Deismus und Theismus

Die ersten Texte, in denen man den Übergang von der rein operativen zur spekulativen Maurerei nachvollziehen kann findet man in Schottland ab 1634 und in England ab 1646. In ihnen wird vom operativen Maurer nicht nur eine genaue Kenntnis seines Handwerks sondern auch ein vorbildhaftes Leben gefordert, das von einem Prinzip – größer als der Mensch – angeleitet wird. Dieses höhere Prinzip, das die Freimaurer mit dem Symbol des GBAW (Grand Architect of the Universe) bezeichnen, soll die Menschen in universeller Brüderlichkeit und Respekt vor den jeweiligen Unterschieden zusammenschließen, um so eine bessere Welt, den Tempel der allgemeinen Menschenliebe, zu bauen.

1723 formuliert der Dissenterpfarrer James Anderson diese Idee im ersten Kapitel der Constitutions Concerning God and Religion so: ein Maurer ist durch seine innere Haltung verpflichtet, das Moralgesetz zu befolgen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er niemals ein einfältiger Atheist sein, noch ein religiöser Freigeist. Aber obwohl in alten Zeiten die Maurer in jedem Lande verpflichtet waren, von der Religion dieses Landes oder Volkes zu sein, welche auch immer es sein mochte, so hält man es jetzt doch für sinnvoller, sie nur der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, ihre besonderen Meinungen aber ihnen selbst zu überlassen; das heißt, gute und redliche Männer zu sein, Männer von Ehre und Rechtschaffenheit, durch welche Glaubensbekenntnisse oder -anschauungen sie auch unterschieden sein mögen… (zitiert nach „alte Pflichten“ der GLvÖ, Wien 2005).Das fürstliche Regalitätsrecht des Glaubenszwangs wird zurückgewiesen und aufgehoben. Die Gleichbehandlung der Konfessionen, die ausdrücklich Atheisten ausschließt geht wahrscheinlich auf die Toleranzideen von John Locke zurück, der in seinen Letters Concerning Toleration (1689 – 92) schreibt: Letztlich sind diejenigen ganz und gar nicht zu dulden, die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles auslösen.

Auch wenn die Geschichte zeigt, dass dieser Text von der UGLoE theistisch interpretiert wurde, ist er zunächst einmal ausdrücklich deistisch. Er legt dem Br... moralische Verpflichtungen auf und unterscheidet deutlich zwischen Religion und Konfession. Dieses Bekenntnis zum GBAW, vor dem wir in Ehrfurcht oder in dessen Namen wir arbeiten, wird jedoch gern so interpretiert, als ob es des geoffenbarten Gotteswortes bedürfte, wovon der Text ausdrücklich nicht spricht.

Der Deismus ist eine freidenkerische Glaubensströmung (England, Ende 17. Jhd.), welche die Schöpfung des Universums durch Gott anerkennt, aber annimmt, dass Gott keinen weiteren Einfluss auf diese Schöpfung ausübt; Gott als Uhrmacher (horlogeur, Voltaire), der das Uhrwerk (horloge, Voltaire) einmal aufgezogen hat und seither laufen lässt. Im Deismus ist Gott neutral, es besteht keine Verbindung zwischen Gott und der Schöpfung im Allgemeinen und dem Menschen im Besonderen. Da Gott für einen Deisten ein abstraktes, philosophisches Prinzip ist, kann es auch keinen Dialog zwischen Mensch und Gott geben; der Mensch ist eigenständig und unabhängig von seinem Schöpfer. Der Deismus definiert das Prinzip der natürlichen Religion in den Grenzen des Verstandes und der Vernunft. Gedanke, Vernunft und Verstand sind göttlich, im 18. Jahrhundert die Philosophie der Aufklärung.

Der Theismus nimmt dagegen an, dass Gott die von ihm geschaffene Welt auch laufend erhält, regiert und in sie eingreift. Das theistische Sinnargument nimmt zudem an, dass der göttliche Heilsplan gut und gerecht sei. Im Theismus geht um einen persönlichen, geoffenbarten und sich offenbarenden Gott; gleichzeitig besteht eine enge, persönliche Verbindung zwischen Gott und Mensch. Die Aufgabe des Menschen sei es, Gottes Plan auf Erden umzusetzen. Nach Verständnis der UGLoE braucht es den Gottesbezug in der freimaurerischen Ethik, um das rituelle Angebot zur Arbeit an sich selbst und zur Mitarbeit am Bau des Tempels der Humanität zu nutzen. Der Glaube an ein Höchstes Wesen, macht das Streben des Freimaurers nach brotherly love, relief and truth zu einem religiös fundierten Auftragsdienst.

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