Eine Tempelarbeit ist eine Art dramatischer Inszenierung, ein Spiel mit verteilten Rollen, in dem ein bestimmter Inhalt durch Worte, Gesten, Handlungen und Symbole dargestellt wird. Das Miterleben einer solchen Arbeit ist ein komplexer Vorgang. Was dort geschieht, vollzieht sich teils auf der diskursiven Ebene, teils auf der meditativen Ebene, oder auch auf beiden gleichzeitig, oder zwischen diesen Ebenen – und es bringt auch diese verschiedenen Ebenen in uns zur Resonanz. Je mehr uns das bewusst ist, und auch je mehr wir bereit sind, uns auf dieses Spiel einzulassen, desto intensiver können wir es erleben und umso stärker wird auch die formende, also die erzieherische Wirkung des Rituals.
Wir befinden uns im Tempel auf der diskursiven Ebene, wenn wir den Wechselgesprächen zwischen den hammerführenden Meistern zuhören, welche die rituellen Handlungen begleiten. In ihnen wird das aufklärerische Erziehungskonzept der FMei... ganz besonders deutlich: man muss den Teilnehmern an der Arbeit die erstrebten Tugenden nur oft und deutlich genug vor Augen führen, dann werden sie diese kraft vernünftiger Einsicht auch verinnerlichen. Das Baustück ist ein weiterer Teil der Tempelarbeit, bei dem wir ganz auf der diskursiven Ebene bleiben.
Bei jeder Tempelarbeit breitet das Ritual die ganze Fülle unserer Gedanken, Mythen und Symbole vor unseren Augen und Ohren aus. Es fordert uns auf, uns ihm auf jeweils neue und individuelle Art zu öffnen, sich von ihm ergreifen und führen zu lassen bei der Arbeit an uns selbst. Die Rituale sprechen zu uns, wir müssen nur zuhören. Schließlich bietet uns das Ritual einige große Themenkomplexe zur dauernden Bearbeitung. Es geht um die Auseinandersetzung mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft und um die Polaritäten des Lebens, also die Auseinandersetzung mit dem Hellen und Dunklen, dem Bösen und Guten, dem Glücklichen und dem Unglücklichen, dem Männlichen und Weiblichen um uns und in uns.
In seiner Grundstruktur bewegt sich das Ritual während all dieser Reden und Handlungen gleichzeitig ganz auf der intuitiven oder meditativen Ebene. Es ist dort vergleichbar mit uralten, astronomisch und kosmologisch ausgerichteten kultischen Vorgängen, wie sie die Menschen seit der Steinzeit vollzogen haben. In ihren Heiligtümern, in denen sinnvolle Steinmarkierungen den Bezug zu den ewigen Gesetzmäßigkeiten herstellten, versuchten sie, sich durch Bewegungen, Handlungen und Symbole in den Lauf der kosmischen Ordnung einzufügen. Das ist auch das Grundmuster der Einrichtung unseres Tempels und des Ablaufs unserer eigenen rituellen Arbeit. Indem wir dem Lauf der Sonne folgen, fügen auch wir uns in die ewigen Gesetzmäßigkeiten ein.
Die Lehrgespräche zwischen dem MvSt... und den beiden AA... dienen dazu, diese Welt auszubreiten. Zunächst ist zu klären, wer in diese Welt überhaupt Zutritt hat (äußere und innere Deckung, Prüfung des FM-Status des 1 A...). Die nächsten beiden Schritte erscheinen mir für die Festlegung dieser magischen Welt besonders wichtig, die Orientierung nach den Himmelsrichtungen (die Orientierung ist ein Programm, bei uns Maurern nach dem aufgehenden Sonnenlicht) und die Bestimmung der Zeit (wir arbeiten, wenn die Sonne, das Licht, am höchsten steht).
Nach der Bestimmung von Zeit und Raum steuert das Ritual seinem Höhepunkt zu, dem Entzünden der Lichter. Der MvSt... als Repräsentant des Elements Luft verkörpert die Klarheit des Bewusstseins und die Beherrschung der Gedankenkräfte. Weisheit entsteht, wenn Wissen und Erkenntnis in die Tat umgesetzt werden, Weisheit gründe den Bau. Der 1. A... als Repräsentant des Elements Feuer verkörpert die Beherrschung der Triebstruktur und ihrer Energien, Stärke führe ihn aus. Der 2. A... als Repräsentant des Elements Wasser verkörpert die Meisterung der Gefühlsebene und der Vorstellungskraft. Fühlen ist mit der Hingabe an das Harmonische, das Ästhetische verbunden, Schönheit vollende ihn.
Der MvSt... lädt die Brr... AA... ein, „mit ihm die BH... zu erleuchten. Er bringt das Licht aus dem Osten und wird damit zu einem direkten Nachfolger aller Lichtbringer, wie Tubalcain, Horus, Prometheus, aber auch Loki und Lucifer. Der Höhepunkt des Rituals – unsere Zeichnung, unser geistiger Beitrag zum Bau des Weisheitstempels – bringt Licht und Struktur in Dunkelheit und Chaos. Es entsteht eine neue magische Welt, die sich vom Draußen abgrenzt und am Ende durch das Einholen der Lichter, nach Ablauf ihrer Zeit um Hochmitternacht wieder versinkt.
Das Entzünden der Lichter geschieht unter Anrufung des G...B...A...W... (…in Ehrfurcht vor dem G...B...A...W...) und in manchen Ritualen vor allem in England stehen an dieser Stelle – anders als bei uns – lange Gebete. Auf diese Anrufung – genauso wie auf die geöffnete Bibel – wird in unserer österreichischen Obödienz streng geachtet, denn sie erhält uns die Regularität. Ich meine aber, dass hinter dieser Anrufung mehr steckt. Es geht um so etwas wie den „Maurergott“ – den Geist unserer Arbeit -, der uns Brr... FM... in unserer Arbeit unterstützen soll. So ähnlich haben unsere Urururahnen, die Menschen von Altamira und Lascaux die Geister der Jagd beschworen, wenn sie die Bilder ihrer Beutetiere an die Wand malten.
Am Ende unseres Rituals, also bevor diese magische Gegenwelt versinkt, schließen wir die Kette der brüderlichen Zusammengehörigkeit. Diese Kette ist ein magisches Element im Ritual, denn durch diese Kette und die Konzentration auf ein gemeinsames Ziel (…wie hier durch das Wort, so im Leben durch die Tat…) wird im Inneren des so gebildeten Kreises ein Kraftfeld aufgebaut, wie es von einem Einzelnen nicht erzeugt werden kann. Gedanken sind Kräfte, und energetisch hochgespannte und konzentrierte Gedankenkräfte können wie Sonnenstrahlen wirken, die durch ein Brennglas fallen.