Warum es sich zu leben lohnt – Freimaurerei als Lebenskunst

Möge der Maurer, wenn die letzte Stunde, die Stunde der Wahrheit, gekommen ist, auf gute Arbeit und ein erfülltes Leben zurückblicken können.[1] Diese Mahnung gibt der MvSt dem Kandidaten, wenn dieser während der Erhebung in das offene Grab, sein eigenes Grab, blickt. Aufgabe eines Br... M ist es also, auf Grund seiner eigenen Entscheidung ein gutes, gelingendes und letztlich geglücktes Leben zu verwirklichen. Es geht um Lebenskunst, ein Begriff, der von Friedrich Schlegel zum ersten Mal als Lebenskunstlehre verwendet wurde[2]. Lebenskunst ist dabei zentriert um die Fragen der Selbsterkenntnis, Selbstaufklärung, Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung. Unter Lebenskunst ist nicht das leichte, unbekümmerte Leben zu verstehen, nicht das, was uns spontan zu dem Typ Lebenskünstler einfällt, sondern eine bewusste und überlegte Lebensführung. Lebenskunst ist ein anspruchsvolles Programm, weil sie neben einer weitgehenden Hermeneutik[3] seiner selbst, die außer dem Verstehen auch die Auslegungen seiner selbst umfasst, und einer handlungsbezogenen, an spezifischen ethischen Kategorien orientierten Praxis, die mit Arbeit, Einübung und Disziplin verbunden ist, auch mit einem ästhetischen Stil einhergeht, der originellen ästhetisch-künstlerischen Kriterien entsprechen soll.

 

Lebenskunst bedeutet eigene Gesetzlichkeiten auszubilden, die Richtlinien des eigenen Lebensselbst zu finden, ästhetische Selbsterfindung mit spielerisch – ethischer Selbstbeherrschung zu vereinigen, die Idee eines schönen, eines geglückten Lebens verknüpft mit Produktions- und Werkästhetik, aber auch mit Rezeptionsästhetik. Gestaltend gestalten wir uns selbst, wobei sich die Kunst nicht in das Leben und das Leben sich nicht in der Kunst auflösen sollte.

 

Ist Kunst in der Antike und im Mittelalter ein praktisches, auf Herstellung zielendes Wissen, ein regelorientiertes Handwerk, welches das Leben auf das Wahre, Gute und Schöne ausrichten soll, so wird unter Kunst in der Moderne Kreativität, Erneuerung, Expressivität, Schöpfertum verstanden. Individualismus gilt als Kennzeichen der Moderne und moderner Lebensführung. Ein „moderner“ Lebenskünstler ist also jemand, der seinem Leben einen originellen Anstrich verleiht. Und das ist Faszination und Gefahr zugleich! Folge ich dem modernen Konzept von (Lebens)kunst, das keinerlei hermeneutische, praktische oder ästhetische und utilitaristische Vorgaben mehr macht, so endet das Konzept Lebenskunst in einer Beliebigkeitskunst, welches sich auf den Slogan – Tu, was du willst[4] – reduzieren lässt. Orientiert sich das Konzept Lebenskunst an Kriterien und Regeln, so grenzt sie Originalität und Spielräume wieder ein. Lebenskunst wird damit zu einem paradoxen Versuch, zu einem offenen Programm der Vorschriften, das Spielräume der Selbstvorsorge öffnet, doch in der Art und Weise, wie sie diese öffnet, zugleich Gefahr läuft, diese auch wieder zu schließen.

 

Das durch Lebenskunst erworbene Wissen steht unter der Spannung, einerseits radikal individuell zu sein, andererseits aber immer wieder anderen als verbindlich zugemutet zu werden. Nach Kant ist diese Spannung eine ästhetische; denn wenn – so Kant in seiner Kritik der Urteilskraft – jemand etwas für schön ausgibt, so mutet er anderen eben dasselbe Wohlgefallen zu: er urteilt nicht bloß für sich, sondern für jedermann, und er spricht alsdann von der Schönheit, als wäre sie eine Eigenschaft der Dinge[5]. Kunst und Lebenskunst lassen sich dem anderen zumuten, weil man weiß, dass sie individualistisch bleibt.

 

Leben wird damit zu einem permanenten ästhetisch – ethischen Selbstversuch. Ich bin permanent Planungsbüro, Bauplatz, Inszenator und eigenes Publikum[6]. Das Experiment, die Erfahrung, der Umweg, die Abschweifung, das andere Denken und der Fantasie freien Lauf lassen zielen darauf, Lebensversuche zu inszenieren und sich gleichsam durch Lebensereignisse in Versuchung bringen zu lassen. Michel de Montaigne, der nicht nur Essais schreibt, sondern auch seine Essais lebt, ist ein perfektes Beispiel für diese Art zu leben; er beschreibt seine Herangehensweise so: Meine Auffassung und mein Urteil bilden sich nur mühsam; ich taste, ich schwanke, ich stoße mich, ich strauchle fortgesetzt; und wenn ich so weit gekommen bin, wie es mir möglich ist, dann bin ich mit mir keineswegs zufrieden. Ich sehe dahinter noch Land, das es zu entdecken gilt, aber undeutlich und in einem Nebel, den ich nicht durchdringen kann. […] Ich habe hier kein anderes Ziel, als mein Inneres aufzudecken. Vielleicht bin ich morgen schon wieder anders, wenn eine neue Lebenserfahrung auf mich eingewirkt hat. […] Ich sehe nichts, auch nicht in meinen Träumen und in meinen Wünschen, womit ich mich dauernd zufrieden geben könnte. Nur der Wechsel ist lohnend und die Möglichkeit, mich so oder so zu entscheiden. […] …, wie schön ist die Abwechslung durch diese munteren Seitensprünge […][7]. Es ist Michel de Montaigne existentiell ernst damit, Essais, also Versuche, keineswegs nur in der Schrift, sondern im Leben anzustellen, Experimente zu machen und auf diese Weise Erfahrungen zu sammeln. Er will die Möglichkeiten des Lebens selbst erfahren und erproben.

 

Es gibt keine allgemein verbindlichen Regeln und Strukturen der Lebenskunst, die inhaltlich substantiell sind. Was es gibt, sind die Erfahrungen anderer Lebenskünstler und die eigene Erfahrung von Alternativen. Damit gibt Lebenskunst keine einfachen Antworten, sondern eine Vielzahl an manchmal komplexen Perspektiven und Angeboten. Für solche experimentelle Perspektiven und Angebote ist in einer funktionell ausdifferenzierten Gesellschaft der Gegenwart die Kunst zuständig. Kunst kann Entwürfe von neuen Lebensmodellen entwickeln und erproben und damit Antworten auf die Fragen des Lebens finden. In einer Welt, in der die Diskontinuität der Phänomene die Möglichkeit für ein einheitliches Weltbild in Frage gestellt hat, zeigt sie [die Kunst] uns einen Weg, wie wir diese Welt, in der wir leben, sehen und damit anerkennen und damit unsere Sensibilität integrieren können[8], meint Umberto Eco. Mit einer Art Montagetechnik ist Lebenskunst der Versuch, die Widersprüchlichkeiten des Lebens, Subjektivität, biografische Erfahrungen, soziale Rollen und individuelle Perspektiven zu einer Lebenscollage zu montieren, die ein Maximum an Schönheit und Glück verspricht. Der Zugang der (Lebens)kunst erlaubt eine größere Wahrnehmungs-, Wahl-, Entscheidungsstrategie gegenüber den sich schnell wandelnden sozialen und kulturellen Umständen. Somit wird das Ziel der Lebenskunst ein schönes und günstiges Leben[9], welches derjenige zu führen vermag, der in seinem Leben Entscheidungen getroffen bzw. Weichen gestellt hat, die sich für seine Selbstentfaltung als günstig erweisen.

 

Wie jede Kunst bedarf auch die Lebenskunst eines Materials, dem in irgendeiner Weise Form zu verleihen ist. Das Material des Lebenskünstlers ist sein eigenes Leben – nicht so sehr das Leben im biologischen Sinne -, sondern das Leben, so wie er es lebt, vollzogen durch Akte des Lebens, die von einer relativ willkürlichen Anhäufung struktureller und kontingenter Faktoren bedingt sind – äußerlichen, von außen herrührenden und innerlichen, im Subjekt selbst verankerten Faktoren. So wie Holz das Material des Zimmermanns ist, Bronze das des Bildhauers, so ist das Material der Lebenskunst das Leben jeden einzelnen, sagt der Stoiker Epiktet. Da findet sich Existentielles, das die Grundlagen und Grundfragen der Existenz berührt, also das, was Leben überhaupt ermöglicht oder verunmöglicht und daher tiefer greift als anderes, und Akzidentelles, das nicht den Kern der Existenz betrifft, sondern in seiner Zufälligkeit beiläufig ist. Bunt zusammengewürfelt aus all dem ist die große Fülle des Materials des Lebens, bestehend aus Affekten, Erfahrungen, Beziehungen, Begegnungen mit Anderen, Träumen, Gedanken, Ängsten, Schmerzen, Wünschen, Lüsten, Zufällen, Zwängen usw. – eine amorphe Masse, die, wenn sie sich nicht im Disparaten, Diffusen, unentwegt in Transformation befindlichen verlieren soll, der Formung und Gestaltung bedarf. Das ist Lebenskunst, eine fortwährende Arbeit der bewussten Gestaltung des Lebens und des Selbst, um daraus ein Kunstwerk zu machen[10].

 

(Lebens)kunst ist die Arbeit der Gestaltung, die der Künstler im Grunde auf sich selbst richtet. Sein Leben soll aufgrund seiner bewussten Wahl Form bekommen, bezogen auf das Selbst (Selbstgestaltung) und auf das reflektierte Leben des Selbst mit sich und in der Vernetzung mit anderen, das Leben in Gesellschaft, in sozialen und ökologischen Zusammenhängen (Lebensgestaltung).

 

Damit rückt die Frage nach der Wahl, die der Mensch hat, um sich ein solches Leben zu ermöglichen, in den Mittelpunkt der Lebenskunst[11]. Individuelles Lebensglück, die Erfahrung des eigenen Sinns und Wohlbefindens sind nur durch das Erkennen der realen Möglichkeiten und durch kluge Wahl möglich. Was jemand aus seinem Leben macht, ist eine Frage der Selbstaneignung des eigenen Lebens. Schönes und glückliches Leben lässt sich als Balance zwischen dem eigenen Wollen und den fremden Anforderungen und Einschränkungen bestimmen. Voraussetzungen dafür sind dabei neben der Selbstbefreiung von unnötigen Abhängigkeiten auch selbstgewählte Beziehungen wie Freundschaft – auch zu sich selbst – und Liebe. Diese helfen dem Menschen, die richtige Wahl zu treffen. Auch wenn die Wahlmöglichkeiten durch strukturelle und herkunftsbezogene Bedingungen oft beschränkt sind, so lässt sich doch die Erfahrung machen, dass es in Lebensführung und Lebensgestaltung vor allem auf Sensibilität, Gespür und Klugheit ankommt. Im praktischen Lebensvollzug scheint es doch so etwas wie eine kluge Wahl zu geben, die ein schönes Leben und Sterben möglich macht.

 

Die Endlichkeit des Lebens ist das maßgebliche Argument dafür, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen, sondern aktiv die eigene Wahl zu treffen. Der Tod ist die unausweichliche Möglichkeit des Lebens. Darum macht es Sinn, alle Energie auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu legen. Der Tod gibt, dem Leben seinen Eigenwert, denn wenn es diese Grenze des Lebens (den Tod) nicht gebe und das Leben unendlich dauerte, könnte es als gleichgültig erscheinen. Diese Grenze ist eine Herausforderung; sie fordert dazu auf, zu leben und auf erfüllte Weise zu leben. Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn wohl erfinden, um nicht ein unsterblich langweiliges Leben zu führen, das darin bestünde, das Leben endlos aufzuschieben[12], meint der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid.

 

Diese Grenze gibt dem Leben, unabhängig von den Formen, in denen es gelebt wird, die existentielle Form. Nur der Tod als Grenze macht dieses Leben zum eigenen Leben eines Selbst. Es ist diese Grenze des Todes, der die Freude am Leben zu verdanken ist. Lebenskunst besteht darin, im Bewusstsein dieser Grenze leben zu lernen. Michel de Montaigne definiert den Tod nicht als Ziel (but), sondern als das Ende (bout), seinen Abschluss, seinen absoluten Endpunkt, nicht seinen Zweck[13]. Lebenskunst lehrt, den Tod als Teil des Lebens gelassen an- und hinzunehmen. Montaigne fasst das in folgenden, ausgesprochen humorvollen Sätzen zusammen: Ich will also durchaus, dass man werke und wirke und die Aufgaben des Lebens so lange wahrnehme, wie man kann. Ich will, dass der Tod mich beim Kohlpflanzen antreffe – aber derart, dass ich mich weder über ihn noch gar über meinen unfertigen Garten gräme[14]. Die Unausweichlichkeit des Todes ist Teil unserer Lebensrealität, und die wahren Lebenskünstler haben gelernt, das Leben so zu lieben wie es ist. Warum sollte es sie schrecken, dass es sterblich ist? Es gilt, aus der so scheinbar beschränkten Lebenszeit das Beste herauszuholen, ohne dadurch erst recht zum Getriebenen zu werden. In diesem Sinn ist es Lebenskunst, aus Zeit Leben zu machen, was der Stoiker Seneca in seinem Werk de brevitate vitae so formuliert hat: Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben. Der übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit[15].

 

Geliebte Brr...! Damit bin ich bei der Frage, was hat das alles mit der FM-ei zu tun? Manches von dem, was ich bis jetzt angeführt habe, klingt bereits durchaus maurerisch. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter und behaupte, gestützt auf mein persönliches Erleben, FM-ei ist Lebenskunst, die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht[16]. FM-ei ist und war nie ein blutleeres Gedankenkonstrukt, sondern hat und hatte immer mit praktischer Umsetzung im konkreten Leben des einzelnen Bruders zu tun. Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung sind die Schritte, die der Br... tun muss, um zum passenden Stein für die Mauer des Weisheitstempels zu werden; gleichzeitig sind das auch die Schritte, die das eigene Leben künstlerisch gestalten. Die Kenntnis des gegebenen Selbst [Selbsterkenntnis] ist die Voraussetzung für die Selbstgestaltung [Selbstveredelung], die Arbeit am Selbst, die ihm einen inneren Kern gibt, eine innere Festigkeit, „eine Integrität“[17].

 

Im Grunde bedeutet Lebenskunst, sein eigenes, endliches Leben bewusst zu leben und daran zu arbeiten, sein Leben als ein geglücktes zu erleben. Ähnlich wie bei der Arbeit am rauen Stein, wird damit der Künstler, der Br... FM als aktiv handelndes Subjekt zum Objekt seines Zieles.

 

Eine besondere Rolle spielen dabei für den Br... FM die Prinzipien von Weisheit, Stärke und Schönheit. Als Gestaltungsprinzipien sind sie für den Einzelnen genauso wie für die Bruderschaft unverzichtbar. Jedoch fallen uns Weisheit, Stärke und Schönheit durch unsere Aufnahme in den Bund nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

 

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Besonnenheit und Demut. Stärke bedeutet Tatkraft, das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht gehandelt wird, dann läuft der Sinn ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke; es gibt nichts Gutes, außer man tut es, sagt Erich Kästner. Schönheit bleibt das Ziel, das Weisheit und Stärke erreichen sollen. Schönheit ist das Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes. Ästhetische Aspekte wie die Musik im Tempel oder die gemeinsame Weiße Tafel reichen hinaus ins tägliche Leben und gestalten so die Lebenskunst als Lebenskultur. Durch diese gelungene Verschränkung von maurerische Welt und profaner Welt zeichnet sich FM-ei aus.

 

Die FM-ei ist eine Methode der Selbsterkenntnis und Selbstveredelung im Kreis gleichgesinnter Brr...; sie kennt kein verbindliches Lehrgebäude. Damit gibt sie dem einzelnen Br... Raum, schöpferisch seinen persönlichen Weg zur Lebenskunst zu suchen und zu finden. Die überschaubare Gruppe gleichgesinnter Brr..., ist ein idealer Ort, Lebenskunst zu lernen und Woche für Woche aufs Neue zu üben. Die regelmäßige Wiederholung und die Dauerhaftigkeit des immer gleichen Vollzugs dienen dazu, etwas zur Gewohnheit werden zu lassen, damit es sich von selbst versteht und ohne Mühe, ohne weiteres Nachdenken abläuft. Als Br... FM gehe ich davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten des einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Die Loge mit ihrer sozialen, diskursethischen und rituellen Praxis ist der ideale Ort, Lebenskunst zu lernen und zu üben.

 

Die FM-ei wird durchaus konkret, wenn es zum Beispiel darum geht, wie das Balancieren zwischen Regeln und Kreativität funktionieren soll. In den Alten Pflichten heißt es über die Zeit nach Schluss der Loge: Ihr mögt euch in unschuldigem Frohsinn vergnügen, einander aufs Beste bewirten, doch meidet jede Ausschweifung oder zwingt keinen Bruder, über das eigene Maß zu essen oder zu trinken, noch hindert ihn am Weggehen, wenn ihn seine Angelegenheiten rufen[18].

 

Unser Br... Adolph Freiherr von Knigge schreibt in seinem berühmten aber vielfach verkannten Buch über den Umgang mit Menschen (1788) ein Kapitel mit dem Titel über den Umgang mit sich selber. Knigge geht es darin um die Organisation der inneren Gesellschaft, die jeder Einzelne ist. Er stellt die Kultivierung des eigenen Ichs ins Zentrum und definiert dafür Pflichten gegen uns [sich] selbst. Das Ziel – nach Knigge – wäre Selbstfreundschaft, um ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit sich selbst umzugehen wie mit anderen. Die Beziehung zu sich selbst ist für Br... Knigge die Grundlage für die Beziehung zu anderen.

 

Insbesondere unsere Symbole geben Anleitung, wie Lebenskunst gelingen könnte; der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Maßstab als Anleitung für sinnvolle Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

 

Ähnlich verdeutlichen die drei Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem eigenen Leben umzugehen; Nicht in dem Sinn, dass irgendeiner von uns die Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der schrittweisen inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung; werde der, der du sein könntest. Nicht zuletzt konfrontiert uns die Erhebung zum Meister mit unserer eigenen Endlichkeit und schärft damit den Ansatz, der Zeit mehr Leben zu geben, nachdrücklich ein.

 

Ich stelle den selbstbewussten Anspruch, mich auf den eigenen Willen und die Anstrengung der – freilich als begrenzt erkannten – Vernunft zu stützen, um mein Leben aktiv und bewusst zu gestalten. Ich sehe mich als ein Mensch, der sich selbst vorfindet als einer, der begriffen hat, dass er auf dieser Erde ein durch niemanden gesichertes und ganz und gar auf sich selbst gestelltes Wesen ist; zugleich ein Wesen mit vielen offenen Möglichkeiten. Der weiß, dass wir nichts sind, dass wir aber alles sein wollen: nicht im Sinne eines Gottes, sondern voll und ganz im Sinne des Menschen[19]. Zu sein, was ich bin und zu werden, was ich werden kann, das ist das Ziel meines Lebens.[20]

 

Es ist meine feste Überzeugung, dass ich in der besten Welt lebe, die wir haben, denn eine andere ist uns wahrscheinlich nicht gegeben. Voltaire sagt es so, das irdische Paradies ist dort, wo ich bin[21]. Damit ist ein ethisches Programm formuliert, denn wer davon ausgeht, dass diese konkrete Welt, dieses sein konkretes Leben, die einzige ist, die er hat oder in der er leben kann, wird mit dieser Welt und seinem Leben sorgsamer umgehen, als jemand, der – immer noch – auf eine bessere Welt, ein besseres Leben hoffen kann. Die beste Welt, die wir haben, bedeutet ausdrücklich nicht, dass in dieser Welt alles in Ordnung ist, frei nach der besten aller möglichen Welten, wie sie Leibniz postulierte, sondern ist im Gegenteil in nachdrücklicher Aufruf dazu, diese eine Welt wirklich zur besten zu machen und dieses mein Leben als Herausforderung zu sehen und als gutes, erfülltes Leben zu leben. Gutes Leben, wenn es überhaupt gelingt, ein gutes Leben zu leben, muss sich hier und jetzt abspielen.

 

Dieser Satz von der besten Welt, die wir haben, ist eine Aufforderung an mich selbst, mein Leben zu einem gelungenem zu machen, denn nach dieser These gibt es weder eine Seelenwanderung, in deren Rahmen ich mich immer wieder aufs Neue meinem Ziel annähern kann, noch ein besseres Jenseits, wo ich für die Enttäuschungen des hier und jetzt entschädigt werde. Dieser Satz impliziert gleichzeitig auch, dass diese Welt, wie ich sie erlebe, an sich großartig ist. Furcht oder Abscheu angesichts der Schlechtigkeit der Welt, das Gefühl in einem Jammertal zu leben und auf eine wahrere, idealere, gereinigte Welt zu hoffen, sind Kennzeichen einer weltabgewandten, einer metaphysischen, einer religiösen Einstellung. Eine solche Welt bedarf der Erlösung durch das Eingreifen eines Gottes. Für den Erfolg des Einzelnen bleibt in diesem System kein Platz, er kann maximal im Nirwana, im absoluten Nichts aufgehen. Wenn mir also in der besten Welt, die ich habe, eine Furcht bleibt, so ist es die Furcht davor, ein schlechtes Leben zu leben.

 

Ich glaube an Dinge, Ereignisse, Ziele, für die es begründete Indizien, Beweise oder Hintergründe gibt. Ich glaube an die Irrtumsfähigkeit und hoffe gleichzeitig auf meine Einsichtsbereitschaft. Ich liebe die verständnisvolle Gemeinschaft und die lustvolle, intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Menschen (insbesondere mit meinen Brr...). Ich bin glücklich in der liebevollen Beziehung zu meiner Lebensgefährtin. Ich bin stolz auf meine beiden erwachsenen Söhne. Ich freue mich, meine (Beute)kinder bei ihrer Ausbildung zu begleiten und zu unterstützen. Ich genieße es, ein geliebter, geachteter und respektierter Mensch zu sein[22].

 

Gleichzeitig bin ich dankbar und demütig dafür, wie schön und gut mein Leben verläuft, denn die äußeren Umstände meines Lebens sind so gut, wie sie noch in der Menschheitsgeschichte waren.[23] Am Anfang des 21. Jahrhunderts in Europa, in einem freien Land in Wohlstand zu leben, ist ein Privileg, denn dadurch ich kann meine gesamte Energie darauf richten, Meister meines Lebens zu sein und mein Leben als Kunstwerk zu gestalten.

 

So verstehe ich mich als jemand, der sein Handeln selbst verantworten muss, der sich nicht von Gott gehalten und nicht vom Bösen getrieben weiß, der sich deshalb gezwungen sieht, die Einübung in die Kunst des rechten Lebens, des rechten Liebens und des rechten Sterbens[24] aus sich heraus und um seiner selbst willen zu wagen. Als denkender Mensch verstehe ich mich vielmehr als einer, der seiner Verantwortlichkeit für sich selbst, sein Leben und seine Handlungen nicht entrinnen kann.

 

 

 

Literatur

Gödde G. & Zirfas J.; biografische Erfahrung, theoretische Erkenntnis und künstlerische Gestaltung. Eine Einführung in die Konzeption der Lebenskunst

http://www.jp.philo.at/texte/GoeddeG3.pdf Zugriff 27.09.2018, 17.00 hrs

Höhmann H.-H.: Freimaurerei als Lebenskunst

https://www.afuamvd.de/?s=h%C3%B6hmann+freimaurerei+als+lebenskunst Zugriff 29.09.2018, 14.45 hrs

Schmied W.; die Wiederentdeckung der Lebenskunst

http://www.iwp.jku.at/born/mpwfst/06/0605Schmid_Lebenskunst.pdf Zugriff 27.09.2018, 16.50 hrs

[1] Rituale der GLvÖ, Ritual der Erhebung

[2] https://www.textlog.de/schlagworte-lebenskunst.html, Zugriff 29.09.2018, 09.30 hrs

[3] vgl.: http://lexikon.stangl.eu/237/hermeneutik/, Zugriff 29.09.2018, 09.45 hrs

[4] Savater F., Tu was du willst. Ethik für Erwachsene von morgen. 3. Auflage 1995, Frankfurt/Main, New York, Campus

[5] Kant I., Kritik der Urteilskraft; Werkausgabe Band X, Frankfurt/Main, Suhrkamp 1981

[6] Vgl.: Schmid W.; Philosophie der Lebenskunst: eine Grundlegung; Frankfurt/Main, Suhrkamp 1998

[7] de Montaigne, M.; die Essais, Reclam 1989

[8] Eco U., das offene Kunstwerk; 9. Auflage; 2002 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[9] vgl.: Schmid W.; Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst; 2000 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[10] Vgl.: Schmid W.; das Leben als Kunstwerk – Versuch über Kunst und Lebenskunst und ihre Geschichte von der antiken Philosophie bis zur Performance Art; in Kunstforum International, Band 142 (1998), Lebenskunstwerke

[11] vgl.: Schmid W.; Philosophie der Lebenskunst, eine Grundlegung; 1998 Frankfurt/Main, Suhrkamp

[12] Schmied W.; die Wiederentdeckung der Lebenskunst http://www.iwp.jku.at/born/mpwfst/06/0605Schmid_Lebenskunst.pdf Zugriff 27.09.2018, 16.50 hrs

[13] Comte-Sponville A.; Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg, 2012 Zürich, Diogenes

[14] de Montaigne, M.; die Essais, Reclam 1989

[15] Seneca L. A.; de brevitate vitae

https://www.aphorismen.de/zitat/62581, Zugriff 29.09.2018, 14.55 hrs

[16] Höhmann H.-H.; der Freimaurerdiskurs der Gegenwart: Was ist, was soll, was will die Freimaurerei?
http://www.netzwerk-freimaurerforschung.de/blog/wordpress/wp-content/uploads/2014/03/freimaurerdiskurs-hoehmann.pdf, Zugriff 30.09.2018, 16.30 hrs

[17] Schmid W.; Mit sich selbst befreundet sein, von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, in Aufklärung und Kritik, Sonderheft 14/2008

[18] Die Alten Pflichten, zitiert nach Konstitution der GLvÖ

[19] Gardavsky, V.; Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

[20] De Spinoza B.; Ethik

Sein, was wir sind und werden, was wir werden können, das ist das Ziel unseres Lebens.

[21] Voltaire, Le paradis terrestre est où je suis, Le Mondain 1736

 

[22] vgl. Comte-Sponville A.; woran glaubt ein Atheist, Spiritualität ohne Gott; Diogenes Taschenbuch 2008

[23] Obama B., 2016; Müssten wir einen Moment in der Geschichte wählen, um geboren zu werden, und wir wüssten vorher nicht, wer wir sein würden – … – wenn wir blind wählen müssten, zu welchem Zeitpunkt wir geboren werden wollen, dann wäre es der jetzige.

[24] Gardavsky, V.; Gott ist nicht ganz tot. Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus, München 1968

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