Ausgangssituation und Vorbemerkungen
Die katholische Kirche stand der Freimaurerei beinahe seit ihrem Entstehen feindlich gegenüber. Bereits 1738, nur 15 Jahre nach der Veröffentlichung der Konstitutionen von Anderson, erschien unter Papst Clemens XII. die erste Bulle gegen die Freimaurerei, genannt „In eminenti“. Dieser folgten noch weitere 16 Bannbullen, die letzte „Annum ingressi“ 1902. In den vergangenen gut 100 Jahren hat sich das Verhältnis zwischen FMei und katholischer Kirche deutlich entspannt (cf.: Dialog zwischen DepGM Baresch und Kardinal König, Streichen der automatischen Exkommunikation aus dem Codex Iuris Canonici, Buch von Michael Weninger uam), dennoch hält die katholische Kirche bis heute pauschal an der Unvereinbarkeit zwischen Katholizismus und Freimaurerei fest.[1]
Die katholische Kirche hat immer wieder dieselben Vorwürfe gegen die FMei vorgebracht, aktiver Kampf gegen die Kirche, Gegenkirche, Geheimbund, Häresie etc.; interessanterweise war – unserem Wissen nach – nie die Frage ein Thema, wie das Ziel der FMei, die Selbstveredelung und die Verbesserung der Menschheit, mit der Idee der Erlösung durch Jesus Christus vereinbar wäre. Die meisten anderen offenen Themen scheinen durch den Dialog einigermaßen zufriedenstellend gelöst zu sein. Diese Frage bleibt jedoch offen.
Um zur Klärung dieser Frage – widerspricht das Konzept der Selbstveredelung (=Selbsterlösung), wie es die FMei entwickelt hat, dem Glaubenssatz vom Erlösungswerk Gottes durch Jesus Christus – beizutragen, haben wir bewusst die Form einer Disputation gewählt, bei welcher die Vortragenden die Fragestellung aus zwei Gesichtspunkten untersuchen. Br... Peter wird die christliche Position darstellen und Br... Johannes die Position der FMei. Am Ende sollen die Argumente, die für oder gegen die Frage sprechen, ob Erlösungsreligion und Freimaurerei, bzw. Opfertod Jesu Christi und Gnade oder Selbsterlösung durch Selbstveredelung kompatibel sind oder nicht, auf dem Tisch liegen, damit sich jeder Br... im Diskurs an der WT seine Meinung bilden kann.
Der persönliche Zugang zu dieser Frage
Ich bin in einem strengen protestantischen Haushalt aufgewachsen (mein Vater war Universitätsprofessor für evangelische Kirchengeschichte) und wurde christlich sozialisiert mit Taufe, Konfirmation, Jungschar, Leitung des Kindergottesdienstes usw.
Zunehmend wurde ich jedoch Zweifler und Suchender nach den „großen Fragen der Menschheit“ und den „letzten Dingen“.
Ich bin immer noch evangelisch-lutherisches Gemeindemitglied, bete und gehe auch immer wieder in die Kirche (sowohl evangelisch als auch katholisch, da meine Gattin Katholikin ist und wir ökumenisch geheiratet haben – wie es damals hieß „eine Mischehe“).
Weltanschaulich bezeichne ich mich als „bürgerlich“, d.h. für mich Betonung der Würde jedes Menschen, Vorzug des Subjekts vor dem Kollektiv, Absage an den bevormundenden Staat, sorgsamster Umgang mit Steuermitteln sowie Wertschätzung für Wirtschaft, Wettbewerb, Eigenverantwortung und Leistung.
Ich bin in einem klassischen, katholischen Haushalt aufgewachsen. Bis ins junge Erwachsenenalter war ich in einer Pfarre aktiv. Durch die Auseinandersetzung mit der Konfession der Mutter meiner Söhne, die evangelisch H.B. ist, entstand so etwas wie Offenheit in Konfessionsfragen. Damit begann mein Nachdenken über die Fragen der Konfession und des Glaubens.
Nach längerer Zeit stellte ich fest, dass ich in meiner zunehmenden und konsequenten Religionskritik nicht mehr von mir behaupten konnte, Christ im klassischen Sinn des Wortes zu sein, weshalb ich aus der Kirche ausgetreten bin. Aus Gründen der Erkenntnistheorie bezeichne ich mich als Agnostiker, denn eine Aussage über die Existenz eines Gottes erscheint mir genauso unmöglich wie über die Nicht-Existenz eines Gottes.
Ich vertrete ein materialistisches Weltbild. Meine Sicht ist geprägt von Camus Philosophie des Absurden und den Ideen der Aufklärung. Ich versuche die Philosophie Epikurs zu leben und habe einen optimistischen Blick auf mein Hier und Jetzt. Ich stelle den selbstbewussten Anspruch, mich auf den eigenen willen und die Anstrengung meiner – freilich als begrenzt erkannten – Vernunft zu stützen, um mein Leben aktiv und bewusst zu gestalten.
Das Erbe des Christentums im Humanismus
Die Geschichte des Christentums ist die Geschichte der Erlösung der Menschheit durch die Vorsehung Gottes. Das Christentum versteht Gott als persönlichen Gott, der den einzelnen Menschen liebt. Er ist ein gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; er ist allgut, allmächtig und allwissend. Neuzeitliches Denken hat diese Geschichte der Erlösung durch Fortschritt auf Grund von kollektiver Anstrengung der Menschheit ersetzt. Bevor die Erlösung am Ende aller Zeiten durch die Parusie Christi erfolge, müsse das Böse in der Welt durch menschliche Anstrengungen verringert werden.
Der christliche Mythos von der endgültigen Erlösung der Welt wird ohne den Bezug zum Transzendenten von den Denkern der Aufklärung aufgegriffen und wird damit zur Quelle all der Ideologien, die sich die Verbesserung der Welt – mit welchen Zielen und Mitteln auch immer – auf die Fahnen geschrieben haben. Auch die FMei folgt diesem Gedankengang, wenn sie vom Fortschritt der Menschheit und der Veredelung des Einzelnen spricht.
Contemporary atheism is a continuation of monotheism by other means.[2]
Die Definition von Freimaurerei
Abgesehen davon, dass wahrscheinlich ein jeder Bruder die Frage, was FMei sei, anders beantworten würde, weil der Zugang zur FMei durch das persönliche Erleben des Bruders entsteht, ist die FMei ein in sich nicht definiertes, schillerndes Phänomen, das in seiner Organisationsform uneinheitlich ist, von der christlichen FMei Skandinaviens zur laizistischen, atheistischen FMei französischer Prägung, von der theistischen FMei der UGoLE zur humanitären FMei Zentraleuropas, denn eine gemeinsame Zentrale oder Zentrum gibt es nicht. Da wir beide durch die humanitäre FMei, wie sie in der GLvÖ praktiziert wird, geprägt worden sind, scheint es uns zulässig und richtig, für unsere Disputation die Definition von FMei zu verwenden, wie sie im Ritual der Initiation der GLvÖ festgeschrieben ist.
Die Bruderschaft der Freimaurer ist eine ethisch-humanitäre Gemeinschaft freier Männer…
Sie [die Freimaurerei] strebt den Fortschritt der Menschheit an auf dem friedlichen Wege der Belehrung und Bildung, die Veredelung der Menschheit auf dem Wege der Veredelung des Einzelnen…
Das Ziel der Freimaurerei ist, alle Menschen als Glieder einer einzigen Familie zu vereinen und mit solcher sittlichen Kraft, mit solcher Humanität zu erfüllen, dass sie einander als Brüder anerkennen, lieben und helfen.[3]
Die christliche Position
In der christlichen Tradition ist Erlösung die Befreiung von Sünde und Tod, wobei der Tod als „der Sünde Sold“, also als Strafe für die Sünde gilt.[4]
Beide, Sünde und Tod, haben die Ferne von Gott gemeinsam, die Entfremdung des Menschen von seiner Mitte, seinem Ziel – von Gott. Erlösung, als Befreiung von der Macht des Todes, ist Befreiung von der Gebundenheit in der Zeit, der Vergänglichkeit zu Gott, zur Ewigkeit. Sünde ist das Getrenntsein von der Einheit, der Schöpfung, von Gott. Erlösung ist somit Aufhebung der Trennung, also Einheit mit Gott.
Der Apostel Paulus entwickelte eine Theologie der Sünde, die als Grundlage der späteren Erbsündenlehre gelten kann. Paulus parallelisierte den für die ganze Menschheit stehenden ersten Menschen, Adam (das hebräische Wort Adam bedeutet einfach „Mensch“), mit dem für die neue Menschheit stehenden zweiten Adam, Christus. So wie aufgrund der Sünde des Ersten die Menschheit dem Tod ausgeliefert war, wird sie aufgrund der Erlösungstat des Zweiten aus diesem Tod errettet.
Die augustinische Erbsündenlehre besagt: Der Mensch kommt beladen mit der Erbsünde auf die Welt. Er benötigt deshalb zur Erlösung die Gnade Gottes. Diese wurde durch die Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ermöglicht. Die Erlösung findet der Mensch durch das Sakrament der Taufe, da der Getaufte nicht mehr der Erbsünde unterliegt. Daher war für Augustinus die Säuglingstaufe besonders empfehlenswert, um das unmündige Kind der Verdammnis zu entreißen, die ihm drohe, falls es ungetauft sterbe. Gleichwohl verbleibt der Mensch in der sterblichen Welt mit den Folgen der Erbsünde behaftet und diese rechtfertigt auch eine ewige Bestrafung der Sünder in der Hölle.[5]
Vor allem die Schrecken vor den letzten Dingen, dem letzten Gericht, dem „dies irae“ und der Hölle beflügelten die Vorstellungen und Wünsche nach Erlösung.
Modernere Formulierungen der Erb- bzw. Ursünde, wie von Karl Rahner, sprechen von der „Sündenverflochtenheit“ des Menschen: jeder Mensch wird in ein Netz der Sündenverflochtenheit hineingeboren und knüpft daran weiter. Gott bleibt der Gnädige und erlöst alle Menschen aus diesem Unheilszusammenhang.[6]
Die freimaurerische Position
Die FMei steht in der Tradition der Denker der Aufklärer, die davon überzeugt sind, dass ein Fortschritt des Menschen in moralischer Hinsicht nötig und durch eigenes Tun möglich ist, ohne dass der Mensch die Erlösungstat eines Gottes benötigt. Für die Philosophen der Aufklärung ist der Mensch, so wie er ist, ein wildes, grausames Wesen, dessen Urinstinkte gebändigt werden müssten, um in einer sozialen und moralischen Gesellschaft leben zu können.[7] Dieses Ziel wollte beispielsweise Wilhelm von Humboldt durch Bildung (insbesondere humanistische Bildung) erreichen.[8] In der Folge ziehen sich solche Überlegungen durch die gesamte abendländische Kulturgeschichte. So vertritt beispielsweise Freud in seiner Kulturkritik die Auffassung, dass…
…Zivilisation […] aus der Leugnung des Instinkts […], aus der Beherrschung der Naturkräfte, aus dem Aufbau eines kulturellen Überichs[9] entsteht.
Und Richard Dawkins meint in seinem Buch, das egoistische Gen…
… wir allein – einzig und allein wir [Menschen] auf der Erde – können uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren [=Gene] auflehnen.[10]
Die FMei erkennt die Fehlbarkeit des Menschen an. Ihr Selbstverständnis setzt diesen Zustand der Unvollkommenheit als naturgegeben voraus. Sie fragt – anders als die Religionen – nicht nach dessen Ursache und bewertet ihn nicht moralisch. Als Subjekt und zugleich Objekt seiner Geschichte bleibt es dem Menschen auferlegt, sich selbst in gemeinschaftlicher Arbeit zu veredeln. Dazu braucht er weder die Mithilfe eines Priesters, der letztgültig die Zeichen der göttlichen Gnade vermittelt, noch die Selbstopferung eines Gottes. Das Ziel, der zu werden, der er sein könnte und damit menschenähnlicher – nicht gottähnlicher – zu werden, erreicht der Br... durch drei Schritte
- Selbsterkenntnis und Welterkenntnis
- Selbstbeherrschung und Wirkung auf die ganze Welt
- Selbstveredelung und Streben nach Lebensglück der gesamten Menschheit.
Der rauhe Stein, der auf den Arbeitsplatz gebracht wird, ist das Sinnbild des an Geist und Herzen unvollkommenen Menschen, bei dem die sittliche Natur die geistige überwiegt, der aber mit rechtem Ernst und heiligem Eifer seiner geistigen und sittlichen Vervollkommnung entgegenstrebt. In diesem Sinnbild sind die wichtigsten Pflichten des Maurers, die der Selbstbeherrschung und Selbstveredelung, versinnbildlicht.[11]
Die englische FMei definiert das Ziel der maurerischen Arbeit kurz so: to make good men better.
Die Methoden
Durch Sühne wird der Sünder wieder mit Gott versöhnt. Die Sünde wird durch die Sühne aufgehoben, diese Erlösung geschah durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi.[12]
Die Satisfaktionstheorie des „christlichen Erlösungsopfers“ besagt: da die menschliche Schuld so groß ist, dass ein Mensch oder auch die gesamte Menschheit diese Sühne, diese Aufhebung des Bösen nicht leisten kann, muss Gott sich selbst mit sich versöhnen (z.B. bei Anselm von Canterbury), nur Gott kann diese Satisfaktionsleistung erbringen und für die Menschheit einspringen.[13]
Als Pascha-Mysterium (Ostergeheimnis) wird die Einheit von Leiden, Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi von den Toten sowie seiner Himmelfahrt und Erhöhung bezeichnet, das in jeder heiligen Messe gefeiert und sowohl als „mysterium fidei“ (Geheimnis des Glaubens) als auch im Credo des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bekannt wird.[14]
Nach Pelagius, dessen Lehre auf dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 als Häresie verurteilt wurde, trage der Mensch die volle Verantwortung für sein Seelenheil, die Gnade Gottes ist zweitrangig und auch Christus dient dem Menschen nur als gutes Beispiel, nicht aber als Erlöser. Der Mensch könne, ja müsse sich sein Seelenheil selbst verdienen (also Selbsterlösung).
Demgegenüber hielt Augustinus (+ 430) den freien Willen des Menschen aufgrund der Erbsünde für durch und durch verdorben, so dass er aus sich heraus nicht mehr zum Guten fähig sei. Nur die Gnade Gottes bricht die Sünde des Menschen auf und befreit ihn.[15]
Das Konzil von Trient (1545-1547) stellte fest, dass eine Selbsterlösung des Menschen nicht möglich ist und der Mensch der Gnade Gottes bedarf. Der Mensch lebt nicht nur für immer und ewig in der Sünde, er lebt auch immer in der Gnade.[16]
In diesem Konzil wurde aber auch das Dogma der Erbsündenlehre der katholischen Kirche formuliert: „jeder Mensch ist durch Fortpflanzung innerlich von der Erbsünde (Ursünde) geprägt“, aber grundsätzlich sind alle Getauften von dieser erlöst.[17]
Gottes Ziel ist nicht Bestrafung der Schuld, sondern Aussöhnung, nicht die Vernichtung, sondern Rettung. Die angemessene Antwort des Sünders auf Gottes Barmherzigkeit ist „Umkehr“, die radikale Änderung des eigenen Lebens.[18]
Die Rolle der katholischen Kirche dabei wird vor allem durch das Axiom „extra ecclesiam nulla salus (ohne Kirche kein Heileil)“, geprägt, dies am schärfsten von Papst Bonifaz VIII. in der Bulle „Unam sanctam“ (1302).[19]
Sakramente (altgriech. mysterien) sind heilige Zeichen und Handlungen, die durch Gottes Gnade bewirkt werden.[20] Thomas von Aquin erklärt die sieben sakramentalen Akte als souveräne Eingriffe des Schöpfer- und Erlösergottes in die menschliche Existenz. Gott bediene sich des Ritus (der religiösen Zeremonie) als eines Werkzeugs, um seine Gnade zu vermitteln, die Sakramente seien dabei der Weg der Heilsvermittlung.
Sakramente wirken ex opere operato („aufgrund der vollzogenen sakramentalen Handlung“), also unabhängig von der Einstellung bzw. sittlichen Disposition des Spenders und Empfängers.[21]
Ähnlich sieht es auch die lutherische Lehre: Das Gnadenangebot Gottes steht und fällt nicht mit dem Glauben oder Unglauben des Menschen. Die Wirksamkeit der Sakramente beruht auch nicht auf der Würdigkeit des Amtsträgers.
Das Sakrament der Taufe ist heilsnotwendig und reinigt den Christen vom Makel der Erbsünde (aber nicht von der Neigung zur Sünde).
Die Eucharistie, die Feier des heiligen Abendmahls, ist die Feier der Erlösungstat Jesu Christi und seiner Auferstehung.
Beichte und Absolution bewirken einen (radikalen) Neubeginn, tabula rasa.
Dabei lautet die Absolutionsformel der katholischen Kirche: „Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Nach lutherischem Verständnis folgt aus Beichte und Sündenvergebung, von der Sünde zu lassen und das eigene Leben zu bessern.[22]
Das Konzil von Trient lehrte, dass Christen sich mit guten Werken ein augmentum gratiae („Zuwachs der Gnade“) verdienten, mit dem sie zu ihrem ewigen Leben und zur eigenen Verherrlichung beitrügen.[23]
Demgegenüber wurden und werden „gute Werke und rechtes Leben“ im Protestantismus für selbstverständlich und als sogenannte Werkgerechtigkeit für die Erlösung als unerheblich angesehen. Die Erlösung erfolgt allein durch die Gnade Gottes (Luthers „sola gratia“), nicht durch den Menschen.[24]
Luthers „sola fide“-Lehre stellt die persönliche Beziehung zu Gott für die Erlangung des Heils in den Vordergrund, der Anteil des Menschen besteht darin, Gottes Liebe im eigenen Leben zur Entfaltung kommen zu lassen.[25]
Ziel ist das Ewige Leben, das im Credo des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bekannt und angerufen wird. Dieses wird als Gabe Gottes aufgefasst, die nur den Gläubigen gewährt wird, ein Zustand im künftigen Gottesreich, der als Frieden, Seligkeit und Heil, insbesondere als Freiheit von den Übeln und Gefahren des irdischen Daseins und als Besitz unbegrenzbaren Lebens angesehen wird.[26]
Im Mittelpunkt des Denkens der FMei steht der Mensch, wie er ist. Anders als Religionsgemeinschaften fragt die FMei nicht nach einer tranzendenten Bestimmung des Menschen, sondern beschäftigt sich konsequent mit der aufs Diesseits bezogenen Bestimmung des Menschen. Allerdings verbessert die FMei selbst den Menschen nicht, und sie gibt auch keine konkreten Ziele vor. Die FMei ist nämlich der festen Überzeugung, dass es in moralischer Hinsicht kaum eine für alle Menschen gültige Norm gibt. Diese, seine persönliche Norm, muss sich jeder Einzelne für sich selbst permanent erarbeiten.
Kontroverse
Christliche Erlösung ist Fremderlösung im Jenseits, sie bedarf eines liebenden Gottes, durch dessen Gnade und durch den Glauben an ihn, Erlösung, also Befreiung von der Macht des Todes, zu Gott, zur Ewigkeit versprochen wird.
Der Glaube an Selbsterlösung ist im christlichen Sinne nichts als Hybris. Der Mensch stellt sich dann über seinen Gott, das wäre die Vergöttlichung des Menschen, die Apotheose.
Die Position der katholischen Kirche „zur Unvereinbarkeit der Freimaurerei mit der Lehre der katholischen Kirche“ bezieht sich ja unter anderem genau auf diesen Aspekt: Die Selbstveredelung der Freimaurerei im Sinne der Selbsterlösung verleugnet Gott, auf dessen Gnade wir angewiesen sind.
Sogar Pascals „Gotteswette“ und die wienerische Denkungsart „nutzt‘s nix so schad‘s nix“ sprechen für einen Glauben an Fremderlösung.
Leitbild der zentraleuropäischen FMei ist die Idee der Humanität, wie sie von den Enzyklopädisten, den Dichtungen der Weimarer Klassik und den Schriften der Deutschen Idealisten vertreten wird. Humanität braucht weder Götter noch Heils- oder Erlösungsmythen, um sich und seine Ziele zu begründen oder zu rechtfertigen. Als Begründung, warum ein Mensch dem anderen raten und helfen soll, reicht das Fakt seines Menschseins völlig aus. Der Grundsatz, dem Menschen zu helfen, weil er ein Mensch ist, ist ohne Ausnahme von Geschlecht, Stand, ethnischer Herkunft („Rasse“) allgemein gültig. Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen bilden zusammen mit Persönlichkeit und Würde des einzelnen Menschen die höchsten Werte.
Freimaurerische Humanität gestaltet sich als
eine Form der Humanisierung des Natürlichen und einer Vernatürlichung des Humanen.[27]
Humanität beschreibt den Menschen sowohl wie er ist, als auch wie er sein sollte. Damit stellt sie eine moralische Kategorie dar. Freimaurerische Humanität ist keine intellektuelle Angelegenheit, sie ist vielmehr Ergebnis der gelebten menschlichen Praxis.
Dem Bewusstsein dessen, was das Humane sei, gehen diejenigen Taten des Menschen voraus, in denen er sein Menschsein am ehesten erkennt[28].
In der humanitären Freimaurerei ist Humanität ein offener Begriff, der sich nicht von einer bestimmten, definierten Auffassung von Humanität herleitet. Der Humanitätsgedanke der FMei ist mit dem
Bekenntnis zum Menschen und nicht mit dem Bekenntnis zu einer bestimmten Religion oder Philosophie[29] verbunden.
Conclusio und persönliches Resümee
Erlösung ist in meinen Augen nicht selbstverständlich, nur weil man getauft ist. Erlösung ohne eigenes Zutun ist für mich nicht möglich bzw. denkbar.
Der Glaube an eine Erlösungsreligion entbindet uns nicht, alles in unserer Macht stehende, das wir zu unserer eigenen Erlösung beitragen können, auch selbst zu tun: „richtiges Leben“, Wohlverhalten, Sittlichkeit, Moral, Ethik …
Jeder Einzelne ist für sein gelingendes Leben eigenverantwortlich. Aber christlich gedacht bedarf es dazu auch der Gnade, da wir uns nicht selbst endgültig befreien, also erlösen können.
„Höchsten Heiles Wunder, Erlösung dem Erlöser“, wie Wagner in der letzten Szene seines „Parsifals“ singen lässt – bedeutet dies nicht, die „Fremderlösung“ dem „Selbsterlöser“?
Jeder Freimaurer darf ja und soll glauben, was er will.
Der Glaube an eine Erlösungsreligion kann aber auch für viele Freimaurer tröstlich sein, ohne dass sie deshalb auf die Selbstveredelung verzichten sollten.
Da ich überzeugt bin, dass Erlösung ohne aktives Zutun des Menschen unmöglich ist, kann gerade die freimaurerische „Selbstveredelung“ dieses aktive Zutun sein.
Daher „werde der, der du sein könntest“ – „veredle dich selbst“!
Das Ziel der FMei, die Selbstveredelung auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung gleicht dem Ziel des Christentums, dem erlösten Menschen. Die Wege zu diesem Ziel sind jedoch verschieden. Setzt das Christentum zumindest die Mitwirkung eines persönlichen Gottes bei der Erlösung voraus, so ist die FMei überzeugt, dass der einzelne Mensch und mit ihm die gesamte Menschheit durch persönliches Tun und Anstrengung, das Ziel, der zu werden, der er sein könnte und damit menschenähnlicher, nicht gottähnlicher, zu werden erreichen kann. Eine Verurteilung der FMei wegen dieser Form der „Selbsterlösung“ durch die katholische Kirche erschiene mir daher gerechtfertigt. Umgekehrt muss sich – aus meiner Sicht – jeder Bruder fragen, ob er tatsächlich die Mitwirkung Gottes braucht, um das Ziel der Selbstveredelung zu erreichen.
Literatur
TRE = Theologische Realenzyklopädie in XXXVI Bänden, hrsg. von Gerhard Müller et al., de Gruyter Verlag Berlin New York, 1977-2004
Von Brück, M.: Erlösung in den Weltreligionen, uniauditorium, Verlag Komplett-Media Berlin, 2008
Walser, A. et al.: Moraltheologie, Skript der theologischen Kurse der Erzdiözese Wien, Dezember 2018
Zeillinger, P.: Fundamentaltheologie, Skript der theologischen Kurse der Erzdiözese Wien, WS 2019/20
[1] Noch am 13.11.2023 bestätigte das Dikasterium für die Glaubenslehre die Declaratio de associationibus massonicis von 1983 von Kardinal Ratzinger, in welchem dieser festhielt,
- dass ein Katholik nicht Freimaurer sein dürfe,
- dass die Mitgliedschaft von Katholiken in einer freimaurerischen Vereinigung eine schwere Sünde bedeute
- dass kirchliche Autoritäten, beispielsweise Bischöfe, keine davon abweichenden Meinungen äußern dürften.
Anlass war eine Anfrage eines philippinischen Bischofs, weil auf den Philippinen die Mitgliedschaft in einer Loge große Bedeutung habe und die Zahl der katholischen Logenmitglieder zunehme. Diese Regel gelte auch für die Angehörigen der philippinischen Brüder.
https://de.wikipedia.org/wiki/Freimaurerei#Katholische_Kirche Zugriff 07.04.2025, 15:50 hrs
https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_ddf_doc_20231113_richiesta-cortes-massoneria_en.pdf Zugriff 10.04.2025, 14:40 hrs
[2] Gray, J. Seven Types of Atheism, Penguin Books 2019
[3] Ritual der Initiation, GLvÖ 2018
[4] Siehe auch im Folgenden von Brück, M. & ausführlich Larsson, E. et al, TRE XIV, 1985, S.616 ff.
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Erbsünde Zugriff 30.03.2025 & ausführlich Beatrice, P.F., TRE XXXII, 2001, S.392 ff.
[6] Walser, A. et al., S. 109 ff.
[7] Jean – Jacques Rousseau war auf der Suche nach dem „edlen Wilden“, denn er war der festen Überzeugung, erst die Kultur hätte den Menschen zu dem grausamen Wesen gemacht, als das er sich darstellt. Er sieht im Mitleid ein sozio – kulturelles Phänomen, das sich in von der Moderne „unverdorbenen“ Gesellschaften manifestiert und auf dessen Wert eine Rückbesinnung lohnenswert wäre. Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrungerübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben; […] Man bewundere die menschliche Gesellschaft, soviel man will, es wird deshalb nicht weniger wahr sein, dass sie die Menschen notwendigerweise dazu bringt, sich in dem Maße zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbaren Übel zuzufügen. Rousseau J. – J., Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Reclam, 1998, S. 115 ff., Anmerkung IX)
[8] Man verlangt (vom Menschengeschlecht), dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet, als möglich, unter ihm herrschen, dass es seinen inneren Wert so hoch steigern, dass der Begriff der Menschheit, wenn man ihn von ihm, als dem einzigen Beispiel, abziehen müsste, einen großen und würdigen Gehalt gewönne. http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt, Zugriff 17.04.2014, 16.50hrs
[9] Freud S. 1930, zitiert nach de Waal F., der Turm der Moral, in de Waal F., wie die Evolution die Moral hervorbrachte, hrsg. und eingeleitet von Marcedo S. und Ober J.; München Hanser 2008
[10] Dawkins R., das egoistische Gen, 1976
[11] Lenning C., große Encyklopädie der Freimaurerei, F. A. Brockhaus, Leipzig 1828
[12] Siehe ausführlich Sitzler-Osing, D. et al., TRE XXXII, 2001, S.332 ff.
[13] von Brück, M.
[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Pascha-Mysterium Zugriff 24.03.2025 & ausführlich Gerlitz, P. et al, TRE XXV, 1995, S.252 ff.
[15] Walser, A. et al., S. 105 f.
[16] Ebd. S. 107
[17] Ebd. S. 109 f.
[18] Walser, A. et al., S. 115
[19] Zeillinger, P., S. 142
[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Sakrament Zugriff 30.03.2025 & ausführlich Wenz, G. et al, TRE XXIX, 1989, S.663 ff.
[21] http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/euch-sol.htm Zugriff 27.03.2025
[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Absolution Zugriff 30.03.2025
[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Gute_Werke Zugriff 27.03.2025 & ausführlich Freiberger, O. et al., TRE XXXV, 2003, S.625 ff.
[24] Siehe ausführlich Peters, Ch., TRE XXXV, 2003, S.636 ff. sowie Reventlow, H.G. et al., TRE XIII, 1984, S. 465 ff.
[25] https://de.wikipedia.org/wiki/Erlösung Zugriff 25.09.2024 & ausführlich zur Mühlen, K., TRE XXI, 1991, S.546 ff. sowie Lanczkowski, G. et al., TRE XIII, 1984, S. 275 ff.
[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiges_Leben Zugriff 27.03.2025 & ausführlich Hübner, J., TRE XX,1990, S.546 ff.
[27] Grün Klaus Jürgen, Humanität, in Freimaurerei, Geheimnisse – Rituale – Symbole, ein Handbuch, heraus-gegeben von Reinalter Helmut, Salier Verlag, Leipzig 2017
[28] ibidem
[29] ibidem