständnis für das Leid und die Vernichtung, die ihm und seinem Volk widerfahren. Doch während Hiobs Geschichte in der Bibel mit einem friedlichen, „lebenssatten“ Tod endet, trifft dies auf Katzenelson nicht zu. Sein Leben wird durch vollständige persönliche Vernichtung beendet, und mit ihm wird das gesamte jüdische Volk ausgelöscht. Auch G’tt stirbt mit Katzenelson, ermordet in den Gaskammern von Auschwitz.[36] Die Hoffnung auf eine g‘ttliche Wende zum Guten, die einst selbst in den schlimmsten Katastrophen des jüdischen Volkes (Babylonisches Exil) und des einzelnen Menschen (Geschichte von Hiob) bestand, ist endgültig verloren.
Sein Epos gipfelt in der apokalyptischen Vision einer Welt ohne Juden, ohne jüdisches Leben.
Nein, mein „Warum?“ bekümmert keinen Lebenden mehr auf der Erd
Nur tote Steine fragen in den Häusern, die jetzt leer dastehn
Und jede unbewohnte Wohnung fragt in Orten, die verwüstet sind
In hundert Städten, tausend Städtchen: was habt ihr gemacht?[37] …
Es wird die Sonne, wenn sie aufgeht über kleinen Flecken, nie
Mehr einen Juden treffen, nicht in Litaun und nicht mehr in Poln …
Und keinen, der in‘ Bart sich ein paar Psalmen murmelt, keinen, der
Zur Betschul eilt. Gewiss, die Morgensonne wird wie eh und je
Den Bauern mit der vollen Fuhre auf sein’m Weg zur Stadt einholen
Zum Jahrmarkt, aber lauter Gojim! Ein Gewimmel, was’n Greul
Denn proppevoll wird’s auf dem Markte sein und dennoch tot und leer.[38]
Fragt nach Scholem Aljechem und Bialik nicht, ihr überm Meer,
Nicht nach Jehupez, Kasriliwke , `s lohnt nicht, wenn ihr greint
Frag keiner mehr nach Menschen wie Menachem-Mendelech
Kein Milchmann wie der Tewje nagt nun noch am Hungertuch.
Es klagt aus alten Büchern nur, wie aus der Bibel der Prophet
Jesaja jammert, Jeremias, Jecheskel, Hosea, so wie Amos weint …
… alle gibt’s nur noch als schönes Buch.[39]
Der Thora Stimme wird verstummen, die Jeschiwes stehen leer
Betstuben gibt’s nicht mehr. …
Nun ist es ausgelöscht. Rabbiner und Rektoren, Schriftgelehrte und Genies. …[40]
Und keine Mame wiegt mehr in den Schlaf ein Kind. Es wird
nicht mehr gestorben bei den Juden und nie mehr geborn. …[41]
Jizach Katzenelson schrieb seinen Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk zwischen September 1943 und Jänner 1944. Es war ihm wichtig, dieses Werk fertig zu stellen, bevor nach Auschwitz deportiert wurde, um die Erinnerung an die Vernichtung seines Volks aufrecht zu erhalten. Deshalb schrieb er auch auf Jiddisch, der lingua franca der aschkenasischen Juden. (Inzwischen gibt es auch eine Übersetzung auf Ladino[42]). In der Folge fertigte er noch sechs Kopien seines Werks an, die er sorgfältig versteckte und die nach der Befreiung des Lagers gefunden wurden.
Sein Werk in andere Sprachen zu übersetzen, hätte er wahrscheinlich begrüßt, denn die Übersetzung in verschiedene Sprachen eröffnet die Möglichkeit, das Leid und die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und so dessen Erinnerung zu bewahren. Ob er aber eine Übertragung seiner Worte aus der Sprache der Opfer in die Sprache der Täter gewollt hätte, ist unwahrscheinlich. Sein Hass und seine Ablehnung gegenüber seinen Peinigern und Mördern war zu stark ausgeprägt, als dass er eine solche Übersetzung akzeptiert hätte.
Trotz dieser nachvollziehbaren Vorbehalte halte ich mit Wolf Biermann die Übertragung ins Deutsche dennoch für legitim, denn es ist das Deutsch von Hölderlin, Büchner, Heine, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht und seinem Lieblingsgoj als Dichter, Goethe. Und es ist nicht die Sprache von Bismarck, Hitler, Honecker, Leni Riefenstahl und Joseph Goebbels[43].
Mit dieser Zeichnung wollen wir ebenfalls zu diesem Ziel des „niemals vergessen“ beitragen. Erst, wenn jemand vergessen wird, ist er endgültig tot.
Lauschen wir ihren Hammerschlägen, die – aus dem Kosmos kommend – [nicht nur] in unseren Herzen, [sondern auch in unseren Ohren] widerhallen.[44]
Weh mir, da ist nicht keiner mehr …
Und war mal’n Volk
Vorbei!
Und ausgelöscht …
Ein ganzes Volk
Uns gibt es nun nicht mehr.
Verflucht,
was für’n Geschichtchen!
Mit `nem Bibelchen begann’s
Am Kampf am Sinai
Mit Amalek
Bis hin zu unserm ärgsten Feind.
Dem Deutschen
Gott! O weite Himmel,
breite Erde, o gewaltig Meer
Vernichtet all die Schlechten …
Nicht auf dieser Erde!
Lasst sie machen, denn
Sie selber werden sich vernichten.
Alle.
Und für immer dar.[45]
[1] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/1
[2] Mit dem 72. Transport des RSHA aus Frankreich sind 1004 jüdische Männer und Frauen und Kinder aus dem Lager Drancy eingetroffen. Nach der Selektion werden 48 Männer, die mit den Nummern 186.596 bis 186.643 gekennzeichnet werden, und 91 Frauen, die die Nummern 80.569 bis 80.695 erhalten, als Häftlinge ins Lager eingewiesen. Die übrigen 865 Menschen werden in den Gaskammern getötet.
Zitiert nach Czech Danuta, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939 – 1945, Reibek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1989
[3] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/13
[4] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/14
[5] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/15
[6] Internierungslager (ILAG Vittel, Front Stalag 194)
[7] https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-holocaust-shoah/shoah-holocaust-churban-was-ist-damit-gemeint
Zugriff 02.04.2026, 19:10 hrs
[8] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/4
[9] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/5
[10] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk I/6
[11] Am 22. Juli 1943 schreibt Katzenelson in sein Tagebuch
Diese Polizisten – und zwar ohne Ausnahme – waren das Niedrigste vom Niedrigen, verdorben bis ins Mark, von niederträchtigster Gesinnung. Jeglicher Kontakt mit ihnen ist widerlich. Sie sind genau das richtige Menschenmaterial für die Deutschen. Diese Sorte Mensch war eine reiche Beute für sie. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Die Raubtiere, die Deutschen, kneteten diesen verfaulten Teig, schoben ihn in ihren Ofen, und raus kam jener hässliche, verdrehte Bastard, der sogenannte jüdische Polizist, bar jeglicher Jüdischkeit und bar jeglicher Menschlichkeit. Er ist ein deutsches Produkt, Geist vom Geiste dieses mörderischen Volkes.
[12] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 3/5
[13] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 3/6
[14] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 3/7
[15] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 3/10
[16] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 3/11
[17] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 4/2
[18] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 4/3
[19] Adam Czerniaków, Vorsitzender des Judenrats im Warschauer Ghetto, 1939 – 1942 https://de.wikipedia.org/wiki/Adam_Czerniak%C3%B3w#:~:text=Diese%20Seite%20wurde%20zuletzt%20am,um%2013:36%20Uhr%20bearbeitet.
Zugriff 01.04.2026, 14:05 hrs
[20] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 5/6
[21] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 6/4
[22] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 6/4
[23] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 6/14
[24] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 14/1
[25] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 14/2
[26] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 14/10
[27] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 14/15
[28] Höre Ben-Zion! Mein Junge, du verstehst ein Ejche-Lied, ein letztes vom letzten, vom letzten Juden.
[29] Die Hand des Herrn kam über mich, und der Herr führte mich im Geist hinaus und ließ mich nieder mitten auf der Ebene, und diese war voller Totengebeine. Und er führte mich ringsherum an ihnen vorüber; und siehe, es waren sehr viele auf der Ebene; und siehe, sie waren sehr dürr. Da sprach er zu mir: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: O Herr, Herr, du weißt es! Hesekiel 37,1
[30] 2. Moses (Exodus) 12,31 – 42
[31] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 2/5
[32] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 2/6
[33] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 2/7
[34] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 2/8
[35] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/1
[36] Wiesel, Elie; Night, Dawn Day, Northvale, N.J.: Aronson 1985, 82-83
[37] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/6
[38] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/7
[39] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/10
[40] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/11
[41] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/12
[42] https://de.wikipedia.org/wiki/Ladino
Zugriff 03.04.2026, 14:15 hrs
[43] Mein Deutsch ist das von Hölderlin und Büchner und Heine und Rosa Luxemburg, es ist meine Muttersprache von Emma Biermann, es ist unsere Vatersprache von Bertolt Brecht und kein Schweinefraß, zusammengemanscht aus Abfällen von Bismarck, Hitler, Honecker, Blödel-Otto, Leni Riefenstahl, Mielke und Stolpe. Wolf Biermann, Jizchak Katzenelson, ein Jude; Vorwort zu Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk, Kiepenheuer und Witsch
[44] Tyler’s Toast in der Fassung von Michael Gutenbrunner
[45] Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk 15/15